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Novaya Gazeta

„Russland hat gute Chancen, irgendwann glücklich zu werden“

Treffen sich zwei intellektuelle Schwergewichte und treten in den Ring, die Schriftsteller Boris AkuninGrigori Tschchartischwili (geb. 1956) ist ein russischer Literaturwissenschaftler und Japanologe georgischer Herkunft. Seit den 1990er Jahren ist er vor allem unter seinem Pseudonym Boris Akunin als Verfasser von Kriminalromanen (etwa der Fandorin-Reihe) bekannt. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, für seine Werke erhielt Akunin internationale Auszeichnungen. In Russland ist er auch politisch aktiv: so beteiligte sich Akunin an den Protesten gegen Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen im Dezember 2011 und zählte zu den prominenten Gesichtern der sogenannten Bolotnaja-Bewegung 2012. In der Öffentlichkeit äußert er sich regelmäßig Putin-kritisch. Seit 2014 lebt Akunin in London. und Dimitri BykowDimitri Bykow (geb. 1967) ist ein bekannter Schriftsteller, Journalist und Professor für Literatur und Kultur. Er hat mehrere Romane und Gedichtbände veröffentlicht und ist Preisträger zahlreicher Literaturauszeichnungen. Seine Literatursendung Grashdanin Poet, in der er die politischen Verhältnisse in Russland humorvoll parodierte, war insbesondere während der Protestbewegung 2011/12 äußerst populär. Mehr dazu in unserer Gnose : Wie das denn nun sei mit dem heutigen Russland und der Sowjetunion und ob man beide Staaten vergleichen könne. Wie aus einem Interview für die Novaya Gazeta fast ein Streitgespräch wird, in dem für SowjetnostalgieDie Zahl der Russen, die den Verlust der Sowjetunion bedauern, liegt derzeit bei 66 Prozent. Das zeigen aktuelle Umfragen des Lewada-Zentrums. Offensichtlich birgt die Sowjetära mit ihren utopischen Zielsetzungen angesichts des seit Jahren stagnierenden russischen Alltags Sehnsuchtspotenzial. Spätestens seit Mitte der 2000er Jahre ist die Sowjetnostalgie außerdem Teil des patriotischen Projekts Russlands, den verlorenen imperialen Status wiederzugewinnen. Mehr dazu in unserer Gnose nicht viel Platz bleibt ...

Quelle Novaya Gazeta

Dimitri Bykow: Guten Tag, Grigori Schalwowitsch.

Boris Akunin: Guten Tag, Dimitri Lwowitsch.

Sie sehen wunderbar aus.

Ich bin voller AntikörperEnde März 2020 hat der russische Schriftsteller Grigori Tschchartischwili (Künstlername: Boris Akunin) bekannt gegeben, dass er mit dem Coronavirus infiziert ist. Die Krankheit verlief bei Akunin laut Eigendiagnose in mittelschwerer Form. .

Im Gespräch mit Ihnen möchte ich etwas für mich Wichtiges aussprechen. Ich will nicht sagen, dass ich die UdSSR liebe, vieles an ihr hasse ich, aber jetzt ist es hier schlimmer. Und ich versuche zu verstehen, warum es schlimmer ist. Stimmen Sie mir zu? Und falls es jetzt besser ist, dann inwiefern?

Ich verstehe ja, warum andere Leute nostalgisch sind, wenn sie sich an die Sowjetunion oder einzelne ihrer Aspekte erinnern: Sie waren damals jünger, gesünder, glücklicher, der Himmel war blauer oder sie lebten damals besser als die anderen, und jetzt leben sie schlechter als die anderen, oder sie haben (ich spreche von den ganz jungen Menschen) irgendwelche Filme gesehen und so weiter. 
Aber für Sie, als freiheitsliebenden Dichter, der damals in der Sowjetzeit gelebt hat und zu dem wurde, der er ist, was ist daran für Sie verlockend? Was vermissen Sie? 

Drei Dinge. Erstens, dass Nationalismus verpönt war und Internationalismus zumindest proklamiert wurde, auch wenn er niemals irgendwo ideal umgesetzt wird, auch nicht in den USA, doch man hatte ihn sich immerhin auf die Fahnen geschrieben. Zweitens, die Religion stand an der ihr gebührenden Stelle. Und drittens der Kult der Aufklärung, des Intellekts, der in der UdSSR herrschte. Das heißt, die Sowjetunion orientierte sich mehr oder weniger an Werten des späten 18. Jahrhunderts, an Werten der Aufklärung, und nicht plump an Werten angeborener Gegebenheiten wie Geburtsort, Alter, Geschlecht, Nation et cetera.

Ist Ihnen die Blutsaugerin SowjetunionAnspielung auf eine Zeile aus dem Gedicht Briefe an einen römischen Freund (Pisma rimskomu drugu) von Joseph Brodsky (1940–1996). Die Zeile „Diebe sind mir lieber als Blutsauger“ wurde in Russland zu einem geflügelten Wort und wird benutzt, um ein (vermeintlich) kleineres Übel zu bezeichnen. also doch angenehmer?

Mit einer Blutsaugerin kann man immerhin diskutieren. Aber der [heutige – dek] Räuber wird erstens auch leicht zum Blutsauger, und zweitens hat er überhaupt keine Prinzipien, er bringt dich für seinen eigenen Vorteil einfach um, und Schluss. 
Die Sowjetunion war kein Monolith, sie bestand aus mindestens vier Teilen: Es gab die Sowjetunion der 1930er, der 1940er, der 1960er und der 1970er Jahre – das sind absolut verschiedene Länder. Mir gefällt die Sowjetunion vom Anfang der 1970er Jahre.

Ich teile die ganze 70-jährige Sowjetzeit in zwei Hälften: die erste, in der der Staat den Menschen fraß, und die zweite, in der er nur auf ihm herumkaute. Ich hatte schon die Befürchtung, Sie sehnen sich in die Zeit zurück, „als das ans Ufer schlagende Wasser klirrte und rauchte“„Als das ans Ufer schlagende Wasser klirrte und rauchte“ ist eine Strophe aus dem Gedicht Liritscheskoje otstuplenije (dt. Lyrische Einkehr) des jüdischstämmigen sowjetischen Dichters Pawel Kogan (1918–1942), der im Zweiten Weltkrieg fiel. Es handelt von künftigen Generationen, die sich in die heroische Zeit der Bolschewiki zurückwünschen. Kogans Gedichte wurden erst nach seinem Tod in der Sowjetunion veröffentlicht. Bekannt ist er heute vor allem als Verfasser des 1937 entstandenen Liedes Brigantina, das in den 1950er und 1960er Jahren durch Versionen populärer Interpreten bekannt wurde. … 

Nein, den Zeiten der BolschewikiDie Bolschewiki (dt. etwa: Mehrheitler) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki (dt. etwa: Minderheitler) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  trauert keiner nach.

Gott sei Dank. Das heißt, versuchen wir mal, die zweite Hälfte, die – nennen wir sie, „vegetarischen“ – zweiten 35 Jahre mit dem heutigen Russland zu vergleichen. Ich habe dafür ein Stufensystem, weil ich gern alles in Würfelchen, Quadrate und Skalen einteile, damit fällt es mir leichter, die anders nicht messbare Realität zu begreifen. 

Ich teile die ganze 70-jährige Sowjetzeit in zwei Hälften: die erste, in der der Staat den Menschen fraß, und die zweite, in der er nur auf ihm herumkaute

So habe ich ein fixes Kriterium, an dem ich die Qualität einer Gesellschaft oder eines Staates festmache. Es gibt zwei Parameter: Parameter Nummer eins ist die Freiheit, mit der die Menschen, die hier leben, ihren Lebensweg wählen können. Die Freiheit, ein Leben zu leben, das man sich selbst ausgesucht hat und das einem nicht von außen aufgedrückt wurde. Je höher der Grad dieser Freiheit für den Einzelnen in einer Gesellschaft, desto besser ist meiner Ansicht nach die Qualität dieser Gesellschaft. Der zweite Parameter ist auch sehr wichtig, das ist das Niveau der staatlichen Fürsorge für jene, die es im Leben aus welchen Gründen auch immer schwer haben. 

Menschen mit BehinderungEtwa 14 Millionen Menschen in Russland leben mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Obwohl die Betroffenen vom öffentlichen Leben größtenteils ausgeschlossen bleiben, sind Behinderung und der Umgang mit beeinträchtigten Menschen keine private Angelegenheit: Institutionen, wie die Orthodoxe Kirche, Ideologien, wie die der Sowjetzeit, und politische Strukturen, wie die des aktuellen Putin-Regimes, beeinflussen maßgeblich und nachhaltig die gesellschaftliche Marginalisierung von Menschen mit Behinderung. Mehr dazu in unserer Gnose , alte Menschen …

Es ist klar, dass ein vernünftig organisierter kapitalistischer Staat besser fertig wird mit der Erfüllung der ersten Aufgabe – mit der zweiten müsste ein sozialistischer Staat besser fertig werden. Doch die Sowjetunion hat, wie wir wissen, dabei ziemlich versagt. Ich kann mich sehr gut an diese sowjetischen Polikliniken erinnern, die sowjetischen Medikamente, die berühmten Kindergärten, in die ich ging wie zur Zwangsarbeit, das Essen, das die armen Kinderchen dort vorgesetzt bekamen. Und da sehe ich keinen besonderen Unterschied: Die Polikliniken waren damals reinster Horror und sind heute reinster HorrorIm Jahr 2000 gab es in Russland rund 10.000 Krankenhäuser. Seitdem schlossen mehr als 5000, die Zahl der Krankenhausbetten je 100.000 Einwohner verringerte sich dabei um mehr als ein Viertel. Seit 2009 wächst zwar die Anzahl von ambulanten Kliniken, doch können diese laut Gesundheitsexperten die entstandenen Defizite der medizinischen Versorgung nicht ausgleichen. Viele Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer massiven Krise des russischen Gesundheitssystems.  Mehr dazu in unserer Gnose
Sehen wir uns den ersten Parameter an, die freie Wahl des Lebenswegs: Wenn ich an mich selbst zurückdenke als Kind, als Teenager, der in der Sowjetunion lebte. Wie hoch war da der Grad an Freiheit? Bei jeder Bewegung stieß man zuerst auf sein persönliches DatenblattIn sowjetischen Fragebögen, etwa für Studien-, Berufs oder Parteianwärter, wurde abgefragt, ob sich Verwandte des Bewerbers bzw. Mitarbeiters während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft befanden, interniert waren oder in Gebieten lebten, die von den Deutschen besetzt waren. Diesen Gruppen wurde pauschal Unzuverlässigkeit oder sogar Verrat unterstellt. Auch im Ausland lebende Verwandte waren verdächtig und konnten dem persönlichen Fortkommen im Weg stehen., in dem es zig Stolpersteine gab: Man hatte entweder die falsche Nationalität oder die falschen Verwandten: Solche, die seinerzeit [während des Zweiten Weltkriegs] in okkupierten Gebieten gewohnt hatten, oder solche, die im Ausland lebten … 

Ich habe nicht gegen das Regime gekämpft, aber ich hatte immer so ein inneres Ekelgefühl

Und es gab noch eine sehr schwerwiegende und für viele Leute (auch für mich) absolut unüberwindbare Hürde, die in Michail SchischkinsMichail Schischkin (geb. 1961) ist ein russischer Journalist und Bestsellerautor. Seit 1995 lebt er in der Schweiz, wo er zeitweise  als Übersetzer für die Migrationsbehörde arbeitete. Schischkins Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt und in Russland mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er kritisierte seit 2014 mehrfach öffentlich die russische Regierung und rief zum Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland auf. Schischkin ist Mitglied des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Roman Venushaar heißt: „Bekenne dich dazu, ein Härchen in des Teufels Pelz zu sein.“ Die Wahl vieler Berufe, jede Art von Karriere hing grob gesagt davon ab, ob man Mitglied der KPdSUDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. wurde oder nicht. Das hatte einen zutiefst rituellen, widerwärtigen Sinn, man musste in diesen Versammlungen sitzen, musste für irgendeinen Blödsinn stimmen oder für Sauereien wie den Einmarsch in die Tschechoslowakei, oder für die Verurteilung eines weiteren Ausreißers und Dissidenten. Für mich zum Beispiel war das absolut unmöglich. Ich habe nicht gegen das Regime gekämpft, aber ich hatte immer so ein inneres Ekelgefühl. Daher trat ich mit 23 Jahren [nach Ende des Studiums – dek] hinaus ins große Leben, schmiedete keine Pläne, dachte überhaupt nicht an morgen, das war zwecklos. 

Was ist das für ein Land, wo ein 23-Jähriger mit Hochschulabschluss keine Pläne hat und nichts werden will, weil er weiß, dass er in diesem Land nichts wird, wenn er nicht etwas tut, was ihm zutiefst zuwider ist? 

Wie Sie bestimmt schon erraten haben, gefällt mir Putins Regime nicht, und zwar so sehr nicht, dass ich einfach nicht in dem Land leben will, über das er bestimmt. Und doch, wenn Sie sich das Bündel von Lebensentscheidungen ansehen, vor dem der Mensch jetzt steht, der junge Mensch genauso wie der nicht mehr junge, dann ist das etwas völlig anderes. 

Der kremlkritische Schriftsteller Boris Akunin emigrierte 2014 aus Russland / Foto ©  A. Savin / Wikimedia CC BY-SA 3.0

Das ist aber deswegen etwas völlig anderes, weil es bei Ihnen in der Sowjetunion, besser gesagt bei uns in der Sowjetunion, noch Berufe gab, aber der heutige Mensch kann seinen Beruf gar nicht mehr wählen. Es gibt noch genau zwei Berufe: Ölförderer und Ölwächter. Außer Ölraffern und SilowikiSilowiki ist ein Sammelbegriff für Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates. Seit den späten 1990er Jahren hat ihr Einfluss stetig zugenommen. Unter Putin gehören sie zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der russischen Elite. Mehr dazu in unserer Gnose gibt es nichts mehr im heutigen Russland. 
Die Perspektive, nach der Universität arbeitslos zu werden, ist viel hundertprozentiger, drängt sich viel stärker auf als in der Sowjetzeit. Niemand wurde zum Parteibeitritt gezwungen, im Gegenteil, für manche Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel für Beamte, war der Eintritt in die Partei gar nicht so einfach: Da gab es äußerst strenge Filter. Um Chef zu werden, musste man der Partei beitreten, aber um ein rechtschaffener Journalist zu sein, war das vollkommen unnötig, und in der Literaturnaja GasetaDie Literaturnaja Gaseta ist eine russische Wochenzeitung, die auf Kulturthemen spezialisiert ist. Gegründet wurde sie 1929 von Maxim Gorki als Organ des Sowjetischen Schriftstellerverbandes, eine Zeitung gleichen Namens wurde jedoch bereits von 1830 bis 1849 unter anderem von Alexander Puschkin herausgegeben. Seit 1947 berichtet die Literaturnaja Gaseta auch über Themen der Kunst, Wissenschaft und Tagespolitik. Ende der 1980er Jahre betrug ihre Auflage rund sechs Millionen, heute etwa 83.000 Exemplare. gab es solche massenhaft. 

Ich habe selbst in einer Redaktion gearbeitet. Der rechtschaffene Journalist von 1982 war einer, der keinen Plunder schrieb. Aber auch keiner, der die Wahrheit schrieb und das, was er wirklich dachte, nicht wahr?
Dazu, dass es heute keine Berufe mehr gibt außer zwei: Sie werden sich wahrscheinlich wundern, aber von den Landsleuten, die ich persönlich kenne, gehört da kein einziger dazu. Und alle haben Berufe und arbeiten in den verschiedensten Bereichen. 

In welchen denn zum Beispiel?

Der eine schreibt, die andere programmiert Software, der Nächste verfolgt sonst irgendeine ordentliche Tätigkeit.

Grigori Schalwowitsch, wer zahlt denn diese Informatiker, für wen programmieren sie denn? Zu 90 Prozent sind das staatliche Behörden. Was gibt es denn in Russland sonst? Waffen und Rohstoffe.

Ich finde mich in der seltsamen Rolle wieder, die heutige Russische Föderation zu verteidigen … Eines der positivsten Phänomene, die sich im heutigen Russland beobachten lassen, ist, dass in diesem Land trotz allem der Kapitalismus funktioniert. Die Gesetze von Privateigentum und privater Unternehmerschaft. Enorm viele Leute sind selbständig. Das ist ein Land, in dem sich auf unglaubliche, fantastische Art und Weise ein Dienstleistungssektor entwickelt hat, in dem eine Menge Leute beschäftigt sind. 

Ich finde mich in der seltsamen Rolle wieder, die heutige Russische Föderation zu verteidigen …

Und viele schreiben nicht auf Befehl von oben … Zum Beispiel äußern Sie sich abfällig über Internet-Journalismus, damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Das ist eine Szene, aus der regelmäßig sehr starke, talentierte Leute hervortreten, die keine Redaktion reinlassen würde.

Grigori Schalwowitsch, ich habe größten Respekt für den YouTuber Juri DudJuri Dud (geb. 1986) ist ein russischer Sportjournalist und Videoblogger. Zum Medienstar wurde er mit seinem YouTube-Projekt vDud, das er im Februar 2017 startete. Seine langen Interviews mit bekannten Musikern, Politikern und Medienschaffenden erreichen Millionen Aufrufe und stehen damit in Konkurrenz zum staatlichen Fernsehen. Mehr dazu in unserer Gnose , aber Dud ist ein Abklatsch von ParfjonowDer Journalist und Moderator (geb. 1960) ist Autor mehrerer beliebter Fernsehformate Eines davon – Namedni – baute er zu einer erfolgreichen Buchreihe aus. Trotz seines Erfolgs verließ er 2010 das Fernsehen, um politisch unabhängig arbeiten zu können. Im Jahr 2012 moderierte Parfjonow auch für das unabhängige Internet-Fernsehen Doshd., und Parfjonow ist, so schlimm das auch sein mag, ein Produkt der Sowjetunion. So wie auch Sie ein Produkt der Sowjetunion sind. Denn, wissen Sie, man muss ein Imperium nach seinem Output beurteilen. Der Output dieses Imperiums waren zwei Generationen sowjetischer IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.   der Extraklasse.

Erstens sind Sie selbst ein Produkt der Sowjetzeit. Zweitens hat sie mich in professioneller und kreativer Hinsicht überhaupt nicht beeinflusst. Im Gegenteil, während ich in der Sowjetunion lebte, dachte ich mit Befremden daran, dass es, sowas aber auch, Leute gibt, die Schriftsteller werden, in meinen Augen war das damals fast ein ehrloser Beruf. Ich wurde erst ungefähr zehn Jahre nach dem Zerfall der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose Schriftsteller, zu einer Zeit, in der ich schon zu vergessen begann, was das gewesen ist. Dazu brauchte es eine sehr gründliche innerliche Befreiung. Weil, wie Sie wissen, ein Schriftsteller, der innerlich unfrei ist, wird niemals etwas Brauchbares zustandebringen. Nicht wahr?

Da bin ich mir nicht so sicher. Wer ist schon innerlich frei? Für mich ist innere Freiheit ein zu abstrakter Begriff. Erinnern Sie sich, PasternakBoris Pasternak (1890–1960) war ein russischer Poet, Schriftsteller und Übersetzer. Zu seinen bekanntesten Werken zählt der 1955 vollendete Roman Doktor Schiwago. Drei Jahre später wurde Pasternak mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die sowjetischen Behörden sahen darin eine Provokation und einen Versuch, die Sowjetunion in den Kalten Krieg hineinzuziehen. Pasternak wurde Opfer einer massiven Hetzkampagne und musste die Auszeichnung schließlich ablehnen. sagte: Unfrei ist der Apfelbaum, der Früchte trägt, unfrei ist der Verliebte … Ja, was soll innere Freiheit sein? Ein abstrakter, absoluter Begriff. 
Natürlich war ich, als ich im sowjetischen Russland lebte, unfrei, aber in Putins Russland hab ich viel mehr Angst. Weil, wie Maria RosanowaMaria Rosanowa (geb. 1929) ist eine russische Publizistin und ehemalige Radiomoderatorin. 1973 emigrierte sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Dissidenten Andrej Sinjawski, nach Frankreich. Gemeinsam gaben sie von 1978 und 2001 in Paris die Zeitschrift Syntaxis heraus. Zudem hat Rosanowa zeitweise eine bekannte Sendung auf Radio Svoboda moderiert – ein staatlicher US-amerikanischer Rundfunksender, der Hörer in den Ländern des Warschauer Pakts mit Informationen aus dem Westen versorgte. ganz richtig sagte: Im sowjetischen Russland gab es Ufer, wir wussten, was sie mit uns machen können. Aber was die heute mit uns machen können, wissen wir nicht, das kann alles sein.
Wissen Sie, die Sowjetunion war ein Gewächshaus, ein entsetzliches, aber immerhin ein Gewächshaus, eng und schwül, aber ein Gewächshaus. Wissen Sie, woran mich die Sowjetunion erinnert? An eine alte, dumme, unfähige Lehrerin, der es aber immer noch gelang, den einen oder anderen in der Klasse von der Kriminalität abzuhalten. Doch dann haben Banditen die Macht ergriffen, freie und fortschrittliche, bewaffnet bis an die Zähne. 

Seltsam. Ich habe gegen die Sowjetunion, gegen dieses ganze System, abgesehen von den rationalen Einwänden, die ich Ihnen schon genannt habe, auch noch Einwände emotionaler Natur, und wenn ich anfange, darüber nachzudenken, dann … Ich kann der Sowjetunion nicht verzeihen, wie sie mit dem Leben meiner Eltern umgegangen ist.

Diese ganze Armseligkeit, die Erniedrigung, in der ihr Leben verlief, ist absolut unverzeihlich und unerträglich. Dieses System, das in den Menschen das Gefühl der eigenen Würde zertrampelte – das Wertvollste, was die Evolution hervorgebracht hat –, und noch dazu völlig absichtlich, das scheut für mich jeden Vergleich. 

Ich kann der Sowjetunion nicht verzeihen, wie sie mit dem Leben meiner Eltern umgegangen ist. Diese ganze Armseligkeit, die Erniedrigung

Schauen Sie … Gut, im heutigen Russland, wenn du da deine eigene Weltanschauung hast und dich darüber äußern möchtest, dann hast du es schwer im Leben, ja? Aber es ist eine Frage des persönlichen Mutes und der persönlichen Entscheidung, und in Wahrheit wird dir wahrscheinlich gar nichts so wahnsinnig Schlimmes … 

Nein, Grigori Schalwowitsch, dann haben sie keine Ahnung von dem Delo Seti. Wenn Sie Ahnung hätten, wüssten Sie, dass es schlimmer ist als in den 1970ern.

Ich habe Ahnung von Delo Seti. Ich verstehe und sehe diese Tendenz sehr wohl, wie die Spezialeinheiten die ganze Zeit versuchen, ihre Möglichkeiten auszuweiten, sie versuchen es die ganze Zeit: Können wir dies schon machen, können wir jenes schon machen? Und das autoritäre System gesteht ihnen permanent zu: Ja, jetzt könnt ihr auch dies, und jetzt auch jenes. 
Diesen Prozess sehe ich genau, das ist ein grauenhafter und sehr gefährlicher Prozess. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass sich diese Frage den TschekistenDer Begriff Tschekist steht im engeren Sinne für einen Mitarbeiter der Staatssicherheit WeTscheKa – Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution. Im weiteren Sinne umschließt er alle Angehörigen von Nachfolgeorganisationen der WeTscheKa und deren Organen: Dazu gehören unter anderem der Geheimdienst KGB, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten NKWD und Staatssicherheitsorgane des Innenministeriums. Heute werden mit dem Begriff häufig die Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB bezeichnet. in der Sowjetzeit nicht einmal gestellt hat, weil sie sowieso alles tun konnten, und niemand auch nur einen Mucks machte. 

Ich sage jetzt etwas ganz Trauriges. Natürlich gab es in der Sowjetunion zwei Lebenssphären: Es gab die Hölle für alle und die ScharaschkiAls Scharaschki wurden in der Sowjetunion Arbeitslager für Wissenschaftler bezeichnet, die zwischen den 1930er und 1950er Jahren existierten. Im Vergleich zu anderen Lagern des Gulag-Systems mussten ihre Insassen nicht körperlich, sondern geistig arbeiten. Die Bewohner dieser Lager lebten zwar in Unfreiheit, jedoch meistens unter angenehmeren Bedingungen als normale Häftlinge. Der Schriftsteller und Dissident Alexander Solshenizyn (1918–2008) schrieb in seinem Roman Im ersten Kreis (W kruge perwom) von 1968: „Die Scharaschka ist lediglich der höchste, beste, der erste Kreis der Hölle. Sie ist – beinahe das Paradies.“ , eine Art Fegefeuer, für einige wenige. Scharaschki gab es in der UdSSR mitunter als so kleine Inselchen intellektueller Aktivität. 

Na ja, ich weiß nicht, ich kann das schwer beurteilen, immerhin lebe ich schon ziemlich lange [seit 2014 – dek] nicht mehr in Russland und bin nicht auf dem Laufenden. Aber weiß der Teufel, also, die Behauptung, dass es jetzt in Russland schlimmer ist als in der Sowjetunion der 1980er Jahre, hm … Meinen Sie das ernst? 

Ich habe den Eindruck, die heutige junge Generation ist viel besser als wir damals. Ich erinnere mich an mich selbst, ab dem Moment, wo ich eine eigene Meinung hatte, da war ich wahrscheinlich 14 oder so, weil bis zu diesem Alter glaubt man ja irgendwie alles. Man wächst auf in einem Kindergarten, wo ein Porträt von Opa LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. Mehr dazu in unserer Gnose hängt, dann ist man Pionier, man marschiert durch die Straße und denkt: „Wenn uns Wladimir IljitschIljitsch ist Ottschestwo (dt. „Vatersname“) und häufig verwendeter Kosename von Lenin. jetzt nur sehen könnte, wie wir herrlich und fein leben, und wie schlecht es die armen Kinder in Amerika haben.“ 
Dann kommt die Pubertät, und im Kopf beginnt sich etwas zu rühren. Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, wo das bei mir passiert ist, aus einem nichtigen Anlass. Im Englischunterricht mussten wir Hamlets Monolog auswendig lernen: To be or not to be — that is the question. Whether it is nobler in the mind to suffer … und so weiter. Und plötzlich begriff ich den Sinn dessen, was Shakespeare schrieb: dass nämlich die philosophische Hauptfrage des Seins nicht die Frage ist, was zuerst da war: die Materie oder das Bewusstsein, sondern die Frage, ob dieses Leben mit all seinen Hässlichkeiten es wert ist, sich diesen Film zu Ende anzusehen. 

Ja, stimmt absolut.

Das war mein erster eigenständiger Gedanke im Leben, und ich war so dermaßen stolz darauf, dass ich begann, alles rundherum einer Bewusstmachung und Neubewertung zu unterziehen. Und sofort in der ersten Schulstunde zog ich in Zweifel, was unsere Lehrerin sagte, da ging es gerade um Leninismus oder Ähnliches. 

Dass es jetzt in Russland schlimmer ist als in der Sowjetunion der 1980er-Jahre, hm … Meinen Sie das ernst?

Zu der Zeit, nach der zehnten Klasse, war ich schon ein absolut zynischer Junge, der das Eine sagte, das Andere dachte und wusste: Das, was man denkt, darf man nicht laut sagen. Und als ich mein Studium begann, war ich nur von solchen jungen Leuten umgeben, das waren die Studierenden der 1970er Jahre. Das war ein unglaublich abgebrühter, berechnender Zynismus. 
Ich habe manchmal Online-Gesprächsrunden mit Studierenden oder Schülern, ich lese in sozialen Netzwerken und ich sehe: Die sind viel besser als wir damals, mein lieber Herr Gesangsverein. 

Nach der zehnten Klasse war ich schon ein absolut zynischer Junge, der das Eine sagte, das Andere dachte

Grigori Schalwowitsch, eine Frage, die mir sehr wichtig ist. Ich habe sehr auf Ihr Buch gewartet, auf Ihren Band über die Petrinische EpocheNach der Rückkehr von der sogenannten Großen Gesandschaft – der Reise des Zaren Peter I. (1672–1725) in den europäischen Westen 1697/98 – initiierte Peter der Große im Zarentum Russland tiefgreifende Reformen. Sie orientierten sich am Westen und betrafen sowohl das Militärwesen als auch unter anderem die Verwaltung, die Steuern, das Wirtschaftssystem sowie die Kirche. Diese Reformen modernisierten Russland zwar nachhaltig, brachen aber zugleich teilweise mit tradierten Strukturen. Dieser Bruch führte schon zu Lebzeiten Peters I. zu konservativen Gegenbewegungen, die sich nach seinem Ableben verstärkten., und habe mit Schrecken festgestellt, dass Ihre Meinung über Peter den Großen generell vorwiegend negativ ist. Mir schien, dass das mit Ihrer Einstellung zur Sowjetunion zusammenhängt. War denn nicht das ganze russische 19. Jahrhundert, das goldene Zeitalter, ein Produkt Peters des Großen?

Wissen Sie, ich habe auch immer gedacht, Peter hat ein Fenster nach Europa aufgestoßen und Russland in Richtung irgendwelcher vor-aufklärerischer Werte gerückt. In der näheren Auseinandersetzung sah ich, dass das gar nicht wahr ist. Also, er hat natürlich ein Fenster aufgestoßen, aber die Tür hat er zugelassen. Das war ein vergittertes Fenster, durch das jene hinaussehen durften, denen das gestattet war. Was hat Peter gemacht? Er hat das zermürbte Moskauer Zarenreich des 17. Jahrhunderts übernommen, in dem es eigentlich keine richtige Vertikale gab und das nach der Zeit der WirrenDie „Zeit der Wirren“ bezeichnet eine Episode zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als verschiedene Prätendenten um die Thronfolge rangen, fremde Heere russische Städte belagerten und Hungersnöte grassierten. Der Begriff stellt hier einen Zusammenhang zu den 1990er Jahren her, als der russische Zentralstaat schwach, der Einfluss von Wirtschaftseliten auf die Politik hoch und Armut verbreitet war. völlig am Ende war.
Tatsächlich hat Peter eine überaus harte Staatsstruktur aufgebaut, ähnlich wie in der Goldenen Horde Während der Mongolischen Invasion der Rus in den Jahren 1237 bis 1240 wurden russische Fürstentümer durch die Truppen Batu Khans – eines Enkels von Dschingis Khan – besetzt. In der Nähe der heutigen Stadt Wolgograd gründete Batu Khan das Khanat Goldene Horde. Die Khane dieses Staatsgebildes herrschten mehr als zwei Jahrhunderte lang über Russland. Manche russische Historiker betrachten diese Episode als eine Art Union aus dem Khanat und Russland. Demnach sei das Bündnis besser gegen westliche Angriffe gewappnet gewesen., eine absolute Vertikale, in der alle Entscheidungen ausschließlich an einer Stelle getroffen wurden, die sich im Kopf des Herrschers befand, und alle Entscheidungen kamen nur von dort. Das ist keine Europäisierung, das ist eine absolute Asiatisierung, getarnt mit Perücken, Miedern und Spangenschuhen. 
Was das 19. Jahrhundert betrifft und damit die russische Literatur, also jene Kultur, aus der wir alle hervorgegangen sind, so verdanken wir sie, wie mir jetzt klar ist, nicht Peter, sondern Katharina, sie entstand also wesentlich später. 

Na ja, Katharina ist ja auch eine etwas blassere Variante von Peter, sein Spiegelbild.

Aber nein, gar nicht, überhaupt nicht. An Katharina ist, wie mir scheint, in historischer Hinsicht das Interessanteste, dass sie erstmals in der russischen Geschichte Soft Power effektiv eingesetzt hat. 

Peter der Große hat eine überaus harte Staatsstruktur aufgebaut, eine absolute Vertikale

Katharina hat ein unglaublich produktives und faszinierendes Know-how entdeckt: Sie hat demonstriert, dass man die besten Ergebnisse erzielen kann, nicht indem man mit Enthauptung oder Pfählen droht, sondern indem man Belohnungen verspricht, und dass der Zarenthron kein Horrording ist wie unter Iwan dem SchrecklichenIwan IV. Wassiljewitsch, der Schreckliche (1530–1584) war Großfürst von Moskau, bevor er sich 1547 zum Zaren von Russland erklärte. Seine Feldzüge gegen tatarische Khanate brachten enorme Landgewinne, das Zarentum Russland expandierte. Vor diesem Hintergrund war ein großer Teil seiner Zeit auf dem Thron durch die sogenannte Opritschnina geprägt – eine regional beschränkte, tyrannische Innenpolitik, die sich mit umfangreichem Terror gegen die Bevölkerung richtete. , sondern eine Art Sonne, zu der man hinstreben soll, um sich an ihren Strahlen zu wärmen. Und wie sich herausstellte, funktionierte das wunderbar.

Wissen Sie, es geht doch immer um dieses Verhältnis zwischen dem Russischen und dem Sowjetischen. Für manche ist das Sowjetische die Fortsetzung des Russischen, doch für mich sind das zwei verschiedene Paar Schuhe, und man weiß nicht, ob besser oder schlechter. Wie sehen Sie das?

Für mich geht es da um das Verhältnis vertikal oder horizontal. Der russische Staat wurde als superzentralisiertes vertikales Modell errichtet, von oben nach unten wie bei Dschingis Khan, wo alle Entscheidungen oben getroffen und wie ein Staffelstab nach unten weitergegeben wurden. 

Wenn der Abstand zwischen Staatsmacht und Volk geringer wird, dann werden sich auch die Mentalität und die gesellschaftliche Atmosphäre insgesamt verändern

Ich sehe nichts Nationales und Fatales in diesem Schema, jedes Volk, das man in dieses Schema presst, wird so. Ich bin überzeugt, wenn Russland in ein paar Jahren aufhört, ein superzentralisierter Staat zu sein, und zu einer normalen Föderation wird, wo alle oder 90 Prozent der Entscheidungen, die das Leben der Menschen betreffen, vor Ort gefällt werden und der Abstand zwischen Staatsmacht und Volk geringer wird, dann werden sich auch die Mentalität und die gesellschaftliche Atmosphäre insgesamt verändern. 

Dimitri Bykow befasst sich in seinen publizistischen Werken mit Themen der russischen Gegenwart / Foto © Mark Nakoykher/Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

Was ich noch gern verstehen würde: Derzeit entwickelt sich in Russland, wie bei uns geschrieben wurde, ja eine Art Föderalismus, und zwar aus einer Richtung, wo man es nicht erwartet hat. Putin erlaubt den Regionen, autonom zu entscheiden. Daraus wird nichts werden, weil sie so oder so auf die Signale von oben hören. Glauben Sie denn, dass die Pandemie in Russland eine Horizontalisierung bringt?

Ich glaube, für Putin ist das ein gefährliches Experiment, das davon zeugt, dass er die Natur des Staates, den er errichtet hat, nicht wirklich durchschaut. Jede Schwächung der VertikaleDie Machtvertikale ist ein wichtiger Aspekt der autoritären Konsolidierung Russlands seit den frühen 2000er Jahren. Gemeint ist vor allem eine Rezentralisierung des föderalen Aufbaus in Form von föderaler Vertikale und Vertikalisierung der Demokratie in Form von gelenkter Demokratie. Seit Mitte der 2000er Jahre fordern konservative Politiker und Medien außerdem eine nationale Vertikale. Im multiethnischen Staat solle der russischen Ethnie die Rolle des primus inter pares zukommen, so die Forderung. und Delegierung realer Macht in die Regionen ist ein Risiko. Weil in vielen Regionen unfähige Gouverneure sitzen, die nichts erreichen. Aber es kann durchaus die eine oder andere aktive Person auf den Plan treten, die ihre Verantwortung spürt, etwas in Angriff nimmt und sich als besser erweist als die Zentralmacht – und sich damit eine gewisse Beliebtheit, ein gewisses Vertrauen der Bevölkerung verdient.

Und sofort eins auf die Mütze kriegt.

Alle kriegen eins auf die Mütze, aber wenn sich die Spielregeln ändern, tauchen diese Mützen oft wieder auf. So ist der Mensch beschaffen. In der Sowjetunion bekamen es alle so dermaßen auf die Mütze, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Aber sobald dieses System in die Binsen ging, ins Schlingern geriet, waren sofort unglaublich viele eindrucksvolle, ehrenhafte, mutige Leute da, erinnern Sie sich. 

Der sowjetische Patriotismus basierte auf Überzeugungen, darauf, dass wir ein Land sind, das anders tickt. Der Patriotismus in Putins Epoche basiert zur Gänze auf Ressentiments: Ja, wir sind so und so, und wir sind stolz und glücklich, dass wir nicht anders sein können, und die ganze Welt wird uns, sorry, in den Arsch kriechen. So ungefähr. 
Finden Sie nicht auch, dass der sowjetische Patriotismus weniger militarisiert war, nicht so großspurig, so unverfroren, dass er anders war?

Reden wir jetzt vom offiziellen Patriotismus oder vom Patriotismus im Massenbewusstsein? „Wir zogen durch die halbe Welt, wenn‘s sein muss, gerne wieder“„Wir zogen durch die halbe Welt, wenn‘s sein muss, gerne wieder“ ist eine Strophe aus dem bekannten sowjetischen Kriegs- und Kampflied W put (dt. Marsch!). Das Lied wurde 1954 von dem Dichter Michail Dudin und dem Komponisten Wassili Solowjow-Sedoi komponiert. Durch seine Verwendung in dem Film Viel Lärm um Maxim von 1955 erlangte es große Bekanntheit. Bis heute wird es in Russland häufig bei militärischen Anlässen gesungen. – soll das eine friedliche Rhetorik sein? Dass bei uns in der Schule im Wehrkundeunterricht an der einen Wand eine Atombomben- und an der anderen eine Wasserstoffbombenexplosion hing und unsere Mädchen brav dasaßen und KalaschnikowsMichail Kalaschnikow (1919–2013) war der Konstrukteur des gleichnamigen Maschinengewehrs. Seit 1947 wurde die AK-47 immer weiterentwickelt; Schätzungen zufolge ist sie – inklusive Nachfolgemodelle, Derivate und Kopien – die weltweit meistverbreitete Feuerwaffe. Im September 2017 enthüllte Jelena Kalaschnikowa, die Tochter des Waffenkonstrukteurs, ein Kalaschnikow-Denkmal im Zentrum der Hauptstadt. Es wurde sehr kontrovers aufgenommen: Viele Moskauer befanden, dass es zynisch sei, dem Macher einer „Massenvernichtungswaffe“ ein Denkmal zu setzen.  Mehr dazu in unserer Gnose zerlegten – war das friedliche Rhetorik?

Was soll ein anständiger Mensch heute tun: emigrieren, innerlich emigrieren oder auf die Barrikaden steigen?

Ich glaube, ein anständiger Mensch soll das tun, was seinem Anstand nicht zuwiderläuft. Wir sind alle verschieden, jeder von uns hat erstens andere Lebensumstände und zweitens ein anderes öffentliches Auftreten. Aber ich glaube, jeder hat, wenn er nicht gerade moralamputiert ist, eine innere Stimme, die einem immer sagt, was man tun kann und was nicht, und auf die soll man hören.

Erwartet Russland das Schicksal der UdSSR, und wann?

Sie meinen offenbar den Zerfall? Ich halte das für absolut nicht ausgeschlossen, weil das aktuelle Regime, auch wenn es glaubt, die Einheit des Staates mit allen Kräften zusammenzuhalten, diese meiner Meinung nach untergräbt. Weil ein Staat, der sich nur an einer Schraube hält, ein sehr schwaches Modell ist: Wenn diese Schraube abbricht, zerfällt alles in Stücke.

Jeder hat, wenn er nicht gerade moralamputiert ist, eine innere Stimme, die einem immer sagt, was man tun kann und was nicht, und auf die soll man hören

Wie realisierbar ist Ihrer Einschätzung nach die Utopie der Föderalisierung, die Sie in Glückliches Russland beschreiben?

Durchaus realisierbar. Ich glaube, das eigentliche Hauptproblem, die Hauptkrankheit der russischen Staatlichkeit, wird sich auflösen, wenn Russland zu den Vereinigten Staaten von Russland wird. Zu einer echten Föderation mit mehreren profilierten Hauptstädten, mit Möglichkeiten für die Menschen vor Ort, die eigenen Behörden besser zu kontrollieren, sodass im Zentrum nur die vereinigenden Vorrechte verbleiben, internationale Beziehungen, Verteidigung, einige große, landesweite Projekte. Und das genügt vollauf.
In jedem Volk kann sich Verantwortungsgefühl herausbilden. Behandle einen Menschen wie einen Erwachsenen, und er wird anfangen, sich zu benehmen wie ein Erwachsener. 

Wenn diese wichtigste Schraube abbricht, wird es dann besser?

Nach den Grauen kommen normalerweise die Schwarzen. Lang werden sie sich natürlich nicht halten können, weil sie unfähig sind, irgendwas zu verwalten oder auf den Weg zu bringen. 

Aber eine gewisse Zeit halten sie sich?

Ja, das ist möglich und sehr bedrückend.

Hätte die Sowjetunion alternative Entwicklungsmöglichkeiten gehabt? Ich meine, hätte die Katastrophe der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose verhindert werden können?

Ich glaube, eine große verpasste Chance war die nicht erfolgte Unterzeichnung des Vertrags von Nowo-OgarjowoNowo-Ogarjowo ist ein Anwesen in der Oblast Moskau und seit 2000 offizieller Amtssitz von Wladimir Putin. Die im 19. Jahrhundert errichtete Residenz diente zu Zeiten der Sowjetunion als Gästehaus und Erholungsort für hochrangige Politiker. Im April 1991 unterzeichneten hier die Repräsentanten der ehemaligen Sowjetrepubliken das sogenannte 9+1-Abkommen, das den Fortbestand der Sowjetunion sichern sollte. Am Ende dieser Absichtserklärung sollte ein neuer Unionsvertrag stehen: Die föderale UdSSR sollte in die Union Souveräner Sowjetrepubliken überführt werden und alle Sowjetrepubliken umfassen – mit Ausnahme der baltischen Republiken, Moldawiens, Georgiens und Armeniens.  über die Union Souveräner Staaten, das, was der eigentliche Grund für den PutschAls Augustputsch wird der Umsturzversuch bezeichnet, der zwischen 19. und 21. August 1991 in Moskau stattfand. Eine Gruppe führender Staatsfunktionäre, die sich als Staatskomitee für den Ausnahmezustand bezeichnete, ergriff die Macht mit dem Ziel, die Sowjetunion vor dem Zerfall zu bewahren. Doch Boris Jelzin rief zum Widerstand auf, tausende Menschen schlossen sich an und gingen auf Barrikaden. Das Scheitern des Umsturzversuchs beschleunigte den Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose war. Weil die Leute, die den Putsch unternahmen, richtige Horden-Etatisten waren, denen klar geworden war, dass dieses System am Ende war. 

In jedem Volk kann sich Verantwortungsgefühl herausbilden

Wenn die Sowjetunion im August 1991 anstatt zu zerfallen zu einer solchen Konföderation geworden wäre, ähnlich der Europäischen Union, nur eben im eurasischen Raum, dann hätte, glaube ich, alles anders kommen können. 

Viele fragen: Haben Sie nicht das Gefühl, dass es höchste Zeit ist, dem heutigen Russland den Rücken zu kehren und ein eigenständiges Leben zu beginnen?

Na ja, also, ich sage das jetzt ohne Schmeichelei. Ich glaube, Russland ist ein enorm interessantes und großes Land, nicht im imperialen Sinn, sondern im Hinblick auf sein energetisches und kulturelles Potenzial, das über unzählige Generationen angesammelt wurde. Es ist ein Land mit unglaublichem Potenzial und unglaublichen Möglichkeiten. Es macht schwere Zeiten durch, wird vielleicht noch schwerere durchmachen, aber mir scheint, Russland hat gute Chancen, irgendwann endlich ein glückliches Russland zu werden. 

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Sowjetnostalgie und Stalinkult

„Ihr habt vieles, worauf ihr stolz sein könnt“ – so schließt der US-amerikanische, russischstämmige Schauspieler David Duchovny 2014 auf YouTube seine Werbung für eine russische Biermarke. Im Spot durchlebt der Zuschauer mit Duchovny seinen alternativen Lebenslauf à la „was wäre, wenn seine Großeltern nicht ausgewandert wären“. Er öffnet ein Familienalbum und ein angeblich typisch russisch-sowjetisches Leben zieht an ihm vorbei: sein Portrait auf der Jahrgangsseite eines sowjetischen Schulalbums, als Langläufer im verschneiten Birkenwald, bei der Schulabschlussfeier mit Klassenkameraden auf dem Roten Platz. Seine Karrieremöglichkeiten zeigen ihn als KosmonautenDas Raumfahrtprogramm der UdSSR startete am 4. Oktober 1957 mit einem Satelliten, der später als Sputnik (dt. u. a. Weggefährte) in die Geschichte eingegangen ist. In der darauffolgenden Dekade überholte die Sowjetunion sichtbar die USA und wies viele spektakuläre Erfolge auf: Erster Mensch im Kosmos, die erste Raumsonde Richtung Mars, die Installation des ersten meteorologischen Satelliten, der erste Satellit zur Fernsehübertragung, der erste Ausstieg eines Menschen ins freie All etc. Das Raumfahrprogramm war ein starkes propagandistisches Mittel, das die Überlegenheit des kommunistischen Systems deutlich machen sollte. Gleichzeitig bedeutete das Programm auch ein Wettrüsten, an dessen Kosten nicht zuletzt die Sowjetunion zugrunde gehen sollte. Mehr dazu in unserer Gnose , als Choreografen im Bolschoi Theater, als erfolgreichen Schauspieler vor sowjetischen Kinoplakaten und als Eishockeyspieler mit Zahnlücke. Er feiert ausgelassen mit Freunden in einer BanjaDie Banja ist die russische Sauna: ein Dampfbad, in dem die kreislaufanregende und reinigende Wirkung durch das Auspeitschen mit Birkenzweigen verstärkt wird. Auf dem Lande ist es oft eine Holzhütte im Garten, in der Stadt sind es große Gebäude, ähnlich städtischen Badeanstalten. Die Banja ist ein Kultort, an dem gern getrunken und gegessen wird, der Eingang in viele Filme findet. Es gibt auch eine eigene Grußformel, wenn jemand in die Banja geht: S legkim parom! (Ich wünsche leichten Dampf!), singt mit ihnen Sowjet-Hits und rezitiert das bekannte Kindergedicht Rodnoje (dt. Verwandte): „Ich lernte, dass ich eine große Familie habe: den Pfad, das Wäldchen, jede Ähre auf dem Feld.“

Worauf man also in Russland laut Werbespot nebst beworbenem Produkt noch stolz sein darf? Auf Heldentaten in Schnee und Eis, GagarinJuri Gagarin (1934–1968) war 1961 der erste Mensch im Weltraum. Doch er wurde bald auch zu einem kommunistischen Friedensboten, populären Jugendidol, nationalen Kulturheros, dissidenten Raumfahrer und einer globalen Popikone. Mehr dazu in unserer Gnose , Ballett, Kameradschaft und Spaß – auf die zentralen Themen der Sowjetnostalgie.

David Duchovny, dessen Name von russ. duchowni (dt. geistreich, beseelt) stammt, schwelgt in vergangenen Utopien, in nicht gelebten und nicht überprüfbaren Möglichkeiten. Die Gegenwart bleibt interessanterweise ausgespart, es geht auch nicht um die Geschichte, sondern um Atmosphäre und Kultur.

Vom „Geist einer Epoche“ und der Sehnsucht nach vergangenen Utopien

Kunst und Kultur des SozrealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    zelebrierten überschwänglich das Gefühl, Teil einer „besonderen Epoche“ zu sein. Betrachtet man die liebevoll rekonstruierten Erinnerungsräume, den Phantomschmerz einer UdSSR 2.0 offline und im Netz, auf patriotischen Seiten, die Back in UdSSR oder Unsere Heimat UdSSR heißen1, so taucht dort zwischen den in den sanften Glanz des Vergangenen getauchten Bildern sowjetischer Werbeplakate, Kochbücher und Warenkataloge der 1950er bis 1970er Jahre immer wieder der Begriff des „Geistes jener Epoche“ auf – gemeint ist die große sowjetische Epoche, das „Land, das wir verloren“. Die schiere Größe seiner Geschichte als respektierte, ja gefürchtete Weltmacht reißt wie eine Naturgewalt alles mit sich.

Das Erhabene und das Heroische kommen dem menschlichen Bedürfnis nach Sinnsuche entgegen. Angesichts des seit Jahren stagnierenden russischen Alltags birgt die Sowjetära mit ihren utopischen Zielsetzungen für einige junge Menschen neues Sehnsuchtspotenzial.



Quelle: Lewada

Vor allem ältere Menschen denken nostalgisch an die Sowjetunion zurück. Sie erinnern die „goldenen 1970er“ Jahre unter BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose als eine Zeit, in der es alles gab: bescheidenen Wohlstand, soziale Sicherheit, Arbeit, Großmachtstatus und gemeinschaftlichen Stolz auf das Erreichte. Zahlreiche Retro-Produkte, versehen mit den Prüfnummern der längst versunkenen staatlichen sowjetischen Prüfstelle GOST, knüpfen an solche Werte und an einen spezifisch sowjetischen Konsumstil an. Dieser war durch informelle Beschaffungsnetzwerke, Gefälligkeiten und Tauschsysteme (russ. blatDie Wortherkunft ist unklar. Das Wort blat bezeichnet die Möglichkeit, knappe Güter, Dienstleistungen oder Positionen auf inoffiziellen Umwegen zu erhalten – z. B. durch Beziehungen oder Tauschnetzwerke. Die adjektivierte Form blatnoi wird heutzutage hauptsächlich als Attribut der kriminellen Welt verwendet.) geprägt. Die zentrale Währung war das Vertrauen, nicht die anonymen und abstrakten Kräfte des westlichen Kapitalismus. Der vertrauens- und beziehungsbasierte Konsumstil gilt als dem entfremdeten „kapitalistischen“ Konsumstil moralisch überlegen.

Wie der Konsumstil so waren auch sowjetische Konsumgüter bald den westlich-kapitalistischen vorzuziehen: Die SowjetbürgerVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. Mehr dazu in unserer Gnose , durch die schlechte Qualität der lang ersehnten Importwaren enttäuscht, hörten bald von Gerüchten über abgelaufene Lebensmittel, die nach Russland geliefert würden. Zum Symbol kapitalistischer Machenschaften, der Erniedrigung der einstmals großen Nation, wurden die im Rahmen von Not-Krediten gelieferten US-amerikanischen Hühnerkeulen, die unter der Bezeichnung „Bush’s Keulchen“ bis heute durch die Medien geistern. Sie seien mit Hormonen und Chemie verseucht gewesen und hätten Allergien verursacht.

So wuchs die Überzeugung, dass die reichen westlichen Länder Russland grundsätzlich mit minderwertiger Ware belieferten. Parallel zu diesen Ängsten, zur Erosion des Rubels und steigenden Preisen für Importe wuchs die Aura der eigenen Lebensmittel und Güter. Sowjetische EiscremeSowjetisches Speiseeis wurde ab 1938 in Massenproduktion hergestellt und als eine Speise ganz ohne Konservierungsmittel, aus reiner Milch propagiert. Derzeit hat jeder größere Eiscremehersteller in Russland mindestens eine Retro-Linie im Programm, deren Verpackungen an Stil und Motive aus der Sowjetzeit angelehnt sind. Mehr dazu in unserer Gnose ist eine exemplarische nostalgische Speise, die mit Reinheitsvorstellungen, Kindheitserinnerungen und starken Emotionen verbunden ist. Sie wird von vielen explizit als Geschenk des sowjetischen Staates an seine Kinder erinnert.

Warum bedauern Sie den Zerfall der UdSSR in erster Linie?


Anteil der Respondenten, die angegeben hatten, den Zerfall der UdSSR zu bedauern. Quelle: Lewada

Güter und Atmosphären für den Heilungsprozess

Durch die Erfahrungen aus der frühen postsowjetischen Zeit unterscheiden WissenschaftlerInnen hinsichtlich des Umgangs mit der zurückliegenden Sowjetära verschiedene Phasen: Eine erste Phase der postsozialistischen Distanznahme von der Symbolwelt, in der die einst so mächtigen Ikonen des Sozialismus zu Kitsch wurden.
Eine zweite Phase brachte Mitte der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose die Rückbesinnung auf die materielle Kultur des sozialistischen Alltags. Sowjetische Güter standen nun für bestimmte Werte und erschienen in einer Gegenposition zum entzauberten Westen.
Der dritte Typ nostalgischer Praktiken betraf die Rekonstruktion von Atmosphären, Werten und Stimmungen des Spätsozialismus. Dazu gehörten geteilte Erfahrungen wie Ferienlager oder die Populärkultur.
Ein vierter Typus war die zunächst objektfixierte Stil-Nostalgie der jungen Generation. Die Nostalgie galt der entzauberten Utopie vom Westen ebenso, wie dem Verlust der respektierten Großmacht Sowjetunion. Die Südosteuropahistorikerin Maria Todorova sprach von der heilenden (restaurativen) Funktion der Nostalgie.

Die 1990er Jahre dagegen galten vor allem als Jahre des chaotischen ZerfallsDas Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert. Mehr dazu in unserer Gnose des Sowjetreiches, der Entsolidarisierung der Gesellschaft und grassierender Kriminalität, während der Staat und die parlamentarische Demokratie versagten. Die ehemaligen Sowjetbürger erfuhren die 1990er Jahre als Dauerkrise und sprachen in Metaphern des Bröckelns und des Einsturzes darüber. Die SilowikiSilowiki ist ein Sammelbegriff für Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates. Seit den späten 1990er Jahren hat ihr Einfluss stetig zugenommen. Unter Putin gehören sie zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der russischen Elite. Mehr dazu in unserer Gnose erfuhren den schmerzlichen Verlust des Großmachtstatus, ein Gefühl, das Putin in die Formel der „geopolitischen Katastrophe“Schon im April 2005 bezeichnete Wladimir Putin in seiner Rede zur Lage der Nation den Zerfall der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch in der Folgezeit äußerte er mehrmals sein Bedauern über den Zerfall. So betonte Putin 2016, dass der Zusammenbruch „nicht nötig gewesen“ sei: Man hätte die Sowjetunion stattdessen reformieren oder demokratisch umgestalten können. goss.

Sowjetnostalgie und symbolische Re-Stalinisierung

Spätestens seit Mitte der 2000er Jahre ist die Sowjetnostalgie Teil des patriotischen Projekts Russlands, den verlorenen imperialen Status wiederzugewinnen. Die politische Rhetorik sprach zwar von Erneuerung und ModernisierungDer Gedanke der Modernisierung hat in Russland eine lange Tradition. Viele Zaren, Generalsekretäre und zuletzt Präsidenten versuchten sich an der aufholenden Entwicklung zu einer stets im Westen liegenden Moderne. Als erfolgreichste unter ihnen würden die meisten Russen heute wohl Peter den Großen und Josef Stalin benennen. In der post-sowjetischen Geschichte Russlands ist das Schlagwort der Modernisierung vor allem mit der Präsidentschaft Medwedews verknüpft. Als Putin 2012 in den Kreml zurückkehrte, geriet Medwedews Vision eines modernen Russlands jedoch schnell in Vergessenheit. Mehr dazu in unserer Gnose – vor allem während der Präsidentschaft MedwedewsDimitri Medwedew ist seit Januar 2020 stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrates. Er war von 2012 bis 2020 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Medwedew gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein. Mehr dazu in unserer Gnose –, benutzte aber die sowjetische Vergangenheit zur Legitimierung ihrer Politik. Das „Sowjetische“ war dabei historisch diffus und wurde zu einem gemeinsamen „kulturellen Erbe“. Diese Politik wertete Nostalgie als positive gesellschaftliche Kraft. Im offiziellen russischen Diskurs kursieren die Schlüsselbegriffe „traditionelle Werte“, „russische Kultur“, „Spiritualität“ und „historische Vergangenheit“. Die sowjetische Matrize erlaubt das Ausblenden ethnischer, religiöser und sonstiger regionaler Unterschiede und schafft eine alle umfassende „russische Kultur“Das Konzept der Russischen Welt (russ. russki mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  Mehr dazu in unserer Gnose . Leider stimmen die Grenzen der so erneuerten russischen Zivilisation zuweilen nicht mit den aktuellen Staatsgrenzen überein. Die nationale Kultur wird als historisch gewachsener „Organismus“ imaginiert, dem die rational fassbare Gegenwart und die nicht absehbare Zukunft weniger entsprechen als die Vergangenheit.

Betrachtet man die mediale Umsetzung, spielt Sowjetnostalgie eine zentrale Rolle, um diese gemeinsame Kultur mit vertrauten Bildern, Worten und Klängen zu illustrieren. Dazu gehörte zu Beginn der 2000er Jahre die Wiedereinführung der Melodie der sowjetischen NationalhymneIm Jahr 2000 hat Russland die einstige Hymne der Sowjetunion für sich übernommen, allerdings mit geändertem Text. Zuvor bildete das Patriotische Lied die neue Nationalhymne – ein Klavierwerk von Michail Glinka aus dem 19. Jahrhundert ohne einen Liedtext. Sie war zunächst nach dem Zerfall der Sowjetunion von einer eingesetzten Kommission ausgewählt und von Jelzin als neue Staatshymne eingeführt worden. Mehr dazu in unserer Gnose , die unter Stalin entstanden war.

Auch sowjetische Sehnsuchtsorte werden restauriert. Ferienheime, Pionierlager, die Metro und das 1939 eröffnete Gelände der Allunions-Landwirtschaftsausstellung WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Mehr dazu in unserer Gnose waren märchenhafte Geschenke des Staates – und Stalins – an seine Bürger. Das Messegelände der WDNCh wird seit einigen Jahren aufwendig restauriert, die erhaltenen Pavillons aus der Stalinzeit erstrahlen bereits in neuem Glanz. Auf der paradiesischen KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose befand sich das berühmteste aller Pionierlager, ArtekDas Pionierlager Artek auf der Krim wurde 1925 erst als Sanatorium für Tuberkulosevorsorge eröffnet. Bereits in den 30er Jahren wurde das Lager zur Ikone stilisiert und ist zum Traumland und Wunschziel einiger Generationen der Pioniere geworden. Seit den 1960er Jahren verbrachten jeden Sommer insgesamt 20.000 Kinder ihre Ferien in Artek. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde das Lager von der Ukraine weiterbetrieben und kam mit der Angliederung der Krim wieder unter russische Verwaltung. Mehr dazu in unserer Gnose , das mit der Annexion der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose vor dem Verfall gerettet und sogleich unter die persönliche Schutzherrschaft Putins gestellt wurde.

Putin belebte das sowjetische Staatsmodell, zentralistisch und autoritär, mit starker Kontrolle durch die Sicherheitskräfte. Ein Rückgriff auf stalinistische Formeln ist die Belagerungsmentalität: Wir sind von Feinden umzingelt, der Faschismus lebt wieder auf.

Stalin – ein diffuser Erinnerungsdiskurs

Mit dem paternalistischen Staatsmodell kam auch Stalin zurück. Mindestens zwei TV-Serien zeigen Stalin als „geschniegelten Opa, der sich auf sein luxuriöses Landgut zurückgezogen und im trauten Kreis der Seinen den Frieden mit sich selbst gefunden hat“2. Oder als strengen, aber freundlichen Vater, der absolute Autorität in allen Wissenschaften besaß, den Krieg gegen NazideutschlandAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose gewann und für sein Volk sorgte.

Stalin verkörpert den Archetyp der Führerfigur, den strengen, aber gerechten Vater der Völker, er ist ein Symbol der Autorität und nationalen Stärke, eine Art Alleinstellungsmerkmal einer gedemütigten Nation. Seine Bewertung ist widersprüchlich: Umfragen des Lewada-ZentrumsDas Lewada-Zentrum ist ein gemeinnütziges Meinungsforschungsinstitut. Der Namensgeber Juri Lewada (1930–2006) gilt als ein Urvater der modernen russischen Soziologie. 2003 legte er den Grundstein für das renommierte Institut, nachdem die gesamte Belegschaft den Vorgänger WZIOM wegen staatlicher Einmischung verlassen hatte. Das Zentrum wird seit seiner Gründung von den Behörden kritisiert, im September 2016 wurde es vom Justizministerium als ausländischer Agent registriert. Mehr dazu in unserer Gnose belegen die verbreitete Meinung, Stalin sei ein weiser Führer gewesen, der die Sowjetunion zu Macht und Wohlstand führte. Dieselben Befragten befanden aber auch, der Große TerrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose sei ein politisches Verbrechen gewesen, das sich nicht rechtfertigen lasse. Die Mehrheit meinte, das Wichtigste sei, dass unter Stalins Führung die Sowjetunion den Krieg gewonnen habe.

Obwohl die Gesellschaft Russlands die gewalthafte Natur der stalinistischen Politik kennt, fällt es ihr schwer, den Repräsentanten absoluter Macht zu verurteilen. Am meisten lieben ihn ältere, bildungsferne, ärmere BürgerInnen in strukturschwachen und ländlichen Gegenden. Entlang dieser Linien gruppiert sich auch die Wählerschaft Putins. Widersprüchlich ist auch die Bewertung des Stalinismus im politischen und wissenschaftlichen Diskurs, der zwischen der Verurteilung stalinistischer Verbrechen und deren Minimierung zugunsten der Größe und Stärke Russlands schwankt. Es gibt zwar keine offizielle Glorifizierung Stalins, und die stalinistischen Verbrechen werden von den Kremloberen nicht geleugnet. Aber sie werden klein gehalten, und Stalins Leistungen etwa als Generalissimus sind in populären Buchpublikationen weit präsenter als seine Verbrechen.

Es gibt kein konsistentes Narrativ Stalin und den Stalinismus betreffend, weder ein offizielles noch ein inoffizielles. Nationale Größe und kollektive Werte wie Einigkeit, Prestige und Ehre sind in der Wahrnehmung untrennbar mit brutaler Gewalt verbunden. Die Opfer sind bekannt, aber sie werden durch die Verdienste des Tyrannen aufgewogen: Die Anziehungskraft, die nationale Größe und ruhmreiche Geschichte auf einfache Bürger ausüben, verbindet sich mit der Legitimation despotischer Macht.

Die diffuse, rückwärtsgewandte offizielle Rhetorik kommt der Deutung der eigenen Geschichte in mythischen und sakralen Kategorien entgegen – nicht in Kategorien von Schuld und Verantwortung, sondern in solchen von Schicksal und Tragödie. So haben sich sowjetische Interpretationsmuster im russischen Erinnerungsdiskurs gehalten. Im Schulunterricht erscheint etwa der GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose als Tragödie ohne identifizierbare Täter.3 Stalin war kein gewöhnlicher Mensch, er wurde zum Teil der Verklärung und Nostalgie.


Weiterführende Literatur:
Dubin, Boris (2005): Goldene Zeiten des Krieges: Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära, in: Osteuropa 4-6/55, S. 219-233
Humphrey, Caroline (1995): Creating a culture of disillusionment: Consumption in Moscow, a chronicle of changing times, in: Miller, Daniel (Hrsg.): Worlds Apart: Modernity through the prism of the local, London/New York, S. 43-68
Kalinin, Ilya (2011): Nostalgic Modernization: The Soviet Past as "Historical Horizon", in: Slavonica 17/2, S. 156-166
Kalinin, Il’ja (2015): Prazdnik identičnosti: Russkaja Kul’tura kak nacional’naja ideja, in: Politekonomija povsednevnosti 101/3, S. 250-261
Kravets, Olga/Örge, Örsan (2010): Iconic Brands: A Socio-Material Story, in: Journal of Material Culture 15/2, S. 205-232
Nadkarni, Maya/Shevchenko, Olga (2004): The Politics of Nostalgia: A Case for Comparative Analysis of Post-Socialist Practices, in: Ab Imperion 2/4, S. 487-519
Sabonis-Chafee, Theresa (1999): Communism as Kitsch. Soviet Symbols in Post-Soviet Society, in: Barker, Adele Marie (Hrsg.): Consuming Russia: Popular Culture, Sex, and Society since Gorbachev, Durham, S. 362-382
Todorova, Maria (2010): Introduction: From Utopia to Propaganda and Back, in: Todorova, Maria/Gille, Zsuzsa (Hrsg.): Post-communist Nostalgia, Oxford/new York, S. 1-13
Zubarevič, Natal’ja (2012): Russlands Parallelwelten: Dynamische Zentren, stagnierende Peripherie, in: Osteuropa 62/6-8, S. 263-278

1.online unter: Back-in-ussr-com (10.10.2014). Als Gruppen in den sozialen Netzwerken Livejournal, Odnoklassniki und VKontakte sowie unzählige andere Webseiten und Blogs, z. B. Istoria SSR, Homeland.su, Rodina usw.
2.Neue Zürcher Zeitung: Diktatur als Volksherrschaft?
3.Neue Zürcher Zeitung: Sich im unbedingten recht fühlen. Ist der Gulag wirklich ein russisches Trauma? Oder nur „tragischer“ Teil einer großen Ära?
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Hungersnot in der Sowjetunion 1932/33

„Ist es ein Wunder, dass meine Haare begannen zu ergrauen, als ich vierzehn Jahre alt war?“, erinnert sich ein Ukrainer an die Hungersnot 1932–33. Robert Kindler über die dramatische Hungerkatastrophe, der über sieben Millionen Menschen in der Sowjetunion zum Opfer fielen. 

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