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Andrej Kontschalowski

Kaum ein anderer russischer Filmemacher ist so schwierig zu entschlüsseln wie Andrej Kontschalowski. Diskussionsstoff liefert er selbst – mit seinen Filmen und Theaterstücken, mit seinen Aussagen, mit seiner gesellschaftlichen Position, die eine eindeutige Kategorisierung schwierig bis unmöglich macht. 

Fest steht, dass Kontschalowski in den verschiedensten Lagern hohes Ansehen genießt — und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Ehemals Opfer der Anti-TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.-Zensur, trat er zuletzt immer wieder als Gesellschaftskritiker auf: Am Pranger stand nicht nur die russische Mentalität, sondern vor allem die antirussische Haltung des Westens. 

Diese zwiespältige Wende vom internationalen Liberalen„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde.-Kosmopoliten zum nationalen Konservativen deutet sich auch in seinen beiden letzten Filmen an, Belyje Notschi Potschtaljona Alexeja TrjapitsynaWeiße Nächte des Postboten Trjapizyn ist ein 2014 erschienenes Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2014 gewann der Film den Silbernen Löwen. Es ist der Abschlussfilm seiner Trilogie über die tiefste Provinz Russlands. Der Filmemacher beschreibt in den Weißen Nächten den Alltag der Bewohner einer abgelegenen Region und ihre völlige Politik- und Staatsferne. Der einzige Berührungspunkt zum Staat liege im staatlichen Postunternehmen, vertreten durch den Postboten Trjapizin. (dt. Die Weißen Nächte des Postboten Alexej Trjapizyn, 2014) und RaiRai (dt. Paradies) ist ein Filmdrama des Regisseurs Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Der 2016 erschienene Film verwebt die Schicksale dreier Protagonisten im Zweiten Weltkrieg: das des SS-Offiziers Helmut, des französischen Kollaborateurs Jules und das von Olga, die zur Résistance gehört. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2016 gewann der Film den Silbernen Löwen. Er war der russische Vorschlag für die Oscarverleihung 2016, wurde jedoch nicht nominiert.  (dt. Paradies, 2016), die ihm beim Internationalen Filmfestival in Venedig jeweils den Silbernen Löwen für die Beste Regie einbrachten. 

Foto © Mikhail Katasonov/WikipediaBevor man über den Theater- und Filmemacher Kontschalowski spricht, erfolgt üblicherweise der Hinweis auf den Stammbaum. Immerhin haben wir es mit einem der beiden Söhne der Dynastie Sergej Michalkow (1913-2009) zu tun. Jenem honorierten Schriftsteller, der für den Text gleich beider Hymnen (der alten sowjetischen wie der neuen russischen) verantwortlich zeichnen durfte und Kinderliteratur für Generationen an Sowjetbürgern verfasste. 
Die familiäre „Vorbelastung“ macht Andrej Kontschalowski aber seit Beginn seiner Filmkarriere 1960 – davor studierte er Klavier – in erster Linie zum Bruder: des um acht Jahre jüngeren und berühmteren Nikita MichalkowNikita Michalkow (geb. 1945) ist der jüngere Bruder von Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Michalkow ist ein bekannter Schauspieler und Regisseur; für seinen Film Die Sonne, die uns täuscht gewann er 1995 den Oscar. Michalkow gilt als lautstarker Unterstützer des Präsidenten Putins: So startete er 2007 mit einigen anderen Kulturschaffenden einen flammenden Aufruf an Putin, eine dritte Amtszeit als Präsident anzutreten. Die Verfassung Russlands erlaubt demgegenüber nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten., dessen patriotisch-imperialistischen Töne (in seinen Filmen ebenso wie den öffentlichen Auftritten) längst seinen einstigen Ruhm als Starschauspieler und -regisseur überdecken. 

Kontschalowski versus Michalkow

Kontschalowski suchte die soziale Distinktion zunächst über seinen Namen, wollte nicht der sein, als der er geboren wurde (Andrej Michalkow), sondern war zunächst Andrej – vielmehr Andron – Kontschalowski-Michalkow und dann nur noch Kontschalowski. Die beiden Hälften des geerbten Doppelhaus-Anwesens waren jahrelang von Brüdern bewohnt, die füreinander nur verächtliches Schweigen übrig hatten. 
Michalkow mischt politisch aktiv mit, unterstützte in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. öffentlich Boris JelzinBoris Jelzin (1931–2007) war der erste demokratisch gewählte Präsident Russlands. Er regierte von 1991 bis 1999, seine Amtszeit war durch tiefgreifende politische und ökonomische Krisen geprägt. Jelzin setzte massive Reformen in Gang: unter anderem ein Programm zur Privatisierung von Staatseigentum und ein folgenschweres Programm zur Umgestaltung der politischen Kultur. Letzteres bezeichnen viele Wissenschaftler als „Entsowjetisierungs-Programm.”, was er 20 Jahre später als großen Fehler bezeichnete. Er warb von Beginn an offen für Putin, ruinierte den altehrwürdigen sowjetischen Filmverband und forcierte, besonders seit der Ukraine-KriseDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.   , die Spaltung der intellektuellen Landschaft. 
Kontschalowski hingegen, der 1980 nach Hollywood gegangen war – eine sehr produktive und halbwegs erfolgreiche Phase seiner Regie-Karriere (mit Filmen wie Maria’s Lovers, 1983 oder Runaway Train, 1985) – hielt sich nach seiner Rückkehr nach Russland Anfang der 1990er Jahre in politisch unbedarfteren Nischen des Kulturlebens auf: Er inszenierte die russischen Klassiker (insbesondere TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken. ) auf den vordersten Bühnen des Landes (wie er sie in den 1970er Jahren verfilmt hatte), entfachte gemeinsam mit seiner fünften Gattin, Julia WyssozkajaJulia Wyssozkaja (geb. 1973) ist eine bekannte russische Fernsehmoderatorin, Video-Bloggerin, Film-  und Theaterschauspielerin. 2017 wurde sie für ihre Hauptrolle in Kontschalowskis Film Raj (dt. Paradies) als beste Schauspielerin mit Nika ausgezeichnet – dem wichtigsten russischen Filmpreis. Wyssozkaja ist seit 1998 mit dem Regisseur Andrej Kontschalowski verheiratet., durch die TV-Sendung Jedim doma (dt. Essen wir zuhause) einen kulinarischen „home food“-Boom und galt weithin als internationaler Repräsentant eines amerikanisch-französisch-russischen Kinos mit mehreren Wohnsitzen und Reisepässen. 

In Filmkreisen aber steht Kontschalowski für den nonkonformistischen Denker, der die zentralen historischen Krisen Russlands in filmischen Meisterwerken reflektiert hat: die Revolutions-Krise, die Sozialismus-Krise, die Ökologie-Krise sowie den Tschetschenien-KriegIn beiden Tschetschenienkriegen (1994–1996 und 1999–2009) kämpfte die russische Armee gegen separatistische Widerstandskämpfer der Republik im russischen Nordkaukasus. Während der erste Krieg die faktische Autonomie der Provinz zum Ergebnis hatte, konnten die russischen Kräfte im zweiten Krieg nach jahrelangen Kämpfen, die auch zahlreiche Opfer forderten, die Region unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten verübten während der Kriege schwere Menschenrechtsverletzungen.

Naturalistisches Sezieren der Alltagsmomente

Den Anfang machte 1965 sein kritisch-poetischer Blick auf die OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang.: Perwy Utschitel (dt. Der erste Lehrer, 1965) setzt (und deutet) Tschingis Aitmatows gleichnamige Erzählung in Schwarz-Weiß und mit semidokumentarischen Mitteln kreativ um. Der Film wurde damit zu einem zentralen Vertreter der SchestidesjatnikAls Schestidesjatniki (dt. etwa Sechziger) wird eine Generation bezeichnet, die in den 1960er Jahren erwachsen wurde oder bereits im frühen Erwachsenenalter war. Viele der Schestidesjatniki begrüßten es, als sich in der sogenannten Tauwetter-Periode unter Nikita Chruschtschow eine Lockerung des Regimes und eine kritische Reflexion der Herrschaft Stalins abzeichnete. In der Konsequenz begehrten sie auf, als unter Leonid Breshnew die Ära der Stagnation begann, in deren Folge die aufgekommene freiheitliche Grundstimmung wieder unterdrückt wurde. Viele verloren ihre Jobs, wurden zu Gefängnis oder Lagerhaft verurteilt.-Kultur, der Aufbruchsstimmung eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ der frühen 1960er Jahre. Anders als sein fünf Jahre älterer Kollege Andrej TarkowskiAndrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland., der wie er die Filmhochschule WGIKDas Gerassimow Institut für Kinematographie (WGIK) wurde 1919 als staatliche Filmhochschule in Moskau gegründet. Es hieß zunächst Staatliches All-Unions Institut für Kinematographie. Das WGIK brachte viele international bekannte Regisseure und Schauspieler hervor, wie Andrej Tarkowski, Marlen Chuzijew, Otar Iosiliani oder auch Golden Globe-Gewinner Sergej Bondartschuk. Viele lehrten, wie auch Marlen Chuzijew, später selbst dort. in der Regie-Klasse Michail Romms absolvierte und mit dem er das Drehbuch zu dessen Filmen Iwanowo Detstwo (dt. Ivans Kindheit) und Andrej Rubljow verfasste, ist Kontschalowski an einem fast naturalistischen Sezieren konkreter historischer Alltagsmomente interessiert. 

Den ästhetischen Höhepunkt dieses beobachtenden, scheinbar amateurhaften Kinos stellt dabei zweifellos der 1966 gedrehte Skandalfilm Istorija Asi Kljatschinoi, kotoraja ljubila, da ne wyschla samush (dt. Die Geschichte Asja Kljatschinas, die liebte, aber nicht heiratete, 1966) dar. Hier stehen nicht mehr die Ideale der Revolution, sondern die Realismen des Sozialismus im Zentrum, genauer das Leben einer einfachen Frau in einer KolchoseDas Wort bezeichnete in der Sowjetunion eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Es setzt sich zusammen aus den Anfängen der Wörter „kollektiv“ (kollektiwny) und „Wirtschaft/Haushalt“ (chosjaistwo). Seit 1929 wurde die Landwirtschaft mit Zwangskollektivierungen in Kolchosen organisiert. Die Betriebe waren formal selbstverwaltet, die Produktionsmittel gehörten dem Kollektiv. Die Leiter der Kolchosen wurden allerdings von der Partei eingesetzt, und der Boden gehörte dem Staat.
Mit dieser Art direct cinema, von Laien dargestellt, im Dialekt gesprochen und mit unverfälschten Außenaufnahmen, war beim sowjetischen Filmsystem nichts zu holen: Der Film wurde einer der berühmten Regalfilme, Kontschalowski ungefragt zum Dissidenten und in den PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.-Jahren, als der Film hervorgeholt wurde, zum Star. 

Das vierteilige Erdöl-Katastrophen-Epos Sibiriada, realisiert 1978 – als der Regisseur mit der Sowjetmacht endgültig auf Kriegsfuß stand – brachte ihm den Grand Prix in Cannes ein, während das vom medizinischen Personal verlassene, tschetschenisch-inguschetische Dom Durakow (dt. Das Irrenhaus, 2002) zu einer paradoxen Metapher für das postsowjetische Russland wurde.

Liberalismus versus Konservatismus

„Patriotismus fängt mit der Möglichkeit an, das Land zu verlassen“1, sagte Kontschalowski immer wieder in Interviews und betont damit, dass man sein Land besonders dann lieben lerne, wenn man auch andere gesehen hat. Er selbst nutzte diese Möglichkeit großzügig: Noch nach seiner Rückkehr aus den USA Anfang der 1990er Jahre drehte er den Fernsehfilm Odyssee, der 1997 auf NBC lief und zwei Emmys gewann. Viele seiner Filme, wie auch der letzte Film Rai, sind internationale Co-Produktionen, an denen neben Russland auch die USA, Deutschland, Frankreich und weitere Länder beteiligt sind. 

So gibt sich Kontschalowski als Grenzgänger – und zwar nicht nur zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen, sondern auch zwischen politisch-philosophischen Strömungen, zwischen Konservatismus und Liberalismus. Daneben scheint er aber auch darauf bedacht, sich jenseits dieses bipolaren Schemas zu zeigen. 

2012 unterschrieb Kontschalowski einen offenen Brief oppositioneller Kulturschaffender zur Unterstützung der Gruppe Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager., 2013 warb er bei der Bürgermeisterwahl in Moskau für Sergej SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding, im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. , Kandidat der Regierungspartei Einiges RusslandDie Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit.. Für viele passt das nicht zusammen.
Es scheint, als hätte er sich zum Ombudsmann der historischen und aktuellen politischen Ambivalenzen gemacht: Der Regisseur, für den die Freiheit die höchste Priorität besitzt, vertritt heute offen eine kulturkonservative Position, die ihren Ursprung in der russischen religiösen Philosophie hat. Kontschalowski bezieht sich in vielen Interviews auf die SlawophilenSlawophilie bezeichnete eine vor allem publizistische und religionsphilosophische Bewegung zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die eine Einheit aller slawischen Völker und eine Rückkehr Russlands zu jenen Zeiten proklamierten, bevor Zar Peter der Große (1672–1725) an Westeuropa orientierte Reformen durchsetzte. Die Bewegung entstand vor dem Hintergrund der damals vieldiskutierten Frage nach Russlands Zukunft. Die sogenannten Sapadniki (dt. Westler) forderten einen gemeinsamen Weg von Russland mit Europa, Slawophile glaubten demgegenüber, jedes Land, darunter auch Russland, habe einen eigenen Weg. Große Teile beider Strömungen befanden sich in Opposition zu der Politik des Zaren. In der Gegenwart wird der Begriff Slawophilie oft verwendet, um das Phänomen des russischen Nationalismus zu erklären. des 19. Jahrhunderts und auf Philosophen wie BerdjajewNikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken. oder verweist auf das Buch seines Großonkels Dimitri KontschalowskiDimitri Kontschalowski (1878–1952) war ein Historiker, Philologe und Professor für Alte Geschichte an der Moskauer Universität MGU. Da er die Oktoberrevolution 1917 ablehnte, musste er 1921 die Universität verlassen und unterrichtete seitdem Fremdsprachen. Während des Zweiten Weltkrieges lebte er auf deutschem Besatzungsgebiet und zog 1944 nach Deutschland. Nach zweijährigem Aufenthalt in einem Durchgangslager bei Hamburg zog er 1947 nach Paris, wo er bis zu seinem Tod lebte. Dimitri Kontschalowski ist der Großvater des russischen Filmregisseurs Andrej Kontschalowski. (1878–1952) Puti Rossii (dt. Die Wege Russlands)2 hin, in dem dieser ein russisches Volk skizziert, das für die Demokratie ungeeignet ist, gleichzeitig den Bolschewismus brandmarkt.

Es sind scheinbar unvereinbare gesellschaftliche Positionen, die im Stammbaum der Kontschalowskis vertreten sind. Andrej Kontschalowski versucht sich in ihrer Synthese.


1.Pozner, Wladimir (2014): Pozner o „Poznere“, Moskva
2.Končalovskij, Dmitrij (1969): Puti Rossii, Paris
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Er war ein Laie, dessen erster Film 2003 mit dem Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet wurde. Heute zählt er zu den wichtigsten Regisseuren Russlands. Sein neuestes Werk Neljubow  (dt. Abneigung) läuft jetzt im Wettbewerb von Cannes und kommt am 1. Juni in die russischen Kinos. Eva Binder über den ungewöhnlichen Filmemacher Andrej Swjaginzew, seine Beziehungsdramen im „großen Still“ und die Hetzkampagne rund um seinen Film Leviathan.

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Andrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)