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Lubjanka

Nirgendwo sonst saßen Hintermänner, Henker und ihre Opfer so dicht zusammen wie in der Lubjanka. Nina Frieß über den Sitz des Geheimdienstes, um den Menschen jahrzehntelang „einen möglichst großen Bogen“ machten. 

Zeugen Jehovas

Mehr als 20 Zeugen Jehovas sitzen derzeit wegen ihres Glaubens in russischen Gefängnissen. Als „größte extremistische Organisation in Russland“ bezeichnen auch Vertreter der Orthodoxen Kirche die Zeugen Jehovas. Regina Elsner sieht darin Verstöße gegen die Religionsfreiheit und fragt, inwiefern diese einen systemischen Charakter haben.

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Butowski Poligon

Der Butowski Poligon (dt. Schießplatz Butowo) bei Moskau ist einer von hunderten Massenerschießungs- und Begräbnisorten, die während des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose überall in der Sowjetunion entstanden sind. Innerhalb von 15 Monaten, zwischen August 1937 und Oktober 1938, sind in Butowo mindestens 20.760 Menschen erschossen und auf dem knapp 4,8 Hektar großen Gebiet begraben worden. Zudem wurden hier in den Folgejahren immer wieder die sterblichen Überreste weiterer Hingerichteter aus den umliegenden Gefängnissen verscharrt. Erst in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose übergab man die sogenannten Erschießungslisten der Hinrichtungen und Bestattungen aus dem KGB-Archiv an eine Bürgerrechtsorganisation.1  Diese Organisation erwirkte zunächst öffentlichen Zugang zum Schießplatz und stellte bereits 1993 den ersten Gedenkstein auf.

Bei der Erstellung von Kurzbiographien der Ermordeten fiel den BearbeiterInnen auf, dass eine große Anzahl an PriesternDie Russisch-Orthodoxe Kirche war von der Revolution 1917 bis zur Perestroika in den 1980er Jahren Repressionen ausgesetzt. Ihren Höhepunkt erreichte die Kirchenverfolgung jedoch in den 1920er und 1930er Jahren: Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Geistliche wurden verhaftet und zu Tausenden getötet. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die sowjetische Kirchenpolitik. Mehr dazu in unserer Gnose unter den Verurteilten von Butowo war. Ihre Namen wurden der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK)Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. Mehr dazu in unserer Gnose übergeben. Wenig später gründeten Nachfahren der dort ermordeten Priester die Gemeinde von Butowo und fingen an, sich an der Erinnerungsarbeit zu beteiligen. Zwei Jahre später, 1995, errichteten sie auf dem Gelände eine Kapelle, und der KGB übergab das gesamte Gelände in den Besitz der Kirche.2

Das russische Golgatha

In den folgenden Jahren avancierte der Butowski Poligon zu einem Symbol für den Umgang der ROK mit dem Stalinismus. Der Erschießungsplatz sei das russische Golgatha – Ort der Kreuzigung Jesu – so definierte es der Patriarch Alexius II. Damit setzte er ein klares Statement gegen den Stalinismus und die atheistische Ideologie der Sowjetunion.

Zugleich legte Alexius II. einen weiteren Grundstein für die scharfe Haltung der ROK gegenüber der Epoche Stalins. Zwar berichten unabhängige Medien immer wieder spöttisch über sogenannte orthodoxe Stalinisten, die Leitung der Kirche unter dem Nachfolger Alexius’Im Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik. Mehr dazu in unserer Gnose wendet sich aber weiterhin oft gegen den Stalinismus, Kommunismus, Bolschewismus und Leninismus.

Mit dieser Haltung fordert die Kirchenleitung einen eklatanten Widerspruch heraus: Denn die ROK gehört zu jenen Institutionen, die laut Umfragen am meisten Vertrauen in der Gesellschaft genießen.3 Gleichzeitig bewerten über 40 Prozent der Menschen in Russland Stalins Rolle in der Geschichte positiv.4 Außerdem ist Stalin untrennbar mit dem Sieg im Großen Vaterländischen KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose verbunden – und dieser gilt als zentral für die offizielle ErinnerungskulturIm heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören. Mehr dazu in unserer Gnose des Landes.

Vermutlich deshalb sah sich Patriarch Kirill 2009 offenbar gezwungen, diesen Widerspruch zur offiziellen Erinnerungspolitik zu kommentieren: Bei einer Messe sagte er damals, dass der Sieg als Gotteswunder zu betrachten sei – ein Wunder, das nur durch die Einheit des Volkes möglich wurde.5 Da Kirill darüber hinaus die Opfer des Krieges als „Rache Gottes“ für den staatlichen Atheismus geißelte und die Rolle Stalins schmälerte, brachten ihm diese Aussagen massive Kritik ein – auch seitens der kremlnahen Kreise.6 Auf diese Kritik reagierte wiederum Erzbischof Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen: Der Sieg, so der Geistliche, sei deshalb als Gotteswunder anzusehen, weil Stalin im Vorfeld des Krieges alles dafür getan habe, das Land zu „zertrümmern“. Insgesamt sei der Sieg nicht wegen, sondern trotz Stalin errungen worden, so Hilarion.7

Neumärtyrer und Bekenner

Butowski Poligon steht wie kaum ein anderer Erinnerungsort in Russland für diese Haltung. Auf dem Gelände wurden Gedenkkreuze aufgestellt und eine große Steinkathedrale zu Ehren der Neumärtyrer und Bekenner gebaut. Mit diesen Begriffen verehrt die Kirche die heiliggesprochenen Opfer der Sowjetzeit. Regelmäßig finden hier Gottesdienste mit dem Moskauer Patriarchen statt. Präsident Wladimir Putin war bereits 2007 da, lobte die Arbeit der Kirche und bezeichnete die in Butowo liegenden Opfer der politischen Verfolgungen als „Menschen mit eigener Meinung, die Besten der Nation.“8

Den vorläufigen Höhepunkt des Gedenkens markierte die Eröffnung eines monumentalen Denkmals – des sogenannten Gartens der Erinnerung – zum 80. Jahrestag des Großen Terrors im Oktober 2017. Dafür wurden die Namen aller Opfer auf übermannshohe schwarze Marmorplatten eingraviert, die entlang eines tiefergelegten Gehwegs in den Boden eingelassen worden waren. Die Gestaltung soll den Eindruck eines langgezogenen Massengrabes erwecken. Am Ende des Weges hängt eine Kirchenglocke, die jeder Besucher anschlagen darf. Die gesamte sichtbare Symbolik des Ortes ist ausschließlich orthodox, ungeachtet der tatsächlichen Vielfalt der Opfer, unter denen sich nicht wenige Muslime, Buddhisten und wohl auch Atheisten finden lassen.9

Dimensionen der Erinnerungsarbeit

Die kirchliche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus hat in Butowo mindestens drei Dimensionen: Zum einen haben Nachfahren der dort ermordeten Geistlichen ein persönliches Interesse an der Aufarbeitung und Verurteilung der Verbrechen. So dient der Enkel eines ermordeten Geistlichen heute als Priester in der Gemeinde am Schießplatz. Weitere Angehörige beteiligen sich ehrenamtlich an der Gedenkstättenarbeit und betreiben unter anderem die Social Media Accounts.10

Zum anderen wird der Ort für institutionell-kirchenpolitische Zwecke genutzt, um den Einfluss der ROK als Weltkirche auszudehnen. Der Bau der großen Steinkathedrale ist eng verknüpft mit der Wiedervereinigung der ROK mit der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland. Diese hatte sich nach der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose abgespalten und eigene Strukturen in Europa und den USA aufgebaut. Bis in die späten 1990er Jahre hat die Auslandskirche dem Moskauer Patriarchat unter anderem vorgeworfen, dem atheistischen Staat trotz der Verfolgungen hörig geblieben zu sein. Erst 2007 fand die offizielle Wiedervereinigung unter Moskaus Federführung statt, und Butowo eignete sich perfekt, diesen Akt symbolisch zu feiern: Die Grundsteinlegung für die Kathedrale erfolgte 2004 beim ersten offiziellen Besuch einer Delegation der Auslandskirche in Moskau, und die Eröffnung wurde im Zuge der Wiedervereinigungs-Feierlichkeiten zelebriert. Offensichtlich konnten sich beide Parteien auf die gemeinsame Trauer um die Opfer des Großen Terrors und die damit einhergehende Verurteilung des Stalinismus einigen. Weitere Fragen nach der späteren Zusammenarbeit der ROK mit den sowjetischen Geheimdiensten wurden dabei allerdings ausgeblendet.

Ähnlich ist auch die dritte Dimension der Auseinandersetzung geprägt: die Rolle der Kirche im politischen Erinnerungsdiskurs Russlands. Man konzentriert sich vor allem auf die Trauer um die Opfer, die Rolle der Täter gerät aber zunehmend in den Hintergrund.

Die dafür gelieferte Erklärung ist einfach: Die Täter, Stalin und seine Schergen, seien lange tot und würden für ihre Taten von Gott bestraft. Die Opfer wiederum hätten durch ihren Märtyrertod wie Jesus Christus am Kreuz die Sühne übernommen. 
Eine solche Argumentation seitens der ROK ist für die heutige Politik (und Gesellschaft) ein bequemer Weg, den Widerspruch auszublenden und mit der Vergangenheit umzugehen. Denn damit wird beides möglich: Man braucht die Sowjetunion als System nicht völlig abzulehnen, gleichzeitig kann man den Massenterror unter Stalin eindeutig als ein punktuelles Ereignis verurteilen. In etwa so, wie es der FSBFSB (Federalnaja slushba besopasnosti, dt. Föderaler Sicherheitsdienst) ist der Inlandsgeheimdienst Russlands. Er ging aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB hervor, der nach dem Ende der Sowjetunion zerschlagen wurde. Heute gehören Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung, aber auch organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität zum Arbeitsgebiet des FSB. Schätzungsweise rund 350.000 Menschen arbeiten heute für die Behörde. Mehr dazu in unserer Gnose -Chef Alexander BortnikowSeit 2008 Leiter (geb. 1951) des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Seit Juli 2014 steht er aufgrund der russischen Politik im Zuge der Ukraine-Krise auf der Sanktionsliste der EU und ist mit einem Einreiseverbot belegt. Im Jahr 2007 wurde bekannt, dass Bortnikow angeblich einer der Drahtzieher der Ermordung Alexander Litwinenkos gewesen sein soll. nannte: als „lokale Auswüchse“.


1.Die Gruppe zur Verewigung der Erinnerung an die Opfer politischer Verfolgungen formierte sich um den ehemaligen Kolyma-Häftling Michail Mindlin und war neben Memorial eine treibende Kraft der Rehabilitierungsmaßnahmen von Opfern der politischen Verfolgungen in der Sowjetunion. 
2.Ausführlich: Zimmermann, Margarete (2014): Die Russische Orthodoxe Kirche als erinnerungspolitischer Akteur (1995–2009): Der Schießplatz Butovo als Fallbeispiel für die postsowjetische Gedenkkultur,  in: Ganzenmüller, Jörg/ Utz, Raphael: Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung: Orte – Akteure – Deutungen, Berlin, S. 59–90 
3. Levada-Zentr: Instituzionalnoe doverie 
4. Levada-Zentr: Stalin v obščestvennom mnenii 
5. zit. nach: Interfax: Patriarch Kirill sčitaet pobedu v Velikoj Otečestvennoj vojne ne tol’ko podvigom naroda, no i čudom, kotoroe javil Bog 
6. Kaspė, Svjatoslav (2012): Političeskaja teologija i NATION-BUILDING: obščie položenija, rossijskij slučaj, Moskau, S. 128 
7. vgl. patriarchia.ru: Missija v miru 
8. Rossijskaja Gazeta: Pominal’naja molitva
Im September 2017 weihte Wladimir Putin in Moskau ein neues Denkmal für die Opfer politischer Verfolgung ein – Stena Skorbi (dt. „Die Mauer der Trauer“). Ähnlich zu seiner Rede in Butowo betonte der Präsident dabei, dass politische Repressionen zu einer Tragödie für das ganze Volk wurden, vgl. tass.ru: Putin sčitaet, čto prošlye političeskie repressii ne imejut opravdanija 
9.  Vergleiche die Erschießungslisten auf der Website von Butovo.
10. Martyr.ru, Facebook und Vkontakte 
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Sommerweide der Tewlins, Jugra, Foto © Igor Tereschkow (All rights reserved)