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Andrej Kurajew

Der Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter.

Eine Gestalt im schwarzen Priesterrock und mit langem Bart flitzt auf einem Motorroller durch die Moskauer Straßen. Der korpulente Fahrer fürchtet offensichtlich kaum die Reihen martialischer Geländewagen, wie sie nur in Moskau zu sehen sind. Er drängt sich souverän nach vorne – schließlich hat er noch einige Termine in Rundfunk- und Fernsehstudios oder muss noch dringend einen Kommentar bei LiveJournalLiveJournal ist ein soziales Netzwerk, das Weblogs anbietet. Ursprünglich ein amerikanisches Unternehmen, wurde es 2007 vom russischen Unternehmer Alexander Mamut (geb. 1960) gekauft. Bis in die 2010er Jahre hinein war LiveJournal die am häufigsten genutzte Blogplattform Russlands. posten. Ob das alles einem Diener der eifrigsten Hüterin der Sitten und Tradition in Russland – der Russisch-Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. – zusteht, ist seit Jahren ein Diskussionsthema. Andererseits trägt Kurajew aufgrund seiner medialen Präsenz in Analogie zum offiziellen Titel des Oberhaupts der Kirche „Patriarch der ganzen Rus“ den Spitznamen „Diakon der ganzen Rus“.1 In jedem Fall steht fest: Diakon Andrej Kurajew gehört schon heute zu denjenigen Figuren der neuesten Geschichte der Öffentlichkeit Russlands, die eben diese Geschichte (mit-)schreiben.

Foto © Blog Andrej Kurajew

Kurajews Biographie ist symptomatisch für eine Zeit der Umbrüche, wie es die Zeit nach der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. eben war: Geboren 1963 in einer Familie bekennender Atheisten, studierte er Geschichte und Theorie des wissenschaftlichen Atheismus an der Moskauer Staatlichen UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus.. Nach eigenen Worten fand er durch die atheistische Literatur über die Orthodoxie zum Glauben und ließ sich noch während des Studiums taufen.

In der ersten Phase seiner Tätigkeit, die mit der Zeit eines religiösen Booms in Russland zusammenfällt, agierte Kurajew als Missionar und gleichzeitig als Kritiker der damals neu entdeckten und im Volk populären theosophischen2 sowie der meist aus dem Westen angeschwemmten neuen religiösen Bewegungen – er wandte sich sogar gegen liberale Orthodoxe wie den Priester Alexander MenGeboren 1935, wurde der Erzpriester durch seine liberale Auslegung des Glaubens und seine Bemühungen um die Ökumene bekannt. Seit den 1960er Jahren veröffentlichte er Schriften zum Christentum – allerdings zunächst im Westen und unter Pseudonym. Sein Hauptwerk ist die Geschichte der Religion in sieben Bänden, die von 1970 bis 1983 in Brüssel erschien und erst Anfang der 1990er in Russland veröffentlicht wurde. Men fiel am 9. September 1990 einem Attentat zum Opfer. Der Fall wurde nie aufgeklärt..

Öffentliche Auftritte als Glaubenslehrer

In den 2000ern beschäftigte Kurajew sich primär mit Lehrtätigkeit und öffentlichen Auftritten als Glaubenslehrer: Er reiste mit Vorlesungen und Vorträgen durch Russland und ins Ausland und verblüffte manchmal das Publikum mit seiner provokativen Metaphorik. Seine lebensnahe und lebendige Auslegung des christlichen Glaubens und seiner Praxis verschaffte ihm eine große Gefolgschaft. In dieser Zeit wurde ihm von der Kirchenleitung die Verfassung des Lehrbuchs Die Grundlagen der orthodoxen Kultur für den Religionsunterricht in russländischenAls Russländer (Rossijane) gelten alle Staatsangehörigen Russlands, der Begriff Russe (Russkie) bezeichnet gemeinhin die ethnische Zugehörigkeit. Schulen anvertraut, was man als Anerkennung seiner Autorität in der Kirche deuten kann. Das Buch wird bis heute im Unterricht verwendet.

Obwohl Kurajew sein ganzes mediales Kapital für die Kandidatur des Metropoliten Kirills eingesetzt hatte, wandte er sich nach Kirills Wahl zum Patriarchen im Jahr 2009 allmählich von ihm ab. Als Grund dafür gab Kurajew an, dass Kirills Kirchenpolitik nicht mehr christozentrisch sei: In seinen Reden und Predigten verdrängten politische Themen die Glaubensthemen und anstatt der Heilsgeschichte bediene Kirill sich historischer (Heils-)Mythen aus dem aktuellen patriotischen Diskurs Russlands.

Kritik an der Kirchenführung

Auch an den administrativen Reformen des neuen Patriarchen, sei es die Gründung neuer Diözesen oder konsultativer Organe und Kommissionen, übte Kurajew Kritik. Durch sie sollte zwar angeblich die Mission der Kirche vorangetrieben werden, doch laut Kurajew führten sie letztendlich dazu, dass das Handlungsfeld des einfachen Klerus und der Laien stark eingeschränkt und die Entscheidungskompetenz in den Händen des Patriarchen KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik. konzentriert wurde.

Im Skandal rund um das Punk-Gebet von Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. forderte Kurajew eine allein pastorale Reaktion, warnte vor Verfolgung der Aktivistinnen und stand damit in Opposition zur orthodoxen – und sich beleidigt fühlenden – Öffentlichkeit. Ende 2013 veröffentlichte Kurajew in seinem Blog Briefe von Seminaristen, die über sexuelle Belästigung durch Vertreter des Lehrkörpers im Priesterseminar Kasan klagten. Dass auf diese und viele ähnliche – auch anderweitig dokumentierte – Vorfälle keine Reaktion der Kirchenleitung folgte, sondern die Fälle verschwiegen und verschleiert wurden, veranlasste Kurajew, mehreren Bischöfen Amtsmissbrauch vorzuwerfen: Die Vorgesetzten verleiteten junge Männer zu sexuellen Handlungen – oft im Austausch für einen Karriereschub.

Verlust der öffentichen Ämter

Die Reaktion des Moskauer Patriarchats ließ nicht lange auf sich warten: Kurajew verlor seine Professorenstelle an der geistlichen Akademie Moskau und wurde aus der Theologischen Synodalkommission ausgeschlossen.3 Im Folgenden wurde sein Lehrauftrag an der Moskauer Staatlichen Universität nicht verlängert, was Kurajew auf eine Initiative des Patriarchen zurückführte.

Das alles hielt Kurajew nicht davon ab, weiter seine kritische Meinung zu vielen, auch politischen Angelegenheiten öffentlich zu äußern. Nach dem Beginn der Ukraine-KriseDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.    verurteilte er öffentlich den allgegenwärtigen Jubel in Russland hinsichtlich der Krim-AnnexionAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. und warnte vor den langfristigen negativen Folgen sowohl für die einfache Bevölkerung Russlands als auch für die russische Kirche. Da sein Blog zu einem der meistgelesenen in Russland gehört und er als beliebter Redner bei (vor allem liberalen) Medien gefragt ist, kann Kurajew auch ohne seine zuvor zahlreichen Ämter öffentlich wirksam sein. Außerdem dient er weiter als Diakon in einer Moskauer Kirchengemeinde.


1.Zwar trägt er seit 2009 den Ehrentitel „Erzdiakon“, welcher normalerweise einem Diakon für besondere Verdienste oder nach fünf Jahren Dienst verliehen wird. Im alltäglichen Gebrauch wird die Bezeichnung Diakon bevorzugt.
2.Hiermit sind insbersondere die theosophischen Ideen von Elena Blawatskaja und Nikolaj und Elena Roerich gemeint.
3.Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West: Russland: Erzdiakon Andrej Kurajev seiner Ämter enthoben

 

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