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Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Am 15. Oktober 1922 eröffnete die Erste Russische Kunstausstellung in Berlin. Mit ihr gelingt der Galerie van Diemen ein echter Coup, die westliche Kritik spricht über die Werke von Malewitsch, El Lissitzki, Tatlin und anderen sowjetischen Avantgardisten. So war die Schau kurz nach Oktoberrevolution und Erstem Weltkrieg vor allem auch politisches Signal des jungen Sowjetrusslands – an die Weimarer Republik und an die Welt. 

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Butowski Poligon

Der Butowski Poligon (dt. Schießplatz Butowo) bei Moskau ist einer von hunderten Massenerschießungs- und Begräbnisorten, die während des Großen Terrors überall in der Sowjetunion entstanden sind. Innerhalb von 15 Monaten, zwischen August 1937 und Oktober 1938, sind in Butowo mindestens 20.760 Menschen erschossen und auf dem knapp 4,8 Hektar großen Gebiet begraben worden. Zudem wurden hier in den Folgejahren immer wieder die sterblichen Überreste weiterer Hingerichteter aus den umliegenden Gefängnissen verscharrt. Erst in den 1990er Jahren übergab man die sogenannten Erschießungslisten der Hinrichtungen und Bestattungen aus dem KGB-Archiv an eine Bürgerrechtsorganisation.1  Diese Organisation erwirkte zunächst öffentlichen Zugang zum Schießplatz und stellte bereits 1993 den ersten Gedenkstein auf.

Bei der Erstellung von Kurzbiographien der Ermordeten fiel den BearbeiterInnen auf, dass eine große Anzahl an Priestern unter den Verurteilten von Butowo war. Ihre Namen wurden der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) übergeben. Wenig später gründeten Nachfahren der dort ermordeten Priester die Gemeinde von Butowo und fingen an, sich an der Erinnerungsarbeit zu beteiligen. Zwei Jahre später, 1995, errichteten sie auf dem Gelände eine Kapelle, und der KGB übergab das gesamte Gelände in den Besitz der Kirche.2

Das russische Golgatha

In den folgenden Jahren avancierte der Butowski Poligon zu einem Symbol für den Umgang der ROK mit dem Stalinismus. Der Erschießungsplatz sei das russische Golgatha – Ort der Kreuzigung Jesu – so definierte es der Patriarch Alexius II. Damit setzte er ein klares Statement gegen den Stalinismus und die atheistische Ideologie der Sowjetunion.

Zugleich legte Alexius II. einen weiteren Grundstein für die scharfe Haltung der ROK gegenüber der Epoche Stalins. Zwar berichten unabhängige Medien immer wieder spöttisch über sogenannte orthodoxe Stalinisten, die Leitung der Kirche unter dem Nachfolger Alexius’ wendet sich aber weiterhin oft gegen den Stalinismus, Kommunismus, Bolschewismus und Leninismus.

Mit dieser Haltung fordert die Kirchenleitung einen eklatanten Widerspruch heraus: Denn die ROK gehört zu jenen Institutionen, die laut Umfragen am meisten Vertrauen in der Gesellschaft genießen.3 Gleichzeitig bewerten über 40 Prozent der Menschen in Russland Stalins Rolle in der Geschichte positiv.4 Außerdem ist Stalin untrennbar mit dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg verbunden – und dieser gilt als zentral für die offizielle Erinnerungskultur des Landes.

Vermutlich deshalb sah sich Patriarch Kirill 2009 offenbar gezwungen, diesen Widerspruch zur offiziellen Erinnerungspolitik zu kommentieren: Bei einer Messe sagte er damals, dass der Sieg als Gotteswunder zu betrachten sei – ein Wunder, das nur durch die Einheit des Volkes möglich wurde.5 Da Kirill darüber hinaus die Opfer des Krieges als „Rache Gottes“ für den staatlichen Atheismus geißelte und die Rolle Stalins schmälerte, brachten ihm diese Aussagen massive Kritik ein – auch seitens der kremlnahen Kreise.6 Auf diese Kritik reagierte wiederum Erzbischof Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen: Der Sieg, so der Geistliche, sei deshalb als Gotteswunder anzusehen, weil Stalin im Vorfeld des Krieges alles dafür getan habe, das Land zu „zertrümmern“. Insgesamt sei der Sieg nicht wegen, sondern trotz Stalin errungen worden, so Hilarion.7

Neumärtyrer und Bekenner

Butowski Poligon steht wie kaum ein anderer Erinnerungsort in Russland für diese Haltung. Auf dem Gelände wurden Gedenkkreuze aufgestellt und eine große Steinkathedrale zu Ehren der Neumärtyrer und Bekenner gebaut. Mit diesen Begriffen verehrt die Kirche die heiliggesprochenen Opfer der Sowjetzeit. Regelmäßig finden hier Gottesdienste mit dem Moskauer Patriarchen statt. Präsident Wladimir Putin war bereits 2007 da, lobte die Arbeit der Kirche und bezeichnete die in Butowo liegenden Opfer der politischen Verfolgungen als „Menschen mit eigener Meinung, die Besten der Nation.“8

Den vorläufigen Höhepunkt des Gedenkens markierte die Eröffnung eines monumentalen Denkmals – des sogenannten Gartens der Erinnerung – zum 80. Jahrestag des Großen Terrors im Oktober 2017. Dafür wurden die Namen aller Opfer auf übermannshohe schwarze Marmorplatten eingraviert, die entlang eines tiefergelegten Gehwegs in den Boden eingelassen worden waren. Die Gestaltung soll den Eindruck eines langgezogenen Massengrabes erwecken. Am Ende des Weges hängt eine Kirchenglocke, die jeder Besucher anschlagen darf. Die gesamte sichtbare Symbolik des Ortes ist ausschließlich orthodox, ungeachtet der tatsächlichen Vielfalt der Opfer, unter denen sich nicht wenige Muslime, Buddhisten und wohl auch Atheisten finden lassen.9

Dimensionen der Erinnerungsarbeit

Die kirchliche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus hat in Butowo mindestens drei Dimensionen: Zum einen haben Nachfahren der dort ermordeten Geistlichen ein persönliches Interesse an der Aufarbeitung und Verurteilung der Verbrechen. So dient der Enkel eines ermordeten Geistlichen heute als Priester in der Gemeinde am Schießplatz. Weitere Angehörige beteiligen sich ehrenamtlich an der Gedenkstättenarbeit und betreiben unter anderem die Social Media Accounts.10

Zum anderen wird der Ort für institutionell-kirchenpolitische Zwecke genutzt, um den Einfluss der ROK als Weltkirche auszudehnen. Der Bau der großen Steinkathedrale ist eng verknüpft mit der Wiedervereinigung der ROK mit der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland. Diese hatte sich nach der Oktoberrevolution 1917 abgespalten und eigene Strukturen in Europa und den USA aufgebaut. Bis in die späten 1990er Jahre hat die Auslandskirche dem Moskauer Patriarchat unter anderem vorgeworfen, dem atheistischen Staat trotz der Verfolgungen hörig geblieben zu sein. Erst 2007 fand die offizielle Wiedervereinigung unter Moskaus Federführung statt, und Butowo eignete sich perfekt, diesen Akt symbolisch zu feiern: Die Grundsteinlegung für die Kathedrale erfolgte 2004 beim ersten offiziellen Besuch einer Delegation der Auslandskirche in Moskau, und die Eröffnung wurde im Zuge der Wiedervereinigungs-Feierlichkeiten zelebriert. Offensichtlich konnten sich beide Parteien auf die gemeinsame Trauer um die Opfer des Großen Terrors und die damit einhergehende Verurteilung des Stalinismus einigen. Weitere Fragen nach der späteren Zusammenarbeit der ROK mit den sowjetischen Geheimdiensten wurden dabei allerdings ausgeblendet.

Ähnlich ist auch die dritte Dimension der Auseinandersetzung geprägt: die Rolle der Kirche im politischen Erinnerungsdiskurs Russlands. Man konzentriert sich vor allem auf die Trauer um die Opfer, die Rolle der Täter gerät aber zunehmend in den Hintergrund.

Die dafür gelieferte Erklärung ist einfach: Die Täter, Stalin und seine Schergen, seien lange tot und würden für ihre Taten von Gott bestraft. Die Opfer wiederum hätten durch ihren Märtyrertod wie Jesus Christus am Kreuz die Sühne übernommen. 
Eine solche Argumentation seitens der ROK ist für die heutige Politik (und Gesellschaft) ein bequemer Weg, den Widerspruch auszublenden und mit der Vergangenheit umzugehen. Denn damit wird beides möglich: Man braucht die Sowjetunion als System nicht völlig abzulehnen, gleichzeitig kann man den Massenterror unter Stalin eindeutig als ein punktuelles Ereignis verurteilen. In etwa so, wie es der FSB-Chef Alexander Bortnikow nannte: als „lokale Auswüchse“.


1.Die Gruppe zur Verewigung der Erinnerung an die Opfer politischer Verfolgungen formierte sich um den ehemaligen Kolyma-Häftling Michail Mindlin und war neben Memorial eine treibende Kraft der Rehabilitierungsmaßnahmen von Opfern der politischen Verfolgungen in der Sowjetunion. 
2.Ausführlich: Zimmermann, Margarete (2014): Die Russische Orthodoxe Kirche als erinnerungspolitischer Akteur (1995–2009): Der Schießplatz Butovo als Fallbeispiel für die postsowjetische Gedenkkultur,  in: Ganzenmüller, Jörg/ Utz, Raphael: Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung: Orte – Akteure – Deutungen, Berlin, S. 59–90 
3. Levada-Zentr: Instituzionalnoe doverie 
4. Levada-Zentr: Stalin v obščestvennom mnenii 
5. zit. nach: Interfax: Patriarch Kirill sčitaet pobedu v Velikoj Otečestvennoj vojne ne tol’ko podvigom naroda, no i čudom, kotoroe javil Bog 
6. Kaspė, Svjatoslav (2012): Političeskaja teologija i NATION-BUILDING: obščie položenija, rossijskij slučaj, Moskau, S. 128 
7. vgl. patriarchia.ru: Missija v miru 
8. Rossijskaja Gazeta: Pominal’naja molitva
Im September 2017 weihte Wladimir Putin in Moskau ein neues Denkmal für die Opfer politischer Verfolgung ein – Stena Skorbi (dt. „Die Mauer der Trauer“). Ähnlich zu seiner Rede in Butowo betonte der Präsident dabei, dass politische Repressionen zu einer Tragödie für das ganze Volk wurden, vgl. tass.ru: Putin sčitaet, čto prošlye političeskie repressii ne imejut opravdanija 
9.  Vergleiche die Erschießungslisten auf der Website von Butovo.
10. Martyr.ru, Facebook und Vkontakte 
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