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Lubok

Die heutige Bildübersättigung lässt uns oft vergessen, wie selten und für den normalen alltäglichen Gebrauch unzugänglich Bilder vor dem 16. Jahrhundert waren. Die „Revolution des Bildes“ setzte erst mit der Entstehung von Reproduktionstechniken wie Holzstichen, Kupferstichen und Radierungen ein.1 Ebenfalls in die Reihe dieser Techniken gehört die russische Tradition des Volksbilderbogens, der unter der Bezeichnung Lubok bekannt ist.

Die Hexe Baba-Jaga, auf einem Schwein reitend, kämpft mit einem Krokodil. Lubok aus dem 17. Jahrhundert

Der Einblattdruck, der meistens von Hand koloriert wurde, bekam seinen Namen vermutlich von den Tragekörben aus Lindenrinde, Lubok, in denen die Verkäufer die Bilderbögen transportierten. Eine weitere Theorie führt den Namen auf die Herstellungsmethode zurück: Früher wurde in Russland Lindenbast, die etwas weichere und nachgiebigere Schicht unter der Rinde, zum Schreiben und wohl auch zur Anfertigung der Bilderbögen verwendet.2  Im übertragenen alltäglichen Sinne kann der Begriff Lubok oder das Adjektiv lubotschny heute auch für Dinge benutzt werden, die als plump, vulgär oder unbeholfen gelten.

Die genaue Entstehung des russischen Volksbilderbogens liegt für die Forscher im Dunkeln. Die frühesten Blätter werden auf das 17. Jahrhundert datiert. Die ersten Motive waren religiöser Natur, so dass man sie auch häufig „Papierikonen“ nannte. Die Ursprünge des Luboks liegen in der ausländischen und höfischen Kultur, da die meist anonymen Lubok-Künstler sich an ausländischen Vorbildern orientierten. Die Forscher weisen hier zum Beispiel auf die Vorbildfunktionen der Illustrationen aus der Lutherbibel oder Illustrationen und Bilderbögen aus Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien hin. Somit ist die Geschichte des russischen Volksbilderbogens auch eine Geschichte der Transformationen, der Synthese und des kulturellen Austauschs.3

Im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Lubok als Holzschnitt gefertigt. Ab den 1860er Jahren verbreitete sich die schnellere und genauere Technik der Metallgravur (Stich und Radierung). Die Motive veränderten sich im Laufe der Zeit, und infolge der günstigeren Herstellungstechnik wurden die Lubki im 19. Jahrhundert zunehmend auch auf dem Land verkauft. Sie wurden häufig an den Wänden der Hütten aufgehängt. Zu jedem Zeitpunkt handelte es sich aber um ein Produkt, das alle Verbraucherschichten vom Bauern bis zu den Provinzadligen erreichte.4

Die Mäuse beerdigen die Katze. 18. Jahrhundert.

Die Themenvielfalt war enorm, sie bewegte sich zwischen Witz und Satire, IkonenDie Ikonenverehrung ist ein zentrales Element der orthodoxen Glaubenspraxis. Als Kultbilder der orthodoxen Kirchen zeigen sie Christus, die Gottesmutter Maria und andere Heilige, zuweilen auch biblische Szenen. Um nach traditioneller Praxis verehrt werden zu können, muss eine Ikone von der Kirche geweiht sein. Durch die Ikone gelangen Gläubige in einen direkten Kontakt mit den dargestellten Heiligen und indirekt auch zu Gott., Lehre und Romanen, Sagen und Heldenlegenden, Tugenden und Lastern.5 Einen großen Aufschwung erfuhren die Bilderbögen 1812 während des Krieges gegen Napoleon und während des Russisch-Japanischen KriegesDer Krieg zwischen dem russischen und dem japanischen Kaiserreich (1904–1905) endete für Russland in einer verlustreichen Niederlage. Hintergrund war die Konkurrenz beider Länder um Gebiete in China und Korea sowie der Versuch der russischen Führung, die Bevölkerung von innenpolitischen Problemen abzulenken. Innenminister von Plewe erklärte im Januar 1904, ein „kurzer, siegreicher Krieg“ könne eine Revolution verhindern. Stattdessen beschleunigte die sich abzeichnende Niederlage die revolutionären Ereignisse der Jahre 1905–1907. 1905. Die humoristische Darstellung des Feindes auf zahlreichen Lubki hatte eine große propagandistische und mobilisierende Wirkung.6

Was ist aber das Besondere an dieser Kunstgattung? Erstens liegt die Besonderheit der Lubki, so der berühmte russische Theoretiker Juri Lotman, in ihrer Nähe zum Theatralischen. Ein Lubok bewegt sich zwischen mündlicher und schriftlicher Kultur. Beim Betrachten entsteht eine dynamische, beinahe spielend-nachempfindende Komponente, ähnlich der eines Kindes beim Spielen mit Bildern oder Spielzeug. Zweitens besteht in einem Lubok ein spezifisches Verhältnis zwischen Bild und Text. Die Texte sind keine bloßen Beschreibungen oder Überschriften, sondern sind häufig schwer verständlich oder stehen sogar im deutlichen Gegensatz zu den dargestellten Szenen. Der Text dient, so Lotman, als eine szenische Vertiefung des eigentlichen Bildes.7

Die Kunstform des Lubok hat vor allem die russischen Künstler der Avantgarde wie zum Beispiel MalewitschDer Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war. und Maler wie KandinskyWassily Kandinskys künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des „Blauen Reiters“ und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau. und Chagall beeinflusst. Auch heute ist die Verbindung zu den Volksbilderbögen im kulturellen Gedächtnis und im künstlerischen Schaffen Russlands ungebrochen, wie unter anderem die Bilder des satirischen Malers und Grafikers Wasja Loshkin zeigen8.

Zeichnung des satirischen Künstlers Wasja Loshkin mit stilistischen Anleihen beim Lubok


1.vgl. Burke, Peter (2003). Augenzeugenschaft: Bilder als historische Quelle, Berlin, S. 18f
2.vgl. Danilowa, Irina (1962). Der russische Volksbilderbogen, Dresden. oder: Ziel, Wulfhild (1998).  Der russische Volksbilderbogen in Bild und Text: Ein kultur- und kunsthistorisches Intermedium, Frankfurt am Main. oder: Ovsjannikov, Jurij M. (1968).  Lubok: russkie narodnye kartinki XVII - XVIII vv. The Lubok, Moskau
3.vgl. Pesenti, Maria Chiara (2015). Das Anekdotische im Lubok - interkulturelle Beziehungen, in: Vanja, Konrad; Lorenz, Detlef (Hrsg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier: Tagungsband Bergamin 2014, Münster, S. 34-51
4.vgl. Sokolov, Boris (1999). Zum Stand der russischen Bilderbogenforschung. Der Volksbilderbogen als Erscheinung der russischen Kultur, in: Peiske, Christa; Ziehe, Irene (Hrsg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier: Tagungsband Chemnitz 1997, Münster, S. 45-53. oder: Rejtlblat, A. I. (2000): Čto nes s bazara russkij narod. Lubok v issledovanijach poslednich let, in: NLO (44/2000)
5.für genauere Kategorien siehe Rovinski, D. (1881). Russkie narodnye kartinki, Moskau. Lubki wurden nie systematisch gesammelt, außer von einigen Privatpersonen wie Rowinski, und befinden sich heute verstreut in zahlreichen russischen Archiven und Bibliotheken
6.vgl. Norris, Stephen M. (2006). A War of Images: Russian popular prints, wartime culture and national identity 1812-1945, DeKalb (III. 2006). oder: Višlenkova, Elena (2011). Vizual'noe narodovedenije imperii ili "Uvidet' russkogo dano ne každomu", Moskau
7.grundlegend siehe dazu: Lotman, Jurij (2002). Chudožestvennaja priroda russkich narodnych kartinok, in: ebd.: Stat'i po semiotike kul'tury i iskusstva, Moskau, S. 322-339. Für eine deutsche Version des Textes siehe: Lotman, Jurij (1985). Die künstlerische Natur der russischen Volksbilderbögen, in: Till, Wolfgang (Hrsg.): Lubok. Der russische Volksbilderbogen. Städtisches Reiss-Museum Mannheim, 23. September bis 27. Oktober 1985. Münchner Stadtmuseum, 8. November 1985 bis 6. Januar 1986, München, S. 21–34. Ebenfalls aufschlussreich: Koschmal, Walter (1989). Der russische Volksbilderbogen: Von der Religion zum Theater, München
8.Homepage von Wasja Loshkin und Mirtesen.ru: Tradizii russkowo lubka w twortschestwe Wasi Loshkina
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