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„Der Westen hat Russland abgewiesen“

Wer ihn einordnen will, der greift daneben: Regisseur Andrej KontschalowskiKaum ein anderer russischer Filmemacher ist so schwierig zu entschlüsseln wie Andrej Kontschalowski. Diskussionsstoff liefert er selbst – mit seinen Filmen und Theaterstücken, mit seinen Aussagen, mit seiner gesellschaftlichen Position, die eine eindeutige Kategorisierung schwierig bis unmöglich macht. . Wie eine Art Zwitterwesen aus Konservativem und Liberalem changiert der ältere Bruder des berühmten Schauspielers und Regisseurs Nikita MichalkowNikita Michalkow (geb. 1945) ist der jüngere Bruder von Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Michalkow ist ein bekannter Schauspieler und Regisseur; für seinen Film Die Sonne, die uns täuscht gewann er 1995 den Oscar. Michalkow gilt als lautstarker Unterstützer des Präsidenten Putins: So startete er 2007 mit einigen anderen Kulturschaffenden einen flammenden Aufruf an Putin, eine dritte Amtszeit als Präsident anzutreten. Die Verfassung Russlands erlaubt demgegenüber nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten. zwischen den politischen Lagern. Seine Ideen über Russland sind noch gespeist von den Positionen russischer Philosophen wie BerdjajewNikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken.. Als Opfer der TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.-Zensur geht ihm die Freiheit jedoch über alles, 2012 unterschrieb er etwa einen Brief zur Unterstützung von Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager..

Sein neuester Film Rai (dt. Paradies)Rai (dt. Paradies) ist ein Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Der 2016 erschienene Film verwebt die Schicksale dreier Protagonisten im Zweiten Weltkrieg: das des SS-Offiziers Helmut, des französischen Kollaborateurs Jules und das von Olga, die zur Résistance gehört. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2016 gewann der Film den Silbernen Löwen. Er war der russische Vorschlag für die Oscarverleihung 2016, wurde jedoch nicht nominiert.  kommt diesen Donnerstag in die deutschen Kinos, 2016 gewann Kontschalowski in Venedig den Silbernen Löwen dafür. Es geht darin um drei unterschiedliche Protagonisten – einen SS-Offizier, einen französischen Kollaborateur und eine emigrierte russische Aristokratin. Ihre Wege kreuzen sich während des Zweiten Weltkriegs.

Katerina Gordejewa traf den Regisseur für Meduza, um mit ihm über den Film zu sprechen. Es ging dann aber vor allem um den besonderen Weg Russlands, die Beziehung zum Westen, bäuerliches Bewusstsein und die Notwendigkeit von Zensur. Immer wieder ist das Gespräch auch eine kleine Lehrstunde in Mansplaining.

Quelle Meduza

Schwierig einzuordnen – Regisseur Andrej Kontschalowski /  Foto © Pjotr Bystrow/Kommersant

Meduza: Ihr Film Paradies hat mich extrem beeindruckt. Ich verstehe, dass man Sie in Venedig mit stehenden Ovationen gefeiert hat.

Andrej Kontschalowski: Danke.

Auch das russische Kulturministerium war an Paradies beteiligt. Das scheint mir ja mal eine richtig gute Investition. Noch nie sind Gelder, die für Propaganda bewilligt wurden, derart intelligent eingesetzt worden: Ein glänzend gemachter Film erzählt der Welt – ganz europäisch – von der Wichtigkeit und Größe der russischen Idee. Hat Ihnen das von vorneherein so vorgeschwebt?

Das Kulturministerium wird sich durch Ihre Meinung geschmeichelt fühlen, nehme ich an. Mir fällt es schwer, in solchen Kategorien zu denken und über irgendwelche Interessen zu sprechen. Jedenfalls kann man in dem Moment, in dem man an einen Stoff herangeht, schwer die Aussagen im Kopf haben, die sich im Laufe des Schaffensprozesses möglicherweise entwickeln. 

Sie fragen einen Komponisten ja auch nicht, welche Idee er der Welt offenbaren, wovon er die Menschheit überzeugen wollte, denn Musik ist eben Musik.

Was Komponisten nie daran gehindert hat, sich auf kreative Weise zu diversen aktuellen, auch politischen Fragen zu äußern. Aber sprechen wir über Paradies. Ihr Film berührt gleich mehrere Themen, die für die verschiedenen Länder und Kulturen äußerst schmerzhaft sind: den Holocaust, die französische Résistance, die Idee der Auserwähltheit der Russen als Retter und Befreier der gesamten Menschheit. 

All das, was sie nennen, ist schließlich das Ergebnis. Das Thema von Paradies ist die Universalität des Bösen und sein Reiz. 

Paradies ist für mich eine sehr wichtige Erfahrung, die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz von Verbrechen – das ist ein etwas anderes Thema als der Holocaust. Das Böse tritt nicht zwangsläufig in Monstergestalt auf den Plan. Es kann ein kluger, gebildeter, begabter Mensch sein ….

… der Tschechow Anton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken. liebt …

Ja, der Tschechow liebt, ein aristokratischer, schöner Mensch, eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Für mich ist es sehr wichtig, dass er diesen trüben Fluss des Bösen betritt und die Strömung ihn fortträgt.

Welche Reaktion in Frankreich erwarten Sie vor dem Hintergrund, dass zum Beispiel Alexander SokurowsAlexander Sokurow (geb. 1951) ist ein russischer Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Sein Film Faust gewann bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2011 den Goldenen Löwen. Im Jahr 2008 warnte Sokurow vor einem Krieg Russlands gegen die Ukraine. 2016 kandidierte er als Parteiloser über die Liste der liberalen Partei Jabloko für die Dumawahl. FrancofoniaFrancofonia ist ein 2015 erschienener Film des russischen Regisseurs Alexander Sokurow (geb. 1951). Das Drama besteht aus dokumentar- und spielfilmerischen Elementen. Es beschreibt die Ereignisse um die deutsche Besatzung Frankreichs im Jahr 1940 und behandelt die Frage nach der Schutzlosigkeit der Kunst zu Kriegszeiten., ein Film, der ebenfalls das Thema Résistance und Kollaboration aufwirft, in Frankreich Probleme mit dem Verleih hatte: Das Außenministerium intervenierte gegen die Vorführung in Cannes, das französische Kulturministerium und sogar der Louvre haben sich quasi von dem Film distanziert. Wie es aussieht, sind die Franzosen nicht gerade erpicht darauf, dass Außenstehende sich dieser Themen annehmen. 

Ich habe Sokurows Film leider noch nicht gesehen, aber ich bedaure sehr, wie die Jury in Venedig mit ihm umgegangen ist [Francofonia lief 2015 im Wettbewerb, erhielt aber keine der wichtigen Auszeichnungen - Anm. Meduza]. Das war sehr ungerecht. 

„Das Thema von Paradies ist die Universalität des Bösen und sein Reiz“ / Filmstills © ALPENREPUBLIK

Den Franzosen ist es außerordentlich unangenehm, ihre eigene Vergangenheit wieder ans Licht zu zerren. Und es war eine vollkommen richtige Entscheidung von de Gaulle damals, alle Akten von Kollaborateuren für 60 Jahre zu sperren. Erst heute, wo die Leute alle schon gestorben sind, werden die Archive geöffnet. 

Wissen Sie, warum de Gaulle diese Entscheidung getroffen hat? Weil er verstanden hatte, dass man die Gesellschaft nicht spalten darf. Halb Frankreich hatte ja mit den Deutschen kollaboriert, also wenn wir ganz ehrlich sind, sogar der überwiegende Teil der Franzosen. 

Finden Sie das wirklich richtig? Auf unser Land übertragen würde das ja heißen: Das Unglück liegt nicht darin, dass es 1991, als die KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. zerschlagen und die UdSSR aufgelöst wurdeDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik., keine LustrationIm liberalen Diskurs über die Fehler der 1990er Jahre taucht der Begriff Lustration häufig als selbstverständlich auf. Er beschreibt vor allem den Austausch von staatlichen Eliten nach einem Machtwechsel: Die politisch vorbelasteten Personen an den Schlüsselstellen des Staates werden dabei entlassen und durch unverfängliche Gesichter ersetzt.    gab. Sondern darin, dass man überhaupt angefangen hat diejenigen zu benennen, die Menschen hinter Gitter gebracht, denunziert und erschossen haben?

Jede Geschichte hat ihre Ambivalenzen und es geht um weitaus tieferliegende Zusammenhänge von Ursache und Wirkung als um die bloße Auflistung der Verbrechen irgendwelcher Bastarde. Davon handelt im Grunde auch mein Film. 

Was die Auflösung der Kommunistischen Partei betrifft, kann man das kaum als glückliche politische Entscheidung bezeichnen. Man darf nicht vergessen, dass die kommunistischen Ideen das Hoffen und Streben einer großen Zahl von Menschen verkörperten. Diese Menschen glaubten inbrünstig und aufrichtig an diese Ideen. Das waren ganz normale, ehrliche Leute. Sicher waren sie auch mit manchem unzufrieden, aber die 1960er Jahre – sprich die Zeit nach der Entstalinisierung – war für sie keine gute Zeit. Sie konnten nichts gegen die in der ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew.-Ära entstandene, nennen wir es, Gedankenwelt tun, aber sie träumten keineswegs davon, dass man ihr Leben und ihre Ideale in den Dreck zog.

Eine andere Zeit war angebrochen: All die Ideen, an die sie geglaubt hatten, waren in Verruf geraten, und Stalin wurden alle Sünden angehängt, die eigentlich diejenigen zu verantworten hatten, die die Entstalinisierung eingeleitet hatten. 

Na und dann, wie ging es weiter? Sind alle Russen gute Menschen geworden? Haben sie aufgehört, in den Hauseingang zu pissen? Und ihren Müll aus dem Fenster zu werfen? Dass ich nicht lache.

Die Mentalität des Volkes verändert sich nicht dadurch, dass plötzlich beschlossen wird, mit der Vergangenheit abzuschließen

Die Mentalität des Volkes verändert sich nicht dadurch, dass plötzlich beschlossen wird, mit der Vergangenheit abzuschließen. Zumal es unmöglich ist, damit abzuschließen. Nehmen Sie zum Beispiel China: der Mao-Kult ist bis heute ungebrochen, und mit dem Land geht es voran.

Also ich würde ungern China als Beispiel nehmen und ungern so leben wie in China. Sie vielleicht?

Ich schlage Ihnen ja nicht vor, in China zu leben, sondern die politischen Probleme zu lösen wie die Chinesen. Ein politisches Problem in einem archaischen Land zu lösen ist eine völlig andere Sache als in Jugoslawien oder sonst irgendwo in Osteuropa. 

Leben wir denn in einem archaischen Land?

Meiner Ansicht nach lebt ein gewaltiger Teil unseres Landes in einem archaischen Wertesystem. Bei uns ist das Heidentum mit dem Kommunismus verwoben und der Kommunismus mit der OrthodoxieDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.. Und jede Regierung in Russland, auch die jetzige, ist die Regierung eines sozial ausgerichteten Staates. 

Inwiefern? 

Insofern, als dass die Regierung sich verpflichtet fühlt, Menschen zu versorgen, die kein Interesse daran haben, viel zu arbeiten und zu verdienen und sich mit wenig begnügen. Man kann Menschen schwerlich gegen ihren Willen dazu bringen, „Business“ zu treiben. Es geht nicht darum, dass jemand sie nicht lässt, sondern darum, dass dem russischen Menschen daran nichts liegt. 

Weder am Business noch an der sagenumwobenen Freiheit ist der Mehrheit der Russen etwas gelegen

Weder am Business noch an der sagenumwobenen Freiheit ist der Mehrheit etwas gelegen. Würde ihnen etwas daran liegen, würden sie sie sich ohne Weiteres nehmen. Freiheit wird einem schließlich nicht gegeben, man nimmt sie sich! Aber den Menschen liegt nichts daran. Ihnen ist hoffentlich klar, dass wir von der russischen Nation sprechen und nicht von den Bürgern, die innerhalb des Moskauer GartenringsDer Gartenring ist eine rund 17 Kilometer lange Ringstraße im Moskauer Stadtzentrum. Innerhalb des Rings befinden sich die wichtigsten politischen und kulturellen Institutionen des Landes. Außerhalb des Rings bedeutet in diesem Zusammenhang also außerhalb des Geschehens: Hier befinden sich sogenannte Schlafbezirke, das kulturelle Leben der Hauptstadt spielt sich demgegenüber vornehmlich innerhalb des Gartenrings ab. Ähnlich gelagert ist die oft scherzhaft gestellte Frage, ob ein Leben jenseits des MKAD existiere – des rund 100 Kilometer langen Autobahnrings um Moskau.  leben.

Das erinnert daran, wie sich die Rhetorik Wladimir Putins gewandelt hat: Zu Beginn seiner Präsidentschaft hob er ja gerne auf die europäischen Werte und auf Russland als Teil Europas ab, später war davon dann immer weniger und heute ist davon überhaupt nicht mehr die Rede.

Mir scheint, Sie haben eine falsche Wahrnehmung von dem, was passiert ist. Russland hatte sich tatsächlich darum bemüht, zum europäischen Gebiet dazuzugehören. 

Der Westen hat Russland abgewiesen, weil ihnen an uns als starkem Land nichts liegt, ihnen liegt an uns nur, solange wir vollkommen am Boden sind wie zu Zeiten der Perestroika

Das war Putins Plan, der von seinen Überzeugungen her selbstverständlich der größte Europäer im ganzen Land ist. Doch der Westen hat Russland abgewiesen, hat Putin abgewiesen, weil ihnen an uns als starkem Land nichts liegt, ihnen liegt an uns nur, solange wir vollkommen am Boden sind wie zu Zeiten der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.: ein großartiges Land mit einer Menge Scheiße ringsherum und einer bettelarmen Armee. Putin hat das verstanden. Und es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Armee aufzubauen und Verbündete im Osten zu suchen.

Behagt Ihnen diese Kehrtwende?

Ich war früher ein Befürworter der Westorientierung Russlands und glaubte damals auch, Russland hätte nur einen Weg – nämlich den nach Westen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es diesen Weg für uns nicht gibt. Und Gott sei Dank sind wir auf dem Weg in diese Richtung stark zurückgefallen.

Europa steht am Rande der Katastrophe – so viel scheint klar. Man darf die Menschenrechte eben nicht über alles stellen

Denn Europa steht am Rande der Katastrophe – so viel scheint klar. Die Ursachen dieser Katastrophe liegen darin, dass man die Menschenrechte eben nicht über alles stellen darf. Die Rechte eines Menschen sind immer im Zusammenspiel mit seinen Pflichten zu sehen. [In Europa] hat man sich von den traditionellen europäischen, also den christlichen, Werten verabschiedet.

Für Sie ist Wladimir Putin also wirklich ein Europäer?

Für Sie nicht? Das liegt wahrscheinlich daran, dass Sie nicht den gesamten Verlauf seiner Präsidentschaft im Blick haben. Er ist Europäer, ja, und zwar sowohl vom Kopf her als auch durch seine persönliche Erfahrung, er hat ja in Europa gelebt.

„Das Böse tritt nicht zwangsläufig in Monstergestalt auf den Plan. Es kann ein kluger, gebildeter, begabter Mensch sein …“

Ich glaube, als er die Führung des Landes übernahm, hatte er bestimmte Ideen, die sich unter dem Druck der inneren und äußeren Umstände später stark verändert haben. Er kam in ein vollkommen zerstörtes Land und stand vor der Aufgabe, eine gigantische archaische Masse von Menschen zu regieren, die dem Staat gegenüber extrem ablehnend eingestellt waren. Seine Bemühungen waren zuallererst darauf gerichtet, den Zerfall abzuwenden. Im Grunde finde ich es unvorstellbar, wie er das geschafft hat.

Putin als WestlerDer Begriff Sapadnik (dt. „Westler) kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnete Anhänger einer politischen Strömung, die sich für eine enge Anbindung Russlands an Westeuropa einsetzten. Die Sapadniki vertraten, im Gegensatz zu den sogenannten Slawophilen, die Auffassung, das Russische Reich solle sich bei seinen sozialen, industriellen und politischen Reformen an Westeuropa orientieren. , als Mensch, der hervorragend deutsch spricht und mit der Weltkultur vertraut ist, hatte natürlich die Illusion, dass Russland nach Europa zurückkehren müsse. Doch in Europa sagten sie zu ihm: „Wer seid ihr überhaupt? Auf euch haben wir hier nicht gewartet.“ 

In Europa sagten sie zu Putin: ,Wer seid ihr überhaupt? Auf euch haben wir hier nicht gewartet.‘

Putins Münchner RedeIn seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2007 betonte Putin Russlands Anspruch auf internationale Geltung. Er warf den USA vor, eine moralisch nicht gerechtfertigte, unipolare Weltordnung durchzusetzen. Zudem kritisierte er Versuche, Russland von außen demokratisieren zu wollen. Einige Beobachter betrachten die Rede als Wende in der russischen Außenpolitik.In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2007 betonte Putin Russlands Anspruch auf internationale Geltung. Er warf den USA vor, eine moralisch nicht gerechtfertigte, unipolare Weltordnung durchzusetzen. Zudem kritisierte er Versuche, Russland von außen demokratisieren zu wollen. Einige Beobachter betrachten die Rede als Wende in der russischen Außenpolitik. war das Resultat einer kolossalen Enttäuschung hinsichtlich seiner Europa-Ideen, verbunden mit der Einsicht, dass ein Leben in dem Teil der Welt bevorsteht, der von einer Zivilgesellschaft noch weit entfernt ist. 

Das sind alles äußerst schwierige Probleme, die für uns beide, die wir hier innerhalb des Moskauer Gartenrings sitzen, nicht erkennbar sind, aber das Land zu führen ist ohne diese Einsicht nicht möglich.

Meine Schlussfolgerung wird Ihnen nicht gefallen: Wir sind nicht Westeuropa und wir werden es nie sein, und es hat auch keinen Sinn, sich darum zu bemühen.

Wann ist Ihnen das klar geworden? Wie hat sich diese Veränderung vollzogen: Bis zu einem bestimmten Moment waren Sie Kontschalowski, der zum Beispiel mir immer durchaus wesensverwandt schien, und dann …

… wann ich zu Michalkow geworden bin, meinen Sie?

Ja. Danke, dass Sie das jetzt selbst ausgesprochen haben.

Strengen Sie mal Ihr hübsches kleines Köpfchen an und denken Sie so an die 20 Jahre nach – da werden Sie sich auch verändern. Denkende Menschen ändern öfter mal ihren Standpunkt. Nur Idioten verändern sich nicht. Was mich stark beeinflusst hat, war mein Leben an dem See KenoseroKenosero ist ein Süßwassersee rund 500 Kilometer nordöstlich von St. Petersburg. Der See liegt in der Oblast Archangelsk, die mit rund zwei Einwohnern pro Quadratkilometer in etwa mit der Mongolei vergleichbar ist – dem Land mit der kleinsten Bevölkerungsdichte der Welt., wo ich den PostbotenWeiße Nächte des Postboten Trjapizyn ist ein 2014 erschienenes Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2014 gewann der Film den Silbernen Löwen. Es ist der Abschlussfilm seiner Trilogie über die tiefste Provinz Russlands. Der Filmemacher beschreibt in den Weißen Nächten den Alltag der Bewohner einer abgelegenen Region und ihre völlige Politik- und Staatsferne. Der einzige Berührungspunkt zum Staat liege im staatlichen Postunternehmen, vertreten durch den Postboten Trjapizin. gedreht habe. Das Leben mit Menschen, die mit allem, was sie tun, im Einklang sind, die weder Wladimir Putin noch Wladimir PosnerWladimir Posner (geb. 1934) ist einer der erfahrensten Fernsehmoderatoren in Russland. In Frankreich geboren und in den USA aufgewachsen, war er in den 1980er Jahren der Organisator und Moderator der U.S.-Soviet Space Bridge, einer Art Videokonferenz zwischen den USA und der UdSSR. Zurück in Russland wurde er in den 1990er und 2000er Jahren zu einem der berühmtesten Interviewer. Seine Sendung, die seit 2008 im Ersten Kanal gezeigt wird, ist eine der wenigen Sendungen im Staatsfernsehen, in der kritische Fragen unter anderem an hohe Beamte gestellt werden dürfen. etwas angeht. Sie leben in der reinsten Archaik, in der geradezu bewundernswerten Welt ihrer shakespearehaften Harmonie. Oder gar der einer antiken Tragödie.

Wie äußert sich das?

Diese Menschen dort streben nach nichts. Die lassen sich weder in den Kapitalismus noch ins private Unternehmertum treiben. Natürlich gibt es dort absolut großartige Menschen, aber ein Bürgertum, das dynamisch ist und Verantwortung für das Land empfindet, ist das nicht. Ein Bürgertum hat es nie gegeben und gibt es bis heute nicht. Auch das ist eins der Probleme der russischen Geschichte – das sollte man nicht einfach so übergehen.

Sie waren also früher Liberaler„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde. und dann haben Sie sich unters Volk begebenDer Ausspruch „Gang ins Volk“ entstammt einer heterogenen Bewegung namens Narodniki (dt. Volkstümler bzw. Volksfreunde), die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand. Viele Narodniki beriefen sich auf Rousseaus Diktum vom „edlen Wilden“ und „zurück zur Natur“. Einige traten dafür ein, das intellektuelle Stadtleben mit dem einfachen agrarischen Leben zu vereinen. Ein Teil der Bewegung verstand sich als sozialrevolutionär und propagierte eine sozialistische Bauernrevolution.  und sind als vollkommen neuer Mensch zurückgekehrt. Kann man das so sagen?

Jetzt tun Sie doch nicht so naiv. Warum müssen Sie denn derart vereinfachen? Ich habe drei Filme in einem russischen Dorf gedreht, ich lebe in diesem Land, und ich kenne mein Volk – besser als Sie, das liegt auf der Hand, schon allein deshalb, weil ich 40 Jahre älter bin als Sie. 

Jetzt tun Sie doch nicht so naiv. Ich habe drei Filme in einem russischen Dorf gedreht, ich lebe in diesem Land, und ich kenne mein Volk – besser als Sie, das liegt auf der Hand

Und ich bin nach und nach zu der Überzeugung gelangt: Wenn man das Land verändern will, muss man die Mentalität verändern. Und um die Mentalität zu verändern, muss man das kulturelle Genom verändern. Und um das kulturelle Genom zu verändern, muss man es zuerst in seine Bestandteile zerlegen, gemeinsam mit den großen russischen Philosophen – also den Zusammenhang von Ursache und Wirkung begreifen, der in unserem Land bis heute noch nicht erforscht ist. Und erst dann kann man entscheiden, wohin es gehen soll.

Wenn man das Land verändern will, muss man die Mentalität verändern

Es ist naiv zu glauben, wenn alle lesen und schreiben können, verändert das den Menschen. Zum Beispiel gilt „Business“ in der russischen Vorstellung als DiebstahlFür die Bezeichnung von Korruption gibt es im Russischen verschiedene Begriffe. Viele kommen aus Jargon und Umgangssprache, wie etwa wsjatka, sanos, otkat, administrative Ressource und viele andere. Dass es so vielfältige Bezeichnungen für korrupte Verhaltensweisen gibt, ist eng mit den sozialen Praktiken und ideellen Einstellungen in der Sowjetepoche und den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zerfall der UdSSR verbunden.. Vom Moskauer Gartenring aus ist das keineswegs augenfällig, aber so ist es. Und das ist nicht alles. Dort draußen, hinter dem Ring, hinter Moskau, da gibt es vollkommen andere Werte und Menschen: Die wollen, dass der Staat sie in Ruhe lässt. Und das heißt, sie sind keine Staatsbürger, sondern Bevölkerung. Millionen Russen sind schlicht Bevölkerung. Von welchen Bürgerinitiativen reden wir da?

Sie sprechen von einem kulturellen Code, der die Russische Nation prägt. Was genau meinen Sie?

Bei uns herrscht ein bäuerliches Bewusstsein. Der russische Mensch hat vorbürgerliche Werte: „Das Hemd ist mir näher als der Rock“, „Rühr mich nicht an, dann rühr ich dich nicht an“ „'Ach, wählen gehen – wozu soll das gut sein.’ ‘Hingehen muss man, sonst kommen sie und scheuchen einen oder bestrafen einen sogar.'“

„Paradies ist für mich eine sehr wichtige Erfahrung, die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz von Verbrechen“

Das bäuerliche Bewusstsein ist die Abwesenheit des Wunsches, an der Gesellschaft teilzunehmen. Alles, was außerhalb der Interessen der eigenen Familie liegt, löst im besten Falle Gleichgültigkeit, im schlimmsten Falle feindselige Reaktionen aus. 

Die Entstehung des Bürgertums in Europa hat das republikanische Bewusstsein hervorgebracht. Die Republik ist ja die Gesellschaft der Bürger. In Russland gab es ein republikanisches Bewusstsein in ganzen zwei Städten, und zwar in PskowDie Republik Pskow existierte als ein autonomer russischer Staat zwischen dem Ende des 13. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Sie entwickelte sich nach dem Zerfall der Kiewer Rus und etablierte im Folgenden ein System der Wetsche – ein historischer Vorläufer der direkten Demokratie, der jedoch nur bedingt mit dem modernen Verständnis von Demokratie verglichen werden kann. Mit der Wiedereinführung der Monarchie wurde die Pskower Wetsche aufgelöst. und in NowgorodWeliki Nowgorod (dt. Großes Nowgorod) ist eine Stadt südöstlich von Sankt Petersburg. Im Jahr 859 zum ersten mal erwähnt, gehört sie zu den ältesten Städten Russlands. Aufgrund der strategisch vorteilhaften Lage an den zwei wichtigsten Handelswegen (von der Ostsee nach Byzanz und zum Kaspischen Meer), wurde die Stadt im 14. Jahrhundert zu einer der größten Handelsstädte Europas und war Hauptstadt der Republik Nowgorod. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war Nowgorod unabhängig von Moskau und zeichnete sich durch seine feudal-demokratischen Institutionen wie dem sogenannten Wetsche (dt. Volksversammlung) aus. Aufgrund dieser Versammlungen gilt Weliki Nowgorod als Beispiel einer frühdemokratischen Stadtrepublik.. Und darüber hinaus niemals und nirgends. Im Übrigen wurde auch diese Wiege [des Republikanischen – dek] plattgemacht. 

Das Plattmachen gehört ja nun zu den Traditionen, die in unserem Land von jeher akkurat befolgt werden. Kaum dass irgendetwas Neues, Frisches sein Haupt erhebt, fängt es sich schon eine klatschende Ohrfeige ein: Bleib bloß weg hier, wag ja keine Experimente, untersteh dich, irgendwelche Gefühle zu beleidigenGemeint ist die sogenannte „Verletzung religiöser Gefühle“, die strafrechtlich unter „Störung der öffentlichen Ordnung“ fällt. Zuvor als Bagatelldelikt behandelt, ist die Verletzung religiöser Gefühle seit 2013 in Russland eine Straftat. Für „öffentliche Handlungen [...] mit dem Ziel der Verletzung religiöser Gefühle von Gläubigen“ kann eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren verhängt werden. . Wir leben in einer Zeit der Renaissance von Denunziation und des Triumphs der Zensur.  

Ganz ehrlich: Was Sie hier vortragen, ist nicht mit anzuhören. Ihren Fragen entnehme ich, dass Sie keine Ahnung haben, was wirkliche Zensur und echtes Denunziantentum bedeuten. Ich persönlich bedaure, dass es keine Zensur gibt. Die Zensur hat die Menschen noch nie daran gehindert, große Kunst zu erschaffen. Cervantes hat zur Zeit der Inquisition Meisterwerke geschaffen, Tschechow schrieb all das, was er der Zensur wegen nicht in einem Theaterstück unterbringen konnte, in Prosa.

Ganz ehrlich: Was Sie hier vortragen, ist nicht mit anzuhören

Denken Sie vielleicht, Freiheit bringt Meisterwerke hervor? Niemals. Große Kunst wird durch Beschränkungen hervorgebracht. Schöpferisch bringt die Freiheit dem Künstler gar nichts. Zeigen Sie mir mal diese Scharen von Genies, auf die die Zensur Druck ausübt? Die gibt es nämlich nicht.

Leider ist es mit der Kultur im umfassenden Sinne des Wortes bei uns vorbei, es gibt keine Regisseure mehr. Denn bei Lichte besehen – was ist Regie? Regie bedeutet Reichtum an künstlerischen Assoziationen, das ist die unermessliche kulturelle Basis, ohne die ist alles nichts, alles andere sind Späßchen und Pointen. Die findet man bei unseren heutigen jungen Regisseuren jede Menge, aber künstlerische Assoziationen – Fehlanzeige. Darin liegt das Unglück und nicht in irgendeiner angeblichen Zensur. Da werden einfach Begriffe vertauscht.

„Ich versuche eine neue Kinosprache für mich zu erkunden“

Genauso wie man heute gerne behauptet, es werde die Geschichte umgeschrieben, Ereignisse würden unterschlagen … In den letzten 20 Jahren ist so viel sogenannte Wahrheit geschrieben worden, die sich dann später als Nicht-Wahrheit erwiesen hat. Und wissen Sie warum? Weil Geschichte immer subjektiv ist. Die Wahrheit in der Geschichte kann überhaupt nicht triumphieren, weil Geschichte immer im Sinne desjenigen interpretiert wird, der sie interpretiert. Objektive Geschichte – das ist eine gewaltige Illusion. Wieder einmal eine. Nun ja, das Leben besteht aus Illusionen.

Es hat wohl niemand irgendwelche Zweifel daran, dass Hitler ein blutiger Verbrecher war. An den Verbrechen des Nationalsozialismus zweifelt keiner. Wenn wir es rein rechnerisch betrachten wollen: Stalin hat eine vergleichbare Anzahl von Menschen getötet, sogar seine eigenen Leute. Aber heute ist diese Tatsache bei uns offenbar wieder strittig.

Nehmen Sie einen chinesischen Kaiser aus dem 13. Jahrhundert, zu dem die Chinesen ins Mausoleum strömen – der hat innerhalb von zwei Wochen vierhunderttausend Menschen umgebracht. Ich frage also: „Aber der hat doch viele Leute getötet?“ Und kriege zur Antwort: „Stimmt, hat er, aber er ist doch ein Teil unserer Geschichte. Und wir besuchen hier sein Grab.“

Na sicher, wenn ein Tyrann die Menschen umbringt, das ist eine eindeutige – und blutige – Katastrophe. Und natürlich war Hitler ein Wahnsinniger, aber vergessen Sie nicht, dass der Großteil der Deutschen ihn gewählt hat.

Ich würde gerne noch einmal auf Ihren Film zurückkommen. Am Schluss von Paradies heißt es „Wir sind Russen, mit uns ist Gott“, fast wörtlich wird das so gesagt, ohne dass es mit irgendwelchen Reflexionen verbunden wäre. Quasi: So ist es halt – alles wissenschaftlich erwiesen. 

Glauben Sie wirklich, das könnte unsere Nationalidee sein und damit könnten wir im Westen für uns Werbung machen?

Derart frontal wird das im Film nicht gesagt. Die Protagonistin spricht allgemein davon, was menschliche Selbstaufopferung bedeutet - das ist ja ihr Lebensthema. Die ganze Erfahrung dieses Films ist für mich neu. Ich muss dazu sagen, dass mit meinem letzten Film, dem Postboten Trjapizyn, mein neues Regie-Leben angefangen hat. Paradies ist jetzt der zweite Film in diesem Leben, bei dem ich meine Rolle als Filmschaffender oder Künstler anders verstehe.

Was heißt das?

Ich versuche, die Gesetze des Films zu verstehen, die nicht offenliegen. Es ist nämlich eine Illusion, dass wir wissen, wie man Kino macht. Bei den Surrealisten hat es Versuche gegeben, das herauszukriegen, Buñuel in den naiven 1920er Jahren. Aber dann wurde Buñuel sehr tiefsinnig, und seine formale Suche nach anderer Bedeutung hatte ein Ende. Und jetzt versuche also auch ich diese neue Kinosprache für mich zu erkunden, solange ich noch am Leben bin. 

Ich habe Abstand zu dem gewonnen, was ich früher gemacht habe, und inzwischen eine ganz neue Haltung zum Film als Ton- und Bildkunst entwickelt. Mit einem Mal habe ich begriffen, dass es nicht mehr braucht als Ton und Bild, das sind ausreichend Ingredienzien für eine ganze Symphonie, verstehen Sie? Bloß Ton und Bild. Keinerlei unnötiges Beiwerk.
 

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Andrej Kontschalowski

Kaum ein anderer russischer Filmemacher ist so schwierig zu entschlüsseln wie Andrej Kontschalowski. Diskussionsstoff liefert er selbst – mit seinen Filmen und Theaterstücken, mit seinen Aussagen, mit seiner gesellschaftlichen Position, die eine eindeutige Kategorisierung schwierig bis unmöglich macht. 

Fest steht, dass Kontschalowski in den verschiedensten Lagern hohes Ansehen genießt — und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Ehemals Opfer der Anti-TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.-Zensur, trat er zuletzt immer wieder als Gesellschaftskritiker auf: Am Pranger stand nicht nur die russische Mentalität, sondern vor allem die antirussische Haltung des Westens. 

Diese zwiespältige Wende vom internationalen Liberalen„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde.-Kosmopoliten zum nationalen Konservativen deutet sich auch in seinen beiden letzten Filmen an, Belyje Notschi Potschtaljona Alexeja TrjapitsynaWeiße Nächte des Postboten Trjapizyn ist ein 2014 erschienenes Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2014 gewann der Film den Silbernen Löwen. Es ist der Abschlussfilm seiner Trilogie über die tiefste Provinz Russlands. Der Filmemacher beschreibt in den Weißen Nächten den Alltag der Bewohner einer abgelegenen Region und ihre völlige Politik- und Staatsferne. Der einzige Berührungspunkt zum Staat liege im staatlichen Postunternehmen, vertreten durch den Postboten Trjapizin. (dt. Die Weißen Nächte des Postboten Alexej Trjapizyn, 2014) und RaiRai (dt. Paradies) ist ein Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Der 2016 erschienene Film verwebt die Schicksale dreier Protagonisten im Zweiten Weltkrieg: das des SS-Offiziers Helmut, des französischen Kollaborateurs Jules und das von Olga, die zur Résistance gehört. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2016 gewann der Film den Silbernen Löwen. Er war der russische Vorschlag für die Oscarverleihung 2016, wurde jedoch nicht nominiert.  (dt. Paradies, 2016), die ihm beim Internationalen Filmfestival in Venedig jeweils den Silbernen Löwen für die Beste Regie einbrachten. 

Foto © Mikhail Katasonov/WikipediaBevor man über den Theater- und Filmemacher Kontschalowski spricht, erfolgt üblicherweise der Hinweis auf den Stammbaum. Immerhin haben wir es mit einem der beiden Söhne der Dynastie Sergej Michalkow (1913-2009) zu tun. Jenem honorierten Schriftsteller, der für den Text gleich beider Hymnen (der alten sowjetischen wie der neuen russischen) verantwortlich zeichnen durfte und Kinderliteratur für Generationen an Sowjetbürgern verfasste. 
Die familiäre „Vorbelastung“ macht Andrej Kontschalowski aber seit Beginn seiner Filmkarriere 1960 – davor studierte er Klavier – in erster Linie zum Bruder: des um acht Jahre jüngeren und berühmteren Nikita MichalkowNikita Michalkow (geb. 1945) ist der jüngere Bruder von Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Michalkow ist ein bekannter Schauspieler und Regisseur; für seinen Film Die Sonne, die uns täuscht gewann er 1995 den Oscar. Michalkow gilt als lautstarker Unterstützer des Präsidenten Putins: So startete er 2007 mit einigen anderen Kulturschaffenden einen flammenden Aufruf an Putin, eine dritte Amtszeit als Präsident anzutreten. Die Verfassung Russlands erlaubt demgegenüber nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten., dessen patriotisch-imperialistischen Töne (in seinen Filmen ebenso wie den öffentlichen Auftritten) längst seinen einstigen Ruhm als Starschauspieler und -regisseur überdecken. 

Kontschalowski versus Michalkow

Kontschalowski suchte die soziale Distinktion zunächst über seinen Namen, wollte nicht der sein, als der er geboren wurde (Andrej Michalkow), sondern war zunächst Andrej – vielmehr Andron – Kontschalowski-Michalkow und dann nur noch Kontschalowski. Die beiden Hälften des geerbten Doppelhaus-Anwesens waren jahrelang von Brüdern bewohnt, die füreinander nur verächtliches Schweigen übrig hatten. 
Michalkow mischt politisch aktiv mit, unterstützte in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. öffentlich Boris JelzinBoris Jelzin (1931–2007) war der erste demokratisch gewählte Präsident Russlands. Er regierte von 1991 bis 1999, seine Amtszeit war durch tiefgreifende politische und ökonomische Krisen geprägt. Jelzin setzte massive Reformen in Gang: unter anderem ein Programm zur Privatisierung von Staatseigentum und ein folgenschweres Programm zur Umgestaltung der politischen Kultur. Letzteres bezeichnen viele Wissenschaftler als „Entsowjetisierungs-Programm.”, was er 20 Jahre später als großen Fehler bezeichnete. Er warb von Beginn an offen für Putin, ruinierte den altehrwürdigen sowjetischen Filmverband und forcierte, besonders seit der Ukraine-KriseDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.   , die Spaltung der intellektuellen Landschaft. 
Kontschalowski hingegen, der 1980 nach Hollywood gegangen war – eine sehr produktive und halbwegs erfolgreiche Phase seiner Regie-Karriere (mit Filmen wie Maria’s Lovers, 1983 oder Runaway Train, 1985) – hielt sich nach seiner Rückkehr nach Russland Anfang der 1990er Jahre in politisch unbedarfteren Nischen des Kulturlebens auf: Er inszenierte die russischen Klassiker (insbesondere TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken. ) auf den vordersten Bühnen des Landes (wie er sie in den 1970er Jahren verfilmt hatte), entfachte gemeinsam mit seiner fünften Gattin, Julia WyssozkajaJulia Wyssozkaja (geb. 1973) ist eine bekannte russische Fernsehmoderatorin, Video-Bloggerin, Film-  und Theaterschauspielerin. 2017 wurde sie für ihre Hauptrolle in Kontschalowskis Film Raj (dt. Paradies) als beste Schauspielerin mit Nika ausgezeichnet – dem wichtigsten russischen Filmpreis. Wyssozkaja ist seit 1998 mit dem Regisseur Andrej Kontschalowski verheiratet., durch die TV-Sendung Jedim doma (dt. Essen wir zuhause) einen kulinarischen „home food“-Boom und galt weithin als internationaler Repräsentant eines amerikanisch-französisch-russischen Kinos mit mehreren Wohnsitzen und Reisepässen. 

In Filmkreisen aber steht Kontschalowski für den nonkonformistischen Denker, der die zentralen historischen Krisen Russlands in filmischen Meisterwerken reflektiert hat: die Revolutions-Krise, die Sozialismus-Krise, die Ökologie-Krise sowie den Tschetschenien-KriegIn beiden Tschetschenienkriegen (1994–1996 und 1999–2009) kämpfte die russische Armee gegen separatistische Widerstandskämpfer der Republik im russischen Nordkaukasus. Während der erste Krieg die faktische Autonomie der Provinz zum Ergebnis hatte, konnten die russischen Kräfte im zweiten Krieg nach jahrelangen Kämpfen, die auch zahlreiche Opfer forderten, die Region unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten verübten während der Kriege schwere Menschenrechtsverletzungen.

Naturalistisches Sezieren der Alltagsmomente

Den Anfang machte 1965 sein kritisch-poetischer Blick auf die OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang.: Perwy Utschitel (dt. Der erste Lehrer, 1965) setzt (und deutet) Tschingis Aitmatows gleichnamige Erzählung in Schwarz-Weiß und mit semidokumentarischen Mitteln kreativ um. Der Film wurde damit zu einem zentralen Vertreter der SchestidesjatnikAls Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger) wird eine Generation bezeichnet, die in den 1960er Jahren erwachsen wurde oder bereits im frühen Erwachsenenalter war. Viele der Schestidesjatniki begrüßten es, als sich in der sogenannten Tauwetter-Periode unter Nikita Chruschtschow eine Lockerung des Regimes und eine kritische Reflexion der Herrschaft Stalins abzeichnete. In der Konsequenz begehrten sie auf, als unter Leonid Breshnew die Ära der Stagnation begann, in deren Folge die aufgekommene freiheitliche Grundstimmung wieder unterdrückt wurde. Viele verloren ihre Jobs, wurden zu Gefängnis oder Lagerhaft verurteilt.-Kultur, der Aufbruchsstimmung eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ der frühen 1960er Jahre. Anders als sein fünf Jahre älterer Kollege Andrej TarkowskiAndrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland., der wie er die Filmhochschule WGIKDas Gerassimow Institut für Kinematographie (WGIK) wurde 1919 als staatliche Filmhochschule in Moskau gegründet. Es hieß zunächst Staatliches All-Unions Institut für Kinematographie. Das WGIK brachte viele international bekannte Regisseure und Schauspieler hervor, wie Andrej Tarkowski, Marlen Chuzijew, Otar Iosiliani oder auch Golden Globe-Gewinner Sergej Bondartschuk. Viele lehrten, wie auch Marlen Chuzijew, später selbst dort. in der Regie-Klasse Michail Romms absolvierte und mit dem er das Drehbuch zu dessen Filmen Iwanowo Detstwo (dt. Ivans Kindheit) und Andrej Rubljow verfasste, ist Kontschalowski an einem fast naturalistischen Sezieren konkreter historischer Alltagsmomente interessiert. 

Den ästhetischen Höhepunkt dieses beobachtenden, scheinbar amateurhaften Kinos stellt dabei zweifellos der 1966 gedrehte Skandalfilm Istorija Asi Kljatschinoi, kotoraja ljubila, da ne wyschla samush (dt. Die Geschichte Asja Kljatschinas, die liebte, aber nicht heiratete, 1966) dar. Hier stehen nicht mehr die Ideale der Revolution, sondern die Realismen des Sozialismus im Zentrum, genauer das Leben einer einfachen Frau in einer KolchoseDas Wort bezeichnete in der Sowjetunion eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Es setzt sich zusammen aus den Anfängen der Wörter „kollektiv“ (kollektiwny) und „Wirtschaft/Haushalt“ (chosjaistwo). Seit 1929 wurde die Landwirtschaft mit Zwangskollektivierungen in Kolchosen organisiert. Die Betriebe waren formal selbstverwaltet, die Produktionsmittel gehörten dem Kollektiv. Die Leiter der Kolchosen wurden allerdings von der Partei eingesetzt, und der Boden gehörte dem Staat.
Mit dieser Art direct cinema, von Laien dargestellt, im Dialekt gesprochen und mit unverfälschten Außenaufnahmen, war beim sowjetischen Filmsystem nichts zu holen: Der Film wurde einer der berühmten Regalfilme, Kontschalowski ungefragt zum Dissidenten und in den PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.-Jahren, als der Film hervorgeholt wurde, zum Star. 

Das vierteilige Erdöl-Katastrophen-Epos Sibiriada, realisiert 1978 – als der Regisseur mit der Sowjetmacht endgültig auf Kriegsfuß stand – brachte ihm den Grand Prix in Cannes ein, während das vom medizinischen Personal verlassene, tschetschenisch-inguschetische Dom Durakow (dt. Das Irrenhaus, 2002) zu einer paradoxen Metapher für das postsowjetische Russland wurde.

Liberalismus versus Konservatismus

„Patriotismus fängt mit der Möglichkeit an, das Land zu verlassen“1, sagte Kontschalowski immer wieder in Interviews und betont damit, dass man sein Land besonders dann lieben lerne, wenn man auch andere gesehen hat. Er selbst nutzte diese Möglichkeit großzügig: Noch nach seiner Rückkehr aus den USA Anfang der 1990er Jahre drehte er den Fernsehfilm Odyssee, der 1997 auf NBC lief und zwei Emmys gewann. Viele seiner Filme, wie auch der letzte Film Rai, sind internationale Co-Produktionen, an denen neben Russland auch die USA, Deutschland, Frankreich und weitere Länder beteiligt sind. 

So gibt sich Kontschalowski als Grenzgänger – und zwar nicht nur zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen, sondern auch zwischen politisch-philosophischen Strömungen, zwischen Konservatismus und Liberalismus. Daneben scheint er aber auch darauf bedacht, sich jenseits dieses bipolaren Schemas zu zeigen. 

2012 unterschrieb Kontschalowski einen offenen Brief oppositioneller Kulturschaffender zur Unterstützung der Gruppe Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager., 2013 warb er bei der Bürgermeisterwahl in Moskau für Sergej SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding, im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. , Kandidat der Regierungspartei Einiges RusslandDie Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit.. Für viele passt das nicht zusammen.
Es scheint, als hätte er sich zum Ombudsmann der historischen und aktuellen politischen Ambivalenzen gemacht: Der Regisseur, für den die Freiheit die höchste Priorität besitzt, vertritt heute offen eine kulturkonservative Position, die ihren Ursprung in der russischen religiösen Philosophie hat. Kontschalowski bezieht sich in vielen Interviews auf die SlawophilenSlawophilie bezeichnete eine vor allem publizistische und religionsphilosophische Bewegung zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die eine Einheit aller slawischen Völker und eine Rückkehr Russlands zu jenen Zeiten proklamierten, bevor Zar Peter der Große (1672–1725) an Westeuropa orientierte Reformen durchsetzte. Die Bewegung entstand vor dem Hintergrund der damals vieldiskutierten Frage nach Russlands Zukunft. Die sogenannten Sapadniki (dt. Westler) forderten einen gemeinsamen Weg von Russland mit Europa, Slawophile glaubten demgegenüber, jedes Land, darunter auch Russland, habe einen eigenen Weg. Große Teile beider Strömungen befanden sich in Opposition zu der Politik des Zaren. In der Gegenwart wird der Begriff Slawophilie oft verwendet, um das Phänomen des russischen Nationalismus zu erklären. des 19. Jahrhunderts und auf Philosophen wie BerdjajewNikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken. oder verweist auf das Buch seines Großonkels Dimitri KontschalowskiDimitri Kontschalowski (1878–1952) war ein Historiker, Philologe und Professor für Alte Geschichte an der Moskauer Universität MGU. Da er die Oktoberrevolution 1917 ablehnte, musste er 1921 die Universität verlassen und unterrichtete seitdem Fremdsprachen. Während des Zweiten Weltkrieges lebte er auf deutschem Besatzungsgebiet und zog 1944 nach Deutschland. Nach zweijährigem Aufenthalt in einem Durchgangslager bei Hamburg zog er 1947 nach Paris, wo er bis zu seinem Tod lebte. Dimitri Kontschalowski ist der Großvater des russischen Filmregisseurs Andrej Kontschalowski. (1878–1952) Puti Rossii (dt. Die Wege Russlands)2 hin, in dem dieser ein russisches Volk skizziert, das für die Demokratie ungeeignet ist, gleichzeitig den Bolschewismus brandmarkt.

Es sind scheinbar unvereinbare gesellschaftliche Positionen, die im Stammbaum der Kontschalowskis vertreten sind. Andrej Kontschalowski versucht sich in ihrer Synthese.


1.Pozner, Wladimir (2014): Pozner o „Poznere“, Moskva
2.Končalovskij, Dmitrij (1969): Puti Rossii, Paris
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Andrej Swjaginzew

Er war ein Laie, dessen erster Film 2003 mit dem Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet wurde. Heute zählt er zu den wichtigsten Regisseuren Russlands. Sein neuestes Werk Neljubow  (dt. Abneigung) läuft jetzt im Wettbewerb von Cannes und kommt am 1. Juni in die russischen Kinos. Eva Binder über den ungewöhnlichen Filmemacher Andrej Swjaginzew, seine Beziehungsdramen im „großen Still“ und die Hetzkampagne rund um seinen Film Leviathan.

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Andrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)