Quelle

Novaya Gazeta

Novaya Gazeta

Sie ist ein Schwergewicht des unabhängigen russischen Journalismus: die Novaya Gazeta (deutsch: Neue Zeitung). Redaktion und Belegschaft halten bis heute mehrheitlich die Anteile des international viel beachteten Blattes. Regelmäßig werden investigative Recherchen veröffentlicht. Diese Stärke ist zugleich die Achillesferse: Mehrere Journalisten sind in den 2000er Jahren bei Mordanschlägen getötet worden.

Die Novaya Gazeta ist eine Ausnahmeerscheinung in Russland: 1993 gegründet (als Neue Tageszeitung, bis 1995), arbeitet sie mit einer bemerkenswerten Kontinuität, obwohl die Lage für unabhängige Medien schwieriger denn je geworden ist. Fast alle großen TV-Stationen gelangten seit dem Machtantritt von Wladimir Putin unter staatliche Kontrolle und bedeutende Zeitungshäuser in die Hände regionaler Regierungen oder kremltreuer Eigentümer. Mit ihrer klar oppositionellen Haltung wird die Novaya Gazeta bislang geduldet, nicht jedoch ohne Restriktionen durch die Medienaufsicht RoskomnadsorRoskomnadsor ist der Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation. Die Aufsichtsbehörde besteht seit 2008 und ist dem Ministerium für Kommunikation und Massenmedien zugeordnet. Zu ihren Aufgaben gehört die Medien- und Internetüberwachung. Roskomnadsor indiziert eine Liste mit gesetzwidrigen Medien und Inhalten – unter anderem nahm die Behörde die oppositionellen Portale grani.ru, ej.ru und kasparov.ru in diese Liste auf und blockt somit seit Jahren deren Webseiten in Russland. – und, wie der langjährige Redaktionschef Dimitri Muratow beklagt, bei einem gesellschaftlichen Klima, in dem Übergriffe auf kritische Journalisten meist straflos blieben.1

Insgesamt 22 Jahre lang war Muratow Chefredakteur, bevor er das Amt im Herbst 2017 abgab. In dieser Zeit musste er erleben, wie in den 2000er Jahren mehrere Mitarbeiter ums Leben gekommen sind, darunter Igor Domnikow, Anna PolitkowskajaAnna Politkowskaja (1958-2006) war die wohl bekannteste und couragierteste Journalistin und Menschenrechtsaktivistin im Russland der Putin-Ära. 2006 wurde sie Opfer eines Auftragsmordes, dessen Hintergründe bis heute ungeklärt sind. Politkowskaja hatte sich in ihrer Arbeit dem Kampf gegen Straflosigkeit und Willkür im Tschetschenienkrieg und in Russland insgesamt verschrieben. Die Suche nach den Tätern und den Auftraggebern des Mordes an ihr wurde zum lebendigen Beweis dafür, dass Bürokratie und Rechtsstaat in Russland immer noch von genau diesen Prinzipien beherrscht werden.   Mehr dazu in unserer Gnose und Natalja EstemirowaNatalja Estemirowa (1958–2009) war eine russische Historikerin, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Sie arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Memorial und war eine Freundin der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja (1958–2006). Für ihren Einsatz in Tschetschenien erhielt sie 2007 den Anna-Politkowskaja-Preis. 2009 wurde sie aus ihrem Wohnhaus in Grosny entführt und wenig später ermordet. Ihr Tod löste weltweit Entsetzen aus..
 
Vor allem Anna Politkowskaja gab der Gefahr, unter der Journalisten in Russland tätig sind, über die Landesgrenzen hinaus ein Gesicht und wurde mit ihrer Arbeit im damals kriegsgeschüttelten TschetschenienDas russische Föderationssubjekt Republik Tschetschenien liegt im Nordkaukasus, zwischen Inguschetien im Westen und Dagestan im Osten. Die islamisch geprägte Republik ist nach einer kurzen Zeit der Unabhängigkeit und zwei Kriegen Teil Russlands. Sie umfasst ein Territorium von 15.600 Quadratkilometern und ist damit etwa so groß wie Thüringen. Nach offiziellen Angaben leben rund 1,3 Millionen Menschen in Tschetschenien. Die Republik ist eine der ärmsten Regionen Russlands und eine mit den massivsten Verstößen gegen Menschenrechte. Als Oberhaupt der Republik ist seit 2007 Ramsan Kadyrow im Amt. Mehr dazu in unserer Gnose international bekannt.
Doch die Novaya Gazeta – gesellschaftspolitisch ausgerichtet – ließ sich nicht einschüchtern, tritt früher wie heute mit wichtigen investigativen Recherchen hervor, darunter zu Verfehlungen der Regierung bei der Geiselnahme von BeslanAm 1. September 2004 gegen 9.30 Uhr überfielen mindestens 32 Terroristen die Mittelschule Nr. 1 im nordossetischen Beslan. Sie nahmen 1128 Menschen in einer Turnhalle als Geiseln. Während des dreitägigen Anschlags und in dessen Folge starben 331 Menschen, darunter 186 Kinder. Die Tragödie von Beslan steht in Verbindung zum Tschetschenienkonflikt und ist bis heute umgeben von Unwissenheit und Schweigen. Mehr dazu in unserer Gnose , zur Verfolgung von Homosexuellen in TschetschenienDas russische Föderationssubjekt Republik Tschetschenien liegt im Nordkaukasus, zwischen Inguschetien im Westen und Dagestan im Osten. Die islamisch geprägte Republik ist nach einer kurzen Zeit der Unabhängigkeit und zwei Kriegen Teil Russlands. Sie umfasst ein Territorium von 15.600 Quadratkilometern und ist damit etwa so groß wie Thüringen. Nach offiziellen Angaben leben rund 1,3 Millionen Menschen in Tschetschenien. Die Republik ist eine der ärmsten Regionen Russlands und eine mit den massivsten Verstößen gegen Menschenrechte. Als Oberhaupt der Republik ist seit 2007 Ramsan Kadyrow im Amt. Mehr dazu in unserer Gnose , zum Krieg im Donbass und als Teil einer international vernetzten Journalisten-Gruppe zu den so genannten „Panama Papers“.
Bestimmend sind Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die auch in der Online-Ausgabe aufbereitet werden. Das Blatt steht für engagierten Journalismus, der Minderheiten und Opfern von Gewalt oder Korruption eine Stimme geben will, dazu gehören auch starke Meinungstexte.
 
Dimitri Muratow gehört zu den Gründern des Blattes, einer Gruppe von Journalisten, die sich nach GlasnostGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.   und PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose von der Komsomolskaja PrawdaKomsomolskaja Prawda ist eine russische Tageszeitung mit Sitz in Moskau mit einer verkauften Auflage von rund 655.000 Exemplaren. Sie gilt als ein Kreml-nahes Boulevardblatt. abwandte, um selbst eine Zeitung aufzubauen. Es fügte sich, dass Ex-Sowjetführer Michail GorbatschowGeboren 1936 beerbte Michail Gorbatschow 1985 Konstantin Tschernenko als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Seine Reformprogramme Glasnost und Perestroika öffneten die UdSSR für politische und wirtschaftliche Veränderungen, die im – von ihm nicht angestrebten – Zerfall der UdSSR mündeten. Er leitete das Ende des Kalten Krieges ein, ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung und erhielt für seine Verdienste 1990 den Friedensnobelpreis. Im heutigen Russland werfen ihm viele vor, für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die wirtschaftlichen Probleme der 1990er Jahre verantwortlich zu sein. zum frühen Förderer wurde. Gorbatschow unterstützte die Zeitung regelmäßig, besitzt seit 2006 auch Anteile. Weiterer Eigner ist der Tech-Investor Sergej Adonjew. Die Aktienmehrheit an der nichtkommerziellen Trägerorganisation der Novaya Gazeta hält die Belegschaft.
 
Für den Erhalt der Zeitung spielte der Medien-Mogul Alexander LebedAlexander Lebed (1950–2002) war ein bekannter Militär und Politiker. Bei den Präsidentschaftswahlen 1996 erreichte er mit 14,5 Prozent den drittgrößten Stimmenanteil. Nach den Wahlen ernannte ihn Jelzin zum Sekretär des Sicherheitsrates. Kurze Zeit später wurde Lebed beschuldigt, einen Staatsstreich zu planen. Im Dezember 1996 erklärte ein Moskauer Gericht die Beschuldigung als Verleumdung, und Lebed wurde später zum Gouverneur der Region Krasnojarsk gewählt. Vier Jahre später starb er bei einem Hubschrauberunglück.ew über Jahre eine herausragende Rolle. Neben Gorbatschow war er einmal wichtigster Finanzier, hält seine Anteile jedoch nach allem, was bekannt ist, nur noch auf dem Papier. Vor drei Jahren ließ er seine Zahlungen stoppen. Lebedew war politisch unter Druck geraten, galt zuvor lange als der letzte kremlkritische OligarchAls Oligarchen werden Großunternehmer bezeichnet, die starken Einfluss auf die Politik nehmen. In Russland, aber auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen Wirtschaft und Politik sehr eng verwoben sind, stellen sie ein zentrales Charakteristikum des politischen Systems dar. Mehr dazu in unserer Gnose . Durch seinen Rückzug und weil Anzeigenkunden wegbrachen, stand zeitweise die Printauflage auf der Kippe. Aktuell erscheint die Novaya Gazeta in einer Auflage von 187.700 Stück jeweils montags, mittwochs und freitags. Sitz ist in Moskau, dazu gibt es Zweigstellen in Städten wie Sankt Petersburg, SamaraSamara ist mit rund 1,2 Mio. Einwohnern die neuntgrößte Stadt Russlands. Sie liegt in der Wolgaregion, etwa 1000 km südöstlich von Moskau. Die Stadt wurde 1586 als Bewachungsfestung gegründet. Zu Zeiten der Sowjetunion trug die Stadt den Namen Kuibyshew, vor allem in den Nachkriegsjahren entwickelte sie sich zu einem großen industriellen Zentrum. und WladiwostokWladiwostok ist eine Hafenstadt mit rund 600.000 Einwohnern im Fernen Osten Russlands. Unweit der Grenze zu China und Nordkorea gelegen, ist die östlichste Großstadt Russlands das Zentrum des Föderationskreises Ferner Osten. Wladiwostok ist ein wichtiger Verkehrsknoten internationaler Bedeutung: Hier befindet sich die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn, ein Seehafen, ein internationaler Flughafen und wichtige Fernverkehrsstraßen. Laut offizieller Angabe beträgt das Fahrgastaufkommen am Wladiwostoker Bahnhof mehr als 20 Millionen Passagiere pro Jahr. . Trotz monatlich mehrerer Millionen Online-Leser gilt die Novaya auf dem russischen Medienmarkt als Außenseiter.
 
Wichtiges Arbeitsfeld bleibt TschetschenienDas russische Föderationssubjekt Republik Tschetschenien liegt im Nordkaukasus, zwischen Inguschetien im Westen und Dagestan im Osten. Die islamisch geprägte Republik ist nach einer kurzen Zeit der Unabhängigkeit und zwei Kriegen Teil Russlands. Sie umfasst ein Territorium von 15.600 Quadratkilometern und ist damit etwa so groß wie Thüringen. Nach offiziellen Angaben leben rund 1,3 Millionen Menschen in Tschetschenien. Die Republik ist eine der ärmsten Regionen Russlands und eine mit den massivsten Verstößen gegen Menschenrechte. Als Oberhaupt der Republik ist seit 2007 Ramsan Kadyrow im Amt. Mehr dazu in unserer Gnose , wo die Novaya Gazeta immer wieder den Finger in die Wunde legt. Das soll sich unter dem neuen Chefredakteur Sergej Kosheurow, ebenfalls seit der ersten Stunde dabei, offenbar nicht ändern. Wobei es in der Vergangenheit nach den Mordanschlägen auf die Kollegen jedes Mal Zeiten des Haderns gegeben hat, wie die renommierte Novaya-Journalistin Elena MilashinaElena Milashina (geb. 1977) ist eine russische Journalistin, Korrespondentin und Redakteurin für sogenannte Spezialprojekte beim unabhängigen russischen Medium Novaya Gazeta. Milashina war 2017 Autorin der vielbeachteten investigativen Reportage über die Verfolgung tschetschenischer Homosexueller. Sie wurde schon mehrmals wegen ihrer Tätigkeit bedroht; 2006 wurde sie im Nordkaukasus überfallen, 2012 wurde Milashina in der Nähe von Moskau Opfer eines tätlichen Angriffs. 2017 in einem Interview mit Colta.ru preisgab: „Doch wir verstanden: Das ist kein Ausweg – und machten weiter.“2

Eckdaten

Gegründet: 1993
Chefredakteur: Sergej Kosheurow
URL: www.novayagazeta.ru

 

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: Juni 2018

1.Echo Moskvy: Osoboe Mnenie, v gostjach Dimitrij Muratov
2.Colta.ru: „Poka C̆ečnja ne zagovorit, ničego ne izmenitsa“

Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaft, gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

 

Gnosen

im Gnosmos

als Text

im Gnosmos

als Text

Neueste Gnosen

Alexandra Kollontai

Sie war Berufsrevolutionärin, Vorkämpferin der Frauenemanzipation, erste Diplomatin weltweit und außerdem auch Literatin. Sie selbst sagte, sie habe „nicht nur ein, sondern viele Leben gelebt“. Bis heute sind ihre Schriften nicht gefeit vor Vereinnahmung und einseitiger Rezeption. Beate Fieseler über Alexandra Kollontai.

Die Massenerschießungen von Katyn

Im Frühjahr 1940 töteten Angehörige des sowjetischen Innenministeriums (NKWD) auf Befehl des Politbüros mehrere Tausend polnische Offiziere in der Nähe des Dorfes Katyn unweit der russischen Stadt Smolensk. 

Monumentale Propaganda

Es gab sie überall: Die Stalins, Lenins, und wer es noch auf die Sockel im ganzen Sowjetreich schaffte. Bis sie dort unerwünscht waren. Die Geschichte über den Aufstieg und Fall und teilweisen Wiederaufstieg der Monumente schreibt Monica Rüthers.

Tschetschenien

Von der Kolonialisierung Tschetscheniens durch Russland bis hin zum Kadyrow-Regime: Marit Cremer über die islamisch geprägte Republik im Nordkaukasus. 

Kurilenkonflikt

„Wir müssen den Zweiten Weltkrieg beenden“, sagt Dimitri Peskow. Damit meint der Kreml-Sprecher einen Friedensvertrag, der zwischen Russland und Japan seit 1956 geplant ist und den es immer noch nicht gibt. Sören Urbansky über die Kurilen – eine Inselkette, die zum ständigen Zankapfel bei Friedensbemühungen wurde.

Sowjetnostalgie und Stalinkult

Sowjetnostalgie auf Zehnjahreshoch: Die Zahl der Russen, die den Verlust der Sowjetunion bedauern, liegt derzeit bei 66 Prozent. Das zeigen aktuelle Umfragen des Lewada-Zentrums. Monica Rüthers über die Sehnsucht nach Heldentaten in Schnee und Eis, Gagarin, Ballett, Kameradschaft, und, mitunter, auch nach Stalin.

Butowski Poligon

Der Butowski Poligon gilt für die Kirche als das russische Golgatha: еin Ort, an dem Stalin hunderte Geistliche erschießen ließ. Margarete Zimmermann über den Erinnerungsort, der wie kaum ein anderer für Widersprüche einer antistalinistischen Erinnerungspolitik steht.

Blokadniki

Während der Belagerung Leningrads vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Menschen ums Leben. Die meisten verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss. Nina Weller über das Schicksal der Blokadniki.

Nord Stream 2

In der EU wächst der Widerstand gegen die Gaspipeline Nord Stream 2. Gleichzeitig befürwortet der überwiegende Großteil der Deutschen den Bau der Ostseepipeline. Ist „Gas eine Ware“ oder ist „Gas ein Politikum“? Julia Kusznir über die scheinbare Gegensätzlichkeit dieser Argumente. 

Alphabetisierungskurs für Frauen, Kabul, 11.05.1983 , Foto © Wladimir Rodionow/Sputnik (All rights reserved)