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Danila Tkachenko: Родина – Motherland

Danila Tkachenko, geboren 1989 in Moskau, ist einer der wichtigsten russischen Fotografen seiner Generation. Seine Ausbildung machte er an der renommierten Rodchenko School of Photography and Multimedia in Moskau; schon früh gewann er internationale Preise: Escape heißt sein Projekt, für das er Einsiedler in russischen Wäldern fotografierte und 2014 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. 
Seine neue Serie heißt Родина – Motherland. Sie ist wahrscheinlich seine radikalste. Tkachenko hat dafür alte Holzhäuser in Brand gesteckt. Außenrum Dunkel.
Die Serie hat in Russland für viel Aufsehen gesorgt, und nicht nur positive Resonanz gefunden. Denkmalschützer drohen gar, den Fotografen anzuzeigen. Dabei waren die Häuser unbewohnt und verfallen. Der Politologe und Historiker Sergej Medwedew mischt sich auf Facebook in die aufgebrachte Diskussion ein. 
In Berlin ist Danila Tkachenkos Serie Родина – Motherland noch bis zum 3. Februar 2018 in der Kehrer Galerie zu sehen.

Quelle dekoder

Fotos © Danila Tkachenko/Kehrer Galerie, Berlin

Dieser Tkachenko ist einfach genial. Seit MalewitschDer Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war. hat niemand mehr so meisterhaft mit dem russischen Raum zu arbeiten vermocht. Tkachenkos Inbrandsetzung eines Dorfes ist ein enorm tiefsitzender Archetypus: von Brandrodung bis zum Brand von Moskau 1812Nach der verlustreichen Schlacht von Borodino im September 1812 tritt die russische Armee den Rückzug an, und Napoleon marschiert mit seiner Armee in Moskau ein. Dort beginnt am 14. September ein Brand, der über vier Tage andauert und weite Teile der Stadt zerstört. Große Teile der russischen Armee und der Bevölkerung hatten die Stadt kurz vorher geräumt, was die Vermutung nahelegt, die Russen hätten den Brand selbst entfacht., von PugatschowAls Pugatschowschtschina wird der Aufstand bezeichnet, der sich in den Jahren 1773–1775 rund um den Ural-Fluss ereignete und von Jemeljan Pugatschow angeführt wurde. Die Geschichte des Aufstandes, der auch als Russischer Bauernkrieg bekannt ist, wurde von Alexander Puschkin in der Erzählung Kapitanskaja dotschka (dt. Die Hauptmannstochter) und im Buch Geschichte des Pugatschow’schen Aufruhrs beschrieben. Die Pugatschowschtschina wird oft als Inbegriff des russischen Aufruhrs verstanden, der laut Puschkin „sinn- und schonungslos“ sei. bis ChowanskiAls Chowanschtschina wird der Moskauer Aufstand 1682 bezeichnet, der vom hohen Militär und Gouverneur Iwan Chowanski (Anf. 17. Jh.–1682) angeführt wurde. Chowanski, der zunächst Partei für die Regentin Sofia ergriff, wandte sich im Verlauf des Aufstands von ihr ab und soll eine Verschwörung gegen die Zarenfamilie geplant haben. Im September 1682 wurde Chowanski verhaftet und hingerichtet. Dank der gleichnamigen Oper von Mussorgski gehört diese Episode der russischen Geschichte zum Allgemeinwissen., von Nikolai PolisskisNikolai Polisski (geb. 1957) ist ein zeitgenössischer russischer Maler, Bildhauer und der berühmteste Vertreter der russischen Land Art. Die meisten seiner Land Art-Projekte befinden sich im Nikola Lenivets Art Park, dem größten Kunstpark Europas. Im Februar 2017 verbrannte Polisski dort öffentlichkeitswirksam eine kunstvolle Masleniza-Figur (russ. Tschutschelo). Masleniza ist ein Fest mit heidnischen Wurzeln. Zu den wichtigsten Traditionen gehören die Verbrennung von Tschutschelo, Schlittenfahrten, Gesänge, Vergnügungen und das Verzehren von Bliny – eine osteuropäische Variante der Eier- bzw. Pfannkuchen. Land Art bis zu den letzten Aktionen Pjotr PawlenskisPjotr Pawlenski ist ein Performancekünstler aus St. Petersburg, der seinen eigenen Körper in teils radikaler Weise als Ausdrucksmittel einsetzt. Seine politischen Aktionen schaffen plakative Bilder für staatliche Repressionen und die Apathie der Bevölkerung. Bei einer seiner Aktionen nähte er sich selbst den Mund zu, um ein Zeichen gegen die Verhaftung der Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot zu setzen. – doch der direkte Vergleich ist für mich das Schwarze QuadratDas weltberühmte Gemälde des Künstlers Kasimir Malewitsch entstand im Jahr 1915. Es hängt in der Tretjakow-Galerie in Moskau..

Es genügt nicht, die Leere zu erkennen, man muss sie markieren, benennen – und genau das tut Tkachenko. Es ist eine sehr drastische Aktion (und juristisch offenbar nicht lupenrein), aber sie ist nicht schmerzhafter als der langsame Tod der Dörfer, die es auf der Landkarte gar nicht mehr gibt.

Der Sterbeprozess dauert bereits ein halbes Jahrhundert, und irgendjemand musste ihn dokumentieren – nicht als ewige Klage der JaroslawnaJefrosinja Jaroslawna (zweite Hälfte des 12. Jhs.) war die Ehefrau des Fürsten Igor Swjatoslawitsch und ist Protagonistin des Igorlieds – ein mittelalterliches Epos der Rus. In der sehr reichen Rezeptionsgeschichte des Epos wird Jaroslawna als Inbegriff der treuen Ehefrau dargestellt. In der Sequenz Klage der Jaroslawna bewahrt ihre Liebe den Ehemann auf dem Schlachtfeld vor dem Tod.  , von der Dorfprosa der 1960er bis zu den heutigen RodistenDer Rodismus bezeichnet eine zeitgenössische religiöse Strömung, die sich auf die historischen Glaubenssysteme und Mythen der Slawen beruft. Die Rodisten sehen sich in der Tradition der vorchristlichen und pantheistischen slawischen Religionen, die sie erhalten und fortführen wollen. Dabei beziehen sie sich auf historisch und archäologisch überlieferte Artefakte und Rituale. und Ökodörfern, sondern in Form einer künstlerischen Geste: Das Tote tot nennen und den Teufelskreis der Nostalgie durchbrechen. Bei uns weinen sie gern aus dem Autofenster raus der Russischen WeltDas Konzept der russischen Welt (russ. Russki Mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  nach (ich nehme mich da nicht aus), betrauern das verlorene KiteshKitesh ist eine Siedlung rund 300 Kilometer südwestlich von Moskau. Sie besteht vor allem aus rund 15 Häusern, einem Bauernhof, einer Tischlerei und einer Schule. Die Einwohner Kiteshs verstehen sich als Siedler. Neben Versuchen in Subsistenzwirtschaft betreiben sie eine Erziehungseinrichtung für Heimkinder. Der Ortsname geht auf alte russische Mythen zurück. Ähnlich wie Atlantis oder Shangri-La wird Kitesh darin häufig als Sehnsuchtsort dargestellt., ach was, Atlantis gar, und leben im Zustand einer unaufhörlichen Apokalypse. Tkachenko schlägt hier einen klaren postapokalyptischen Ton an: Genug geweint, wir müssen weiterleben, wie unsere Vorfahren, die Wälder niederbrannten, Steppen und Dörfer, Einsiedeleien (manchmal sich selbst gleich mit) und Gutshöfe – und weiterzogen auf das nächste Stück Land.

Und nicht zufällig passiert das alles im Jahr des zerknitterten 100-jährigen Revolutionsjubiläums. Mitten im Zerfall des Imperiums der Kultur 2Der russische Kulturwissenschaftler und Architekturhistoriker Vladimir Paperny (geb. 1944) unterscheidet zwischen zwei kulturellen Phänomenen im Russland des 20. Jahrhunderts. Die Kultura Odin (dt. Kultur Eins) ist die Kultur der Revolution, des Zerstörens und Zerfließens von Grenzen. Die Kultura Dwa (dt. Kultur Zwei) ist eine Kultur des Erstarrens, in der alte Grenzen neu gezogen werden. Auch wenn Paperny diese zwei Kulturtypen bestimmten Epochen zuordnet (Revolutionszeit und Stalinzeit), glaubt er, dass diese sich gegenseitig abwechseln und auch in späteren Zeiten vertreten sind., den Auflösungserscheinungen des späten Putinismus kommt Tkachenko (wie vor ihm PawlenskiPjotr Pawlenski ist ein Performancekünstler aus St. Petersburg, der seinen eigenen Körper in teils radikaler Weise als Ausdrucksmittel einsetzt. Seine politischen Aktionen schaffen plakative Bilder für staatliche Repressionen und die Apathie der Bevölkerung. Bei einer seiner Aktionen nähte er sich selbst den Mund zu, um ein Zeichen gegen die Verhaftung der Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot zu setzen.) mit der revolutionären Botschaft der Kultur 1, der Kultur des Feuers und der Selbstzerstörung, vor der die Gesellschaft instinktiv Angst hat. Bemerkenswert, wie DenkmalschützerGemeint ist die wohltätige Stiftung Zentrum für Wiedergeburt des Kulturerbes Krochino. Mitarbeiter der seit 2010 bestehenden Organisation kritisierten auf Facebook Tkachenkos Fotoserie mit dem Argument, dass sich seine Aktion gegen die Gesetze zum Privateigentum und Kulturerbe Russlands richte. aus Krochino die niedergebrannten Häuser kurzerhand zum „Kulturerbe“ erklärten – genauso wie die Tür der LubjankaDer Lubjanskaja-Platz (Lubjanka) ist ein Platz im Zentrum Moskaus, an dem die Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB liegt. Im selben Gebäude hatte zuvor der sowjetische Geheimdienst KGB sein Hauptquartier. Der Begriff „Lubjanka“ wird in der Umgangssprache sowohl für den Platz als auch für die „Organe der Staatssicherheit“, d. h. Geheimdienste verwendet. zum Kulturerbe erklärt wurde, weil dort BabelIsaak Babel (1894–1940) war ein Schriftsteller und Journalist. Neben seinem vielbeachteten Band Die Reiterarmee publizierte er viele kleinere Texte. 1940 fiel Babel den Stalinschen Säuberungen zum Opfer. Er wurde hingerichtet, und seine Werke wurden verboten. Nach der Rehabilitation im Jahr 1954 wurden viele seiner Bücher wieder neu aufgelegt. und MeyerholdWsewolod Meyerhold (1874–1940) war ein sowjetischer Theaterregisseur und -schauspieler. Vor allem wegen seiner Beiträge zur Schauspieltheorie gilt er als einer der bedeutendsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts. Nach der Oktoberrevolution schloß er sich den Bolschewiki an und wurde bald zu einer Schlüsselfigur der sowjetischen Avantgarde. 1940 fiel er wegen angeblicher Spionage für Frankreich den Stalinschen Säuberungen zum Opfer. gefoltert wurden: Anscheinend werden bei uns die Dinge genau dann zum Kulturerbe, wenn man sie anzündet.

Fotos: Danila Tkachenko
Text: Sergej MedwedewSergej Medwedew (geb. 1966) ist ein russischer Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Professor an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört vor allem die russische Zeitgeschichte. Medwedew schreibt regelmäßig Artikel für unabhängige Medien, in den liberal-demokratischen Kreisen gilt seine Stimme als sehr gewichtig.
Übersetzung: Ruth Altenhofer

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Kasimir Malewitsch

Der Name Kasimir Malewitsch (1878–1935) ist untrennbar mit seinem größten Coup verbunden – dem Schwarzen Quadrat (1915, Staatliche Tretjakow-GalerieEin weltweit beachtetes Museum russischer Kunst in Moskau. Den Grundstein legte die private Sammlung des Moskauer Kaufmanns Pawel Tretjakow. Im Jahr 1892 vermachte Tretjakow seine etwa 2.000 Kunstwerke der Stadt Moskau, die dafür eigens ein Gebäude errichtete. Im Jahr 1985 wurde das Museum mit der Sammlung für moderne Kunst zusammengelegt. Heute beherbergt es in mehreren Gebäuden im Stadtzentrum rund 140.000 Kunstwerke., Moskau). Sein im doppelten Sinn ikonisches Gemälde stellt eine Tabula rasa für das Medium Malerei dar und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer gegenstandslosen Abstraktion, die bis heute andauert.

Malewitschs Schaffen umspannt Malerei, Grafik und Skulptur sowie Architektur- und Designentwürfe. Zunächst setzt sich Malewitsch mit den westlichen Kunstströmungen des frühen 20. Jahrhunderts wie Post-Impressionismus, Kubismus und Futurismus auseinander. Gleichzeitig beschäftigt er sich mit der visuellen Tradition Russlands – die religiöse Ikonenmalerei mit ihrem festen Formenkanon ist für Malewitschs Suche nach einer universellen Bildsprache prägend.

Schon früh beginnt der in Moskau ausgebildete Künstler damit, die klassischen Gattungsgrenzen aufzubrechen. 1913 gestaltet er das Bühnenbild für die Oper Sieg über die Sonne. Der Entwurf gilt als Vorläufer für Malewitschs Konzept des Suprematismus, das sich durch den Einsatz einfacher geometrischer Formen und ungebrochener Farben auszeichnet.

Malewitschs Konzept des Suprematismus

Mit dem Suprematismus (von lat. Supremus = das Höchste) entwickelt Malewitsch eine radikal neue Bildsprache, die jeden Bezug zur figurativen, illusionistischen Kunst der vergangenen Jahrhunderte verweigert und stattdessen, durch die Rückführung zu einfachsten Formen und Farbkontrasten, das Medium Malerei und das Verhältnis von Raum und Fläche thematisiert. Durch puristische Bildmittel – schwarze oder rote rechteckige Formen, die vor einem weißem Grund zu schweben scheinen – sucht Malewitsch, inhaltlichen Problemen wie dem universellen Streben nach unmittelbarer reiner Erkenntnis nachzuspüren. Auf der Letzten Futuristischen Ausstellung 0,10 in St. Petersburg (damals Petrograd) tritt Malewitsch 1915 mit dem Suprematismus erstmals an die Öffentlichkeit. Das Schwarze Quadrat präsentiert er selbstbewusst in der rechten, oberen Raumecke, dem Ort also, der in russischen Häusern der IkoneDie Ikonenverehrung ist ein zentrales Element der orthodoxen Glaubenspraxis. Als Kultbilder der orthodoxen Kirchen zeigen sie Christus, die Gottesmutter Maria und andere Heilige, zuweilen auch biblische Szenen. Um nach traditioneller Praxis verehrt werden zu können, muss eine Ikone von der Kirche geweiht sein. Durch die Ikone gelangen Gläubige in einen direkten Kontakt mit den dargestellten Heiligen und indirekt auch zu Gott. vorbehalten ist.

„Letzte Futuristische Ausstellung 0,10“ in St. Petersburg

Die OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. von 1917 stellt für Malewitsch eine Zäsur dar. Er wird – wie auch Wassily KandinskyWassily Kandinskys (1866–1944)künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des Blauen Reiters und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau. – in kulturpolitische Ämter berufen, steht für einige Jahre dem Museum für künstlerische Kultur in St. Petersburg vor und lehrt an der von Marc Chagall gegründeten Kunstschule in Witebsk, wo er mit der Gründung der Gruppe UNOWIS den Suprematismus weiterträgt.

Oktoberrevolution als Zäsur im künstlerischen Schaffen

Nach dem Tod LeninsNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  1924 ändert sich nicht nur das politische Klima; auch Experimente in der Kunst werden durch staatliche Vorgaben eingeschränkt, die 1932 in der Doktrin des Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    gipfeln. Malewitschs radikale und gleichzeitig vergeistigte Abstraktion erfährt Ablehnung – gefordert ist eine vom appellativen Pathos getragene Darstellung der neuen Helden des Arbeiter- und-Bauernstaats in figürlicher Manier.

Womöglich trägt Malewitsch diesem ideologischen Umschwung Rechnung, als er um 1930 mit einer Reihe von Bauern-Darstellungen an sein künstlerisches Frühwerk anknüpft und seine geometrische Formsprache mit gegenständlichen Darstellungen verbindet. Mit dem Selbstportrait von 1933 (Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg) schließt er schließlich an die Manier der Renaissance-Maler an.

Malewitsch in der Popkultur

Malewitschs Schaffen ist in Russland heute in der Pop- und Konsumkultur angekommen. Das Schwarze Quadrat ziert Seifen, Jutebeutel und Tassen, und an den Souvenirständen auf den Straßen von Moskau und St. Petersburg werden MatrjoschkasDie Steckpuppe Matrjoschka (abgeleitet vom russ. Frauenname Matrjona) ist das wohl populärste russische Souvenir. Darüber hinaus ist sie ein Gesinnungszeichen: Als Gastgeschenke begleiteten Matrjoschkas russisch-sowjetische Kulturkontakte und dokumentieren eine nicht nur in linken Kreisen kultivierte Russlandromantik abseits verordneter Politik. Die mehrteiligen Holzfiguren in Gestalt einer Bauersfrau werden seit Ende des 19. Jahrhunderts produziert und stellten ursprünglich „Mütterchen Russland“ dar. Seit der Transformationszeit ist unter anderem auch die Polit-Matrjoschka verbreitet, die die Abfolge russischer und sowjetischer Regierungschefs von Lenin bis Putin kritisch-ironisch vorführt. mit seinen Bauern-Darstellungen verkauft.

Wie kein anderer seiner Weggefährten steht Malewitsch für den Aufbruch in die Moderne in Russland, für den sich der Begriff Russische Avantgarde etabliert hat. Zahllose russische Künstler haben sich am großen Erbe Malewitschs abgearbeitet. Doch auch für die westliche Kunstgeschichte ist sein Werk bahnbrechend. Künstler von Donald Judd bis Blinky Palermo beziehen sich ausdrücklich auf seine Abstraktion. Eine Ausstellung in der St. Petersburger Eremitage im Sommer 2015 zeigt zudem am Beispiel der Architekturentwürfe von Zaha Hadid, welchen Einfluss Malewitsch selbst auf die Architektur hatte.

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Wassily Kandinsky

Wassily Kandinskys (1866–1944)künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des Blauen Reiters und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau.

Dimitri Vrubel

Der russische Künstler Dimitri Vrubel (geb. 1960) wurde als der Urheber des Bruderkusses an der East Side Gallery bekannt: ein Bildnis der Staatsmänner Breshnew und Honecker an der ehemaligen Berliner Mauer, die einander im sozialistischen Bruderkuss innig zugeneigt sind.

Walenki

Walenki sind nahtlose, in einem Stück gefertigte Filzstiefel aus Schafswolle. Sie halten auch bei großer Kälte warm und gelten deshalb als ideales Winterschuhwerk für die trockenen russischen Winter. Walenki werden als ein Symbol traditioneller russischer Kultur betrachtet, heute aber in erster Linie mit dem Landleben assoziiert.

Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Am 15. Oktober 1922 eröffnete in Berlin auf der Prachtmeile Unter den Linden die Erste Russische Kunstausstellung, die zum Highlight des Berliner Kunstherbstes wurde. Miriam Häßler über die Ausstellung, die heute noch als Meilenstein in der Moderne gilt, sowie über die politischen Signale Sowjetrusslands an die Weimarer Republik.

Peredwishniki

Die Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf.

Akademie der Künste in St. Petersburg

Nach europäischem Vorbild wurde 1757 in St. Petersburg die Kaiserliche Akademie der Künste gegründet. Die langjährige Ausbildung der Maler, Bildhauer, Graphiker und Bildhauer folgte strengen formalen und thematischen Vorgaben. Der Akademie war die wichtigste Instanz für Geschmack und ästhetisches Empfinden. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ihre Monopolstellung in künstlerischen Belangen aufgebrochen.

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