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Genrich Jagoda

Der Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst., der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete.

Genrich Jagoda (1891–1938) wurde in Rybinsk in einer jüdischen Handwerkerfamilie geboren. Aufgewachsen ist Jagoda in Nishni NowgorodNishni Nowgorod (von 1932 bis 1990 Gorki) ist eine Großstadt (1,2 Millionen Einwohner) an der Einmündung der Oka in die Wolga, ungefähr 400 km östlich von Moskau. Zu Sowjetzeiten war die Stadt für Ausländer geschlossen. Von 1980 bis 1986 Verbannungsort von Andrej Sacharow, der hier unter ständiger Bewachung des KGB lebte., wo er auch acht Jahre das Gymnasium besuchte. Bei der anschließenden Arbeit in der Druckerei seines Vaters kam es zu ersten Berührungen mit den Anarchisten. In den 1910er Jahren wurde er mehrfach verhaftet und für einige Jahre verbannt. 1915 wurde Jagoda in die zaristische Armee eingezogen, wo er bis zu seiner Verwundung und seinem anschließenden Ausscheiden aus den Streitkräften den Grad des Unteroffiziers erreichte.1

Vor der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. verlief das Leben von Jagoda nicht anders als das vieler Gleichgesinnter. Zwischen FebruarDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein.- und Oktoberrevolution 1917 trat Jagoda den BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  bei, wobei später sein Eintritt um zehn Jahre zurückdatiert wurde. Ab diesem Zeitpunkt begann seine steile Karriere innerhalb der russischen Geheimpolizei. Er hatte unterschiedliche Posten inne, baute seine Kontakte zu Felix Dserschinski und Stalin aus und wurde bereits 1926 zum stellvertretenden Vorsitzenden der OGPUDie Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war die Nachfolgeorganisation der Tscheka als Geheimpolizei der Sowjetunion. Gegründet 1922 wurde sie ab 1923 unter Felix Dsershinski als vom Innenministerium separierte, eigenständige Behörde geführt. Infolge einer weiteren Reform im Jahr 1934 wurde sie wieder ins Innenministerium integriert., der damaligen Geheimpolizei.

Ganz egal, welche Projekte Jagoda in seiner 20-jährigen Dienstzeit verwirklichte – ob es um Deportationen, Entkulakisierung, Prozesse gegen Staatsfeinde und Verschwörer oder um den Ausbau des Lagersystems ging –, Jagoda war stets ein Helfer Stalins, der nie ohne das Wissen und die Zustimmung des Diktators handelte. Sein rasanter Aufstieg fiel in die Zeit, als die junge Sowjetrepublik sich noch mitten im Bürgerkrieg befand und nach dem Tod LeninsNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  1924 der Aufbau der stalinistischen Gewaltdiktatur begann. Zu den größten Projekten, die Jagoda verantwortete, zählten der Bau des Weißmeer-Ostsee-KanalsDer Belomorsko-Baltiski-Kanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist eine 227 km lange Wasserstraße, die Sankt Petersburg mit der Barentsee verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Anweisung Stalins vorwiegend durch Häftlinge des Straflagersystems Gulag unter rauen klimatischen Verhältnissen und brutalen Arbeitsbedingungen gebaut. Zehntausende kamen dabei ums Leben. (1931–1933) und der Bau des Moskau-Wolga-Kanals (1931–1934) durch Lagerhäftlinge, von denen zehntausende aufgrund der unmenschlichen Arbeitsbedingungen ums Leben kamen.

Foto © russ. Staatsarchiv, gemeinfreiDer Historiker Jörg Baberowski schrieb über Jagoda: „Was immer die Helfer des Diktators sich auch ausdachten – sie selbst wussten, dass auch ihr Leben an einem seidenen Faden hing, wenn sie versagten. Denn die Maßnahmen, die gegen die Feinde ergriffen wurden, mussten dem Ausmaß der Bedrohung entsprechen. Jagoda arbeitete an der Aufdeckung neuer Verschwörungen, belieferte Stalin mit neuen Informationen über Feinde und Verräter, aber er machte Fehler, die das Misstrauen des Diktators weckten.“2 Im September 1936 beschloss Stalin die Absetzung Jagodas, weil er sich u. a. als unfähig erwiesen habe, die trotzkistischen VerschwörungsnetzwerkeAnhänger des marxistischen Theoretikers und Politikers der frühen Sowjetunion Leo Trotzki. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Oktoberrevolution und baute während des Bürgerkriegs die Rote Armee auf. Nach Lenins Tod kritisierte er u. a. die nationalistische Wende Stalins, der – im Gegensatz zum Internationalisten Trotzki – den Sozialismus in einem Land verteidigte. Trotzki unterlag im offenen Machtkampf und lebte seit 1929 im Exil, wo er 1940 auf Stalins Befehl ermordet wurde. Unter Stalin wurde die Bezeichnung Trotzkist synonym für Verräter gebraucht. vollständig aufzudecken. Jagoda wurde durch Nikolaj Jeshow ersetzt, einen noch gefälligeren und schnelleren Handlanger Stalins, der in den Jahren 1937 und 1938 für den Großen Terror verantwortlich war.3

Der Massenterror wütete nicht nur innerhalb der Partei und des Staatsapparates, sondern betraf alle Schichten der sowjetischen Gesellschaft. Die innere Logik dieser Gewaltwelle wird meistens als der letzte „Akkord in der stalinistischen Revolution von oben“4 gedeutet, der dazu dienen sollte, mit Angst und Schrecken alle Widersacher des Systems zu vernichten. „Die Bedrohung durch Feinde war eine plausible Erklärung für das Versagen des Regimes [...]“, schrieb Jörg Baberowski.5 Und weil Genrich Jagoda in den Augen Stalins bei dem Kampf für die hohen Ziele der Bolschewiki versagt hatte, musste er bestraft werden. Einige Monate nach seiner Entlassung aus den Reihen des NKWD wurde Jagoda verhaftet und mit anderen bekannten Personen wie Nikolaj Bucharin und Alexej Rykow im dritten Schauprozess im Frühjahr 1938 verurteilt.6 Damit wurde Jagoda zum Opfer des Systems, das er selbst aufgebaut hat. Kurz nach seiner Verurteilung wurde er vermutlich in der Lubjanka, dem Hauptquartier des NKWD in Moskau, erschossen.   


1.vgl. Rayfield, Donald (2004): Stalin und seine Henker, München;  Petrov, N./Skorkin, K. (Hrsg.) (1999): Kto rukovodil NKVD 1934-1941: Spravočnik, Moskau;  Zalesskij, K. A. (2000): Imperia Stalina: Biografičeskij enciklopedičeskij slovar‘, Moskau
2.Baberowski, Jörg (2012): Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt, München, S. 260
3.vgl. Baberowski, Jörg (2012): Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt, München, S. 278-285. Oder: Chlevnjuk, Oleg V. (1996): Politbjuro: Mechanizmy političeskoj vlasti v 30-e gody, Moskau, S. 164f [in deutscher Übersetzung: Chlewnjuk, Oleg (1998): Das Politbüro: Mechanismen der politischen Macht in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Hamburg]. Zur Inventarliste, die während der Verhaftung in der Wohnung Jagodas erstellt wurde, siehe: Schlögel, Karl (2008): Terror und Traum: Moskau 1937, Bonn, S. 479–481
4.Chlevnjuk, Oleg V. (1991): 1937 god: Protivostojanie, Moskau, S. 4
5.vgl. Baberowski, Jörg/Kindler, Robert (Hrsg.) (2014): Macht ohne Grenzen: Herrschaft und Terror im Stalinismus, Frankfurt am Main, S.9
6.zu dem Prozess innerhalb des Februar-März-Plenums des Zentralkomitees siehe: Schlögel, Karl (2008): Terror und Traum: Moskau 1937, Bonn, S. 239–266
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