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Noworossija

Als Noworossija (dt. Neurussland) wird derzeit von russischer Seite häufig der Südosten der Ukraine bezeichnet. Der Begriff wird auf unterschiedliche Gebiete angewendet, meistens werden aber darunter Territorien verstanden, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Katharina der Großen durch Russland erobert wurden. Im Zuge der Ukraine-Krise begannen die russischen Unterstützer der Separatisten diesen Begriff zu benutzen, um die sich abspaltenden Gebiete zu bezeichnen und diesen eine stärkere russische Identität zu verleihen.

Vor dem 18. Jahrhundert war Neurussland zum Teil Grundgebiet des Khanats der KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus., zum Teil weitgehend unbesiedeltes und von KosakenKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot. beherrschtes Land. Die Territorien der heutigen Ost- und Südukraine – die Krim, Bessarabien und sonstige Gebiete an der Küste des Schwarzen und des AsowsStadt in Südrussland in der Oblast Rostow am nach ihr benannten Asowschen Meer. Asow ist eine der ältesten Städte in der Region und spielte historisch eine wichtige Rolle als Stützpunkt, der Zugang zum Asowschen und weiter zum Schwarzen Meer gewährleistete. Zurzeit ist sie Verwaltungssitz des Rajons Asow und hat etwa 80.000 Einwohner.  chen Meeres – wurden im Zuge der Russisch-Türkischen KriegeElf Kriege zwischen dem zaristischen Russland und dem Osmanischen Reich vom 16. bis zum späten 19. Jahrhundert. Während bis ins 18. Jahrhundert das Ziel der Zugang zum Schwarzen Meer war, strebte Russland später die Kontrolle des Bosporus und damit einen Zugang zum Mittelmeer an. Zudem verstand sich Russland als Schutzmacht der Slawen und orthodoxen Christen im Osmanischen Reich. Russland brachte als Ergebnis der Kriege oft Territorien im Südwesten unter seine Kontrolle (etwa Bessarabien, die Krim und Gebiete im Kaukasus). in den Jahren 1764 – 1768 erobert.1 Während der Revolution von 1917 und des darauffolgenden Bürgerkrieges wurde diese Region zur Hochburg der „weißen“, d. h. anti-revolutionären Bewegung und war eine Zeit lang de facto unabhängig. Die Region wurde gegen Ende des Bürgerkrieges 1922 in die Sozialistische Sowjetrepublik Krim integriert.

In Bezug auf die separatistischen Gebiete der Ukraine wurde der Begriff von Präsident Putin nur einmal benutzt – während seiner BürgersprechstundeIn der jährlichen Fernsehsprechstunde des Präsidenten, dem Direkten Draht, beantwortet Wladimir Putin mehrere Stunden lang Fragen, die ihm aus dem Studiopublikum, per Telefon, Internet, SMS oder per Live-Schaltung aus den verschiedenen Regionen Russlands gestellt werden. am 17. April 2014 (die Bürgersprechstunde ist eine Live-Sendung mit jeweils drei bis vier Stunden Dauer). Damals zählte er Charkow, Luhansk, Donezk, Cherson, Nikolajew und die Krim zu Noworossija – eine wesentlich größere Region, als die, die historisch unter diesem Begriff verstanden wird. Laut Putin wurde die Region erst unter den Bolschewiken an die Ukraine übergeben und gehöre damit eigentlich zu Russland. Der Begriff wurde im Anschluss darauf von vielen offiziellen Sprechern, Journalisten und Propagandisten verwendet sowie von Ideologen der eurasischen Bewegung aufgegriffen. Am 24. Mai 2014 kündigten die nicht anerkannten Donezker und Luhansker Volksrepubliken an, sich unter diesem Namen zusammenzuschließen. Die beiden selbsternannten Republiken haben allerdings eigene Regierungen und Verwaltungsstrukturen beibehalten, sodass der Zusammenschluss de facto nur auf dem Papier erfolgte. In der Region, die von den russischen Politikern und Journalisten als Noworossija bezeichnet wurde, leben viele ethnische Russen, die mehrheitlich Russisch als ihre Muttersprache ansehen.2

Zu den überzeugten Anhängern des Konzeptes Noworossija zählen hauptsächlich Mitglieder des 2012 gegründeten Isborski Klub, eines erzkonservativen Think Tanks geleitet von Alexander ProchanowAlexander Prochanow (geb. 1938) ist ein bekannter Schriftsteller, Journalist und Filmemacher. Er gilt als Vordenker des sogenannten roten imperialen Konservatismus – eines Konzepts, das Elemente aus imperialen Denkmustern, Nationalismus und Kommunismus vermengt. 3. Zum Gedankengut des Klubs gehören Imperialismus und orthodoxes Christentum, sie teilen aber auch in gewisser Hinsicht die Idee der Eurasischen Bewegung.  Das Konzept Noworossija zieht aber eine wesentlich größere Vielfalt an Anhängern an. Neben den Eurasisten sind es vor allem die Vertreter der „roten“ (kommunistischen), „weißen“ (zaristischen) und „braunen“ (nationalistischen) Ideologien. Trotz ihrer ideologischen Vielfalt haben die Noworossija-Anhänger zwei grundlegende Gemeinsamkeiten. Zum einen sehen sie alle Russland als Großmacht und erwarten, dass Russland dieser Rolle in der Region nachkommt und die russischsprachige Bevölkerung in Noworossija nicht im Stich lässt. Zum anderen sind sie alle Vertreter illiberalen Gedankengutes.4

Allerdings ist etwa seit Mitte 2015 die Rede davon, dass Russland Noworossija aufgegeben habe – der Terminus war aus dem offiziellen Sprachgebrauch weitgehend wieder verschwunden, wie der folgende Suchmaschinenchart zeigt.

Dass der Begriff überhaupt von russischen Politikern und Ideologen benutzt wurde, war aber ein nicht unwichtiger Versuch, den ostukrainischen Separatisten mehr Legitimität zu geben und eine mögliche Annexion der Ostukraine genauso wie die der Krim ideologisch und historisch zu begründen. Man kann davon ausgehen, dass das Verschwinden des Begriffes aus dem staatlich gelenkten Teil des öffentlichen Diskurses bedeutet, dass die Idee einer Annexion der Ostukraine vorläufig aufgegeben wurde.


1.Eine Karte des historischen Noworossija findet sich hier: Musings on Maps: Tag Archives: Novorossiya
2.Petro N. (2015): Understanding the Other Ukraine: Identity and Allegiance in Russophone Ukraine, in: Pikulicka-Wilczewska, A. / Sakwa R. (Hrsg.): Ukraine and Russia: People, Politics, Propaganda and Perspectives, E-International Relations
3.Eine Beschreibung von Noworossija aus der Sicht Alexander ProchanowsAlexander Prochanow (geb. 1938) ist ein bekannter Schriftsteller, Journalist und Filmemacher. Er gilt als Vordenker des sogenannten roten imperialen Konservatismus – eines Konzepts, das Elemente aus imperialen Denkmustern, Nationalismus und Kommunismus vermengt. : Izvestija: Novorossija – roždennaja v ogne
4.Laruelle, M. (2015): The three colors of Novorossiya, or the Russian nationalist mythmaking of the Ukrainian crisis, in: Post-Soviet Affairs 2015, online publiziert am 21.03.2015

 

 

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