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Bird In Flight

Ab in die Wanne: Lenins Schönheitskur

Schnell werden die Besucher am aufgebahrten LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  vorbeigeführt. Wer schon mal im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau war, kennt das Gefühl, in der Kürze der Zeit kaum etwas vom einstigen Revolutionsführer gesehen zu haben. Trotzdem liegt beim Anblick des einbalsamierten Wladimir Iljitsch ein Hauch Oktoberrevolution in der Luft – mit der Lenin und die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  vor 100 Jahren die Macht übernahmen.

Nach dem damals in Russland gültigen julianischen KalenderIn Russland galt im Jahr 1917 noch der julianische Kalender. Der zum Ende des 16. Jahrhunderts entstandene gregorianische Kalender ersetzte diesen in Sowjetrussland erst im Februar 1918. Lenin fertigte das Gesetz über die Übernahme des gregorianischen Kalenders mit seiner Unterschrift aus. Da zur Zeit der Oktoberrevolution – Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki – noch der julianische Kalender galt, wurde das Datum im Zuge der Umstellung zwar vom 25./26. Oktober auf den 7./8. November  entsprechend angepasst, die Bezeichnung Oktoberrevolution aber beibehalten. In Russland galt im Jahr 1917 noch der julianische Kalender. Der zum Ende des 16. Jahrhunderts entstandene gregorianische Kalender ersetzte diesen in Sowjetrussland erst im Februar 1918. Lenin fertigte das Gesetz über die Übernahme des gregorianischen Kalenders mit seiner Unterschrift aus. Da zur Zeit der Oktoberrevolution – Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki – noch der julianische Kalender galt, wurde das Datum im Zuge der Umstellung zwar vom 25./26. Oktober auf den 7./8. November  entsprechend angepasst, die Bezeichnung Oktoberrevolution aber beibehalten.  griffen sie am 25. Oktober 1917 zu den Waffen, nahmen in der Nacht zum 26. Oktober das WinterpalaisOft ist bei den Ereignissen vom “Sturm auf das Winterpalais” durch die Bolschewiki die Rede. Tatsächlich hatten die Rotgardisten bei Festnahme der Mitglieder der provisorisch eingesetzten Regierung, die in dem Gebäude seit Juli 1917 residierten, schon leichtes Spiel. Eine Nacht zuvor hatten sie strategische Punkte im damaligen Petrograd besetzt. Das Gebäude konnte gegen sie kaum verteidigt werden. Dem war über Monate eine revolutionäre Entwicklung vorausgegangen und die Macht der eingesetzten Regierung bereits geschwächt. im damaligen Petrograd ein und stürzten die Regierung.

1924, nur sieben Jahre später, starb Lenin – und wurde danach zur ewigen Mumie. Wie ist das überhaupt möglich, seinen Körper so lange in einen solchen Zustand zu versetzen? Anastasia Mamina hat sich für Bird in Flight näher angesehen, welche Prozeduren der Körper durchlaufen muss und ob vom echten Lenin überhaupt noch etwas übrig ist.

Quelle Bird In Flight

"Er war klein, schmächtig und irgendwie gelb." / Foto © ITAR-Tass 1997

Wie alle postsowjetischen Moskauer Kinder besuchte ich das Lenin-MausoleumNach Lenins Tod im Januar 1924 entschied das Politbüro der Kommunistischen Partei, den Körper langfristig zu konservieren und in einem Mausoleum auszustellen. Lenins gegenwärtige Ruhestätte wurde sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 1930 fertiggestellt. Sie befindet sich an der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde das Mausoleum zu einem der zentralen architektonischen Symbole des Landes und zum Mittelpunkt des Lenin-Kultes. so ungefähr in der dritten Klasse. Ich erinnere mich noch, welche Aufregung die Aussicht hervorrief, einen Ausflug zu einer Leiche zu machen, anstatt im langweiligen Unterricht zu sitzen. Wobei, sonderlich beeindruckt hat Lenin mich als Drittklässlerin damals nicht. Er war klein, schmächtig und irgendwie gelb.

Als man mir den Auftrag gab, darüber zu schreiben, was man mit dem Körper des Revolutionsführers so anstellt, wandte ich mich als Erstes an das Mausoleum und an das Institut, das die Ausschreibung [für die im Jahr 2016 durchzuführende biomedizinische Arbeit am Lenin-Korpus - dek] gewann.

Dort war mir das Glück nicht hold. Dafür erfuhr ich, dass man für das Ausplaudern von Staatsgeheimnissen gut und gern vier Jahre hinter Gitter landen kann (zahlreiche Dokumente bezüglich Lenins Leiche sind bis heute unter Verschluss – Anmerkung der Redaktion).

Macht nichts, dachte ich naiv. Dann treibe ich ein, zwei Pathologen auf, einen Biologen aus dem Fachgebiet, mache ein paar Interviews, und der Text steht. Doch ganz so einfach war die Sache nicht.

Der Biologe Witali (Name geändert) sitzt mir gegenüber und bemüht sich, so zu tun, als verbrächte er seinen Abend am liebsten genau so: mit einer ihm kaum bekannten Journalistin in einem Café.

„Verstehst du“, seufzt er und zeichnet sanft eine Figur in die Luft, „ich kann gern versuchen, dir mit den Händen zu erklären, was sie mit ihm genau anstellen, aber das kannst du dir auch im Internet ansehen.“

Ich schüttle den Kopf. „Internet will ich nicht, ich will einen Gesprächspartner. Einen lebendigen mit großen Augen.“

Witali möchte wirklich helfen, aber er weiß nicht, wie. Er erklärt mir, dass man Lenins Körper mehrfach hintereinander badet: zuerst in einer Glyzerinlösung, dann in Formaldehyd, anschließend folgen einige Alkoholwhirpools, dann Wasserstoffperoxid (zur Aufhellung der Haut, sonst würden sich überall Flecken bilden), essigsaures Natron und Kalium sowie eine Essiglösung. Lenin bleibt länger in der Wanne als jedes Mädchen – bis zu anderthalb Monate. Dafür nur alle anderthalb Jahre. In dieser Zeit ist das Mausoleum zu.

Bei klirrender Kälte blieb Lenin wunderbar konserviert

„Das Lustige ist“, sagt Witali und beißt von seinem Croissant ab, „dass man Lenin nach seinem Tod obduziert hat. Sie haben also nicht an eine Einbalsamierung gedacht. Und die wichtigsten Blutgefäße, die Arterien, einfach zerschnitten. Hätte der Pathologe geahnt, dass Lenin noch lange liegen würde, hätte er das natürlich nicht getan. Aber so war das Blutgefäßsystem futsch. Die große Frage war also, wie man die Balsamierflüssigkeit im Körper verteilen konnte. Letztlich machten sie ihm dann Mikroinjektionen, packten ihn in einen Gummianzug, damit nichts herauslief … Warum isst du denn nicht? Deine Suppe ist längst kalt.”

Schlange stehen für Lenin, im Jahr 1988. / Foto © Tobias von der Haar/flickr

Nachdem ich mich von Witali verabschiedet habe, öffne ich das Notebook und vertiefe mich in das Jahr 1924, als im Land eine schreckliche Nachricht die Runde machte: Lenin ist tot.

Nur ein paar schlaue Köpfe verfielen damals auf die Idee, den Revolutionär zu mumifizieren, während die Mehrheit der Regierung das als Barbarei betrachtete. Die Witwe des Verstorbenen, Nadeshda KonstantinownaNadeshda Krupskaja (1869–1939) war seit 1898 Lenins Ehefrau. Nach der Oktoberrevolution 1917 wirkte sie beim Aufbau proletarischer Jugendorganisationen mit und beteiligte sich an der Planung des sowjetischen Erziehungs- und Bildungssystems.Nadeshda Krupskaja (1869–1939) war seit 1898 Lenins Ehefrau. Nach der Oktoberrevolution 1917 wirkte sie beim Aufbau proletarischer Jugendorganisationen mit und beteiligte sich an der Planung des sowjetischen Erziehungs- und Bildungssystems., bat darum, den Ehemann „normal“ zu bestatten. Das sowjetische Volk erhielt die Gelegenheit, sich von Wladimir Iljitsch zu verabschieden – einige Monate lang blieb sein Leichnam zur allgemeinen Besichtigung aufgebahrt. Lenin war im Januar gestorben und es herrschte klirrende Kälte, sodass der Revolutionär wunderbar konserviert blieb und kaum verweste. Dann berieten sich die Machthaber und kamen zu dem Schluss: Warum Gutes verlieren? Lieber konservieren. Die Verantwortung dafür delegierten sie an sowjetische Wissenschaftler.

Während ich mich geistig im Jahr 1924 befinde, meldet sich endlich der Pathologe. Ich habe seinen Kontakt von einem Freund bekommen. Hoffnungsfroh öffne ich die Mail.

Der Pathologe schreibt knapp, er könne mir nicht weiterhelfen, er werde nichts verraten, und wenn ich so dringend etwas über Leichen lesen wolle, gebe es ein hervorragendes Buch, „aber schreib mir nicht mehr“ (und viele Ausrufezeichen).

Dabei dachte ich, es wird schon nicht so schwer sein, einen Spezialisten für den Tod zu finden. Als mich der dritte Pathologe bat, ihn nicht mehr zu behelligen, musste ich mich mit der Tatsache abfinden, dass ich mich allein mit der Leiche des Revolutionärs herumschlagen würde.

Es klingt makaber, aber innen ist Lenin hohl

Dürfte ich den Spezialisten wenigstens eine Frage stellen, würde sie so lauten: „Ist eigentlich noch viel von Lenins Körper übrig? Man sagt, nur die Hände und das Gesicht.“

Wie sich herausstellte, besteht die Aufgabe der Mediziner keineswegs darin, möglichst viel vom Körper zu erhalten. Lenin schwindet Jahr für Jahr. Die Wimpern beispielsweise sind seit je aufgeklebt, und 1945 verschwand ein ganzes Stück Haut von seinem Fuß. Damals stellten Biologen einen Flicken aus künstlicher Haut her. Später mussten auch Teile des Gesichts nachgebildet werden: So schob man beispielsweise Glasprothesen unter Lenins Augenlider. Und nähte den Mund des Anführers des Weltproletariats zu (was unter dem Bart und dem Schnurrbart leicht zu verstecken ist). Auf diese Weise bewahrt die Mumie ihre Ähnlichkeit mit dem Original.

Der Hauptzweck der jährlichen EinbalsamierungEin Kern-Team von Spezialisten aus Biochemikern, Chirurgen und Anatomen kümmert sich um den Erhalt des Leichnams. Laut dem US-Wissenschaftsmagazin Scientific American sind sie auch unterstützend im Ausland tätig: zur Pflege der einbalsamierten Leiche von Ho Chi Minh in Hanoi sowie der aufbewahrten Körper von Kim Il-sung und dessen Sohn Kim Jong-il in Nordkorea. Wladimir Iljitschs ist es, die physischen Parameter des Leichnams zu erhalten: Aussehen, Gewicht, Farbe, Geschmeidigkeit der Haut und die Beweglichkeit der Gliedmaßen. Der größte Teil von Lenins Hautfett wurde durch eine Mischung aus Karotin, Paraffin und Glyzerin ersetzt – anscheinend ein großartiges Mittel gegen Falten.

Innen ist Lenin freilich hohl. So makaber es klingt, alle inneren Organe wurden entfernt, das Gehirn der Forschung übergeben, und das Herz soll bis heute im Kreml aufbewahrt werden. Allein die Geschichte, was nach Lenins Tod mit seinem Gehirn geschah, böte genug Stoff für einen Kriminalroman: Man lud eigens einen Wissenschaftler aus Deutschland ein, um das Gehirn zu untersuchen, dieser zerschnitt es in 30 Teile und untersuchte sie – weil er die Genialität des Revolutionärs finden wollte. Jetzt wird Lenins Gehirn (oder das, was davon übrig ist) hinter den schweren Türen des Moskauer Instituts für GehirnforschungDas Moskauer Institut für Gehirnforschung wurde 1928 mit dem propagandistischen Ziel gegründet, wissenschaftliche Erkenntnisse über die kognitiven Fähigkeiten Lenins und anderer herausragender sowjetischer Personen zu liefern. Seit einigen Jahren bemüht sich die neurologische Forschungseinrichtung um einen Imagewandel hin zu einem wissenschaftlichen Profil nach modernen Standards. aufbewahrt.

Seit mehr als 90 Jahren bleibt Lenin unverändert, und dafür muss man sich bei zwei begabten Wissenschaftlern bedanken: dem Chemiker Boris Sbarski und dem Anatomen Wladimir Worobjow. Als Worobjow Lenins Körper zum ersten Mal zu Gesicht bekam, packte ihn die Angst, er winkte ab und erklärte, dass er nichts unternehmen würde – die Aufgabe schien ihm zu schwierig. Doch die Kollegen konnten ihn überzeugen, es doch zu versuchen.

Sbarskis und Worobjows Aufgabe war wirklich kaum zu erfüllen: Die Wissenschaftler mussten eine eigene Methode finden, um den Leichnam zu konservieren. Die Idee, ihn einzufrieren, verwarfen sie sofort – nicht dass er ihnen plötzlich auftaute. Auch eine Mumifizierung wie im alten Ägypten war keine geeignete Methode: Lenin hätte beinahe 70 Prozent seines Gewichts verloren, seine Gesichtszüge wären entstellt worden, und das durfte nicht geschehen.

Er musste einbalsamiert werden, und zwar sorgfältig. Um Rat fragen konnte man niemanden. Die Wissenschaftler arbeiteten über vier Monate an Lenins Körper, und letztlich gelang es ihnen, sein Volumen und seine Gestalt zu bewahren. Zuerst durchtränkten sie den Leichnam mit einer Formaldehydlösung, dann legten sie ihn in eine Gummi-Wanne mit einer Lösung aus  dreiprozentigem Formalin, um den Revolutionär ein paar Tage lang darin „einzuweichen“. Am Körper setzten die Wissenschaftler einige Schnitte, damit auch die größten Muskeln durchdrungen wurden. Dann begab sich der leidgeprüfte Wladimir Iljitsch für ein paar Wochen in ein Alkoholbad, dem man schrittweise Glyzerin zufügte. Die letzte Etappe war ein Bad in sogenannter Balsamierflüssigkeit: Glyzerin, Kaliumacetat, antibakterielles zweiprozentiges Chininchlorid.

Zumindest äußerlich hat sich Wladimir Iljitsch seither nicht verändert. Ein KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. begann und ging zu Ende, die Sowjetunion brach zusammenDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik., Putin hat eine weitere Amtszeit angetreten, aber an Lenin zieht alles spurlos vorüber. Man hat ihn wirklich gewissenhaft einbalsamiert.

Der Streit darüber, ob man den Anführer des Weltproletariats bestatten soll, wird weitergehen (kurz gesagt: alle sind dafür, SjuganowGennadi Sjuganow (geb. 1944) ist seit 2001 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). Er nahm an allen Präsidentschaftswahlen seit 1996 als Kandidat der KPRF teil und belegte jeweils den zweiten Platz. Sjuganow bezeichnet sich selbst als Marxist-Leninist und als Vertreter des “erneuerten Sozialismus”. ist dagegen). Die KommunistenDie KPRF ist die Kommunistische Partei der Russischen Föderation. Sie ist die direkte Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und orientiert sich politisch an einem sozialistischen Kurs, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht jedoch auch von ihrer Vorgängerin. Bei den letzten Parlamentswahlen 2016 erreichte die KPRF 13,3 Prozent der Wählerstimmen und bleibt damit die größte Oppositionspartei im Parlament. werden rufen, die Bestattung des Leichnams sei liberalfaschistisch„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde., Gläubige werden zu überzeugen versuchen, er müsse unbedingt bestattet werden, weil es sonst unchristlich sei.

Nur Lenin selbst wird nichts sagen. Er wird schmächtig und gelb in seinem gemütlichen Grab liegen, von 10 bis 13 Uhr Besucher empfangen und sensible Drittklässlerinnen enttäuschen.

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Lenin-Mausoleum

Es war für jeden Sowjetbürger geradezu eine Pflicht, einmal im Leben eine Pilgerfahrt nach Moskau zu unternehmen. Dort erwartete ihn ein fest etablierter Kanon an Sehenswürdigkeiten: Der Rote Platz, die gut gefüllten Schaufenster der Geschäfte, die schönste Metro der Welt, das märchenhafte Ausstellungsgelände der WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde. und das zentrale Heiligtum: LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  in seinem gläsernen Sarg. Im HerzenAlexander Herzen (1812–1870) war ein russischer Schriftsteller und Philosoph. Er galt im 19. Jahrhundert als einer der lautstärksten Befürworter von Demokratie und gehörte zu den größten Kritikern des Russischen Kaiserreichs. Russlands, dort, wo sich das alte Zentrum der orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. und das neue Zentrum der weltlichen Macht befinden, steht das Lenin-Mausoleum als „Objekt zwischen Tresor und ägyptischer Pyramide, zwischen Kaaba und Tribüne oder Tempel und Sarg“.1 Davor bildete sich Tag für Tag die berühmteste Schlange des Sowjetreichs. Auch wenn sich heute viele in Russland für ein Begräbnis des Revolutionsführers aussprechen, stellen sich die Menschen immer noch an, um ihn zu sehen.

Zu Beginn gab es ein Holzmausoleum, hier im Jahr 1925. / Foto © Bundesarchiv unter CC-BY-SA 3.0

Seit 1921 war Wladimir Iljitsch Lenin (eigentlich Uljanow, 1870–1924) schwer krank und seit 1923 nicht mehr arbeitsfähig. Er lebte abgeschirmt von der Öffentlichkeit und kontrolliert durch die Parteispitze in Gorki unweit von Moskau. Bereits zu Lebzeiten setzte der Kult um Lenin ein und es wurde ihm jenes Charisma zugeschrieben, das über den Tod hinaus wirken sollte.2

So wurde er zu einem Monument stilisiert, durch Plakatkampagnen mit seinem Bild als Führungsfigur, die Herausgabe seiner gesammelten Werke sowie durch ein 1923 gegründetes Lenin-Institut mit angegliedertem Museum, für das bereits vor seinem Ableben Reliquien gesammelt wurden. Das fiel auf die Zeit der politischen Wende, in deren Zuge Stalin zur Macht gekommen war. Die Entstehung des Lenin-Kults wurde von ihm als Strategie benutzt: So wurde die Zeit angehalten, Wandel ausgeblendet und Identität geschaffen. Daher, so die These des Historikers Benno Ennker, blieb das Bild des charismatischen Führers unberührt vom tatsächlichen Niedergang seiner Macht, der bedingt war durch die lange Krankheit und die Machtkämpfe innerhalb der Parteiführung.3

Abschied von Iljitsch

Nach Lenins Tod am 22. Januar 1924 wurde eine Beisetzungs-Kommission unter der Leitung von Feliks DsershinskiFelix Dserschinski (1877–1926) war ein russischer Revolutionär und sowjetischer Politiker. 1917 gründete er die WeTscheKa – eine Behörde für Staatssicherheit, deren Abkürzung Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage bedeutet. In den folgenden Jahren leitete er die Staatssicherheit bzw. das Innenministerium. Wie kaum ein anderer steht der Name Dserschinski für das sowjetische Machtinstrument des Staatssicherheitsdienstes. Der Sturz seines Denkmals vor dem KGB-Gebäude an der Moskauer Lubjanka im Jahr 1991 gilt als eines der wichtigsten politischen Symbole der frühen 1990er Jahre.j eingerichtet, die die Staatstrauer organisieren sollte. Ihre wichtigste Aufgabe war die massenhafte Mobilisierung der Bevölkerung zum „Abschied von Iljitsch“.4 Tatsächlich kamen eine Million Menschen, und das Defilee an Lenins Sarg beeindruckte und begeisterte die Parteiführung. Dieses Erlebnis sollte, gegen den Widerstand der Witwe und einiger Parteifunktionäre, durch die Errichtung eines Mausoleums verstetigt werden.

Das provisorische hölzerne Mausoleum wurde vom Architekten Alexander Schtschusew auf dem Roten Platz in Eile aufgebaut, in dem der ebenso provisorisch einbalsamierte Leichnam am 27. Januar 1924 feierlich beigesetzt wurde. Mitte März entschied sich das Politbüro, den Körper langfristig zu konservieren und auszustellen. In der Zeitungsdebatte wurde der Anspruch formuliert, das Mausoleum solle in seiner Bedeutung für die Menschheit Mekka und Jerusalem überflügeln und für die Ewigkeit ausgerichtet sein.5

Im selben Jahr projektierte Schtschusew einen neuen Bau aus Eichenholz, der bereits die Grundformen des späteren steinernen Mausoleums und eine integrierte Tribüne auf dem Dach aufwies.6 Das definitive Mausoleum, das am 12. Oktober 1930 eingeweiht wurde, behielt die Grundform bei, vergrößerte jedoch das Volumen auf das Vierfache. Der Bau besteht aus einem mit Ziegelsteinen ausgefachten Betonskelett, das mit Steinen aus allen Landesteilen verkleidet ist: Granit, Prophyr, Quarzit, Gabronorit, Marmor, Labrador und Labradorit. Über dem Eingang liegt ein 60 Tonnen schwerer Block aus Labrador, in den mit rotem Porphyr der Name Lenin eingefügt ist. Der Sarkophag im Innern ruht auf einem zweiten Monolith aus Labrador.7 1946 wurde auf dem Mausoleum die Tribüne eingerichtet, von der aus die Partei- und Staatsspitzen fortan die Paraden abnahmen, außerdem die seitlichen Tribünen. Unsichtbare Veränderungen waren eine in den Sechzigerjahren eingebaute Toilettenanlage für die Politbüro-Mitglieder und eine Rolltreppe in den 1970er für den alternden BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet..8

Der Lenin-Kult

Das auf Ewigkeit angelegte Mausoleum wurde sofort zum Mittelpunkt des Lenin-Kultes, sekundiert von neuen Formen der Verewigung und Verehrung. Ein ganzer Kosmos von Ritualen entstand: Lenin-Abende, -Gedenktage, -Abzeichen, -Legenden und Lenin-Ecken, die in den Wohnungen die Stelle der IkonenDie Ikonenverehrung ist ein zentrales Element der orthodoxen Glaubenspraxis. Als Kultbilder der orthodoxen Kirchen zeigen sie Christus, die Gottesmutter Maria und andere Heilige, zuweilen auch biblische Szenen. Um nach traditioneller Praxis verehrt werden zu können, muss eine Ikone von der Kirche geweiht sein. Durch die Ikone gelangen Gläubige in einen direkten Kontakt mit den dargestellten Heiligen und indirekt auch zu Gott.-Ecken einnahmen. Lenin diente als Ursprung einer politischen Tradition. Die Reliquie im Schrein scheint auf den ersten Blick eine gute Illustration der Theorie von der „politischen Religion“9 zu sein.

https://www.youtube.com/watch?v=1oG-8BNc2fo

 
1932, die Warteschlange vor dem Lenin-Mausoleum

Die Bemühungen der Sowjetmacht um Modernisierung und wissenschaftlichen Fortschritt hatten immer auch magische Züge. Die von Lenin auf den Weg gebrachte Kampagne zur Elektrifizierung des ganzen Landes wurde zugleich als Aufbruch in die Moderne und als metaphysische Erleuchtung inszeniert. Biologen und Physiologen arbeiteten daran, den Menschen zu verbessern, das Leben zu verlängern und Tote wiedererwecken zu können. So wurde auch von manchen Zeitgenossen die Konservierung Lenins und seine Ruhe im gläsernen Sarg als Vorbote seiner Auferstehung verstanden.10

Konservierung vs. Kultivierung

Lenins unsterblicher Körper repräsentierte den Leninismus als ewige Wahrheit und damit die Legitimation der Herrschaft der Kommunistischen Partei. Was der „Leninismus“ war, wurde allerdings in jeder sowjetischen Periode neu definiert. Der Antropologe Aleksei YurchakAlexei Yurchak (geb. 1960) ist ein außerordentlicher Professor für Kulturanthropologie an der Universität von Kalifornien, Berkeley. In seinem 2005 erschienenen Buch Everything was Forever, Until it was no More: The Last Soviet Generation zeigte er auf, dass der vorherrschende öffentliche Diskurs in der Sowjetunion – entgegen der häufigen Annahme – durchaus Zwischenräume bot, in denen sich alternative Lebensweisen entwickeln konnten. Das Buch gibt es seit 2014 auch auf Russisch. geht im Zusammenhang mit dieser Elastizität auf die Beschaffenheit von Lenins einbalsamiertem Körper ein. Dieser sei ein work in progress, da die Leiche nicht konserviert, sondern kultiviert wird. Es handelt sich zwar um die Leiche, aber im Bemühen um ihre „Kultivierung“  wurden immer wieder Teile ausgetauscht und rekonstruiert, so dass es sich um ein hybrides Zwischending zwischen biologischer Leiche und Skulptur handelt, bestehend aus Biomasse und Kunststoffen. Ein zentrales Ergebnis des Prozesses ist die erstaunliche Beweglichkeit der Leiche. YurchakAlexei Yurchak (geb. 1960) ist ein außerordentlicher Professor für Kulturanthropologie an der Universität von Kalifornien, Berkeley. In seinem 2005 erschienenen Buch Everything was Forever, Until it was no More: The Last Soviet Generation zeigte er auf, dass der vorherrschende öffentliche Diskurs in der Sowjetunion – entgegen der häufigen Annahme – durchaus Zwischenräume bot, in denen sich alternative Lebensweisen entwickeln konnten. Das Buch gibt es seit 2014 auch auf Russisch. argumentiert, dass zwei Körper im Sarg liegen: der bewegliche, durch den Kultivierungsprozess laufend veränderte Körper, dessen Flexibilität für die Partei sichtbar war, während für die Massen die unbewegliche Leiche, der ewige Lenin, im Sarg lag.11

Die Hierarchie der Ruhestätten

Betrachtet man die „Metropole als Nekropole“12, so war der Rote Platz ein Friedhof, auf dem man weder rauchen noch sich hinsetzen durfte. Im Mausoleum selbst musste man den Hut abnehmen, durfte die Hände nicht in die Taschen stecken, nicht sprechen, fotografieren oder stehen bleiben. Der Eingang des Mausoleums wurde von zwei Wachen flankiert, die alle drei Stunden abgelöst wurden. In der Hierarchie der Moskauer Totenstätten folgen auf das Mausoleum die Grabstätten an der Kreml-Mauer. Im Schatten des Lenin-Mausoleums stehen hier die Büsten der wichtigsten Führer der kommunistischen Partei, später kamen die Angehörigen der Parteispitze hinzu: von Stalin (1878–1953)13 über Leonid BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. (1906–1982) bis Konstantin Tschernenko (1911–1985). Weiter an der Kremlmauer folgt eine Wand mit Urnengräbern, wo verdiente Heldinnen und Helden der SowjetunionHeld der Sowjetunion war die höchste Auszeichnung des Landes. Der Ehrentitel wurde 1934 eingeführt. Mit seiner Verleihung zeichnete der Staat insgesamt 12.776 Menschen für ihren Heroismus aus. Als Propaganda-Motiv sollte der Ehrentitel zur Nachahmung animieren. Seit den 1960er Jahren bekamen auch einige Städte die Auszeichnung Heldenstadt bestattet sind, darunter Lenins Frau Nadeshda KrupskajaNadeshda Krupskaja (1869–1939) war seit 1898 Lenins Ehefrau. Nach der Oktoberrevolution 1917 wirkte sie beim Aufbau proletarischer Jugendorganisationen mit und beteiligte sich an der Planung des sowjetischen Erziehungs- und Bildungssystems. (1869–1939), der Schriftsteller Maxim GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war ein russischer Schriftsteller. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen. (1868-1936) und der Kosmonaut Juri GagarinJuri Gagarin (1934–1968) war 1961 der erste Mensch im Weltraum. Doch er wurde bald auch zu einem kommunistischen Friedensboten, populären Jugendidol, nationalen Kulturheros, dissidenten Raumfahrer und einer globalen Popikone. (1934–1968).

Der Auflösung der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. folgte auch die Schrumpfung des Lenin-Kultes. Viele Personen des öffentlichen Lebens und Politiker sprachen sich dafür aus, Lenin nun zu begraben, darunter Michail Gorbatschew, der Patriarch Alexij II, aber auch der amtierende Kulturminister Wladimir MedinskiWladimir Medinski ist ein Politiker der Regierungspartei Einiges Russland. Seit 2012 leitet er das Kulturministerium und fördert dort aktiv einen stetigen Patriotisierungskurs.. Dagegen treten immer wieder die Vertreter der Kommunistischen Partei (KPRFDie KPRF ist die Kommunistische Partei der Russischen Föderation. Sie ist die direkte Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und orientiert sich politisch an einem sozialistischen Kurs, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht jedoch auch von ihrer Vorgängerin. Bei den letzten Parlamentswahlen 2016 erreichte die KPRF 13,3 Prozent der Wählerstimmen und bleibt damit die größte Oppositionspartei im Parlament.) auf, vor allem Parteichef Gennadi SjuganowGennadi Sjuganow (geb. 1944) ist seit 2001 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). Er nahm an allen Präsidentschaftswahlen seit 1996 als Kandidat der KPRF teil und belegte jeweils den zweiten Platz. Sjuganow bezeichnet sich selbst als Marxist-Leninist und als Vertreter des “erneuerten Sozialismus”., der ein mögliches Begräbnis als Angriff auf die „Heiligtümer“14 betrachtet. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOMDas Meinungsforschungsinstitut WZIOM veröffentlicht regelmäßig umfangreiche Umfragen zu politischen und sozialen Themen. Im Jahr 2003 wurde es von einem Forschungsinstitut in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die zu 100 Prozent dem Staat gehört. Inwieweit dies und die finanzielle Abhängigkeit von Regierungsaufträgen sich auf die Methoden und Ergebnisse der Studien auswirken, ist umstritten, insgesamt gilt das WZIOM aber als regierungsnah. Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob Umfragen im gegenwärtigen politischen Klima überhaupt die Stimmung in der Bevölkerung repräsentativ abbilden können. spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung zwar dafür aus, man solle damit aber abwarten, solange die ältere Generation noch am Leben ist.15


1.Huber W. (2007): Moskau – Metropole im Wandel. Ein architektonischer Stadtführer, Köln etc., S. 51
2.Ennker B. (2011): Das lange Sterben des V. I. Lenin. Politik und Kult im Angesicht des Todes, in: Großbölting T., Schmidt R. (Hrsg.): Der Tod des Diktators. Ereignis und Erinnerung im 20. Jahrhundert, Göttingen, S. 44
3.ebd. S. 46
4.ebd. S. 48
5.ebd. S. 50
6.Huber, S. 50
7.ebd. S. 51
8.ebd.
9.Voegelin E. (1939): Politische Religionen, Stockholm. Kritiker des Konzeptes bevorzugen das Analysevokabular, das aus Max Webers Konzept der charismatischen Herrschaft hervorgegangen ist.
10.Hagemeister M., Richers J. (2007): Utopien der Revolution. Von der Erschaffung des Neuen Menschen zur Eroberung des Weltraums, in: Haumann H. (Hrsg.): Die Russische Revolution, Köln, S. 133
11.YurchakAlexei Yurchak (geb. 1960) ist ein außerordentlicher Professor für Kulturanthropologie an der Universität von Kalifornien, Berkeley. In seinem 2005 erschienenen Buch Everything was Forever, Until it was no More: The Last Soviet Generation zeigte er auf, dass der vorherrschende öffentliche Diskurs in der Sowjetunion – entgegen der häufigen Annahme – durchaus Zwischenräume bot, in denen sich alternative Lebensweisen entwickeln konnten. Das Buch gibt es seit 2014 auch auf Russisch. A. (2015): Bodies of Lenin. The hidden science of communist sovereignty, in: Representations, Vol. 129 No. 1, Winter 2015, S. 128, 136
12.Richers J. (2003): Die Metropole als Nekropole. Totenkult zwischen Brauchtum und Politbür, in: Rüthers M. Scheide C. (Hrsg.): Moskau. Menschen – Mythen – Orte, Köln etc., S. 102-111
13.Nach dem Tod Stalins 1953 wurde dieser neben Lenin im Mausoleum beigesetzt. Im Jahr 1961, auf dem zweiten Höhepunkt der EntstalinisierungBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten., ließ ihn ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. in einer Nacht- und Nebel-Aktion in der Reihe der Ehrengräber an der Kremlmauer beisetzen.
14.Aif.ru: Nevynosimij Lenin
15.Wciom.ru: Lenin žyl, Lenin živ, Lenin..?
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Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR (WDNCh)

In den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Stalin-Hochhäuser

Blickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte.

Manegenplatz

Der Manegenplatz liegt im Stadtzentrum Moskaus: Im Osten steht der Kreml, im Norden das ehemalige Hotel Moskwa und im Süden die namensgebende Manege. Der Platz ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte, ein Schauplatz wichtiger politischer Auseinandersetzungen und ein Gedächtnisort in der Erinnerungskultur Russlands. Die Verkleinerungsform Maneshka steht heute aber vor allem für die nationalistischen Ausschreitungen, die sich in den Jahren 2002 und 2010 auf dem Platz abspielten.

Wassily Kandinsky

Wassily Kandinskys (1866–1944)künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des Blauen Reiters und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau.

Pionierlager Artek

Das Pionierlager Artek auf der Krim war der Inbegriff der glücklichen sowjetischen Kindheit. 1925 erst als Sanatorium für Tuberkulosevorsorge eröffnet, bestand das Lager nur aus einigen Zelten am Strand, einer Fahnenstange und einem Appellplatz. Bereits in den 30er Jahren wurde es ausgebaut und ist zum Traumland und Wunschziel vieler Generationen von Pionieren geworden. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde Artek zum heiligen Gral der Sowjetnostalgie.

Jurodiwy

Er reizt die Menge durch provozierende Reden, verlacht weltliche und kirchliche Autoritäten und fordert damit körperliche Züchtigungen heraus: der Jurodiwy. Das ehemals so bedeutsame Christusnarrentum inspiriert bis heute die russische Kultur. Es wird in Auftritten der Band Pussy Riot oder den inszenierten Skandalen des Künstlers Pjotr Pawlenski in völlig neuer Form wiederbelebt.

Der Sowjetmensch

Vom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute.

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