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Kino #7: Mne dwadzat Let

Sowjetischer Sturm und Drang: Regisseur Marlen Chuzijew verewigte in Mne dwadzat Let (dt. Ich bin zwanzig Jahre alt, 1965) das Lebensgefühl jener Generation, die beim Anbruch der 1960er Jahre ihr Erwachsenenleben begann1, voller Hoffnung und Sehnsucht – in Auseinandersetzung mit der Kriegsgeneration ihrer Eltern jedoch nicht unbeschwert.

Erstmals seit zwei Jahrzehnten stand im Kino nicht mehr das große, patriotische Wir im Mittelpunkt des Ausdrucks, sondern das lyrische Ich mit seiner Alltäglichkeit der Empfindung. Schon das Kriegsdrama Letjat Shurawli (dt. Die Kraniche ziehen) von 1957 hatte das Tor dahingehend aufgestoßen.

Der Meilenstein Mne dwadzat Let und seine Genese verdeutlichten nur wenige Jahre später eindrucksvoll, dass sich eine sowjetische nouvelle vague hätte herausbilden können – wären die konservativen Kräfte aus dem Zentralkomitee der KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. seinerzeit nicht eingeschritten. 

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Hier finden Sie den Film „Mne dwadzat Let mit englischen Untertiteln

„Ich habe den Winter satt, mit unermesslicher Kraft habe ich ihn satt“, erklärt der erkältete Sergej mit festem Blick in die Kamera. Aus einer Ecke seiner Wohnung tropft es laut und stetig. Er bittet seine Schwester, die im nächtlichen Korridor telefoniert, den Wasserhahn zuzudrehen. Doch weiterhin tropft es. Als er schließlich selbst aufsteht und am Waschbecken ist, versteht er erst, woher das Geräusch kommt: „Hör nur, wie alles tropft! Öffne das Fenster. Ja doch, es tropft!“ flüstert seine Schwester ihrem Liebsten in den Hörer.

Und plötzlich – es ist Tag, es ist Frühling! – schlagen kleine Jungen mit Ästen gegen die Regenrinnen der Häuser, und die Laute erfüllen die ganze Straße im Herzen Moskaus. Von oben herab tropft und rinnt es, das Wasser sammelt sich zu einem fließenden, das Sonnenlicht reflektierenden Teppich, die Menschen tummeln sich auf ihm und vereinigen sich in der Ferne in einen Menschenstrom, der zur 1. Mai-ParadeNach der Oktoberrevolution 1917 wurde der 1. Mai zum offiziellen sowjetischen Feiertag ernannt. Bei feierlichen Paraden haben die Sowjetbürger ihre Solidarität mit „ausgebeuteten“ Arbeitern in kapitalistischen Ländern bekundet, so die Sowjetpropaganda.1992 wurde der Feiertag umbenannt in Tag des Frühlings und der Arbeit zieht, auf der auch Sergej wieder auftaucht, der zusammen mit seinen zwei Freunden Kolja und Slawa am wichtigsten Fest der Sowjetrepublik marschiert. 

Diese Szenen in Mne dwadzat Let vermögen wohl am stärksten auszudrücken, welches Versprechen die kurzen Jahre der TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.-Periode bargen: als Symbole der befreienden Wirkung auf Gesellschaft und (Film-)Kunst. Mit dem Tod Stalins im März 1953 und sodann dem XX. Parteitag der KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. Vom 14. bis 25. Februar 1956 fand der XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR statt. Er gilt als Anfang der sogenannten Tauwetter-Periode. Mit einer fünfstündigen Geheimrede initiierte Parteichef Nikita Chruschtschow eine Entstalinisierungskampagne. Chruschtschow kritisierte den Personenkult um Stalin und verurteilte die stalinistischen Säuberungen an Parteimitgliedern aufs Schärfste. im Februar 19562 endete der lange „Winter“ des Stalinismus. Und dieser Film wird zum Schlüsselwerk seiner Zeit.

Ausgelassene Moskauer Twens, immer unterwegs in Straßen und auf Hinterhöfen / Foto © Screenshots aus dem Film „Mne dwadzat Let“

Porträt einer vaterlosen Nachkriegs-Generation

Marlen ChuzijewMarlen Chuzijew (geb. 1925) ist ein georgisch-sowjetischer Filmregisseur und Drehbuchautor und seit Auflösung der Sowjetunion eine wichtige Größe im russischen Filmgeschäft. In den 1960er Jahren gelang ihm mit den beiden Filmen Mne Dwadzat Let (dt. Ich bin 20 Jahre alt) und Ijulski Doshd (dt. Juliregen) der Durchbruch. In der Sowjetunion stießen sie auf Kritik: So unterlag etwa Mne Dwadzat Let starker Zensureinwirkung, Schlüsselszenen mussten geändert werden. Die Urfassung hieß Zastava Ilicha (dt. Die Pforte des Ilich) und war zudem deutlich länger. Chuzijew war bis 1986 Erster Sekretär der Union der Filmschaffenden der UdSSR, seit 1989 steht er der Vereinigung der Filmregisseure der Russischen Föderation vor., der als Kind seinen Vater in den Stalinschen SäuberungenAls Stalinsche Säuberungen wird die unter Stalin durchgeführte Repressionswelle gegen mutmaßliche Regime-Feinde bezeichnet. Allein während des Großen Terrors – Höhepunkt der Säuberungswelle – wurden in den Jahren 1937/38 Schätzungen zufolge rund eineinhalb Millionen mutmaßliche Feinde verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, man geht jedoch davon aus, dass etwa 700.000 Menschen exekutiert wurden. Insgesamt fielen den Stalinschen Säuberungen drei bis 20 Millionen Menschen zum Opfer.3 verlor, ließ bereits 1956 die Protagonisten in Wesna na Saretschnoi ulize (gedreht mit Felix Mironer, dt. Frühling4in der Saretschnaja Straße) nach ihrem Platz in der sowjetischen Gesellschaft suchen, und sie alle litten unter der Kindheit ohne Vater. Dieser Verlust stellt in Mne dwadzat Let gleichsam zentrales Trauma und Dilemma der Hauptfigur Sergej Shurawljew5 dar.

Mit 21 Jahren aus dem zweijährigen Militärdienst zurückgekommen, schlendert Serjosha mal alleine und grübelnd, mal in Begleitung seiner zwei besten Freunde durch Moskau, betritt Hinterhöfe, in denen Jugendliche zu ausländischer Musik tanzen und sich verlieben. Bei besagter 1. Mai-Parade trifft er Anja wieder, der er Monate zuvor das erste Mal begegnet und verzaubert durch die halbe Stadt gefolgt war. 
„Wie heißt du?“, fragt er sie. „Anja“, rufen von weiter vorn ihre Begleiter. „Hurra“, gibt sie zurück. Und „Hurra“ schallt es von den fremden Marschierenden hinter ihnen, kein anonymer Marschkörper, sondern freudige Gesichter, weil sich in dieser Film-Utopie Individuum und Masse nicht – wie sonst häufig – antagonistisch, sondern ergänzend gegenüberstehen.

Seine Protagonisten waren auf der Suche nach ihrem Platz in der sowjetischen Gesellschaft – Marlen Chuzijew / Foto © Ilja Pitalew/Kommersant

Um das Denken und die Sprache dieser Generation der sogenannten SchestidesjatnikiAls Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger) wird eine Generation bezeichnet, die in den 1960er Jahren erwachsen wurde oder bereits im frühen Erwachsenenalter war. Viele der Schestidesjatniki begrüßten es, als sich in der sogenannten Tauwetter-Periode unter Nikita Chruschtschow eine Lockerung des Regimes und eine kritische Reflexion der Herrschaft Stalins abzeichnete. In der Konsequenz begehrten sie auf, als unter Leonid Breshnew die Ära der Stagnation begann, in deren Folge die aufgekommene freiheitliche Grundstimmung wieder unterdrückt wurde. Viele verloren ihre Jobs, wurden zu Gefängnis oder Lagerhaft verurteilt. glaubwürdiger und unmittelbarer zeichnen zu können, wählte sich Chuzijew den jungen Studenten Gennadi SchpalikowGennadi Schpalikow (1937–1974), Dichter, Filmregisseur und Drehbuchautor, der als Drehbuchschreiber beim Tauwetter-Film Mne dwadzat Let (dt. Ich bin zwanzig Jahre alt) bereits als Student von Regisseur Marlen Chuzijew an einem Großprojekt mitarbeitete. Später war er auch an dem Erfolgsfilm Ja schagaju po Moskwe (dt. Zwischenlandung in Moskau, 1963) von Regisseur Georgi Danelija beteiligt. von der Staatlichen Moskauer FilmhochschuleDas Gerassimow Institut für Kinematographie (WGIK) wurde 1919 als staatliche Filmhochschule in Moskau gegründet. Es hieß zunächst Staatliches All-Unions Institut für Kinematographie. Das WGIK brachte viele international bekannte Regisseure und Schauspieler hervor, wie Andrej Tarkowski, Marlen Chuzijew, Otar Iosiliani oder auch Golden Globe-Gewinner Sergej Bondartschuk. Viele lehrten, wie auch Marlen Chuzijew, später selbst dort. zum Drehbuchpartner.6

Kühne Anlehnung ans französische Kino

Ihre szenische und dialogische Meisterschaft, unterstützt vom visuellen Genie der Kamerafrau Margarita Pilichina, gipfelte in einem kühnen Entwurf, der glorreicher Ausgangspunkt einer sowjetischen nouvelle vague hätte werden können.

Erst wenige Jahre zuvor waren es François Truffaut, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette, die Paris neu für das Kino entdeckt hatten: keine Studiobauten und Statisten mehr, sondern reale Plätze, reale Menschen bevölkerten die Szenen. Gerade Kameramann Raoul Coutard hielt sich weit ab vom Geschehen, machte die zuvor vom „professionellen“ Kino geächtete Handkamera zu seinem Hauptstilmittel und erfasste so gleichsam dokumentarisch die ganze Lebendigkeit und zugleich auch den Charme von Paris.

Beeinflusst von diesem bahnbrechenden jungen französischen Kino – Chuzijew war damals ein leidenschaftlicher Kinogänger, der bestens über alle aktuellen stilistischen Entwicklungen des Weltkinos Bescheid wusste – wählten Chuzijew und Pilichina ein ähnliches visuelles Konzept. Eine bewegliche Kamera folgt in fließenden Bewegungen den Protagonisten auf ihrem Weg durch die Straßen Moskaus, die man nicht nur einmal mit denen von Paris zu verwechseln geneigt ist.
Dank einer speziellen Weitwinkeloptik, wie sie schon von Michail KalatosowMichail Kalatosow war ein sowjetischer Regisseur (1903–1973), der gebürtig aus Georgien stammte. Sein 1930 erschienener Film Das Salz Swanetiens gilt als wegweisend für die spätere sowjetische Dokumentarfilmschule. Als einziger Filmemacher der sowjetischen Geschichte bekam er 1958 die Goldene Palme beim Film-Festival in Cannes für seinen Film Die Kraniche ziehen. und Kameramann Sergej Urussewski in Letjat Shurawli eingesetzt wurde, um den Bildern eine avantgardistische Wucht zu verleihen, kann Pilichina sehr oft nah an den Gesichtern verweilen und trotzdem noch viel von ihrer Umgebung einfangen.

Eine bewegliche Kamera folgt den Protagonisten auf ihrem Weg durch die Straßen Moskaus

Moskau war immer ein wichtiger Bezugspunkt im sowjetischen Filmschaffen, schon in den 1920er Jahren, dort aber zumeist als pulsierende, moderne, den Fortschritt symbolisierende Stadt. Über allen Stadtszenen in Mne dwadzat Let weht dagegen der Atem der Freiheit und Unbeschwertheit. Moskau wirkt hier wie die Hauptstadt eines wahrlich glückversprechenden Kommunismus, der den Menschen nicht beengt und ihn unbeobachtet jeden Winkel der Stadt erkunden lässt.

Doch bevor Chuzijews Entwurf hätte Schule machen können, sorgten die konservativen Kräfte im Zentralkomitee für ein sofortiges Verbot. Überhöhung der Nichtigkeit des Alltäglichen (BytowschtschinaDas russische Wort Bytowschtschina ist vom Wort byt (dt. sein) abgeleitet. Es bezeichnet meist abwertend verschiedene Aspekte des Alltagsleben, darunter auch soziale Einrichtungen, individuelle Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen. Geläufig sind solche Redewendungen wie pogrjast w bytu (dt. im Alltag versenken). Der Bytowschtschina wird ein intensives geistiges Leben entgegengesetzt, das den Alltag verachtet. Als Bytowschtschina werden auch abwertend künstlerische Strömungen bezeichnet, die sich zu sehr an den Details des Alltags orientieren. ) warfen sie den Filmemachern vor. Kurz darauf geißelte der damalige KP-Chef Nikita ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. bei einer gleichsam stalinistischen Intellektuellenschelte im Kreml am 8. März 1963 Chuzijews Film.7 Die Protagonisten hätten nichts gemein mit „unserer herausragenden Jugend. […] Diese Figuren sind nicht die Art von Menschen, auf die unsere Gesellschaft sich verlassen kann. Sie sind keine Kämpfer, gestalten die Welt nicht um. Sie sind moralisch kranke Menschen“.8

Früher zensiert, später neu entdeckt

So kam der 1962 unter dem Titel Sastawa Iljitscha (dt. Die Pforte des Iljitsch9) vollendete Film jahrelang nicht zur Aufführung; Chuzijew erklärte sich schließlich bereit, Kernszenen neu zu drehen und ihrem Gehalt nach zu verändern. Andere Sequenzen waren fast komplett gestrichen, als Mne dwadzat Let 1965 ins Kino kam. Auch ein 20-minütiger Dichterabend der lyrischen Avantgarde um Jewgeni JewtuschenkoJewgeni Jewtuschenko (1932–2017) war ein russischer Schriftsteller. Seit 1952 Mitglied im Schriftstellerverband der Sowjetunion, hatte er seinen Durchbruch 1961 während der sogenannten Tauwetter-Periode mit dem Gedicht Babi Jar. Darin kritisierte er unter anderem den in der Sowjetunion herrschenden Antisemitismus. Trotz Kritik und Druck von staatlicher Seite war Jewtuschenko äußerst produktiv. Er war in der Sowjetunion einer der bekanntesten Schriftsteller. Politisch gehörte er zur Gruppe der sogenannten Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten., Andrej WosnessenskiAndrej Wosnessenski (1933–2010) war einer der bekanntesten russischen Schriftsteller und gehörte zur Generation der Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. Zuvor war er in der sogenannten Tauwetter-Periode häufig ins westliche Ausland gereist und galt dort – obwohl ein beständiger Kritiker der politischen Verhältnisse – als eine Art „kultureller Botschafter“ der Sowjetunion.  und Bella AchmadulinaBella Achmadulina (1937–2010) war eine russische Dichterin und die erste Ehefrau Jewgeni Jewtuschenkos. Obwohl ihre Poesie keine politischen Anklänge hatte, galt sie dennoch als oppositionell. Sie gehörte zur Generation der Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. In den 1970er Jahren setzte sie sich für inhaftierte Kulturschaffende in der Sowjetunion ein. fiel der Zensur zum Opfer. 
Die damalige Kulturministerin Jekaterina Furzewa selbst hatte Chuzijew ermöglicht, eine solche Lesung eigens für den Film im Polytechnischen Museum zu inszenieren, und war später eine der wenigen UnterstützerInnen des Films in seiner ursprünglichen Fassung.10

„Moralisch kranke Menschen“ – Die Jugend dieses Films war für KP-Chef Chruschtschow ein einziges Ärgernis

Mne dwadzat Let, aber auch die Ursprungsfassung, werden in jüngerer Zeit bei Festivals und Aufführungen von Basel bis Paris als Meilenstein der sowjetischen wie internationalen Kinematographie wiederentdeckt11, während der Film und seine Entstehung rückblickend gleichermaßen Blüte und hereinbrechendes Ende des Tauwetters zu markieren scheint.
Dafür stehen besonders die beiden am Ende aufeinanderfolgenden Kulminationspunkte im Film: Die Geburtstagsfeier von Sergejs Freundin Anja und die Begegnung mit dem Geist seines im Krieg gefallenen Vaters. Diese Schlüsselszenen sorgten in ihrer Ursprungsversion für harsche Kritik aus dem Parteiapparat, sodass vor allem letztere durch Chuzijew radikal geändert werden musste.

Die Frage, wie zu leben sei

Die Stimmung bei Anjas Geburtstag in der Wohnung ihres ApparatschikApparatschik (dt. etwa dem Apparat Zugehöriger) ist ein aus sowjetischen Zeiten stammender und bis heute in vielen Sprachen gebräuchlicher Terminus, der einen Bürokraten oder Funktionär bezeichnet und dabei negativ konnotiert ist. In der Sowjetunion war ein Apparatschik eine Person, die einen Posten in der Kommunistischen Partei oder an anderer Stelle im sowjetischen Regierungsapparat innehatte. -Vaters ist gelöst, es wird getrunken und getanzt. Diese privilegierten Moskauer Twens sind ironisch, unernst, verspielt, trotzig. Chuzijew holte hier ebenfalls Studenten der Filmhochschule vor die Kamera, eine Gruppe, die sich heute wie ein kleines Who-is-who der sowjetischen Filmszene liest, waren doch unter anderem die späteren Regie-Größen Andrej Kontschalowski und Andrej TarkowskiAndrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland. dabei.12

Als Partypublikum fungiert das spätere Who-is-who der sowjetischen Filmszene – auch der junge Andrej Tarkowski (links) ist dabei

Sergej ist an diesem Abend in anderer, nachdenklicher Stimmung, kreist um moralische Fragen. Über einen vermeintlich harmlosen Trinkspruch auf „die Kartoffel“ (als Symbol für einstige Not) entbrennt unter ihnen ein Streit, in dem Sergej sich letztlich zu seinen Idealen bekennt: „Ich nehme die Revolution ernst, das Lied Die Internationale. Das Jahr 19371937 ist eine gängige Chiffre für den Großen Terror – Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 rund 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass etwa 750.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert.. Den Krieg und die Soldaten und die Tatsache, dass praktisch niemand von uns noch einen Vater hat … Und die Kartoffel, die uns während der Hungerzeit gerettet hat.“

Wieder zu Hause, ist Sergej sehr aufgewühlt. Er entzündet in einem Aschenbecher ein kleines „Lagerfeuer“. Sein toter Vater, Leutnant Alexander Shurawljew, erscheint ihm in Rotarmisten-Uniform als Geist. Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich das Setting verändert: Plötzlich ist da nicht mehr das Moskau des Jahres 1961, sondern der Große Vaterländische KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte., eine Holzbaracke, in der sich weitere Soldaten befinden. In Sastawa Iljitscha endet der Dialog ursprünglich folgendermaßen:

Sergej: „Ich wünschte, ich hätte an deiner Seite laufen können.“
Vater: „Das musst Du nicht.“
Sergej: „Und was muss ich?“
Vater: „Leben.“
Sergej: „Und Wie? Wie?“ (Es entsteht eine Pause.)
Vater: „Wie alt bist Du?“
Sergej. „23“
Vater: „Ich bin 21. Was kann ich dir schon raten?“

Dieser letzte Satz des Vaters durfte in Mne dwadzat Let nicht so stehenbleiben. Der schlaksige Laiendarsteller Jewgeni Majorow (dessen Interpretation der Szene etwas Verzweifeltes und Unheimliches gab) wird gegen den Schauspieler Lew Prigunow ausgetauscht, einer Personifikation des adrett-heroischen Kämpfers. Seinem Sohn gibt Leutnant Shurawljew sodann mit auf den Weg, sich glücklich schätzen zu können, in einer so großartigen Stadt wie Moskau zu leben und fordert ihn auf, das vaterländische Erbe anzutreten.

Trotz all dieser zensurbedingten Änderungen atmet auch Mne dwadzat Let den Geist der Freiheit und der Hoffnung, die die Menschen und Straßen Moskaus zu Beginn der 1960er Jahre erfüllten. Mit dem pragmatisch-optimistischen Schlusssatz und einer Panoramaansicht der Hauptstadt versöhnt der Film schließlich mit einem Leben voller offener Fragen:

„Es war Montag – der erste Werktag der Woche.“

Text: Gaby Babić und Gary Vanisian


 

Hier finden Sie die Urfassung des Films („Stastawa Iljitscha“) mit russischen Untertiteln


1.Godet, Martine (2010): La pellicule et les ciseaux, Paris, S.21
2.Godet,Martine (2010): La pellicule et les ciseaux, Paris, S.24
3.Miller, Gregory Blake (2010): Reentry Shock: Historical Transition And Temporal Longing In The Cinema Of The Soviet Thaw, Oregon, S. 128
4.In dem Jahr war er einer von drei Filmen, der dieses Wort im Titel führte. Vgl. Nelepo, Boris, in: Marlen Khutsiev: Unsung Master of the Modern Cinema
5.Man könnte in seinem Nachnamen eine Verbeugung vor Michail Kalatozovs epochalem Film Letjat žuravli vermuten.
6.Wobei Chuziev später schrieb,  Špalikov habe gar nicht so viel zum fertigen Film beigetragen wie man gemeinhin glaubt, da der größte Teil des Drehbuches bereits zuvor mit Feliks Mironer entworfen worden sei (Chuziev, Marlen (1996): Ja nikogda ne delal polemičiskich filmov, in: Kinematograf ottepeli, Moskau, S.192.)
7.Die anderen Opfer dieses Tages waren Ilja Ehrenburg und der Bildhauer Ernst Neizvestnyj, vgl. Godet, Martine (2010): La pellicule et les ciseaux, Paris, S.32
8.Zitiert nach: Woll, Josephine (2000): Real Images: Soviet Cinema and the Thaw, London, S. 146-47
9.Einer der ersten Arbeitstitel war „Erinnerst du dich, Genosse?“, vgl. Miller, Gregory Blake (2010): Reentry Shock: Historical Transition And Temporal Longing In The Cinema Of The Soviet Thaw, Oregon, S. 252. Der Titel „Die Pforte des Il'jič“ verweist auf einen Moskauer Stadtteil, ist aber auch symbolisch zu verstehen; er spielt auf das Verhältnis der Nachkriegsjugend zum LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. istischen Erbe an. So ist denn auch am Ende des Films eine Wachablösung am LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. -Mausoleum am Roten Platz zu sehen. 
10.Woll, Josephine (2000): Real Images: Soviet Cinema and the Thaw, London, S. 145
11.Die Originalfassung Sastava Il'jiča wurde am 29. Januar 1988 im Zuge der Perestroika in seiner ursprünglichen Gestalt wiederaufgeführt; in dieser Form sahen wir, die AutorInnen, diesen Film erstmals im Jahre 2013 beim Festival Bildrausch in Basel, wohin wir eigens für diese 35mm-Projektion gereist waren. Unseres Wissens nach stellte die Aufführung dieses Films in der damals von Tatjana Simeunović betreuten Hommage an Marlen Chuziev auch die erste seit vielen Jahren dar, bevor er kurz darauf als einer der größten sowjetischen Regisseure von Festivals wie goEast, Locarno sowie, unter anderem, dem Harvard Film Archive und zuletzt – im Mai 2017 – der Cinémathèque française in Paris endgültig im Westen wiederentdeckt wurde.
12.Außerdem die Schauspielerinnen Svetlana Svetličnaja (Brilliantovaja Ruka, dt. Der Brilliantenarm, 1969), Ol'ga Gobzeva (Kryl'ja, dt. Flügel, 1966) und die Drehbuchautoren Pavel Finn (Padarok Stalinu, dt. Geschenk an Stalin, 2008) und Natalija Rjazanceva (Portret Ženy Chudožnika, dt. Porträt der Ehefrau eines Künstlers, 1982)

 

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Weitere Themen

Ära der Stagnation

Der Begriff Sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung Sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt.

Der Sowjetmensch

Vom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute.

Kommunalka

Eine Kommunalka ist eine Wohnung, die gleichzeitig von mehreren Familien bewohnt wird. Die Wohnform nahm ihren Anfang nach der Revolution von 1917, als große Wohneinheiten wohlhabender Familien auf mehrere Familien aufgeteilt wurden. Anfänglich als Not- und Übergangslösung gedacht, etablierte sich die Kommunalka bald als permanenter lebensweltlicher Ausnahmezustand und soziale Instanz. Seit der Perestroika ist es das große Ziel eines Jeden, diese Wohnform gegen eine Einzelwohnung einzutauschen.

Plombir

Plombir ist eine in Russland sehr bekannte Speiseeissorte, die noch vom Mythos des gleichnamigen, aber sahnig-reichhaltiger produzierten Eises aus Sowjetzeiten und dessen ungebrochener Popularität zehrt. Es ist eine Abwandlung vom französischen Glace Plombières – ein Speiseeis, das im 19. Jahrhundert in der französischen Gemeinde Plombières-les-Bains kreiert wurde. Viele russische Spezialitäten tragen französische Namen.

Gnosen
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Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erlebten eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

Der Begriff des Tauwetters  (russ. ottepel) wird oft mit der Regierungszeit Nikita Chruschtschows (1953–64) gleichgesetzt. Doch entstand das griffige Bild zunächst aus einem literarischen Schlüsselwerk: Ilja Erenburgs Roman Tauwetter von 1954 schilderte die individuellen Zweifel der jüngeren sowjetischen Generation an den herrschenden Normen und verstand den Protest gegen die alte politische Ordnung als Prozess der Erwärmung, als ein symbolisches Aufschmelzen des stalinistischen Systems. Der Romantitel wurde bald zum Namensgeber einer ganzen Epoche.

Zentrales Moment der Tauwetter-Ära war die Entstalinisierung der sowjetischen Gesellschaft. Deren Anfang lässt sich mit der sogenannten Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. im Februar 1956 assoziieren, in der dieser den Personenkult um Stalin anpragerte und – bis zu einem gewissen Maße – mit dem stalinistischen Terror abrechnete. Dieser Kurs wurde einige Jahre später mit der Entfernung des Leichnams Stalins aus dem Mausoleum sowie der Verbannung seines Namens aus der Öffentlichkeit fortgeführt. Entscheidend waren in diesem Prozess ebenso die Freilassung von Millionen politischer Häftlinge aus den Lagern und erste Ansätze ihrer Rehabilitation.

Insgesamt veränderte sich im Tauwetter unverkennbar die Beziehung der Bevölkerung zum Regime, sodass nun eine Revitalisierung des öffentlichen Lebens und der Kultur einsetzte. Deutliche Lockerungen im Umgang mit Rede- und Publikationsfreiheit erweiterten nicht nur die künstlerischen Möglichkeiten und führten zu einem neuen, aufrichtigen Ton in der Literatur, sondern erlaubten auch die literarische Enttabuisierung des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. und des stalinistischen Terrorregimes. Neben den Texten von Alexander SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer., dessen Lager-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ 1962 zum ersten Mal erscheinen konnte, waren es besonders Lyriker wie Jewgeni JewtuschenkoJewgeni Jewtuschenko (1932–2017) war ein russischer Schriftsteller. Seit 1952 Mitglied im Schriftstellerverband der Sowjetunion, hatte er seinen Durchbruch 1961 während der sogenannten Tauwetter-Periode mit dem Gedicht Babi Jar. Darin kritisierte er unter anderem den in der Sowjetunion herrschenden Antisemitismus. Trotz Kritik und Druck von staatlicher Seite war Jewtuschenko äußerst produktiv. Er war in der Sowjetunion einer der bekanntesten Schriftsteller. Politisch gehörte er zur Gruppe der sogenannten Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. oder Bella AchmadulinaBella Achmadulina (1937–2010) war eine russische Dichterin und die erste Ehefrau Jewgeni Jewtuschenkos. Obwohl ihre Poesie keine politischen Anklänge hatte, galt sie dennoch als oppositionell. Sie gehörte zur Generation der Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. In den 1970er Jahren setzte sie sich für inhaftierte Kulturschaffende in der Sowjetunion ein., in deren Gedichten soziales Engagement artikuliert und transportiert wurde. Öffentliche Literaturlesungen wie etwa beim 1958 errichteten Majakowski-Denkmal zogen oftmals Tausende von zumeist jungen Besuchern an und schufen ein Forum für die aufkommende Gegenöffentlichkeit.

Die Entstehung einer unangepassten, urban geprägten Jugendkultur zu dieser Zeit hatte zudem mit der zarten Tendenz einer „Verwestlichung“ der sowjetischen Kultur der 50er und 60er Jahre zu tun. Sie äußerte sich in einem neuartigen Interesse für Mode, Jazz oder westlich geprägte Identitätsentwürfe – wie der aufkommenden Hooligan-Kultur oder den sogenannten Stiljagi. War die Sowjetunion unter Stalin streng von der westlichen Hemisphäre isoliert, so  ergaben sich nun neue Kontaktmöglichkeiten mit dem Ausland: So gelangten, etwa durch heimkehrende Soldaten oder über das Baltikum, westliche Konsumgüter in die Sowjetunion. Aber vor allem waren es Ausstellungen und Festivals, die in Moskau organisiert wurden und dem kulturellen Austausch dienten. Dazu gehörten z. B. die Weltjugendspiele 1957, zu denen weit über 30.000 Menschen aus aller Welt strömten, oder die amerikanische Nationalausstellung 1959.

Allerdings wäre es irreführend, die Tauwetterzeit historisch einseitig als Phase einheitlicher und umfassender Liberalisierung zu romantisieren. Restriktive und liberale Tendenzen wechselten sich – auch aufgrund von Chruschtschows oft sprunghaften Entscheidungen – ständig miteinander ab, sodass es sich vielmehr um eine Reformationsphase des sozialistischen Experiments handelte. Zudem kannten und nutzten den Begriff Tauwetter nur die besser gebildeten, urbanen Schichten. Die Verhaftung des Dichters Joseph Brodsky und der Prozess gegen die Autoren Daniel und Sinjawski bildeten ab Mitte der 60er Jahre den Auftakt für eine Phase der Restauration unter BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet., die später als Epoche der StagnationDer Begriff Sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung Sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt. bis in die 80er Jahre dauerte.

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Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Archipel Gulag

Archipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument.

Alexander Solschenizyn

Im Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer.

Larissa Bogoras

Larissa Bogoras war eine russische Linguistin, Publizistin und bekannte Menschenrechtlerin. Sie war vor allem im sowjetischen Untergrund der 1960er Jahre aktiv, als sie Mitschriften von politischen Schauprozessen anfertigte und Informationen darüber auch im Ausland zugänglich machte. Ihre öffentliche Demonstration gegen die gewaltsame Zerschlagung des Prager Frühlings brachte ihr eine Lagerstrafe ein. Auch das hielt sie nicht von ihrem Engagement ab, und so blieb sie auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu ihrem Tod eine der aktivsten Menschrechtlerinnen in Russland.

Marietta Tschudakowa

Marietta Tschudakowa ist Professorin für Literaturwissenschaften und in Russland darüber hinaus auch als Historikerin und Publizistin bekannt. Sie ist in der politischen Opposition aktiv, in der sie zu den liberalen Kräften gezählt wird.

Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

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Szene aus dem Film Mne dwadzat Let (All rights reserved)