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„Der Umbruch kann schnell und unerwartet kommen“

Der Abzug der russischen Armee aus dem Gebiet Cherson vor gut einer Woche war ein symbolischer Etappensieg für die Ukraine. Anfang März hatte Russland die Region okkupiert, das Besatzungsregime hat den russischen Rubel eingeführt und Statthalter installiert. Laut Menschenrechtlern sind dutzende Ukrainer gefoltert worden. Im September gab der Kreml schließlich die völkerrechtswidrige Annexion bekannt, die die Staaten in der UN-Vollversammlung mit einer Resolution mehrheitlich verurteilt haben – nur wenige haben dagegen gestimmt, darunter Nordkorea und Belarus. 

In der Ukraine löste die Befreiung von Cherson große Begeisterung aus. Es ist ein starkes Zeichen der Hoffnung, dass der hartnäckig geleistete ukrainische Widerstand gegen die russische Aggression weiter Erfolge verzeichnet. 

Doch wie wurde dieser zweifellos historische Tag in Moskau aufgenommen? Geht es nach der russischen Verfassung, gehört das Gebiet angeblich zu Russland, auch die Staatspropaganda hat die Annexion als Sieg in der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ gefeiert. Nun steht das Gebiet aber nicht mehr unter russischer Kontrolle – wie reagiert also die russische Gesellschaft auf diese Widersprüche? Kann diese Niederlage das Regime Putin ins Wanken bringen, auch wenn Massenproteste ausbleiben? 

Diese Fragen hat die Herausgeberin der The New Times Yevgenia Albats, mit dem politischen Analysten Andrej Kolesnikow und dem Ethnologen Alexei Yurchak diskutiert. Ein Auszug.

Quelle The New Times

The New Times/Yevgenia Albats: Das wichtigste Ereignis der letzten Tage ist natürlich die Befreiung Chersons, das ganz zu Beginn dieses niederträchtigen Krieges, am 3. März 2022, besetzt worden war. Was bedeutet der Abzug aus Cherson – jeweils für Kyjiw und für Moskau?

Alexei Yurchak: Die Aufgabe, die sich Putin gestellt hatte, hat sich als vollkommen falsch erwiesen. Er und seine Umgebung wurden mit unvorhergesehenen Entwicklungen konfrontiert, die man in dieser ganzen Zeit ständig neu erklären musste, sie müssen ihre Haltung, ihre Beweggründe für diesen Krieg, die Rhetorik und Vorgehensweise ständig neu anpassen.

Man kann nicht sagen, dass sie ihre Pläne jetzt ändern – weil diese Pläne von Anfang an durchkreuzt wurden. Daher sind die aktuellen Ereignisse an der Front eine Fortsetzung der ersten drei Tage.

Die Menschen begrüßen ganz andere Streitkräfte mit Blumen – die ukrainischen. Das zerstört die russische Vorstellung

Dass die Ukraine Widerstand leistet, für ihre Unabhängigkeit kämpft und das ganze Volk hinter diesem Kampf steht, war für Putin eine Überraschung. Ich schätze, Russland wird immer weiter hinausgedrängt, immer mehr Gebiete aufgeben, und die Machthaber werden erneut versuchen, die Zielsetzungen anders zu formulieren. Weder die russische Bevölkerung noch die Armee sind besonders wild darauf, [bei dem Krieg] mitzumachen. Es herrscht Unverständnis, es herrscht Ungewissheit. Ich denke, letztendlich wird das zu einem Regimewandel in Russland führen, nicht unbedingt durch einen Umsturz oder ein vollständiges Brechen mit dem System, aber zweifellos führt es zu einer Veränderung.

Ich würde Cherson nicht nur örtlich begrenzt als ein wichtiges Ereignis sehen, was es zweifellos ist, sondern als Teil der unvorhergesehenen Entwicklung einer vollkommen wahnhaften Idee eines Führers, die keinerlei Bezug zur Wirklichkeit hatte.

Folgt man der Logik der Rechtsprechung und Verfassung, wie sie der Kreml versteht, ist jetzt ein Teil der Russischen Föderation durch die ukrainischen Streitkräfte besetzt. Was sagt man in Moskau dazu? Wie passt das zusammen?

Andrej W. Kolesnikow: Im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken wiederholen alle (gerade auch Dimitri Medwedew) den Standpunkt der Staatsführung, Cherson sei Russland und würde so oder so „nach Hause zurückkehren“, wie es jetzt immer heißt. Auf der Gegenseite sehen wir eine ziemlich deutliche Euphorie, die ganz natürlich ist, weil es ein einschneidendes, in vielerlei Hinsicht symbolisches Ereignis ist – Cherson ist eines der Symbole dieses Krieges. Nichtsdestotrotz ist es auch eine Episode innerhalb des Krieges, vielleicht einer neuen Phase: Es bewegt sich langsam etwas, inzwischen aber von West nach Ost, nicht mehr von Ost nach West. Auch hier spielen Symbole eine Rolle, zum Beispiel die Blumen, von denen [die Propaganda] immer behauptet hat, dass man damit die russischen Truppen in Kyjiw begrüßen würde, und die jetzt das Symbol der Befreiung Chersons geworden sind. Die Menschen begrüßen ganz andere Streitkräfte mit Blumen – die ukrainischen. Das zerstört die russische Vorstellung, zumindest so weit, wie das dem durchschnittlichen Bürger überhaupt auffällt.

Diese Geschichte hat viele Nuancen, zum Beispiel, dass der Rückzug aus Cherson von ganz bestimmten Menschen gebilligt wurde, die jetzt alles entweder verurteilen oder begrüßen. Das ist eine neue Gruppe in der russischen Elite (bzw. Parallel-Elite), die ziemlichen Einfluss gewinnt: Prigoshin und Kadyrow begrüßten den Rückzug und lobten General Surowikin. Dabei kommen interessante Sachen zum Vorschein, zum Beispiel, dass Prigoshins Worte plötzlich wichtiger sind als die Schoigus. Und Putin hat einfach geschwiegen.

Ob das Regime mit dem Fall von Cherson ins Wanken geraten ist? Ich glaube, nicht besonders

Was eine der Schlüsselfragen angeht, nämlich ob das Regime mit dem Fall von Cherson ins Wanken geraten ist – ich glaube, nicht besonders. Obwohl klar ist, dass es durchaus die Stimmung verändert und dass es vor dem Hintergrund einer neuen Entwicklung passiert – der Revolte der Mobilisierten. Das sind nicht die Proteste, auf die wir alle warten, sie haben keine politische Bedeutung. Das sind Proteste von Leuten, die im Grunde vorhatten zu kämpfen, die das für ihre Pflicht hielten, die gleichwohl bereit waren, für Geld zu kämpfen – nur dass man ihnen dieses Geld nun nicht zahlt. Das ist ein sehr spezifischer Protest, unter anderem ein Protest der Angehörigen, der Ehefrauen und Mütter. Das ist auch so eine Sache, die im Hintergrund abläuft.

Die „Falken“ sind natürlich unzufrieden, dass Putin Cherson aufgegeben hat. Diese Stimmen werden laut. Sie zuverlässig zu messen, also in Prozenten, ist nicht möglich. Aber es gibt sie, und es sind wahrscheinlich viele. Insgesamt, glaube ich, setzt sich der Trend fort, der sich schon abgezeichnet hat: Dass selbst Putins Befürworter diesen Krieg endlich mit Friedensgesprächen beenden wollen. Begleitet wird das von Andeutungen, dass die russische Seite zu Gesprächen bereit ist und immer gewesen sei. Natürlich ist das kein realistisches Szenario, dennoch entwickelt sich so ein Hintergrundrauschen, wonach man irgendwie mit der Gegenseite sprechen wolle. Aber diese Gegenseite ist jetzt, da sie Erfolge erzielt, natürlich wenig bereit, Gespräche zu Bedingungen des Gegners zu führen. Ich glaube, leider, beide Seiten sind irgendeinem realistischen Szenario möglicher Friedensverhandlungen nicht wirklich näher gerückt.

In Ankara sollen sich CIA-Chef William Burns, den wir gut als ehemaligen amerikanischen Botschafter in Moskau kennen, und der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes [Sergej] Naryschkin getroffen haben. Davor hörte man von Gesprächen zwischen dem Berater des US-amerikanischen Präsidenten Jake Sullivan und Putins außenpolitischem Berater [Juri] Uschakow sowie dem Vorsitzenden des Sicherheitsrates [Nikolaj] Patruschew. Man hat das Gefühl, dass ständig irgendwelche Verhandlungen geführt werden. Was wissen Sie darüber?

Kolesnikow: Mir hat diese Nachricht etwas Angst gemacht. Vor einem Jahr ist [Burns] nach Moskau gereist, um Moskau zu sagen: „Wir kennen eure Pläne, wir wissen, was ihr vorhabt“ – mit Blick auf das, was Russland dann am 24. Februar getan hat. Was hatte er Naryschkin wohl jetzt zu sagen? In der offiziellen Mitteilung stand etwas von Atomwaffen, und ehrlich gesagt ist mir das Herz stehen geblieben – nicht, dass Burns Naryschkin darüber aufklärte, von wegen „wir wissen über eure Atompläne Bescheid“. Ich möchte das sehr ungern glauben, aber in diesem Fall ist alles möglich.

Es setzt sich der Trend fort [...]: Dass selbst Putins Befürworter diesen Krieg endlich mit Friedensgesprächen beenden wollen

Nichtsdestoweniger sind das keine Verhandlungen, sondern am ehesten Gespräche. Aber es gibt die leise Hoffnung, dass es früher oder später einen Kanal geben wird. Den gibt es im Moment nicht im klassischen Sinne. Das ist nicht der Big Channel, den es zwischen Kissinger und Dobrynin gab und der damals zur Entspannung der internationalen Krise beigetragen hat.

Deshalb liegt nach wie vor alles in den Händen eines weit entfernten, bunkerisierten Putin, der irgendwo auf einem Hügel sitzt und alles beobachtet. Wir wissen nicht, was in seinem Kopf vorgeht, was er da beschließt oder wer ihn beeinflusst.

Alexei, Sie haben ein Buch über die letzte Phase der UdSSR geschrieben: Everything was Forever, Until it was no More. Was würden Sie von Ihrem anthropologischen Standpunkt aus sagen: Ähnelt das, was wir heute in Russland im Zusammenhang mit dem Krieg beobachten, dem Ende der sowjetischen Staatsmacht?

Yurchak: Ja und nein. Was die Spätphase der Sowjetunion vom heutigen Russland wesentlich unterscheidet, ist, dass die Sowjetunion trotz allem eine Zukunftsvision artikuliert und angeboten hat. Der ganze Alltag, das politische System, das Bildungssystem waren immer auf eine Perspektive hin ausgerichtet. Am Anfang der sowjetischen Geschichte konnte man daran glauben oder wenigstens daran interessiert sein, weniger dann gegen Ende. Aber bei allem Zynismus war das die Hauptsache. Deshalb konnte man sich so schwer vorstellen, dass das System zusammenbricht.

Die Erwartung, dass sich irgendetwas ändert, liegt spürbar in der Luft: Entweder wird alles auseinanderbrechen oder es stehen große Veränderungen bevor

Was das heutige Putinsche Russland angeht, gibt es da meines Erachtens genau das entgegengesetzte Gefühl. Die meisten, bei denen Sie heute nachfragen würden, worin die Aufgabe des Staates, die Zielsetzung dieses Krieges besteht, werden – von den sogenannten Eliten bis hin zu den einfachen Russen – große Schwierigkeiten haben, das zu beantworten. Unverständnis und Ungewissheit – das sind die vorherrschenden Empfindungen. Die Erwartung, dass sich irgendetwas ändert, liegt spürbar in der Luft: Entweder wird alles auseinanderbrechen oder es stehen große Veränderungen bevor.

Und wie könnten diese Veränderungen aussehen? In Ihrem Buch sagen Sie, die späte Sowjetunion habe eine Ideologie gehabt, an die niemand mehr glaubte. Dieses Doppeldenken habe das Imperium schließlich zersetzt. Was könnte sich im heutigen Russland ändern?

Yurchak: Wie sich das wandeln kann, können wir nicht genau sagen. Weil wir nicht wissen, wie der Raum aussieht, in dem die Entscheidungen fallen, er ist hermetisch abgeriegelt. Man zeigt uns ein bestimmtes Bild, eine Imitation davon, was darin vorgeht, aber wir wissen, dass es nicht stimmt, dass es eine glatte Lüge ist, dass alles eigentlich ganz anders ist. Das zum Ersten.

Zweitens: Der Raum, in dem die Entscheidungen fallen und zu dem wir keinerlei Zugang haben, befindet sich in einem Zustand der Unberechenbarkeit, weil er die Folgen selbst überhaupt nicht hat kommen sehen, mit denen er konfrontiert ist. Deshalb ist es schwer, irgendwelche Szenarien durchzuspielen. Ich versuche zu sagen, was mir möglich erscheint.

Ich bezweifle, dass in diesem System ein Umsturz möglich ist. Genauso wenig glaube ich an eine Revolution von unten

Es gibt sicher den Versuch, aus all dem herauszukommen, ohne dass diese konkrete Person, ohne dass ihr Leben gefährdet wird – das ist die Hauptaufgabe. Ich bezweifle, dass in diesem System ein Umsturz möglich ist. Genauso wenig glaube ich an eine Revolution von unten. In solchen Diktaturen entsteht Bewegung von unten nur dann, wenn es Reformen gibt und sich ein Fenster der Möglichkeiten öffnet, so wie das in der Sowjetunion war. Das hat gar nichts mit einem Opportunismus der Massen zu tun, sondern damit, dass sie weder die Macht noch die Informationen noch die Ressourcen haben, um sich zusammenzutun. Es gibt keinen öffentlichen Raum, in dem man gemeinsam agieren könnte, oder wenigstens an [die Möglichkeit] glauben. Sobald der entsteht, gibt es auch Bewegung von unten.

Wenn es weder einen Umsturz noch eine Revolution von unten gibt, dann Reformen von oben, die zu irgendwelchen Abmachungen führen könnten, um Putin in eine Position zu bringen, die ihn beschützt und die mehr oder weniger künstlich ist (etwa der „nationale Leader“). Dann würde eine kollektive Führungsspitze eingerichtet, die versucht, die Beziehungen zum Westen und die zerstörten wirtschaftlichen Verbindungen wieder in Gang zu bringen.

Wenn es weder einen Umsturz noch eine Revolution von unten gibt, dann Reformen von oben

Ich halte das für das Wahrscheinlichste. Die Veränderungen könnten relativ schnell eintreten, denn es ist schon jetzt klar, dass der Rückhalt des Regimes ebenfalls ziemlich künstlich ist: Die breite Masse der Bevölkerung ist nicht bereit, die Verantwortung für diesen Krieg auf sich zu nehmen. Nicht, weil sie Opportunisten sind, sondern weil sie etwas moralisch nicht mittragen können, das sie nicht verstehen, das unmenschlich und irrational aussieht.

Kolesnikow: Der Vergleich zwischen der späten UdSSR und der heutigen Situation ist ziemlich interessant. Es gibt in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit, aber Unterschiede gibt es wohl noch mehr.

In der späten Breshnew-Tschernenko-Periode wurden die Menschen weniger in die propagandistischen Aktivitäten verstrickt als jetzt. Jetzt tut man das immer nachdrücklicher. Man verlangt von ihnen, dass sie Putin Rückhalt geben. Von den Lehrern wird verlangt, dass sie „Gespräche über das Wichtige“ führen, dass die Kinder montags mit Flaggen marschieren und die Nationalhymne gespielt wird. Es häufen sich Denunziationen gegen Professoren und Lehrer – zwar nicht massenhaft, aber auch nicht mehr vereinzelt. Umgekehrt denunzieren Professoren und Lehrer ihre Schüler und Studenten. Diese aktive Involvierung herrscht seit Februar. Und während die Menschen dem Krieg anfangs keine Beachtung schenkten, weil er auf einer Parallelspur lief, wurde mit der Mobilmachung klar, dass sie die Verantwortung mit ihrem Anführer werden teilen müssen, dass sie dem nicht entkommen.

Sogar die späte UdSSR mit ihrem Zynismus hatte in gewisser Weise ein positives Ziel angeboten. Das gemeinsame Werk war positiv, wir bauen etwas auf, wir haben Erfolgsgeschichten zu erzählen: Der Wettlauf ums All, Sputnik, Gagarin, die Bauprojekte in Sibirien, die berüchtigten Wasserkraftwerke, die jetzt von Putins Truppen zerstört werden. Das heutige „wir“ basiert auf etwas Negativem – auf Bombenangriffen und Zerstörung. Und auf der Vergangenheit – wobei das nicht einmal die 1960er Jahre sind, nicht Chruschtschow, sondern Stalin – auf Härte und der Rechtfertigung von Repressionen.

Wie soll das enden angesichts einer fehlenden positiven Zielsetzung, eines messbaren Ziels, das es auch bei Putin, nebenbei bemerkt, irgendwann gab? [Es hieß,] wir bauen einen Kapitalismus auf, damit es ein bequemes Leben wird. Wir bauen ein großartiges Russland. Wir haben die Krim angegliedert, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist, was ein großes Plus war. Da sind wir nun, die ganz Großen. Und nun?

Diese furchtbare „Spezialoperation“ geht in eine Phase, die kein erkennbares Ziel hat. Gebiete nach Hause holen? Was hat der Durchschnittsrusse mit Cherson und Saporishshja zu schaffen? Jeder normale Bürger, egal welchen Alters, versteht, dass das die Ukraine ist. Die Krim, na gut, das ist ja noch schwammig – okay, imperiales Territorium, Katharina die Große, Sanatorien, die nach dem XX. Parteitag benannt sind, sonnige Kindheit und alles, was dazugehört. Selbst Odessa fiel in gewisser Weise in imperiale Kategorien. Aber Cherson und Saporishshja – was ist das, warum soll das zu uns gehören? All das bringt die Bevölkerung durcheinander. Sie unterstützt Putin weiterhin roboterhaft. Durch die Teilmobilmachung wurde sie aber verstört: Zwar hat sich der Zuspruch nicht maßgeblich verringert, aber im Inneren dieses Zuspruchs gibt es Verschiebungen, die stumme Unzufriedenheit staut sich auf, wohlgemerkt nicht bei dem progressiven Teil der Bevölkerung, der Putin sowieso noch nie gutgeheißen hat. Das sind vielleicht 20 Prozent. Aber irgendwo in den Tiefen der Masse – wenn man sich die Umfragen anguckt – nimmt die Zahl derjenigen allmählich ab, die die Spezialoperation eindeutig unterstützen. Es sind nicht mehr 50, sondern 44 Prozent. Das sind ernstzunehmende Verschiebungen.

Zwar hat sich der Zuspruch nicht maßgeblich verringert, aber im Inneren dieses Zuspruchs gibt es Verschiebungen, die stumme Unzufriedenheit staut sich auf

Nichtsdestotrotz kann es lange dauern. Die Ressourcen gehen zur Neige, aber wie schnell, wissen wir nicht. Ich meine sowohl die menschlichen Ressourcen als auch die wirtschaftlichen und die psychologischen Ressourcen der Nation. Das Regime könnte auch über das Jahr 2024 noch fortbestehen und Putin der nächste Präsident werden. Aber er muss bis zu den Wahlen etwas präsentieren. Nicht davon zu reden, dass die Zeit nach 2024 am wenigsten klar ist – was soll er den Menschen letzten Endes bieten? Womit wird er arbeiten, mit welcher Bevölkerung? Mit welchem menschlichen Kapital? Um die Demografie ist es bei uns schlecht bestellt, das ist ein großes Problem.

Alexei hat also Recht – gewisse Veränderungen, Reformen von oben sind das wahrscheinlichste Szenario. Aber ich fürchte, nicht unter Putin. Mit Putin ist das nicht möglich.

Ehrlich gesagt, mir erschließt sich nicht ganz, wie Putin an der Macht bleiben könnte, eingedenk dessen, dass er den ganzen pro-imperialen Eliten, die aus unterschiedlichen Motiven der Idee vom Großen Russland anhängen – des Sammelns der Erde und der Wiedererrichtung der Sowjetunion – also dass er denen nicht geben konnte, was sie wollten. In dieser Hinsicht ist er in ihren Augen doch der absolute Loser. [Und] die opportunistischen Anti-Eliten, die immer zum Westen gehören wollten, wenigstens was die Konsummöglichkeiten angeht – die hat er dieser Möglichkeiten beraubt. Und wenn sich herausstellt, dass alles geklaut ist, was seit 2012 in die Reform der Armee investiert wurde – was soll Putin dann noch retten?

Yurchak: Ich glaube, Putins Argumentation (sowohl für ihn selbst als auch für die Mehrheit der Bevölkerung) basierte nicht so sehr auf der Wiedererrichtung der UdSSR oder des Russischen Reiches, sondern auf der Idee des Russki Mir. Und die geht wiederum mit einer bestimmten Auffassung von der russischen Kultur einher. In meiner Disziplin verstand man darunter die Kultur des 19. Jahrhunderts. Die Träger der russischen Sprache und jener Kultur leben heute sowohl in der Ukraine als auch in Nordkasachstan. Die Sowjetunion zerfiel, die Landsleute wurden getrennt [in dieser Vorstellung – dek]. Aber so funktioniert Kultur nicht. Sie ist ein Prozess, der ständigen Veränderungen unterworfen ist. Sie ist voller Widersprüche, und es gibt nicht den einen Mechanismus der „russischen Seinsart“. Die Menschen in der Ukraine, die seit Jahrzehnten Russisch sprechen, sind bereits Teil einer ganz anderen Identität. Das ist normal. So funktionieren Sprachen und Kulturen.

Putins Auslegung dessen, was Russki Mir sein soll, hat sich als Irrtum erwiesen. Das Problem ist nicht, dass die Armee schwach ist und alles gestohlen wurde, sondern dass es in der Ukraine keinen Rückhalt dafür gibt. Die „russische Welt“ ist offensichtlich überhaupt nicht an Russland interessiert. Dass die Menschen in Cherson ihre Jungs der ukrainischen Streitkräfte mit Blumen und Flaggen begrüßen, bestätigt das noch einmal. Putins Konzept des Russki Mir steckt in einer tiefen Krise, und ich glaube, das ist das wichtigste Ergebnis der „Spezialoperation“ und nicht, dass das ganze System ineffektiv oder alles geklaut ist und so weiter. Seine philosophische Basis, das, worauf er seine Idee, seine Mission gründet, womit er in die Geschichte eingehen will – all das befindet sich in einer tiefen Krise. Deshalb herrscht so eine Ratlosigkeit.

Putins Auslegung dessen, was Russki Mir sein soll, hat sich als Irrtum erwiesen. Die „russische Welt“ ist offensichtlich überhaupt nicht an Russland interessiert 

Wenn ich sage, dass bestimmte Reformen von oben möglich sind, dass sie zumindest nach diesen Möglichkeiten suchen werden, dann meine ich, dass man die Zielsetzung des Staates neu formulieren muss. Dafür müsste man Putin irgendwie sanft absetzen und eine Gruppe von Menschen an die Macht bringen, die keine neue Ideologie formuliert, sondern einfach sagt, dass man die Beziehungen zum Rest der Welt wieder in Ordnung bringen muss, die Beziehungen innerhalb der Gesellschaft, ohne jemandem die Schuld zu geben, sondern indem man es so aussehen lässt, dass man zwar Fehler gemacht hat, aber dass sie sich schnell lösen lassen. Wie realistisch das ist, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass es für sie der einzige Weg ist, aus dieser Situation herauszukommen.

Klar ist Putin gerade vor allem von seinem Selbsterhaltungstrieb geleitet: Wie soll ich die Macht abgeben, ohne dass man mir danach die Kehle durchschneidet? Das ist offensichtlich. Aber ich höre Ihnen zu, Alexei, und denke, was waren das denn für Berater, dass sie sich so sehr in ihrer Einschätzung des Russki Mir täuschen konnten?

Kolesnikow: Ich glaube, sie haben sich tatsächlich getäuscht. Den Zustand falsch eingeschätzt, in dem sich der Russki Mir befindet, beziehungsweise das kanonische Territorium der Russisch-Orthodoxen Kirche oder der „Brüder“-Gemeinschaft. Es hat sich herausgestellt, dass die Brüder ihre eigene Identität haben. Wie der ehemalige finnische Botschafter in Russland, René Nyberg, ein kluger Mann, mal irgendwo sehr treffend geschrieben hat: „Was passiert ist, ist ein Scheitern der Ukraine-Analyse.“ In Wirklichkeit ist es sogar ein Scheitern weit größeren Charakters, nämlich der postsowjetischen Studien, sofern sie überhaupt je gemacht wurden. Wir sehen hier ganz klar ein Weltbild durch die Augen der Sicherheitsdienste. Für sie ging es darum, das Imperium wiederzuerrichten, um das Leben des Regimes und Putins selbst zu verlängern. Dabei hätte Putin das auch gekonnt, ohne diese katastrophalen Schritte zu gehen. Alles, was er sich vorgenommen hat, ist nach hinten losgegangen, es geht bergab mit der Wirtschaft, der Demografie und der Loyalität der Eliten, die gezwungen sind, an seiner Seite zu bleiben oder so zu tun, als ob sie ihn unterstützen, obwohl sie ihn eigentlich hassen. Sie stecken einfach zu tief drin. Das verlängert die Lebenszeit des Regimes. Die Staatsmaschinerie funktioniert, schwärzt zuverlässig „ausländische Agenten“ an, spuckt die übelsten antidemokratischen Gesetze aus, verhängt Strafen für die „Diskreditierung der Armee“ und „Fakes“. Das alles funktioniert, alle marschieren in Reih und Glied.

Es fängt dieses schreckliche Gerede davon an, auf unserer Seite stünde Gott und auf der anderen – Satan, Iblis und Luzifer

Um das alles zu verlängern, gehen sie sogar noch einen Schritt weiter: Es fängt dieses schreckliche Gerede davon an, auf unserer Seite stünde Gott und auf der anderen – Satan, Iblis und Luzifer. Sie sitzen da und denken sich das alles aus, lassen sich mittlerweile wahrscheinlich auch schon von denen beraten, mit denen sie sonst nicht gesprochen hätten – den rechtsextremen Vordenkern. Dann taucht diese These vom Volkskrieg auf, die Kirijenko eingestreut hat. 
Ich glaube, sobald sich eine Gesellschaft gewissermaßen modernisiert hat, eine Konsumgesellschaft im westlichen Sinn geworden ist, sind die Menschen nicht mehr bereit, in den Tod zu ziehen. Aber da ist ein Diskurs aufgekommen, der völlig archaisch ist, über die Heroisierung der Gewalt, des Todes. Wie ertragen das Leute, die in teuren italienischen Anzügen durch die Gegend laufen, BMW fahren und deren Kinder an westlichen Universitäten studiert haben? Wie geht das zusammen?

Wann findet das alles ein Ende? Wann und wie hört dieser Krieg auf? Wann endet dieser furchtbare, rückwärtsgewandte, antiliberale Trend, den wir in Russland beobachten, und endet er überhaupt?

Yurchak: Wann sich etwas ändert, kann ich nicht sagen, ich hoffe, bald. Aber wenn es einmal anfängt, wird es schnell gehen. Hier würde ich eine Parallele zur späten Sowjetunion ziehen, zur Spätphase der Perestroika, als klar wurde, dass das System zusammenbricht, als seine Grundfesten 1990 in Frage standen. Die Massen wurden von dem Gefühl ergriffen, dass es kein Zurück gibt, und von einem starken Wunsch, ein Teil davon zu sein. Das war wahrscheinlich die größte Überraschung der Endphase der Sowjetunion. Ich glaube, es wird so ähnlich sein.

Kolesnikow: Auch wenn die Frage abstrakt scheint, ist sie sehr interessant und konkret. In Moskau werden unsere Gespräche von diesem zentralen Gedanken beherrscht: „Mein Gott, wann ist das endlich alles vorbei?!“ Das ist natürlich so ein emotionaler Aufschrei. Häufig hört man noch: „Gut, dass meine Mutter das nicht miterleben musste“, „Gut, dass Iwan Iwanowitsch nicht mehr am Leben ist – er hätte diesen Alptraum nicht überstanden“. Oder: „Wir haben unser Leben ja schon hinter uns, aber was wird nur aus den Kindern?“ – woraus ich schließe, dass viele aus der Mittelschicht, der Intelligenzija, annehmen, dass das noch auf unbestimmte Zeit so weitergehen kann. Und eine solch ewige Ungewissheit ist psychisch schwer zu ertragen. Aber in Wirklichkeit kann der Umbruch schnell und unerwartet kommen, und schnell passen sich die Menschen an, sie ändern sogar ihre Weltanschauung oder tun zumindest so. 

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Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

Bereits in den ausgehenden 1980er Jahren kündigten sich zentrifugale Tendenzen in der UdSSR an. Es gründeten sich zahlreiche protopolitische Vereinigungen, die das Machtmonopol der KPdSU herausforderten. Offenes Reden über Probleme wie das Warendefizit, die Bürokratie oder die ideologische Bevormundung entzogen der KPdSU zunehmend die Legitimation. Die Krise des Staates wurde noch verstärkt durch das unablässige Wettrüsten mit den USA, das die Ressourcen der UdSSR verschlang. Die Wirtschaft des Landes konnte mit den Ansprüchen der Bevölkerung nicht mehr mithalten. In dieser Zeit wurden auch die Forderungen nach mehr Selbständigkeit der Republiken zunehmend radikaler. Einigen Historikern zufolge war es diese Krise, die das Land zu Fall brachte. Andere Historiker widersprechen dieser These: Es war die Perestroika Gorbatschows – ein letzter, jedoch erfolgloser Versuch der Erneuerung – , die ihrer Ansicht nach dem Staat entscheidend zusetzte: Mit der Schwächung der Partei, die in der Politik der Perestroika angelegt war, griff Gorbatschow die Grundlage der eigenen Macht an.

Einen Präzedenzfall schuf Estland am 16. November 1988. Noch vor den ersten halbfreien Wahlen zum Volksdeputierten-Kongress der UdSSR, proklamierte der Oberste Rat der Estnischen SSR die Souveränität der Republik. Im nächsten Jahr folgten Litauen und Lettland. Diese Souveränitätserklärungen bedeuteten jedoch noch nicht den Austritt aus der Sowjetunion, sondern lediglich den Vorrang der eigenen Gesetze gegenüber der unionsweiten Gesetzgebung.

Im Laufe des Jahres 1990 erklärten alle Republiken außer Armenien ihre Souveränität. Den nächsten Schritt machten im selben Jahr die drei baltischen Republiken – Litauen, Lettland  und Estland – als ihre Obersten Räte den Austritt aus der Union beschlossen. Doch der schwerste Schlag traf die Sowjetunion am 12. Juni 1990, als Russland (RSFSR) seine Souveränität erklärte. Alle Gremien der Unionsebene befanden sich in Moskau, ohne Russland konnte die Union nicht existieren. Der Oberste Rat der UdSSR und die Unionsministerien verloren in der Folge rapide an Macht gegenüber den Organen der RSFSR.

Sowohl in der Bevölkerung als auch unter den Eliten bestand Uneinigkeit im Bezug auf die Zukunft der Sowjetunion. Nicht nur die „Demokraten“ um den ehemaligen Moskauer Parteichef Boris Jelzin, sondern auch die „konservativen“ Kritiker der Perestroika sahen in der Unabhängigkeit Russlands eine Möglichkeit, die unpopuläre Führung Gorbatschows abzuschütteln. Gorbatschow geriet so zwischen die politischen Fronten  der immer offener prowestlich-liberal auftretenden Opposition um Jelzin, die seine Reformen als zu halbherzig kritisierten, und den „Konservativen“, denen seine Reformen zu weit gingen. Begünstigend für den Zerfallsprozess wirkte auch die Tatsache, dass die Bevölkerung sowohl in Russland, als auch in den „nationalen“ Republiken jeweils ihre eigene Republik bei der Verteilung der Ressourcen im Nachteil sah.1 Für den Erhalt der Union plädierten vor allem Vertreter der russischen Minderheit in den nationalen Republiken, orthodoxe Kommunisten sowie einige Fraktionen innerhalb des demokratischen Lagers, wie zum Beispiel die Demokratische Partei Russlands.2 Innerhalb der nationalen Republiken begannen auch die KPdSU-Funktionäre, offen über die Unabhängigkeit zu diskutieren.

Am 17. März wurde auf Vorschlag von Gorbatschow ein Referendum über den Erhalt der UdSSR abgehalten, das jedoch von den drei baltischen Republiken sowie Georgien, Armenien und Moldawien boykottiert wurde. In den restlichen Republiken sprachen sich 77,8 Prozent für den Erhalt der Sowjetunion aus. Doch das Kräftemessen zwischen der sowjetischen und der russischen Regierung ging weiter. Jelzins nächster großer Sieg nach der Souveränität der RSFSR war die Einführung des Präsidentenamtes in Russland am 17. April 1991. Durch die Direktwahl mit 57,3 Prozent der Stimmen genoss Jelzin mehr Legitimität als Gorbatschow, der Präsident der UdSSR, der in sein Amt ein Jahr zuvor durch den Obersten Rat gewählt worden war.

Ab April 1991 verhandelten Gorbatschow und die Oberhäupter Russlands, der Ukraine, Belarus', Aserbaidschans sowie der zentralasiatischen Republiken über einen neuen Unionsvertrag. Im Sommer wurde der Text erarbeitet, für den 20. August war die Gründung der Union Souveräner Staaten geplant, eines föderativen Staatengebildes. In Russland appellierten einige Politiker des demokratischen Lagers an Jelzin, den neuen Vertrag nicht zu unterzeichnen, da Russland sich dann im ständigen Konflikt mit der Unionsregierung befinden würde.3 Der neue Unionsvertrag kam faktisch ohne Zustimmung der republikanischen Legislative zustande.

Einen Tag vor dem geplanten Vertragsabschluss begann am 19. August 1991 ein dreitägiger Putschversuch der Hardliner aus der Unionsregierung, der zwar den Erhalt der Union zum Ziel erklärte, nach Meinung der meisten Experten den endgültigen Zerfall jedoch noch beschleunigte. Nach der Niederlage der Putschisten stand Jelzin als unbestrittener Sieger gegenüber Gorbatschow da.

Nachdem der Staatsrat der UdSSR am 5. September die Unabhängigkeit der baltischen Staaten – ohne das vorgeschriebene Referendum – anerkannt hatte, drängte man auch in der Ukraine auf Autonomie. Nach der Proklamation der Unabhängigkeit am 24. August wurde am 1. Dezember 1991 ein neues Referendum durchgeführt, bei dem sich eine Mehrheit von 90,32 Prozent  für die Unabhängigkeit aussprach. Ohne die als zweitwichtigste geltende Republik konnte Gorbatschows Idee der als Konföderation umorganisierten UdSSR nicht aufrechterhalten werden. Gorbatschow drängte zwar weiterhin auf eine Einigung mit den Republiken. Doch ein Treffen Jelzins mit den Präsidenten der Ukraine und Belarus', Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch, am 8. Dezember 1991 in Belawesschkaja Puschtscha durchkreuzte diese Versuche endgültig. Dort wurde die Auflösung der UdSSR für bereits geschehen erklärt und die Schaffung eines losen Zusammenschlusses, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) vereinbart.

Am 12. Dezember ratifizierte der Oberste Rat der RSFSR das Abkommen von Belawesschkaja Puschtscha mit 188 Stimmen, bei nur sechs Gegenstimmen. Die russische Delegation wurde infolgedessen aus beiden Kammern des Obersten Rates der UdSSR abberufen. Der Rat der Union verlor dadurch sein Quorum und war so formal entscheidungsunfähig. Am 25. Dezember legte Gorbatschow sein Präsidentenamt nieder. Einen Tag darauf erklärte der Rat der Republiken, das Oberhaus des Obersten Rates der UdSSR, die Existenz der Union für beendet.

Zum damaligen Zeitpunkt befanden sich schon etliche Republiken im faktischen Kriegszustand. Die lokalen Konflikte an der Peripherie wurden jedoch in Russland zunächst aus der Wahrnehmung verdrängt. In globaler Perspektive galt nun die größte Sorge dem atomaren Erbe der sich auflösenden Weltmacht.


1.Nezavisimaja gazeta: Obraščenie k presidentu Rossii B. N. El'cinu , 08.08.1991 
2.Buldakov, Vladimir (1997): Krasnaja smuta: Priroda i posledstvija revoljucionnogo nasilija. Moskau, S. 367 
3.Hosking, Geoffrey (2006): Rulers and Victims – The Russians in the Soviet Union, Cambridge-London, S. 382-385 
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