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Sowjetnostalgie und Stalinkult

„Ihr habt vieles, worauf ihr stolz sein könnt“ – so schließt der US-amerikanische, russischstämmige Schauspieler David Duchovny 2014 auf YouTube seine Werbung für eine russische Biermarke. Im Spot durchlebt der Zuschauer mit Duchovny seinen alternativen Lebenslauf à la „was wäre, wenn seine Großeltern nicht ausgewandert wären“. Er öffnet ein Familienalbum und ein angeblich typisch russisch-sowjetisches Leben zieht an ihm vorbei: sein Portrait auf der Jahrgangsseite eines sowjetischen Schulalbums, als Langläufer im verschneiten Birkenwald, bei der Schulabschlussfeier mit Klassenkameraden auf dem Roten Platz. Seine Karrieremöglichkeiten zeigen ihn als KosmonautenDas Raumfahrtprogramm der UdSSR startete am 4. Oktober 1957 mit einem Satelliten, der später als Sputnik (dt. u. a. Weggefährte) in die Geschichte eingegangen ist. In der darauffolgenden Dekade überholte die Sowjetunion sichtbar die USA und wies viele spektakuläre Erfolge auf: Erster Mensch im Kosmos, die erste Raumsonde Richtung Mars, die Installation des ersten meteorologischen Satelliten, der erste Satellit zur Fernsehübertragung, der erste Ausstieg eines Menschen ins freie All etc. Das Raumfahrprogramm war ein starkes propagandistisches Mittel, das die Überlegenheit des kommunistischen Systems deutlich machen sollte. Gleichzeitig bedeutete das Programm auch ein Wettrüsten, an dessen Kosten nicht zuletzt die Sowjetunion zugrunde gehen sollte. Mehr dazu in unserer Gnose , als Choreografen im Bolschoi Theater, als erfolgreichen Schauspieler vor sowjetischen Kinoplakaten und als Eishockeyspieler mit Zahnlücke. Er feiert ausgelassen mit Freunden in einer BanjaDie Banja ist die russische Sauna: ein Dampfbad, in dem die kreislaufanregende und reinigende Wirkung durch das Auspeitschen mit Birkenzweigen verstärkt wird. Auf dem Lande ist es oft eine Holzhütte im Garten, in der Stadt sind es große Gebäude, ähnlich städtischen Badeanstalten. Die Banja ist ein Kultort, an dem gern getrunken und gegessen wird, der Eingang in viele Filme findet. Es gibt auch eine eigene Grußformel, wenn jemand in die Banja geht: S legkim parom! (Ich wünsche leichten Dampf!), singt mit ihnen Sowjet-Hits und rezitiert das bekannte Kindergedicht Rodnoje (dt. Verwandte): „Ich lernte, dass ich eine große Familie habe: den Pfad, das Wäldchen, jede Ähre auf dem Feld.“

Worauf man also in Russland laut Werbespot nebst beworbenem Produkt noch stolz sein darf? Auf Heldentaten in Schnee und Eis, GagarinJuri Gagarin (1934–1968) war 1961 der erste Mensch im Weltraum. Doch er wurde bald auch zu einem kommunistischen Friedensboten, populären Jugendidol, nationalen Kulturheros, dissidenten Raumfahrer und einer globalen Popikone. Mehr dazu in unserer Gnose , Ballett, Kameradschaft und Spaß – auf die zentralen Themen der Sowjetnostalgie.

David Duchovny, dessen Name von russ. duchowni (dt. geistreich, beseelt) stammt, schwelgt in vergangenen Utopien, in nicht gelebten und nicht überprüfbaren Möglichkeiten. Die Gegenwart bleibt interessanterweise ausgespart, es geht auch nicht um die Geschichte, sondern um Atmosphäre und Kultur.

Vom „Geist einer Epoche“ und der Sehnsucht nach vergangenen Utopien

Kunst und Kultur des SozrealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    zelebrierten überschwänglich das Gefühl, Teil einer „besonderen Epoche“ zu sein. Betrachtet man die liebevoll rekonstruierten Erinnerungsräume, den Phantomschmerz einer UdSSR 2.0 offline und im Netz, auf patriotischen Seiten, die Back in UdSSR oder Unsere Heimat UdSSR heißen1, so taucht dort zwischen den in den sanften Glanz des Vergangenen getauchten Bildern sowjetischer Werbeplakate, Kochbücher und Warenkataloge der 1950er bis 1970er Jahre immer wieder der Begriff des „Geistes jener Epoche“ auf – gemeint ist die große sowjetische Epoche, das „Land, das wir verloren“. Die schiere Größe seiner Geschichte als respektierte, ja gefürchtete Weltmacht reißt wie eine Naturgewalt alles mit sich.

Das Erhabene und das Heroische kommen dem menschlichen Bedürfnis nach Sinnsuche entgegen. Angesichts des seit Jahren stagnierenden russischen Alltags birgt die Sowjetära mit ihren utopischen Zielsetzungen für einige junge Menschen neues Sehnsuchtspotenzial.



Quelle: Lewada

Vor allem ältere Menschen denken nostalgisch an die Sowjetunion zurück. Sie erinnern die „goldenen 1970er“ Jahre unter BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose als eine Zeit, in der es alles gab: bescheidenen Wohlstand, soziale Sicherheit, Arbeit, Großmachtstatus und gemeinschaftlichen Stolz auf das Erreichte. Zahlreiche Retro-Produkte, versehen mit den Prüfnummern der längst versunkenen staatlichen sowjetischen Prüfstelle GOST, knüpfen an solche Werte und an einen spezifisch sowjetischen Konsumstil an. Dieser war durch informelle Beschaffungsnetzwerke, Gefälligkeiten und Tauschsysteme (russ. blatDie Wortherkunft ist unklar. Das Wort blat bezeichnet die Möglichkeit, knappe Güter, Dienstleistungen oder Positionen auf inoffiziellen Umwegen zu erhalten – z. B. durch Beziehungen oder Tauschnetzwerke. Die adjektivierte Form blatnoi wird heutzutage hauptsächlich als Attribut der kriminellen Welt verwendet.) geprägt. Die zentrale Währung war das Vertrauen, nicht die anonymen und abstrakten Kräfte des westlichen Kapitalismus. Der vertrauens- und beziehungsbasierte Konsumstil gilt als dem entfremdeten „kapitalistischen“ Konsumstil moralisch überlegen.

Wie der Konsumstil so waren auch sowjetische Konsumgüter bald den westlich-kapitalistischen vorzuziehen: Die SowjetbürgerVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. Mehr dazu in unserer Gnose , durch die schlechte Qualität der lang ersehnten Importwaren enttäuscht, hörten bald von Gerüchten über abgelaufene Lebensmittel, die nach Russland geliefert würden. Zum Symbol kapitalistischer Machenschaften, der Erniedrigung der einstmals großen Nation, wurden die im Rahmen von Not-Krediten gelieferten US-amerikanischen Hühnerkeulen, die unter der Bezeichnung „Bush’s Keulchen“ bis heute durch die Medien geistern. Sie seien mit Hormonen und Chemie verseucht gewesen und hätten Allergien verursacht.

So wuchs die Überzeugung, dass die reichen westlichen Länder Russland grundsätzlich mit minderwertiger Ware belieferten. Parallel zu diesen Ängsten, zur Erosion des Rubels und steigenden Preisen für Importe wuchs die Aura der eigenen Lebensmittel und Güter. Sowjetische EiscremeSowjetisches Speiseeis wurde ab 1938 in Massenproduktion hergestellt und als eine Speise ganz ohne Konservierungsmittel, aus reiner Milch propagiert. Derzeit hat jeder größere Eiscremehersteller in Russland mindestens eine Retro-Linie im Programm, deren Verpackungen an Stil und Motive aus der Sowjetzeit angelehnt sind. Mehr dazu in unserer Gnose ist eine exemplarische nostalgische Speise, die mit Reinheitsvorstellungen, Kindheitserinnerungen und starken Emotionen verbunden ist. Sie wird von vielen explizit als Geschenk des sowjetischen Staates an seine Kinder erinnert.

Warum bedauern Sie den Zerfall der UdSSR in erster Linie?


Anteil der Respondenten, die angegeben hatten, den Zerfall der UdSSR zu bedauern. Quelle: Lewada

Güter und Atmosphären für den Heilungsprozess

Durch die Erfahrungen aus der frühen postsowjetischen Zeit unterscheiden WissenschaftlerInnen hinsichtlich des Umgangs mit der zurückliegenden Sowjetära verschiedene Phasen: Eine erste Phase der postsozialistischen Distanznahme von der Symbolwelt, in der die einst so mächtigen Ikonen des Sozialismus zu Kitsch wurden.
Eine zweite Phase brachte Mitte der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose die Rückbesinnung auf die materielle Kultur des sozialistischen Alltags. Sowjetische Güter standen nun für bestimmte Werte und erschienen in einer Gegenposition zum entzauberten Westen.
Der dritte Typ nostalgischer Praktiken betraf die Rekonstruktion von Atmosphären, Werten und Stimmungen des Spätsozialismus. Dazu gehörten geteilte Erfahrungen wie Ferienlager oder die Populärkultur.
Ein vierter Typus war die zunächst objektfixierte Stil-Nostalgie der jungen Generation. Die Nostalgie galt der entzauberten Utopie vom Westen ebenso, wie dem Verlust der respektierten Großmacht Sowjetunion. Die Südosteuropahistorikerin Maria Todorova sprach von der heilenden (restaurativen) Funktion der Nostalgie.

Die 1990er Jahre dagegen galten vor allem als Jahre des chaotischen ZerfallsDas Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert. Mehr dazu in unserer Gnose des Sowjetreiches, der Entsolidarisierung der Gesellschaft und grassierender Kriminalität, während der Staat und die parlamentarische Demokratie versagten. Die ehemaligen Sowjetbürger erfuhren die 1990er Jahre als Dauerkrise und sprachen in Metaphern des Bröckelns und des Einsturzes darüber. Die SilowikiSilowiki ist ein Sammelbegriff für Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates. Seit den späten 1990er Jahren hat ihr Einfluss stetig zugenommen. Unter Putin gehören sie zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der russischen Elite. Mehr dazu in unserer Gnose erfuhren den schmerzlichen Verlust des Großmachtstatus, ein Gefühl, das Putin in die Formel der „geopolitischen Katastrophe“Schon im April 2005 bezeichnete Wladimir Putin in seiner Rede zur Lage der Nation den Zerfall der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch in der Folgezeit äußerte er mehrmals sein Bedauern über den Zerfall. So betonte Putin 2016, dass der Zusammenbruch „nicht nötig gewesen“ sei: Man hätte die Sowjetunion stattdessen reformieren oder demokratisch umgestalten können. goss.

Sowjetnostalgie und symbolische Re-Stalinisierung

Spätestens seit Mitte der 2000er Jahre ist die Sowjetnostalgie Teil des patriotischen Projekts Russlands, den verlorenen imperialen Status wiederzugewinnen. Die politische Rhetorik sprach zwar von Erneuerung und ModernisierungDer Gedanke der Modernisierung hat in Russland eine lange Tradition. Viele Zaren, Generalsekretäre und zuletzt Präsidenten versuchten sich an der aufholenden Entwicklung zu einer stets im Westen liegenden Moderne. Als erfolgreichste unter ihnen würden die meisten Russen heute wohl Peter den Großen und Josef Stalin benennen. In der post-sowjetischen Geschichte Russlands ist das Schlagwort der Modernisierung vor allem mit der Präsidentschaft Medwedews verknüpft. Als Putin 2012 in den Kreml zurückkehrte, geriet Medwedews Vision eines modernen Russlands jedoch schnell in Vergessenheit. Mehr dazu in unserer Gnose – vor allem während der Präsidentschaft MedwedewsDimitri Medwedew ist seit 2012 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Er gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein. Mehr dazu in unserer Gnose –, benutzte aber die sowjetische Vergangenheit zur Legitimierung ihrer Politik. Das „Sowjetische“ war dabei historisch diffus und wurde zu einem gemeinsamen „kulturellen Erbe“. Diese Politik wertete Nostalgie als positive gesellschaftliche Kraft. Im offiziellen russischen Diskurs kursieren die Schlüsselbegriffe „traditionelle Werte“, „russische Kultur“, „Spiritualität“ und „historische Vergangenheit“. Die sowjetische Matrize erlaubt das Ausblenden ethnischer, religiöser und sonstiger regionaler Unterschiede und schafft eine alle umfassende „russische Kultur“Das Konzept der Russischen Welt (russ. russki mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  Mehr dazu in unserer Gnose . Leider stimmen die Grenzen der so erneuerten russischen Zivilisation zuweilen nicht mit den aktuellen Staatsgrenzen überein. Die nationale Kultur wird als historisch gewachsener „Organismus“ imaginiert, dem die rational fassbare Gegenwart und die nicht absehbare Zukunft weniger entsprechen als die Vergangenheit.

Betrachtet man die mediale Umsetzung, spielt Sowjetnostalgie eine zentrale Rolle, um diese gemeinsame Kultur mit vertrauten Bildern, Worten und Klängen zu illustrieren. Dazu gehörte zu Beginn der 2000er Jahre die Wiedereinführung der Melodie der sowjetischen NationalhymneIm Jahr 2000 hat Russland die einstige Hymne der Sowjetunion für sich übernommen, allerdings mit geändertem Text. Zuvor bildete das Patriotische Lied die neue Nationalhymne – ein Klavierwerk von Michail Glinka aus dem 19. Jahrhundert ohne einen Liedtext. Sie war zunächst nach dem Zerfall der Sowjetunion von einer eingesetzten Kommission ausgewählt und von Jelzin als neue Staatshymne eingeführt worden. Mehr dazu in unserer Gnose , die unter Stalin entstanden war.

Auch sowjetische Sehnsuchtsorte werden restauriert. Ferienheime, Pionierlager, die Metro und das 1939 eröffnete Gelände der Allunions-Landwirtschaftsausstellung WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Mehr dazu in unserer Gnose waren märchenhafte Geschenke des Staates – und Stalins – an seine Bürger. Das Messegelände der WDNCh wird seit einigen Jahren aufwendig restauriert, die erhaltenen Pavillons aus der Stalinzeit erstrahlen bereits in neuem Glanz. Auf der paradiesischen KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose befand sich das berühmteste aller Pionierlager, ArtekDas Pionierlager Artek auf der Krim wurde 1925 erst als Sanatorium für Tuberkulosevorsorge eröffnet. Bereits in den 30er Jahren wurde das Lager zur Ikone stilisiert und ist zum Traumland und Wunschziel einiger Generationen der Pioniere geworden. Seit den 1960er Jahren verbrachten jeden Sommer insgesamt 20.000 Kinder ihre Ferien in Artek. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde das Lager von der Ukraine weiterbetrieben und kam mit der Angliederung der Krim wieder unter russische Verwaltung. Mehr dazu in unserer Gnose , das mit der Annexion der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose vor dem Verfall gerettet und sogleich unter die persönliche Schutzherrschaft Putins gestellt wurde.

Putin belebte das sowjetische Staatsmodell, zentralistisch und autoritär, mit starker Kontrolle durch die Sicherheitskräfte. Ein Rückgriff auf stalinistische Formeln ist die Belagerungsmentalität: Wir sind von Feinden umzingelt, der Faschismus lebt wieder auf.

Stalin – ein diffuser Erinnerungsdiskurs

Mit dem paternalistischen Staatsmodell kam auch Stalin zurück. Mindestens zwei TV-Serien zeigen Stalin als „geschniegelten Opa, der sich auf sein luxuriöses Landgut zurückgezogen und im trauten Kreis der Seinen den Frieden mit sich selbst gefunden hat“2. Oder als strengen, aber freundlichen Vater, der absolute Autorität in allen Wissenschaften besaß, den Krieg gegen NazideutschlandAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose gewann und für sein Volk sorgte.

Stalin verkörpert den Archetyp der Führerfigur, den strengen, aber gerechten Vater der Völker, er ist ein Symbol der Autorität und nationalen Stärke, eine Art Alleinstellungsmerkmal einer gedemütigten Nation. Seine Bewertung ist widersprüchlich: Umfragen des Lewada-ZentrumsDas Lewada-Zentrum ist ein gemeinnütziges Meinungsforschungsinstitut. Der Namensgeber Juri Lewada (1930–2006) gilt als ein Urvater der modernen russischen Soziologie. 2003 legte er den Grundstein für das renommierte Institut, nachdem die gesamte Belegschaft den Vorgänger WZIOM wegen staatlicher Einmischung verlassen hatte. Das Zentrum wird seit seiner Gründung von den Behörden kritisiert, im September 2016 wurde es vom Justizministerium als ausländischer Agent registriert. Mehr dazu in unserer Gnose belegen die verbreitete Meinung, Stalin sei ein weiser Führer gewesen, der die Sowjetunion zu Macht und Wohlstand führte. Dieselben Befragten befanden aber auch, der Große TerrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose sei ein politisches Verbrechen gewesen, das sich nicht rechtfertigen lasse. Die Mehrheit meinte, das Wichtigste sei, dass unter Stalins Führung die Sowjetunion den Krieg gewonnen habe.

Obwohl die Gesellschaft Russlands die gewalthafte Natur der stalinistischen Politik kennt, fällt es ihr schwer, den Repräsentanten absoluter Macht zu verurteilen. Am meisten lieben ihn ältere, bildungsferne, ärmere BürgerInnen in strukturschwachen und ländlichen Gegenden. Entlang dieser Linien gruppiert sich auch die Wählerschaft Putins. Widersprüchlich ist auch die Bewertung des Stalinismus im politischen und wissenschaftlichen Diskurs, der zwischen der Verurteilung stalinistischer Verbrechen und deren Minimierung zugunsten der Größe und Stärke Russlands schwankt. Es gibt zwar keine offizielle Glorifizierung Stalins, und die stalinistischen Verbrechen werden von den Kremloberen nicht geleugnet. Aber sie werden klein gehalten, und Stalins Leistungen etwa als Generalissimus sind in populären Buchpublikationen weit präsenter als seine Verbrechen.

Es gibt kein konsistentes Narrativ Stalin und den Stalinismus betreffend, weder ein offizielles noch ein inoffizielles. Nationale Größe und kollektive Werte wie Einigkeit, Prestige und Ehre sind in der Wahrnehmung untrennbar mit brutaler Gewalt verbunden. Die Opfer sind bekannt, aber sie werden durch die Verdienste des Tyrannen aufgewogen: Die Anziehungskraft, die nationale Größe und ruhmreiche Geschichte auf einfache Bürger ausüben, verbindet sich mit der Legitimation despotischer Macht.

Die diffuse, rückwärtsgewandte offizielle Rhetorik kommt der Deutung der eigenen Geschichte in mythischen und sakralen Kategorien entgegen – nicht in Kategorien von Schuld und Verantwortung, sondern in solchen von Schicksal und Tragödie. So haben sich sowjetische Interpretationsmuster im russischen Erinnerungsdiskurs gehalten. Im Schulunterricht erscheint etwa der GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose als Tragödie ohne identifizierbare Täter.3 Stalin war kein gewöhnlicher Mensch, er wurde zum Teil der Verklärung und Nostalgie.


Weiterführende Literatur:
Dubin, Boris (2005): Goldene Zeiten des Krieges: Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära, in: Osteuropa 4-6/55, S. 219-233
Humphrey, Caroline (1995): Creating a culture of disillusionment: Consumption in Moscow, a chronicle of changing times, in: Miller, Daniel (Hrsg.): Worlds Apart: Modernity through the prism of the local, London/New York, S. 43-68
Kalinin, Ilya (2011): Nostalgic Modernization: The Soviet Past as "Historical Horizon", in: Slavonica 17/2, S. 156-166
Kalinin, Il’ja (2015): Prazdnik identičnosti: Russkaja Kul’tura kak nacional’naja ideja, in: Politekonomija povsednevnosti 101/3, S. 250-261
Kravets, Olga/Örge, Örsan (2010): Iconic Brands: A Socio-Material Story, in: Journal of Material Culture 15/2, S. 205-232
Nadkarni, Maya/Shevchenko, Olga (2004): The Politics of Nostalgia: A Case for Comparative Analysis of Post-Socialist Practices, in: Ab Imperion 2/4, S. 487-519
Sabonis-Chafee, Theresa (1999): Communism as Kitsch. Soviet Symbols in Post-Soviet Society, in: Barker, Adele Marie (Hrsg.): Consuming Russia: Popular Culture, Sex, and Society since Gorbachev, Durham, S. 362-382
Todorova, Maria (2010): Introduction: From Utopia to Propaganda and Back, in: Todorova, Maria/Gille, Zsuzsa (Hrsg.): Post-communist Nostalgia, Oxford/new York, S. 1-13
Zubarevič, Natal’ja (2012): Russlands Parallelwelten: Dynamische Zentren, stagnierende Peripherie, in: Osteuropa 62/6-8, S. 263-278

1.online unter: Back-in-ussr-com (10.10.2014). Als Gruppen in den sozialen Netzwerken Livejournal, Odnoklassniki und VKontakte sowie unzählige andere Webseiten und Blogs, z. B. Istoria SSR, Homeland.su, Rodina usw.
2.Neue Zürcher Zeitung: Diktatur als Volksherrschaft?
3.Neue Zürcher Zeitung: Sich im unbedingten recht fühlen. Ist der Gulag wirklich ein russisches Trauma? Oder nur „tragischer“ Teil einer großen Ära?
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Selbstgedreht, 1987, Foto © Gennady Bodrov/The Lumiere Brothers Center for Photography (All rights reserved)