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Novaya Gazeta

Novaya Gazeta

Sie ist ein Schwergewicht des unabhängigen russischen Journalismus: die Novaya Gazeta (deutsch: Neue Zeitung). Redaktion und Belegschaft halten bis heute mehrheitlich die Anteile des international viel beachteten Blattes. Regelmäßig werden investigative Recherchen veröffentlicht. Diese Stärke ist zugleich die Achillesferse: Mehrere Journalisten sind in den 2000er Jahren bei Mordanschlägen getötet worden.

Die Novaya Gazeta ist eine Ausnahmeerscheinung in Russland: 1993 gegründet (als Neue Tageszeitung, bis 1995), arbeitet sie mit einer bemerkenswerten Kontinuität, obwohl die Lage für unabhängige Medien schwieriger denn je geworden ist. Fast alle großen TV-Stationen gelangten seit dem Machtantritt von Wladimir Putin unter staatliche Kontrolle und bedeutende Zeitungshäuser in die Hände regionaler Regierungen oder kremltreuer Eigentümer. Mit ihrer klar oppositionellen Haltung wird die Novaya Gazeta bislang geduldet, nicht jedoch ohne Restriktionen durch die Medienaufsicht Roskomnadsor – und, wie der langjährige Redaktionschef Dimitri Muratow beklagt, bei einem gesellschaftlichen Klima, in dem Übergriffe auf kritische Journalisten meist straflos blieben.1

Insgesamt 22 Jahre lang war Muratow Chefredakteur, bevor er das Amt im Herbst 2017 an Sergej Kosheurow abgab, der ebenfalls seit der ersten Stunde dabei war. In dieser Zeit musste er erleben, wie in den 2000er Jahren mehrere Mitarbeiter ums Leben gekommen sind, darunter Igor Domnikow, Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa. 2019 wurde Muratow erneut zum Chefredakteur gewählt.
 
Vor allem Anna Politkowskaja gab der Gefahr, unter der Journalisten in Russland tätig sind, über die Landesgrenzen hinaus ein Gesicht und wurde mit ihrer Arbeit im damals kriegsgeschüttelten Tschetschenien international bekannt.
Doch die Novaya Gazeta – gesellschaftspolitisch ausgerichtet – ließ sich nicht einschüchtern, tritt früher wie heute mit wichtigen investigativen Recherchen hervor, darunter zu Verfehlungen der Regierung bei der Geiselnahme von Beslan, zur Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien, zum Krieg im Donbass und als Teil einer international vernetzten Journalisten-Gruppe zu den sogenannten „Panama Papers“.
Bestimmend sind Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die auch in der Online-Ausgabe aufbereitet werden. Das Blatt steht für engagierten Journalismus, der Minderheiten und Opfern von Gewalt oder Korruption eine Stimme geben will, dazu gehören auch starke Meinungstexte.
 
Dimitri Muratow gehört zu den Gründern des Blattes, einer Gruppe von Journalisten, die sich nach Glasnost und Perestroika von der Komsomolskaja Prawda abwandte, um selbst eine Zeitung aufzubauen. Es fügte sich, dass Ex-Sowjetführer Michail Gorbatschow zum frühen Förderer wurde. Gorbatschow unterstützte die Zeitung regelmäßig, besitzt seit 2006 auch Anteile. Weiterer Eigner ist der Tech-Investor Sergej Adonjew. Die Aktienmehrheit an der nichtkommerziellen Trägerorganisation der Novaya Gazeta hält die Belegschaft.
 
Für den Erhalt der Zeitung spielte der Medien-Mogul Alexander Lebedew über Jahre eine herausragende Rolle. Neben Gorbatschow war er einmal wichtigster Finanzier, hält seine Anteile jedoch nach allem, was bekannt ist, nur noch auf dem Papier. Vor drei Jahren ließ er seine Zahlungen stoppen. Lebedew war politisch unter Druck geraten, galt zuvor lange als der letzte kremlkritische Oligarch. Durch seinen Rückzug und weil Anzeigenkunden wegbrachen, stand zeitweise die Printauflage auf der Kippe. Aktuell erscheint die Novaya Gazeta jeweils montags, mittwochs und freitags, ihre Aufläge beträgt verschiedenen Angaben zufolge rund 120.000 bis 180.000 Exemplare. Sitz ist in Moskau, dazu gibt es Zweigstellen in Städten wie Sankt Petersburg, Samara und Wladiwostok. Trotz monatlich mehrerer Millionen Online-Aufrufe gilt die Novaya auf dem russischen Medienmarkt als Außenseiter.
 
Wichtiges Arbeitsfeld bleibt Tschetschenien, wo die Novaya Gazeta immer wieder den Finger in die Wunde legt – obwohl es in der Vergangenheit nach den Mordanschlägen auf die Kollegen jedes Mal Zeiten des Haderns gegeben hat, wie die renommierte Novaya-Journalistin Elena Milashina 2017 in einem Interview mit Colta.ru preisgab: „Doch wir verstanden: Das ist kein Ausweg – und machten weiter.“2

Eckdaten

Gegründet: 1993
Chefredakteur: Dimitri Muratow
URL: www.novayagazeta.ru

 

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: November 2019

1.Echo Moskvy: Osoboe Mnenie, v gostjach Dmitrij Muratov
2.Colta.ru: „Poka C̆ečnja ne zagovorit, ničego ne izmenitsa“

Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaft, gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

 

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