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Archipel Gulag

Archipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische StraflagersystemDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument.

Der Archipel Gulag gehört zu den wichtigsten und bekanntesten literarischen Werken der sowjetischen Dissidentenbewegung. In der Sowjetunion verboten, wurde es 1973 in Paris erstveröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien wenig später und der erste Band brach alle deutschsprachigen Buchverkaufsrekorde. Kurz nach dem Erscheinen des Buchs wurde SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. aus der Sowjetunion ausgewiesen, man sprach damals von der Solschenizyn-Affäre. In der Sowjetunion erschien das Buch erst Ende der 1980er Jahre; inzwischen zählt es zur Pflichtlektüre an russischen Schulen.

Das Werk

Die drei Bände des Archipel Gulag sind in sieben Teile und zahlreiche Unterkapitel unterteilt. Den Plot des Buches bilden die Massenverhaftungen in der Sowjetunion: Verhör, Gericht, Zwangsarbeit und Verbannung. Zahlreiche Erzählstimmen sind eng verflochten: Sie präsentieren Solschenizyns eigene Haftgeschichte und die von vielen anderen Mitbürgern, aber auch die ideologischen Sichtweisen des Autors über andere Häftlinge, über Stalin und die Sowjetunion. Als Ganzes zielt das Werk auf eine Delegitimierung der sowjetischen Ideologie durch die Darstellung von staatlicher Ungerechtigkeit ab. Das Werk trägt auch den Charakter eines moralischen Appells.

Die Rezeption

„Kaum ein literarisches Werk des Dissens ist […] so einhellig begrüßt worden wie Solschenizyns Archipel.“ (Karl Schlögel).1 Die überaus positive Rezeption des Buchs in westlichen Ländern entsprang insbesondere aus dem Bedürfnis der Leser, sich vom sowjetischen Kommunismus als Ideologie abgrenzen zu wollen. So wurde das Buch zu einem Symbol des Kalten Krieges.

Die Frage der literarischen Gattung: Wie kann man „Gulag“ heute lesen?

Archipel Gulag wird vom Autor selbst als eine „künstlerische Untersuchung“ bezeichnet. Die literarische Gattung des Archipel Gulag ist jedoch schwer festzulegen. Der Autor behauptet, neben seiner eigenen Erfahrung auch die Hafterlebnisse von 227 anderen Personen niederzuschreiben und auf nichts Fiktives zurückzugreifen. Das Werk wird daher häufig als Geschichte gelesen, was jedoch problematisch ist, da es viele unbelegte Fakten und zahlreiche subjektive Einschätzungen enthält. Archipel Gulag beschreibt Begebenheiten, die sich nicht belegen lassen: So werden beispielsweise geheime Gespräche zwischen Dritten ohne Quellenhinweise wörtlich wiedergegeben.

Das Werk lässt sich nicht einfach als generelle Anklage gegen das Unrecht in der UdSSR lesen, da Solschenizyn die Bestrafung von manchen Opfern des Stalinismus rechtfertigt und die Haft als eine Art „Schulung für die Seele“ betrachtet.2 Auch seine Darstellung von Frauen oder Minderheiten ist unzeitgemäß. Beispielsweise werden lesbische Beziehungen als Krankheit eingestuft (Band 2, S. 236)3 und homosexuelle Männer durchgehend als „Schlampen“ (russ. suka, wörtl. Hündin) beschimpft. Massenvergewaltigung wird in einer Passage als etwas präsentiert, das bei nicht betroffenen Frauen Neid hervorruft (Band 2, S. 221–222)4. Heute erfordert das Werk die kritische Distanz des Lesers, es bleibt aber dennoch ein epochales Beispiel politischer Literatur.


1.Schlögel, Karl (1982): Literatur der Dissidenz als Ansatz einer Theorienbildung zur sowjetischen Gesellschaft, in: Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Bd. 31
2.Toker, Leona (2000): Return from the Archipelago: Narratives of Gulag Survivors, Bloomington
3.Solschenizyn, Alexander (1974): Der Archipel Gulag, Bde. 1–3, Bern
4.ebd.
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Alexander Solschenizyn

Im Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer.

Larissa Bogoras

Larissa Bogoras war eine russische Linguistin, Publizistin und bekannte Menschenrechtlerin. Sie war vor allem im sowjetischen Untergrund der 1960er Jahre aktiv, als sie Mitschriften von politischen Schauprozessen anfertigte und Informationen darüber auch im Ausland zugänglich machte. Ihre öffentliche Demonstration gegen die gewaltsame Zerschlagung des Prager Frühlings brachte ihr eine Lagerstrafe ein. Auch das hielt sie nicht von ihrem Engagement ab, und so blieb sie auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu ihrem Tod eine der aktivsten Menschrechtlerinnen in Russland.

Genrich Jagoda

Der Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete.

Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Dimitri Kisseljow

Der Journalist Dimitri Kisseljow spielt in dem gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja.

Dimitri Peskow

Dimitri Peskow ist seit dem Machtantritt Putins für dessen Pressearbeit zuständig und gilt als offizielles Sprachrohr des Kreml. Üblicherweise für die Krisen-PR verantwortlich, sorgte er mehrfach selbst für negative Schlagzeigen, unter anderem im Rahmen der Panama Papers.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)