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„Nur ein Idiot versteht den Ernst der Lage nicht“

Da kopulieren ein Stalin-Klon und ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew., ein BojarIm alten Russland, in der Kiewer Rus, aber auch in vielen anderen Ländern Osteuropas bildeten Bojaren die Schicht der Großgrundbesitzer. Viele Historiker vergleichen Bojaren mit Ministern: Sie berieten den Zaren und hatten häufig eigene Kompetenzbereiche. In der Rangordnung des Adels war Bojare eine Sammelbezeichnung für alle Adlige unterhalb des Fürsten oder des Zaren. wird hingerichtet, es folgt die Gruppenvergewaltigung seiner Witwe, auch die Sprache ist voller Gewalt und Sex: Vladimir SorokinVladimir G. Sorokin (*1955) gilt neben Viktor Pelevin, Tatjana Tolstaja und anderen als einer der bedeutendsten Vertreter der Postmoderne in Russland. Er stand den Konzeptualisten im sowjetischen Untergrund nahe und tritt seit den 1980er Jahren als Erzähler, Drehbuchautor und Dramatiker in Erscheinung. Seine Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  verstößt in seinen Werken gezielt gegen Tabus und gilt als enfant terrible der russischen Literatur. Seine umstrittenen Werke sind zu lesen als Parabeln auf das post-sowjetische Russland und seine imperialen Vorläufer. Während die kremlnahe JugendorganisationRegierungsfinanzierte Jugendorganisationen (RFJ) werden in Russland seit 2000 oft als Reaktion auf ein isoliertes politisches Ereignis gegründet oder um (oppositionelle) öffentliche Personen zu diskreditieren. Die sichtbarste und bekannteste dieser Jugendorganisationen ist die im Jahr 2005 gegründete Demokratische Antifaschistische Bewegung Naschi. Sie wurde 2008 in mehrere Unterorganisationen aufgespalten und 2013 faktisch aufgelöst. Iduschtschije WmesteIduschtschije Wmeste war eine russische kremlnahe Jugendorganisation, die im Jahr 2000 von Wassili Jakemenko gegründet wurde, mit dem Ziel der Unterstützung für Präsident Putin. 2005 wurde Iduschtschije Wmeste (wörtlich: die zusammen Gehenden) durch eine neue Organisation mit dem Namen Naschi abgelöst. 2002 Sorokins Werke öffentlichkeitswirksam in einer Toilettenattrappe versenkte, feiern Sorokins Anhänger seine Bücher als geradezu prophetische Meisterwerke.

Seine Werke erschienen erst nach der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. auch in Russland, heute lebt Sorokin in der Nähe von Moskau und in Berlin. Zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 2015 hatte ihn Andrej Archangelski, bekannter Feuilletonist und Kultur-Redakteur bei Kommersant-Ogonjok, getroffen. Im Interview nimmt Sorokin die zeitgenössische russische Literatur, Politik und Gesellschaft auseinander. Es bleibt nicht viel übrig. Zu Sorokins 62. Geburtstag im August 2017 veröffentlichte Ogonjok das Interview erneut.

Quelle Ogonjok

Vladimir Sorokin gilt als enfant terrible der russischen Literatur / Foto © Jewgeni Gurko/Kommersant

Kommersant-Ogonjok: Wenn die Leute hören, wie alt der Schriftsteller Vladimir Sorokin ist, ist die Verwunderung groß: „Wie ist das möglich?!“ Wundern Sie sich auch selbst?

Vladimir Sorokin: Nein. Ganz ehrlich, auch wenn das ein wenig anstößig klingt, ich bin innerlich in meiner Studentenzeit steckengeblieben. Hoffnungslos. Im Inneren bin ich ein ewiger Student. Da kann ich gar nichts gegen tun. Ich bin einfach nie erwachsen geworden.

Sie gelten noch immer, sagen wir mal, schon die letzten 30 Jahre als das wichtigste literarische Ereignis Russlands. Ich möchte Ihnen damit jetzt gar nicht unbedingt ein Kompliment machen – das ist ja eher ein Problem. Sie sind nicht mal ein Produkt der 1990erDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion., sondern der unzensierten Kunst der Sowjetunion. Das heißt, seitdem gab es in der russischen Literatur nichts grundsätzlich Neues. Da stimmt was nicht.

Andrej, kein Kommentar ... Reden wir lieber über andere Autoren. Ich frage meine Bekannten in verschiedenen europäischen Ländern: Was lest ihr von der zeitgenössischen russischen Literatur? Diese Frage habe ich auch einem alten Freund gestellt, dem deutschen Slawisten Igor SmirnowIgor Smirnow (geb. 1941) ist ein Literaturwissenschaftler, Philosoph und Slawist. 1981 emigrierte er aus der Sowjetunion nach Deutschland. Hier war er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 als Professor für slawische Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz tätig. – ein knallharter Fachmann. Er sagte lakonisch: „Ich kann die postsowjetische Prosa nicht lesen. Sie ist einfallslos.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Denn die postsowjetische Prosa ist gleichsam aus den Scherben vorheriger Errungenschaften zusammengesetzt. Und das ist ein Problem.

Ich kann die postsowjetische Prosa nicht lesen. Sie ist einfallslos

Mir geht es genauso, ich schlage einen neuen Roman auf, lese fünf Seiten und lege ihn weg. Völlig überraschungsfrei. Gibt es also keine Schriftsteller? Aber die Leute schreiben doch, veröffentlichen, werden gelesen. 

Ich habe dem legendären Verleger Sascha IwanowAlexander Iwanow (geb. 1956) ist ein russischer Kulturschaffender. 1993 gründete er in Moskau den Verlag Ad Marginem, der neben Übersetzungen von Foucault und Derrida auch zehn Werke von Wladimir Sorokin veröffentlichte – dem Schriftsteller, der als Enfant terrible der russischen Literaturszene gilt.  , der den Finger immer am literarischen Puls der Zeit hat, dieselbe Frage gestellt: „Wo sind die neuen Sterne am Literaturhimmel?“ Er sagt: „Weißt du, Volodja, da geht es nicht um einzelne Sterne, sondern um den Sternenhimmel.“ 

Er liegt damit tatsächlich absolut richtig: Von der Literatur erwartet niemand mehr existenzielle Offenbarungen, Erschütterungen. Man erwartet von ihr entweder Behaglichkeit oder euphorisches Vergessen. Was im Prinzip ein und dasselbe ist.

Wollen Sie damit sagen, dass die Literatur am Ende ist? ... Dass es keine objektiven Umstände für ihr Entstehen gibt? Ist es das Ende der Literatur an sich? Oder ist gerade einfach nicht die Zeit dafür? ... 

Hm, was das Ende angeht, weiß ich nicht – solange es noch einen einzigen Leser gibt, ist die Literatur nicht tot. Man möchte glauben, dass das nur eine Phase ist ... Aber was danach kommt, weiß niemand. Weil die Welt der digitalen und visuellen Technologien den Menschen immer wieder auf seine Robustheit hin testet. Der Mensch ist so ein formbares Tier – der zerbricht nicht, sondern verbiegt sich. Bis er schließlich in diesem gekrümmten Zustand sich selbst zuwiderhandeln kann. Wenn das Visuelle dann alle wieder langweilt, dann ist vielleicht wieder Platz für wortgebundene Phantasie. Wenn der Mensch zu sich zurückkehren will. Oder klingt das utopisch?

Was vor 50 oder 40 Jahren noch Merkmal einer bestimmten literarischen Strömung war, des Konzeptualismus, ist jetzt zur Regel geworden. Nun hat sich aber das System der schriftstellerischen Tätigkeit insgesamt sehr wohl verändert. Der Autor setzt sich wieder unter'n Apfelbaum und denkt, jetzt schreib ich wie TurgenjewIwan Turgenjew (1818–1883) war ein bedeutender russischer Schriftsteller. Er zählt zu den Klassikern der russischen Literatur, seine Werke wie Väter und Söhne prägten sie nachhaltig und beeinflussten viele nachfolgende russische sowie ausländische Autoren. . Oder wie SchukschinWassili Schukschin (1929–1974) war ein bekannter sowjetischer Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler. Er beschrieb seine Protagonisten häufig als einfache sowjetische Menschen, die in ihrem dörflichen Alltagsleben der 1960er und 1970er Jahre tragischerweise mit schweren Problemen konfrontiert werden. Wegen seiner eigentümlichen Antworten auf die daraus entstehenden moralischen Fragen gilt Schukschin für viele Kino- und Literaturkritiker als „das letzte Genie der russischen Literatur“.

Da haben Sie recht. Aber was meiner Ansicht nach den meisten zeitgenössischen Autoren fehlt, sind eigene Welten. Sie benutzen quasi fremde Möbel, wollen keine eigenen erfinden, drechseln, zusammenbauen. Du schlägst ein Buch von PrilepinSachar Prilepin (geb. 1975) ist ein russischer Schriftsteller. Neben seinen Büchern verfasst er auch journalistische Artikel, in denen er sich häufig gegen liberale Tendenzen in der russischen Gesellschaft wendet. Prilepin war Mitglied der inzwischen verbotenen Nationalbolschewistischen Partei des umstrittenen Oppositionellen Eduard Limonow. Medienberichten zufolge befehligt er seit März 2017 als Major ein Bataillon im Donbass. auf und merkst sofort, diese Eichenholzstühle kennst du schon aus der sowjetischen Prosa, nur hat er sie so modisch glänzend lackiert und bunt gepolstert. Aber wir suchen in der Literatur doch das Einmalige. Platonow, CharmsDaniil Charms (1905–1942) war ein sowjetischer Schriftsteller. Sein Werk, das fast alle literarischen Gattungen umfasst, wird der Avantgarde zugerechnet. Charms wurde zu Zeiten der Sowjetunion politisch verfolgt, der Großteil seines Nachlasses wurde erst im Zuge der Perestroika gedruckt. , Bulgakow, Schalamow, Sascha Sokolow, Mamlejew, die waren einmalig. 

Zeitgenössische Autoren benutzen fremde Möbel, wollen keine eigenen erfinden, drechseln, zusammenbauen

Obwohl es Leute gibt, die gern immer die gleichen Romane lesen. Aber das ist schon eine Art literarisches Fitnesstraining. Jedes Jahr lässt der Autor einen erwarteten und vorhersagbaren Roman vom Fließband plumpsen. Das Fließband der Pop-Literatur läuft ohne Unterlass. Nein, ich bin bei der Literatur für die Einzelanfertigung.

Auch wenn das im Hinblick auf Ihre Prosa absurd klingt, aber früher hat Sie doch eigentlich der Mensch interessiert. Alles drehte sich um das Individuum, auch wenn es ein grauenhaftes Ungeheuer war. Sie haben versucht, damit zu arbeiten. Und dann haben Sie den Menschen irgendwie fallengelassen. Ich würde sagen, Sie sind enttäuscht vom Individuum.

Ich kann dazu wenig sagen. Ich verlasse mich schon mein Leben lang auf meine Intuition und wenn ich arbeite, dann funktioniere ich im Grunde wie ein Medium. Deswegen analysiere ich nie während der Arbeit. Ich löse einfach gewisse Konstruktionsaufgaben. Das ist ein komplexer Prozess, den man schwer erklären, formulieren kann.

Aber wenn Sie schon so eine Frage stellen, (lacht) so eine anthropologische! Ja, ich würde sagen, dass ich vom postsowjetischen Menschen mehr enttäuscht bin als vom sowjetischen. Weil im sowjetischen MenschenVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. eine gewisse Hoffnung lag – dass er früher oder später Sowjetisches, Allzusowjetisches in sich überwinden kann, dass das zusammen mit der Struktur verschwindet. 

Der postsowjetische Mensch ist nicht fähig, um sich herum eine normale Gesellschaft aufzubauen. Er erzeugt absurdes Theater

Jetzt ist klar geworden, dass es im 20. Jahrhundert zu derartigen Mutationen kam, begleitet vom MassenterrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt., dass das genetische Opfer dieser furchtbaren Selektion eigentlich darin besteht, dass der postsowjetische Mensch nicht nur nicht gewillt ist, den sowjetischen Eiter aus sich herauszudrücken, sondern ihn, im Gegenteil, auch noch als frisches Blut wahrnimmt. Aber mit solchem Blut wird er zum Zombie. Er ist nicht fähig, um sich herum eine normale Gesellschaft aufzubauen. Er erzeugt absurdes Theater.

Es ist mittlerweile banal zu sagen, dass wir seit ein paar Jahren in der von Ihnen im Roman TelluriaTelluria ist ein 2013 erschienener Endzeitroman von Wladimir Sorokin (geb. 1955). Der Autor beschreibt darin das Nachkriegseuropa zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Russland und Europa liegen in Trümmern, die Menschen suchen in einer Droge namens Telluria ihr Glück.  erdachten Welt leben: Wir haben von protosowjetischen, irgendwie rekonstruierten „Volksrepubliken“ gelesen, in denen Touristen Extremurlaub suchen – ein Wochenendtrip in die alte UdSSR. Das las sich alles als Utopie – genau bis 2014. Und dann wurde das, genauso wie alles andere, was Sie erfunden, was Sie, wie sich herausstellte vorhergesehen haben, zum Gemeinplatz. Macht Ihnen das nicht Angst, dass Sie das alles erfunden haben?

Diese letzte Frage, Andrej, ist mittlerweile auch schon banal, sorry. Nein, Angst macht mir das nicht ... Das Leben ist härter als die Literatur. Ja, tellurische Züge sind in den aktuellen Entwicklungen bereits offensichtlich. 

Mir kommt es vor, als führen wir mit einem riesigen Schiff, dessen Deck ins Wanken kommt

Mir kommt es vor, als führen wir mit einem riesigen Schiff, dessen Deck ins Wanken kommt und in Schieflage gerät. Und damit meine ich nicht nur das Schiff Russland. Auf der Europa fangen die Möbel genauso an zu rutschen, auch wenn die Leute hübsch an Deck flanieren, tanzen und an der Bar sitzen.

Alle Ihre Bücher der 1980er und 1990er handeln, wenn ich das richtig verstehe, von der Grausamkeit, die jeder von uns in sich trägt. Die Lektüre Ihrer Werke hat dann den richtigen Effekt, wenn man beginnt, vor sich selbst auf der Hut zu sein. In jedem von uns schläft die Hölle, die muss man niederhalten. 
Seit 2014 ist so ein gesellschaftliches Phänomen aufgetaucht, das alles verschlungen hat – eine völlig unmotivierte Grausamkeit ist zum Vorschein gekommen. Die nicht einmal physisch ist, sondern moralisch.

Sie ist ontologisch. Die russische Grausamkeit hat eine lange Geschichte, über viele Jahrhunderte. Die aktuelle, postsowjetische, ist eine Variation auf dasselbe Thema. Das spüren wir alle auf energetischer Ebene, da geht es gar nicht mal um Fernsehen, Politik oder Kriegshandlungen. Sondern darum, wie sich die Menschen auf der Straße verhalten, in der Metro, am Steuer ... Und ich finde, das ist auch ein Symptom dessen, dass die Gesellschaft nicht einfach die Stabilität verliert, sondern den Glauben an die Zukunft. 

Es herrscht ein Gefühl, dass da etwas auf uns zu kommt. Das habe nicht nur ich

Das hat nichts zu tun mit der neuen Reichsidee von wegen „wir sind die Besten“, wir sind von Feinden umzingelt, das geht tiefer. Das hängt eben mit der Schieflage des Decks zusammen. Wenn ein Erdbeben losgeht, versetzt das alle Tiere in Angst und Schrecken. Die einen jaulen verzweifelt, die anderen schnappen zu. Insofern ... herrscht ein Gefühl, dass da etwas auf uns zu kommt. Das habe nicht nur ich.    

In Telluria gibt es viele Typen von Zukunft, aber es gibt keinen, der uns die Realität beschert hätte und den ich als Katastrophentyp bezeichnen würde: Ein Mensch, der der ganzen Welt den Zusammenbruch wünscht – als Strafe für irgendwelche Sünden. 
Woher kommt eine solche Reaktion nach Jahren voller neuer, nie dagewesener Möglichkeiten – in denen sich der Bewohner Russlands so viel leisten konnte wie nie zuvor?

Nochmal, die Menschen haben nicht das Gefühl, dass uns glückliche Zeiten bevorstehen. Man muss schon ein Idiot sein, um den Ernst der Lage nicht zu erkennen, in die Russland nach der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. geraten ist. Von jungen Leuten höre ich ständig: „Ich habe hier keine Zukunft.“ Gespräche über Emigration sind zur Normalität geworden. Die Gesellschaft zittert in unheilvoller Vorahnung. 

Man muss schon ein Idiot sein, um den Ernst der Lage nicht zu erkennen, in die Russland nach der Krim geraten ist

Wofür kann sich der postsowjetische Mensch verachten? Dafür, dass er es nicht geschafft hat, frei zu werden, das Prinzip der Staatsmacht zu verändern. Die Staatsmacht war schon immer ein Vampir, und sie ist es auch geblieben. 

Reden wir darüber, was diesem Bösen entgegentreten soll. Es hat sich gezeigt, dass wir überhaupt keine Friedensethik haben, keine friedliche Tradition, kein Konzept des friedlichen Zusammenlebens. Nach all den Sowjet-Plakaten mit Tauben und durchgestrichenen Atombomben drauf hat sich herausgestellt, dass dieses Friedensprogramm komplett hohl und inhaltsleer war. 

So wie es auch keine Freundschaft gab, im Grunde. Ich meine dieses sowjetische Seit an SeitIm Original tschuwstwo loktja (dt. Ellenbogengefühl) – eine gängige feste Wortverbindung, die im übertragenen Sinn für das Gefühl des Kollektivismus steht. Vermutlich geht die Formel auf das Militär zurück: Die in Reih und Glied stehenden Soldaten sollten zu ihrem Nebenmann einen Abstand von einem Oberarm einhalten. ... Das war ein grandioser, von der Staatsmacht geförderter Selbstbetrug. In der KommunalkaEine Kommunalka ist eine Wohnung, die gleichzeitig von mehreren Familien bewohnt wird. Die Wohnform nahm ihren Anfang nach der Revolution von 1917, als große Wohneinheiten wohlhabender Familien auf mehrere Familien aufgeteilt wurden. Anfänglich als Not- und Übergangslösung gedacht, etablierte sich die Kommunalka bald als permanenter lebensweltlicher Ausnahmezustand und soziale Instanz. Seit der Perestroika ist es das große Ziel eines Jeden, diese Wohnform gegen eine Einzelwohnung einzutauschen. ist die Freundschaft immer eine erzwungene. Ich glaube, wir haben noch immer eine der am meisten atomisierten und isolierten Gesellschaften. Im Grunde, Andrej, je weiter ich mich zeitlich von der Sowjetzeit entferne, desto hässlicher und fürchterlicher erscheint sie mir. Das war wirklich ein Reich des Bösen. Was war das für ein WeltfriedenIm Original Miru Mir (dt. Frieden für die Welt). Das russische Wort Mir hat eine doppelte Bedeutung: Welt und Frieden. Die politische Losung Miru – Mir! war in der Sowjetunion eine gängige Propagandaformel. , wenn der Krieg der Staatsmacht gegen das Volk unaufhörlich im Gang war – verstecke sich wer kann. 

Die sowjetische Vergangenheit wurde nicht begraben, und so ist sie in mutierter und gleichzeitig halbverwester Form wieder auferstanden. Und wir müssen jetzt mit diesem Monster leben

Viele Dinge, die heute passieren, sind nicht verarbeitete Komplexe aus der sowjetischen Vergangenheit, und da schlage ich wieder in meine Lieblingskerbe: Die sowjetische Vergangenheit wurde nicht zur rechten Zeit begraben, also in den 1990er Jahren. Sie wurde nicht begraben, und so ist sie in mutierter und gleichzeitig halbverwester Form wieder auferstanden. Und wir müssen jetzt mit diesem Monster leben. Das diejenigen sehr geschickt erweckt haben, die ganz genau wussten, wie es aussah, wo seine Nervenzentren liegen. Dort haben sie die jeweiligen Nadeln gesetzt. So ist das mit dem vaterländischen Voodoo. Ich fürchte, die Folgen dieses Experiments werden katastrophal sein.

Und diese neue Sprache des Hasses – erforschen Sie die? Das ist doch Ihr Element.

Was die Sprache des Hasses angeht, war unser Land schon immer reich. Es genügte schon, in der Stoßzeit im sowjetischen Bus zu fahren. Eine Fundgrube! Da braucht es eigentlich keine besondere Aufmerksamkeit, ich habe feine Ohren. Doch der heutige, neoimperiale, sozusagen offizielle Hass ... in dieser Sprache liegt trotz all ihrer Grimmigkeit und Vulgarität etwas Hysterisches, eine gewisse Schwachheit. Man kriegt so ein Gefühl, die Leute würden kapieren, dass sie das jetzt hinausschreien müssen, weil es morgen vielleicht nichts mehr zu schreien und niemanden mehr anzuschreien gibt.Man spürt in alldem eine gewisse Agonie. Wenn man das mit der Rhetorik des alten totalitären Regimes vergleicht, dann wurde damals mit großem Vertrauen in den morgigen Tag gesprochen. Der Massenterror half dabei. Sie wussten, solange es den Eisernen Vorhang gibt, gehört die Zukunft ihnen. Und das spürte man in jeder Zeile der PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung.

Aber wenn jetzt der Fernsehmoderator sagt: „Wir können die USA jederzeit in radioaktive AscheGemeint ist eine Sendung vom 16. März 2014 – dem Tag, an dem das sogenannte Referendum über den Status der Krim stattfand. Der Moderator Kisseljow präsentierte dabei eine (aus dem Zusammenhang gerissene) US-amerikanische Meinungsumfrage, laut der ein großer Teil der US-Amerikaner Putin für einen stärkeren Leader hält als Obama. Kisseljow fügte hinzu, dass Russland das einzige Land der Welt sei, das „die USA in radioaktive Asche verwandeln“ könne. Der Ausspruch Kisseljows wurde alsbald zu einem Mem. Im Oktober 2016 kritisierte Präsident Wladimir Putin indirekt die Wortwahl Kisseljows. verwandeln“, dann glaub ich ihm das nicht. Der glaubt sich ja selbst nicht.

Im Grunde leben wir in einer üüüberaus spannenden Zeit! Das ist schon lange nicht mehr GogolNikolaj Gogol (1809–1852) war ein ukrainisch-russischer Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten Klassiker russischer Literatur, seine Werke wie Der Mantel, Der Revisor oder Die Toten Seelen werden von Literaturwissenschaftlern als wegweisend für viele nachfolgende Autoren gewertet. , sondern Charms ... 

Ist so etwas wie Reue möglich, ein Eingeständnis eigener Fehler, eigener Schuld – als Form der endgültigen Einschläferung dieses Zombies, dieses Monsters? 

Reue kann es erst nach der Katastrophe geben. Das ist keine Arznei, die man verabreichen kann. Ich glaube, freiwillig wird es hier keine Reue geben. Um zu bereuen, muss man erst ordentlich hinfallen, sich den Kopf anschlagen und, während man sich die Beule reibt, fragen: Was hab ich falsch gemacht? Für die Reue muss man sich selbst von der Seite sehen, als Ganzes und ohne Beschönigung.

Die Geschichte insgesamt hat auch die absolute Schwäche der zeitgenössischen Kultur aufgezeigt. Ist das nicht ihr grandioses Scheitern?

Die Kultur ist eine zarte Dame, keine Junge Frau mit RuderUrsprünglich eine Serie von sowjetischen Skulpturen aus den 1930er Jahren, wurde das sehr häufige Motiv Dewuschka s Weslom (dt. Junge Frau mit Ruder) zu einem Gattungsnamen für Gips-Standbilder im Stil des sogenannten Sozialistischen Realismus. Die Wahl des preiswerten Werkstoffs folgte zumeist dem Zeit- und Kostenkalkül. Auch aus diesem Grund gilt der ästhetische Wert solcher Statuen häufig als eingeschränkt.   . Für sie war das Déjà-vu mit dem SowokSowok ist eine abwertende Ableitung von Sowjetunion. Sie bedeutet „Kehrblech“ und stand in kritischen Kreisen sowohl für den sogenannten Homo Sovieticus als auch für die politische Wirklichkeit der Sowjetunion. zu viel des Guten. Sie braucht Zeit, um wieder zu sich zu kommen. Setzt sich erstmal ein Weilchen auf die Chaiselongue und verschnauft.

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Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

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Vladimir Sorokin

Man schreibt das Jahr 2027. Volksfeinde, sofern sie noch nicht außer Landes sind, werden öffentlich in Kesseln gekocht. Zeitungsschreiber „mit Entenfedern im Arsch“ vom Turm gestürzt. Nach Westen ist das Land durch eine „große Mauer“ abgeschottet. Der Herrscher hat „den russischen Bären“ wieder zum Brüllen gebracht, „so dass die ganze Welt ihn hören kann“. Die mit Sonderprivilegien ausgestattete Schutzstaffel der Opritschniki säubert das Land von aufsässigem Gesindel.

Diese fiktive Realität, die Vladimir Sorokin in seinem Roman Den Opritschnika (dt. Der Tag des Opritschniks) kreiert hat, sollte ein kritisch auf die Gegenwart zielendes Lehrstück sein. Verschlüsselt durch bildhafte Verfremdungen erschien der Roman im Jahr 2006 und avancierte sehr schnell zum umstrittenen Kultbuch. Sorokins Welt in diesem wie auch in anderen Texten kennzeichnen Gewaltszenen, obszöne SpracheMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, die Wörter werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. und dystopische Visionen. Für die einen ist das nichts als postmodernes Geschreibsel voller Zoten und Flucherei, für die anderen sind Sorokins Texte dagegen prophetische Meisterwerke.

Geboren 1955 im Moskauer Vorort Bykowo wuchs Vladimir Sorokin in der Sowjetunion des TauwettersBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. auf. Beeinflusst durch den Moskauer Konzeptualismus schrieb er seinen ersten, ganz in Dialogform gehaltenen Text Otschered (dt. Die Schlange). Dieser erschien 1985 in der Pariser Emigrantenzeitschrift Syntaxis und brachte dem Leser das „Erlebnis“ Schlangestehen in der Sowjetunion als elementares Lebensgefühl nahe. Da seine Werke zunächst nur in Westeuropa veröffentlicht wurden, wurde Sorokin in seiner Heimat erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bekannt. Heute gehört er zu den anerkanntesten und meist diskutierten Schriftstellern in Russland. Neben Viktor Jerofejew, Viktor PelewinDas Werk des 1962 geborenen Schriftstellers erhielt bereits mehrere russische und internationale Preise. Es zeichnet sich durch einen ironischen Stil aus und wird mit dem Postmodernismus in Verbindung gebracht. Internationale Bekanntheit erlangte unter anderem Pelewins Roman Generation P, der die in den 1990er Jahren in Russland aufwachsende Jugend portraitiert. und Tatjana Tolstaja gilt er als einer der Hauptvertreter der russischen Postmoderne. Fast noch bekannter ist der Autor, der heute in Moskau und in Berlin lebt, allerdings außerhalb seines Heimatlandes: Seine Werke sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ins Deutsche wurden die meisten seiner Texte, unter anderem Der Tag des Opritschniks, von Andreas Tretner übertragen.

Politischer Visionär

In vielen seiner literarischen Werke verstößt Sorokin gezielt gegen politische und moralische Tabus und gilt deshalb als enfant terrible der russischen Literatur. Zum Beispiel wurde er aufgrund seines Romans Goluboje salo (dt. Der himmelblaue Speck) angegriffen, wo er etwa in einer grotesken Kopulationsszene zwischen einem Stalin-Klon und dem fiktiven ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. das Fortwirken stalinistischer Tendenzen anprangert. Seit dem Erscheinen dieses Romans im Jahr 1999 gilt sein Autor als politischer Visionär. Immer wieder wird Sorokin seitdem auf seine neue, engagiert staatsbürgerliche Haltung hin angesprochen und deswegen auch kritisiert.

Verstößt gezielt gegen politische und moralische Werte – Autor Vladimir Sorokin / Foto © Wodnik/Wikipedia unter CC BY-SA 3.0

2002 warfen Vertreter der kremlnahen JugendorganisationRegierungsfinanzierte Jugendorganisationen (RFJ) werden in Russland seit 2000 oft als Reaktion auf ein isoliertes politisches Ereignis gegründet oder um (oppositionelle) öffentliche Personen zu diskreditieren. Die sichtbarste und bekannteste dieser Jugendorganisationen ist die im Jahr 2005 gegründete Demokratische Antifaschistische Bewegung Naschi. Sie wurde 2008 in mehrere Unterorganisationen aufgespalten und 2013 faktisch aufgelöst. Iduschtschije WmesteIduschtschije Wmeste war eine russische kremlnahe Jugendorganisation, die im Jahr 2000 von Wassili Jakemenko gegründet wurde, mit dem Ziel der Unterstützung für Präsident Putin. 2005 wurde Iduschtschije Wmeste (wörtlich: die zusammen Gehenden) durch eine neue Organisation mit dem Namen Naschi abgelöst. Exemplare seiner Bücher in eine Toilettenattrappe. Sorokin landete wegen Pornographie vor Gericht, wurde aber 2003 freigesprochen. Während er in Goluboje salo aus dem Jahr 2068 in die Hitler-Stalin-Zeit und wieder zurück springt, malt er in Den Opritschnika ein düsteres Bild der Gegenwart im Gewand der Zukunft des Jahres 2027.

Der aus der Täterperspektive erzählte Tagesablauf des Opritschniks Komjaga beginnt mit dem Klingelton seines „Mobilos“: den Schmerzensschreien eines Gefolterten. Entsprechend gewalttätig gestaltet sich der ganze Arbeitstag. Der Opritschnik beginnt ihn mit der Hinrichtung eines staatsfeindlichen „BojarenIm alten Russland, in der Kiewer Rus, aber auch in vielen anderen Ländern Osteuropas bildeten Bojaren die Schicht der Großgrundbesitzer. Viele Historiker vergleichen Bojaren mit Ministern: Sie berieten den Zaren und hatten häufig eigene Kompetenzbereiche. In der Rangordnung des Adels war Bojare eine Sammelbezeichnung für alle Adlige unterhalb des Fürsten oder des Zaren.“ (der gleichnishaft für eigenmächtige Regionalgouverneure oder OligarchenAls Oligarchen werden Großunternehmer bezeichnet, die starken Einfluss auf die Politik nehmen. In Russland, aber auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen Wirtschaft und Politik sehr eng verwoben sind, stellen sie ein zentrales Charakteristikum des politischen Systems dar. stehen könnte) und der Gruppenvergewaltigung von dessen Witwe. Und er endet nach dem Abendmahl, dem der „Gossudar“ (dt. Herrscher) virtuell zugeschaltet ist und bei dem auch kirchliche Würdenträger anwesend sind, mit einem perversen Gruppenritual der Opritschniki in der BanjaDie Banja ist die russische Sauna: ein Dampfbad, in dem die kreislaufanregende und reinigende Wirkung durch das Auspeitschen mit Birkenzweigen verstärkt wird. Auf dem Lande ist es oft eine Holzhütte im Garten, in der Stadt sind es große Gebäude, ähnlich städtischen Badeanstalten. Die Banja ist ein Kultort, an dem gern getrunken und gegessen wird, der Eingang in viele Filme findet. Es gibt auch eine eigene Grußformel, wenn jemand in die Banja geht: S legkim parom! (Ich wünsche leichten Dampf!).

Gegenwart Russlands liegt in seiner imperialen Vergangenheit

Sorokin ist der Auffassung, das gegenwärtige Russland sei nur noch mit den grotesken Mitteln der Satire abzubilden. Seine scheinbar paradoxe Prämisse lautet: Die von Machtvertikale und Geheimdienst bestimmte Gegenwart Russlands liegt in seiner imperialen Vergangenheit. So ist die Erzählung im Den Opritschnika zwar in der Zukunft angesiedelt, aber die Sprache und die Realien sind der Zeit Iwans des SchrecklichenIwan IV. Wassiljewitsch, der Schreckliche (1530–1584) war Großfürst von Moskau, bevor er sich 1547 zum Zaren von Russland erklärte. Seine Feldzüge gegen tatarische Khanate brachten enorme Landgewinne, das Zarentum Russland expandierte. Vor diesem Hintergrund war ein großer Teil seiner Zeit auf dem Thron durch die sogenannte Opritschnina geprägt – eine regional beschränkte, tyrannische Innenpolitik, die sich mit umfangreichem Terror gegen die Bevölkerung richtete. (16. Jahrhundert) angenähert, von wo der Begriff OpritschnikiAls Opritschnina wird die staatliche Politik in den Jahren 1565 bis 1572 bezeichnet, die vom Zaren Iwan IV. (Iwan dem Schrecklichen) initiiert wurde. Die Politik galt in besonderen Gebieten, aus denen der Zar den Adel verbannte und dessen Eigentum großenteils auf  Opritschniki – Mitglieder seiner Leibgarde – übertrug. auch stammt.

Markenzeichen des Opritschnik-Textes und weiterer retrofuturistischer Erzählbände und Romane Sorokins, wie Sacharni kreml (dt. Zuckerkreml, 2008), Metel (dt. Schneesturm, 2012) und TelluriaTelluria ist ein 2013 erschienener Endzeitroman von Wladimir Sorokin (geb. 1955). Der Autor beschreibt darin das Nachkriegseuropa zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Russland und Europa liegen in Trümmern, die Menschen suchen in einer Droge namens Telluria ihr Glück.  (2013), ist die Vermischung von Zukunft und Vergangenheit auf der Sprach- und Erzählebene, und andererseits eine Poetik, die auf der Ästhetik von Obszönität und Gewalt basiert. Freilich entziehen sich Sorokins verfremdende Dystopien, mit denen er die Schmerzpunkte der russischen Gesellschaft treffen möchte, einer wörtlichen Lesart. Sie fordern vielmehr eine parabelhafte Lektüre. Doch selbst so können seine explosiven Texte nicht entschärft werden, weil sie die schwarze Satire als einzige Alternative zum Bestehenden aufrufen.

Sorokins vielschichtige Parabeln stellen eine Dystopie im Sinne von Huxley und Orwell dar. Das Wesentliche an ihnen ist, dass sie der russischen Gegenwart beklemmend nahezukommen scheinen. Sorokin reagiert mit seinen fiktionalen Texten vor allem auf die herrschenden Post-Perestroika-Diskussionen, die von einem nationalpatriotischen beziehungsweise neoimperialistischen Ton1 dominiert werden. Diesem zeithistorisch-politischen Hauptdiskurs sind weitere untergeordnet, wie der kulturanalytische, der literarische, der folkloristische und der popkulturelle. So bestehen seine Texte wie Flickenteppiche aus verschiedenen Verweisen, Motiven und Allusionen, was das Lesen der meist unterhaltsam geschriebenen Werke in der Tat zu einem intellektuellen Akt macht.

Warnung versus Vorbild

Seine Texte, die als Lehrstücke auf die Gegenwart zielen und vor totalitärer Staatsgewalt warnen wollen, werden kontrovers und oft sehr unerwartet rezipiert. So wird etwa Den Opritschnika von vielen „Kremlnahen“ gelesen und geschätzt: Während sein Roman für die einen die Realität abbildet, die unbedingt verhindert werden muss, lobten ihn die anderen dafür, dass er zeige, was Russlands inneren Feinden droht.2

Bemerkenswert ist, dass die öffentliche Diskussion der von ihm aufgegriffenen Themen auch jenseits der Literaturwelt geführt wird – ganz im Geiste des Postmodernismus. Der Journalist Michail LeontjewMichail Leontjew (*1958) ist ein russischer kremltreuer Journalist, der auf dem staatlichen Ersten Kanal die politische Sendung Odnako (deutsch: Allerdings) moderiert. Außerdem ist er Chefredakteur der gleichnamigen Wochenzeitschrift. Im Jahr 2014 wurde er zum Vizepräsidenten und Pressesprecher des staatlichen Ölkonzerns Rosneft ernannt. – Mitherausgeber des Bandes Festung Russland und somit einer, gegen den Sorokin in seinen Büchern indirekt polemisiert – gründete 2008 in einem fensterlosen Moskauer Gewölbekeller ein Nobelrestaurant namens Opritschnik. Dort werden die Gäste nach alter Sitte des Zarenreichs bewirtet. Aktivisten der subversiven Künstlergruppe WoinaDie Gruppe Woina führte in Russland in den Jahren 2007 bis 2010 spektakuläre Aktionen durch, die auch auf Internetforen rege diskutiert wurden. Woina griff aktuelle Themen der russischen Gesellschaft auf (zunehmend autoritäre Regierung, Fremdenhass, Homophobie)  und inszenierte sie als politische Konzeptkunst. schweißten den Eingang zu, um zu demonstrieren: Ein Revival der Zeit Iwans des SchrecklichenIwan IV. Wassiljewitsch, der Schreckliche (1530–1584) war Großfürst von Moskau, bevor er sich 1547 zum Zaren von Russland erklärte. Seine Feldzüge gegen tatarische Khanate brachten enorme Landgewinne, das Zarentum Russland expandierte. Vor diesem Hintergrund war ein großer Teil seiner Zeit auf dem Thron durch die sogenannte Opritschnina geprägt – eine regional beschränkte, tyrannische Innenpolitik, die sich mit umfangreichem Terror gegen die Bevölkerung richtete. – wie es etwa Sorokin im Den Opritschnika andeutet – verheißt nicht imperiale Freuden, sondern einen neuen Eisernen Vorhang.3


1.Sorokins „Opritschnik“-Roman ist eine parodistische Auseinandersetzung sowohl mit Aleksandr Prochanovs Text Gospodin Geksogen (2001) als auch mit dem u. a. von Michail Leont’ev hrsgg. Band Krepost’ Rossija: Proščanie s liberalizmom (2005) sowie Michail Jur’evs Thesenroman Tret’ja Imperija: Rossija, kotoraja dolžna byt’ (2006), vgl. Schmid, Ulrich (2015): Technologien der Seele: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin, S. 27-33
2.Siehe zum Beispiel die Rede von Alexander Dugin auf der Buchmesse Non-fiction 9 im Jahr 2007: „Alles, was Sorokin beschreibt, wird sich bewahrheiten. Es wird sich nach 2008 bewahrheiten, und zwar in der härtesten Form. Es wird keine spielerische Homoerotik sein, es wird metaphysischer sein, aber insgesamt werden Sorokin-Projekte Wirklichkeit.“
3.Žurnal’nyj zal: Ot opričniny – k dvorcovomu perevorotu: nacional’nye i antisovetskie motivy v akcijach art-gruppy «Vojna»
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