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Tschistoprudny bulwar

Der Tschistoprudny bulwar ist Teil des Boulevardrings im Zentrum Moskaus. Er ist aufgrund seiner zentralen Lage ein beliebter Ort zum Flanieren und Verweilen und war während der Regierungsproteste 2011/12 Schauplatz von Demonstrationen und Protestaktionen.

Der Tschistoprudny bulwar ist ein etwa 800 Meter langer Abschnitt auf dem Moskauer Boulevardring, der die historische Altstadt im Nordosten umschließt. Der Name des Boulevards der sauberen Teiche, wie die deutsche Übersetzung lautet, verweist auf einen historischen Wandel in der Nutzung des Gebiets: Ursprünglich entsorgten die Fleischereibetriebe der nahegelegenen Mjasnizkaja-Straße (Mjaso bedeutet Fleisch) an den hier gelegenen Teichen ihre Abfälle, weshalb die Gegend eigentlich als Stinkende Teiche bekannt war. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kaufte Fürst Alexander Danilowitsch Menschikow hier ein Grundstück und befahl, die Teiche zu säubern, und so bürgerte sich der neue Name ein. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert errichtete die Moskauer Oberschicht zahlreiche repräsentative Häuser mit großen Wohnungen, sodass eine Straße im Stile der breiten Pariser Prachtboulevards entstand. In der Sowjetunion wurden viele dieser Wohnungen in Gemeinschaftswohnungen, die KommunalkasEine Kommunalka ist eine Wohnung, die gleichzeitig von mehreren Familien bewohnt wird. Die Wohnform nahm ihren Anfang nach der Revolution von 1917, als große Wohneinheiten wohlhabender Familien auf mehrere Familien aufgeteilt wurden. Anfänglich als Not- und Übergangslösung gedacht, etablierte sich die Kommunalka bald als permanenter lebensweltlicher Ausnahmezustand und soziale Instanz. Seit der Perestroika ist es das große Ziel eines Jeden, diese Wohnform gegen eine Einzelwohnung einzutauschen. , umgewandelt; andere dienten zahlreichen sowjetischen Persönlichkeiten wie dem Regisseur Sergej Eisenstein als Zuhause.

Der Tschistoprudny bulwar entwickelte sich mit beliebten Theatern wie dem Et Cetera und dem Sowremennik zu einer Schlagader des kulturellen Lebens der Hauptstadt. Das Sowremennik, welches sich in einem prachtvollen, weißen neoklassizistischen Bau befindet, der früher als Kinotheater diente, war in der TauwetterperiodeBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Chruschtschows die erste von einem freien Schauspielerkollektiv geleitete Bühne der Stadt.

Für gestresste Moskauer ist der knapp 100 Meter breite Tschistoprudny bulwar ein beliebter Erholungsort. Zwischen zwei Einbahnstraßen befindet sich ein parkähnlicher, fußgängerfreundlicher Bereich, der von Bäumen gesäumt wird und als beliebter Treffpunkt von Jugendlichen und Straßenmusikern sehr lebendig ist. Regelmäßige Freiluftausstellungen und Märkte, zahlreiche Restaurants und im Winter eine der schönsten Schlittschuhbahnen der Stadt laden zum Spazieren und Verweilen ein.

Bei den Regierungsprotesten 2011/12Nachdem Putin im September 2011 angekündigt hatte, wieder Präsident werden zu wollen, und im Dezember zahllose Wahlbeobachter über massive Wahlfälschungen berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion. Sie bewies erstaunliches Durchhaltevermögen, versiegte jedoch im Jahr 2013 aufgrund von inneren Streitigkeiten und der repressiven Reaktion des Staates. wurden Teile des Boulevardrings, darunter auch der Tschistoprudny bulwar, für Demonstrationen und Protestveranstaltungen genutzt. Hier fand einen Tag nach den Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011 die erste größere Demonstration gegen WahlfälschungenWahlfälschungen sind Wahlmanipulationen entgegen demokratischen Prinzipien. Nachdem im Dezember 2011 zahlreiche Wahlbeobachter über massive Fälschungen bei der Dumawahl berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion und forderte eine Untersuchung der Vorwürfe. Bei der Dumawahl 2016 stellten Wahlbeobachter weniger Unregelmäßigkeiten als 2011 fest, verwiesen zugleich jedoch auf einen hohen Einfluss der administrativen Ressource. statt, an der sich ca. 10.000 Menschen beteiligten. Oppositionelle Kräfte errichteten auf dem Tschistoprudny bulwar vom 9. bis 16. Mai 2012 neben dem Denkmal für den kasachischen Dichter Abai Qunanbajuly ein Protestcamp, das sie in Anlehnung an die Occupy Wall Street-Bewegung Occupy Abai nannten. Bis zu 2.000 Personen nahmen an Lesungen, Vorträgen, Diskussionen etc. teil, bis die Polizei das Camp räumte und führende Organisatoren wie Alexej NawalnyAlexej Nawalny ist einer der bekanntesten Oppositionspolitiker und Aktivisten Russlands, der die staatliche Elite in seinen Veröffentlichungen regelmäßig mit schwerwiegenden Vorwürfen zu Korruption und Machtmissbrauch konfrontiert. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker Wladimir Putins. und Sergej UdalzowSergej Udalzow ist einer der bekanntesten russischen Oppositionspolitiker. Er ist in mehreren Bewegungen aktiv und gilt als einer der Anführer der radikalen Linken. Aufgrund seiner regierungskritischen Aktivitäten steht er regelmäßig in Konflikt mit der Staatsmacht und sitzt derzeit wegen Organisation von Massenunruhen in Haft. festnahm.

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