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Wassili Aksjonow

Wassili Aksjonows literarische Karriere begann Ende der 50er Jahre in LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. grad. Er erlebte in der Metropole ein Klima intellektueller Liberalisierung, das nach Stalins Tod für ein gutes Jahrzehnt als Zeit des sowjetischen Tauwetters in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Aksjonow orientierte sich hier an westlichen Lebensentwürfen: Jazz, Pop, die legendäre Stiljagi-Kultur, Amerika und ein Hauch von aufbegehrender Jugendbewegung bildeten in dieser Zeit seine kulturellen Referenzen.

Der frühe Roman Swjosdny bilet (dt. „Fahrkarte zu den Sternen“) von 1961 setzte dieser Atmosphäre, wie wohl kaum ein Text der Chruschtschow-Zeit, ein Denkmal und machte Aksjonow rasch zur Ikone einer neuen Welle von Sowjetliteratur und zu einem der meistgelesenen Autoren. Die sogenannte Junge Prosa, zu der auch Autoren wie Andrej Bitow oder Wladimir Woinowitsch zählten, zeichnete sich aus durch stilistische und thematische Frische, Authentizität ihrer zumeist jugendlichen Helden und einen neuartig aufrichtigen Tonfall.

Aksjonow erlebte die TauwetterphaseBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. als eine radikale Wende in seinem Leben, das zuvor von biographischen Tragödien gekennzeichnet war. Er stammte ursprünglich aus dem tatarischen Kasan, wo seine Eltern als überzeugte Kommunisten gehobene Posten in der Partei innehatten. Wassilis anfangs harmonische Kindheit endete abrupt im Jahr des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. 1937, als die Eltern aufgrund von sogenanntem Trotzkismus verhaftet und in Arbeitslager deportiert wurden.

Jewgenija GinsburgJewgenija Ginsburg (1904–1977) war eine sowjetische Journalistin und Historikerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Memoiren, die sie überwiegend ihren Erfahrungen in sowjetischen Arbeitslagern widmete. 1937 wurde Ginsburg Opfer Stalinscher Säuberungen, als angebliche Trotzkistin wurde sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihre auch ins Deutsche übersetzten Erinnerungen stehen in einer Reihe mit den Werken von Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn. , die Mutter, deren bestürzende Biographie Krutoi Marschrut (Marschroute eines Lebens) später von dieser Zeit des Terrors Zeugnis ablegte, wurde für zehn Jahre verurteilt, sein Vater Pawel sogar für 15. Das Kind wuchs bei Verwandten auf und übersiedelte schließlich nach der Haftentlassung der Mutter 1947 zu dieser nach MagadanRussische Hafenstadt in der gleichnamigen Oblast am Ochotskischen Meer. Entstanden als Zwangsarbeitslager, wurde die Stadt in den 1930er Jahren Verwaltungszentrum des GULag-Komplexes im Fernen Osten. Stadt und Hafen wurden so hauptsächlich von Häftlingen errichtet. Der ganzjährig eisfreie Hafen wird bis heute militärisch genutzt, war bis 1991 allerdings Sperrgebiet. . Nach LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. grad kam er 1953 zunächst für ein Medizinstudium.

Entfremdung von der offiziellen Kulturpolitik

Gelang Aksjonow in seinen frühen Romanen noch der bemerkenswerte Spagat zwischen den Normen des Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    und einer Rebellenliteratur, deren Figuren oft voller Zweifel am gesellschaftlichen System waren, so verschlechterte sich ab 1963 sein Verhältnis zur Staatsmacht merklich. Er sah sich einer immer offeneren Kritik durch die Behörden und sogar durch Staatschef Nikita ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. ausgesetzt. Die Entfremdung Aksjonows von der offiziellen Kulturpolitik fand ihren literarischen Niederschlag in bissigen Satiren.

Foto © liveinternet.ruMit Beginn der BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.-Ära wurde es so für Aksjonow immer schwieriger, seine Werke zu veröffentlichen. Im restaurativen Klima der 70er Jahre waren viele Autoren wie etwa Alexander SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. oder Joseph Brodsky offener Repression ausgesetzt. Auch Aksjonow, den die sowjetischen Behörden zunächst noch versuchten einzubinden, verfasste nun diverse Texte nur noch für die Schublade, so etwa den Roman Oshog (Gebrannt), der erst in den 1980er Jahren veröffentlicht werden konnte.

Alternative Geschichte Russlands mit prophetischer Dimension

Auch sein im Westen heutzutage vielleicht berühmtester und zugleich letzter noch in der Sowjetunion verfasster Text konnte erst Jahre später erscheinen. Im Roman Ostrow Krim (Die Insel Krim) schreibt Aksjonow eine alternative Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert.

Der Roman ist die literarische Vision eines von der Sowjetunion unabhängigen Freistaates KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus., in dem sich demokratische Institutionen und ein prosperierendes kapitalistisches Wirtschaftssystem entwickelt haben. Im Zentrum steht der einflussreiche Herausgeber Lutschnikow, der von der Idee der Wiedervereinigung der Krim mit der Sowjetunion besessen ist. Seine Pläne führen allerdings zum Debakel am Ende des Romans. Es kommt schließlich zu einer apokalyptischen Invasion der Insel durch das sowjetische Militär und zum gewaltsamen Anschluss an die Sowjetunion.

Wenngleich der Roman als Parabel über den Kalten Krieg zu verstehen ist, besitzt er doch im Hinblick auf die russische Annexion der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. im Jahr 2014 eine geradezu prophetische Dimension.

Aksjonows Konflikt mit dem Staat eskalierte schließlich im Jahr 1979 in der Affäre um den gemeinsam mit Viktor Jerofejew und anderen zusammengestellten Almanach MetropolEin im Jahr 1979 unter anderem von Wassili Aksjonow und Wiktor Jerofejew  herausgegebener Band, der eine größere Menge unzensierter zeitgenössischer Texte enthielt. Auf diese Weise sollte die Autonomie der Autoren gegen die zentrale Zensurbehörde gestärkt werden. Doch durfte der Band nie erscheinen, und die Behörden setzten Einschüchterungskampagnen und Repressionen gegen dessen Herausgeber in Gang.. Als Aksjonow 1979 aus Protest aus der Schriftstellerunion austrat und kurz darauf aus dem Schriftstellerverband geworfen wurde, war seine materielle Grundlage in der Sowjetunion zerstört.

Während einer Auslandsreise 1980 in die USA entzogen ihm die sowjetischen Behörden schließlich die Staatsbürgerschaft. Seitdem lebte er gemeinsam mit seiner Frau in der Emigration. Er hatte in den USA verschiedene Literaturdozenturen inne und siedelte schließlich 2004 nach Biarritz in Frankreich um.

Die Postmoderne vorweggenommen

So aufsehenerregend Aksjonows Biographie ist, so unschätzbar hoch ist sein Wert für die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aksjonow experimentierte in seinem Schaffen fortwährend intensiv mit stilistischen Innovationen und hatte zugleich ein hervorragendes Gespür für literarische Trends und breitere kulturelle Dynamiken. Er arbeitete bereits in den 60er Jahren – etwa im Roman Satowarennaja botschkotara (Defizitposten Fassleergut, 1968) –  mit konzeptuellen Zitationsverfahren und anderen intertextuellen Sprach- und Formspielen und nahm hier die erst Jahre später zum Mainstream werdende ironisch postmoderne Dekonstruktion sowjetscher Narrative und Mythen ästhetisch vorweg. Obwohl seine Werke in Russland erst während der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. wieder publiziert werden durften, war sein Einfluss auf russische Autoren der Postmoderne wie SorokinVladimir G. Sorokin (*1955) gilt neben Viktor Pelevin, Tatjana Tolstaja und anderen als einer der bedeutendsten Vertreter der Postmoderne in Russland. Er stand den Konzeptualisten im sowjetischen Untergrund nahe und tritt seit den 1980er Jahren als Erzähler, Drehbuchautor und Dramatiker in Erscheinung. Seine Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  oder PelewinDas Werk des 1962 geborenen Schriftstellers erhielt bereits mehrere russische und internationale Preise. Es zeichnet sich durch einen ironischen Stil aus und wird mit dem Postmodernismus in Verbindung gebracht. Internationale Bekanntheit erlangte unter anderem Pelewins Roman Generation P, der die in den 1990er Jahren in Russland aufwachsende Jugend portraitiert. gewaltig.

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Alexander Solschenizyn

Im Westen ist Alexander Solschenizyn als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 70er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer.

Nikolaj Leskow

Nikolai Leskow (1831–95) ist der vielleicht eigentümlichste Autor unter den großen russischen Realisten. Maxim Gorki hielt seine Bücher für geschriebene Ikonen, Tolstoi sah in ihm den russischsten aller Schriftsteller. Seine Geschichten hörte er dem Volk ab und verarbeitete sie in kühnen, mitunter schwer verständlichen Sprachexperimenten. Von vielen Zeitgenossen angefeindet, erschütterten literarische Skandale seine Biographie.

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Wissarion Belinski

Wissarion Belinski (1811–1848) war der Erfinder der modernen Literaturkritik in Russland. Er lag im Dauerclinch mit dem zaristischen Regime und war der geistige Vater der Radikalen der 1860er Jahre. Literatur sah er als ein Vehikel politischer Agitation, er kämpfte für soziale Veränderungen und schrieb mit unbändiger Leidenschaft über Literatur. In der Sowjetunion als Vordenker eines utopischen Sozialismus beispiellos glorifiziert, sind noch heute Hunderte von Plätzen und Straßen nach ihm benannt.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

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Szene aus dem Film Mne dwadzat Let (All rights reserved)