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Die Geister der Vergangenheit

Juri DimitrijewJuri Dimitrijew (geb. 1956) ist ein russischer Publizist, Heimatkundler und Leiter von Memorial in Karelien – einer Menschenrechtsorganisation, die das Justizministerium im Oktober 2016 auf die Liste der sogenannten ausländischen Agenten setzte. Bekannt geworden ist Dimitrijew vor allem wegen zweier Expeditionen, bei denen sein Team große Massengräber von Opfern stalinistischer Verbrechen entdeckte und dokumentierte. Im Dezember 2016 wurde Dimitrijew wegen mutmaßlicher Herstellung von kinderpornographischem Material verhaftet. Viele Beobachter stufen den im Juni 2017 eröffneten Gerichtsprozess gegen Dimitrijew als politisch-motiviert ein.   muss ein „Wahnsinniger“ sein. Das sagen Freunde und Kollegen über ihn, und sein Werdegang legt es nahe: Akribisch und detailversessen, ohne große Institutionen und Gelder im Hintergrund, forschte und grub er in Archiven und in Erdhügeln nach Toten aus der Zeit des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt.. Er sorgte dafür, dass die Ermordeten und anonym Begrabenen wieder einen Namen und einen Gedenkort bekamen. 
Mit seinen Nachforschungen hat Dimitrijew ein Tabu gebrochen, denn bis heute ist die Zeit des Großen Terrors kaum aufgearbeitet

Am 13. Dezember 2016 wurde Juri Dimitrijew verhaftet. Der ungeheure Vorwurf lautet: Kinderpornographie. Dabei werden ihm Fotografien zur Last gelegt, die er vor einigen Jahren von seiner Pflegetochter machte. 2008 hatte er das damals dreijährige Mädchen zu sich genommen.
Die Anschuldigungen und der Prozess erregten großes Aufsehen, viele Beobachter zweifeln die Vorwürfe an, glauben an eine Kampagne, um Dimitrijew zum Schweigen zu bringen. Eine Petition wurde gestartet, zahlreiche Prominente wie der Musiker Boris GrebenschtschikowBoris Grebenschtschikow (geb. 1953) gilt als einer der Urväter der sowjetischen Rockmusik. Der Poet und Sänger gründete 1972 mit Anatoli Gunizki die in Russland allgemein bekannte und noch bestehende Band Aquarium. Der oftmals nach seinen Initialen benannte BG gilt als eine Integrationsfigur der russischen Jugendkultur der 1980er Jahre., die Schriftstellerin Ljudmila UlitzkajaLjudmila Ulitzkaja (geb. 1943) ist eine der bekanntesten russischen Schriftstellerinnen. Die Werke der international ausgezeichneten Autorin wurden in über 25 Sprachen übersetzt. Neben dem Schreiben engagiert sich Ulitzkaja in zivilgesellschaftlicher Opposition gegen das politische Regime Putins. Unter anderem war sie Mitbegründerin der Liga Isbiratelei (dt. Liga der Wähler) – einer NGO, die für die Einhaltung des verfassungsmäßigen Wahlrechts der Staatsbürger Russlands eintritt. Wegen solcher Tätigkeiten wurde Ulitzkaja schon mehrmals Opfer von Diffamierungen seitens staatsnaher Aktivisten. oder der Regisseur Andrej SwjaginzewAndrej Swjaginzew (geb. 1964) ist einer der wenigen zeitgenössischen russischen Regisseure, dessen Filme international Beachtung finden. Die größte Aufmerksamkeit bisher erzielte er mit Lewiafan (dt. Leviathan) und seiner offenen Kritik am gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen System. In Russland werden seine zum Teil rätselhaften, deutungsoffenen Sujets immer wieder als philosophisch-spirituelles Kino gefeiert. Swjaginzews Filme sind vielschichtig und mehrdeutig – und sie verweigern sich konsequent dem kommerziellen Mainstream. setzten sich für Dimitrijew ein, bislang ohne Erfolg: Der Prozess geht am kommenden Dienstag weiter. Dimitrijew, der sich nun auch an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt hat, drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Schura Burtin hat mit Freunden und Weggefährten Dimitrijews gesprochen, ist den Spuren des Mannes in die dunkle sowjetische Vergangenheit gefolgt. 
Seine Reportage über den „Fall ChottabytschIn Anlehnung an die gleichnamige Figur aus dem Märchen des sowjetischen Schriftstellers Lasar Lagin (1903–1979). Darin wird der Protagonist Chottabytsch als ein langbärtiger und zotteliger Dschinn dargestellt. “, wie Dimitrijew wegen der äußeren Ähnlichkeit mit dem in Russland populären Flaschengeist genannt wird, wurde viel gelesen und diskutiert. 

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„Dimitrijew kann man mit Worten schwer beschreiben, er flucht ohne Ende Mat und raucht Belomor.“ / Foto © Sofija Pankewitsch

Von Juri Dimitrijew habe ich erstmals diesen Winter gehört, nach seiner Verhaftung. Freunde erzählten mir die merkwürdige Geschichte von einem MemorialEine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 u. a. von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden.-Mitarbeiter aus KarelienKarelien ist eine Region und ein Föderationssubjekt im Nordwesten Russlands. Im Westen grenzt Karelien an Finnland, dessen Kultur und Sprache eng mit der der russischen Republik verwandt ist. Derzeit leben dort rund 627.000 Menschen auf einem Gebiet, das in etwa doppelt so groß ist wie Portugal., der wegen Kinderpornographie festgenommen worden war.

Ich kam nach Hause, suchte im Netz und sah Fotos von einem dürren, bärtigen Mann mit grauen Zotteln und schwerem Blick. Aus der Anklage war schwer zu ersehen, was von der Sache zu halten ist. Einerseits kann man sich von einem Memorial-Mitarbeiter so etwas Abwegiges schwer vorstellen. Andererseits – kein Rauch ohne Feuer: Die Ermittler konnten das doch nicht alles erfunden haben!

Harsche, emotionale Person mit schwierigem Charakter

Ich spreche mit verschiedenen Menschen, die Dimitrijew kennen. In Moskau sind es zwei feine, kluge Frauen: Irina [GalkowaIrina Galkowa (geb. 1975) ist eine russische Historikerin, zu deren Forschungsschwerpunkten auch die stalinsche Epoche gehört. Außerdem leitet Galkowa das Museum der Menschenrechtsorganisation Memorial, das die größte Sammlung von Dokumenten und Objekten zur Aufarbeitung der sowjetischen Gewaltherrschaft beherbergt., Leiterin des Memorial-Museums] und Olga KersinaOlga Kersina ist Direktorin der Moskauer Filmschule Kinokolledsh Nr. 40 und Leiterin des Bildungsprojekts Skrytaja Istorija (dt. Verdeckte Geschichte), das sich unter anderem der Aufarbeitung von Gulag-Verbrechen widmet., Leiterin des Moskauer Kinokolledsh. Beide unterstützen Dimitrijew. Aus ihren Erzählungen wird bald klar, dass er ein ziemlich ungewöhnlicher Typ sein muss, ein Original. Mir wird eine harsche, emotionale Person mit schwierigem Charakter beschrieben (fast alle benutzten das Wort „kratzbürstig“), auf der anderen Seite sehr direkt und offenherzig; ein emsiger Technik-Freak mit dem Charakter einer SchukschinWassili Schukschin (1929–1974) war ein bekannter sowjetischer Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler. Er beschrieb seine Protagonisten häufig als einfache sowjetische Menschen, die in ihrem dörflichen Alltagsleben der 1960er und 1970er Jahre tragischerweise mit schweren Problemen konfrontiert werden. Wegen seiner eigentümlichen Antworten auf die daraus entstehenden moralischen Fragen gilt Schukschin für viele Kino- und Literaturkritiker als „das letzte Genie der russischen Literatur“.-Figur.

„Naja, er ist schon, sagen wir, eigen ...“ Das höre ich von fast allen, die ich nach Dimitrijew frage. „Schickt dich auch schon mal zum A****, wenn's sein muss ...“

„Dimitrijew kann man mit Worten schwer beschreiben, er flucht ohne Ende MatMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, die Wörter werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. und raucht BelomorBelomorkanal ist eine Marke filterloser Zigaretten, die seit 1932 hergestellt wird. Schon zu Zeiten der Sowjetunion waren es die preisgünstigsten Zigaretten des Landes. Benannt wurden sie nach dem Weißmeer-Ostsee-Kanal, der Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen gebaut wurde. Während der Errichtung des Kanals starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen. . Lebt mit Katze, Tochter und Enkeltochter zusammen. Sie kleben an ihm, und er: ‚Immer hübsch der Reihe nach, ihr Hurenkinder!‘„Immer hübsch der Reihe nach, ihr Hurenkinder“ ist ein scherzhaft gemeintes, geflügeltes Wort, dessen Ursprünge im bekannten Film Sobatschje Serdze (dt. Hundeherz) liegen. Der Film von 1988, der auf der gleichnamigen Erzählung von Michail Bulgakow basiert, lieferte eine Vielzahl geflügelter Worte. Noch heute werden Szenen aus diesem Film in zahlreichen Internet-Memes verwendet. Zum Abschied bekam ich von ihm zu hören: ‚So, und jetzt verpiss dich.‘ Aber immer mit einem Lächeln, ironisch, nicht böse ...“  

In seiner Jugend besuchte er eine Weile die medizinische Fachschule, wollte Arzthelfer werden, brach sie dann ab. Saß ein paar Jahre wegen einer Schlägerei ein, arbeitete als Schlosser bei einem Wäscherei- und Saunakombinat, als Hilfsarbeiter in einer Mineralien-Fabrik, betreute Heizanlagen für die Wohnungsverwaltung. Führte Touristen durch Karelien, lernte, im Wald zu überleben. Heiratete, bekam zwei Kinder, sparte auf eine Wohnung. Während der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. flammte bei ihm, wie bei vielen, das Interesse an Politik auf – aus der ZoneAls Zone wurden im Häftlingsjargon die einzelnen Lager bezeichnet, in denen die Häftlinge untergebracht waren. Die Gefangenen unterschieden  zwischen der „kleinen Zone“ (dem Lager) und der „großen Zone“ (der Freiheit). Die sowjetische Führung übertrug viele sowjetische Alltagsphänomene in die „kleine Zone“. So gab es auch im Lager ein Plansoll, das es zu erfüllen gab und verschiedene „sozialistische“ Wettbewerbe. Die Bezeichnung Zone ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und wird auch heute noch umgangssprachlich als Synonym für Gefangenenkolonien verwendet. war er als Antisowjet zurückgekehrt. 1988 wurde Dimitrijew, mitgerissen vom Kampf gegen die führende Rolle der KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. , ehrenamtlicher Assistent eines Volksabgeordneten. Eines Tages rief ein Reporter der Zeitung Komsomolez bei ihm an: In der Garnisonsstadt Bessowez hatte man menschliche Überreste entdeckt.

„Also hab ich zum Chef gesagt: ‚Wir müssen dahin.‘ Folgendes Bild: Ein Bagger steht da, ein paar Typen von der Staatsanwaltschaft, der Ermittler, Bezirksbeamte jeder Couleur, so an die fünfzehn Leute waren dort versammelt. Alle stehen rum, wissen nicht, was sie mit diesem Fund anfangen sollen. Ich war ja mal auf der medizinischen Fachschule und weiß ein bisschen was über Anatomie, also habe ich anhand der Knochenanordnung gesehen, wo der Kopf war, den Schädel rausgeholt, die Erde abgerieben – und da sehe ich am Hinterkopf eine runde Öffnung. Erschossen.

Was also tun? ‚Wieder vergraben und gut ist’s!‘ Und ich: ‚Wie – vergraben? Und was ist mit beerdigen?‘ ‚Ist doch nicht unsere Aufgabe.‘ Und stehen so da, gucken sich an. ‚Na gut, wenn euch das alles schnurz ist, mach ich's eben selbst ...‘

Und dann bin ich ein paar Wochenenden lang rausgefahren, hab die Knochen eingesammelt, in Säcke gepackt und in Garagen gebracht. Eines Tages fand ich einen Schuh mit abgenutzter Galosche. Und hinten drin – ein Stück Zeitung, damit die Galosche nicht rutschte. Ich brachte das Beweisstück zur Staatsanwaltschaft, aber die sagten: Man kann nichts lesen. Ich hab mir also einen feinen Pinsel und Kinderseife genommen – und zwei Wochen mit dieser Zeitung zugebracht. Als der Text zum Vorschein kam, bin ich in die Bibliothek und hab die passende Zeitung gesucht. Wie sich herausstellte, war es die Krasnaja Karelija [dt. Rotes Karelien dek], von September 1937 ...“

Erste Etappe

Eines Tages, Mitte Oktober 1937, legten am Hafen der Solowezki InselnDie Solowezki Inseln sind eine Inselgruppe im Weißen Meer, im Nordwesten Russlands. Seit dem 15 Jahrhundert existiert auf den Inseln eines der wichtigsten russisch-orthodoxen Klöster. Seit den 1920er Jahren befand sich auf den Inseln ein Straf- und Arbeitslager für politische Häftlinge. Seit 1992 stehen Teile des Solowezki-Klosters, in dem sich das Hauptlager befand, unter dem Schutz der UNESCO. drei Lastkähne aus Kem an. Die Lagerinsassen wurden zu einer unerwarteten Generalüberprüfung nach draußen gescheucht. Eine ellenlange Liste wurde verlesen, mehr als tausend Namen von Menschen, die in Etappen verschifft werden sollten.

Von den Menschen, die in diesen Kähnen ablegten, hat nie wieder jemand etwas gehört. Sie sind weder irgendwo angekommen noch in irgendwelchen Dokumenten oder Memoiren aufgetaucht. Es ging die Legende, die Kähne wären im Weißen Meer versenkt worden. Den Angehörigen wurden jahrzehntelang falsche Auskünfte erteilt: „Zehn Jahre ohne Recht auf Briefverkehr“, „Aufenthalt in entlegenem Lager“, „Verstorben an Lungenentzündung, Herzinfarkt ...“. Erst mit der Perestroika wurde bekannt, dass man diese Menschen alle erschossen hatte.

Das geschah folgendermaßen: Man holte die Häftlinge [die man per Schiff nach Medweshja GoraMedweshja Gora ist eine Bahnstation in Medweshjegorsk – eine Stadt in Karelien mit derzeit rund 14.500 Einwohnern. Die Station wurde 1916 eröffnet, sie liegt auf der Bahnlinie Oktjabrskaja shelesnaja Doroga (dt. Oktober-Eisenbahn), die Moskau und St. Petersburg mit der hinter dem Polarkreis gelegenen Stadt Murmansk verbindet.  transportiert hatte – dek] einzeln aus den Zellen, unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung. Dann brachte man sie in das „Handfesselzimmer“, wie es die TschekistenDer Begriff Tschekist steht im engeren Sinne für einen Mitarbeiter der Staatssicherheit WeTscheKa – Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution. Im weiteren Sinne umschließt er alle Angehörigen von Nachfolgeorganisationen der WeTscheKa und deren Organen: Dazu gehören unter anderem der Geheimdienst KGB, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten NKWD und Staatssicherheitsorgane des Innenministeriums. Heute werden mit dem Begriff häufig die Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB bezeichnet. unter sich nannten. Nach Abgleich mit der Liste erklang ein Codewort: „Etappentauglich“. Sofort packten zwei Tschekisten den Gefangenen an den Armen, verdrehten sie auf dem Rücken, während ein dritter sie fest verschnürte. Wenn der Häftling schrie, wurde er mit einem Knüppelschlag auf den Kopf „bewegungsunfähig“ gemacht, ihm wurde mit einem Handtuch so lange die Luft genommen, bis er das Bewusstsein verlor. Die Mörder hatten Angst vor den Schreien: Die Gefangenen sollten nicht wissen, wozu man sie nach Medweshja Gora gebracht hatte. Wenn jemand versehentlich starb, schaffte man die Leiche in den Waschraum.

Wenn 50 bis 60 Menschen zusammen waren, wurden sie von einem Begleitkommando auf Lkw-Ladeflächen gezerrt, dicht an dicht auf den Boden gelegt und mit Planen zugedeckt. Eine Karawane aus mehreren Lkws und einem Pkw als Schlusslicht brach in Richtung Wald auf. Dort hatte ein Arbeitskommando bereits tiefe Gruben in den lockeren Sandboden gegraben. Feuer wurden entzündet, damit die Begleitmänner es warm und hell hatten. Die Autos fuhren dicht an die Gruben heran, einer nach dem anderen wurden die Menschen von der Ladefläche gezogen. In den Gruben warteten die Mörder. Die waren ein halbes Jahr später fast alle selbst tot. Erschossen, wie so viele der am Großen Terror Beteiligten.

Aus ihren Aussagen bei den Kreuzverhören kennen wir das Hinrichtungsmuster. „Dem Gefangenen wurde befohlen, sich mit dem Gesicht nach unten in die Grube zu legen, woraufhin er mit einem Nahschuss aus dem Revolver getötet wurde“, berichtet Matwejew, ein Hauptmann der Staatssicherheit, in seiner Aussage.

War das Erschießungskommando mit einer Gruppe fertig, kehrte ein Teil des Kommandos nach Medweshja Gora zurück, um den nächsten Schub zu holen, während ein anderer Teil dort blieb und neue Gruben schaufelte. In einer Nacht schaffte man bis zu vier solcher Durchläufe. Frauen wurden gesondert transportiert. Gegen vier Uhr morgens beendete man die Operation.

„Einmal hatte der Lkw mit den Menschen hinten drauf während der Fahrt eine Panne und blieb im Dorf Pinduschi liegen. Da fing einer der Verurteilten so an zu schreien, dass man es draußen hören konnte. Um die Geheimhaltung unserer Arbeit zu wahren, musste ich entsprechende Maßnahmen ergreifen, aber es war nicht möglich, im Auto zu schießen, und man konnte ihm den Mund auch nicht mit einem Tuch zubinden, weil die Verhafteten dicht an dicht auf dem Boden der Ladefläche lagen. Also habe ich, um den schreienden Verurteilten ruhigzustellen, ihn mit einem Eisenstab aufgespießt, wie mit einer Stichwaffe, und so sein Schreien beendet.“

Wo die Menschen nicht hingehen

Dimitrijew freundete sich mit Iwan TschuchinIwan Tschuchin (1948–1997) war ein russischer Politiker und Publizist. Er war Duma-Abgeordneter und Mitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial. 1990 erschien sein Buch über die Opfer politischer Repressionen während des Baus am Weißmeer-Ostsee-Kanal, der Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen errichtet wurde. Während der Bauzeit starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen.  an, dem Leiter des Petrosawodsker Memorial. Auch der kannte sich mit dem Thema aus: Ein Oberstleutnant der Miliz, der sich für die Geschichte des Weißmeer-Ostsee-KanalsDer Belomorsko-Baltiski-Kanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist eine 227 km lange Wasserstraße, die Sankt Petersburg mit der Barentsee verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Anweisung Stalins vorwiegend durch Häftlinge des Straflagersystems Gulag unter rauen klimatischen Verhältnissen und brutalen Arbeitsbedingungen gebaut. Zehntausende kamen dabei ums Leben. interessierte und mit Haut und Haar in die Vergangenheit abgetaucht war. Tschuchin arbeitete an einem Buch, den Totengedenklisten Kareliens von 1937 bis 1938, den Jahren des Großen Terrors. Dimitrijew begann ihm zu helfen.

„Ich saß beim FSBAls Inlandsgeheimdienst ist der FSB die Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Die Abkürzung FSB steht für Federalnaja Slushba Besopasnosti, auf Deutsch: Föderaler Sicherheitsdienst., füllte all diese Karteikarten aus, mehrere tausend Stück – Datum der Festnahme und so weiter, alle Details. Und als ich mit den Karten durch war, begriff ich, dass wir riesige Lücken in den Listen hatten. Ich ging wieder zum FSB und sagte: ‚Ich brauche nicht die ganzen Akten. Gebt mir die Protokolle der Troika-Sitzungen.‘ Das war vielleicht was! Sie ließen mich keine Kopien machen, keine Fotos. Ich musste alles von Hand abschreiben – was schafft man da schon in acht Stunden? Also nahm ich ein Diktiergerät mit, sprach die Protokolle ein, die angehefteten Schriftstücke, von vorne bis hinten … Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Dann ging ich nach Hause, hörte es die halbe Nacht ab, schrieb alles auf, glich die Erschießungen mit den Listen der Repressierten ab, ging wieder hin, nahm alles auf und so weiter. Und erst so schufen wir langsam eine mehr oder weniger zuverlässige Grundlage.“

Den Archiven entnahm Dimitrijew, dass es in Karelien sehr viele Hinrichtungsstätten gegeben haben musste. Aber sie wurden streng geheimgehalten, in den Dokumenten sind nie konkrete Orte genannt. Den Erschießungsort kannte nicht einmal die Führung, nur der Kommandeur des Erschießungskommandos und das Kommando selbst. In den Akten fanden sich nur vereinzelt indirekte Hinweise.

Er las eine Schäferhündin auf und brachte ihr bei, Grabstätten aufzuspüren / Foto © Alexander Zepljanow

Und so begann Dimitrijew zu suchen: Den Winter verbrachte er im Archiv, im Sommer ging er in die Wälder. Wie Erschießungsgräber aussahen, das wusste er bereits.

Er las eine Schäferhündin von der Straße auf, nannte sie Wedma, Hexe, und brachte ihr bei, Grabstätten aufzuspüren. Die beiden wurden ein unzertrennliches Paar, verschwanden monatelang zu zweit in den Wäldern. Und so kennen Dimitrijew alle: dürr, schroff, immer in MatrosenshirtDie Matrosenshirts (im Russischen Telnjaschka genannt) sind bis in die Gegenwart von der russischen Marine und der Luftwaffe getragene blau-weiß gestreifte Unterhemden. Diese Hemden wurden im 19. Jahrhundert aus Westeuropa eingeführt und erhielten mit der Oktoberrevolution 1917, auf der sie von den Revolutionären getragen wurden, ihre romantische Verklärung. Auch die sowjetische Propaganda griff das Motiv auf. So erreichten die Telnjaschki bald Kultstatus und finden sich auch in vielen Redewendungen wieder. „Nas malo, no my w telnjaschkach“ (dt. etwa „Wir sind wenige, aber wir tragen Telnjaschkas“) hat seinen Ursprung z. B. im Großen Vaterländischen Krieg und bezieht sich auf die in Unterzahl errungenen Erfolge der russischen Marine. und Tarnanzug, mit der immergleichen Belomor-Zigarette zwischen den Zähnen und Wedma auf der Rückbank des verbeulten [gnose-1885]Niva[/gnose].

„Alles, was er wissen will, erfährt er innerhalb von zehn Minuten. Er spricht alle Omas an. Er hat uns beigebracht, welche Fragen man stellt. Man darf nicht nach den konkreten Ereignissen fragen, sondern zum Beispiel: Welche Stellen werden hier gemieden? Vor welchen Orten haben die Menschen Angst?“

Alle Grabstätten waren getarnt.

„In SulashgoraSulashgora war ein Dorf, das 1933 in die Stadt Petrosawodsk, die heutige Hauptstadt der russischen Republik Karelien, eingemeindet wurde. Anfang der 1990er Jahre wurde dort bei Straßenbauarbeiten ein Massengrab gefunden, in dem verschiedenen Schätzungen zufolge 200 bis 700 Opfer stalinistischer Verbrechen verscharrt worden waren.  bin ich einmal fast durchgedreht … Ich weiß ja, wie der Mensch aufgebaut ist, wo welcher noch so kleine Knochen am Skelett hingehört. Aber da waren die menschlichen Knochen mit etwas anderem vermischt. Ich bin zum Tierarzt gelaufen – ein Schwein! Eine Aasgrube war das. Warum? Weil es Jäger mit Hunden gibt. Die Hunde wittern was, fangen an zu scharren, dann gräbt vielleicht auch mal der Jäger und findet plötzlich einen Toten. Also hat man am Ende immer ein totes Schwein oder irgendwas reingeworfen: Hier ist eine Aasgrube, haltet euch fern.“

Abgesackte Böden

1997 wurde Dimitrijew von den Petersburger Memorial-Mitarbeitern Wenjamin IofeWenjamin Iofe (1938–2002) war ein sowjetischer und russischer Menschenrechtler, Historiker und Publizist. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Menschenrechtsorganisation Memorial. Zwischen 1989 und 2002 war er Leiter von Memorial in St. Petersburg.   und Irina FligeIrina Flige (geb. 1960) ist eine russische Menschenrechtlerin. Sie war mit dem Mitbegründer von Memorial, Wenjamin Iofe (1938–2002), verheiratet. Seit 2002 leitet sie das Forschungs- und Informationszentrum Memorial in St. Petersburg. gebeten, nach der Hinrichtungsstätte der ersten Gefangenen-EtappeIm russischen Sprachgebrauch ist  das Wort während des Großen Terrors in den 1930er Jahren zu einer Metapher nicht nur für die Gefangenen-Kohorten, sondern auch für die verschiedenen Abschnitte geworden, die ein Gefangener nach seiner Verhaftung auf dem Weg ins Lager durchlief. Es umfasst den Transport zum Lager genauso wie die einzelnen Stationen von der Gefängnishaft bis zur Verurteilung. War ein Häftling „auf Etappe“, dann war er noch nicht an seinem endgültigen Bestimmungsort angekommen. Die Metapher drückt deshalb gleichzeitig auch Ungewissheit, Angst und eine gewisse Hoffnung der Häftlinge aus, die zumeist enttäuscht wurde. von Solowezki zu suchen. Die Suche gestaltete sich äußerst schwierig. Die Bahnstation Medweshja Gora liegt mitten in der Taiga. Aus den Aussagen wusste man nur, dass die Lastwagen mit den Verurteilten das Dorf Pinduschi passierten, sie also irgendwo im näheren Umkreis der Straße nach Powenez erschossen worden waren. Aus der Anzahl der Fahrten pro Nacht und anderen indirekten Hinweisen schlossen die Memorial-Mitarbeiter, dass die Fahrtzeit zum Zielort etwa eine halbe Stunde betragen haben musste, circa 20 Kilometer.

Die Zeiten waren andere – die Kreisverwaltung leistete Unterstützung, wo sie konnte, die Führung der hiesigen Armeeeinheit stellte einen Trupp Soldaten bereit, um bei der Suche zu helfen.

„Ich gehe mit dem Oberleutnant langsam den Waldweg entlang und überlege: Welche Stelle hätte ich wohl gewählt? In einem der Verhörprotokolle hatte ich gelesen, wie sie instruiert wurden: Nicht weiter als zehn Kilometer vom Ort der Internierung und so, dass man die Schüsse nicht hörte, das Licht der Scheinwerfer, den Widerschein der Lagerfeuer nicht sah. Hier? Nein, zu nah an der Straße. Dort? Schon eher, aber noch etwas weiter. Ja, hier ist es genau richtig … Und plötzlich, während ich das denke, fallen mir zu beiden Seiten der Straße gerade, rechteckige Erdmulden auf, mit abgesackten Böden. Und als wir uns umsehen, wimmelt es überall nur so von diesen Erdmulden ...“

So weit das Auge reichte war der Wald übersät von Gräbern. Gleich bei den ersten Grabungen entdeckte man Schädel mit Einschusslöchern darin. Bei der Menge der Grabstätten war sofort klar, dass hier nicht nur die Häftlinge der Solowezker Etappe erschossen worden waren, sondern noch sehr viele andere Menschen. Viele von ihnen waren den Memorial-Mitarbeitern bereits bekannt.

Unter den Opfern waren Leute, deren akademische Titel eine Schreibmaschinenseite sprengten und deren Liste wissenschaftlicher Arbeiten so dick war wie ein Schreibheft. Etliche Intellektuelle, Soldaten und Offiziere der Weißen ArmeeBelye (dt. die Weißen) ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Weiße Bewegung, deren militärischer Arm Weiße Armee die zahlenmäßig größte antibolschewistische Partei im Russischen Bürgerkrieg (1917/1918–1922) stellte. Die Bewegung war äußerst heterogen, viele Historiker sehen bei einem Großteil ihrer Anhänger aber einen gemeinsamen Nenner in Demokratie, Parlamentarismus und Marktwirtschaft. und natürlich GeistlicheDie Russisch-Orthodoxe Kirche war von der Revolution 1917 bis zur Perestroika in den 1980er Jahren Repressionen ausgesetzt. Ihren Höhepunkt erreichte die Kirchenverfolgung jedoch in den 1920er und 1930er Jahren: Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Geistliche wurden verhaftet und zu Tausenden getötet. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die sowjetische Kirchenpolitik., darunter vier, die von der Kirche heilig gesprochen wurden. Insgesamt um die 9000 Menschen.

Es ist eines der größten Massengräber des Stalinistischen Terrors, zu nennen in einer Reihe mit der Lewaschowo-BracheDie Lewaschowo-Brache war eine Hinrichtungsstätte in St. Petersburg. Während der Stalinschen Säuberungen wurden hier zehntausende Menschen getötet. Bis 1989 war das Gelände ein Sperrgebiet unter Aufsicht des KGB. Auf dem heutigen Lewaschowo-Gedenkfriedhof sind rund 45.000 Opfer der Stalinschen Säuberungen begraben. , dem Butowo-PoligonDer Butowo-Poligon war zwischen den 1930er und 1950er Jahren eine Hinrichtungsstätte in der Oblast Moskau. Allein während des Großen Terrors wurden hier schätzungsweise rund 20.000 Menschen getötet. Unter ihnen gab es viele Geistliche, deshalb gilt das Gebiet für die Russisch-Orthodoxe Kirche als ein Ort ihres Martyriums. Der ehemalige Patriarch Alexis II. nannte den Butowo-Poligon das „russische Golgota“. , KommunarkaKommunarka ist heute ein Gedenkfriedhof in der Oblast Moskau. In den 1930er und 1940er Jahren wurden hier Schätzungen zufolge rund 11.000 Menschen hingerichtet und in Massengräbern verscharrt.  , KuropatyKurapaty (russ. Kuropaty) ist ein Gebiet in der Nähe der belarussischen Hauptstadt Minsk, das dem sowjetischen Innenministerium NKWD während der Stalinschen Säuberungen als Hinrichtungsstätte diente. Verschiedenen Schätzungen zufolge wurden hier bis zu 250.000 Menschen getötet und in Massengräbern verscharrt. In der sowjetischen Propaganda wurde Kuropaty als ein Ort nationalsozialistischer Verbrechen dargestellt.  und KatynIm Frühjahr 1940 töteten Angehörige des sowjetischen Innenministeriums (NKWD) auf Befehl des Politbüros mehrere Tausend polnische Offiziere in der Nähe des Dorfes Katyn nahe der weißrussischen Grenze. Das Massaker war Teil einer von höchster Stelle angeordneten Kampagne gegen vermeintlich sowjetfeindliche polnische Kriegsgefangene. Die deutsche Wehrmacht entdeckte das Massengrab im Jahr 1943 und missbrauchte das Ereignis für anti-sowjetische Propaganda..

Der Ort hatte keinen Namen. Bei der Durchsicht alter Karten entdeckte Dimitrijew in der Nähe den Flurnamen Sandarmoch. Also wurde die Fundstelle nach diesem Waldstück benannt.

Sandarmoch

Im Norden ist es still. Die Geräusche – das Klopfen eines Zuges, das Gepolter von Steinen, die vom Kipplaster rutschen, das Dröhnen eines Motors auf der Landstraße – zerreißen diese Stille nur kurz. Nach Sandarmoch sind es drei Stunden mit dem Zug von Petrosawodsk bis zur Bahnstation Medweshja Gora und dann zwanzig Kilometer mit dem Bus, der nach Powenez fährt. Eine unmerkliche Kurve, vierhundert Meter einen Waldpfad entlang, am Ende – eine kleine Lichtung mit einem scharfkantigen Stein und einer Holzkapelle, dahinter wieder Wald, ein gewöhnlicher karelischer Wald, karelische Kiefern. Und an jedem Stamm: das Portrait eines hier ermordeten Menschen. Es duftet nach Nadelholz, unter den Füßen knirscht der Schnee, die Schatten werden blau, ein Specht klopft den Takt. Und von jedem Baum blicken mich Menschen an, Schwarzweißfotos. Ich gehe durch den Wald, zwischen den Bäumen hindurch – und sie sind überall, Tausende von Menschen. In diesem Leben wurden all diese Menschen zu Bäumen. Und jeder Baum erzählt mir, was für ein Mensch er einmal war.

Von jedem Baum blicken mich Menschen an, Schwarzweißfotos / Foto © Tomasch Kisny

Ich verliere mich, wandere lange durch den Wald. Komme wieder an der Lichtung heraus, wo der große Felsblock steht, den Dimitrijew und sein Freund Grischa Saltup hier vor zwanzig Jahren aufgestellt haben. Darauf eine Inschrift: „Menschen, tötet einander nicht!“ Dieser scheinbar banale Aufruf hallt beim Verlassen des Waldes wie deine eigene, inständige, naive Bitte.

Bis aufs Grab genau

„Er ist ja gar kein Historiker“, sagt die Leiterin des Memorial-Museums Irina Galkowa, „aber er kennt sich unheimlich gut aus, und er hat ein unglaublich feines Gespür für Details, für sachliche genauso wie archivarische. Ich kenne keinen anderen, der durch Tausende von Akten gehen und dabei die immergleichen langweiligen Daten herausschälen könnte, alles miteinander vergleichen, Kärtchen ausfüllen … Ein Grab auszugraben ist an sich ja schon ein makaberes Unternehmen. Aber dann ist da ja noch diese ganze langatmige Arbeit – vergleichen, vermessen, Details gegenüberstellen. Wofür macht man das alles? Um den Erschießungsbefehl zu finden, der zu diesem konkreten Grab gehört. Dieser Erschießungsbefehl erlaubt es, alle Ermordeten mit Namen zu nennen – die konkreten Menschen, die in diesem einen Grab liegen. Eine ungeheure Arbeit, niemand in Russland macht sie außer ihm.“

Die Entdeckung von Sandarmoch wurde zum zweiten Schlüsselmoment in Dimitrijews Leben. Für viele Jahre tauchte er in die Schicksale der dort hingerichteten Menschen ein. Innerhalb von zehn Jahren hat er den Großteil der Erschießungsbefehle zugeordnet, für etwa siebeneinhalbtausend Menschen. Es ist die einzige Hinrichtungsstätte in Russland, bei der die meisten der Opfer namentlich bekannt sind, viele bis auf die Grube genau.

Katja

Kurz vor der Entdeckung von Sandarmoch hatte Dimitrijew eine Stelle als Wachmann angenommen und eine verlassene Militärfabrik am Stadtrand bewacht. Das war genau das richtige für ihn: Es gab genug Freizeit und ein minimales Gehalt. Alle seine Suchaktionen bezahlte Dimitrijew aus eigener Tasche, er hat nie im Leben Forschungsgelder erhalten, nicht eine müde Kopeke. Er ließ sich einen Bart und lange Zotteln wachsen – seine Freunde tauften ihn Chottabytsch. Mitte der 1990erDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. hatte seine Frau ihn verlassen, seine beiden Kinder, Jegor und Katja, damals etwa zehn und elf, blieben bei ihm.

„Er blieb allein, bis die Kinder erwachsen waren“, erzählt Irina. „Wenn er davon sprach, klang das immer, als wäre das ein Gesetz: ‚Meine Kinder sollen keine Stiefmutter haben.‘ Er hat eine etwas pathetische Einstellung dazu, was ein Vater sein muss. Eine Familie, die von ihm abhängt und der er sich bedingungslos aufopfert, ist ihm ungeheuer wichtig.“

Dimitrijews Zuhause ist eine Junggesellenwohnung im obersten Stockwerk einer ChruschtschowkaAuf dem Kongress der Baufachleute 1954 verordnete Chruschtschow eine radikale Umkehr, weg von neoklassizistischen Prachtbauten hin zu sparsamen Dimensionen, neuen Materialien und Großtafeln, die auf der Baustelle nur noch montiert werden mussten. Das war die Geburtsstunde der Platte. Mit seiner Wohnungsbaukampagne wollte Chruschtschow die Bevölkerung für die „Erneuerung des Sozialismus nach Stalin“ mobilisieren – und setzte eine Massenbewegung in Gang: Zwischen 1955 und 1970 zogen 132 Millionen Sowjetbürger in eine neue Wohnung. in einer Vorstadtsiedlung. Jetzt, nach seiner Verhaftung, lebt hier seine Tochter Katja mit ihren Kindern. Es riecht nach Hund und kaltem Belomor-Rauch. Eine altersschwache Wohnzimmerschrankwand mit KristallgeschirrIn der russischen Wohnsoziologie wird die Schrankwand häufig als ästhetischer Mittelpunkt der typischen, sowjetischen Wohnung dargestellt. Die Schränke waren zumeist wuchtig, hatten üblicherweise eine (möglichst beleuchtete) Glasvitrine, in der dekoratives Geschirr aus Kristallglas (Böhmisches Kristallglas) drapiert war. Eine deutsche Entsprechung findet sich in etwa im Phänomen des sogenannten Gelsenkirchener Barocks.  , lauter Krimskrams über dem typisch chaotischen Schreibtisch à la sowjetischer Ingenieur …

„,Naja, er ist schon, sagen wir, eigen ... ‘ Das höre ich von fast allen, die ich nach Dimitrijew frage“ / Foto © Ekaterina Makhotina

Katja ist etwas über 30, eine eher grobe, schroffe, schnörkellose junge Frau, die beim Notdienst der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft arbeitet. Schreit ihre Kinder an wie ein Feldwebel. Das macht mich anfangs etwas nervös, aber dann verstehe ich, dass das nur eine Angewohnheit ist, vermutlich hat sie das von ihrem Vater. Es sind gute Menschen, und sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Danik bringt mir einen Teller Borschtsch und Mayonnaise.

„Er hat immer nur vier Stunden geschlafen – die ganze Zeit war er mit diesen Listen zugange! Ist doch klar, dass du völlig fertig bist. Aber ewig Kaffee und Papirossy – nach dem Motto ich muss, ich muss! ... Jura, sage ich, rasier dich mal. Du siehst aus wie ein Waldschrat! Lass mich, sagt er. Und ich: Dann komm ich nachts und rasier dich! Nein, sagt er, solange das Buch nicht fertig ist, werd ich mich nicht rasieren, und meine Haare bleiben auch dran … Als dieses große Gedenk-BuchGemeint ist Juri Dmitrijews 2002 herausgekommenes Buch Pominalnyje Spiski Karelii (dt. Totengedenklisten Kareliens). Auch sein im Jahr 2000 vollendetes und 2016 erschienenes Buch Ich pomnit Rodina (dt. Die Heimat erinnert sich an sie) bezeichnet Dmitrijew als Gedächtnisbuch des Karelischen Volkes. Die Werke beinhalten biografische Angaben über die karelischen Opfer des Großen Terrors. rauskam, hieß es, es würde sich vielleicht verkaufen lassen. Da sagt er: Was heißt denn verkaufen? Vielleicht ist es für irgendein Großmütterchen, irgendeine Rentnerin, ihr ganzer Lebenssinn? Er kratzte hier und da was zusammen, packte seine Sachen – und zog wieder los, ließ sich wieder seinen Bart wachsen.“

Sekirka

Sandarmoch bescherte Dimitrijew eine weitere Leidenschaft: Er beschloss, koste es, was es wolle, die beiden anderen Solowezker Etappen zu finden, die zweite und die dritte. Die Suche nach der zweiten Etappe führte Dimitrijew in die Gegend bei Lodeinoje PoleLodeinoje Pole ist eine Stadt in der Oblast Leningrad mit rund 20.000 Einwohnern. Zu Zeiten der Stalinschen Säuberungen befand sich hier ein Straf- und Arbeitslager, in dem rund 3000 Menschen interniert waren. [in der Nähe von St. Petersburg – dek]. Gefunden hat er sie noch immer nicht, aber er durchkämmt weiter jeden Sommer dort die Wälder.

Die dritte Etappe hat, wie ihm klar wurde, niemals abgelegt: Die Schifffahrtssaison war vorbei, und so wurden die Häftlinge gleich dort, auf den Solowezki Inseln, erschossen. Bei seiner Suche nach der dritten Etappe stieß Dimitrijew auf die Erschießungsgruben am Sekirnaja GoraSekirnaja Gora (dt. Sekirnaja Berg) ist ein Hügel auf der Hauptinsel der Solowezki-Gruppe, auf dem sich seit dem 19. Jahrhundert eine Einsiedelei des Solowezki Klosters befand. Diese wurde in den 1920er Jahren in eine Abteilung des Straf- und Arbeitslagers für politische Häftlinge umgewandelt. Hier waren die Karzer (Kerker) für besonders schwere Bestrafungen untergebracht.  – wohl einem der schrecklichsten Orte der Menschheitsgeschichte.

Der Strafisolator auf dem Sekirnaja Gora befand sich in einer großen zweistöckigen Kirche, die niemals geheizt wurde. Bei der Ankunft wurde der Häftling komplett entkleidet, sämtlicher persönlicher Gegenstände entledigt und in einen Kittel aus Leinsäcken gesteckt.

Zu Essen gab es auf Sekirnaja Gora so gut wie nichts – 300 Gramm von irgendeinem Moder, der in den umgeschlagenen Kittelsaum gekippt wurde. Den ganzen Tag mussten die skelettgleichen, schmutzigen, halbtoten Menschen auf speziellen Sitzstangen ausharren, die so angebracht waren, dass die Füße kaum bis zum Boden reichten, und durften sich nicht rühren. Im Winter bei grausamster Kälte, im Sommer übersät von Tausenden von Mücken. Wer nicht gehorchte, wurde mit Stöcken geschlagen, gefesselt oder in die „steinernen Säcke“ gezwängt – Nischen, die seinerzeit Mönche zur Aufbewahrung von Lebensmitteln in den Fels gehauen hatten. Geschlafen wurde auf dem reifbedeckten Steinboden, zusammengedrängt zu sogenannten „Wärmegruppen“ (die Beine des einen geschlungen um den Hals des nächsten), oder in drei Reihen übereinander gestapelt, immer abwechselnd. Jede Nacht starb jemand aus der untersten Reihe, die Aufseher zogen die Leichen heraus, und die Häftlinge, völlig von Sinnen, hinderten sie daran – aus Angst, sich auf den Steinboden legen zu müssen.

Sekirnaja Gora war der Vernichtungsort des Lagers, länger als zwei Monate überlebte dort niemand. Schon im Voraus, im Herbst, wurden am Fuß des Berges Gräben für die Leichen gegraben. Genau hier fand auch der Großteil der Erschießungen von Solowezki statt. Auf dem Sekirnaja Gora gab es sechs hauptamtliche „Henker“. Den Erinnerungsberichten nach zu urteilen, wurden dort wöchentlich um die zehn Menschen hingerichtet. Aber es gab auch Massenerschießungen: 140 ehemalige Weißgardisten, die der Vorbereitung eines Aufstands bezichtigt wurden (der sogenannten Solowezker Verschwörung, ein von der OGPUDie Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war die Nachfolgeorganisation der Tscheka als Geheimpolizei der Sowjetunion. Gegründet 1922 wurde sie ab 1923 unter Felix Dsershinski als vom Innenministerium separierte, eigenständige Behörde geführt. Infolge einer weiteren Reform im Jahr 1934 wurde sie wieder ins Innenministerium integriert. fabrizierter Fall); 125 Häftlinge, die bei der Verladung von Holz für die Ausfuhr gearbeitet und Hilferufe in die Stämme geschnitzt hatten; 148 gläubige Christen, die sich weigerten, „für den Antichrist“ zu arbeiten – das sind die Fälle, die belegt sind.

Eine dieser Begräbnisstätten mit 70 Erschossenen darin hat Dimitrijew entdeckt. Es gelang ihm nicht, die Namen herauszufinden – die Archive des Solowezki-Lagers sind entweder vernichtet oder streng geheim. Also bat er einfach die Mönche, eine Messe für die Toten abzuhalten, beerdigte sie und stellte Kreuze auf.

Charon

Ich versuche immer noch zu verstehen und frage alle danach: Was hat diesen Mann dazu bewegt, völlig uneigennützig dreißig Jahre seines Lebens dem unappetitlichen und eintönigen Herumwühlen in Knochen und Karteikarten zu widmen, den Reisen ins Reich der Toten? Es ist ja eine Sache, einen Friedhof zu finden, oder zwei, drei … aber dreißig Jahre?

Ein Schreibtischgelehrter hätte niemals wirklich in das damalige Leben eintauchen, es zu seinem eigenen machen können. Da wäre immer eine unüberwindbare Grenze geblieben hinter der durchsichtigen Schicht der Zeit. Aber Dimitrijew hat ein magisches Ritual gefunden, das ihre Schicksale zu einem Teil seines eigenen macht. Er grub die Toten aus, gab ihnen Namen, beerdigte sie wieder – und trat damit in ihre Leben, all diese Menschen wurden zu seinen Angehörigen. Ihre Knochen wurden zu seinen Knochen. Er wurde zu Charon, der einen kleinen Teil ihrer Seelen wieder in die Welt der Lebenden zurückbrachte. Er stand ganz offenbar in irgendeiner Verbindung zu den Toten.

„Er sagte, er würde die Stimmen der Toten hören – in den schlaflosen Nächten, wenn er in den Karteikarten blättere, und im Rascheln der Äste im Wald“ / Foto © Ekaterina MakhotinaNaturgemäß wurde Dimitrijew zu einem Gläubigen, einem Mystiker. Er sagte, er würde die Stimmen der Toten hören – in den schlaflosen Nächten, wenn er in den Karteikarten blättere, und im Rascheln der Äste im Wald.

„Auf dem Friedhof in der Nähe der achten Schleuse am BelomorkanalDer Belomorkanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist  eine 227 Kilometer lange Wasserstraße, die die Ostsee mit dem Weißen Meer verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen erbaut. Während dessen Errichtung starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen.  zündete ich eine Kerze an, begann, für den Seelenfrieden der Verstorbenen zu beten, und ich hörte von allen Seiten: Denk auch an mich, und mich, und mich ...“

In diesen dreißig Jahren hat Dimitrijew überwältigend viel getan – niemand in Russland hat so viel ausgegraben wie er. Er schuf Geschichte, die es vor ihm nicht gegeben hat, und er veränderte Stück für Stück die Welt um ihn herum. Nicht jeder Historiker kann das von sich behaupten.

Einer nach dem anderen entstanden in Karelien Orte, die zum Nachdenken bewegen. Scheinbar war dort alles in Ordnung – und plötzlich, nach zwanzig Jahren, finden die Bürger heraus, dass sie umgeben sind von Gräbern voller Erschießungsopfer. Und jetzt müssen sie etwas mit dieser Geschichte tun, es ist nicht mehr möglich, sich abzuwenden, zu vergessen …

Gefahr

Den Gesprächen mit seinen Freunden entnehme ich, dass Dimitrijew im vergangenen halben Jahr sichtlich nervös war, mehrfach äußerte, dass man ihn holen würde.

Chottabytsch spürte, dass man ihn beobachtet, aber er wusste nicht, was er genau verstecken sollte. Im November vergangenen Jahres veröffentlichte Memorial die aufsehenerregenden sogenannte HenkerslistenEin Verzeichnis mit mehr als 40.000 Mitarbeitern der sowjetischen Sicherheitsorgane aus den Jahren 1935 bis 1939, das die Menschenrechtsorganisation Memorial im November 2016 veröffentlicht hat. Die vom Historiker Andrej Shukow in jahrelanger Arbeit zusammengetragene Liste ist eine Grundlage für die historische Aufarbeitung der politischen Repressionen der Stalinzeit. – Listen mit den Namen von NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem GULag.-Mitarbeitern, die unmittelbar am Großen Terror beteiligt waren. Dimitrijew hatte an diesem Projekt nicht mitgewirkt, allerdings bekam er in den ersten Dezember-Tagen mehrere Anrufe von einer anonymen Person, die herauszufinden versuchte, ob er Informationen über die Massenmörder besaß.

„Er hatte schon länger davon gesprochen, dass jemand in seinem Computer herumwühlt, dass man ihn abhört“, erzählt Katja. „Ich hab zu ihm gesagt: ,Hör auf zu spinnen, James Bond!‘ Und dann rief er mich an: ‚Komm bitte morgen früh und bleib ein bisschen hier. Es muss jemand da sein morgen.‘ Ich sagte: ‚Ich kann nicht, ich muss arbeiten.‘ ‚Was ist mit Danik?‘ Ich fragte: ‚Was ist passiert?‘ Und er: ‚Schon gut ...‘“

Am 10. Dezember 2016 bekam Dimitrijew Besuch von einem Polizeibeamten, der ihn bat, am nächsten Tag wegen irgendwelcher Formalitäten auf dem Revier zu erscheinen. Dimitrijew erschien und wurde vier Stunden lang zu irgendwelchen Jagdgewehren ausgequetscht. Als er nach Hause kam, wurde ihm klar, dass jemand in seiner Wohnung gewesen war und seinen Computer durchforstet hatte.

Einen Tag später wurde Dimitrijew wegen des Verdachts auf Herstellung von Kinderpornographie festgenommen. Als Beweismittel dienten Fotos der nackten Nataschka.

Nataschka

Als Jegor und Katja erwachsen waren, heiratete Dimitrijew zum zweiten Mal. Seine Frau und er nahmen ein dreijähriges Mädchen aus dem Kinderheim bei sich auf, Natascha. Alle sagen, das sei ein ungeheuer wichtiger Moment für ihn gewesen. Dimitrijew, selbst ein Heimkind (er war noch ganz klein, als seine Eltern ihn zu sich nahmen), betrachtete dies als seine Pflicht. Man wollte ihm kein Kind geben, es hieß, er sei zu alt. Aber Dimitrijew zog vor Gericht, durchbrach alle Mauern, besuchte Kurse für Pflegeeltern – und bekam Nataschka.

„Ich habe als letzte davon erfahren“, erinnert sich Katja. „Weil sie wussten, wie eifersüchtig ich bin … Ich liebe meinen Papa sehr, seine Aufmerksamkeit ist mir sehr wichtig. Als sie es mir sagten, war ich wie erstarrt, meine erste Reaktion war: ,Hoffentlich kein Mädchen?‘ Allein die Vorstellung, dass er zu jemandem anders Töchterchen sagt … Naja, und dann kam diese Natascha, komisch war die. Furchtbar dünn, unterernährt, schielte, hatte den Kopf voller Läuse. Später erst, da wurde sie der Chef. Da staunst du nur so!“

„Als seine Frau gegangen ist, war er natürlich erstmal etwas ratlos“, erzählt Katja. „Aber mit vereinten Kräften ging es irgendwie. Natürlich war ich jeden Tag da, hab geholfen, Essen gemacht. Und dann komm ich eines Tages, und siehe da – er hat sich dran gewöhnt, überall hängt Wäsche, wie bei einer Hausfrau. Wir waren ständig zusammen. Er ging auf seine Expeditionen, ich nahm Nataschka zu mir, später nahm er sie mit. Meine Kinder waren ständig dort, sie gingen auf dieselbe Schule. Er schleppte sie zu allen möglichen Kreisen, überallhin, er hat sich ihr richtig angenommen.“

„Nataschka entwickelte sich sehr langsam“, sagt Olga Kersina vom Moskauer Kinokolledsh. „Dimitrijew machte sich Sorgen, dachte, das wäre, weil sie sich schon so an seine Frau gewöhnt hatte. Er ist zu allen Ärzten gerannt, die sagten, dass sie nicht wächst, weil sie emotional schwer traumatisiert sei. Er suchte nach Fachärzten, dachte, er würde sie in Moskau finden. Er hatte einen ziemlichen Tick, was ihre Gesundheit anging.“

„Eine Verbundenheit wie im Krieg war das, Wahnsinn!“, sagt Irina Galkowa. „Dass Nataschka auch ein Mensch mit einem schlimmen, von Beginn an schwierigen Schicksal ist, an dem er nun teilhat und wofür er verantwortlich ist – das war Juri sehr bewusst.“

„Er hat sie auf dem Sekirnaja Gora taufen lassen. Das war im August, ein furchtbarer Tag, windig, grau, kalt. Aber es war ihm sehr wichtig, sie genau dort taufen zu lassen. Ich saß vorher mit ihr in der BanjaDie Banja ist die russische Sauna: ein Dampfbad, in dem die kreislaufanregende und reinigende Wirkung durch das Auspeitschen mit Birkenzweigen verstärkt wird. Auf dem Lande ist es oft eine Holzhütte im Garten, in der Stadt sind es große Gebäude, ähnlich städtischen Badeanstalten. Die Banja ist ein Kultort, an dem gern getrunken und gegessen wird, der Eingang in viele Filme findet. Es gibt auch eine eigene Grußformel, wenn jemand in die Banja geht: S legkim parom! (Ich wünsche leichten Dampf!) [zur obligatorischen Waschung vor der Taufe – dek], wir haben das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis gelernt, das war sehr schön. Auch sehr ernst, weil Papa gesagt hat, es muss sein. Und als sie getauft war, kam die Sonne raus – es war unglaublich. Er war sehr glücklich, und sie war auch glücklich. Da war so viel Liebe.

Das, was danach geschah, ist eine scheußliche Geschichte, denn er hat sie ja sehr lieb.“

Verhaftung

„Als es passierte, hatte ich an die 40° C Fieber“, erzählt Katja weiter. „Ich stand unter Schock, sie haben mich vor dem Gefängnis festfrieren lassen, ich stand vor dem Eisentor, niemand hat mich beachtet. Und Nataschka konnte ich nicht finden. Der Ermittler wollte nicht mit mir reden, ich schrie in den Hörer, war völlig hysterisch, ich verstand überhaupt nichts mehr. Dann durfte er mich anrufen, er sagte: ‚Die wollen mir irgendwas mit Pornographie anhängen, ich soll Fotos ins Internet gestellt haben ...‘ Was für ein Schwachsinn, er hatte keinen blassen Schimmer wie man im Internet überhaupt irgendwas macht … Er sagte: ‚Katja, ich verstehe ja selbst nichts, aber mit so einer Anklage hat man im Lager kein ruhiges Leben … Da kriegt man vielleicht acht bis zehn ...‘ Und ich: ‚Tage?‘ ‚Nein, Jahre.‘“

Zuerst verstand niemand etwas. Dann stellte sich heraus, dass es um Fotos von Natascha ging, die Dimitrijew für die Vormundschaftsorgane gemacht hat.

„Ich rufe Nataschka an – das Handy ist aus. Es ist schon dunkel, die Schule gleich zu Ende, ich weiß nicht, wo das Kind steckt! Ich renne zurück nach Hause, da ist sie nicht … Ich bin fast verrückt geworden. Dann, mitten in der Nacht, ruft sie mich an: ‚Wo ist Papa?‘ Das Jugendamt hat sie von der Schule abgeholt, um zehn Uhr morgens, als sie auch ihn abgeholt haben, und in ein Heim gebracht. Ich bin losgefahren, hab dieses Heim gefunden, die Frauen dort waren nett, zeigten Mitgefühl und ließen mich zu ihr. Sie hatte ihnen schon alles erzählt: Wie sie ihren Papa liebt, wie sie mich liebt, und Sonja und Danik, und dass sie Sambo betreibt. Sie hängte sich an mich ran: ‚Warum ist Papa nicht gekommen?‘ Ich sagte: ‚Wenn Papa nicht kann, dann komme ich und nehme dich mit, warte nur ein bisschen.‘ Und dann bekomme ich einen Anruf vom Jugendamt: Der Ermittlungsrichter hat verfügt, dass Verwandte von Juri Alexejewitsch nicht mit Natascha sprechen dürfen.“

Etwa einen Monat verbrachte Natascha im Heim, dann kam sie zu ihrer leiblichen Großmutter, in ein Dorf im Norden Kareliens.

„Als Nataschka das mit ihrem Vater im Internet gelesen hatte, rief sie mich an: ‚Katja, warum machen die das?! Das ist doch alles nicht passiert! Was wollen die von ihm?‘ Sie schreibt ihm Briefe, dass sie ihn sehr liebt, dass sie nach Hause will. Die Oma sagt zwar, dass sie sich schon eingelebt hat – doch sie kämpft wieder ihre Kämpfe ohne Regeln, in der Schule und überall. Ich rufe immer an, halte sie zum Lernen an, halte die Oma an, ihre Hausaufgaben zu kontrollieren.“

Rauch ohne Feuer

Das Unterfangen, ein nacktes Kind zu fotografieren, kam selbst mir anfangs, ehrlich gesagt, ziemlich seltsam vor. Wenn man hört, dass jemand der Herstellung von Kinderpornographie beschuldigt wird, fällt es schwer, locker zu bleiben – selbst wenn man vermutet, dass die Anklage stark überzogen ist. Wenn ich jemandem von diesem Fall erzähle, reagieren die meisten mit: „Ja, aber warum hat er sie fotografiert?“

Drei Wochen lang führte ich Gespräche mit verschiedenen Leuten, in Petrosawodsk, Petersburg, Moskau, fragte sie nach Dimitrijew, Nataschka, den Bildern. Ich glaubte nicht an die Pornoversion, aber ich versuchte trotzdem zu verstehen, welche Merkwürdigkeit ihn dazu bewogen hat, seine nackte Tochter zu fotografieren.

Irina und andere Freunde von ihm berichten, dass das Mädchen völlig unterernährt und stark entwicklungsgestört aus dem Kinderheim gekommen sei. Das Verhältnis zu den Behörden war anfangs angespannt, weil Dimitrijew sich das Kind erkämpft hatte. Bald kam es zu einem Konflikt im Kindergarten: Die Erzieherinnen behaupteten, Natascha hätte blaue Flecken – wie sich herausstellte, waren es in Wirklichkeit Farbspuren von einer Zeitung, die seine Frau unter die wärmenden Senfpflaster gelegt hatte.

Im Grunde alles Kleinigkeiten, aber Dimitrijew machte es sich daraufhin eisern zur Regel, Nataschka einmal im Monat nackt zu fotografieren – vier Aufnahmen: von vorne, von hinten, von links und von rechts. Am Anfang einmal im Monat, dann alle drei bis vier Monate, und vor ungefähr zwei Jahren hörte er ganz damit auf.

„Auf seiner Festplatte waren 144 Fotos in nach Jahren sortierten Ordnern“, sagt sein Rechtsanwalt Viktor Anufrijew. „Davon sind überhaupt nur neun Gegenstand der Klage. Wenn sein Interesse sexueller Natur wäre, wäre das Verhältnis doch wohl nicht neun aus 114, sondern umgekehrt, oder? Von diesen neun ist die Hälfte völliger Humbug, da rennen Natascha und Katjas Kinder zusammen ins Badezimmer, sitzen in der Wanne. Auf den anderen steht sie einfach nur da. Darauf wären die Genitalien zu sehen, sagen sie – das kann ich nicht beurteilen, ich bekomme die Fotos mit schwarzen Quadraten. Und einmal hat er sie fotografiert, als sie nackig geschlafen hat. Ich sage Ihnen ganz klar: Hier wird kein Tatbestand erfüllt, da gibt es nichts zu diskutieren.“

Dimitrijew ist nicht einmal auf die Idee gekommen, die Fotos seiner Tochter zu löschen, obwohl er schon ahnte, dass die Ladung aufs Polizeirevier dazu diente, ihn aus der Wohnung zu bekommen.

Die Ironie des Schicksals liegt gerade darin, dass er die Aufnahmen aus Angst davor aufbewahrte, Nataschka zu verlieren, er sah sie als Beweis für ihre Gesundheit.

„Das war so ein beruflicher Tick von ihm – alles zu dokumentieren, abzufotografieren“, sagt Olga Kersina. „Wenn sich jemand dreißig Jahre lang mit Knochen beschäftigt, hat er ein völlig anderes Verhältnis zum menschlichen Körper, einen distanzierten Blick. Er muss bestimmen, was das für Menschen sind, welchen Geschlechts, wie alt, woran sie gestorben sind … Alles muss festgehalten werden, genau fotografiert, verschriftlicht. Vielleicht hat ihm der Vorfall mit den blauen Flecken gezeigt, dass er Fotos als Beweismittel braucht. Nataschas Gesundheit steht für ihn an oberster Stelle. Diese Fotos sind eindeutig Gesundheitstagebücher. Es liegt eben einfach in seiner Natur: Er schießt gerne übers Ziel hinaus, geht bei allem bis zum Äußersten, bis auf den Grund.“

„Vor allem: Jura ist dermaßen weit entfernt von diesem Vorwurf!“, sagt sein Freund Anatoli Rasumow. „Seine Moralvorstellungen sind dem völlig entgegengesetzt! Mit Leuten, die das tun, was sie ihm vorwerfen, würde er sonstwas machen.“

„Man muss schon pervers sein, um da Pornographie zu sehen“, sagt Katja. „Wenn ein Mann 50 ist und die Frau 30 – schon das findet er verrückt: ‚Wie kann man nur?‘ Er ist 60, also muss die Frau 50 sein, und selbst das sind für ihn junge Hüpfer. Will sagen, er ist für Beziehungen auf Augenhöhe, schon mit 20 Jahren Altersunterschied kann er nichts anfangen, hat mich immer nur mit großen Augen angeschaut: ‚Aber Katja, was ist denn das ...‘“

Zunächst wurde Dimitrijew nur die Herstellung von Pornographie zur Last gelegt. Aber der Paragraph umfasst auch die Veröffentlichung und Verbreitung. Genau das haben die Ermittler gleich behauptet, und danach auch der Fernsehkanal Rossija 24Rossija 24 ist ein Nachrichtensender, der 2006 an den Start ging. Der kremlnahe Moskauer Sender gehört der staatlichen Medienholding WGTRK einer Gesellschaft, mit der die Machthaber einen Großteil des Fernsehens in Russland kontrollieren.. Aber Dimitrijew hatte mit dem Internet nichts am Hut, er hat nicht einmal Bilder per E-Mail verschickt. Nachträglich etwas ins Netz stellen konnte man nicht – eine solche Fälschung wäre viel zu kompliziert. Wahrscheinlich wurde die Anklage wegen Verbreitung deshalb schnell wieder fallengelassen, aber der Porno-Paragraph selbst blieb.

Das Gutachten darüber, ob diese Aufnahmen als pornographisch zu werten sind, bestellte die Ermittlungsbehörde beim Zentrum für soziokulturelle ExpertisenDas Zentr soziokulturnych Expertis (dt. Zentrum für soziokulturelle Expertisen) ist eine Beratungseinrichtung, die verschiedene Experten-Gutachten für Gerichte sowie Privatleute anbietet. Laut Kritik aus unabhängigen Medien erstelle das Zentrum die Expertisen stets mit Ergebnissen, wie sie von den Auftraggebern gewünscht werden. So habe es im Fall Juri Dmitrijews wie auch beim Prozess der Band Pussy Riot belastende Gutachten vorgelegt, die die Verurteilungen begünstigt hätten, allerdings jeglicher Fachkompetenz entbehrten. Nach eigenen Angaben besteht die Moskauer Organisation aus vier Fachleuten., einer „unabhängigen gemeinnützigen Organisation“. 
Dabei handelt es sich um eine bekannte Firma, die in industriellen Mengen Gutachten produziert, die vom Zentrum EDie Abteilungen zur Bekämpfung des Extremismus sind eigenständige Polizeieinheiten in allen Regionen Russlands. Sie arbeiten mit einem sehr großzügig interpretierten Extremismusbegriff. Neben Rechtsradikalen überwachen sie auch außerparlamentarische Oppositionelle und Demonstrierende jeglicher Couleur. Dafür besitzen sie weitreichende Befugnisse. Die Mitarbeiter sind an Verhaftungen beteiligt und wenden Medienberichten zufolge brutale Verhörmethoden an. und dem FSB in Auftrag gegeben werden. Zu ihren jüngsten Werken gehören: Die „Verletzung religiöser Gefühle von Gläubigen“ im Torfjanka-ParkDer Torfjanka-Park ist ein Park in Moskau, rund 14 Kilometer nördlich vom Kreml. Im Sommer 2015 wurde die Anlage Schauplatz einer Auseinandersetzung, die Aufmerksamkeit in der ganzen Stadt erregte. Gegen den begonnenen Kirchenbau auf dem Parkgelände formierte sich damals vielschichtiger Widerstand. Dieser rief wiederum orthodoxe Aktivisten auf den Plan, die eine Umsetzung der beschlossenen Baupläne forderten. Nach einer Reihe von Konflikten entschieden die Behörden, die Kirche an einem anderen Ort zu errichten. Einige Baugegner wurden im November 2016 (wiederholt) verhaftet, ihnen wird unter anderem „Verletzung religiöser Gefühle“ vorgeworfen. und die Aufdeckung der extremistischen Natur der Zeugen JehovasIm April 2017 stufte das Oberste Gericht der Russischen Föderation die russische Organisation der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas als „extremistisch“ ein. Damit verbot das Gericht diese Gemeinschaft und deren Religionsausübung in Russland.
Vier Experten sind dort zugange: ein Kunsthistoriker, ein Mathe-Lehrer, ein Politikwissenschaftler und ein Englisch-Übersetzer. Diese Leute wurden bereits der Aneignung gefälschter akademischer Grade überführt, der direkten Unterschiebung (sie schrieben Dinge in die zu analysierenden Texte, die dort nicht standen) und natürlich der massenhaften Erstellung von Gutachten zu Themen, von denen sie keine Ahnung haben. Berühmtheit erlangte das Zentrum dadurch, dass es eine Bibel, die man den Zeugen Jehovas abgenommen hatte, als extremistische Literatur einstufte. Nach Meinung der Experten sei eine „Bibel, als Buch begriffen, nicht mehr die Bibel, zu der wird sie einzig und allein in der Kirche“.

Die Fotografien von Natascha erklärten sie zu Pornographie – und das ist das Einzige, worauf sich die Anklage stützt. Dimitrijews Rechtsanwalt stellte einen Antrag auf Begutachtung durch ein beliebiges Zentrum für Sexualpathologie – der natürlich abgelehnt wurde.

Vier Monate später präsentierte die Ermittlungsbehörde Dimitrijew zwei weitere Anklagen: wegen unzüchtiger Handlungen und illegalen Besitzes von Waffen. Die unzüchtigen Handlungen bestanden aus Sicht der Ermittler im Akt des Fotografierens eines nackten Kindes. Und die Waffen, die Dimitrijew besaß, waren völlig legal: In seiner Jugend hatte er gejagt, in den ganzen letzten Jahren trug er bei seinen Wanderungen im Wald eine Pistole mit sich – in Karelien wimmelt es vor Bären. Aber vor einigen Jahren hat er ein paar Jungs im Hof eine uralte, rostige Flinte abgenommen. Sie war völlig kaputt, zum Schießen untauglich – aber sicher ist sicher … Und ebendiese Flinte haben sie bei der Durchsuchung gefunden. Nach Aussage des Rechtsanwalts lässt sie sich unmöglich reparieren: „Und selbst wenn, womit sollte man schießen? Solche Patronen kann man seit 50 Jahren nicht mehr kaufen.“

Schatten

Ich verliere mich lange in Mutmaßungen, wem Dimitrijew wohl im Weg war, dieser wenig bekannte Memorial-Mitarbeiter aus Petrosawodsk, der weder politisch noch als Menschenrechtler aktiv war. Ist Chottabytsch etwa wirklich einem der Mächtigen im hiesigen Mikrokosmos auf den Senkel gegangen? Oder gab es eine Order aus Moskau zur Einschüchterung von regionalen Memorial-Zentren? Oder wurde alles nur für diese Sendung auf Rossija 24 eingefädelt (Nataschas Fotos landeten seltsamerweise gleich nach der Verhaftung beim Fernsehsender WGTRKDie Allrussische Staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft WGTRK ist eine staatlich kontrollierte Medienholding. Sie besitzt mehrere landesweit empfangbare Fernseh- und Radiosender sowie Internetmedien, ausserdem 89 regionale Medienanstalten in allen Föderationssubjekten der Russischen Föderation.)? Oder war es bloß Zufall: Hatte man routinemäßig die hiesigen Aktivisten beobachtet, auf der Festplatte gewühlt, die Fotos entdeckt und beschlossen, die Sache aufzurollen?

Aber langsam ergab sich aus den diversen Gesprächen ein Bild. Wie das Schicksal es will, trat ein Schatten hinter den zugewachsenen Gräbern von Sandarmoch hervor. Die Begräbnisstätte vereint sehr viele Nationalitäten, was im Wesentlichen jener ersten Etappe geschuldet ist. Es liegen dort Massen von Ukrainern, Polen, Finnen, Georgier, Aserbaidschaner, Tataren, WainachenAls Wainachen wird eine ethnologische Gruppe bezeichnet, zu der die Völker der Tschetschenen, Inguschen und Kisten gehören. Sie sind der Gruppe der Nachen zugeordnet, die zumeist aus dem Nordkaukaus stammen. Die wainachische Sprache ist die einzige in der Gegenwart noch lebendige Sprache der nachischen Sprachen. Aufgrund der Popularität der Wainachen werden heute andere nachische Völker häufig als Wainachen bezeichnet, obwohl diese nur eine Gruppe im Volk der Nachen sind. begraben, sogar Schweden und Norweger. Jedes Jahr am 5. August besuchen verschiedene Delegationen diesen Ort. So ergab es sich, dass die Gedenkfeiern in Sandarmoch von Anfang an internationale Veranstaltungen waren. Es kamen offizielle Persönlichkeiten, und auch hohe Regierungsvertreter mussten immer hin, ob sie wollten oder nicht.

„Es duftet nach Nadelholz, unter den Füßen knirscht der Schnee, die Schatten werden blau, ein Specht klopft den Takt, und an jedem Stamm – das Portrait eines hier ermordeten Menschen“ / Foto © Ekaterina Makhotina

So ging es bis 2016, als, so heißt es, eine Anordnung durch die Verwaltungsbehörden ging: keine Sandarmoch-Besuche mehr. Zum ersten Mal waren weder Vertreter der Russisch-Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. anwesend, noch fand die traditionelle Kreuzprozession statt (obwohl noch 2010 Patriarch KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik. höchstpersönlich die Messe abgehalten hatte). Dafür wimmelte es vor Journalisten der offiziellen karelischen Medien. „Sie bekamen spezielle, von den Behörden vorbereitete Fragen ausgeteilt und befragten die ausländischen Gäste, warum sie hergekommen waren und so weiter. Das wurde nie für irgendwelche Publikationszwecke genutzt, ist einfach irgendwo nach oben geflossen ...“

Besonders häufig wird Sandarmoch von Polen und Ukrainern besucht – mit der Solowezker Etappe hatte man große Teile der ukrainischen IntelligenzAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.   und zahlreiche polnische Geistliche ermordet. 2015 hatte die Botschafterin Katarzyna Pelczinska die Gedenkfeier besucht und Dimitrijew das Goldene Verdienstkreuz überreicht, eine der höchsten Auszeichnungen Polens. Offenbar beschloss man daraufhin, dass mit Sandarmoch nun langsam Schluss ist. Zumal der Friedhof 2017 ein Jubiläum feiert – zwanzig Jahre seit seiner Entdeckung, dazu jährt sich der Große Terror zum 80. Mal. Den Behörden dämmerte, dass die Leute in Scharen kommen würden.

Gleichzeitig begann im vergangenen Sommer in Petrosawodsk eine Kampagne, die regionale Geschichte umzudichten. Erst tauchte in der Presse eine Nachricht von Juri KilinJuri Kilin (geb. 1961) ist ein russischer Historiker und Professor an der Staatlichen Universität Petrosawodsk. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderen der Sowjetisch-Finnische Winterkrieg von 1939–1940 sowie die internationalen Konflikte um das Gebiet Karelien. Kilins Publikationen sind auch ins Finnische übersetzt und gelten unter Historikern als sehr differenziert. 2010 erschien sein Buch über den Winterkrieg, das er mit dem finnischen Militärhistoriker Ari Raunio verfasst hatte. Das Werk gilt als die erste systematische Abhandlung dieses Kriegs.   auf, einem Professor an der Universität von Petrosawodsk. Er äußerte die Vermutung, in Sandarmoch seien nicht nur Repressionsopfer begraben, sondern auch Kriegsgefangene, die von Finnen erschossen worden seien.

„Eine Behauptung, die aus der Luft gegriffen ist“, sagt Irina Galkowa. „In Analogie dazu, dass die Finnen die Lager des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. für ihre eigenen Kriegsgefangenen benutzt haben. Nach dem Motto, wenn sie die Lager benutzten, dann haben sie wohl auch Erschießungen durchgeführt. Eine krude Logik. Aber die These hat gefruchtet. Und wenn es im ersten Stadium eine bloße Vermutung war, dann war es im dritten und vierten schon eine Feststellung, und im fünften – eine Negierung der Tatsache, dass es überhaupt irgendwelche Repressionen gegeben hat: ‚Ach so ist das, Memorial macht so einen Wind, dass es die eigenen Leute waren, und in Wirklichkeit waren's die irren Deutschen!‘“

Am 4. August 2016, am Vorabend der Gedenkveranstaltung, brachte der TV-Kanal SwesdaDer Fernsehsender Swesda (dt. Stern) ist Teil einer Rundfunkanstalt, die vom russischen Verteidigungsministerium betrieben wird. Seit 2006 ist er in ganz Russland verfügbar. Hauptsächlich strahlt er Dokumentationen zu Themen aus Politik, Geschichte und Wissenschaft aus; ein Schwerpunkt liegt auf Berichten über die russische Armee. Dabei vertritt er „patriotische“ Standpunkte, positioniert sich also positiv zur aktuellen politischen Führung. eine Sendung: Die zweite Wahrheit des Konzentrationslagers Sandarmoch – wie die Finnen Tausende unserer Soldaten ermordeten.

Dort war die Rede von geheimen FSB-Dokumenten, die dem Fernsehsender vorlägen und aus denen hervorginge, dass in Sandarmoch sowjetische Gefangene beerdigt seien.

In Wirklichkeit zeigte man den Zuschauern einen Bericht des SMERSchAbkürzung für eine Losung aus dem Zweiten Weltkrieg: „Smert Schpionam“ – „Tod den Spionen“. Unter dieser Bezeichnung wurden während des Krieges drei voneinander unabhängige Aufklärungseinheiten gegründet. über ein kleineres, 250 Menschen fassendes Kriegsgefangenenlager in Medweshjegorsk, das sich auf dem ehemaligen Gelände einer Abteilung der BelBaltLagerAbkürzung für Belomorsko-Baltiski isprawitelno-trudowoi Lager (dt. Weißmeer-Ostsee Besserungs-Arbeitslager). Das Lager wurde 1931 zum Zweck der Erbauung des Weißmeer-Ostsee-Kanals als Ableger des Solowezki-Lagers gegründet. Im Lager lebten während der Bauzeit bis 1933 zeitweilig bis zu 107.000 Gefangene. Es blieb auch nach Eröffnung des Kanals bestehen und wurde erst 1941 mit Beginn des Großen Vaterländischen Krieges aufgrund seiner Nähe zum Frontverlauf geschlossen. befand. Darin wird von der Erschießung zweier Gefangener berichtet. In dem Beitrag allerdings hieß es, hier seien „verschiedenen Quellen zufolge 19.000 bis 22.000 Menschen umgekommen. Und natürlich muss dort ein Denkmal für die ermordeten Kriegsgefangenen errichtet werden“.

„Auf wen hören die? Was glaubst du? Auf Dimitrijew, einen stadtbekannten Verrückten, oder auf die Onkel mit den Dienstgraden ...“, fragt ein Freund von der Petrosawodsker Uni Irina Galkowa. „Und was ist damit, dass der Verrückte Dokumente zu Sandarmoch hat, zu siebeneinhalbtausend Menschen? Ich habe versucht, mit Dimitrijew darüber zu diskutieren, aber er winkte nur ab: ‚Ist doch alles Mist. Das sind angefütterte Bisons, die fressen aus der Hand, aus der sie fressen müssen. Und ich bin ein wilder Wolf, der frisst, was er will ...‘“

Das war das ganze Problem. Eine Abmachung mit Dimitrijew zu treffen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Es war klar, dass er diese Gedenkfeiern organisieren würde, solange er lebt. Wenn man die Party beenden wollte, musste man Chottabytsch wegsperren.

Wenn ein Fall konstruiert ist, kommt das normalerweise im Laufe der Verhandlung raus. Es ist natürlich ein Leichtes, einen Unschuldigen zu verurteilen. Aber wenigstens sehen die Leute dann, was da in Wirklichkeit los ist. Darauf kann Dimitrijew allerdings nicht hoffen. Die unglückseligen Fotos wird nie jemand zu Gesicht bekommen: Er wird eines Sexualverbrechens an einer Minderjährigen beschuldigt, und deshalb wird die Verhandlung hinter verschlossenen Türen geführt.

Ja, natürlich, Chottabytsch spürte, wohin es geht. Ich werde das Gefühl nicht los, dass das alles – Dimitrijew selbst, die Seelen der Toten, die FSBler, die Fernsehleute von Rossija 24 – dass sie alle irgendeiner weisen und segensreichen Macht unterstehen. Dass wir noch immer in einer Welt leben, in der es solche Menschen und Geschichten gibt. In der der Herr noch immer jedem sein wundersames Schicksal schenkt und jeder Held einen Drachen findet, gegen den er kämpfen kann. Vor dreißig Jahren ist Dimitrijew mit seinem Feldspaten ausgezogen, gegen ihn anzutreten. Er bekam zu hören, dass es keine Drachen gebe, aber er ging immer weiter, von Grab zu Grab, durch Wälder, Schleusen, über Inseln, suchte die Spuren des Monsters im Staub von Karteikästen, stur und unnachgiebig. Und bitte sehr, hier ist er, der Drache.

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Archipel Gulag

Archipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument.

Gulag

Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst.

Gnosen
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Der Große Terror

„Zwischen dem Parteiausschluß und meiner Verhaftung vergingen acht Tage. Während dieser Tage blieb ich zu Hause und schloß mich in mein Zimmer ein. Ich nahm den Telefonhörer nicht ab. Ich wartete … Und alle meine Lieben warteten auch. Worauf warteten wir? Wir erklärten einander, daß wir auf den Urlaub meines Mannes warteten, […]. Sobald er beurlaubt ist, wollen wir nach Moskau fahren um weiter zu kämpfen. […] Aber insgeheim wußten wir ganz genau, daß alles das nicht eintreten würde, daß wir auf etwas ganz anderes warteten.“1

So erinnert sich die Journalistin und Autorin Jewgenija GinsburgJewgenija Ginsburg (1904–1977) war eine sowjetische Journalistin und Historikerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Memoiren, die sie überwiegend ihren Erfahrungen in sowjetischen Arbeitslagern widmete. 1937 wurde Ginsburg Opfer Stalinscher Säuberungen, als angebliche Trotzkistin wurde sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihre auch ins Deutsche übersetzten Erinnerungen stehen in einer Reihe mit den Werken von Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn.  in ihren Memoiren2 an das Warten auf ihre Verhaftung. Es ist das Jahr 1937, der Höhepunkt des Großen Terrors, den das sowjetische Regime unter der Herrschaft Josef Stalins zunächst gegen die Eliten der Kommunistischen ParteiDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. entfacht, dann zunehmend gegen die gesamte Bevölkerung. Ginsburg wird im Februar 1937 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und als eine angebliche TrotzkistinAnhänger des marxistischen Theoretikers und Politikers der frühen Sowjetunion Leo Trotzki. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Oktoberrevolution und baute während des Bürgerkriegs die Rote Armee auf. Nach Lenins Tod kritisierte er u. a. die nationalistische Wende Stalins, der – im Gegensatz zum Internationalisten Trotzki – den Sozialismus in einem Land verteidigte. Trotzki unterlag im offenen Machtkampf und lebte seit 1929 im Exil, wo er 1940 auf Stalins Befehl ermordet wurde. Unter Stalin wurde die Bezeichnung Trotzkist synonym für Verräter gebraucht. zu zehn Jahren Haft verurteilt. Insgesamt wurden zwischen 1936 und 1938 rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, knapp die Hälfte davon ermordet.3

Das bange Warten

Als einer der Auslöser für den auch als große Säuberungen bezeichneten Terror gilt die Ermordung des Ersten LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. grader Parteisekretärs Sergej KirowSergej Kirow (1886–1934) war ein Revolutionär und sowjetischer Politiker. Er war Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – dem de facto obersten Entscheidungsgremium des Landes. Kirow galt als ein Günstling Stalins, manchen Historikern zufolge war sein Einfluss auf die politischen Geschicke der UdSSR aber beschränkt. Unter bisher ungeklärten Umständen wurde Kirow 1934 von einem Attentäter erschossen. am 1. Dezember 1934. In diesem Zusammenhang werden zunächst vor allem LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. graderDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. Parteifunktionäre verhaftet, aber dann „zog die Affäre immer weitere Kreise, wie die Wellen, die entstehen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft.“4 Für Ginsburg beginnt, wie für Millionen ihrer Landsleute, eine Zeit der Verunsicherung und des bangen Wartens. Eine Zeit, für die der britische Historiker Robert Conquest in seiner 1968 erschienenen Monografie den Begriff Großer Terror einführt.5

Altgediente BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  werden inhaftiert, einstige Vorbilder als „Volksfeinde“ entlarvt. Im Jahr 1936 kommt es in Moskau zu einem ersten Schauprozess, bei dem Grigori SinowjewGrigori Sinowjew (1883–1936) war ein Revolutionär und sowjetischer Politiker. Zwischen 1921 und 1924 war er Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – dem de facto obersten Entscheidungsgremium des Landes. Sinowjew galt als ein enger Weggefährte Lenins, bei Stalin fiel er jedoch mehrmals in Ungnade. 1936 wurde er wegen angeblicher Gründung eines „antisowjetischen vereinigten trotzkistisch-sinowjewistischen-Zentrums“ erschossen. Laut eines Zeitzeugen waren bei der Erschießung der NKWD-Leiter Genrich Jagoda und sein damaliger Stellvertreter Nikolaj Jeschow zugegen: bedeutende Politiker, die später ebenfalls hingerichtet wurden. und andere bolschewistische Veteranen ihren Verrat an der Partei einräumen und zum Tode verurteilt werden – die Geständnisse waren unter Folter erpresst worden.6 Sowjetische Medien berichten ausführlich von diesem und den folgenden Schauprozessen: „Die Zeitungsblätter ätzten, verwundeten und vergifteten das Herz, wie der Stachel eines Skorpions. Nach jedem Prozeß wurde die Schlinge enger gezogen.“7

Fünf, vier, drei, zwei: Auf dem Originalbild von 1926 ist Stalin mit seinen Weggefährten abgebildet, v.l.n.r.: Nikolaj Antipow, Josef Stalin, Sergej KirowSergej Kirow (1886–1934) war ein Revolutionär und sowjetischer Politiker. Er war Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – dem de facto obersten Entscheidungsgremium des Landes. Kirow galt als ein Günstling Stalins, manchen Historikern zufolge war sein Einfluss auf die politischen Geschicke der UdSSR aber beschränkt. Unter bisher ungeklärten Umständen wurde Kirow 1934 von einem Attentäter erschossen., Nikolai Schwernik und Nikolai Komarow. Nach und nach entzieht ihnen Stalin seine Gunst, Antipow und Komarow fallen 1937 bzw. 1938 dem Großen Terror zum Opfer. Das Bild wird parallel dazu beschnitten und retuschiert. Am Ende steht Stalin nur noch mit seinem Günstling Kirow da, der 1934 unter ungeklärten Umständen von einem Attentäter erschossen wurde.

Die Repressionen beschränken sich längst nicht mehr auf Moskau, sie schwappen auch in die sowjetische Provinz über. Jewgenija Ginsburg wird im Februar 1937 in Kasan wegen der angeblichen Mitgliedschaft in einer terroristischen Untergrundorganisation verhaftet. Im August 1937 wird sie zu zehn Jahren Isolationshaft8 verurteilt, die später in Lagerhaft umgewandelt werden wird. Ihre Erleichterung über das Urteil ist groß: „Plötzlich wird es um mich hell und warm. Zehn Jahre? Das bedeutet: Leben!“9

Ginsburgs Freude lässt sich nur aus dem zeitlichen Kontext heraus erklären: Bei geschätzt 680.000 Todesurteilen, die zwischen 1936 und 1938 gefällt wurden,10 erscheinen zehn Jahre Gefängnis für ein nicht begangenes Verbrechen tatsächlich als mildes Urteil.

Jeschowschtschina

Neben Mitgliedern der Kommunistischen Partei geraten auch andere Gesellschaftsgruppen ins Visier der sowjetischen Organe: Die Rote Armee wird ebenso „gesäubert“ wie die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten. Eine nochmalige Verschärfung der ohnehin angespannten Situation ergibt sich durch den von NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem GULag.-Chef Nikolaj JeschowNikolaj Jeschow (1895–1940) war ein sowjetischer Politiker und zeitweise enger Weggefährte Stalins. Da er als Volkskommissar des NKWD (in etwa: Minister für Inneres und Staatssicherheit) die Umsetzung der Stalinschen Säuberungen verantwortete, wird die Zeit des Großen Terrors auch Jeschowschtschina genannt. Jeschow, der von Historikern oft als Henker und Sadist beschrieben wird, wurde 1940 wegen angeblicher Umsturzpläne hingerichtet. am 30. Juli 1937 unterzeichneten und einen Tag später vom Politbüro bestätigten Befehl № 00447 „Über die Operation zur Repression ehemaliger KulakenKulaken (wörtl. Fäuste) war eine Bezeichnung für Großbauern, die weitere Lohnbauer einstellten und auch als Kaufmänner tätig waren. Nach der Revolution 1917 wurden diese oft als Ausbeuterklasse, und Klassenfeinde der Sowjetunion bezeichnet, im Zuge der Zwangskollektivierung Anfang der 30er Jahre unterdrückt., Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“.11 Damit kann praktisch jeder Sowjetbürger zum sogenannten „Volksfeind“ erklärt werden.

Für die einzelnen Republiken, Gebiete und Kreise der Sowjetunion legt der Befehl Kontingente fest – um den Plan zu erfüllen, kommt es massenhaft zu willkürlichen Verhaftungen und Verurteilungen.12 Dem Befehl № 00447 folgt eine Operation, die sich gegen Angehörige ethnischer Minderheiten in der Sowjetunion richtet: gegen Polen, Deutsche, Koreaner und andere.13 Organisiert und ausgeführt wird diese – wie die Repressionen zuvor und danach – durch den NKWD, gebilligt durch das Politbüro unter der Führung Stalins, der zahlreiche Listen mit Todesurteilen selbst unterzeichnet.14

Ein Ende der Massenrepressionen deutet sich ab dem Sommer 1938 an. Im November 1938 wird NKWD-Chef Jeschow durch Lawrenti BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem GULag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen. ersetzt.15 Der Sturz Jeschows bringt zwar ein Ende der Massenrepressionen, in einen Rechtsstaat verwandelt sich die Sowjetunion jedoch keineswegs. Bis zu Stalins Tod 1953, und in abgeschwächter Form auch darüber hinaus, werden Operationen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen, vermeintliche „Volksfeinde“ und „anti-sowjetische Elemente“ organisiert und durchgeführt.

1937 in der ErinnerungskulturIm heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören.

Zur Rechenschaft gezogen wird dafür auch nach dem Ende der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. niemand. Eine 2007 anlässlich des 70. Jahrestages des Großen Terrors veröffentlichte Meinungsumfrage besagt, dass eine Mehrheit der russischen Bevölkerung keinen Sinn in einer juristischen Verfolgung möglicher Organisatoren und Ausführenden der Repressionen sehe. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten sprach sich dafür aus, diese „in Ruhe zu lassen“, da die Repressionen bereits zu lange her seien. Lediglich 26 Prozent befürworteten ein juristisches Verfahren.16

 
 
Quelle: Lewada-Zentrum

Dass die Ergebnisse im Jahr 2017 anders ausfallen würden, kann bezweifelt werden. Auch Stalin selbst erfreut sich wieder hoher Beliebtheitswerte: 46 Prozent der vom Lewada-ZentrumDas Lewada-Zentrum ist ein gemeinnütziges Meinungsforschungsinstitut. Der Namensgeber Juri Lewada (1930–2006) gilt als ein Urvater der modernen russischen Soziologie. 2003 legte er den Grundstein für das renommierte Institut, nachdem die gesamte Belegschaft den Vorgänger WZIOM wegen staatlicher Einmischung verlassen hatte. Das Zentrum wird seit seiner Gründung von den Behörden kritisiert, im September 2016 wurde es vom Justizministerium als ausländischer Agent registriert. im Januar 2017 befragten Russen gaben an, Stalin mit „Begeisterung“, „Verehrung“ oder „Sympathie“ zu begegnen, im März 2016 hatte dieser Wert bei 37 Prozent gelegen. Allerdings stieg auch die Zahl derjenigen an, die dem Diktator mit einem unguten Gefühl, „Angst“ oder „Hass“ begegneten: von 17 auf 21 Prozent.17

Jewgenija Ginsburgs Gefängnishaft wird 1939 in zehn Jahre Lagerhaft umgewandelt, die sie in unterschiedlichen Lagern des GulagsDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. an der KolymaKolyma wird oft synonym zu Gulag verwendet – ein System von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff einen Fluss und eine Region im Fernen Osten des Landes. Zu Zeiten der Stalinschen Repressionen befanden sich auf dem Gebiet Kolyma rund 25 Arbeitslager, die jeweils über mehrere Lagerpunkte verfügten. Der sowjetische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow verbrachte ab 1937 rund 16 Jahre in den Lagern des Gebiets. Er beschrieb seine Erfahrungen in Erzählungen aus Kolyma, die auch ins Deutsche übersetzt wurden.  verbringt. Erst 1953 darf sie nach Zentralrussland reisen, 1955 wird sie vollständig rehabilitiert. Sie wird weder ihren älteren Sohn, der 1944 bei der deutschen Belagerung LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. gradsBlokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss. starb, noch ihren Mann, der kurz nach ihr verhaftet wurde, wiedersehen.


Zum Weiterlesen:
Memorial Krasnojarsk: „Der Große Terror“: 1937-1938: Kurz-Chronik
Schlögel, Karl (2008): Terror und Traum: Moskau 1937, München

1.Ginsburg, Jewgenija Semjonowna (1967): Marschroute eines Lebens, Reinbek bei Hamburg, S. 42
2.Die Memoiren sind im italienischen Tamisdat erschienen. Ginsburg, Jewgenija Semjonowna (1967): Marschroute eines Lebens (Teil 1), Reinbek bei Hamburg und Ginsburg, Jewgenia (1980): Gratwanderung (Teil 2), München/Zürich
3.Bonwetsch, Bernd (2014): Gulag: Willkür und Massenverbrechen in der Sowjetunion 1917–1953: Einführung und Dokumente, in: Landau, Julia/Scherbakowa, Irina: Gulag Texte und Dokumente 1929–1956, S. 30–37, hier S. 36. Vor der Öffnung der sowjetischen Archive kursierten wesentlich höhere Zahlen.
4.Ginsburg: Marschroute eines Lebens, S. 11
5.Conquest, Robert (1993): Der Große Terror: Sowjetunion 1934–1938, München. Der Begriff knüpft an den bereits zu Bürgerkriegszeiten gebrauchten Terminus des Roten Terrors an, der seinen Ursprung wiederum in der Französischen Revolution hat.
6.vgl. Baberowski,Jörg  (2012): Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt, München, S. 247
7.Ginsburg: Marschroute eines Lebens, S. 27
8.Isolationshaft ist in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit Einzelhaft. Die meiste Zeit ihrer zweijährigen Gefängnisstrafe verbrachte Ginsburg gemeinsam mit einer weiteren Gefangenen in einer Zelle, von den anderen Häftlingen waren sie weitgehend isoliert. Dennoch gelang es ihnen, etwa über Klopfzeichen, miteinander zu kommunizieren.
9.Ginsburg: Marschroute eines Lebens, S. 156
10.vgl. Fußnote 5
11.Eine deutsche Übersetzung des Befehls № 00447 sowie eine umfangreiche Darstellung und Analyse der Operation findet sich in Binner, Rolf /Bonwetsch,Bernd /Junge, Marc (2009): Massenmord und Lagerhaft: Die andere Geschichte des Großen Terrors, Berlin
12.vgl. und siehe dazu ausführlich ebd.
13.siehe dazu ausführlich Baberowski: Verbrannte Erde, S. 341–354, außerdem Martin,Terry (2000): Terror gegen Nationen in der Sowjetunion, in: Osteuropa: Unterdrückung, Gewalt und Terror im Sowjetsystem, Nr. 6 (2000), S. 606–616 sowie Polian,Pavel (2003): Soviet Repression of Foreigners: The Great Terror, the Gulag, Deportations, in: Dundovich, Elena/Gori, Francesca/Guerctti, Emanuela (Hrsg.): Reflections on the Gulag: With a documentary appendix on the Italian victims of repression in the USSR, Mailand, S. 61–103
14.Stalins Verantwortung für die Massenrepressionen wird durch Studien belegt, die historisches Quellenmaterial auswerten. Besondere Beachtung hat die Monografie Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt von Jörg Baberowski gefunden, auf die bereits verwiesen wurde. Zur Kritik an Baberowski siehe die Ausgabe Im Profil: Stalin, der Stalinismus und die Gewalt der Zeitschrift Osteuropa (4/2012).
15.Jeschow wird im April 1939 verhaftet und im Februar 1940 erschossen.
16.levada.ru: Obščestvennoe Mnenie – 2007 – hier: S. 258
17.RBC: Ljubov rossijan k Stalinu dostigla istoričeskogo maksimuma za 16 let. Die in dem Artikel verwendeten Umfragedaten stammen vom Lewada-Zentrum.
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Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

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Szene aus dem Film Mne dwadzat Let (All rights reserved)