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Perestroika bei dekoder

Quelle dekoder

Liebe dekoder-Leser, Freunde und Förderer,

es ist viel los bei dekoder, eine kleine Perestroika findet statt:

Wir bauen eine neue Community auf, den dekoder-Klub – und haben eine neue Geschäfts-Struktur.

Dabei geht es insgesamt für den dekoder nun um die Wurst: Die Fördermittel aus der Erbschaft unseres Gründers Martin Krohs reichen noch knapp ein Jahr. Aber dekoder hat noch viel vor:

Und dazu brauchen wir euch, liebe Leser!

dekoder-Struktur

dekoder hat ja als Idee von Martin Krohs begonnen. Er hat seine Erbschaft eingesetzt, um dekoder zu gründen. Nach ein paar Monaten waren wir als Team komplett und packen seitdem unsere ganze Energie hinein. Martin hat sich von Anfang an vor allem als Initiator gesehen, zumal er eigentlich aus einer anderen Ecke stammt, der Philosophie. Dorthin wechselt er jetzt wieder komplett und hat uns vorgeschlagen, dekoder auch geschäftlich in die eigene Verantwortung zu übernehmen. Nun sind wir dekoder-Gesellschafter – das fühlt sich gut an und wir haben viel vor.

Zu unserem neuen Geschäftsführer haben wir Anton Himmelspach bestimmt, der zugleich dekoder-Politikredakteur ist. Insgesamt spielt die dekoder-Band für euch weiter in der bewährten Besetzung: Alena Göbel managt Content und Controlling, Daniel Marcus trommelt die Sozialen Medien, Leonid Klimov bedient die Wissenschaft, Friederike Meltendorf kuratiert die Übersetzungen, und Tamina Kutscher ist die Chefredakteurin.

dekoder-Finanzen

Martin bleibt dekoder nicht nur als Mit-Gesellschafter, sondern auch als Förderer erhalten: Die von ihm gegründete Konvert-Stiftung unterstützt dekoder weiterhin. Doch diese Gelder sind begrenzt. Und obwohl auch andere Stiftungen vereinzelt Projekte auf dekoder fördern: Der laufende Betrieb ist nur noch für knapp ein Jahr gesichert.

Also was tun? Wir sprechen derzeit mit vielen Stiftungen und potentiellen Förderern. Wir suchen nach unterschiedlichen Möglichkeiten der Finanzierung. In einem Punkt sind wir uns sicher: Unsere Inhalte sollen weiterhin allen Menschen frei zugänglich bleiben. Schließlich sind wir eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich der Bildung und Völkerverständigung verschrieben hat.

dekoder-Klub

Neben der neuen Struktur hier unsere andere große Neuigkeit: der dekoder-Klub!

Ab zwei Euro im Monat könnt ihr beitreten, dafür bekommt ihr einen Premium-Newsletter mit wichtigen Texten und Links zu aktuellen Russlandthemen. Außerdem sind Klub-Treffen in Hamburg und Berlin geplant. So könnt ihr uns und wir können euch kennenlernen und wir alle können uns miteinander austauschen.

Mit eurer Klub-Mitgliedschaft helft ihr, dekoder am Laufen zu halten. Und ihr tragt dazu bei, dass wir euch unabhängige Stimmen aus Russland sowie fundiertes Russland-Wissen dauerhaft zugänglich machen können. Wir freuen uns, wenn ihr dabei seid!

Es gibt also viel Neues. Schaut euch den Klub doch mal an.

Macht mit! Werdet Teil von dekoder!

Herzliche Grüße
Eure dekoder-Redaktion

Tamina Kutscher, Friederike Meltendorf, Daniel Marcus, Leonid Klimov, Anton Himmelspach, Alena Göbel
mit Franziska Knapp (studentische Mitarbeiterin) und Peregrina Walter (Praktikantin)

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Tscheburaschka

Große runde Ohren, traurige Kulleraugen und eine entwaffnend niedlich quietschende Stimme: Heute wie vor 50 Jahren zieht Tscheburaschka alle Augen auf sich. Was ist das für ein seltsames Tier? Das fragt sich der Obsthändler, aus dessen Orangenkiste Tscheburaschka im ersten Teil der Trickfilmreihe purzelt – und das fragen sich bis heute die Zuschauer. Tscheburaschka, das kleine, unverwechselbare Fabelwesen, ist seit seiner Erschaffung im Jahr 1966 ein fester Bestandteil der russischen Populärkultur. Heute taucht Tscheburaschka in unterschiedlichsten Zusammenhängen auf: in Werbespots, als Maskottchen für die russische Mannschaft der Olympischen Spiele seit 2004, aber auch als Kiffer oder als Guerillakämpfer.

Den Urtext für die Figur dieses kleinen und doch so populären Wesens bildet das erstmals 1966 in der Sowjetunion erschienene Kinderbuch von Eduard UspenskiEduard Uspenski (geb. 1937) ist ein russischer Kinderbuchautor. Er absolvierte ein Ingenieursstudium, entschied sich aber für einen Weg als Schriftsteller. Zahlreiche seiner Bücher wurden später in Trickfilme und Theaterstücke umgearbeitet, darunter sein Erstlingswerk ​Krokodil Gena und seine Freunde aus dem Jahr 1966 und ​Onkel Fjodor, sein Hund und seine Katze aus dem Jahr 1974. Krokodil Gena und seine Freunde. Gemeinsam mit Roman Katschanow hat Uspenski auch die Drehbücher für die vier erfolgreichen Puppentrickfilme geschrieben. Der renommierte Animationskünstler Leonid Schwartsman besorgte die Zeichnungen, in Vielem ist die Ästhetik der Filme sowie ihrer Hauptfigur sein Verdienst. Im Gegensatz zu den meisten anderen während der sowjetischen Ära der StagnationDer Begriff Sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung Sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt. produzierten Trickfilmen (etwa Nu pogodi! von 1969, das sich am westlichen Vorbild Tom und Jerry orientierte), handelt es sich bei Tscheburaschka um eine genuin sowjetische Erfindung.

Uspenski, Katschanow und Schwartsman schufen mit Tscheburaschka eine Figur jenseits der bestehenden Kategorien. In seiner Einzigartigkeit liegt aber zugleich auch seine Tragik: Niemand weiß etwas mit ihm anzufangen. Er möchte so gern in einem Zoo leben, aber man lässt ihn nicht – welcher Tierart sollte man ihn denn auch zuordnen? Der einsame und gesellschaftlich entfremdete Außenseiter, der sich nicht in das sowjetische Ideal des KollektivsVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. einordnen lässt – dieses Motiv war in der desillusionierten Stagnationszeit der 1970er Jahre in Kinderfilmen häufiger anzutreffen.1 In den Tscheburaschka-Filmen werden darüber hinaus aber auch ökonomische Missstände in ironisch gebrochener Weise angesprochen, etwa wenn die Schule, die Tscheburaschka besuchen möchte, wegen Nachlässigkeit der Bauarbeiter nicht mehr rechtzeitig zum Schulbeginn fertiggestellt wird.

Tscheburaschka ist heute nicht nur in Russland populär, sondern unter anderem auch in Japan, wo 2014 das renommierte Studio Ghibli einen eigenen Film schuf. Auch die Werbung nutzt die Tscheburaschka-Figur, sie ist Protagonist mehrerer Computerspiele und inzwischen sogar Internet-Mem: Tscheburaschkas Harmlosigkeit wird dabei häufig mit Gewalt oder Sexualität kontrastiert, so posiert er auf manchen Bildern mit KalaschnikowMichail Kalaschnikow (1919–2013) war der Konstrukteur des gleichnamigen Maschinengewehrs. Seit 1947 wurde die AK-47 immer weiterentwickelt; Schätzungen zufolge ist sie – inklusive Nachfolgemodelle, Derivate und Kopien – die weltweit meistverbreitete Feuerwaffe. Im September 2017 enthüllte Jelena Kalaschnikowa, die Tochter des Waffenkonstrukteurs, ein Kalaschnikow-Denkmal im Zentrum der Hauptstadt. Es wurde sehr kontrovers aufgenommen: Viele Moskauer befanden, dass es zynisch sei, dem Macher einer „Massenvernichtungswaffe“ ein Denkmal zu setzen.  oder als guerrillakämpfender „Tsche“-Guevara. Die Loslösung vom Originalkontext ist komplett, die Figur findet sich heute schlicht überall.

 

Viele Dialogpassagen der Filme sind längst zu geflügelten Worten geworden, so etwa Tscheburaschkas Vorschlag, er könne Gena beim Tragen seiner Koffer helfen, wenn dieser wiederum ihn selbst tragen würde.2 Auch das melancholische Geburtstagsständchen, das Gena im Regen sich selbst singt, hat in Russland jeder im Ohr. Dass Tscheburaschka zum Symbol der russischen Nationalmannschaft für die Olympischen Sommerspiele 2004 wurde, verwunderte zunächst viele. Das Auswahlkomitee begründete seine Wahl damit, dass Tscheburaschka stets die Verkörperung des Guten und Aufrichtigen darstelle und gleichermaßen von Kindern wie von Erwachsenen geliebt werde.3

Universelle Werte wie die unerschütterliche Freundschaft zu Gena, Güte, Aufrichtigkeit, vor allem aber: Melancholie. Stets will dieses kleine Wesen dazugehören. Als Tscheburaschka sich – ganz ideologisch korrekt – einer fleißigen Kinder-Pioniergruppe anschließen will, nach allerlei Schwierigkeiten schließlich sein Ziel erreicht und zusammen mit Gena mit den Kindern im Stechschritt marschieren darf, stolpert er über den Schwanz seines Krokodil-Freunds und schleppt sich unglücklich und gequält weiter vorwärts.4 Die Stimmung eines Happy Ends will in dieser Szene nicht recht aufkommen ... Überhaupt hinterfragen die Filme immer wieder subtil sowjetische Ideale. Nicht immer scheint es zu funktionieren, die Suche nach Glück auf gesellschaftliche Zugehörigkeit auszurichten. Das kleine, liebenswerte Tscheburaschka ist mehr als eine Trickfilmfigur: Es thematisiert mit trauriger Ironie mitunter geradezu universelle Lebensfragen.5


1.Kuznecov, S. (2008): Zoo, ili filmy ne o ljubvi, in: Lipovedskij, M. (Hrsg.): Vesjelyje čelovečki: kulturnyje geroi sovetskogo detstva, Moskau. S. 355
2.Beumers, B. (2010): Comforting creatures in children’s cartoons. In: Marina Balina, Larissa Rudova (Hrsg.). Russian Children's Literature and Culture, S. 166
3.Kuznecov, S. (2008), S. 360
4.Der Ausdruck Tscheburaschka kommt nicht umsonst vom russischen Verb tscheburachnutsja (hinfallen), weswegen er auch oft mit „Kullerchen“ übersetzt wird.
5.Ključkin, K. (2008): Zavetnyj multfilm: pričiny poluljarnosti „Čeburaški“, in: Lipovedskij, M. (Hrsg.): Vesjelyje čelovečki: kulturnyje geroi sovetskogo detstva, Moskau. S. 369
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