Medien

Debattenschau № 57: Regisseur Kirill Serebrennikow unter Hausarrest

Ein Menschenauflauf vor dem Moskauer Basmanny-GerichtDas Basmanny-Gericht ist ein Amtsgericht in Moskau. Dort finden seit den frühen 2000er Jahren viele als politisch-motiviert eingestufte Prozesse statt. Vor diesem Hintergrund hat sich in oppositionellen Kreisen die Bezeichnung „Basmann-Rechtsprechung“ etabliert – als gängiges Synonym für die Erosion der Gewaltenteilung und für das politische „Bestellen“ gerichtlicher Entscheidungen.  am Mittwoch, den 23. August, etwa 300 Leute haben sich hier versammelt, viele Prominente sind darunter. Drinnen sitzt der bekannte Regisseur Kirill SerebrennikowKirill Serebrennikow (geb. 1969) ist ein bekannter russischer Theater- und Kinoregisseur, Preisträger vieler russischer und internationaler Theater- und Kinopreise. 2012 gründete er das Gogol Center, dessen Leiter er ist. Dortige Veranstaltungen erzeugen wegen ihrer kritischen Positionen sowie der künstlerischen Extravaganz oft breite öffentliche Resonanz. Im Mai 2017 geriet Serebrennikow ins Zentrum eines Korruptionsskandals: Ihm wurde Unterschlagung vorgeworfen. Die Durchsuchungen im Center sowie in der Wohnung Serebrennikows lösten eine breite Medien-Debatte aus, inwieweit sich Kultureinrichtungen durch Förderungen vom Staat abhängig machen. Viele Kulturschaffende haben Serebrennikow ihre Unterstützung ausgesprochen.. Die prominente Unterstützung hilft ihm nicht: Serebrennikow steht bis 19. Oktober unter Hausarrest.

Betrug in Millionenhöhe lautet der Vorwurf gegen den berühmten und umstrittenen Theatermann. Die ehemalige Chefbuchhalterin belastet ihn.

Serebrennikow leitet das Moskauer Theater Gogol Center, eine Art Experimentierbühne, staatlich gefördert. Er ist international bekannt für seine innovativen Regiearbeiten, im Oktober soll seine Inszenierung der Oper Hänsel und Gretel in Stuttgart Premiere feiern, sein aktueller Film Der die Zeichen liest ist in Cannes ausgezeichnet worden.

Die Unterstützung hilft Serebrennikow nicht – er bleibt unter Arrest / Foto © Irina Bursho/Kommersant

Schon im Mai hatten maskierte und bewaffnete Männer das Gogol Center durchsucht, die Polizei inspizierte auch die Wohnung Serebrennikows. Putin soll laut Medienberichten die Beamten als Duraki (dt. Dummköpfe) bezeichnet haben.

Im Juli erregte der Regisseur erneut Aufsehen, als sein Ballett Nurejew am Moskauer Bolschoi Theater kurz vor der Premiere verschoben wurde. Anfang der Woche wurde Serebrennikow schließlich in der Nacht festgenommen, während er in St. Petersburg an seinem neuem Film Leto (dt. Sommer) arbeitete.

Seine Festnahme und der Hausarrest lösen heftige Debatten aus, nur wenige glauben an die Vorwürfe. Viele Prominente, etwa die Schriftsteller Boris Akunin und Ljudmila UlitzkajaLjudmila Ulitzkaja (geb. 1943) ist eine der bekanntesten russischen Schriftstellerinnen. Die Werke der international ausgezeichneten Autorin wurden in über 25 Sprachen übersetzt. Neben dem Schreiben engagiert sich Ulitzkaja in zivilgesellschaftlicher Opposition gegen das politische Regime Putins. Unter anderem war sie Mitbegründerin der Liga Isbiratelei (dt. Liga der Wähler) – einer NGO, die für die Einhaltung des verfassungsmäßigen Wahlrechts der Staatsbürger Russlands eintritt. Wegen solcher Tätigkeiten wurde Ulitzkaja schon mehrmals Opfer von Diffamierungen seitens staatsnaher Aktivisten., ergriffen Partei für ihn, waren teilweise im Gericht anwesend. Die berühmte Publizistin Irina Prochorowa hatte sogar erklärt, eine Kaution in beliebiger Höhe für Serebrennikow zu zahlen.

Warum ausgerechnet Serebrennikow? Soll hier ein Exempel statuiert werden? Ein missliebiger, international renommierter Kreativer mundtot gemacht werden? Und wer steckt dahinter? dekoder bringt Stimmen aus russischen Medien.

Quelle dekoder

Facebook/Andrej Loschak: Ins Gesicht gerotzt

Für Andrej LoschakBekannter und mehrfach ausgezeichneter Telejournalist (geb. 1972), ehemals bei NTW, seit 2013 beim unabhängigen Internet-Fernsehsender Doshd., Gründer und ehemaliger Chefredakteur von Takie Dela, ist klar, weshalb die Behörden gegen Serebrennikow vorgehen, wie er auf Facebook schreibt:

Deutsch
Original
Kirill ist die ideale Figur für einen Schauprozess gegen Liberale„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde.. Wahrscheinlich die Autorität schlechthin – um ihn können sich städtische Oppositionelle einmütig zusammentun. Seine Festnahme ist ganz klar ein Zeichen. So saftig und voll Schmackes hat man uns noch nie ins Gesicht gerotzt. Jetzt wird alles lang und genüsslich verschmiert und ausgewalzt. Mindestens sechseinhalb Jahre.
Die erste Aule – die Bolotnaja-ProzesseAls Bolotnaja-Prozess wird eine Reihe von Gerichtsverfahren bezeichnet. Diese wurden nach den Massenverhaftungen beim Marsch der Millionen am 6. Mai 2012 auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz initiiert und dauern teilweise bis heute an. Der Vorwurf gegen mehr als 30 mutmaßliche Teilnehmer lautet dabei „Teilnahme an Massenunruhen“ und „Gewaltanwendung gegen Staatsvertreter“. Die meisten der Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Viele Beobachter schätzen diesen Prozess als politisch-motiviert ein. – haben wir geschluckt. Zu ihnen erschienen im besten Fall ein paar Dutzend Menschen. [...] Die Verhaftung von Kirill werden wir auch schlucken. Nach einigen Achs und Ohs werden wir in unseren privaten Alltag zurückkehren, wie es auch 2012 der Fall war.
Фигура Кирилла - идеальная для показательного процесса над либералами. Наверное нет других таких авторитетов, вокруг которых единодушно консолидировалась бы городская фронда. Его арест безусловно знаковый. Так смачно и с оттяжкой нам еще в лицо не харкали. Теперь будут размазывать долго и с удовольствием. Ну, минимум 6 с половиной лет.
Первый харчок - процессы над "болотниками" - мы проглотили. На них приходило в лучшем случае несколько десятков человек. [...] Арест Кирилла тоже проглотим. Поохаем тут и вернемся в частную жизнь, как это случилось в 2012-м.

 

erschienen am 22.08.2017

Colta: Verrat am Kollegen

Auch der international berühmte Geiger Gidon Kremer hat sich nun zu dem Fall geäußert, Colta druckt seine Stellungnahme ab:

Deutsch
Original
Ich glaube, dass alle, die sich – um diese Aktion zu rechtfertigen – befremdet und erstaunt zeigen oder die darauf verweisen, dass es – auch in Künstlerkreisen – ein weit verbreiteter Usus sei, über dunkle Kanäle Geld zu beschaffen oder zu waschen, dass diese Menschen eine erstaunliche Gleichgültigkeit an den Tag legen, was die allgemeinen Entwicklungen betrifft. Sie üben damit offenkundig Verrat an ihrem Kollegen, wie auch an ihrem Gewissen als Bürger.
Allein der Rang des Künstlers impliziert eine bestimmte Moral, und ich bin überzeugt, dass Kirill Serebrennikow diese auch verkörpert.
Думаю, что все те, кто в оправдание акции выражают лишь недоумение или ссылаются на повсеместно распространенные — и в артистических кругах! — теневые способы получать и «отмывать» деньги, также показывают определенное равнодушие к развитию событий и тем самым открыто предают как своего коллегу, так и свою гражданскую совесть. Само звание артиста предполагает определенную мораль, и я уверен, что Кирилл Серебренников — ее олицетворение.

 

erschienen am 24.08.2017

Facebook/Boris Akunin: Nicht ohne Putins Segen 

Ein weiterer von vielen Prominenten, die den Fall kommentierten, ist Star-Autor Boris Akunin. Kurz nach der Festnahme Serebrennikows in St. Petersburg, aber noch vor dem Hausarrest, zieht er auf Facebook historische Parallelen:

Deutsch
Original
Festnahmen von Personen diesen Ranges, die international Resonanz auslösen, geschehen bei uns nur mit dem Segen oder gar auf direkten Befehl des obersten Chefs. Nicht anders.
Darum lasst uns die Dinge beim Namen nennen. Den Regisseur MeyerholdWsewolod Meyerhold (1874–1940) war ein sowjetischer Theaterregisseur und -schauspieler. Vor allem wegen seiner Beiträge zur Schauspieltheorie gilt er als einer der bedeutendsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts. Nach der Oktoberrevolution schloß er sich den Bolschewiki an und wurde bald zu einer Schlüsselfigur der sowjetischen Avantgarde. 1940 fiel er wegen angeblicher Spionage für Frankreich den Stalinschen Säuberungen zum Opfer. hat nicht der NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag. festgenommen, sondern Stalin. Den Regisseur Serebrennikow hat nicht das ErmittlungskomiteeDas Ermittlungskomitee (Sledstwenny komitet/SK) ist eine russische Strafverfolgungsbehörde. Sie gilt als politisch überaus einflussreich und wird häufig mit dem US-amerikanischen FBI verglichen. festgenommen, sondern Putin. Gut wäre, es würden nur PR-Ziele verfolgt, um anschließend größtmögliche Gnade zu zeigen und den weltbekannten Regisseur unter Hausarrest zu stellen oder mit Meldeverpflichtung zu entlassen. Denn wenn nicht, so hieße das, dass Russland in ein neues Stadium übergegangen ist, in dem neue Regeln gelten. 
Международно резонансные аресты людей такого уровня у нас происходят только с санкции, а то и с прямого приказа Главного Начальника. Не иначе. 
Поэтому давайте называть вещи своими именами. Режиссера Мейерхольда арестовало не НКВД, а Сталин. Режиссера Серебренникова арестовал не Следственный комитет, его арестовал Путин. И хорошо еще, если с PR-целью затем явить высочайшую милость и выпустить всемирно известного режиссера под домашний арест или подписку. Потому что если нет — значит, Россия перешла на новую стадию существования, где будут действовать новые правила.

 

erschienen am 22.08.2017

RIA Nowosti: Weshalb automatisch Opfer? 

Weshalb sollte ein Künstler immer gleich Opfer sein, fragt Viktor Marachowski in seiner Analyse für die staatliche NachrichtenagenturBis zu ihrer Auflösung im Dezember 2013 auf Erlass des Präsidenten galt RIA Nowosti als die unabhängigste der großen russischen Nachrichtenagenturen. Sie wurde 2013 in den neu gegründeten staatlichen Medienkonzern Rossija Sewodnja integriert. RIA Nowosti war auch für die Berichterstattung im Ausland zuständig. Diese Rolle übernahm 2014 der ebenfalls zu Rossija Sewodnja gehörende Sender Sputnik. Innerhalb Russlands wird der Name RIA Nowosti noch für eine Nachrichtenplattform verwendet, die von Rossija Sewodnja betrieben wird. RIA Nowosti:

Deutsch
Original
Brandschutzinspektoren, Polizisten, Generälen oder Gouverneuren – warum können denen Wirtschaftsverbrechen angelastet werden und niemand vermutet, dass Putin da persönlich den Nichteinverstandenen die Mäuler stopft? Aber ein Künstler und Intendant, dem Veruntreuung angelastet wird, für den gilt die Vermutung, er würde verfolgt. Das heißt: Ein Amtsinhaber, der Zugang zu staatlichen Geldern und zahlreiche Möglichkeiten zu dessen Veruntreuung hat, muss automatisch als Opfer politischer Willkür behandelt werden, wenn er ein Mann der Künste ist.
почему пожарный инспектор, полицейский, генерал или губернатор могут быть обвинены в хозяйственном преступлении, и никто не заподозрит, что это лично Путин затыкает рты несогласным. А режиссер и худрук, обвиненный в утаскивании средств, — обладает "презумпцией преследуемости". То есть должностное лицо, обладающее доступом к казенным деньгам и широчайшими возможностями их распила, должно по умолчанию трактоваться как жертва политического произвола, если оно человек искусства.

 

erschienen am 23.08.2017

Bis zum 19. Oktober unter Hausarrest – Regisseur Kirill Serebrennikow  / Foto © Anton Belizki

Echo Moskwy: Konflikt innerhalb der Gesellschaft

Alexander Baunow, Chefredakteur bei Carnegie.ru, schreibt im Blog auf Echo Moskwy von einem innergesellschaftlichen Konflikt:

Deutsch
Original
Man darf das nicht als einen Konflikt zwischen Staatsmacht und Künstler, oder zwischen Volk und Künstler deuten. In der Gesellschaft Russlands gibt es zwei Teile, und die Teilung ist vertikal, nicht horizontal. Sie verläuft von oben nach unten: Sowohl innerhalb der Kreml-Spitzen, als auch in der Wirtschaftselite, in der IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.  , unter gewöhnlichen und spießigen Bürgern hat Serebrennikow kategorische Anhänger und kategorische Gegner. Für die einen ist er ein großer Künstler, für die anderen ein Mensch, der das Geld der Steuerzahler ausgibt und damit seine Passion zu suspekten Experimenten auslebt.
[...] in den Augen eines Teils der Gesellschaft und, sagen wir mal, der patriotisch eingestellten politischen Elite [...], ist Vielfalt nicht vorgesehen. Ein solches Theater wie das Gogol Center, solche Stücke, wie sie Serebrennikow inszeniert, ein solches Ballett wie Nurejew im Bolschoi-Theater – all das hat es nicht zu geben. 
Не надо анализировать это как конфликт между властью и художником или как конфликт между народом и художником. В российском обществе есть 2 части: это вертикальное, а не горизонтальное деление, это деление проходит сверху вниз и в кремлевских верхах, и в бизнес-верхушке, и в интеллигенции, и в среде обывателей, обычных граждан есть и категорические сторонники, и категорические противники Серебренникова. Для одних это большой художник, а для других это человек, который тратит деньги налогоплательщиков, удовлетворяя свои страсти к сомнительным экспериментам.
[...]  в глазах части общества и, соответственно, политической верхушки, ну, скажем так патриотически настроенной, [...] разнообразия быть не должно. Такого театра как Гоголь-Центр, таких спектаклей, которые ставит Серебренников, такого балета как «Нуриев» в Большом театре быть не должно.

 

erschienen am 23.08.2017

Facebook/Dimitri BykowJuri Bykow (geb. 1981) ist ein bekannter russischer Regisseur, Schauspieler und Szenarist. Er begann seine Karriere nach einem Schauspielstudium zum Ende der 2000er Jahre und wurde sogleich auf dem wichtigsten Festival des Landes, dem Kinotawr, für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. In seinen Filmen geht Bykow oft hart ins Gericht mit den politischen und sozialen Strukturen Russlands. Eine prominetnte Ausnahme bildete seine Fernsehserie Spjaschtschije (dt. Die Schläfer) – eine von vielen Kritikern als propagandistisch eingestufte Produktion. Mitte Oktober 2017 distanzierte sich Bykow öffentlich von diesem Werk. Er entschuldigte sich bei den Zuschauern und gab an, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen zu wollen.: Wichtiges Signal

Dimitri BykowJuri Bykow (geb. 1981) ist ein bekannter russischer Regisseur, Schauspieler und Szenarist. Er begann seine Karriere nach einem Schauspielstudium zum Ende der 2000er Jahre und wurde sogleich auf dem wichtigsten Festival des Landes, dem Kinotawr, für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. In seinen Filmen geht Bykow oft hart ins Gericht mit den politischen und sozialen Strukturen Russlands. Eine prominetnte Ausnahme bildete seine Fernsehserie Spjaschtschije (dt. Die Schläfer) – eine von vielen Kritikern als propagandistisch eingestufte Produktion. Mitte Oktober 2017 distanzierte sich Bykow öffentlich von diesem Werk. Er entschuldigte sich bei den Zuschauern und gab an, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen zu wollen.Dimitri Bykow (geb. 1967) ist ein bekannter Schriftsteller, Journalist und Professor für Literatur und Kultur. Er hat mehrere Romane und Gedichtbände veröffentlicht und ist Preisträger zahlreicher Literaturauszeichnungen. Seine Literatursendung „Grashdanin Poet“, in der er die politischen Verhältnisse in Russland humorvoll parodierte, war insbesondere während der Protestbewegung 2011/12 äußerst populär. dagegen ist sicher, dass Putin zumindest unterrichtet ist – und mit dem Fall eine eindeutige Message gesendet werden soll, wie er in einem Interview sagte und auf Facebook schreibt:

Deutsch
Original
Es ist lächerlich zu sagen, dass Putin es nicht weiß, dass man Putin nicht davon unterrichtet hat. Natürlich ist Putin darüber informiert, gehört Serebrennikow doch in die Top Fünf der bedeutendsten Kulturschaffenden seiner Generation.
Hier wird aus meiner Sicht ein doppeltes Signal gesendet: Erstens glaube ich, dass hiermit dem Westen noch einmal gezeigt wird, dass hier niemand auf seine Meinung angewiesen ist. Der Westen verleiht Serebrennikow demonstrativ Theaterpreise, Russland erniedrigt ihn demonstrativ und öffentlich. 
Dabei ist seine Schuld nicht bewiesen. Er läuft nicht vor der Untersuchung weg, sein Pass wurde ihm weggenommen, und dennoch setzen sie ihn fest. Das ist eine dreiste öffentliche Demonstration dafür, dass sie auf das Recht pfeifen, auf den Künstler und auf das ganze Land – wir tun das, was wir wollen.
Das Zweite ist sogar noch bedauerlicher, das Signal an die kreative Intelligenzija: Sie muss darüber nachdenken, was ihre Meinungen denn eigentlich wert sind.
Смешно говорить, что Путин не знает, что Путину не докладывают. Разумеется, Путин осведомлен об этом, все-таки Серебренников из деятелей культуры своего поколения в России входит в пятерку самых заметных людей.
Тут, на мой взгляд, сигнал идет двоякий. Во-первых, я думаю, что это лишний раз показывает Западу, что от его мнения здесь никто не зависит. Запад демонстративно присуждает Серебренникову театральные премии, Россия демонстративно и публично унижает его. Причем вина его не доказана, и от следствия он не бегает, и загранпаспорт у него был отобран, а его, тем не менее, сажают. Это наглая публичная демонстрация абсолютно наплевательского отношения и к праву, и к художнику, и ко всей стране — что хотим, то и воротим.
Ну, а второе, что еще более печально — это сигнал творческой интеллигенции призадуматься о том, чего стоят все еe мнения.

 

erschienen am 23.08.2017

Kommersant FM: Talent tut nichts zur Sache

Der berühmte Regisseur Andrej KontschalowskiKaum ein anderer russischer Filmemacher ist so schwierig zu entschlüsseln wie Andrej Kontschalowski. Diskussionsstoff liefert er selbst – mit seinen Filmen und Theaterstücken, mit seinen Aussagen, mit seiner gesellschaftlichen Position, die eine eindeutige Kategorisierung schwierig bis unmöglich macht.  verteidigt auf Kommersant FM das Vorgehen gegen Serebrennikow:

Deutsch
Original
Wenn es nicht Kirill Serebrennikow wäre, sondern Hänschen Meier, wen würde es dann überhaupt scheren? Solche Ereignisse gibt es im russischen Leben täglich in ausreichender Menge. Niemanden würde es scheren. 
Hier haben die Ermittler und Staatsorgane offensichtlich etwas gefunden. Und was, wenn sie nun mal etwas gefunden haben? Ich kann außer Mitgefühl und Bedauern für die Menschen, die da Fehler gemacht haben, nichts empfinden. Zu sagen, was für ein talentierter Regisseur oder Künstler Serebrennikow ist, tut hier nichts zur Sache.
А если бы не Кирилл Серебренников, а Иван Петрович Пупкин, кто бы обратил внимание? А таких событий в российской жизни происходит ежедневно достаточное количество. Никто бы не обратил внимание. Но там, очевидно, следователи, силовые органы что-то обнаружили. Если они что-то обнаружили, что делать? У меня, кроме сочувствия и соболезнования людям, которые ошиблись каким-то образом, больше ничего нет. Нельзя говорить, насколько Кирилл Серебренников талантливый режиссер или художник — это не имеет отношения к делу.

 

erschienen am 22.08.2017

Facebook/Sergej MedwedewSergej Medwedew (geb. 1966) ist ein russischer Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Professor an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört vor allem die russische Zeitgeschichte. Medwedew schreibt regelmäßig Artikel für unabhängige Medien, in den liberal-demokratischen Kreisen gilt seine Stimme als sehr gewichtig.: Völlig kafkaesk

Dem kremlkritischen Politologen und Historiker Sergej MedwedewSergej Medwedew (geb. 1966) ist ein russischer Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Professor an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört vor allem die russische Zeitgeschichte. Medwedew schreibt regelmäßig Artikel für unabhängige Medien, in den liberal-demokratischen Kreisen gilt seine Stimme als sehr gewichtig. scheint es auf Facebook so, als fände sich Kirill Serebrennikow plötzlich in einem Kafka-Stück wieder:

Deutsch
Original
Serebrennikow wurde – eben ein echter Künstler – Opfer seiner eigenen Bilder. In der letzten Spielzeit zeigte das Gogol Center Kafka, und die Geschichte seiner Festnahme ist völlig kafkaesk: Der Regisseur wird beschuldigt, dass es das, was es gab, nicht gegeben hat. Das ist wie im Prozess, wo es Joseph K. nicht zu erfahren gelingt, wessen er beschuldigt wird.
Weiter gefasst, greift hier eher die Metapher der Verwandlung. Eines nicht so wunderschönen Tages, entdecken wir, dass sich in unserer Wohnung ein riesiges, grimmiges Insekt eingenistet hat, eine zehn Meter lange Raupe mit zig Ringen, liegt in Wohnzimmer, Flur und Küche und mampft unaufhörlich etwas. Wir haben uns schon an sie gewöhnt, quetschen uns an ihr vorbei in eine Küchenecke.
Zuweilen schnappt sich die Raupe einen der Bewohner, alle regen sich ein Weilchen auf, schlagen Krach, doch dann verstummen sie und quetschen sich weiter vorbei, denn so läuft es bei uns nun mal. Diese Raupe kann einen MagnitskiDer russische Jurist Sergej Magnitski (1972–2009) starb während seiner umstrittenen Untersuchungshaft in einem russischen Gefängnis. Magnitski hatte zuvor hochrangigen russischen Beamten Korruption in Höhe von 230 Millionen Dollar nachgewiesen. Der gesundheitlich angeschlagene Magnitski verstarb aufgrund von Misshandlungen und schlechten Haftbedingungen, weshalb die USA im Dezember 2012 den Magnitsky Act erließen und eine Reihe von russischen Beamten sanktionierten, die für den Tod des jungen Anwalts verantwortlich sein sollen. umbringen, einen SenzowDer ukrainische Regisseur Oleg Senzow (geb. 1976) setzte sich im Frühjahr 2014 gegen die Annexion der Krim durch Russland ein und erklärte, diese nicht anzuerkennen. Im Mai 2014 wurde er von russischen Behörden auf der Krim verhaftet und nach Moskau überstellt. Ihm und dem linken Aktivisten Alexander Koltschenko wurde vorgeworfen, Terroranschläge auf Einrichtungen kommunaler Infrastruktur und auf Staatsorgane geplant zu haben. Im August 2015 wurde Senzow zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt. und KoltschenkoOleksandr Koltschenko (geb. 1989) ist ein ukrainischer Aktivist, der anarchistischen und antifaschistischen Bewegungen zugerechnet wird. Im Mai 2014 wurde er wegen mutmaßlicher Planung von Terroranschlägen vom russischen Geheimdienst FSB inhaftiert. Auch der ukrainische Regisseur Oleg Senzow (geb. 1976) wurde in diesem Zusammenhang verhaftet. Laut FSB soll Koltschenko der rechtsextremen ukrainischen Organisation Prawy Sektor (dt. Rechter Sektor) angehören. Im August 2015 wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt.  anknabbern, sich einen UljukajewAlexej Uljukajew (geb. 1956) war von 2004 bis 2013 Erster Stellvertretender Vorsitzender der Zentralbank Russlands und von 2013 bis 2016 Wirtschaftsminister. Am 14. November 2016 wurde Uljukajew überraschend verhaftet, ihm wird zur Last gelegt, im Rahmen der Übernahme des Ölkonzerns Baschneft durch Rosneft zwei Millionen US-Dollar Schmiergeld angenommen zu haben. packen, und nun siehe da, einen Serebrennikow, ja im Prinzip jeden – aber wir haben uns schon daran gewöhnt und begreifen sie als wohnungseigenes Spezifikum.
Серебренников как настоящий художник стал заложником своих образов. В прошлом сезоне "Гоголь-центр" делал "Кафку", и сюжет его ареста – совершенно кафкианский, режиссера обвиняют в том, что существовавшее – не существовало. Это как в "Процессе", где Йозефу К. так и не удается узнать, в чем его обвиняют.
Но если шире, то тут скорее метафора "Превращения". В один не очень прекрасный день мы обнаруживаем, что с нами в одной квартире поселилось огромное мерзкое насекомое, десятиметровая гусеница из множества колец, лежащая в гостиной, коридоре и кухне, и постоянно что-то жующая. Мы уже привыкли к ней, ходим бочком, на кухне сидим в тесноте. Иногда гусеница схватывает кого-то из жильцов квартиры, все недолго возмущаются, шумят, но потом стихают и продолжают ходить бочком, потому что так у нас заведено. Эта гусеница может убить Магнитского, зажевать Сенцова и Кольченко, схватить Улюкаева, теперь вот Серебренникова, да собственно любого, но мы уже привыкли и воспринимаем ее как особенность планировки.

 

erschienen am 23.08.2017

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Bolotnaja-Bewegung

Bolotnaja-Bewegung ist eine oft, aber nicht immer, abwertend gebrauchte Bezeichnung für die ProtesteNachdem Putin im September 2011 angekündigt hatte, wieder Präsident werden zu wollen, und im Dezember zahllose Wahlbeobachter über massive Wahlfälschungen berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion. Sie bewies erstaunliches Durchhaltevermögen, versiegte jedoch im Jahr 2013 aufgrund von inneren Streitigkeiten und der repressiven Reaktion des Staates. gegen WahlfälschungWahlfälschungen sind Wahlmanipulationen entgegen demokratischen Prinzipien. Nachdem im Dezember 2011 zahlreiche Wahlbeobachter über massive Fälschungen bei der Dumawahl berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion und forderte eine Untersuchung der Vorwürfe. Bei der Dumawahl 2016 stellten Wahlbeobachter weniger Unregelmäßigkeiten als 2011 fest, verwiesen zugleich jedoch auf einen hohen Einfluss der administrativen Ressource. und das Einiges RusslandDie Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit.Die Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit. in den Jahren 2011–13, insbesondere deren Hochphase von Dezember 2011 bis Mai 2012. Der Begriff leitet sich vom Bolotnaja-Platz im Moskauer Stadtzentrum ab, auf dem drei der größten Demonstrationszüge (10.12.2011, 4.2.2012, 6.5.2012) endeten. Ein verwandter Begriff ist der Bolotnaja-ProzessAls Bolotnaja-Prozess wird eine Reihe von Gerichtsverfahren bezeichnet. Diese wurden nach den Massenverhaftungen beim Marsch der Millionen am 6. Mai 2012 auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz initiiert und dauern teilweise bis heute an. Der Vorwurf gegen mehr als 30 mutmaßliche Teilnehmer lautet dabei „Teilnahme an Massenunruhen“ und „Gewaltanwendung gegen Staatsvertreter“. Die meisten der Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Viele Beobachter schätzen diesen Prozess als politisch-motiviert ein.. Dieser bezieht sich auf die Massenverhaftungen und anschließenden Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Marsch der Millionen am 6.5.2012 auf dem Bolotnaja-PlatzDer Bolotnaja-Platz befindet sich zwischen dem Kreml und dem alten Kaufmannsviertel Samoskworetschje im Zentrum Moskaus. Er hat im Mittelalter zunächst als Handelsplatz gedient, später kam ihm immer wieder eine wichtige politische Bedeutung zu, zuletzt während der Proteste gegen die Regierung in den Jahren 2011/12..

Abwertend ist die Bezeichnung zum einen, weil „Bolotnoe dwishenie“ wörtlich „Sumpfbewegung“ bedeutet. „Sumpfplatz“ heißt dieser Abschnitt der Flussinsel in der Moskwa, weil der angrenzende Kanal in den 1780er Jahren zur Austrocknung der Sümpfe angelegt wurde, die alljährlich nach der Schneeschmelze entstanden.1 Der Begriff „Sumpfbewegung“ suggeriert jedoch auch eine aussichts- und zahnlose Form von Protest, die sich von vorneherein auf die Bedingungen von Polizei und Machthabern einlässt. Bereits in den Jahren vor 2011 bestimmten die Moskauer Behörden den Platz oft als Ort für regimekritische Kundgebungen, weil er trotz seiner zentralen Lage relativ abgeschieden ist und sich ohne Schwierigkeiten überwachen und absperren lässt. Bei der Vorbereitung der ersten Großkundgebung für faire Wahlen am 10.12.2011 konnte sich die radikalere Fraktion, die auf dem ManegenplatzDer Manegenplatz liegt im Stadtzentrum Moskaus: Im Osten steht der Kreml, im Norden das ehemalige Hotel Moskwa und im Süden die namensgebende Manege. Der Platz ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte, ein Schauplatz wichtiger politischer Auseinandersetzungen und ein Gedächtnisort in der Erinnerungskultur Russlands. Die Verkleinerungsform Maneshka steht heute aber vor allem für die nationalistischen Ausschreitungen, die sich in den Jahren 2002 und 2010 auf dem Platz abspielten. direkt vor dem Kreml demonstrieren wollte, nicht gegen moderatere Protestteilnehmer durchsetzen, die mit der Moskauer Stadtverwaltung auf den Bolotnaja-Platz als Demonstrationsort übereinkamen.2

Vor allem aber impliziert die Bezeichnung, die Proteste hätten sich auf Moskau (und hier vor allem auf eine „kreative“ oder Mittelklasse) beschränkt – obwohl in den meisten Regionen des Landes demonstriert wurde, in einigen proportional gesehen sogar mehr als in der Hauptstadt3. SoziologInnen, die die Wahlproteste als eine eher oberflächliche Modeerscheinung ansehen, stellen mit der Bezeichnung „Bolotnoe dwishenie“ einen Kontrast zu SozialprotestenWeit verbreitet sind in Russland Proteste zu Sozialthemen wie Lohnrückstände, Sozialabbau oder LKW-Maut. Im Gegensatz zu Protestaktionen der Oppositionellen und Aktionskünstler wird jedoch über sie gerade von den westlichen Medien selten berichtet. Die Aktionsformen reichen vom Bummelstreik bis zur Selbstverbrennung. Von einigen Beobachtern als unpolitisch abgetan, gilt der Sozialprotest anderen als der wahrhaft politische, da es um konkrete Interessen statt eines abstrakten Wandels geht. her, die sie als stärker mit den tatsächlichen Interessen der Bevölkerung verbunden ansehen.4 Allerdings war die Grenze zwischen beiden Protestanliegen gerade in einigen Provinzregionen durchaus fließend.

Ein verwandter Begriff ist Bolotnoe delo, also der Bolotnaja-Prozess. Er bezieht sich auf die Massenverhaftungen beim Marsch der Millionen am 6.5.2012 auf dem und um den Bolotnaja-Platz sowie die anschließenden Gerichtsverfahren gegen einige der Verhafteten und andere, die erst später wegen angeblicher Aufwiegelung zu Massenunruhen festgenommen wurden. Insgesamt wurden am 6. Mai nach Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei etwa 650 Menschen verhaftet.5 In den folgenden Wochen und Monaten führten Ermittler eine Reihe von Durchsuchungen und Verhaftungen durch, wobei in einem Fall ein aus Moskau geflüchteter politischer Aktivist durch den russischen Geheimdienst aus Kiew entführt wurde, während er dort Asyl beantragte. Insgesamt wurden über 30 Personen angeklagt, die meisten von ihnen verbrachten mehrere Monate in Untersuchungs- oder Lagerhaft bzw. in der Zwangspsychiatrie. Es wurden Haftstrafen von bis zu 4,5 Jahren verhängt. Die Bandbreite der Angeklagten reicht von Demonstrationsneulingen bis hin zu linken, rechten, liberalen und anarchistischen AktivistInnen der Geburtsjahrgänge 1955 bis 1992. Vier der Inhaftierten sind im November 2016 noch hinter Gittern, die anderen sind – zum Teil per Amnestie oder auf Bewährung – freigekommen, bzw. befinden sich im Ausland.6

Während Untersuchungskomitee und Staatsanwaltschaft, gestützt auf Aussagen der Polizei, die Angeklagten als Teilnehmer gewalttätiger Massenunruhen ansahen, kam eine öffentliche, dem Protest und der politischen Opposition nahestehende, Kommission nach Befragung von über 600 Zeugen und Auswertung umfangreicher Foto- und Videodaten zu dem Schluss, die Zusammenstöße seien von den Behörden bewusst provoziert worden.7 Die Verhaftungen und Gerichtsverhandlungen im Rahmen des Prozesses waren ihrerseits von regelmäßigen Solidaritätsprotesten begleitet – bis weit in das Jahr 2013 hinein blieb der „Bolotnaja-Prozess“ eines der wichtigsten politischen Protestthemen in der Hauptstadt, wobei wegen der im Juni 2012 beschlossenen weiteren Einschränkung der Versammlungsfreiheit vor allem Einzelpersonen oder kleinere Gruppen protestierten.8


1.Gabowitsch, Mischa (2013): Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur, Berlin, S. 11
2.ebd., S. 171
3.ebd., S. 82
4.z. B. Kleman, Karin (2014): К voprosu о lokalʼnom i globalʼnom v nizovych socialʼnych dviženijach Rossii v 2005–2010 godach, in: Politika apolitičnych: Graždanskie dviženija v Rossii 2011–2013 godov, Moskau, S. 71-105, insbesondere S. 100-103
5.ovdinfo.org: Čelovek iz avtozaka: političeskie zaderžanija v Moskve: Godovoj doklad OVD-Info za 2012 god
6.Detaillierte Informationen zu den einzelnen Angeklagten und den jeweiligen Verfahren und Urteilen bieten die Webseiten politpressing.org, 6may.org, rosuznik.org und bolotnoedelo.info.
7.sh. die Webseite der Kommission „Runder Tisch des 12. Dezember“ unter www.rt12dec.ru und ihre Publikation Bolotnoe delo: ItogiDie Diskussionssendung Itogi (dt. Bilanz) war eine analytische Talkrunde über aktuelle politische Ereignisse. Sie wurde in den Jahren 1994 bis 2001 mit hohen Einschaltquoten auf NTW gezeigt. obščestvennogo rassledovanija: Vyderžki iz Doklada Komissii «Kruglogo stola 12 dekabrja» po obščestvennomu rassledovaniju sobytij 6 maja 2012 goda na Bolotnoj ploščadi, Moskau 2013
8.Siehe dazu die quantitativen Erhebungen von OVD-Info unter reports.ovdinfo.org – zum Jahr 2012 gibt es eine Zusammenfassung des Berichts auch auf Englisch.
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Der Bolotnaja-Platz befindet sich zwischen dem Kreml und dem alten Kaufmannsviertel Samoskworetschje im Zentrum Moskaus. Er hat im Mittelalter zunächst als Handelsplatz gedient, später kam ihm immer wieder eine wichtige politische Bedeutung zu, zuletzt während der Proteste gegen die Regierung in den Jahren 2011/12.

Meeting am 10. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz

Nachdem erste Meldungen über Manipulationen bei den Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011 publik wurden, gab es zunächst kleinere Protestaktionen in Moskau. Eine Woche später fand am 10. Dezember 2011 auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau eine der größten Demonstrationen der jüngeren Geschichte Russlands statt, als Zehntausende saubere Neuwahlen forderten. Es entstand eine neue Protestbewegung, die vom Staat über die folgenden Monate jedoch wieder unterdrückt wurde.

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Als Farbrevolutionen bezeichnet man eine Reihe friedlicher Regimewechsel in post-sozialistischen Ländern. Diese wurden unter anderem durch gesellschaftliche Großdemonstrationen gegen Wahlfälschungen ausgelöst. Aufgrund der Farben beziehungsweise Blumen, mit denen die Bewegungen assoziiert werden, ist der Sammelbegriff Farbrevolutionen entstanden. Stellt der Begriff für die politische Elite in Russland eine Bedrohung ihrer Macht dar, verbinden oppositionelle Kräfte damit die Chance auf einen Regierungswechsel.

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Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wurde im sogenannten Kirowles-Prozess vor Gericht zu einer Haftstrafe von fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Doch seine Kampagne für die Präsidentschaftswahl 2018 geht zunächst weiter. Jan Matti Dollbaum über die Hintergründe.

Mitja Aleschkowski

Aleschkowski ist ein Fotograf, Blogger und Aktivist. In Russland wurde er 2012 bekannt, als er durch seine Koordination wesentliche Hilfe bei einer verheerenden Flutkatastrophe leistete. Anschließend baute er in Russland eine erfolgreiche zivilgesellschaftliche Hilfsorganisation auf.

Ermittlungskomitee

Das Ermittlungskomitee (Sledstwenny komitet/SK) ist eine russische Strafverfolgungsbehörde. Sie gilt als politisch überaus einflussreich und wird häufig mit dem US-amerikanischen FBI verglichen.

Itogi

Die Diskussionssendung Itogi (dt. Bilanz) war eine analytische Talkrunde über aktuelle politische Ereignisse. Sie wurde in den Jahren 1994 bis 2001 mit hohen Einschaltquoten auf NTW gezeigt.

Jedinaja Rossija

Die Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit.

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