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Andrej Bitow

1964, als die TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Mehr dazu in unserer Gnose -Periode zu Ende ging, Nikita ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. als Сhef der Kommunistischen Partei abgesetzt wurde, Leonid BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose seine Nachfolge antrat und der Dichter Joseph BrodskyJoseph Brodsky (1940–1996) war ein russischer und US-amerikanischer Dichter, Essayist, Dramaturg und Übersetzer. 1987 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 1964 wurde Brodsky wegen Tunejadstwo (dt. etwa „Müßiggang, Arbeitsscheu und Sozialschmarotzertum“) zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, wegen zahlreicher Aufrufe sowjetischer und internationaler Kulturschaffender wurde er jedoch nach rund anderthalb Jahren freigelassen. 1972 drängten die sowjetischen Behörden Brodsky, das Land zu verlassen. Er wurde ausgebürgert und emigrierte schließlich in die USA. Hier lehrte Brodsky an der University of Michigan und verfasste weitere Schriften, die ihm schon zu Lebzeiten den Ruf eines Klassikers einbrachten. wegen tunejadstwoDer Begriff Tunejadstwo wird verwendet, um einen vermeintlich parasitären Lebenswandel auf Kosten der Gesellschaft zu bezeichnen. In der Sowjetunion wurde 1961 eine Verordnung erlassen, die ein Selbstversorgerleben für parasitär erklärte und bei Lagerhaft verbot. Ähnliche Gesetze und Verordnungen, die offizielle Arbeitslosigkeit verboten, galten bis 1991. Im Jahr 1964 wurde der spätere Literaturnobelpreisträger Josef Brodsky als Tunejadez zu fünf Jahren Zwangsarbeit im Gebiet Archangelsk verurteilt. zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, begann Andrej Bitow am Puschkinski Dom (Das Puschkinhaus) zu schreiben. 1971 stellte er den Roman fertig, der später als sein Chef d´Œuvre galt, konnte ihn jedoch in der Epoche der StagnationDer Begriff sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt. Mehr dazu in unserer Gnose und Restalinisierung nicht veröffentlichen. So lancierte Bitow kleinere Texte, in deren Mittelpunkt die Figur des Romanhelden stand, in diverse Zeitschriften und einen Prosaband. Ein „Romangespenst“1 ging um. Erst gegen Ende der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose wurde der Roman in der UdSSR gedruckt. Seitdem gilt Bitow als Klassiker der russischen Literatur und neben Wenedikt Jerofejew, Andrej Sinjawski und Sascha Sokolow als einer der Stammväter des russischen Postmodernismus.

Andrej Bitow wurde am 27. Mai 1937 in LeningradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. geboren. Sein Vater war Architekt, die Mutter Juristin – „keiner war in der Partei, niemals wurde in der Familie über Politik gesprochen.“2 Andrej, der sich gern an seine kaukasischen Vorfahren und zwei „deutschen Großmütter“ erinnerte, besuchte eine Schule mit erweitertem Englischunterricht, studierte Geologie und absolvierte Lehrgänge für Drehbuchautoren und Regisseure, leistete Wehrdienst in einem BaubataillonStroibat (kurz für: stroitelnije bataljoni, dt. Baubataillone) in der Sowjetunion waren militärische Einheiten, die für den Aufbau militärischer Infrastruktur sowie teilweise für die Verwirklichung ziviler Bauprojekte zuständig waren. 1942 eingeführt, dienten teilweise bis zu 400.000 Wehrpflichtige in stroibat. Unter Einberufenen galt der Dienst an der Waffe als beliebter, Einberufungen in stroibat galten bei vielen als unehrenhaft. .

Frühe realistische Prosa

Erste Erzählungen kamen 1960 heraus, Bände wie Bolschoi schar (Der große Luftballon, 1963) und Aptekarski ostrow (Die Apothekerinsel, 1968) enthielten psychologisch dichte realistische Prosa über das Alltagsleben in Leningrad. Oft sind es Kinder, aus deren Perspektive Bitow das urbane Milieu in kräftigen Farben darstellt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Gewissenskonflikte und Stresssituationen in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Mit vier Erzählungen, darunter Pochorony doktora (Die Beerdigung des Doktors) war Bitow neben Bella AchmadulinaBella Achmadulina (1937–2010) war eine russische Dichterin und die erste Ehefrau Jewgeni Jewtuschenkos. Obwohl ihre Poesie keine politischen Anklänge hatte, galt sie dennoch als oppositionell. Sie gehörte zur Generation der schestidesjatniki (dt. etwa: Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. In den 1970er Jahren setzte sie sich für inhaftierte Kulturschaffende in der Sowjetunion ein., Andrej WosnessenskiAndrej Wosnessenski (1933–2010) war einer der bekanntesten russischen Schriftsteller und gehörte zur Generation der schestidesjatniki (dt. etwa: Sechziger), die in der Ära der Stagnation gegen das Regime aufbegehrten. Zuvor war er in der sogenannten Tauwetter-Periode häufig ins westliche Ausland gereist und galt dort – obwohl ein beständiger Kritiker der politischen Verhältnisse – als eine Art „kultureller Botschafter“ der Sowjetunion. , Wladimir WyssotzkiWladimir Wyssozki (1938–1980) war Dichter, Schauspieler und einer der bedeutendsten russischen Liedermacher des 20. Jahrhunderts. In seinen Texten und Liedern, die untrennbar mit seiner rauhen markanten Stimme verbunden sind, setzte er sich kritisch mit dem Alltag in der Sowjetunion auseinander. Trotz Radio- und Konzertverbots besaß er eine immense Popularität in der Bevölkerung. Grundlage hierfür waren zunächst populäre Filme und später unter der Hand verbreitete Amateur-Mitschnitte seiner illegalen Konzerte., Wassili AksjonowWassili Aksjonow (1932–2009) ist einer der wichtigsten, vielleicht der wichtigste, russische Autor der Nachkriegszeit. Seine Eltern waren Jahrzehnte in stalinistischen Lagern interniert. Im Tauwetter als Kultautor einer neuen Generation verehrt, unter Breshnew repressiert und schließlich des Landes verwiesen, durchlief Aksjonow das klassische Drama des sowjetischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Seine Biographie war voller Tragik, seine Bücher waren Bestseller. Mehr dazu in unserer Gnose , Viktor JerofejewViktor Jerofejew (geb. 1947) ist ein bekannter russischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Moderator. Er ist betont kremlkritisch und wurde im Zusammenhang mit seinem Werk 2009 wegen Extremismus und Säens nationaler Zwietracht angezeigt. Viele von Jerofejews Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt, zuletzt erschien 2013 Die Akimuden. Ein nichtmenschlicher Roman. und anderen am Almanach MetropolEin im Jahr 1979 unter anderem von Wassili Aksjonow und Wiktor Jerofejew  herausgegebener Band, der eine größere Menge unzensierter zeitgenössischer Texte enthielt. Auf diese Weise sollte die Autonomie der Autoren gegen die zentrale Zensurbehörde gestärkt werden. Doch durfte der Band nie erscheinen, und die Behörden setzten Einschüchterungskampagnen und Repressionen gegen dessen Herausgeber in Gang. beteiligt, der 1979 in den USA erschien und einen der größten Skandale im Sowjetischen Schriftstellerverband auslöste. Bitow verlor seine Stelle als Dozent am Moskauer Literaturinstitut und erhielt ein Publikationsverbot. Er hatte sich inzwischen zu einem systemkritischen Schriftsteller entwickelt.

Auf der Suche nach Heimat

Nachhaltig suchte Bitow aus dem Spannungsfeld von Fremdem und Eigenem Erkenntnisse über sich und Russland zu gewinnen. 1969 begann er das essayistische Buch Uroki Armenii (Armenische Lektionen. Eine Reise aus Russland) mit einer subversiven Sicht auf alles Sowjetische. Bitow knüpft hier an die Armenienbilder Puschkins und MandelstamsOssip Mandelstam (1891–1938) war ein russischer Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er gilt als einer der wichtigsten russischen Poeten des 20. Jahrhunderts. Sein antistalinsches Gedicht Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr von 1933 wurde vom Schriftsteller Boris Pasternak als Selbstmord eingestuft. Mandelstam wurde denunziert und verhaftet, am 27. Dezember 1938 starb er in einem Arbeitslager nahe Wladiwostok.  an, bewundert die armenische Kultur, die hohe Bildung und das Geschichtsbewusstsein der Armenier. Seit 1970 hat er am Grusinski albom (Georgisches Album) mit dem Untertitel Auf der Suche nach Heimat geschrieben. In Georgien fühlt er sich als „Tscherkesse in der fünften Generation“ und lässt sich mit 45 Jahren taufen. Georgien ist für ihn „mehr Russland als die Sowjetunion“. Erst mit Beginn der Perestroika konnte Bitow wieder offiziell am literarischen Leben teilnehmen. 1985 erscheint Georgisches Album in Tbilissi als erstes Buch nach einigen Jahren des erzwungenen Schweigens.

Foto © Anastassija Fedorenko/CC BY-SA 3.0Das Puschkinhaus

Das Puschkinhaus, das den Autor über einige Jahrzehnte hinweg begleitete, musste ebenfalls auf Perestroika und GlasnostGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.   warten. Das vollständige Werk kam 1978 erst im Ausland im Ardis-Verlag Ann Arbor heraus. 1983 erschien die erste deutsche Übersetzung von Natascha Spitz-Wdowin und Sylvia List, 2007 die zweite von Rosemarie Tietze. Bis der Roman 1987 zum ersten Mal in der UdSSR gedruckt wurde, kursierten die Abschriften des Manuskripts lange im SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. Mehr dazu in unserer Gnose . Trotz der langen Laufzeit meinte Bitow damals in einem Interview, sein „Romanmuseum“ sei hochaktuell. Es reflektiere die Geschichte seiner Generation, das denkwürdige Jahrzehnt zwischen dem Tod StalinsDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  Mehr dazu in unserer Gnose und dem Beginn einer neuen Ära. Auch wenn die Handlung teilweise im Puschkinhaus, der Forschungsstätte an der Akademie der Wissenschaften, spielt, drehe sich alles um „die russische Literatur, Petersburg (Leningrad) und Russland – all das ist, so oder so, ein PUSCHKINHAUS ...“3

Ljowa, der Protagonist des Romans, wird im „Schicksalsjahr“ 19371937 ist eine gängige Chiffre für den Großen Terror – Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 rund 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass etwa 750.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert., dem Höhepunkt von Stalins Großem TerrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose , gezeugt und wächst wie in einem Glaskasten auf. Großvater und Vater sind Philologieprofessoren. Beide geraten in das Räderwerk des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose . Als Student und Doktorand am Lehrstuhl des Vaters erlebt Ljowa den Sowjetalltag, die Lektüre bislang verbotener Bücher, das Streben der stiljagiDie stiljagi (dt. etwa: Styler) bildeten eine jugendliche Subkultur in der Sowjetunion der späten 1940er bis 1960er Jahre. Die Besonderheit des Lebensstils bestand vor allem in ausgefallener Kleidung, einem eigenen Slang und teilweise negativer beziehungsweise gleichgültiger Einstellung zu Normen der sowjetischen Massenkultur. Die stiljagi teilten eine Faszination für alles, was aus dem Ausland kam und pflegten ein idealisiertes Bild des Westens, das insbesondere von der Beat Generation, westlichen Filmen und Musik (Swing, Boogie Woogie) inspiriert war. Zur typischen Kleidung der stiljagi zählten enge Hosen, lange Jacken, Krawatten und bunte T-Shirts. nach engeren Hosenbeinen, die Verwirrnisse der Liebe (Faina „bestürmen“, Albina „nicht lieben“, Ljubascha „haben“). Er nimmt eine Dissertation über Puschkin in Angriff ...

Wichtiger als die Vita des Protagonisten sind jedoch die Strukturelemente, die den Roman als ein Werk des Postmodernismus kennzeichnen – die Intertextualität, das Schwebende des Textes, die Verfremdung durch Ironie, Parodie, Zitat, Pastiche und Allusion und die Konfusion der Zeit. Das Inhaltsverzeichnis des Romans gleicht einem Fahrplan durch die russische Literatur. Er beginnt mit dem Prolog Was tun?Die als „ewig“ geltende Frage „Was tun?“, wie etwas ändern, ist eine in der Gegenwart häufig benutzte rhetorische Frage, die von ihrer aufgeladenen Bedeutung her auf den gleichnamigen Roman von Nikolaj Tschernyschewski (1828–1898) zurückgeht. Das im Jahr 1863 erschienene Buch animierte 1902 Lenin zur Übernahme des Titels für seine programmatische Schrift, die eine zentrale Stellung innerhalb des Marxismus-Leninismus einnahm. Im Zuge der Erscheinung wurde „Was tun?“ zu einer der klassischen Fragen der sowjetischen Gesellschaft. , danach folgen die Teile Väter und Söhne, Ein Held unserer ZeitDer russische Schriftsteller Michail Lermontow (1814–1841) entstammte einem schottischen Adelsgeschlecht. Wie auch Alexander Puschkin in seinem Versroman Jewgeni Onegin, schaffte Lermontow in seinem Roman Ein Held unserer Zeit die Figur des überflüssigen Menschen – einen aufgeklärten Intellektuellen, der tatenlos die als ungerecht empfundene Welt um sich beobachtet. Mit dieser Figur werden gegenwärtig in Russland oft solche Menschen verglichen, die zwar kritisch über die politische Ordnung denken, sich aber mit Galgenhumor, Pessimismus und Hilflosigkeit in der inneren Migration verkriechen und nichts gegen diese Ordnung unternehmen. und Der elende Reiter. Die Romantitel von Tschernyschewski, TurgenjewIwan Turgenjew (1818–1883) ist einer der größten russischen Schriftsteller der Mitte des 19. Jahrhunderts. Er zählt zu den Klassikern der russischen Literatur, seine Werke wie Väter und Söhne prägten diese nachhaltig und beeinflussten viele nachfolgende russische sowie ausländische Autoren. Mehr dazu in unserer Gnose und LermontowMichail Lermontow (1814–1841) war ein russischer Dichter, Schriftsteller und Dramaturg. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der 1840 erschienene Roman Ein Held unserer Zeit. Lermontow verarbeitete in seinem Werk auch Erlebnisse aus dem Kaukasuskrieg (1817–1864). Dieser Krieg bestand aus einer Reihe von militärischen Konflikten zwischen dem Russischen Kaiserreich auf der einen und verschiedenen Verbänden Tscherkessiens sowie dem Kaukasischen Imamat auf der anderen Seite. Ihr Widerstand gegen Russlands Ziel der Angliederung wird von Historikern als der vehementeste der russischen Kolonialgeschichte beschrieben. Der Krieg forderte hunderttausende Opfer, schätzungsweise über eine halbe Million Menschen wurden vertrieben. gehen glatt über die Lippen, die Allusion auf Puschkins Poem Der eherne Reiter irritiert, ebenso der Epilog Eherne Leute im dritten Teil. Dem Roman ist ein ausführlicher Kommentar beigefügt, der den Einfluss von Marcel Proust, Fjodor DostojewskiFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans. und Vladimir NabokovVladimir Nabokov (1899–1977) war einer der berühmtesten russischen Schriftsteller, die nach der Oktoberrevolution nach Deutschland und später in die USA ausgewandert sind. Er ist insofern eine Ausnahmeerscheinung, als dass er seine Spuren nicht nur in der russischen, sondern auch in der amerikanischen Literatur hinterließ. Weltbekannt ist er seit der Veröffentlichung und Verfilmung des Romans Lolita (1955). Er gilt als hervorragender Stilist und Meister des Sujets. auf Bitow hervorhebt. „Akademiemitglied Lew Nikolajewitsch Odojewzew“ soll ihn 1999 für die „Jubiläumsausgabe des Romans“ verfasst haben, ironisiert Bitow. Puschkin blieb bis zuletzt das Hauptthema Bitows. Noch 2017, ein Jahr vor seinem Tod, trug er sich mit der Absicht, den Roman Das Puschkinhaus zu erweitern.4

Der Symmetrielehrer

Ähnliche postmodernistische Strukturen wie im Puschkinhaus findet man auch in einigen größeren Werken Bitows, an denen er jahrelang arbeitete. Ein „punktierter Roman“, der aus sechs relativ selbständigen Erzählungen besteht, ist Uletajuschtschij Monachow (Der davonfliegende Monachow), abgeschlossen 1990. Er erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte des Petersburgers Alexej Monachow, der von der Jugend bis zum späten Alter den Frauen und der Liebe nachjagt und begreifen muss, dass er immer wieder nur eine Rolle spielt, die ihm von außen aufgezwungen wird.5 1995 fügte Bitow drei Erzählungen zu dem Roman Oglaschonnyje (Mensch in Landschaft) zusammen, in dem er versucht, nach dem Ende des SowjetimperiumsDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose ein neues Welt-, Russland- und Menschenbild zu entwerfen. Am deutlichsten sind die postmodernistischen Strukturen Bitows jedoch am Beispiel seines letzten Meisterstücks, dem Roman Prepodawatel simmetrii (Der Symmetrielehrer), zu beobachten. Angeblich hat der Autor den Text nach dem Roman The Teacher of Symmetry eines gewissen A. Tired-Boffin (ein Anagramm von Andrej Bitoff) aus dem Gedächtnis übersetzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er Jan Potockis rätselhafte Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena parodiert, nach deren verlorengegangenem Manuskript schon Puschkin Nachforschungen anstellte. Auch in diesem Werk arbeitet Bitow mit verschiedenen Erzählern, deren Glaubwürdigkeit immer wieder in Zweifel gezogen werden muss. Die Handlung führt in die exotischsten Winkel der Welt, obwohl sich auch in diesem Buch alles um Russland dreht. So fällt in einem Londoner Pub der Satz, Russland sei „der Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen“.

Fast alle Texte Bitows sind Teile eines wortgewaltigen Work in Progress, das der Autor im Verlauf seines Lebens immer wieder nach eigenem Ermessen erweitert und verändert hat. Andrej Bitow starb am 3. Dezember 2018 im Alter von 81 Jahren in Moskau an Herzversagen.


Zum Weiterlesen: 
Chances, Ellen (1993): Andrei Bitov: The Ecology of Inspiration, Cambridge
Spieker, Sven (1996): Figures of Memory and Forgetting in Andrej Bitov´s Prose: Postmodernism and the Quest for History, Frankfurt am Main

1.Chappenen, E. (1982): Roman-prizrak 1964-1977: Opyt bibliografii neizdannoj knigi, in: Wiener Slawistischer Almanach 9, S. 430-475 (Andrej Bitov nutzte zeitweise das Pseudonym E. Chappenen für seine Publikationen). 
2.Bitov, Andrej (2010): U menja bolit serdce za Peterburg: Interview mit Ljudmila Prizivenceva, in: Novye Izvestija, 02.09.2010 
3.Bitov, Andrej (1987): Raznye dni čeloveka, in: Literaturnaja gazeta, 22.07.1987 
4.Šuvaeva-Petrosjan, Elena (2017): Len´– mat´ kačestva, in: Nezavisimaja gazeta Exlibris, 25.05.2017 
5.Bitov, Andrej (1980): Die Rolle, Berlin; und Bitov, Andrej (2004): Geschmack, Frankfurt am Main 
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