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Januar: Backstage im Bolschoi

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Kaum eine andere kulturelle Institution wird im Ausland so sehr als Symbol Russlands wahrgenommen wie das Bolschoi-Theater, wörtlich das „Große Theater“. Gegründet 1776 zur Zeit Katharinas der Großen, wird es vor allem mit klassischem Ballett verbunden, mit über 200 Tänzern beherbergt es die größte Ballett-Compagnie der Welt.

Das Bolschoi-Theater ist aber nicht nur ein Ort der Kunst, sondern auch ein Ort der Skandale, Affären und Intrigen. Die Renovierung des Hauses von 2005 bis 2011 hat mehr als eine Milliarde Euro verschlungen, viel davon soll in privaten Taschen gelandet sein. Eintrittskarten werden von Spekulanten vor Beginn der Vorstellungen auf der Straße zu astronomischen Preisen weiterverkauft, Konkurrenz und Spannungen unter den Künstlern sind legendär. Im Januar 2013 wurde der damalige Intendant Sergej Filin Opfer eines Säureanschlags, bei dem er fast vollständig sein Augenlicht verlor, verantwortlich war vermutlich einer der Tänzer der Theaters.

Der Fotograf Misha Friedman hat die Stimmung hinter den Kulissen des Bolschoi-Theaters eingefangen und zeigt das Menschliche ebenso wie das Professionelle, das Poetische wie das Kuriose. Seine Arbeit ist oft Themen gewidmet, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. Er hat die Petersburger LGBT-Community ebenso mit der Kamera begleitet wie die Polizeieinheiten in Kiew während ihrer Reform; in einem ästhetisch wie konzeptionell ungewöhnlichen Fotoessay beleuchtet er das Problem der KorruptionKorruption ist in Russland weit verbreitet – sowohl in Politik und Wirtschaft als auch im Alltagsleben. Korruption, die nicht zuletzt durch niedrige Gehälter befördert wird, kommt in zahlreichen Variationen vor: gegenseitige Gefälligkeiten, Tausch unter der Hand, Abzweigung staatlicher Mittel, Bestechungsgelder und vieles mehr. Da die Korruption systemischen Charakter angenommen hat, ist vorerst nicht damit zu rechnen, dass sie wirksam bekämpft werden kann. in Russland. Seine Arbeiten erscheinen weltweit, so bei der New York Times, Politico oder Le Monde.

Fotos: Misha Friedman / Salt Images

Bildredaktion: Nastya Golovenchenko, Text: Martin Krohs

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Konstantin Stanislawski

Konstantin Stanislawski (1863–1938) ist eine Kultfigur des russischen Theaters. Als Schauspieler, Regisseur, Theatergründer, Schauspiellehrer und Schauspieltheoretiker spielte er eine prägende Rolle nicht nur für die russische Theaterszene. Seine Überlegungen zur Schauspielkunst werden weltweit an Schauspielschulen gelehrt und insbesondere am Broadway und in Hollywood wurden sie stilbildend. In Russland gilt das sogenannte Stanislawski-System bis heute als das Einmaleins der Bühnenkunst und Stanislawski wird fast wie ein Heiliger verehrt.

Als Stanislawski 1898 gemeinsam mit Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko das berühmte Moskauer Künstlertheater MChAt (Moskowski chudoshestwenni teatr imeni A. P. Tschechowa) gründete, formulierte er einen revolutionären Anspruch. Er wollte ein Theater schaffen, das den Schauspieler als Künstler verstand und für alle Schichten offen war, nicht nur für das Bildungsbürgertum. „Wir protestierten gegen veraltete Spielweisen, gegen Theatralik und falsches Pathos, gegen das Deklamieren und Übertreiben im Spiel, gegen leere Stilisierung in Inszenierung und Bühnenbild, gegen das Starsystem, das jedes Ensemble zersetzte … und gegen das armselige Repertoire der damaligen Theater“, schrieb Stanislawski in seiner Autobiographie Mein Leben in der Kunst.1

Stanislawski entwarf ein neues Theaterkonzept, in dessen Zentrum der Schauspieler steht: Seine individuelle Kreativität, sein wahrhaftiges Gefühl, sein glaubwürdiges Handeln, seine körperliche Ausdrucksfähigkeit sollten die Theaterstücke zum Blühen bringen. Damit die Schauspieler dieser zentralen Aufgabe innerhalb einer Inszenierung gewachsen waren, entwickelte er eine umfangreiche Schulungsmethodik, die unter den Titeln Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst und Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle mittlerweile zum weltweiten Kanon gehört. Sie wurde in der Sowjetunion zur Theaterdoktrin erhoben und dem staatlich verordneten Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    zugeordnet, während der Bürger und Regisseur Stanislawski gleichzeitig von Staat und Zensurbehörde gegängelt wurde.

„Ich glaube das nicht!“, rief Stanislawski angeblich häufig während seiner legendär ausgedehnten Probenphasen und zwang seine Schauspieler, gedanklich und emotional tiefer in die Rolle einzutauchen. Denn Wirklichkeitstreue und Lebensechtheit waren seine zentralen Forderungen, was von den Schauspielern detaillierte Kenntnisse über die Lebensumstände der Rolle, intensive Einfühlung und wahrhaftiges inneres Erleben forderte.

Foto © Bundesarchiv unter CC-BY-SA 3.0Stanislawskis naturalistisches Theaterkonzept schien besonders bei seinen Inszenierungen von Anton TschechowsAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken.  Theaterstücken aufzugehen, die er alle auf die Bühne brachte. So wurde z. B. seine Inszenierung von Die Möwe 1898 zu einem überwältigenden Erfolg. Das Bild einer Möwe ziert daher bis heute als Emblem das Moskauer Künstlertheater.

In der Rezeption wird allerdings oft übersehen, dass sich Stanislawskis „System“ während seiner jahrzehntelangen Theaterpraxis immer wieder wandelte. Bereits seit den 1920er-Jahren betonte er neben der „Psychotechnik“ die Bedeutung der „körperlichen Handlung“ auf der Bühne: „Weil nämlich bei richtigem physischen Handeln das innere Erleben von selber kommt“. Das erforderte eine stärkere Schulung der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler. Aber die Erfolge von Stanislawskis Techniken der „Einfühlung“ waren insbesondere bei der Ausbildung von Filmschauspielern in den USA derart frappierend, dass man Stanislawskis Theorie der körperlichen Handlungen ausblendete oder vergaß. In den USA hat Lee Strassberg sein erfolgreiches sogenanntes Method-Acting als Weiterentwicklung von Stanislawskis Methode etabliert und viele erfolgreiche Hollywoodschauspieler unterrichtet.

Als klaren Antipoden zu Stanislawski hat sich hingegen Bertolt Brecht positioniert und statt Einfühlung und Illusionismus eine Theorie der Distanz des Schauspielers zur Rolle formuliert. In der deutschen Theaterszene werden heute eher anti-illusionistische Konzepte bevorzugt.


1.Stanislawski, Konstantin (1987): Mein Leben in der Kunst, S. 233
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Sergej Bondartschuk

Sergej Bondartschuk (1925–1994) war ein bedeutender sowjetischer und russischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Bereits mit 32 Jahren wurde er als jüngster Schauspieler überhaupt als Volkskünstler der UdSSR ausgezeichnet. Sein Regiedebüt Ein Menschenschicksal (1959) gilt heute als Klassiker des sowjetischen Kinos. Im Westen wurde er vor allem durch die Verfilmung des Romans Krieg und Frieden (1967) von Lew Tolstoi bekannt, in der er auch eine der Hauptrollen übernahm. Der Film gehört zu den erfolgreichsten sowjetischen Filmen und hatte auch international großen Erfolg. 1969 erhielt er den Golden Globe und den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Weitere bedeutende Regiearbeiten Bondartschuks sind unter anderem Waterloo (1970), Boris Godunow (1986) und der Mehrteiler Der stille Don (1994).

Andrej Tarkowski

Andrej Tarkowski (1932–1986) war ein sowjetischer Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Seine Werke greifen spirituelle, philosophische und metaphysische Themen auf und zeichnen sich durch lange Einstellungen und eine unkonventionelle Handlungsstruktur aus. In der Sowjetunion blieb Tarkowski, der seine Filme stets gegen die behördliche Zensur verteidigen musste, die offizielle Anerkennung versagt. 1983 emigrierte er, seine letzten beiden Filme entstanden im Ausland.

Andrej Swjaginzew

Er war ein Laie, dessen erster Film 2003 mit dem Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet wurde. Heute zählt er zu den wichtigsten Regisseuren Russlands. Sein neuestes Werk Neljubow  (dt. Abneigung) läuft jetzt im Wettbewerb von Cannes und kommt am 1. Juni in die russischen Kinos. Eva Binder über den ungewöhnlichen Filmemacher Andrej Swjaginzew, seine Beziehungsdramen im „großen Still“ und die Hetzkampagne rund um seinen Film Leviathan.

Kasimir Malewitsch

Der Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war.

Lubok

Als Lubok werden einfache, meist farbige russische Druckgrafiken bezeichnet, die vor allem im 17. – 19. Jahrhundert verbreitet waren und auch als Volksbilderbögen bekannt sind. Im übertragenen Sinne kann der Begriff „Lubok“ auch für Dinge benutzt werden, die als plump, vulgär oder unbeholfen gelten.

Peredwishniki

Die Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf.

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