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Spartak Moskau

Als im Oktober 2011 die Website Spartak ohne Trophäe online ging, die die Tage und Jahre der Mannschaft ohne Titel zählt, war die populärste Fußballmannschaft Russlands bereits acht Jahre erfolglos. Die Durststrecke sollte noch lange anhalten, ehe sich Spartak Moskau im Mai 2017 – nach 16 Jahren – souverän die russische Meisterschaft sicherte – drei Spieltage vor Saisonende und mit zehn Punkten Vorsprung. Damit endete eine Phase, die für viele Spartak-Fans schmerzhaft war: Schließlich hatte ihr Team den russischen Fußball in den 1990er Jahren dominiert. Es spielt heute mit vier Sternen auf dem Logo, wobei ein Stern für je fünf gewonnene Meisterschaften seit 1936 steht. Spartak Moskau ist aber mehr als Russlands erfolgreichste Fußballmannschaft. Mit dem Namen Spartak sind zentrale Ereignisse der sowjetischen und russischen Fußballkultur verbunden.

Nach 16 Jahren feiert Spartak im Mai 2017 wieder den Gewinn der Meisterschaft / Foto © Dimitri Korotajew/Kommersant

Die im Jahr 1922 gegründete Mannschaft wird von vielen ihrer Anhänger als „narodnaja komanda“, als „Mannschaft des Volkes“ bezeichnet. Dieses Image Spartaks geht bis in den 1930er Jahre zurück.

Der Mythos der „Mannschaft des Volkes“

Das Team lieferte sich in der 1936 gegründeten sowjetischen Fußballliga packende Duelle mit Dinamo Moskau. Das Geheimpolizei-Team Dinamo gewann 1937 Meisterschaft und Pokal. Spartak dominierte 1938 und 1939. Mindestens 60.000 Zuschauer verfolgten in diesen Jahren das Lokalderby der beiden Teams im brandneuen Dinamo-Stadion. Spartak, ehemals eine kleine Stadtteilmannschaft aus Krasnaja PresnjaKrasnaja Presnja ist eine Straße in Moskau. Sie befindet sich östlich vom Kreml im Stadtteil Presnenski (bis 1991 Krasnopresnenski), der oft auch als Krasnaja Presnja bezeichnet wird. Die Fußballmannschaft Spartak, die in dem industriell geprägten Stadtteil 1922 gegründet wurde, trug bis 1934 ebenso den Namen Krasnaja Presnja., trotzte der großen Dinamo-Sportorganisation. Spartak verzauberte damals viele Moskauer, egal wo sie lebten und arbeiteten.

Spartak-Gründer Nikolaj Starostin und seine drei Brüder waren das Herz dieser Mannschaft. Sie gerieten im Zuge der Erfolge zunehmend unter Druck. Zur Zeit des Großen TerrorsDer Begriff Großer Terror bezeichnet den Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 ca. 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, man geht jedoch davon aus, dass etwa 700.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert. in Moskau sahen sie sich mit Hetzkampagnen in der Presse und mit Polizeigängelung konfrontiert. Nach Verhaftung 1942, Haft und Verbannung kehrte Nikolaj Starostin erst 1954 nach Moskau zurück. Als im TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. eine zaghafte Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Terror einsetzte, erinnerten sich Spartaks Anhänger. Der Mythos der heldenhaften „Mannschaft des Volkes“, die der Geheimpolizei die Stirn bot, war geboren.

Spartak tastete sich schon vor Starostins Rückkehr wieder an die großen Konkurrenten der Armee- und Polizeimannschaften CDKA/CSKA und Dinamo heran. Das Team war 1952 und 1953 Meister geworden und wiederholte diese Erfolge 1956 und 1958. Vor 1961 hatten nur Moskauer Mannschaften die sowjetische Meisterschaft gewonnen. In den 1960er Jahren forderten Mannschaften aus anderen Sowjetrepubliken, insbesondere Dinamo Kiew, die Moskauer Dominanz heraus.

Geburt der Fanbewegung

Spartaks Fangemeinde war Taktgeber der sowjetischen Fankultur. Fernsehübertragungen brachten seit den 1960er Jahren auch Bilder westlicher Fankultur in sowjetische Wohnzimmer. Erste Transparente fanden daraufhin den Weg zu Spielen der obersten sowjetischen Fußballliga. Eine informell organisierte Fankultur entstand indes erst, nachdem 1976 Ungeheuerliches geschehen war: Der große Spartak war abgestiegen. In seiner einzigen Zweitliga-Saison erfuhr Spartak ungeahnte Unterstützung durch jugendliche Fans, die selbstgestrickte Fanschals mitbrachten und Fangesänge organisierten.

Diese Fanbewegung, die Fanatskoje Dwishenije, war zunächst ein normales Phänomen sowjetischer Freizeitkultur der BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.-Jahre. Doch sie provozierte Anhänger anderer Moskauer Mannschaften, die sich ebenfalls zu organisieren begannen. Auswärtsfahrten von Spartak-Fans inspirierten Zuschauer auch in anderen sowjetischen Städten. Fanaty von Dinamo Kiew etwa führen die Entstehung ihrer Fanbewegung um 1980 auf das Vorbild Spartaks zurück.1

Radikalisierung der Fankultur

In den frühen 1980er Jahren radikalisierte sich die Fankultur im Kampf der Fangruppen unter­einander und in ersten Auseinandersetzungen mit der Miliz. Spartaks Anhänger standen erneut im Mittelpunkt. Am 20. Oktober 1982 kam es im Moskauer Leninstadium in Lushniki zur Katastrophe: Spartak traf an diesem Abend im UEFA-Pokal auf den niederländischen HFC Haarlem. Bereits während des Spiels kam es auf den Tribünen zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Miliz. Nach dem Spiel gab es im Treppenhaus ein Gedränge, in dessen Folge mindestens 67 zumeist jugendliche Fans von Spartak Moskau starben.

Fankreise machten die Miliz verantwortlich, die nur einen von drei möglichen Ausgängen geöffnet habe. Sowjetische Behörden unterdrückten in den folgenden Jahren das Gedenken an die Opfer. Erst 1989, die PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. war weit fortgeschritten, erschien der erste größere Artikel zur Stadionkatastrophe.2 Spartak gegen Dinamo, freies Volk gegen sowjetische Sicherheitskräfte: Die Tragödie fügte sich nahtlos ein in den Mythos Spartaks.

Spartaks zwei Gesichter

Spartak und seine Fans haben zwei Gesichter: Offenheit und Toleranz, aber auch Ausgrenzung und Rassismus. Das Team war stets offen für Spieler anderer Nationalität. Selbst im xenophoben Klima des Spätstalinismus spielten bei Spartak Spieler anderer (sowjetischer) Nationalität, wie der Este Igor Netto oder der Armenier Nikita Simonjan. Spartak repräsentierte für die einen das Zentrum der ungeliebten Sowjetunion – Moskau. Für die anderen aber stand es für Toleranz, Vielfalt und Freiheit.

Seit den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. entstanden auch Verbindungen einzelner Fangruppierungen ins rechtsradikale Lager. Als etwa Spartak-Fan Jegor Swiridow am 6. Dezember 2010 „bei einer Schlägerei mit Kaukasiern“, wie es in den Medien hieß,3 ums Leben kam, versammelten sich fünf Tage später zunächst mehr als 10.000 Menschen, unter ihnen viele Fans von Spartak, an der Metrostation Wodny Stadion in Moskau, um seiner friedlich zu gedenken. Am frühen Nachmittag kam es zu Ausschreitungen auf dem ManegenplatzDer Manegenplatz liegt im Stadtzentrum Moskaus: Im Osten steht der Kreml, im Norden das ehemalige Hotel Moskwa und im Süden die namensgebende Manege. Der Platz ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte, ein Schauplatz wichtiger politischer Auseinandersetzungen und ein Gedächtnisort in der Erinnerungskultur Russlands. Die Verkleinerungsform Maneshka steht heute aber vor allem für die nationalistischen Ausschreitungen, die sich in den Jahren 2002 und 2010 auf dem Platz abspielten. in unmittelbarer Kremlnähe. Die Krawalle verlagerten sich alsbald in die Metro und in andere Stadtteile.

Attacken auf GastarbejterySpätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der Gastarbajtery jedoch erschwert. folgten. Versuche der einflussreichen informellen Spartak-Fanbewegung Fratria, diese Ausschreitungen im Vorfeld zu unterbinden, waren gescheitert.

Sportliche Gegenwart

So bewegt die Geschichte seiner Fankultur ist, so unbeständig ist auch die sportliche Gegenwart Spartaks. Noch in den 1990er Jahren dominierte der Verein, da der Hauptwettbewerber Dinamo Kiew nachdem  Ende der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. in der ukrainischen Liga spielte. Zwischen 1991 und 2001 gewann Spartak neun Mal in der Russischen Premier-Liga und holte dreimal den Pokal nach Moskau. Im Übergang von Sozialismus zu Kapitalismus war das Team an den Trainer und ehemaligen Spieler Oleg Romanzew gefallen, der ab 1993 auch als Manager Spartaks fungierte.

In den 2000er Jahren vergrößerte sich die Konkurrenz in der russischen Premier-Liga merklich. Neue Sponsoren traten hinzu. Gazproms Mittel für den FC Zenit aus Sankt Petersburg halfen etwa, eine europäische Spitzenmannschaft aufzubauen. 2004 änderten sich auch die Eigentumsverhältnisse bei Spartak. Der Vizepräsident von LukoilLukoil ist der einzige private Ölkonzern Russlands und weltweit der drittgrößte private Erdölproduzent. Im Gegensatz zu dem privaten Ölunternehmen Yukos, das 2004 zerschlagen wurde, hat das Management gute Beziehungen zu den Staatsorganen. Gleichwohl hat es weite Teile seiner Ölproduktion und -verarbeitung ins Ausland verlagert – nicht zuletzt, um Steuern zu sparen., Leonid Fedun, erstand die Mehrheit der Aktien Spartaks. Dies stabilisierte den Klub, der in der Folge fünfmal Vizemeister wurde, gleichwohl an frühere Erfolge nicht anknüpfen konnte.

Auch während der erfolgreichsten Jahren in Russland waren die Ergebnisse bei internationalen Europa-Spielen eher bescheiden. Der Höhepunkt war bereits 1990/91 erreicht, als Spartak gegen Real Madrid im Viertelfinale der Champions League (0:0/1:3) gewann. Im Halbfinale verlor die Moskauer Mannschaft beide Spiele gegen Olympique Marseille (1:3/1:2). 1998 erreichte Spartak nochmals das Halbfinale des UEFA-Pokals, verlor aber wiederum beide folgenden Spiele, diesmal gegen Inter Mailand (1:2/1:2).

Die Meisterschaft 2017 ist der erste große Titel Spartaks seit dem Pokalsieg 2002. Es ist auch der erste Titel, den Spartak in der Otkrytye Arena feiert – dem 2014 eröffneten ersten eigenen Stadion der Klubgeschichte.

In den 1970er Jahren gab es einen Spruch, wonach sich im Lande noch keine Mannschaft gefunden habe, die besser wäre als Spartak. Das stimmt nun wieder – zumindest für ein Jahr.


1.Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Dissertationsprojekts zu Zuschauersport und Fankultur in der Sowjetunion führte ich 2007 und 2008 rund 30 Interviews mit Fußballfans in Moskau und Kiew durch. Der Untersuchungszeitraum umfasste die 1950er bis 1980er Jahre, sodass ich auch Interviews mit frühen Mitgliedern der Fanbewegungen in Moskau und Kiew durchführte. Die Vorstellung von Spartak als Vorbild begegnete mir in zwei Interviews in Kiew.
2.Mikulik S./Toporov S. (1989): Černaja tajna Lužnikov, in Sovetskij Sport, 08.07.1989, S. 1
3.vgl.: Kommersant: Narodnomu gnevu našli organizatorov: „Tausende Fußballfans und mitfühlende Bürger fanden sich zu Spontanaktionen zusammen, um dem Spartak-Fan Jegor Swiridow zu gedenken, der in der Nacht auf den 6. Dezember [2010] Opfer eines Angriffs von Kaukasiern aus Dagestan und Kabardino-Balkarien wurde.“ In der Folge wurde von den Medien allerdings versucht, den nationalen Gegensatz zu entschärfen. Vergleiche die Dokumentation auf dem Perwyj Kanal.
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Szene aus dem Film Malenkaja Vera (All rights reserved)