Medien
slon

Die Fragen der Enkel

„Es gab einen Mord.“ Der FSB-Beamte im sibirischen Tomsk muss sehr erschrocken sein. Der junge Mann vor ihm ließ nicht locker: „Es gab einen Mord und ich möchte wissen, wer die Verantwortlichen sind.“

Der Mord, zu dem Denis Karagodin seit jenem Tag forscht, liegt viele Jahrzehnte zurück: Es geht um seinen Urgroßvater Stepan Karagodin. Der KosakeKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot. war Bauer, hatte neun Kinder und wurde in den Jahren des Großen Terrors unter Stalin vom NKWD verhaftet und als „japanischer Spion“ erschossen.

Stepan Karagodins Schicksal ist kein Einzelfall, genauso wie das seiner Familie: Mehr als eine Million Menschen fielen in den Jahren 1937/38 dem Großen Terror zum Opfer. Mehrere Jahre wusste keiner in der Familie Karagodin, wo der Vater war, ob er überhaupt noch lebte. Irgendwann Mitte der 1950er Jahre erfuhr die Familie dann, dass Stepan Karagodin „rehabilitiert“ sei. Da war er schon fast 20 Jahre tot.

Denis Karagodin gibt sich nicht zufrieden mit der „Entschuldigung“ aus den 1950er Jahren. „Jede Generation meiner Familie hat versucht, sein Schicksal zu rekonstruieren“, sagt er kürzlich im Interview mit Radio Svoboda. Karagodin möchte die Schuldigen zur Verantwortung ziehen. Sammelt seit Jahren Dokumente, die den Mord an seinem Urgroßvater belegen, rekonstruiert den Ablauf der Ereignisse und die Namen der Beteiligten. Alles hat er auf seinem Blog dokumentiert. Denis Karagodin sieht den FSB als Nachfolgeorganisation des NKWD in der Verantwortung, und er lässt nicht locker.

Iwan KurillaIvan Kurilla (geb. 1967) ist russischer Historiker und Publizist, der sich hauptsächlich mit der Geschichte der russisch-amerikanischen Beziehungen, aber auch der Gedächtniskultur und Geschichtspolitik beschäftigt. Seit 2015 ist er Professor an der Europäischen Universität in St. Petersburg. beschreibt auf slon.ru, was Karagodins Nachforschungen für die russische Gesellschaft bedeuten könnten.

Quelle slon
Jahrelang wusste keiner in der Familie, wo Stepan Karagodin war –  Foto © Denis Karagodin

Dieser Tage ging die Geschichte von Denis Karagodin durch die Medien: Ein Absolvent der Tomsker Universität, der zu den Todesumständen seines Urgroßvaters Stepan forscht, Anfang 1938, in der Zeit des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt.. Nach der Verurteilung im „Prozess gegen die Spionage- und Sabotagegruppe von Harbinern und Deportierten aus dem Fernen Osten“Im Zuge der Oktoberrevolution 1917 flohen mehr als 100.000 Gegner der Bolschewiki nach Harbin, das im heutigen China liegt. Im Jahr 1932 okkupierten japanische Streitkräfte die Stadt und errichteten das Kaiserreich Mandschukuo. Tausende russische Harbiner und russische Bewohner anderer Mandschukuo-Regionen wurden in die Sowjetunion deportiert. 1937 wurden auf NKWD-Befehl ca. 30.000 der Deportierten verhaftet. Man beschuldigte sie, mit Japan kollaboriert zu haben. Etwa 19.000 Menschen fielen Erschießungen zum Opfer. sowie als „Gruppenführer des japanischen Militärnachrichtendienstes“ wurde Stepan Karagodin Anfang 1938 vom NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem GULag. erschossen.

Denis ging zum FSBAls Inlandsgeheimdienst ist der FSB die Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Die Abkürzung FSB steht für Federalnaja Slushba Besopasnosti, auf Deutsch: Föderaler Sicherheitsdienst. und verlangte, Nachforschungen zum Tod seines Urgroßvaters anzustellen und die Schuldigen an diesem Verbrechen festzustellen. In Russland erscheint ein solcher Schritt naheliegend – und gleichzeitig unmöglich.    

Das Gebot „sich ja rauszuhalten“     

Millionen von Menschen haben in den Jahren des Staatsterrors in der UdSSR ihre Verwandten verloren, bekamen während des TauwettersBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. der Ära ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. lückenhafte Informationen zu deren Rehabilitierung  und dann in GorbatschowsGeboren 1936 beerbte Gorbatschow 1985 Konstantin Tschernenko als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Seine Reformprogramme Glasnost und Perestrojka öffneten die UdSSR für politische und wirtschaftliche Veränderungen, die im – von ihm nicht angestrebten – Zerfall der UdSSR mündeten. Er leitete das Ende des Kalten Krieges ein, ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung und erhielt für seine Verdienste 1990 den Friedensnobelpreis. Im heutigen Russland werfen ihm viele vor, für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die wirtschaftlichen Probleme der 1990er Jahre verantwortlich zu sein. PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. ein etwas genaueres Bild – diesen Verlust erlebten sie als persönliches Leid. Der Staat hatte ihnen die Angehörigen entrissen und diese posthum (oder im Glücksfall auch noch zu Lebzeiten, nach Jahrzehnten im GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst.) von Schuld freigesprochen – und dafür konnte und musste man ihm „danke“ sagen.     

Die Generation, die die Stalinzeit erlebt hat, hatte den Staat fürchten gelernt und ihren Kindern das Gebot mitgegeben, „sich ja rauszuhalten“. Eine besondere, fast abergläubische Angst empfanden die Bürger vor den Organen der StaatssicherheitMit dem Begriff Staatssicherheit ist der Inlandsgeheimdienst FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) gemeint. Die Bezeichnung geht zurück auf die sowjetische Vorgängerorganisation KGB, das Komitee für Staatssicherheit..

Wahrscheinlich war die politische Ruhe der relativ wenig repressiven Breshnew-Zeit teilweise der Fügsamkeit der Bevölkerung zu verdanken. Die wusste aus der Erfahrung ihrer Eltern, dass der Staat anfangen kann zu töten. Kein Wunder, dass allein der Gedanke, Ansprüche gegen den Staat geltend zu machen, erst dem in der Zeit nach BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. geborenen Urenkel eines Hingerichteten in den Sinn kam.

Verbrechen als Verbrechen benennen

Denis Karagodin warf die Frage auf nach der Verantwortung des Staates und der konkreten Terror-Vollstrecker. Und zwar nicht die Frage nach der politischen Verantwortung, über die man schon seit dem XX. KPdSU-ParteitagVom 14. bis 25. Februar 1956 fand der XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR statt. Er gilt als Anfang der sogenannten Tauwetter-Periode. Mit einer fünfstündigen Geheimrede initiierte Parteichef Nikita Chruschtschow eine Entstalinisierungskampagne. Chruschtschow kritisierte den Personenkult um Stalin und verurteilte die stalinistischen Säuberungen an Parteimitgliedern aufs Schärfste. gesprochen hatte, sondern die ganz banale Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung.

So ist es doch: Die Ermordung eines unschuldigen Menschen, egal durch wen, verlangt nach Ermittlungen und nach Bestrafung der Täter. Falls die Täter einen Befehl ausgeführt haben, dann muss sich die Strafe auf die ganze Befehlskette erstrecken. Ist seither zu viel Zeit vergangen und aus diesem Befehlsgefüge niemand mehr am Leben, dann müssen in strafrechtlichen Ermittlungen die Namen festgestellt und Verbrechen als Verbrechen benannt werden.

Die Vergangenheit aufarbeiten

In Russland hat es weder eine Kommission zur nationalen Versöhnung noch ein Tribunal für die Henker gegeben. Wie Alexander EtkindAlexander Etkind (geb. 1955) ist ein russischer Historiker, der seit 2013 als Professor für Geschichte russisch-europäischer Beziehungen am European University Institute in Florenz. arbeitet. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Kolonisation Russlands, russische Protestbewegungen sowie Erinnerungskulturen in Osteuropa. Von 2010 bis 2013 leitete er das internationale Forschungsprojekt Memory at War: Cultural Dynamics in Poland, Russia, and Ukraine. in seinem kürzlich erschienenen Buch Kriwoje gore [Verzerrtes Leid] aufzeigt, hat die russische Gesellschaft daher die Folgen des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. bis dato nicht verarbeitet. Sie schwingen noch mit in Kultur und Wissenschaft, in der Beziehung der Menschen untereinander und der Menschen zum Staat.  

Oft heißt es, eine völlige Verurteilung des Stalinismus sei in Russland nicht möglich, denn im Unterschied zu Deutschland, wo die Entnazifizierung von den Besatzungsmächten vorgenommen wurde, habe die UdSSR keine militärische Niederlage erlitten und sei daher gezwungen, ihre Vergangenheit selbst aufzuarbeiten. Die politische Kräftebalance erlaube es angeblich nicht, die Frage nach den Verbrechen des Staates unter Führung der Bolschewiken zu stellen.

Verfechter der stalinistischen Sowjetunion reduzieren den Streit oft auf die Opferzahlen: Sind die nicht übertrieben? Waren es wirklich Millionen und nicht eher nur Hunderttausende Getötete? Als würde die Verlagerung der Diskussion in den Bereich der Statistik es obsolet machen, über das tragische und kriminelle Erbe des Staates zu sprechen.  

Konkretes Schicksal statt trockene Statistik

Denis Karagodin hat nun sein Modell der Vergangenheitsbewältigung vorgeschlagen: persönliche Ermittlung und eine persönliche Klage wegen Tötung seines Urgroßvaters. Das ist ein konkretes Schicksal, keine trockene Statistik. Die Archive des FSB bergen Geheimnisse von Spitzeln und Henkern – ob sie wohl auf die Forderung eines Bürgers hin geöffnet werden?

Es ist zu erwarten, dass die Geschichte Karagodins Vorbildwirkung hat. Auch Angehörige anderer in den Jahren des Terrors Verurteilter könnten vor Gericht ziehen. Dass der Staat darauf mit Einverständnis reagiert, ist nicht gesagt. Womit aber will er begründen, solche Ermittlungen zu verweigern?

In der Sowjetzeit war Angst das Hauptargument. Heute wird sich die Judikative, um solche Ermittlungen zu umgehen, irgendeine juristisch fachkundige Antwort überlegen müssen, die ihrerseits Anstoß für eine Diskussion innerhalb der Gesellschaft sein kann. Jener Diskussion, die es bei uns weder in den 50er- noch in den 80er-Jahren gab.  

„Große Geschichte“ und familiäres Gedächtnis

In den 80er-Jahren fand die Entstalinisierung in den Medien und bei Aktivisten statt. Vielen kam das vor wie eine Art Propaganda: Journalisten schrieben über RepressionenIm Russischen wird repressii/repressirowan [Repressionen/Repressionen ausgesetzt sein] allgemeinsprachlich sehr häufig mit „politischen Verfolgungen“ und „verfolgt sein“ gleichgesetzt. Der Begriff bezieht sich auf die Zeit der Sowjetunion, vor allem unter Stalin., MemorialEine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 u. a. von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden. sammelte Dokumente von Verfolgten, doch im Grunde blieben die Bürger „Konsumenten“ dieser Informationen und hatten sie irgendwann satt (beteuern jedenfalls jene, die sich gegen eine neuerliche Diskussion zur sowjetischen Vergangenheit aussprechen).
Jetzt aber geht es um die Rekonstruktion von Familiengeschichte, und in diesem Zusammenhang kann die Entstalinisierung zu einer persönliche Angelegenheit von Hunderttausenden Staatsbürgern werden.     

Erinnerungsforscher bemerkten vor einiger Zeit, dass das Interesse der Russen an ihren familiären Wurzen rasant ansteigt. Genealogische Forschungen, Familienchroniken, das Durchforsten von Dokumentenarchiven, Geburtsurkunden und Gräbern der Vorfahren verbreiteten sich überall in Russland, in ganz unterschiedlichen sozialen Schichten. Den Platz des „Geschichtslehrbuchs“ nimmt immer öfter die Familiengeschichte ein – als Teil der Landesgeschichte. Und wenn es in diesen Familiengeschichten noch offene, aufgeschlagene Seiten gibt, dann versucht die Enkelgeneration, diese endlich zu schließen.   

Vielschichtiger als ein Geschichtslehrbuch

Auf der Website von MemorialEine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 u. a. von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden. finden sich immer mehr Informationen zu Verfolgten, die Sparte wird oft angeklickt. Die Initiative Posledni AdresDas Projekt Posledni Adres (dt. Letzte Adresse) ist eine junge Bürgerinitiative, die an diejenigen Menschen erinnert, die in der Zeit der Sowjetunion Opfer politischer Repressionen wurden. Ähnlich dem deutschen Pendant der Stolpersteine werden die Namen der Opfer auf einer handflächengroßen metallischen Gedenktafel eingeprägt. Mit entsprechenden biografischen Daten versehen werden diese Tafeln an den Häusern angebracht, in denen die Verfolgten bis zu ihrer Deportation gelebt haben. [Letzte Adresse] montiert auf die Bitte Angehöriger hin Schilder an Häuser, wo Opfer des Staatsterrors abgeholt wurden. Diese wirkungsvolle Bewegung zur Aufarbeitung der Familiengeschichte ist etwas ganz anderes als der Kampf der IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.   in den Medien um das richtige Verständnis der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Das neue Gedenken ist komplexer und vielschichtiger als ein Geschichtslehrbuch.  

Es gibt eine deutliche Parallele zwischen dem Fall Karagodin und der Aktion Bessmertny polkEine Aktion, die im Jahr 2012 im sibirischen Tomsk ihren Anfang nahm: Bei den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges präsentieren Menschen in einer Prozession Portraits von Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Der Name der Aktion spielt auf die Bezeichnung einer militärischen Einheit an: Unsterbliches Regiment. Mittlerweile finden ähnliche Aktionen auch in anderen Ländern statt – nicht nur im postsowjetischen Raum. [Unsterbliches Regiment]. In beiden Fällen wenden sich Nachkommen ihrer Familiengeschichte zu; sie schreiben ihre Großväter in die Geschichte des Landes ein und betrachten die Geschichte des Landes mit den Augen ihrer Großväter. Im Fall des Unsterblichen Regiments entschloss sich der Staat, die Initiative der Bürger zu unterstützen. Wird er bereit sein, auch andere Initiativen zu unterstützen? Können Bürger den Staat dazu bringen, sich zu verändern?

Man würde gern dran glauben, dass es auf diese Fragen eine positive Antwort gibt.

dekoder unterstützen

Weitere Themen

Gnosen
en

Gulag

Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die Kommunistische Partei der SowjetunionDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. Der westlichen Öffentlichkeit ist der Gulag seit den 1970er Jahren durch SolschenizynsIm Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. Buch breiter bekannt geworden: Der Archipel GulagArchipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument. war die grausame Seite des erklärten ruhmreichen Aufbaus der lichten Zukunft im Kommunismus. Gulag ist die Abkürzung für Glawnoe Uprawlenie isprawitelno-trudowych Lagerei (dt. Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager). Das Lagersystem unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst OGPUDie Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war die Nachfolgeorganisation der Tscheka als Geheimpolizei der Sowjetunion. Gegründet 1922 wurde sie ab 1923 unter Felix Dsershinski als vom Innenministerium separierte, eigenständige Behörde geführt. Infolge einer weiteren Reform im Jahr 1934 wurde sie wieder ins Innenministerium integriert., seit 1934 NKWD. Es existierte von 1922 bis 1956.

Die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  verfolgten schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. und dem folgenden Bürgerkrieg sogenannte Klassenfeinde und Gegner des Regimes. Auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer entstand der erste Lagerkomplex, dessen Insassen Zwangsarbeit leisten mussten. Während der forcierten Industrialisierung der UdSSR im Rahmen des ersten Fünfjahrplans 1928–1932 wurde das Lagersystem ausgebaut. Die Zahl der Häftlinge stieg in dieser Zeit von 30.000 auf 300.000. Die Lagerhaft zielte offiziell auf wirtschaftlichen Nutzen sowie die Umerziehung der Inhaftierten durch Arbeit. Bekannte Schriftsteller und Künstler wie Maxim GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war ein russischer Schriftsteller. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen. oder El Lissitzky setzten die ersten Großbaustellen mit Zwangsarbeitern propagandistisch in Szene. Zur Erschließung von Rohstoffen sowie zum Aufbau von Industrie und Infrastruktur entstanden Lagerkomplexe in klimatisch unwirtlichen Gegenden Sibiriens und des Fernen Ostens. Neben den Insassen der Lager mussten in diesen Regionen sogenannte Sondersiedler schwere Arbeit leisten. Viele von ihnen waren als KulakenKulaken (wörtl. Fäuste) war eine Bezeichnung für Großbauern, die weitere Lohnbauer einstellten und auch als Kaufmänner tätig waren. Nach der Revolution 1917 wurden diese oft als Ausbeuterklasse, und Klassenfeinde der Sowjetunion bezeichnet, im Zuge der Zwangskollektivierung Anfang der 30er Jahre unterdrückt. bezeichnete Bauern, die im Zuge der Zwangskollektivierung der LandwirtschaftAls die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern. in den Jahren 1930/31 deportiert worden waren.

Nach dem bis heute ungeklärten Mord am LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. grader Parteichef Kirow im Jahr 1934 kam eine Repressionswelle in Gang, die in den sogenannten Großen Terror der Jahre 1936 bis 1938 einmündete. Etwa 1,7 Millionen Menschen wurden vom NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem GULag. als Volksfeinde verhaftet, 700.000 von ihnen erschossen. Besonders betrafen die Verhaftungen die Spitze von Partei und Armee, aber ebenso die wissenschaftliche, künstlerische und technische Elite. Da vorgegebene Quoten erfüllt werden mussten, es also pro Gebietseinheit eine vorgegebene Mindestzahl von Verhaftungen geben sollte, konnte es jeden Bürger treffen. Verschwörungen und Beweise wurden erdacht, Schauprozesse inszeniert, Geständnisse unter Folter erpresst. Die Vernichtungsmaschine erfasste selbst den Apparat des NKWD. Nachdem der Geheimdienstchef JagodaDer Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete. 1936 und sein Nachfolger Jeshov 1938 erschossen worden waren, übernahm BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem GULag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen. bis 1953 die Leitung der Hauptverwaltung der Lager.

In den Jahren nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzten sich Vernichtungs- und Repressionsmaßnahmen gegen die Bevölkerung fort. Sie betrafen nun auch Polen, Ukrainer, Belarussen und Balten, die durch den Hitler-Stalin-PaktAm 23. August 1939 geschlossener und von den Außenministern des Deutschen Reichs (Joachim von Ribbentrop) und der Sowjetunion (Wjatscheslaw Molotow) in Moskau unterzeichneter deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt. Der offizielle Vertrag sah Neutralität bei Konflikten mit Dritten vor und einen Verzicht auf gegenseitige Gewaltanwendung. In einem erst 1945 bekannt gewordenen Zusatzprotokoll wurden die Einflusszonen beider Staaten in Ost- und Südosteuropa definiert, was unter anderem die Grundlage für den deutschen Überfall auf Westpolen und die Einverleibung Ostpolens durch die Sowjetunion bildete. unter sowjetische Herrschaft gekommen waren. Nach Ende des Krieges wurden ehemalige sowjetische Armeeangehörige, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, und der Kollaboration verdächtigte Zivilpersonen in den Lagern interniert.

Als Stalin 1953 starb, saßen circa 2,5 Millionen Menschen in sowjetischen Lagern. Insgesamt waren bis zu 20 Millionen Menschen durch den Gulag gegangen. Nach Schätzungen sollen etwa 2,7 Millionen Menschen im Lager ums Leben gekommen sein. Mehr als eine Million kam 1953 durch eine Amnestie frei. Der Großteil der politischen Häftlinge erlangte nach ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. Geheimrede 1956 die Freiheit zurück. Die Lagerhauptverwaltung wurde aufgelöst. Die wenigen verbliebenen Lager dienten auch weiterhin als Haftanstalten für politische Häftlinge, deren Zahl mit 8000 bis 20.000 zwischen 1957 und 1989 aber deutlich niedriger blieb als in den Jahrzehnten zuvor.

Das Thema Gulag konnte seit der Öffnung der sowjetischen Archive in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. gut erforscht werden. Über die Fakten besteht unter HistorikerInnen weitgehend Einigkeit. Strittig ist in der russischen Fachwelt und Öffentlichkeit jedoch die Frage, welchen Stellenwert dem Thema in der Vaterländischen Geschichte eingeräumt werden soll. Während die einen im staatlichen Terror den Kern des sowjetischen Herrschaftssystems sehen, versuchen die anderen, ihn als möglicherweise unumgängliche Begleiterscheinung des forcierten Aufbaus der Sowjetunion zur modernen Großmacht zu legitimieren.


Weiterführende Literatur:
Afanas’ev, Jurij u. a. (Hrsg.) (2004): Istorija Stalinskogo Gulaga, 2. Bd., Moskau
Applebaum, Anne (2003): Der Gulag, Berlin
Ivanova, Galina M. (2001): Der Gulag im totalitären System der Sowjetunion, Berlin
Khlevniuk, Oleg (2004): The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror, New Haven, London
Landau, Julia/Scherbakowa, Irina (Hrsg.) (2014): GULAG: Texte und Dokumente 1929–1956, Göttingen
Memo.ru: SSSR. Istorija repressij: 1917-1991 (wichtigste Sammlung von Materialien online)
Memo.ru: Karte des Lagersystems
dekoder unterstützen
Weitere Themen

Genrich Jagoda

Der Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete.

Andrej Sacharow

Der Physiker und später weltbekannte sowjetische Dissident Andrej Sacharow ist der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einer inneren Kehrtwende engagierte er sich zunehmend gegen atomare Aufrüstung und für die Wahrung der Menschenrechte. 1975 wurde er für sein Schaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Perestroika: Wirtschaft im Umbruch

In den 1980ern verschlechterte sich die Lage der sowjetischen Planwirtschaft Jahr für Jahr. Als Gorbatschow die Krise ab 1985 durch punktuelle marktwirtschaftliche Reformen überwinden wollte, kam die sozialistische Ökonomie erst recht ins Straucheln.

Kollektivierung der Landwirtschaft

Als die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern.

weitere Gnosen
Szene aus dem Film Mne dwadzat Let (All rights reserved)