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Realnoe Vremya

„Die Vergangenheit ist uns allen im Blut”

Ein junger Autor auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Ein großartiges Buch über den GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. habe er geschrieben, heißt es. Wie kann das sein, mit gerade mal 30 Jahren? Es ist Sergej Lebedew, geboren 1981 in Moskau.

Das Leben habe ihm diese Aufgabe beschert, mit zwei sehr unterschiedlichen Großvätern mütterlicherseits, sagt er. Und er hat sich ihr gestellt. 

Mittlerweile liegen vier Romane des Autors Sergej Lebedew vor, zwei davon sind von Franziska Zwerg übersetzt auf Deutsch erschienen: Der Himmel über ihren Schultern (2013), Menschen im August (2015). Es sind Werke über seine jenseits der glatten Oberfläche komplizierte Familiengeschichte. Lebedew, Sohn von Geologen, die oft in den kalten Nordregionen Russland unterwegs waren, hat sie ausgegraben.  

Im Interview mit Natalia Fjodorowa spricht er über die Notwendigkeit und die Grenzen des Schreibens. Gerade, wenn es um das Erinnern geht.

Quelle Realnoe Vremya

Sergej Lebedew, die Literaturhistorikerin Natalia GromowaNatalia Gromowa (geb. 1959) ist eine russische Literaturhistorikerin und Autorin. Unter anderem war sie Mitarbeiterin der Staatlichen Historischen Bibliothek in Moskau, Redakteurin des wissenschaftlichen Verlages Enzyklopädie der Sowjetunion sowie stellvertretende Chefredakteurin der Zeitung Perwoje Sentjabrja (dt. Erster September). Sie ist Mitglied des Bundes Moskauer Schriftsteller, der sich für die Rechte und den Schutz von Autoren einsetzt.    beschrieb Sie mit den Worten: „Ein junger Schriftsteller, der über den Stalinismus in unserem Blut schreibt.“ Stimmen Sie dem zu?

Sergej Lebedew: In dieser Formulierung ist das Schlüsselwort „Blut“. Denn eigentlich wollte ich nie Schriftsteller werden. Meine Eltern haben in der Sowjetunion als Geologen gearbeitet. Ab Mitte der 1990er Jahre war ich während acht Grabungssaisons auf geologischen Expeditionen dabei. Wir suchten seltene Mineralien für Museen, für Sammler. Fast alle Expeditionen führten uns an Orte ehemaliger GulagsDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst., weit entfernt von Häusern und besiedelten Gegenden. Man kann sagen, es war das Gulag-Grenzland. Als in den 1960er Jahren die Lager geschlossen wurden, verließen die Menschen diese Orte. Was blieb, war ein Gulag-Atlantis, das über 40, 50 Jahre spurlos in der Vergangenheit verschwand.

Gibt es viele solcher Orte?

Fast ganz Sibirien besteht daraus. Der Historiker Alexander EtkindAlexander Etkind (geb. 1955) ist ein russischer Historiker, der seit 2013 als Professor für Geschichte russisch-europäischer Beziehungen am European University Institute in Florenz. arbeitet. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Kolonisation Russlands, russische Protestbewegungen sowie Erinnerungskulturen in Osteuropa. Von 2010 bis 2013 leitete er das internationale Forschungsprojekt Memory at War: Cultural Dynamics in Poland, Russia, and Ukraine. hat die Theorie, dass der Gulag ein Instrument zur inneren KolonisationDer russische Philologe und Kulturwissenschaftler Alexander Etkind (geb. 1955) entwickelte die Theorie der „inneren Kolonisation“ Russlands. Im Unterschied zu großen kolonialen Imperien, wie Großbritannien oder Frankreich, die ihre Kolonien meist weit weg vom Kernland hatten, sind die russische Kolonien in der Regel übers Festland miteinander verbunden. Die Zaren und später die sowjetische Regierung betrachteten die eigene Bevölkerung als die, die kolonisiert werden muss. Russland war dementsprechend sowohl Subjekt als auch Objekt der Kolonisierung. des Landes war. Und als diese Welle der Kolonisation abebbte, blieben Ruinen von diesen Lagern, blieben Steinbrüche, Bergwerke und Straßen zurück. Das waren die Halbinsel Kola, die Republik Komi mit dem polaren und subpolaren Ural, wie auch die Region KrasnojarskKrasnojarsk ist mit rund einer Million Einwohnern die östlichste Millionenstadt Russlands. Sie ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Zentral- und Ostsibiriens. In der Stadt gibt es über 20 Hochschulen mit rund 150.000 Studenten., Tschukotka, KolymaKolyma wird oft synonym zu Gulag verwendet – ein System von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff einen Fluss und eine Region im Fernen Osten des Landes. Zu Zeiten der Stalinschen Repressionen befanden sich auf dem Gebiet Kolyma rund 25 Arbeitslager, die jeweils über mehrere Lagerpunkte verfügten. Der sowjetische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow verbrachte ab 1937 rund 16 Jahre in den Lagern des Gebiets. Er beschrieb seine Erfahrungen in Erzählungen aus Kolyma, die auch ins Deutsche übersetzt wurden. .

Es blieb ein Gulag-Atlantis, das über 40, 50 Jahre spurlos in der Vergangenheit verschwand. Fast ganz Sibirien besteht aus solchen Orten

Damals, Mitte der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion., hatte ich den Eindruck, wir leben in einem neuen Land. Die Geschichte hatte den richtigen Weg eingeschlagen. Das Leben war hart, schwierig, ärmlich, und doch war es ein anderes Land. Über die Straflager konnte man in Büchern lesen, bei SchalamowWarlam Schalamow (1907—1982) war ein russischer Schriftsteller und Dissident. Nach seiner Verhaftung 1929 wegen konspirativer oppositioneller Tätigkeiten wurde er verurteilt zu dreijähriger Strafarbeit im Arbeitslager mit anschließender fünfjähriger Verbannung in den Norden Russlands. 1937 wurde Schalamow erneut zu Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Freilassung 1951 entstehen die heimlich verfassten Erzählungen aus Kolyma, die 1971 in Deutschland und Frankreich publiziert werden. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen aus den sowjetischen Arbeitslagern. Die Erzählungen aus Kolyma gehören heute zu den wichtigsten Werken über das Leben in den sowjetischen Gulags. . Und dann stehst du auf einmal selbst inmitten dieser Lagerrealität und merkst, dass sie parallel zu unserer Zeit existiert. Diese Ruinen sind sich selbst ein Denkmal. 
Über die vielen Jahre, in denen ich dort gearbeit habe, entstand bei mir das seltsame Gefühl, dass auch ich Zeuge bin – Zeuge dieser entsetzlichen, verlassenen Post-Existenz des Gulags. Die niemand sieht, weil niemand an diese Orte kommt.

Und wie war das für Sie? Als Privatperson, die unerwartet dieses Atlantis für sich entdeckt?

Ich dachte nicht, dass das etwas mit meinem Leben zu tun hat. Ich wusste aus unserer Familiengeschichte, dass einige meiner Verwandten verfolgt, inhaftiert waren. Es gibt diesen bekannten Satz von AchmatowaAnna Achmatowa (1889–1966) war eine russische Dichterin und Übersetzerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Gedichte werden zur Stilrichtung des Akmeismus gezählt. Ihr Schlüsselwerk, das Poem Rekwijem (dt. Requiem), ist auch Widerhall ihres tragischen Lebens: 1921 wurde ihr früherer Ehemann, der Dichter Nikolaj Gumiljow (1886–1921), hingerichtet, ihr dritter Ehemann Nikolaj Punin (1888–1953) wurde mehrmals inhaftiert und starb 1953 im Lager. Ihr einziger Sohn, der Historiker Lew Gumiljow (1912–1992), hat mehr als zehn Jahre im Lager verbracht.: Es gab ein Russland, das einlochte, und ein Russland, das einsaß. Ich identifizierte mich mit jenem Russland, das einsaß. Ein beruhigendes Gefühl: Gott sei Dank, wir waren an Grausamkeit und Verbrechen nicht beteiligt, wir sind Opfer. Dadurch konnte ich die verlassenen Lager aus der Perspektive derjenigen betrachten, die dort gelitten hatten.

Auf einmal stehst du selbst inmitten dieser Lagerrealität und merkst, dass sie parallel zu unserer Zeit existiert. Diese Ruinen sind sich selbst ein Denkmal

Aber später geschah etwas, was meine Sichtweise veränderte. Nie wollte ich in der Familienvergangenheit wühlen, als hätte ich geahnt, dass dort nicht alles so eindeutig war wie in den glatten Familiengeschichten, die vielfach wie eine Legende klangen. Aber dann starb meine Großmutter mütterlicherseits. Ich sah ihre Sachen durch und fand eine dicke Mappe mit verschiedenen Dokumenten, von deren Existenz ich nichts gewusst hatte. 

Meine Großmutter hatte zwei Ehemänner – meinen leiblichen Großvater und einen zweiten, den sie nach dessen Tod geheiratet hatte. Beide Großväter habe ich nie gesehen, ich wurde nach ihrem Ableben geboren. Doch mein leiblicher Großvater war das Objekt meiner kindlichen Verehrung. In der Wohnung meiner Großmutter gab es eine Pralinenschachtel, in der Orden und Medaillen aus der Sowjetzeit aufbewahrt wurden: ein Lenin-Orden, ein Orden des Roten Sterns, ein Rotbannerorden.

Ich wusste, dass mein leiblicher Großvater Offizier gewesen war, den gesamten KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. mitgemacht hatte, vom ersten bis zum letzten Tag, und dass er die Schlacht von StalingradDie südrussische Stadt Wolgograd ist als Stalingrad durch das Inferno im Zweiten Weltkrieg in die Weltgeschichte eingegangen, hatte jedoch im Zarenreich einen anderen Namen tatarischen Ursprungs. Heute wird versucht, wieder stärker an die sowjetische Vergangenheit der Stadt anzuknüpfen, vor allem dadurch, dass die Stadt zu bestimmten Feiertagen wieder Stalingrad heißen darf. überlebt hatte. Selbstverständlich hielt ich mich als Kind der 1980er Jahre eher für seinen Enkel als für den Sohn meiner Eltern. Für mich war er ein echter sowjetischer Held, ein Mensch, der Heldentaten vollbracht hatte und dafür zu Recht ausgezeichnet worden war. Ich träumte aufrichtig davon, auch selbst einmal etwas zu vollbringen, was meines Großvaters würdig wäre. Und wenn ich allein zu Hause war, erlaubte ich mir sogar, einen dieser Orden anzuprobieren und steckte ihn mir an die Brusttasche meines Karohemds. 

Nie wollte ich in der Familienvergangenheit wühlen, als hätte ich geahnt, dass dort nicht alles so eindeutig war wie in den glatten Familiengeschichten, die vielfach wie eine Legende klangen

In jener Mappe fand ich die Papiere der beiden Ehemänner meiner Großmutter, zwei Offiziersausweise. Und zu meinem größten Erstaunen stellte ich fest, dass mein leiblicher Großvater im Krieg gewesen war, bei Stalingrad gekämpft hatte, zweimal verwundet wurde, aber nie eine Auszeichnung bekommen hatte, nur die Jubiläumsmedaille Sieg über Deutschland, die alle Kriegsteilnehmer überreicht bekamen. 
Den zweiten Offiziersausweis schlug ich mit unguter Vorahnung auf. Und ich fand heraus, dass alle Auszeichnungen, diese Objekte meiner kindlichen Träumereien, dem zweiten, nichtleiblichen Großvater gehörten – einem Oberstleutnant der Tscheka-GPU-OGPUDie Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war die Nachfolgeorganisation der Tscheka als Geheimpolizei der Sowjetunion. Gegründet 1922 wurde sie ab 1923 unter Felix Dsershinski als vom Innenministerium separierte, eigenständige Behörde geführt. Infolge einer weiteren Reform im Jahr 1934 wurde sie wieder ins Innenministerium integriert.-NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag., der seinen Dienst im Jahr 1918 angetreten hatte, als er gerade 15 Jahre alt war. In den Ruhestand ging er 1954, nach Stalins Tod, und zwar als stellvertretender Kommandeur des Zwangsarbeitslagers in der Oblast Gorki. 
Die meisten seiner Orden hatte er 1937 und 1938Als Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. bekommen. Das heißt, er gehörte zu denen, die an Verhaftungen und Erschießungen beteiligt gewesen waren.

Und Sie merkten, wie das Leben Sie auf den Arm nahm.

Ja, ich hatte gedacht, ich sei dadurch geschützt, dass es unter meinen Verwandten nur Leidtragende gab. Und nun steht man da und begreift, dass die engsten Angehörigen mit diesem Menschen zusammengelebt haben, ihn in ihre Familie aufgenommen, mit ihm an einem Tisch gesessen, mit ihm gesprochen, ihm die Hand gedrückt haben.

Aber es hat sich in meinem Leben so ergeben, dass ich an jene Orten kam, wo dieser zweite Großvater sein Unwesen getrieben hatte. Ich sah die Spuren davon. Und auf einmal wusste ich, dass es nur einen Ausweg für mich gibt – literarisch darüber zu schreiben, einen Roman über diesen Menschen. Denn seine Akte hätte man mir nicht ausgehändigt. Ich bin kein naher Verwandter.

Außerdem wurde mir klar, dass ich kein Einzelfall bin. Es gibt noch andere, die eine alte Truhe öffnen und ähnliche Familiengeheimnisse entdecken. Ich hatte es noch leichter, weil ich wusste, dass er kein Blutsverwandter von mir war. Aber gleichzeitig fühlte ich, dass diese Vergangenheit uns allen im Blut ist und man sich nicht mit einem geringen Verwandtschaftsgrad rechtfertigen kann.

Mir wurde klar, dass ich kein Einzelfall bin. Es gibt noch andere, die eine alte Truhe öffnen und ähnliche Familiengeheimnisse entdecken

Und dann begann ich zu schreiben, zu suchen. Ich stieß auf weitere Familiengeschichten. Jetzt gibt es schon drei Bücher, das vierte erscheint diesen Winter. Zusammen bilden sie eine Tetralogie – die Erforschung von Leerstellen und Stigmata in der Geschichte einer Familie. Das alles in ein einziges Buch zu stecken, war unmöglich, es gibt zu viele Narben, Verletzungen und blinde Flecken.

Ihre Bücher stützen sich auf Fakten oder mussten Sie etwas dazuerfinden?

Bei den Familiengeschichten des 20. Jahrhunderts arbeitet man wie ein Detektiv. Denn die sowjetische Geschichte hat sich selbst ständig umgeschrieben, retuschiert und zensiert. Und es gibt viele verschiedene Gesichter der Sowjetunion – das der 1920er Jahre, der 1930er Jahre, der Kriegszeit, der Nachkriegszeit – und sie alle befinden sich in einem verborgenen Widerstreit.

Bei den Familiengeschichten des 20. Jahrhunderts arbeit man wie ein Detektiv. Denn die sowjetische Geschichte hat sich selbst ständig umgeschrieben, retuschiert und zensiert

Deswegen liegt der Ausgangspunkt meiner Bücher in den Geheimnissen, über die nur im Flüsterton gesprochen wurde oder überhaupt nicht. Das letzte Buch zum Beispiel handelt von Russland und Deutschland. Wir hatten deutsche Vorfahren, aber diese Tatsache wurde während der Sowjetzeit verschwiegen. Während der Stalinzeit ein Deutscher zu sein, reichte manchmal für ein Todesurteil. Deswegen ging ein riesiger Teil unserer Familienidentität verloren. Bücher auf Deutsch wurden weggeworfen, die Verbindung zu den Verwandten im Ausland brach ab.
 
In der „offiziellen“ Familiengeschichte taucht mein Urgroßvater erst auf, als er die Schirmmütze der Rotarmisten trug, und als er, ein Militärarzt, 1918 seinen Dienst in der Roten Armee antrat. Ich wusste nicht einmal, dass er vor der RevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Offizier der Zarenarmee gewesen war, von hohem Rang … All das wurde wegretuschiert.

Der Ausgangspunkt meiner Bücher liegt in den Geheimnissen, über die nur im Flüsterton gesprochen wurde oder überhaupt nicht

Zu Sowjetzeiten wusste ich nicht, dass unsere historischen Verbindungen viel umfassender sind als das, was mir sichtbar war. Dabei wird das Schicksal einer Familie genau von diesen wesentlichen Dingen bestimmt, über die niemand spricht. Deswegen stelle ich in den Büchern, in den Romanen die Größenordnungen wieder her, die historischen Zusammenhänge und mich selbst als Mensch innerhalb der Geschichte.

Wie sehen Sie heute, nach dieser Arbeit, den Gulag? Was war das genau?

Zunächst einmal besteht die üble Einzigartigkeit des Gulags auch darin, dass die Straflager weit weg von jeglicher Zivilisation und Kultur lagen. Sie befanden sich also in einer Art geografischem Verschlag. Die Lager der Nazis in Deutschland dagegen sind eingeschrieben in die Topographie, in die Geschichte, man kann sie schwerlich von dort herauslösen. Was jedoch die Lager im Norden oder in Sibirien betrifft, so liegen sie im Nirgendwo – dort gab es zuvor historisch kein Leben, dort war einfach nur Taiga, und auch jetzt gibt dort historisch kein Leben. Ihre Existenz zu einer Tatsache unseres gesellschaftlichen Lebens und Gedenkens zu machen, ist deshalb eine äußerst schwierige und keineswegs triviale Aufgabe. 

Die Lager der Nazis in Deutschland sind eingeschrieben in die Topographie, in die Geschichte. Was jedoch die Lager im Norden oder in Sibirien betrifft, so liegen sie im Nirgendwo

Zweitens: Einmal stand ich auf einem Gelände eines zerstörten Lagers, und mein erster Gedanke war, dass hier ein Denkmal stehen sollte. Und der nächste Gedanken war, dass ein Denkmal unmöglich ist. Denn ein Denkmal an sich bringt kein Gedenken hervor, es verweist nur darauf. Ein Denkmal würde dort in der Luft hängen. Denn es gibt nur kleine Inseln des Gedenkens wie die Inseln des Archipel GulagArchipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument., aber sie haben sich noch nicht zu einem Ganzen gefügt. Das liegt vor allem daran, dass die enorm vielen Tode, die es dort gegeben hat, immer noch abstrakte Tode sind. Das Sterben vollzog sich nicht innerhalb unserer Kultur und Gesellschaft, was sonst das hervorbringt, was wir als Totengedenken bezeichnen.

Dort herrscht Permafrost. Die verstorbenen Häftlinge sind nicht verwest. Sie stecken gleichsam zwischen Dies- und Jenseits fest

Und ich habe gesehen, wie die, die dort umkamen, im Stich gelassen worden sind. Dort herrscht Permafrost. Und im Permafrost verwest keiner. Wie Mammuts, zum Beispiel. Die verstorbenen Häftlinge sind ebenfalls nicht verwest. Sie stecken gleichsam zwischen Dies- und Jenseits fest. Sie sind gestorben, aber nicht zu Ende gestorben.

Diese Situation scheint ausweglos. Es sind jetzt riesige Anstrengungen gefordert, um aus diesen Orten trotzdem Friedhöfe zu machen, sie in die Nekropole des ganzen Landes einzugliedern. Das ist es, was mir klar wurde und worum ich mich nicht nur als Autor kümmern möchte. Denn ich habe die Begrenztheit literarischer Mittel erkannt sowie ihre Unfähigkeit, an die Stelle von elementaren Dingen zu treten – ich meine Rituale, das Aufstellen von Kreuzen, Grabsteinen, Totengedenkfeiern. Das ist elementar und viel archaischer und wichtiger als die Literatur.

Das heißt, um diese einfachen Wahrheiten zu verstehen, ist so viel innere und äußere Arbeit nötig? Und nur dann wird jeder einzelne Mensch die Notwendigkeit für ein aktives Gedenken erkennen?

Wissen Sie, als ich meinen literarischen Weg begann, dachte ich, Literatur vermag alles. Es reicht, einen Roman zu schreiben.

Aber dann las ich für eines meiner Bücher viele Zeitungen und Zeitschriften aus den späten 1980er Jahren, ganze Jahrgänge [gnose-893]Ogonjok[/gnose]. Ich sah, wie das Thema Repressionen und stalinistische Vergangenheit aufkam, wie es sich zu einer Lawine von Veröffentlichungen auswuchs. Und ich bemerkte eine seltsame Sache – alles dies war gemäß der klassischen Vorstellung der Russen über die Wahrheit verfasst. Die Wahrheit ist ja eine Figur aus dem russischen Märchen. Es gibt die Prawda und die Kriwda (die Wahrheit und den Trug). Die Wahrheit ist ein Wesen, und man muss sie nur freilassen, damit sie alles in Ordnung bringt. In diesem Sinne besteht die Rolle des Kulturschaffenden darin, dieser Wahrheit die Tür zu öffnen.
Aber mir wurde auf einmal klar, dass es so nicht funktioniert. Das ist zu naiv. Es hat auch auf längere Sicht nicht funktioniert, zumal sich zu dieser Zeit niemand fand, der diese Dinge gut formuliert hätte. Oder wir haben ihn nicht gehört.

Und Juri DmitrijewJuri Dmitrijew (geb. 1956) ist ein russischer Publizist, Heimatkundler und Leiter von Memorial in Karelien – einer Menschenrechtsorganisation, die das Justizministerium im Oktober 2016 auf die Liste der sogenannten ausländischen Agenten setzte. Bekannt geworden ist Dmitrijew vor allem wegen zweier Expeditionen, bei denen sein Team große Massengräber von Opfern stalinistischer Verbrechen entdeckte und dokumentierte. Im Dezember 2016 wurde Dmitrijew wegen mutmaßlicher Herstellung von kinderpornographischem Material verhaftet. Viele Beobachter stufen den im Juni 2017 eröffneten Gerichtsprozess gegen Dmitrijew als politisch-motiviert ein.  ?

Ja, mit Juri Dmitrijew habe ich endlich einen Menschen getroffen, der intuitiv einen Weg fand, wie man mit den Grabstätten umgehen muss. Wie sie gestaltet sein müssen, damit das eine persönliche Angelegenheit für eine große Zahl von Menschen wird – und nicht zu einer Initiative von oben, wo ein Denkmal aufgestellt wird und damit ist das Thema erledigt.

Und ich denke, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt, wo man bei uns die Zeichen einer wiederkehrenden Vergangenheit deutlich erkennen kann, auf einmal so viele Menschen von Dmitrijews Geschichte erfahren. Denn es kommt vor, dass sich ein einziger Mensch der wiederkehrenden Vergangenheit in den Weg stellt und sie nicht durchlässt. Das mag pathetisch klingen, aber so ist es.

Gibt es aus Ihrer Sicht heute in Russland überhaupt so viele Menschen und Gemeinschaften, die über dieses Thema nachdenken? Im von Ihnen erwähnten Deutschland sind, soweit ich weiß, Reflexionen zum Nazismus und offene Reue bis heute weit verbreitet, und zwar nicht nur in Schriftstellerkreisen.

Das große Verdienst der westdeutschen Intellektuellen der 1960er bis 1980er Jahre bestand darin, dass sie verhinderten, dass Diskussionen verhallen und verstummen. Und sie formulierten gewisse Dinge, die dann, wenn auch unter Schwierigkeiten, zur offiziellen Position wurden. Das ist aus Deutschland nicht mehr wegzudenken, es ist bereits Staatsräson.

Selbstverständlich sind deutsche Historiker und öffentliche Personen sehr sensibel gegenüber solchen Dingen. 
Bei uns hat der Staat gar nicht die Absicht, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Mehr noch, er kümmert sich äußerst aktiv um das Gegenteil.
Aber dennoch entstehen in Russland Gruppen und Initiativen, die es vor fünf, sechs Jahren noch nicht gegeben hat. Momentan sind wir in einer historischen Situation, in der sich die Dinge zuspitzen. Es ist allzu offensichtlich, dass viele Missstände der Gegenwart ihre Ursache in der mangelnden Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Ob sich das zu etwas Größerem verdichtet, weiß ich nicht. Ich würde mir wünschen, dass eine gesellschaftliche Bewegung entsteht, die für bestimmte Prinzipien in der Erinnerungspolitik einsteht. Und wenn sie nur erreicht, dass es in Russland keine Denkmäler mehr gibt für DsershinskiFelix Dserschinski (1877–1926) war ein russischer Revolutionär und sowjetischer Politiker. 1917 gründete er die WeTscheKa – eine Behörde für Staatssicherheit, deren Abkürzung Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage bedeutet. In den folgenden Jahren leitete er die Staatssicherheit bzw. das Innenministerium. Wie kaum ein anderer steht der Name Dserschinski für das sowjetische Machtinstrument des Staatssicherheitsdienstes. Der Sturz seines Denkmals vor dem KGB-Gebäude an der Moskauer Lubjanka im Jahr 1991 gilt als eines der wichtigsten politischen Symbole der frühen 1990er Jahre. oder Stalin. 

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Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die Kommunistische Partei der SowjetunionDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. Der westlichen Öffentlichkeit ist der Gulag seit den 1970er Jahren durch SolschenizynsIm Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. Buch breiter bekannt geworden: Der Archipel GulagArchipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument. war die grausame Seite des erklärten ruhmreichen Aufbaus der lichten Zukunft im Kommunismus. Gulag ist die Abkürzung für Glawnoe Uprawlenie isprawitelno-trudowych Lagerei (dt. Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager). Das Lagersystem unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst OGPUDie Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war die Nachfolgeorganisation der Tscheka als Geheimpolizei der Sowjetunion. Gegründet 1922 wurde sie ab 1923 unter Felix Dsershinski als vom Innenministerium separierte, eigenständige Behörde geführt. Infolge einer weiteren Reform im Jahr 1934 wurde sie wieder ins Innenministerium integriert., seit 1934 NKWD. Es existierte von 1922 bis 1956.

Die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  verfolgten schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. und dem folgenden Bürgerkrieg sogenannte Klassenfeinde und Gegner des Regimes. Auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer entstand der erste Lagerkomplex, dessen Insassen Zwangsarbeit leisten mussten. Während der forcierten Industrialisierung der UdSSR im Rahmen des ersten Fünfjahrplans 1928–1932 wurde das Lagersystem ausgebaut. Die Zahl der Häftlinge stieg in dieser Zeit von 30.000 auf 300.000. Die Lagerhaft zielte offiziell auf wirtschaftlichen Nutzen sowie die Umerziehung der Inhaftierten durch Arbeit. Bekannte Schriftsteller und Künstler wie Maxim GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war ein russischer Schriftsteller. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen. oder El Lissitzky setzten die ersten Großbaustellen mit Zwangsarbeitern propagandistisch in Szene. Zur Erschließung von Rohstoffen sowie zum Aufbau von Industrie und Infrastruktur entstanden Lagerkomplexe in klimatisch unwirtlichen Gegenden Sibiriens und des Fernen Ostens. Neben den Insassen der Lager mussten in diesen Regionen sogenannte Sondersiedler schwere Arbeit leisten. Viele von ihnen waren als KulakenKulaken (wörtl. Fäuste) war eine Bezeichnung für Großbauern, die weitere Lohnbauer einstellten und auch als Kaufmänner tätig waren. Nach der Revolution 1917 wurden diese oft als Ausbeuterklasse, und Klassenfeinde der Sowjetunion bezeichnet, im Zuge der Zwangskollektivierung Anfang der 30er Jahre unterdrückt. bezeichnete Bauern, die im Zuge der Zwangskollektivierung der LandwirtschaftAls die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern. in den Jahren 1930/31 deportiert worden waren.

Nach dem bis heute ungeklärten Mord am Leningrader Parteichef Kirow im Jahr 1934 kam eine Repressionswelle in Gang, die in den sogenannten Großen Terror der Jahre 1936 bis 1938 einmündete. Etwa 1,7 Millionen Menschen wurden vom NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag. als Volksfeinde verhaftet, 700.000 von ihnen erschossen. Besonders betrafen die Verhaftungen die Spitze von Partei und Armee, aber ebenso die wissenschaftliche, künstlerische und technische Elite. Da vorgegebene Quoten erfüllt werden mussten, es also pro Gebietseinheit eine vorgegebene Mindestzahl von Verhaftungen geben sollte, konnte es jeden Bürger treffen. Verschwörungen und Beweise wurden erdacht, Schauprozesse inszeniert, Geständnisse unter Folter erpresst. Die Vernichtungsmaschine erfasste selbst den Apparat des NKWD. Nachdem der Geheimdienstchef JagodaDer Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete. 1936 und sein Nachfolger Jeshov 1938 erschossen worden waren, übernahm BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem GULag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen. bis 1953 die Leitung der Hauptverwaltung der Lager.

In den Jahren nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzten sich Vernichtungs- und Repressionsmaßnahmen gegen die Bevölkerung fort. Sie betrafen nun auch Polen, Ukrainer, Belarussen und Balten, die durch den Hitler-Stalin-PaktAm 23. August 1939 geschlossener und von den Außenministern des Deutschen Reichs (Joachim von Ribbentrop) und der Sowjetunion (Wjatscheslaw Molotow) in Moskau unterzeichneter deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt. Der offizielle Vertrag sah Neutralität bei Konflikten mit Dritten vor und einen Verzicht auf gegenseitige Gewaltanwendung. In einem erst 1945 bekannt gewordenen Zusatzprotokoll wurden die Einflusszonen beider Staaten in Ost- und Südosteuropa definiert, was unter anderem die Grundlage für den deutschen Überfall auf Westpolen und die Einverleibung Ostpolens durch die Sowjetunion bildete. unter sowjetische Herrschaft gekommen waren. Nach Ende des Krieges wurden ehemalige sowjetische Armeeangehörige, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, und der Kollaboration verdächtigte Zivilpersonen in den Lagern interniert.

Als Stalin 1953 starb, saßen circa 2,5 Millionen Menschen in sowjetischen Lagern. Insgesamt waren bis zu 20 Millionen Menschen durch den Gulag gegangen. Nach Schätzungen sollen etwa 2,7 Millionen Menschen im Lager ums Leben gekommen sein. Mehr als eine Million kam 1953 durch eine Amnestie frei. Der Großteil der politischen Häftlinge erlangte nach ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. Geheimrede 1956 die Freiheit zurück. Die Lagerhauptverwaltung wurde aufgelöst. Die wenigen verbliebenen Lager dienten auch weiterhin als Haftanstalten für politische Häftlinge, deren Zahl mit 8000 bis 20.000 zwischen 1957 und 1989 aber deutlich niedriger blieb als in den Jahrzehnten zuvor.

Das Thema Gulag konnte seit der Öffnung der sowjetischen Archive in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. gut erforscht werden. Über die Fakten besteht unter HistorikerInnen weitgehend Einigkeit. Strittig ist in der russischen Fachwelt und Öffentlichkeit jedoch die Frage, welchen Stellenwert dem Thema in der Vaterländischen Geschichte eingeräumt werden soll. Während die einen im staatlichen Terror den Kern des sowjetischen Herrschaftssystems sehen, versuchen die anderen, ihn als möglicherweise unumgängliche Begleiterscheinung des forcierten Aufbaus der Sowjetunion zur modernen Großmacht zu legitimieren.


Weiterführende Literatur:
Afanas’ev, Jurij u. a. (Hrsg.) (2004): Istorija Stalinskogo Gulaga, 2. Bd., Moskau
Applebaum, Anne (2003): Der Gulag, Berlin
Ivanova, Galina M. (2001): Der Gulag im totalitären System der Sowjetunion, Berlin
Khlevniuk, Oleg (2004): The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror, New Haven, London
Landau, Julia/Scherbakowa, Irina (Hrsg.) (2014): GULAG: Texte und Dokumente 1929–1956, Göttingen
Memo.ru: SSSR. Istorija repressij: 1917-1991 (wichtigste Sammlung von Materialien online)
Memo.ru: Karte des Lagersystems
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Genrich Jagoda

Der Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete.

Andrej Sacharow

Der Physiker und später weltbekannte sowjetische Dissident Andrej Sacharow ist der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einer inneren Kehrtwende engagierte er sich zunehmend gegen atomare Aufrüstung und für die Wahrung der Menschenrechte. 1975 wurde er für sein Schaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Perestroika: Wirtschaft im Umbruch

In den 1980ern verschlechterte sich die Lage der sowjetischen Planwirtschaft Jahr für Jahr. Als Gorbatschow die Krise ab 1985 durch punktuelle marktwirtschaftliche Reformen überwinden wollte, kam die sozialistische Ökonomie erst recht ins Straucheln.

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