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Wissarion Belinski

Wissarion Belinski lag im Dauerclinch mit dem zaristischen Regime und war der geistige Vater der Radikalen der 1860er Jahre. Literatur sah er als ein Vehikel politischer Agitation, er kämpfte für soziale Veränderungen und schrieb mit unbändiger Leidenschaft über Literatur. In der Sowjetunion als Vordenker eines utopischen Sozialismus beispiellos glorifiziert, sind noch heute Hunderte von Plätzen und Straßen nach ihm benannt. Belinski war trotz kurzer Karriere der Erfinder der modernen Literaturkritik in Russland.

Belinski wurde 1811 in Sveaborg (im heutigen Finnland) geboren und verbrachte seine Kindheit im Gouvernement Pensa an der Wolga. Da es der Familie nicht möglich war, Wissarion ein teures Studium zu finanzieren, lebte dieser, nachdem er sich 1829 in Moskau an der philosophischen Fakultät der Staatlichen Universität immatrikuliert hatte, in bitterer Armut. Bereits zur Studienzeit hatte Belinski mit dem repressiven System zu kämpfen, das Zar Nikolaj I. nach der Niederschlagung des DekabristenaufstandsAls Dekabristen werden die Offiziere der kaiserlichen Armee bezeichnet, die am 14./26. Dezember (russ. dekabr) 1825 in St. Petersburg einen Eid auf den neuen Zaren Nikolaus I. verweigerten, um gegen Leibeigenschaft, Zensur und zaristische Autokratie zu protestieren. Die Erhebung wurde bis zum Abend niedergeschlagen, fünf Anführer wurden zum Tode verurteilt, über 100 verbannt. 1825 eingeführt hatte und in welchem eine Atmosphäre der Überwachung des intellektuellen Lebens vorherrschte.

Als Sohn eines Flottenarztes gehörte Belinski zu den sogenannten RasnotschinzyUrsprünglich von der zaristischen Bürokratie im 17. Jahrhundert eingeführte Sammelbezeichnung für einen sozialen Stand, der sich aus Inhabern verschiedener Dienstgrade zusammensetzte (rasnyje tschiny). Im 19. Jahrhundert bezeichnete der Begriff Angehörige der gebildeten Schicht (Intelligenzija)., einer Gruppe nichtadeliger, aber hoch gebildeter junger Männer, die sich fortan politisch radikalisieren und zur ideologischen Opposition werden sollten. Zeit seines Lebens hatte er daher mit Zensurmaßnahmen zu kämpfen. Nachdem er ein Drama verfasst hatte, in dem Kritik an der LeibeigenschaftLeibeigene im zaristischen Russland waren zumeist Bauern, die im Besitz des Gutsherrn waren; sie mussten sein Land bewirtschaften und für die eigene Bewirtschaftung seines Landes Abgaben zahlen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 abgeschafft, in der Regel jedoch blieben die Bauern von den Gutsherren wirtschaftlich abhängig. geübt wurde, warf man ihn 1832 aufgrund von politischen Aktivitäten aus der Universität. Er arbeitete fortan als Kritiker in verschiedenen Journalen und avancierte zu einer der einflussreichsten Figuren in den intellektuellen Kreisen des Zarenreiches.

Belinski publizierte seine ersten literaturkritischen Texte 1834. Er trat bereits hier für eine radikale Erneuerung der russischen Literatur ein.

Portrait von Maler Gorbunov 1843 © GemeinfreiBildeten zunächst noch die idealistische Philosophie und insbesondere Schellings Metaphysik Grundlagen seiner Position, so wandelte sich sein Weltbild ab den 40er Jahren, als Belinski nach Petersburg umsiedelte. Er postulierte nun eine sozialkritische und politisch engagierte Literatur und begann, die Romantik abzulehnen. Er war in dieser Zeit maßgeblich an der Entstehung der sogenannten Natürlichen Schule beteiligt, einer literarischen Strömung der 40er Jahre, die die Kunst an Kriterien der außersprachlichen Wirklichkeit maß, den sozialen Aspekt von Ästhetik herausstellte und damit eine moderne Vorform des russischen Realismus (1840–80) darstellte. Eines seiner Hauptanliegen war die Entwicklung einer modernen russischen Nationalliteratur. Diese hatte sich auf aktuelle Aspekte der Gesellschaft und auf Themen aus dem russischen Alltag, also auf realistische Motive, zu konzentrieren.

Gleichzeitig gab Belinski trotz einer recht kurzen Karriere wichtige Impulse zur Neuerfindung der Literaturkritik als Format des sozialen Engagements. Die rhetorische und gedankliche Verflechtung von Literatur und Politik ermöglichte ihm, politische Polemiken in literarische Urteile zu kleiden. Er trug dabei nicht nur wirksam zur Kanonisierung von Autoren wie Puschkin oder Gogol bei, sondern besaß auch eine wichtige öffentliche Funktion, indem er diverse philosophische Texte und Konzepte überhaupt erst bei einem breiteren Publikum etablierte.

Politisch gehörte Belinski zu den sogenannten Sapadniki, der westlich orientierten IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.  , die Russland aufgrund seiner Kultur und geographischen Lage als einen Teil Europas ansahen, dessen Geschichte im Grunde erst mit den Reformen Peters I. begonnen hatte. Da das Reich im Vergleich zu den westlichen Nationen in der Entwicklung zurücklag, sollte es soziale, wirtschaftliche und industrielle Reformen aus dem Westen importieren. Weitere wichtige Themen waren die Kritik an der Vorzugsstellung des Adel, der Kampf gegen die LeibeigenschaftLeibeigene im zaristischen Russland waren zumeist Bauern, die im Besitz des Gutsherrn waren; sie mussten sein Land bewirtschaften und für die eigene Bewirtschaftung seines Landes Abgaben zahlen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 abgeschafft, in der Regel jedoch blieben die Bauern von den Gutsherren wirtschaftlich abhängig., außerdem beschäftigte er sich eingehend mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Belinski gilt auch heute noch als eine zentrale Figur der russischen Kulturgeschichte, wenngleich er auch nicht mehr die überhöhte Ikone ist, zu der er zu Sowjetzeiten gemacht wurde. Dort galt er als Initiator einer „progressiven“ Kulturkritik und eines utopischen Sozialismus im 19. Jahrhundert. Seine Schriften bildeten eine wichtige Einflussquelle für die Ästhetik des Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.   .

Belinski litt bereits früh unter einer schwachen Gesundheit und starb mit nur 37 Jahren. Zum Zeitpunkt seines Todes lag gerade ein Haftbefehl gegen ihn vor.

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