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„Die Vergangenheit ist uns allen im Blut”

Ein junger Autor auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Ein großartiges Buch über den Gulag habe er geschrieben, heißt es. Wie kann das sein, mit gerade mal 30 Jahren? Es ist Sergej Lebedew, geboren 1981 in Moskau.

Das Leben habe ihm diese Aufgabe beschert, mit zwei sehr unterschiedlichen Großvätern mütterlicherseits, sagt er. Und er hat sich ihr gestellt. 

Mittlerweile liegen vier Romane des Autors Sergej Lebedew vor, zwei davon sind von Franziska Zwerg übersetzt auf Deutsch erschienen: Der Himmel über ihren Schultern (2013), Menschen im August (2015). Es sind Werke über seine jenseits der glatten Oberfläche komplizierte Familiengeschichte. Lebedew, Sohn von Geologen, die oft in den kalten Nordregionen Russland unterwegs waren, hat sie ausgegraben.  

Im Interview mit Natalia Fjodorowa spricht er über die Notwendigkeit und die Grenzen des Schreibens. Gerade, wenn es um das Erinnern geht.

Quelle Realnoe Vremya

Sergej Lebedew, die Literaturhistorikerin Natalia Gromowa beschrieb Sie mit den Worten: „Ein junger Schriftsteller, der über den Stalinismus in unserem Blut schreibt.“ Stimmen Sie dem zu?

Sergej Lebedew: In dieser Formulierung ist das Schlüsselwort „Blut“. Denn eigentlich wollte ich nie Schriftsteller werden. Meine Eltern haben in der Sowjetunion als Geologen gearbeitet. Ab Mitte der 1990er Jahre war ich während acht Grabungssaisons auf geologischen Expeditionen dabei. Wir suchten seltene Mineralien für Museen, für Sammler. Fast alle Expeditionen führten uns an Orte ehemaliger Gulags, weit entfernt von Häusern und besiedelten Gegenden. Man kann sagen, es war das Gulag-Grenzland. Als in den 1960er Jahren die Lager geschlossen wurden, verließen die Menschen diese Orte. Was blieb, war ein Gulag-Atlantis, das über 40, 50 Jahre spurlos in der Vergangenheit verschwand.

Gibt es viele solcher Orte?

Fast ganz Sibirien besteht daraus. Der Historiker Alexander Etkind hat die Theorie, dass der Gulag ein Instrument zur inneren Kolonisation des Landes war. Und als diese Welle der Kolonisation abebbte, blieben Ruinen von diesen Lagern, blieben Steinbrüche, Bergwerke und Straßen zurück. Das waren die Halbinsel Kola, die Republik Komi mit dem polaren und subpolaren Ural, wie auch die Region Krasnojarsk, Tschukotka, Kolyma.

Es blieb ein Gulag-Atlantis, das über 40, 50 Jahre spurlos in der Vergangenheit verschwand. Fast ganz Sibirien besteht aus solchen Orten

Damals, Mitte der 1990er Jahre, hatte ich den Eindruck, wir leben in einem neuen Land. Die Geschichte hatte den richtigen Weg eingeschlagen. Das Leben war hart, schwierig, ärmlich, und doch war es ein anderes Land. Über die Straflager konnte man in Büchern lesen, bei Schalamow. Und dann stehst du auf einmal selbst inmitten dieser Lagerrealität und merkst, dass sie parallel zu unserer Zeit existiert. Diese Ruinen sind sich selbst ein Denkmal. 
Über die vielen Jahre, in denen ich dort gearbeit habe, entstand bei mir das seltsame Gefühl, dass auch ich Zeuge bin – Zeuge dieser entsetzlichen, verlassenen Post-Existenz des Gulags. Die niemand sieht, weil niemand an diese Orte kommt.

Und wie war das für Sie? Als Privatperson, die unerwartet dieses Atlantis für sich entdeckt?

Ich dachte nicht, dass das etwas mit meinem Leben zu tun hat. Ich wusste aus unserer Familiengeschichte, dass einige meiner Verwandten verfolgt, inhaftiert waren. Es gibt diesen bekannten Satz von Achmatowa: Es gab ein Russland, das einlochte, und ein Russland, das einsaß. Ich identifizierte mich mit jenem Russland, das einsaß. Ein beruhigendes Gefühl: Gott sei Dank, wir waren an Grausamkeit und Verbrechen nicht beteiligt, wir sind Opfer. Dadurch konnte ich die verlassenen Lager aus der Perspektive derjenigen betrachten, die dort gelitten hatten.

Auf einmal stehst du selbst inmitten dieser Lagerrealität und merkst, dass sie parallel zu unserer Zeit existiert. Diese Ruinen sind sich selbst ein Denkmal

Aber später geschah etwas, was meine Sichtweise veränderte. Nie wollte ich in der Familienvergangenheit wühlen, als hätte ich geahnt, dass dort nicht alles so eindeutig war wie in den glatten Familiengeschichten, die vielfach wie eine Legende klangen. Aber dann starb meine Großmutter mütterlicherseits. Ich sah ihre Sachen durch und fand eine dicke Mappe mit verschiedenen Dokumenten, von deren Existenz ich nichts gewusst hatte. 

Meine Großmutter hatte zwei Ehemänner – meinen leiblichen Großvater und einen zweiten, den sie nach dessen Tod geheiratet hatte. Beide Großväter habe ich nie gesehen, ich wurde nach ihrem Ableben geboren. Doch mein leiblicher Großvater war das Objekt meiner kindlichen Verehrung. In der Wohnung meiner Großmutter gab es eine Pralinenschachtel, in der Orden und Medaillen aus der Sowjetzeit aufbewahrt wurden: ein Lenin-Orden, ein Orden des Roten Sterns, ein Rotbannerorden.

Ich wusste, dass mein leiblicher Großvater Offizier gewesen war, den gesamten Krieg mitgemacht hatte, vom ersten bis zum letzten Tag, und dass er die Schlacht von Stalingrad überlebt hatte. Selbstverständlich hielt ich mich als Kind der 1980er Jahre eher für seinen Enkel als für den Sohn meiner Eltern. Für mich war er ein echter sowjetischer Held, ein Mensch, der Heldentaten vollbracht hatte und dafür zu Recht ausgezeichnet worden war. Ich träumte aufrichtig davon, auch selbst einmal etwas zu vollbringen, was meines Großvaters würdig wäre. Und wenn ich allein zu Hause war, erlaubte ich mir sogar, einen dieser Orden anzuprobieren und steckte ihn mir an die Brusttasche meines Karohemds. 

Nie wollte ich in der Familienvergangenheit wühlen, als hätte ich geahnt, dass dort nicht alles so eindeutig war wie in den glatten Familiengeschichten, die vielfach wie eine Legende klangen

In jener Mappe fand ich die Papiere der beiden Ehemänner meiner Großmutter, zwei Offiziersausweise. Und zu meinem größten Erstaunen stellte ich fest, dass mein leiblicher Großvater im Krieg gewesen war, bei Stalingrad gekämpft hatte, zweimal verwundet wurde, aber nie eine Auszeichnung bekommen hatte, nur die Jubiläumsmedaille Sieg über Deutschland, die alle Kriegsteilnehmer überreicht bekamen. 
Den zweiten Offiziersausweis schlug ich mit unguter Vorahnung auf. Und ich fand heraus, dass alle Auszeichnungen, diese Objekte meiner kindlichen Träumereien, dem zweiten, nichtleiblichen Großvater gehörten – einem Oberstleutnant der Tscheka-GPU-OGPU-NKWD, der seinen Dienst im Jahr 1918 angetreten hatte, als er gerade 15 Jahre alt war. In den Ruhestand ging er 1954, nach Stalins Tod, und zwar als stellvertretender Kommandeur des Zwangsarbeitslagers in der Oblast Gorki. 
Die meisten seiner Orden hatte er 1937 und 1938 bekommen. Das heißt, er gehörte zu denen, die an Verhaftungen und Erschießungen beteiligt gewesen waren.

Und Sie merkten, wie das Leben Sie auf den Arm nahm.

Ja, ich hatte gedacht, ich sei dadurch geschützt, dass es unter meinen Verwandten nur Leidtragende gab. Und nun steht man da und begreift, dass die engsten Angehörigen mit diesem Menschen zusammengelebt haben, ihn in ihre Familie aufgenommen, mit ihm an einem Tisch gesessen, mit ihm gesprochen, ihm die Hand gedrückt haben.

Aber es hat sich in meinem Leben so ergeben, dass ich an jene Orten kam, wo dieser zweite Großvater sein Unwesen getrieben hatte. Ich sah die Spuren davon. Und auf einmal wusste ich, dass es nur einen Ausweg für mich gibt – literarisch darüber zu schreiben, einen Roman über diesen Menschen. Denn seine Akte hätte man mir nicht ausgehändigt. Ich bin kein naher Verwandter.

Außerdem wurde mir klar, dass ich kein Einzelfall bin. Es gibt noch andere, die eine alte Truhe öffnen und ähnliche Familiengeheimnisse entdecken. Ich hatte es noch leichter, weil ich wusste, dass er kein Blutsverwandter von mir war. Aber gleichzeitig fühlte ich, dass diese Vergangenheit uns allen im Blut ist und man sich nicht mit einem geringen Verwandtschaftsgrad rechtfertigen kann.

Mir wurde klar, dass ich kein Einzelfall bin. Es gibt noch andere, die eine alte Truhe öffnen und ähnliche Familiengeheimnisse entdecken

Und dann begann ich zu schreiben, zu suchen. Ich stieß auf weitere Familiengeschichten. Jetzt gibt es schon drei Bücher, das vierte erscheint diesen Winter. Zusammen bilden sie eine Tetralogie – die Erforschung von Leerstellen und Stigmata in der Geschichte einer Familie. Das alles in ein einziges Buch zu stecken, war unmöglich, es gibt zu viele Narben, Verletzungen und blinde Flecken.

Ihre Bücher stützen sich auf Fakten oder mussten Sie etwas dazuerfinden?

Bei den Familiengeschichten des 20. Jahrhunderts arbeitet man wie ein Detektiv. Denn die sowjetische Geschichte hat sich selbst ständig umgeschrieben, retuschiert und zensiert. Und es gibt viele verschiedene Gesichter der Sowjetunion – das der 1920er Jahre, der 1930er Jahre, der Kriegszeit, der Nachkriegszeit – und sie alle befinden sich in einem verborgenen Widerstreit.

Bei den Familiengeschichten des 20. Jahrhunderts arbeit man wie ein Detektiv. Denn die sowjetische Geschichte hat sich selbst ständig umgeschrieben, retuschiert und zensiert

Deswegen liegt der Ausgangspunkt meiner Bücher in den Geheimnissen, über die nur im Flüsterton gesprochen wurde oder überhaupt nicht. Das letzte Buch zum Beispiel handelt von Russland und Deutschland. Wir hatten deutsche Vorfahren, aber diese Tatsache wurde während der Sowjetzeit verschwiegen. Während der Stalinzeit ein Deutscher zu sein, reichte manchmal für ein Todesurteil. Deswegen ging ein riesiger Teil unserer Familienidentität verloren. Bücher auf Deutsch wurden weggeworfen, die Verbindung zu den Verwandten im Ausland brach ab.
 
In der „offiziellen“ Familiengeschichte taucht mein Urgroßvater erst auf, als er die Schirmmütze der Rotarmisten trug, und als er, ein Militärarzt, 1918 seinen Dienst in der Roten Armee antrat. Ich wusste nicht einmal, dass er vor der Revolution Offizier der Zarenarmee gewesen war, von hohem Rang … All das wurde wegretuschiert.

Der Ausgangspunkt meiner Bücher liegt in den Geheimnissen, über die nur im Flüsterton gesprochen wurde oder überhaupt nicht

Zu Sowjetzeiten wusste ich nicht, dass unsere historischen Verbindungen viel umfassender sind als das, was mir sichtbar war. Dabei wird das Schicksal einer Familie genau von diesen wesentlichen Dingen bestimmt, über die niemand spricht. Deswegen stelle ich in den Büchern, in den Romanen die Größenordnungen wieder her, die historischen Zusammenhänge und mich selbst als Mensch innerhalb der Geschichte.

Wie sehen Sie heute, nach dieser Arbeit, den Gulag? Was war das genau?

Zunächst einmal besteht die üble Einzigartigkeit des Gulags auch darin, dass die Straflager weit weg von jeglicher Zivilisation und Kultur lagen. Sie befanden sich also in einer Art geografischem Verschlag. Die Lager der Nazis in Deutschland dagegen sind eingeschrieben in die Topographie, in die Geschichte, man kann sie schwerlich von dort herauslösen. Was jedoch die Lager im Norden oder in Sibirien betrifft, so liegen sie im Nirgendwo – dort gab es zuvor historisch kein Leben, dort war einfach nur Taiga, und auch jetzt gibt dort historisch kein Leben. Ihre Existenz zu einer Tatsache unseres gesellschaftlichen Lebens und Gedenkens zu machen, ist deshalb eine äußerst schwierige und keineswegs triviale Aufgabe. 

Die Lager der Nazis in Deutschland sind eingeschrieben in die Topographie, in die Geschichte. Was jedoch die Lager im Norden oder in Sibirien betrifft, so liegen sie im Nirgendwo

Zweitens: Einmal stand ich auf einem Gelände eines zerstörten Lagers, und mein erster Gedanke war, dass hier ein Denkmal stehen sollte. Und der nächste Gedanken war, dass ein Denkmal unmöglich ist. Denn ein Denkmal an sich bringt kein Gedenken hervor, es verweist nur darauf. Ein Denkmal würde dort in der Luft hängen. Denn es gibt nur kleine Inseln des Gedenkens wie die Inseln des Archipel Gulag, aber sie haben sich noch nicht zu einem Ganzen gefügt. Das liegt vor allem daran, dass die enorm vielen Tode, die es dort gegeben hat, immer noch abstrakte Tode sind. Das Sterben vollzog sich nicht innerhalb unserer Kultur und Gesellschaft, was sonst das hervorbringt, was wir als Totengedenken bezeichnen.

Dort herrscht Permafrost. Die verstorbenen Häftlinge sind nicht verwest. Sie stecken gleichsam zwischen Dies- und Jenseits fest

Und ich habe gesehen, wie die, die dort umkamen, im Stich gelassen worden sind. Dort herrscht Permafrost. Und im Permafrost verwest keiner. Wie Mammuts, zum Beispiel. Die verstorbenen Häftlinge sind ebenfalls nicht verwest. Sie stecken gleichsam zwischen Dies- und Jenseits fest. Sie sind gestorben, aber nicht zu Ende gestorben.

Diese Situation scheint ausweglos. Es sind jetzt riesige Anstrengungen gefordert, um aus diesen Orten trotzdem Friedhöfe zu machen, sie in die Nekropole des ganzen Landes einzugliedern. Das ist es, was mir klar wurde und worum ich mich nicht nur als Autor kümmern möchte. Denn ich habe die Begrenztheit literarischer Mittel erkannt sowie ihre Unfähigkeit, an die Stelle von elementaren Dingen zu treten – ich meine Rituale, das Aufstellen von Kreuzen, Grabsteinen, Totengedenkfeiern. Das ist elementar und viel archaischer und wichtiger als die Literatur.

Das heißt, um diese einfachen Wahrheiten zu verstehen, ist so viel innere und äußere Arbeit nötig? Und nur dann wird jeder einzelne Mensch die Notwendigkeit für ein aktives Gedenken erkennen?

Wissen Sie, als ich meinen literarischen Weg begann, dachte ich, Literatur vermag alles. Es reicht, einen Roman zu schreiben.

Aber dann las ich für eines meiner Bücher viele Zeitungen und Zeitschriften aus den späten 1980er Jahren, ganze Jahrgänge Ogonjok. Ich sah, wie das Thema Repressionen und stalinistische Vergangenheit aufkam, wie es sich zu einer Lawine von Veröffentlichungen auswuchs. Und ich bemerkte eine seltsame Sache – alles dies war gemäß der klassischen Vorstellung der Russen über die Wahrheit verfasst. Die Wahrheit ist ja eine Figur aus dem russischen Märchen. Es gibt die Prawda und die Kriwda (die Wahrheit und den Trug). Die Wahrheit ist ein Wesen, und man muss sie nur freilassen, damit sie alles in Ordnung bringt. In diesem Sinne besteht die Rolle des Kulturschaffenden darin, dieser Wahrheit die Tür zu öffnen.
Aber mir wurde auf einmal klar, dass es so nicht funktioniert. Das ist zu naiv. Es hat auch auf längere Sicht nicht funktioniert, zumal sich zu dieser Zeit niemand fand, der diese Dinge gut formuliert hätte. Oder wir haben ihn nicht gehört.

Und Juri Dmitrijew?

Ja, mit Juri Dmitrijew habe ich endlich einen Menschen getroffen, der intuitiv einen Weg fand, wie man mit den Grabstätten umgehen muss. Wie sie gestaltet sein müssen, damit das eine persönliche Angelegenheit für eine große Zahl von Menschen wird – und nicht zu einer Initiative von oben, wo ein Denkmal aufgestellt wird und damit ist das Thema erledigt.

Und ich denke, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt, wo man bei uns die Zeichen einer wiederkehrenden Vergangenheit deutlich erkennen kann, auf einmal so viele Menschen von Dmitrijews Geschichte erfahren. Denn es kommt vor, dass sich ein einziger Mensch der wiederkehrenden Vergangenheit in den Weg stellt und sie nicht durchlässt. Das mag pathetisch klingen, aber so ist es.

Gibt es aus Ihrer Sicht heute in Russland überhaupt so viele Menschen und Gemeinschaften, die über dieses Thema nachdenken? Im von Ihnen erwähnten Deutschland sind, soweit ich weiß, Reflexionen zum Nazismus und offene Reue bis heute weit verbreitet, und zwar nicht nur in Schriftstellerkreisen.

Das große Verdienst der westdeutschen Intellektuellen der 1960er bis 1980er Jahre bestand darin, dass sie verhinderten, dass Diskussionen verhallen und verstummen. Und sie formulierten gewisse Dinge, die dann, wenn auch unter Schwierigkeiten, zur offiziellen Position wurden. Das ist aus Deutschland nicht mehr wegzudenken, es ist bereits Staatsräson.

Selbstverständlich sind deutsche Historiker und öffentliche Personen sehr sensibel gegenüber solchen Dingen. 
Bei uns hat der Staat gar nicht die Absicht, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Mehr noch, er kümmert sich äußerst aktiv um das Gegenteil.
Aber dennoch entstehen in Russland Gruppen und Initiativen, die es vor fünf, sechs Jahren noch nicht gegeben hat. Momentan sind wir in einer historischen Situation, in der sich die Dinge zuspitzen. Es ist allzu offensichtlich, dass viele Missstände der Gegenwart ihre Ursache in der mangelnden Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Ob sich das zu etwas Größerem verdichtet, weiß ich nicht. Ich würde mir wünschen, dass eine gesellschaftliche Bewegung entsteht, die für bestimmte Prinzipien in der Erinnerungspolitik einsteht. Und wenn sie nur erreicht, dass es in Russland keine Denkmäler mehr gibt für Dsershinski oder Stalin. 

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Der Name Genrich Jagoda ist untrennbar mit den stalinistischen Repressionen, dem Aufbau des Straflagersystems Gulag, der Organisation der ersten sowjetischen Schauprozesse und dem sowjetischen Innenministerium NKWD verbunden, das er von 1934 bis 1936 leitete.

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Am 30. Juli 1937 unterzeichnete NKWD-Chef Nikolaj Jeschow den Befehl № 00447. Damit verschärfte sich der politische Terror in der Sowjetunion. Praktisch jeder Sowjetbürger konnte nun zum sogenannten „Volksfeind“ erklärt werden. Die Welle von Massenverhaftungen ließ das Jahr 1937 zur Chiffre des Terrors werden.

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Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. Der westlichen Öffentlichkeit ist der Gulag seit den 1970er Jahren durch Solschenizyns Buch breiter bekannt geworden: Der Archipel Gulag war die grausame Seite des erklärten ruhmreichen Aufbaus der lichten Zukunft im Kommunismus. Gulag ist die Abkürzung für Glawnoe Uprawlenie isprawitelno-trudowych Lagerei (dt. Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager). Das Lagersystem unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst OGPU, seit 1934 NKWD. Es existierte von 1922 bis 1956.

Die Bolschewiki verfolgten schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 und dem folgenden Bürgerkrieg sogenannte Klassenfeinde und Gegner des Regimes. Auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer entstand der erste Lagerkomplex, dessen Insassen Zwangsarbeit leisten mussten. Während der forcierten Industrialisierung der UdSSR im Rahmen des ersten Fünfjahrplans 1928–1932 wurde das Lagersystem ausgebaut. Die Zahl der Häftlinge stieg in dieser Zeit von 30.000 auf 300.000. Die Lagerhaft zielte offiziell auf wirtschaftlichen Nutzen sowie die Umerziehung der Inhaftierten durch Arbeit. Bekannte Schriftsteller und Künstler wie Maxim Gorki oder El Lissitzky setzten die ersten Großbaustellen mit Zwangsarbeitern propagandistisch in Szene. Zur Erschließung von Rohstoffen sowie zum Aufbau von Industrie und Infrastruktur entstanden Lagerkomplexe in klimatisch unwirtlichen Gegenden Sibiriens und des Fernen Ostens. Neben den Insassen der Lager mussten in diesen Regionen sogenannte Sondersiedler schwere Arbeit leisten. Viele von ihnen waren als Kulaken bezeichnete Bauern, die im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den Jahren 1930/31 deportiert worden waren.

Nach dem bis heute ungeklärten Mord am Leningrader Parteichef Kirow im Jahr 1934 kam eine Repressionswelle in Gang, die in den sogenannten Großen Terror der Jahre 1936 bis 1938 einmündete. Etwa 1,7 Millionen Menschen wurden vom NKWD als Volksfeinde verhaftet, 700.000 von ihnen erschossen. Besonders betrafen die Verhaftungen die Spitze von Partei und Armee, aber ebenso die wissenschaftliche, künstlerische und technische Elite. Da vorgegebene Quoten erfüllt werden mussten, es also pro Gebietseinheit eine vorgegebene Mindestzahl von Verhaftungen geben sollte, konnte es jeden Bürger treffen. Verschwörungen und Beweise wurden erdacht, Schauprozesse inszeniert, Geständnisse unter Folter erpresst. Die Vernichtungsmaschine erfasste selbst den Apparat des NKWD. Nachdem der Geheimdienstchef Jagoda 1936 und sein Nachfolger Jeschow 1938 erschossen worden waren, übernahm Berija bis 1953 die Leitung der Hauptverwaltung der Lager.

In den Jahren nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzten sich Vernichtungs- und Repressionsmaßnahmen gegen die Bevölkerung fort. Sie betrafen nun auch Polen, Ukrainer, Belarussen und Balten, die durch den Hitler-Stalin-Pakt unter sowjetische Herrschaft gekommen waren. Nach Ende des Krieges wurden ehemalige sowjetische Armeeangehörige, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, und der Kollaboration verdächtigte Zivilpersonen in den Lagern interniert.

Als Stalin 1953 starb, saßen circa 2,5 Millionen Menschen in sowjetischen Lagern. Insgesamt waren bis zu 20 Millionen Menschen durch den Gulag gegangen. Nach Schätzungen sollen etwa 2,7 Millionen Menschen im Lager ums Leben gekommen sein. Mehr als eine Million kam 1953 durch eine Amnestie frei. Der Großteil der politischen Häftlinge erlangte nach Chruschtschows Geheimrede 1956 die Freiheit zurück. Die Lagerhauptverwaltung wurde aufgelöst. Die wenigen verbliebenen Lager dienten auch weiterhin als Haftanstalten für politische Häftlinge, deren Zahl mit 8000 bis 20.000 zwischen 1957 und 1989 aber deutlich niedriger blieb als in den Jahrzehnten zuvor.

Das Thema Gulag konnte seit der Öffnung der sowjetischen Archive in den 1990er Jahren gut erforscht werden. Über die Fakten besteht unter HistorikerInnen weitgehend Einigkeit. Strittig ist in der russischen Fachwelt und Öffentlichkeit jedoch die Frage, welchen Stellenwert dem Thema in der Vaterländischen Geschichte eingeräumt werden soll. Während die einen im staatlichen Terror den Kern des sowjetischen Herrschaftssystems sehen, versuchen die anderen, ihn als möglicherweise unumgängliche Begleiterscheinung des forcierten Aufbaus der Sowjetunion zur modernen Großmacht zu legitimieren.


Weiterführende Literatur:
Afanas’ev, Jurij u. a. (Hrsg.) (2004): Istorija Stalinskogo Gulaga, 2. Bd., Moskau
Applebaum, Anne (2003): Der Gulag, Berlin
Ivanova, Galina M. (2001): Der Gulag im totalitären System der Sowjetunion, Berlin
Khlevniuk, Oleg (2004): The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror, New Haven, London
Landau, Julia/Scherbakowa, Irina (Hrsg.) (2014): GULAG: Texte und Dokumente 1929–1956, Göttingen
Memo.ru: SSSR. Istorija repressij: 1917-1991 (wichtigste Sammlung von Materialien online)
Gulagmap.ru: Karte des Lagersystems
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