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Der Russe ist einer, der Zäune liebt

Wohnhäuser, Datschen, Gräber, alles wird in Russland eingezäunt, gerne auch blickdicht. Wladimir Rubinski recherchierte für Kommersant über den russischen Wunsch nach Abgrenzung, der, ausgerechnet, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seinen Lauf nahm.

Quelle Kommersant

Der flächendeckende Zaunbau in Russland kam mit dem Privateigentum. „Als nach der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. massenhaft DatschenDie Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen. in der Moskauer Vorstadt gebaut wurden, wurden sie sogleich hoch umzäunt“, erinnert sich der Kulturwissenschaftler und Historiker für Architektur Vladimir PapernyVladimir Paperny (geb. 1944) ist russischer Kulturwissenschaftler, Architekturhistoriker und -kritiker. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört sowjetische Architektur, insbesondere der Stalin-Zeit. Paperny lebt seit 1981 in den USA. . „Nicht selten tauchten die Zäune sogar noch vor dem Ziegelsteinpalast auf.“

In der Sowjetunion habe der Staat das Monopol gehabt, Absperrungen und Grenzen zu errichten. Doch Anfang der 1990erDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. sei dieses Monopol zerschlagen worden. „Weil es plötzlich Privateigentum gab, ging die Idee der Abgrenzung von der zentralisierten staatlichen auf kleinere Institutionen und Privatleute über“, so Paperny. „Die Zentralmacht, die die Zäune baut, zerfällt in kleinere Machteinheiten, die nun ihrerseits  Zäune bauen.“

Schutz vor ungebetenen Gästen

Zu dem Thema äußert sich auch Pjotr Saposhnikow, Generaldirektor der Firma Stroisabor, einem der Marktführer der Branche in Moskau und Umgebung. „Die Leute fingen damals – das war Anfang der 1990er – damit an, Privathäuser zu bauen“, erinnert sich Saposhnikow. „Zu der Zeit gab es viele kriminelle MachenschaftenDas Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert., die Menschen wollten sich vor ungebetenen Gästen schützen. Seitdem hat es nicht mehr aufgehört. Dem einen geht es um Schutz, dem anderen darum, etwas zu verbergen. Die Leute haben Angst, etwas zu zeigen.“

Vom Wunsch nach Abgrenzung zeugen auch die Zugangssysteme in Mehrfamilienhäusern. „Um in seine Wohnung zu gelangen, muss man im Schnitt fünf armierte Türen passieren: drei im Treppenhaus, die vierte im Vorraum auf dem eigenen Stockwerk und die fünfte – die eigentliche Wohnungstür. Dabei haben wir keine besonders hohe Kriminalitätsrate, wir sind nicht in Johannesburg oder Kolumbien“, bemerkt Sergej MedwedewSergej Medwedew (geb. 1966) ist ein russischer Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Professor an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört vor allem die russische Zeitgeschichte. Medwedew schreibt regelmäßig Artikel für unabhängige Medien, in den liberal-demokratischen Kreisen gilt seine Stimme als sehr gewichtig., Politologe und Historiker der Moskauer Higher School of EconomicsDie Higher School of Economics zählt zu den wichtigsten russischen Hochschulen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Reformuniversität wurde Anfang der 1990er gegründet, um Wirtschaftsexperten für den Aufbau der Marktwirtschaft auszubilden. Heute zählt die Hochschule zu den führenden Forschungsuniversitäten in Russland und nimmt auch politisch eine wichtige Rolle ein..

 „Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich gesehen, dass Zäune die Grabmale überragen.“ / Foto © Wassili Schaposchnikow/Kommersant

Das große Bedürfnis nach Absperrung lässt sich laut Vladimir Paperny damit erklären, dass über 70 Prozent der Moskauer in KommunalkasEine Kommunalka ist eine Wohnung, die gleichzeitig von mehreren Familien bewohnt wird. Die Wohnform nahm ihren Anfang nach der Revolution von 1917, als große Wohneinheiten wohlhabender Familien auf mehrere Familien aufgeteilt wurden. Anfänglich als Not- und Übergangslösung gedacht, etablierte sich die Kommunalka bald als permanenter lebensweltlicher Ausnahmezustand und soziale Instanz. Seit der Perestroika ist es das große Ziel eines Jeden, diese Wohnform gegen eine Einzelwohnung einzutauschen. gelebt hätten; die eigene Wohnung stelle daher einen Umbruch in den sozialen Beziehungen dar. 

Ein anderer symbolträchtiger Raum für Zäune ist der Friedhof. „Zäune sind das Hauptmerkmal russischer Friedhöfe. Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich gesehen, dass Zäune die Grabmale überragen. Die Zäune sind wichtiger als die Kreuze“, sagt Sergej Medwedew.

Auf dem Friedhof sind die Zäune wichtiger als die Kreuze

Im 20. Jahrhundert habe in der Sowjetunion in kürzester Zeit eine Massenumsiedlung vom Land in die Stadt stattgefunden: Anfang des Jahrhunderts hätten 15 Prozent in Städten gelebt, Ende des Jahrhunderts seien es bereits 70 Prozent gewesen. So stelle der Friedhof einen Ort dar, wo der Mensch endlich bekommt, was ihm sein Leben lang fehlte: Privatsphäre und eigene Grenzen.

Einen Zaun-Bauboom gab es dann Anfang der 2000er Jahre. Bis 2014 wuchs der Markt in der Region Moskau laut Pjotr Saposhnikow exponentiell. Großzügig aufgerundet, wurden pro Jahr allein in der Region Moskau von zehn bis fünfzehn großen Privatunternehmen etwa 3000 Kilometer verschiedenster Zäune errichtet. Würden alle Unternehmen, nicht nur die großen, zehn Jahre lang so produzieren, könnte man den Äquator verzäunen, wie es im Fachjargon heißt. Und wir sprechen hier nur von Privatunternehmen, nur von der Region Moskau, und fast nur von Datscha-Grundstücken.

„Wie viele Zäune es in ganz Russland gibt, weiß keiner, aber man kann anhand von Datschengrundstücken über ihre Länge spekulieren“, erklärt Andrej Treiwisch vom Institut für Geografie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Nach Einschätzung der russischen Gärtnervereinigung gibt es in Russland etwa 16 Millionen Datschengrundstücke. Beziehe man noch die altsowjetischen Datschen und die „Fertigbau-Vorstadtpaläste“ mit ein, komme man auf etwa 20 Millionen. 

Selbst wenn man von den Angaben des RosstatDer Föderale Dienst für staatliche Statistik (kurz: Rosstat) ist aus dem sowjetischen Goskomstat (kurz für Gosudarstwenny komitet po statistike, dt. „Staatliches Komitee für Statistik“) hervorgegangen und für die Durchführung von statistischen Erhebungen zuständig, unter anderem zu Parametern der ökonomischen, sozialen und demografischen Lage im Land. ausgehe, der 79.000 private Gärtner-, Gemüseanbau- und Datschenvereinigungen verzeichnet, erreichten die Zäune eine Länge von 790.000  Kilometer (sie könnten die Erde fast 20-mal umrunden).

Der Zaun symbolisiert die Macht des Eigentümers

Auf der Moskauer RubljowkaRubljowka ist eine gängige informelle Bezeichnung für eine Gegend rund um die Fernstraße Rubljowo-Uspenskoje Schosse (A106), westlich von Moskau. Schon zu Zeiten der Sowjetunion galt die Gegend als sehr prestigereich, hier befanden sich viele Datschen hoher Parteifunktionäre. Heute ist Rubljowka ein Landstrich mit den höchsten Grundstückspreisen Russlands. Die Besitzverhältnisse sind oft unklar, man geht jedoch davon aus, dass dort viele hohe Politiker und Geschäftsleute leben. , der hermetischen Wohnwelt für Geschäftsleute und Staatsbeamte, sind die Zäune blickdicht und sechs bis acht Meter hoch. Ähnlich hohe Sichtschutzzäune gibt es sonst nur um Klöster und Gefängnisse herum. „Der Zaun ist ein Segregationsmerkmal im städtischen Raum. Er symbolisiert die Macht des Eigentümers“, bemerkt Alexej KrascheninnikowAlexej Krascheninnikow ist ein russischer Architekt und Architekturtheoretiker. Seit 2010 ist er Professor für Urbanistik an der renommierten Moskauer Higher School of Economics. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Stadtplanung, Urbanistik und grüne Architektur..

Für einen amerikanischen Farmer sei ein Zaun in erster Linie eine Markierung, um Streitereien über die Grenzen seines Eigentums zu vermeiden. So etwas sei nur bei entwickelten Institutionen von Recht und Eigentum möglich, und schließe die Hoffnung auf ein faires Gericht mit ein. 

In Russland liegen die Dinge anders. „In einer Gesellschaft, wo jeder Mensch in der Angst lebte, der Staat oder ein anderer Mensch könne jeden Moment in seinen Bereich eindringen, ist der Zaun ein Symbol des Strebens nach Ruhe und privatem Raum“, schreibt Maxim TrudoljubowMaxim Trudoljubow (geb. 1970) ist ein russischer Journalist und ehemaliger Redakteur der Tageszeitung Vedomosti. Er ist Mitglied der US-amerikanischen Forschungseinrichtung Kennan Institute, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Religion, Architektur und politische Prozesse im gegenwärtigen Russland. Trudoljubow veröffentlicht regelmäßig Artikel in unabhängigen Medien. in seinem Buch Ljudi sa Saborom (dt. Menschen hinterm Zaun: Privatraum, Macht und Eigentum in Russland). Ihm zufolge gibt es mindestens drei Gründe für die Beständigkeit von Zäunen in Russland: „Erstens waren und sind sie Denkmäler für den nie vollends verwirklichten Traum von Privatheit. Zweitens dienen sie als Pseudolösung für die Probleme mit dem Eigentum – unzulängliche Legitimität und geringer Schutz. Drittens sind Zäune ein konkreter Ausdruck von gegenseitigem Misstrauen der Menschen. Zäune erfüllen überall auf der Welt denselben Zweck, aber bei uns hat sich die Notwendigkeit von Zäunen länger gehalten und ist offenbar stärker ausgeprägt als in anderen Gesellschaften.“

 „Dem einen geht es um Schutz, dem anderen darum, etwas zu verbergen.“ / Foto © Dimitri Skljarenko/Wikimedia

„Zu Sowjetzeiten hat in der Stadt eine andere Kultur dominiert, die mit dem kommunalen Leben und Treiben zusammenhing“, erklärt Alexej KrascheninnikowAlexej Krascheninnikow ist ein russischer Architekt und Architekturtheoretiker. Seit 2010 ist er Professor für Urbanistik an der renommierten Moskauer Higher School of Economics. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Stadtplanung, Urbanistik und grüne Architektur.. Das sei vergleichbar gewesen mit der europäischen Tradition vom Leben in einer local community. Nähmen informelle städtische Gemeinschaften eine zentrale Rolle ein, begünstige dies kooperatives Verhalten unter den Menschen. Allerdings habe es in der Sowjetunion einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gegeben: „In der westlichen Tradition waren die Bewohner auch Eigentümer. Sie waren in den Regierungsorganen vertreten und hatten ein Stimmrecht. Sie waren Bürger.“ Die Basis des Ganzen sei Selbstorganisation gewesen – in der Sowjetunion sei diese dagegen dagegen unterdrückt und de facto erstickt worden. 

Der Zaun verdeckt die unansehnliche Wirklichkeit

Der russische Zaun hat noch eine weitere Funktion: Er verdeckt die unansehnliche Wirklichkeit. 

2011 hat die Regierung von Uljanowsk im Zuge der Vorbereitungen auf den Besuch des damaligen Präsidenten Dimitri MedwedewDimitri Medwedew ist seit 2012 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Er gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein. einen Gartenverein mit einem zwei Meter hohen Sichtschutzzaun abgeschirmt. Allerdings vergaß man, eine Tür einzubauen. Den Eigentümern schlug man vor, sich zu gedulden, bis der Präsident wieder abgereist sei. Im selben Jahr empfing man Medwedew auch in Lytkarino mit einem Zaun. Dort hatte man ein dreistöckiges Haus, das einer Baracke ähnelte, auf diese Weise „dekoriert“. Auf solche Zäune sind auch Wladimir Putin und Sergej SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding, im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. bei ihren Reisen gestoßen.

Ein aktuelleres Beispiel: Die Regierung von Samara beabsichtigt zur Fußballweltmeisterschaft dekorative Zäune von zwei bis zweieinhalb Meter Höhe entlang der Gästeroute zu errichten. Ausländer, die zur WM kommen, werden also mit allen Ehren empfangen – wie die führenden Politiker des Landes.

„Den meisten ist es recht so“, erklärt Sergej Medwedew. „Viele sehen die Dinge, wollen aber nichts anrühren, weil sich diese soziale Ordnung etabliert hat. Diese Ordnung infrage zu stellen, hieße das gesamte politische System infrage zu stellen.“

Der Historiker betont, dass jede Kultur, insbesondere aber die sowjetische und auch die russische, auf eine Begrenzung der Bewegung im Raum ausgerichtet sei. Die Entscheidung, was und wie zu begrenzen sei, werde im Endeffekt von einzelnen Personen getroffen, denen dieses Recht von der Regierung übertragen wurde. „Gerade verwirklichen sich alte, langfristige Modelle der russischen Geschichte, die leicht eingefroren waren“, erklärt Sergej Medwedew. „Das alles rührt von einem Halbkriegsstaat her, der auf sein Überleben bedacht ist. Gerade werden archaische Schichten der russischen Psyche wiederbelebt, und mit diesem russischen Archaismus drängt auch die Sache mit den Zäunen an die Oberfläche.“

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Arbeitsmigration in Russland

Spätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der Gastarbajtery jedoch erschwert.

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Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

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Datscha

„Ganz Petersburg stand eines Morgens auf und fuhr auf die Datscha“, so die Klage des in der Hauptstadt zurückgebliebenen Helden aus DostojewskisFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans. Erzählung Weiße Nächte.1 Die Datscha, das suburbane Sommerhaus der Russen, steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag. Ursprünglich eine „Landgabe“ des Zaren an den Adel, wird sie über die Jahrhunderte zu einem die Schichten übergreifenden Sehnsuchtsort. Erholung und Gartenbau gehen hier eine erfrischende Symbiose ein. Trotz oder gerade wegen ihrer Randlage steht die Datscha oft im Zentrum der großen Politik: Der sowjetische Diktator Stalin starb auf seiner Staats-Datscha; der von eben diesem Regime verfolgte Nobelpreisträger Boris Pasternak lebte im Moskauer Datschen-Vorort Peredelkino im inneren Exil.

Die Datscha steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag / Foto © Kommersant ArchivMit dem anbrechenden Sommer leeren sich die russischen Metropolen – das Stadtvolk verlässt seine Wohnungen und zieht für die nächsten Monate auf die Datscha, wie die typisch russischen Garten- oder Sommerfrische-Häuser heißen. Wer in der staubigen Stadt zurückbleiben muss, ist ein bemitleidenswerter Außenseiter, wie schon Dostojewskis Held bereits im 19. Jahrhundert feststellte.

Datscha als Modernisierungsprojekt

Die Datscha, ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte, ist eine ‚Erfindung‘ Peters des Großen. Der Zar-Reformer importierte sie, wie viele andere europäische Moden und Modernisierungsprojekte, aus dem europäischen Westen.

Der Begriff Datscha geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine Landgabe des Zaren an den Adel. Peter der Große hatte bei seinen Reisen durch Europa die prächtigen adeligen Sommersitze sehen und schätzen gelernt. Nach diesem Vorbild wollte er im Umfeld der von ihm 1703 neu gegründeten Hauptstadt St. Petersburg vornehme Villen-Viertel schaffen, um auch während der Ferien des Hofs Zugang zu seinen Beratern zu haben und das Umfeld der aus dem Sumpfboden gestampften Metropole zu urbanisieren. 
Per Dekret verfügte er um das Jahr 1710 die Vergabe von gleich abgemessenen Grundstücken an den Adel, unter der Maßgabe dort auf eigene Kosten Sommerresidenzen zu errichten. 

Innerhalb weniger Jahre entstand so entlang der Magistrale, welche die Hauptstadt Petersburg mit der Sommerresidenz des Zaren in Peterhof verband, die erste Datschen-Siedlung der russischen Geschichte, die sogenannte Petershofer Perspektive.2

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden viele Datschen im Jugendstil oder in historisierenden Stilen / Foto © Muore ann/Wikipedia unter CC BY-SA 3.0

Nach diesem politisch-höfischen Gründungsakt erfuhren die Institution und die Bauform der Datscha im 19. Jahrhundert einen ersten Demokratisierungsschub. Neben dem Adel konnten sich nun die entstehenden Bürger- und Beamtenschichten einen Sommer auf der Datsche leisten, oftmals nicht in Eigenbesitz, sondern zur Miete. 

Der ersehnte Umzug in die Sommerfrische erwies sich dabei als durchaus beschwerlich, wurden die Häuser doch unmöbliert vermietet und musste der gesamte Hausstand per Kutsche oder – in Petersburg – per Schiff aufs Land gebracht werden.3 Erst der Anschluss der Sommerfrische-Vororte an die Eisenbahn brachte Transport-Erleichterung und eine „unglaubliche Vermehrung des Datschavolks“.4

Ort der geselligen Muße

Charakteristisch für die „Gattung“ ist diese Nähe zur Stadt, die es den Datschniki früher und heute erlaubt, falls nötig, zwischen Sommerfrische und Arbeit in der Stadt hin- und her zu pendeln. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise, beispielsweise in die beliebten Kurorte im Kaukasus oder auf der KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus., bewirkte dieser Halb-Abstand die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Gerade als Kontakt-Zone zwischen Stadt und Land wird die Datscha ein Ort der geselligen Muße, des Lebens in der Natur (verbunden auch mit der didaktischen Vorstellung einer physischen Gesundung und moralischen Läuterung), des entstehenden Sports (insbesondere Krocket war beliebt) und der (Laien-)Kultur. 

Bestimmend für die Datscha ist auch ihre charakteristische Architektur, zumeist als ein- bis zweistöckiges Holzhaus mit geschnitzten Verzierungen, im ausgehenden 19. Jahrhundert oft im Jugendstil oder in historisierenden Stilen, mit verglasten Veranden, auf denen der Tee gereicht wurde, und Pavillons für romantische Rendezvous in den Gärten. Auf eine Heizung wurde hingegen fast immer verzichtet, war die Datscha doch ein auf die Sommerzeit begrenztes Asyl.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickeln sich auch die bis heute typischen Datschen-Vororte, die sich durch eine charakteristische Infrastruktur mit Bahnhof, Parks mit Tanzflächen, Vergnügungsstätten oder Badestellen auszeichnen. Zahlreiche Wissenschaftler, Künstler und Literaten suchten auf der Datscha nicht nur einen Rückzugs- und Inspirationsort, sondern machten die Datschen-Kolonien auch zu Treffpunkten der künstlerischen Bohème und IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.  .

Belohnungssystem für politisches Wohlverhalten

Die Datscha als bereits etablierte Institution der russischen Kultur überlebte, wenn auch in modifizierter Form, den Epocheneinschnitt der Revolution. Vergleichbar mit anderen bürgerlich-zaristischen Einrichtungen des alten Regimes wurde sie an die Ideologie und Erfordernisse der neuen Ordnung angepasst. 

Per Dekret werden im Jahr 1922 Luxus-Datschen enteignet und als Erholungsheime, Sanatorien, Kinderheime oder angesichts der Wohnungsnot ganz einfach als Wohnhäuser genutzt. In eng definierten Grenzen blieb die Datscha als privater Ort und Privateigentum jedoch bestehen. Im Verlauf der sowjetischen Epoche wird sie aber immer stärker an staatliche Institutionen angebunden, auch als Teil des Belohnungssystems für politisches Wohlverhalten. Gewerkschaften, Fabriken und Kombinate oder Organisationen wie der Schriftstellerverband bauen eigene Datschen-Siedlungen, in denen ihre Mitglieder Häuser unentgeltlich oder zu einem geringen Mietpreis zur Verfügung gestellt bekommen.5

Die Datscha von Boris Pasternak. Hier lebte der in der Sowjetunion verfolgte Schriftsteller im inneren Exil / Foto © my-sedovo.narod.ru

Gleichzeitig wurde das scheinbar private Sommerhaus zu einem bevorzugten Aufenthaltsort der Nomenklatur und politischen Führung. Von Stalin über ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. bis GorbatschowGeboren 1936 beerbte Gorbatschow 1985 Konstantin Tschernenko als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Seine Reformprogramme Glasnost und Perestrojka öffneten die UdSSR für politische und wirtschaftliche Veränderungen, die im – von ihm nicht angestrebten – Zerfall der UdSSR mündeten. Er leitete das Ende des Kalten Krieges ein, ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung und erhielt für seine Verdienste 1990 den Friedensnobelpreis. Im heutigen Russland werfen ihm viele vor, für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die wirtschaftlichen Probleme der 1990er Jahre verantwortlich zu sein. lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen (kasjonnyje Datschi). Für in Ungnade gefallene Politiker wie Chruschtschow wurde die Datscha zum unfreiwilligen Luxusgefängnis.6 Und Michail Gorbatschow sollte, so die Legende, während des August-Putsches 1991Als Augustputsch wird der Umsturzversuch bezeichnet, der zwischen 19. und 21. August 1991 in Moskau stattfand. Eine Gruppe führender Staatsfunktionäre, die sich als Staatskomitee für den Ausnahmezustand bezeichnete, ergriff die Macht mit dem Ziel, die Sowjetunion vor dem Zerfall zu bewahren. Doch Boris Jelzin rief zum Widerstand auf, Tausende Menschen schlossen sich an und gingen auf Barrikaden. Das Scheitern des Umsturzversuchs beschleunigte den Zerfall der Sowjetunion. auf seiner Staatsdatsche auf der Krim kaltgestellt werden.

Ressource für die Selbstversorgung versus Edel-Sommerfrische

Auf die politischen Reformen der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. folgt in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. die ökonomische Krise der Transformationszeit. Die Datscha wird von einem Ort der Erholung zu einer Ressource für die Selbstversorgung mit Lebensmitteln, ein Prozess, der bereits mit den Versorgungsengpässen der späten Breshnew-ZeitDer Begriff Sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung Sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt. eingesetzt hatte.7 

Diese neue Funktion der Datscha wurde in Datschniki, einem der bekanntesten Lieder Sergej SchnurowsSergej Schnurow (Spitzname – Schnur, geb. 1973) ist Gründer und exzentrischer Frontmann der Ska-Band Leningrad. Hin und wieder komponiert er auch Filmmusik und hat sogar schon eine Opernrolle gespielt. Bekannt ist er aber vor allem durch seine ekstatischen Bühnenpartys mit Leningrad und der selbstverständlichen und breiten Verwendung des tabuisierten Kraftausdrucks. , bespöttelt: Der in der Stadt lebende Arbeiter „klotzt bis zum Verrecken“, dann lässt er sich „volllaufen bis zum Erbrechen“ und träumt vom Sommer, wenn er wieder auf seine Datscha fahren und sich dort mit seiner Schaufel austoben kann8.

Mit dem beginnenden oligarchischen Wohlstand und der Glamour-Kultur der Putin-Jahre setzt in den Datscha-Vororten ein neuer Bau-Boom ein. An die Stelle der bescheidenen, wenn auch oftmals architektonisch liebevoll gestalteten Holzhäuser treten protzige Sommerpaläste aus Stein und Marmor, die sich hinter hohen Zäunen und privaten Wachen verschanzen. Diese postmodernen Prunk- und Glamour-Datschen schließen damit, so die Datscha-Chronistin Mariana Rumjanzewa, auf paradoxe Art an die ersten Luxus-Datschen unter Peter dem Großen an. Vergleichbar der Petershofer Perspektive als Macht-Horizontale formiert sich heuer an der Moskauer Ausfallsstraße RubljowkaRubljowka ist eine gängige informelle Bezeichnung für eine Gegend rund um die Fernstraße Rubljowo-Uspenskoje Schosse (A106), westlich von Moskau. Schon zu Zeiten der Sowjetunion galt die Gegend als sehr prestigereich, hier befanden sich viele Datschen hoher Parteifunktionäre. Heute ist Rubljowka ein Landstrich mit den höchsten Grundstückspreisen Russlands. Die Besitzverhältnisse sind oft unklar, man geht jedoch davon aus, dass dort viele hohe Politiker und Geschäftsleute leben.  eine neue Edel-Sommerfrische (bisweilen ganzjährig).9

Zwischen Schrebergarten und suburbia

Die Datscha ist, so ihr Erforscher und Historiker Stephen Lovell, gewissermaßen die russische Antwort auf den Prozess der Urbanisierung, zwischen deutschem Schrebergarten und amerikanischer suburbia

Über alle Epochen und Stufen ihrer Entwicklung hinweg ist sie dabei eines geblieben – der kleine Sehnsuchts- und Zufluchtsort in Stadtnähe, der informelle Kommunikation erlaubt und dabei anders als die berühmten „Moskauer KüchenDer Begriff Küche wird oft als Metapher für die Privatsphäre in der post-stalinschen Sowjetunion verwendet. In diesem Sinn ist die Küche ein Ort, in dem man sich zu allem äußern durfte – man konnte demnach verbotene Themen ansprechen oder Kritik an Machthabern äußern. “ nicht primär dem politischen Gespräch, sondern der Geselligkeit dient. Als solcher hat das russische Sommerhaus vielfach Eingang in die russische Literatur und Kultur, vom Theater bis zum Kino, gefunden. Marina Rumjanzewa stellt in ihrem Lesebuch zentrale Texte zum Thema vor: von TschechowsAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken.  Kirschgarten, der einer Datschen-Siedlung Platz machen sollte, bis zu Majakowskis revolutionärem Rendezvous mit der Sonne auf einer Datschen-Veranda. Ideale Sommerlektüre für die in den Metropolen verwaisten Städter.


1.Dostoevskij, Fedor M.(1969): Weisse Nächte: Ein empfindsamer Roman: Aus den Erinnerungen eines Träumers, Stuttgart
2.Lovell, Stephen (2003): Summerfolk: A History of the Dacha, 1710–2000, Ithaca
3.Rumjanzewa, Marina (Hrsg.) (2009): Auf der Datscha: eine kleine Kulturgeschichte und ein Lesebuch, Zürich
4.Čechov, Anton (1985): Der Kirschgarten, in: Anton Tschechows Stücke, Frankfurt am Main
5.Fitzpatrick, Sheila (1999): Everyday Stalinism: Ordinary Life in Extraordinary Times: Soviet Russia in the 1930s, Oxford
6.Komsomolskaja PrawdaKomsomolskaja Prawda ist eine russische Tageszeitung mit Sitz in Moskau mit einer verkauften Auflage von rund 655.000 Exemplaren. Sie gilt als ein Kreml-nahes Boulevardblatt.Sem’ let‘ dačnogo režima’ dlja Chruščeva 
7.Seit den 1960 Jahren verteilten der Staat und Großunternehmen unentgeltlich kleine Landstücke (400 bis 600 Quadratmeter), auf denen Sowjetbürger kleine Sommerhäuschen mit Gemüsegärten bauen konnten. Ende der 2000er Jahre besaßen circa 14 Millionen Familien, die in der Stadt wohnten, eine kleine Datscha. Vgl.: Nefedova, Tatjana (2012): Gorožane i dača
8.im Original chujačit': vulgärMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, die Wörter werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. für „hart arbeiten/sich den Arsch aufreißen“
9.Die Welt: Rubljowka, das Beverly Hills der reichen Russen
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