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Müde Helden und bröckelnde Nymphen

Mit den gigantischen Monumenten und spektakulären Bilderstürmen der Wendezeit hielt sich Fotograf Igor Mukhin nur kurz auf. Stattdessen erkundete er in seinem Langzeitprojekt seit den späten 1980er Jahren bis ins Jahr 2017 die Reste der sowjetischen Utopie in der Provinz. Hier fand er auf Plätzen, in Parks und vor Krankenhäusern das untere Ende der sozrealistischen Kunstproduktion: billige, kleine Gipskopien bekannter Werke, die ihren ursprünglichen Kontext der Erholungsparks oder Pionierpaläste verloren hatten und sich selbst überlassen dahindämmerten. 

Was Denkmalstürzer in den Zentren des Landes publikumswirksam inszenierten, vollbrachte an den Rändern, im Schatten der Geschichte, der Zahn der Zeit und manchmal auch die unsichtbare Hand von Vandalen. Mukhin holt die Überreste der sowjetischen Zukunftsmärchen ins Bild, zukunftsfrohe Fußballer in Aktion, fürsorgliche Mütter mit ihren Kindern, zum Sprung ansetzende Schwimmerinnen ... Dabei lassen Mukhins Bilder die üppigen Reize, die Sinnlichkeit und Lebensfreude der antik anmutenden Figuren, mit denen die sowjetische Zukunft ausstaffiert war,1 durchaus ihre Wirkung entfalten: Die Tristesse der nicht eingetroffenen, längst überfälligen Utopie ist beklemmend oder poetisch. In der späten Sowjetunion war allen klar, dass die Antike im Laufe von Jahrhunderten zerfiel, aber die sowjetische Ewigkeit schon nach 20 oder 30 Jahren den Charakter von Ruinen angenommen hatte.

In den krisengeschüttelten 1990er Jahren sprachen die Menschen in Metaphern des Zerfalls über den Niedergang des Sozialismus: in Erzählungen von rinnenden Dächern und bröckelnden Fassaden. Die bröckelnden Körper der Götter und Helden, der Milchmädchen, Speerwerferinnen und Mütter, der Kosmonauten und Parteiführer hatten ihre Aura schon vor der Wende verloren. 1991 schien sich in ihnen der Bogen vom Aufbau des Sozialismus bis zu seinem Fall zu verkörpern. Doch der Fall war nicht endgültig, schon Ende der 1990er kehrten einige auf ihre Sockel zurück.

Igor Mukhins Fotografien sind eine Hommage an die sichtbar werdende Zeitlichkeit des Sozialistischen Realismus, auch an seinen Hang zu Vervielfältigung und Serialität. Das Auge seiner Kamera richtet sich nicht auf die Bilderstürze in den Hauptstädten, sondern auf den langsamen Verfall der für alle Ewigkeit mit ausgestrecktem Arm in die Zukunft weisenden Leninstatuen in Provinzstädten, im wuchernden Gebüsch von Plattenbausiedlungen oder aus der Zeit gefallen vor aktuellen Werbeballonen. Er spürt abblätternde Grüppchen von Müttern mit Kindern vor Kleinstadt-Krankenhäusern auf und Pioniere, die sich in peripheren Grünanlagen auf ihre Speere stützen. Die Helden von gestern fristen ein vergessenes Dasein auf dezentralen Straßenkreuzungen. Nicht nur das Material, auch die Gesten wirken müde.

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Josef Stalin, Moskau, 1991 / Foto © Igor Mukhin

Linkes Foto – Karl Marx, Moskau, 2001 | Rechtes Foto – Josef Stalin, Gari, Georgien, 2017 / Fotos © Igor Mukhin

Stalins Grab an der Kremlmauer, Moskau, 2010 / Foto © Igor Mukhin

Wladimir Lenin, Pawlowski Possad, Moskau, 1994 / Foto © Igor Mukhin

Linkes Foto – Wladimir Lenin, Kiewer Bahnhof, Moskau, 1991 | Rechtes Foto – Wladimir Lenin, Aluschta, Krim, 1991 /  Fotos © Igor Mukhin

Wladimir Lenin und Karl Marx, Belarussischer Bahnhof, Moskau, 1988 / Foto © Igor Mukhin

Hammer und Sichel, Kantemirowskaja, Moskau, 1989 / Foto © Igor Mukhin

Pioniere, Podkumok, 1992 / Foto © Igor Mukhin

Fußballspieler „Spartak“ – „Dinamo“, Shelesnowodsk, 1992 / Foto © Igor Mukhin

Frjasino Stadion, Moskau, 1991 / Foto © Igor Mukhin

Alupka, Krim, 1991 / Foto © Igor Mukhin

Park Pokrowskoje-Streschnewo, Moskau, 1993 / Foto © Igor Mukhin

Linkes Foto – Fußballspieler, Sotschi, 1993 | Rechtes Foto – Sotschi, 1993 / Fotos © Igor Mukhin

Städtischer Strand, Gelendshik, 2005 / Foto © Igor Mukhin

Linkes Foto – Sanatorium M O. Swenigorod, 1991 | Rechtes Foto – Batumi, 2008 / Fotos © Igor Mukhin

Platz Krestjanskaja Sastawa, Moskau, 1990 / Foto © Igor Mukhin

Maxim Gorki, Belarussischer Bahnhof, Moskau, 1991 / Foto © Igor Mukhin

Ernst Thälmann, Moskau, 1991 / Foto © Igor Mukhin

Denkmal zu Ehren Felix Dshershinskis, Moskau, 1990 / Foto © Igor Mukhin

Linkes Foto – Busbahnhof, Ordshonikidse, Ukraine, 1993 | Rechtes Foto – Juri Gargarin, Moskau, 1990 /  Fotos © Igor Mukhin


Zum Weiterlesen:
Mukhin, Igor (2018): In Search of Monumental Propaganda, Berlin

Fotos: Igor Mukhin
Bildredaktion: Andy Heller
einführender Text: Monica Rüthers

Veröffentlicht am 22.02.2019

1.Kruk, Sergei (2008): Semiotics of visual iconicity in Leninist ‘monumental’ propaganda, in: Visual Communication 7 (2008) 1, S. 27-56 
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Monumentale Propaganda

Ein Denkmal wird, so sagt man, nur zweimal wirklich wahrgenommen: Am Tag seiner Enthüllung und am Tag seines Sturzes. Dazwischen ist es unsichtbar. 

Als 1991 nach der Auflösung der Sowjetunion eine Menschenmenge vor der Lubjanka medienwirksam eine Statue vom Sockel stürzte, musste sie mit Felix Dsershinski Vorlieb nehmen. Stalin-Statuen gab es schon seit 1962 nicht mehr. Wie es dazu kam …

Der Umgang mit Denkmälern nach ihrem Sturz gibt Auskunft über den Umgang mit der Vergangenheit, an die sie erinnern / Foto © Igor MukhinDie renommierte Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym bescheinigte den steinernen Gestalten verehrter Dichter und Denker die durchschnittliche Lebensdauer sowjetischer Männer von etwa 50 Jahren und spürte ihren nächtlichen und bedeutungsvollen Wegen durch Straßen und Hinterhöfe nach. Bedeutungsvoll, weil sie das Schicksal der Statuen in enger Beziehung zum Schicksal der Menschen sah. In den 1930er Jahren seien die Unliebsamen in Hinterhöfen verschwunden, während für die Führer gegolten habe: je gigantischer die Statuen, desto geringer der Wert eines Lebens.1

„Im Stadtkern und in einigen Arbeitervierteln standen ganz frisch errichtete, meist aus Gips hergestellte Denkmäler berühmter Männer der Weltkultur und der russischen Vergangenheit, die sich um den Fortschritt verdient gemacht hatten. Viele Häuser trugen ebenfalls vor kurzem entstandene, in Kopfhöhe in die Straßenwand eingelassene Reliefs, die entweder in großen Buchstaben Grundideen des Sozialismus propagierten oder Szenen aus dem Befreiungskampf darstellten. Alle diese Denkmäler und Reliefs hoben sich stark vom Straßenbild ab und wurden dadurch besonders wirksam. Ich erfuhr, dass auch diese ‚Monumental-Propaganda‘, wie man damals sagte, auf eine Anregung Lenins zurückging. Hier war der erste Versuch gemacht, die Künstler für eine unmittelbare Mitarbeit an der Verbreitung der sozialistischen Weltanschauung zu gewinnen.“2

Besetzung des öffentlichen Raums nach der Oktoberrevolution 1917

Lenin hatte die Bedeutung der symbolischen Besetzung von Raum und Zeit für die Machtsicherung erkannt. Am 12. April 1918 unterzeichneten Lenin, Stalin und der Kulturminister Lunatscharski das Dekret über Monumentalpropaganda.3 Die Bolschewiki führten einen neuen Festkalender ein, änderten die Namen von Straßen und Plätzen, stürzten Denkmäler und errichteten neue Monumente.4 In größter Eile sollten zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution neue Helden und Symbole geschaffen werden – die Sockel selbst wurden nicht gekippt, was sich eigentlich angeboten hätte. Aber die Bildhauerei hatte in Russland keine Tradition, da der Adel eher Tafelbilder in Auftrag gegeben hatte. Auch die Liste geeigneter Helden war umstritten. Lunatscharski entwarf schließlich ein demokratisches Verfahren: Entwürfe wurden in Gips und Lehm errichtet und dem Volk zur Begutachtung und Abstimmung überantwortet.5 Der Wettbewerb begann im Frühjahr 1918; bis die Skulpturen standen, war es September. Weil die Gebilde nicht wetterfest waren, litten sie unter dem nassen Herbstwetter. Auch ihre künstlerische Qualität war oft mangelhaft. Viele stießen auf wenig Gefallen und wurden durch Vandalismus verunstaltet oder zerstört.

Zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution wurden in aller Eile neue Helden und Symbole geschaffen / Foto © Igor MukhinEine konsequente Gestaltung öffentlicher Räume und eine einheitliche Formensprache entwickelten sich allerdings erst zu Beginn der 1930er Jahre: Mit dem Sozialistischen Realismus war eine einheitliche Kunstdoktrin installiert und staatliche Mittel wurden gebündelt. Die Richtlinien der Parteilichkeit, der Volkstümlichkeit und des Optimismus paarten sich mit dem Rückgriff auf eine klassische figürliche Formensprache.

Stalins Monumentale Propaganda

Anders als noch unter Lenin wurden die Stalin-Statuen bereits zu Lebzeiten aufgestellt. Stalin inszenierte sich zunächst als Erbe Lenins. Seine Herkunft war auf Plakaten und Reliefs als Erbfolge in Form einer Portrait-Reihe gestaltet: Marx, Engels, Lenin, Stalin. Auf Plakaten und Gemälden war er zunächst hinter und neben dem lebendigen Lenin zu sehen und lernte von ihm. Dann geriet Lenin als Bild oder Skulptur in den Hintergrund und wurde immer kleiner. Schließlich verschwand er ganz und Stalin agierte bescheiden und väterlich inmitten seiner Getreuen. Nach dem gewonnenen Krieg erschien Stalin losgelöst aus Kontexten, allein und monumental. 

Es gab kleine Stalins für den Alltag: Skulpturenfabriken produzierten hunderte von Stalin-Büsten und Statuen.6 Und es gab die Giganten. Sie monopolisierten den sozialen Raum. Ihre schiere Größe und Menge sollte dem Regime Glaubwürdigkeit verleihen und dessen „ewige“ Stabilität bezeugen. 

Die monumentalen Stalin-Statuen, Denkmäler und aufwendigen Reliefs, die in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre entstanden, waren in sorgfältig gestaltete Landschaften und bauliche Ensembles eingebettet, in Großprojekte, die die stalinistische Modernisierung vor Augen führten. Diese Ensembles waren klar abgegrenzte, von der Propaganda heftig beworbene Oasen im oft katastrophalen sowjetischen Alltag. Hierhin konnten sich die Sowjetbürger, die Erbauer des Kommunismus, nach Feierabend aus dem Schlamm der Baustellen, ihren überfüllten Kommunalka-Zimmern oder Arbeiterbaracken flüchten. Die prunkvolle Moskauer Metro mit ihren üppigen Säulenhallen brachte sie zum Gorki-Park für Kultur und Erholung, in die Allunions-Landwirtschaftsausstellung oder zum Flussbahnhof in Chimki, der Moskau über die Kanalbauten zum „Hafen von fünf Meeren“ machen sollte. Diese Orte waren wie Fenster, durch die sie in die wunderbare Zukunft blicken konnten. 

Parks, Sanatorien und Pionierlager waren ausgeschmückt mit lebensgroßen Statuen von SportlerInnen, Kindern oder Revolutionären / Foto © Igor MukhinDie Zukunftsinseln in den Großstädten und die Sanatorien und Pionierlager auf der Krim waren üppig ausgeschmückt mit Reliefs und lebensgroßen antik anmutenden Statuen, SportlerInnen, Kindern oder kräftigen Revolutionären. Es waren Replica bekannter Formen, die in quasi-industrieller Produktion am Laufmeter produziert wurden. An zentraler Stelle, neben dem Moskau-Wolga-Kanal oder auf dem Gelände der Landwirtschaftsausstellung, überragte jeweils eine monumentale Stalin-Statue die Szenerie. Die Statuen zeigten Stalin als in sich ruhenden Kraftpol. Er hatte den Überblick und sah in die Zukunft.

Stalin selbst kontrollierte seine Abbilder. Die Statuen ähnelten sich alle, ganz gleich ob sie von Nikolaj Tomski, Sergej Merkurow, Alexander Kibalnikow oder anderen Künstlern stammten. Sie alle zeigten Stalin aufrecht stehend, den Mantel geöffnet, die rechte Hand im Revers der Uniformjacke, ein zusammengerolltes Papier in der Linken. 1951 wurde Tomski kritisiert, weil er einen lächelnden Stalin gewagt hatte.7  

Trotz der Einförmigkeit waren Stalin-Statuen ein gutes Geschäft. Eine kleine Gruppe von „Hofkünstlern“ unter der Leitung von Alexander Gerassimow monopolisierte zwischen 1939 und 1957 die Vergabe der Aufträge und die Festsetzung der Preise.8 Die Künstler kopierten ihre eigenen Statuen mehrfach, die multiplizierten Statuen bevölkerten verschiedene Städte. Künstler und Funktionäre teilten sich die so erzielten Gewinne.9 1953 kritisierte die Kulturabteilung des Zentralkomitees die mangelhafte Qualität der sowjetischen Bildhauerei und die Praxis der Replica, die dazu führte, dass in sowjetischen Städten immer die gleichen Statuen anzutreffen waren. 1954 wurden die finanziellen Unregelmäßigkeiten vom Kultusministerium aufgedeckt. Stalins Bildhauer-Kohorte Jewgeni Wutschetitsch, Nikolaj Tomski, Georgi Motowilow und Matwej Manizer hatte sich den Löwenanteil der Aufträge und Honorare gesichert.10

Stalin als Koloss

Um die Kolossalstatuen rankten sich Geschichten und Legenden, ganz gleich, ob sie umgesetzt wurden oder im Planstadium blieben wie der enorme Lenin, der den nie gebauten Palast der Sowjets krönen sollte. Diese Geschichten drehten sich um Fragen politischer Korrektheit – durfte man Lenin proportional verzerrt darstellen, damit er perspektivisch richtig wirkte? – oder um technische und terminliche Schwierigkeiten. 

 Stalin in Prag / CC-BY SA 3.0Die Stalin-Statue aus rosa Granit von Sergej Merkurow, die 1991 auf dem Moskauer Friedhof der gefallenen Helden auftauchte, soll eine Vorlage des Bildhauers aus dem Jahr 1937 für die 15 Meter hohe Kolossalstatue am Eingang des Moskau-Wolga-Kanals und für eine weitere auf dem Moskauer Theaterplatz gewesen sein.11 Der Legende nach hatte der Künstler die Statue nach der Entstalinisierung in seinem Garten verscharrt.

Ebenfalls von Sergej Merkurow war der Stalin aus Eisenbeton vor dem Pavillon der Mechanisierung auf der 1939 eröffneten Landwirtschaftsausstellung. Auch hier gibt es eine Geschichte: „In die riesenhafte Stalin-Statue wurde das Modell eingelassen, nach dem sie errichtet worden war, da niemand es wagen konnte, dieses Modell zu vernichten.“12 Wie die Heiligen in den Ikonen so war auch Stalin in seinen Abbildern als Modell gegenwärtig. Ein Angriff auf das Modell hätte ihm im magischen Denken Schaden zufügen können.

Nach 1945 wetteiferten zahlreiche Städte darum, Stalin durch möglichst große und prominent platzierte Monumente zu ehren. Anlässlich von Stalins 70. Geburtstag 1949 wurden allein in Leningrad fünf Stalin-Statuen eingeweiht – eine symbolische Eroberung der Stadt Lenins.13 

In der armenischen Hauptstadt Jerewan wurde 1950 ein Siegespark eingeweiht, dessen gigantischer Stalin die Stadtsilhouette dominierte.14 Eine Initiative für eine Kolossalstatue gab es 1948 auch in der georgischen Hauptstadt Tbilissi. Das Monument sollte 80 Meter hoch sein und auf einem Berg 350 Meter oberhalb der Stadt stehen. Der Gigant gelangte dann aber nicht zur Ausführung.15 In Prag wurde 1955 eine immerhin 50 Meter hohe, weiße Marmorstatue enthüllt. Sie wog 17.000 Tonnen und soll die größte je errichtete Stalin-Statue gewesen sein.16

Der Bildersturm des Tauwetters

Unmittelbar nach der Geheimrede auf dem XX. Parteikongress 1956 gab es heftige Reaktionen an der Peripherie: In Tbilissi demonstrierten aufgebrachte Georgier gegen die Angriffe auf ihren Nationalhelden, in Budapest stürzte eine Menschenmenge die Stalin-Statue von ihrem Sockel. In der Sowjetunion waren die Menschen verunsichert: Sollte man Stalins Portraits abhängen? Zerstören?17 Viele Menschen warfen die Stalin-Bilder aus ihren Wohnungen, auch aus Büros und Klassenzimmern. In den 1950er Jahren wurden über einhundert Stalin-Statuen und -Reliefs aus der Moskauer Metro entfernt.18 Angeblich klopften ehemalige Gulag-Häftlinge die Stalins aus den Wänden.19 
Aber spontane öffentliche Akte des Bildersturzes lösten bei den Parteioberen Unsicherheit und Ängste aus. Im April 1956 wurde in einem Bericht festgehalten, dass nach der Geheimrede zahlreiche Angriffe auf Bilder, Büsten und Statuen Stalins stattgefunden hatten. In Tallinn waren Bücher und Portraits verbrannt worden, vor der Bibliothek in Brest hatte ein Mann eine Stalin-Statue mit dem Hammer traktiert, und in Petrosawodsk war eine Statue mit Farbe beschmiert worden.20 Schon bald wurden Bilderstürmer, die man zunächst nur zur Ordnung gerufen hatte, strafrechtlich verfolgt, um jede Anarchie im Keim zu ersticken. Wer nun eine Stalin-Statue köpfte, wurde als Hooligan bestraft.21 

Gefallene Helden – die sowjetischen Ikonen wurden nach 1991 von ihren privilegierten Standorten entfernt / Foto © Igor MukhinDer XXII. Parteikongress 1961 sollte Chruschtschows Vision des Kommunismus voranbringen, entwickelte sich dann aber zu einer „Orgie der Stalin-Kritik“.22 Diese gipfelte in dem symbolisch bedeutsamen Entscheid, Stalins einbalsamierten Leichnam aus dem Mausoleum zu holen, wo er an der Seite Lenins ruhte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde er in einem Ehrengrab an der Kreml-Mauer beigesetzt. Dort liegt er noch heute.

In der Folge wurden die Stalinstatuen systematisch abgeräumt. Zahlreiche Betriebe und Institutionen, die Stalins Namen trugen, wurden umbenannt. Als aus Stalingrad Wolgograd wurde, gab es Widerstände wegen der historischen Bedeutung der Stadt im Großen Vaterländischen Krieg. Der Bildersturm war aber kein öffentliches Happening, sondern blieb auf eine kleine Elite beschränkt, die effizient und überaus diskret arbeitete. Die Bürger durften die Entfernung Stalins von den öffentlichen Plätzen fordern, aber nicht selbst Hand anlegen: Die Stalin-Statuen verschwanden ohne Ankündigung, auf geheimnisvolle Weise, meistens über Nacht.23 

Die Reaktionen waren auch jetzt ambivalent. Ein großes Stalindenkmal in Tbilissi wurde 1962 aus Angst vor Protesten während eines Fußballspiels per Helikopter abtransportiert, dann aber im Magazin des städtischen Museums verstaut.24 In Prag ordnete die Regierung die Sprengung des marmornen Giganten an. 800 Kilogramm Dynamit waren nötig, um den Koloss zu Kies zu machen, der dann in Lastwagen durch ein Spalier jubelnder Zuschauer abtransportiert wurde.25 

Noch heute liegt Stalin in einem Grab an der Kremlmauer, in das er 1961 umgebettet wurde / Foto © Igor MukhinAlle Stalins fielen. Aber es gab Ausnahmen. In Georgien war Stalin ein Volksheld, der berühmte Sohn des Landes, der die Sowjetunion in die Moderne geführt und die Faschisten besiegt hatte. In Stalins Geburtsstadt Gori wurde die Statue auf dem zentralen Platz erst 2010 entfernt,26 ungeachtet der Proteste der Kommunistischen Partei und der Stalin-Gesellschaft.27 Inzwischen steht sie wieder, im Park des Stalin-Museums, wo sie Igor Mukhin fotografierte. Diese Aufnahme aus dem Jahr 2017 zeigt sie in hellem Glanz. Stalin und die sowjetische Vergangenheit sind in der georgischen Gesellschaft ein strittiges Thema, das Verhältnis zu Russland ist schwierig. Aber auch in Russland ist Stalin für die einen Henker des eigenen Volkes, während die anderen ihn als Helden verehren. Er ist Teil des patriotischen Narrativs. In den letzten Jahren wurden über Hundert Gedenktafeln und Denkmäler zu seinen Ehren errichtet.28 

Der Umgang mit Denkmälern nach ihrem Sturz gibt Auskunft über den Umgang mit der Vergangenheit, an die sie erinnern: Die sowjetischen Ikonen wanderten nach 1991 von ihren privilegierten Standorten auf den zentralen Plätzen der Hauptstadt über die Müllhalde auf den „Friedhof der gefallenen Helden“. Hier lagen sie zunächst herum und wurden zur Touristenattraktion. Auf ihrer Wanderung durch die Stadt verloren sie Schuhe, Finger und Nasen, wurden beschmiert und angepinkelt. Nun lag Stalin neben Swerdlow, Kalinin, Breshnew, einigen Lenins und dem „eisernen Felix“.29 Doch die Figuren erhoben sich überraschend schnell wieder, putzten sich heraus und gruppierten sich zur Darstellung von neuen Vergangenheitsversionen.30 Als die Moskauer Stadtverwaltung den Park 1996 aufräumte und die Statuen reinigte und restaurierte, stellte sie auch den liegenden Stalin wieder auf die Füße. Er wurde als Einziger in einem Arrangement mit Opfern des Terrors aufgestellt.31 Svetlana Boym deutete schon damals diese Wiederaufrichtung der Denkmäler im Park der Künste als symbolhaften Verweis auf den Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit, deren Leitfiguren hier wieder auf ihre Sockel gestellt wurden.32 


1.Boym, Svetlana (2001): The Future of Nostalgia, New York, S. 89 
2.Kurella, Alfred (1967): Unterwegs zu Lenin: Erinnerungen, Berlin (Ost), S. 276-277, zit. nach: Kuntze, Klaus (Hrsg., 1980): Reise nach Moskau: Aufzeichnungen und Berichte, S. 1526-1972, Frankfurt/Main 
3.Tolstoy, Vladimir/Bibikova, Irina/Cooke, Catherine (Hrsg., 1990): Street art of the Revolution: Festivals and Celebrations in Russia 1918-33, London, S. 37 und Dmitrieva, Marina (2005): Dekorationen des Augenblicks im Massentheater der Revolution: Petrograd, Kiew und Witebsk 1918-1920, in: Bartetzky, Arnold/Dmitrieva, Marina/Troebst, Stefan (Hrsg.): Neue Staaten – neue Bilder? Visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, Köln, S. 117-131 
4.Gaßner, Hubertus (1992): Sowjetische Denkmäler im Aufbau, in: Diers, Michael (Hrsg.): Mo(nu)mente. Formen und Funktion ephemerer Denkmäler, Berlin 1992, S. 153-178 
5.Bowlt, John E. (1978): Russian Sculpture and Lenin's Plan of Monumental Propaganda, in: Milton, Henry A./Nochlin, Linda (Hrsg.): Art and Architecture in the Service of Politics, Cambridge, Massachussetts, S. 182-192 
6.Plamper,Jan (2012): The Stalin Cult: A Study in the Alchemy of Power, New Haven, S. 184 
7.Kruk,Sergei (2008): Semiotics of visual iconicity in Leninist ‘monumental’ propaganda, S. 49-50, in: Visual Communication 7 (2008) 1, S. 27-56 
8.Kruk, S. 49-50 
9.Kruk, S. 50 
10.Kruk, S. 51 
11.Taylor, S. 46, Abb. bei Kruk, S. 42 
12.Ryklin, Michail (2003): Räume des Jubels: Totalitarismus du Differenz, Frankfurt/Main, S. 135 
13.Kruk, S. 35 
14.Lehmann,Maike (2011): Eine sowjetische Nation: Nationale Sozialismusinterpretationen in Armenien seit 1945, Frankfurt/Main, S. 118-120 
15.Kabachnik, Peter/Gugushvili, Alexi/Jishkariani, David (2015): A Personality Cult’s Rise and Fall: Three Cities after Khrushchev’s “Secret Speech” and the Stalin Monument that Never Was, S. 319-324, in: Region: Regional Studies of Russia, Eastern Europe, and Central Asia 4 (2015) 2, S. 309-26 
16.Kabachnik/Gugushvili/Jishkariani, S. 312 
17.Jones, Polly (2005): From the Secret Speech to the Burial of Stalin, S. 48, in: Jones, Polly (Hrsg.): Dilemmas of De-Stalinization, Abingdon-on-Themes, S. 41-63 
18.Kruk, S. 48 
19.Boym, S. 88 
20.Jones, S. 50 
21.Jones, S. 51 
22.Jones, S. 51 
23.Jones, S. 55-56 
24.Tomaszewski, Andrzej (1993): Zwischen Ideologie, Politik und Kunst: Denkmäler er kommunistischen Ära, in: Gamboni, Dario (Hrsg.): Bildersturm in Osteuropa: Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch, Icomos Hefte des deutschen Nationalkomitees XIII, S. 29-34 
25.Kabachnik/Gugushvili/Jishkariani, S. 312 
26.Crawford, Dean (1990): History by Association, S. 55, in: Southwest Review, Vol. 75, No. 1, S. 55-71 
27.Bendtsen Gotfredsen,Katrine (2014): Void Pasts and Marginal Presents: On Nostalgia and Obsolete Futures in the Republic of Georgia, S. 246, in Slavic Review, Vol. 73, No. 2, S. 246-264 
28.Neue Zürcher Zeitung: Noch ist Stalin heiße Geschichte – Russlands Kampf mit einer Vergangenheit, die nicht vergehen will 
29.Brandon Taylor (2000): Later Soviet sculpture, S. 42, in: Third Text, 14:51, S. 39-50 
30.Forest,Benjamin/Johnson,Juliet (2002): Unraveling the Threads of History: Soviet-Era Monuments and Post-Soviet National Identity in Moscow, S. 536f., in: Annals of the Association of American Geographers,Vol. 92, No. 3, S. 524-547 und Boym, S. 79 
31.Forest/Johnson, S. 536 und Boym, S. 86 f. 
32.Boym, S. 89 
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Ein kurzer Augenblick von Normalität und kindlicher Leichtigkeit im Alltag eines ukrainischen Soldaten nahe der Front im Gebiet , © Mykhaylo Palinchak (All rights reserved)