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Nawalnys Fonds für Korruptionsbekämpfung unter Druck: Nachdem der Fonds 2019 zum ausländischen Agenten erklärt und quasi zwangsgeschlossen wurde, soll die NGO nun als „extremistisch“ eingestuft werden.

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Andrej Bitow

1964, als die Tauwetter-Periode zu Ende ging, Nikita Chruschtschow als Сhef der Kommunistischen Partei abgesetzt wurde, Leonid Breshnew seine Nachfolge antrat und der Dichter Joseph Brodsky wegen tunejadstwo zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, begann Andrej Bitow am Puschkinski Dom (Das Puschkinhaus) zu schreiben. 1971 stellte er den Roman fertig, der später als sein Chef d´Œuvre galt, konnte ihn jedoch in der Epoche der Stagnation und Restalinisierung nicht veröffentlichen. So lancierte Bitow kleinere Texte, in deren Mittelpunkt die Figur des Romanhelden stand, in diverse Zeitschriften und einen Prosaband. Ein „Romangespenst“1 ging um. Erst gegen Ende der Perestroika wurde der Roman in der UdSSR gedruckt. Seitdem gilt Bitow als Klassiker der russischen Literatur und neben Wenedikt Jerofejew, Andrej Sinjawski und Sascha Sokolow als einer der Stammväter des russischen Postmodernismus.

Andrej Bitow wurde am 27. Mai 1937 in Leningrad geboren. Sein Vater war Architekt, die Mutter Juristin – „keiner war in der Partei, niemals wurde in der Familie über Politik gesprochen.“2 Andrej, der sich gern an seine kaukasischen Vorfahren und zwei „deutschen Großmütter“ erinnerte, besuchte eine Schule mit erweitertem Englischunterricht, studierte Geologie und absolvierte Lehrgänge für Drehbuchautoren und Regisseure, leistete Wehrdienst in einem Baubataillon.

Frühe realistische Prosa

Erste Erzählungen kamen 1960 heraus, Bände wie Bolschoi schar (Der große Luftballon, 1963) und Aptekarski ostrow (Die Apothekerinsel, 1968) enthielten psychologisch dichte realistische Prosa über das Alltagsleben in Leningrad. Oft sind es Kinder, aus deren Perspektive Bitow das urbane Milieu in kräftigen Farben darstellt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Gewissenskonflikte und Stresssituationen in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Mit vier Erzählungen, darunter Pochorony doktora (Die Beerdigung des Doktors) war Bitow neben Bella Achmadulina, Andrej Wosnessenski, Wladimir Wyssotzki, Wassili Aksjonow, Viktor Jerofejew und anderen am Almanach Metropol beteiligt, der 1979 in den USA erschien und einen der größten Skandale im Sowjetischen Schriftstellerverband auslöste. Bitow verlor seine Stelle als Dozent am Moskauer Literaturinstitut und erhielt ein Publikationsverbot. Er hatte sich inzwischen zu einem systemkritischen Schriftsteller entwickelt.

Auf der Suche nach Heimat

Nachhaltig suchte Bitow aus dem Spannungsfeld von Fremdem und Eigenem Erkenntnisse über sich und Russland zu gewinnen. 1969 begann er das essayistische Buch Uroki Armenii (Armenische Lektionen. Eine Reise aus Russland) mit einer subversiven Sicht auf alles Sowjetische. Bitow knüpft hier an die Armenienbilder Puschkins und Mandelstams an, bewundert die armenische Kultur, die hohe Bildung und das Geschichtsbewusstsein der Armenier. Seit 1970 hat er am Grusinski albom (Georgisches Album) mit dem Untertitel Auf der Suche nach Heimat geschrieben. In Georgien fühlt er sich als „Tscherkesse in der fünften Generation“ und lässt sich mit 45 Jahren taufen. Georgien ist für ihn „mehr Russland als die Sowjetunion“. Erst mit Beginn der Perestroika konnte Bitow wieder offiziell am literarischen Leben teilnehmen. 1985 erscheint Georgisches Album in Tbilissi als erstes Buch nach einigen Jahren des erzwungenen Schweigens.

Foto © Anastassija Fedorenko/CC BY-SA 3.0Das Puschkinhaus

Das Puschkinhaus, das den Autor über einige Jahrzehnte hinweg begleitete, musste ebenfalls auf Perestroika und Glasnost warten. Das vollständige Werk kam 1978 erst im Ausland im Ardis-Verlag Ann Arbor heraus. 1983 erschien die erste deutsche Übersetzung von Natascha Spitz-Wdowin und Sylvia List, 2007 die zweite von Rosemarie Tietze. Bis der Roman 1987 zum ersten Mal in der UdSSR gedruckt wurde, kursierten die Abschriften des Manuskripts lange im Samisdat. Trotz der langen Laufzeit meinte Bitow damals in einem Interview, sein „Romanmuseum“ sei hochaktuell. Es reflektiere die Geschichte seiner Generation, das denkwürdige Jahrzehnt zwischen dem Tod Stalins und dem Beginn einer neuen Ära. Auch wenn die Handlung teilweise im Puschkinhaus, der Forschungsstätte an der Akademie der Wissenschaften, spielt, drehe sich alles um „die russische Literatur, Petersburg (Leningrad) und Russland – all das ist, so oder so, ein PUSCHKINHAUS ...“3

Ljowa, der Protagonist des Romans, wird im „Schicksalsjahr“ 1937, dem Höhepunkt von Stalins Großem Terror, gezeugt und wächst wie in einem Glaskasten auf. Großvater und Vater sind Philologieprofessoren. Beide geraten in das Räderwerk des Gulag. Als Student und Doktorand am Lehrstuhl des Vaters erlebt Ljowa den Sowjetalltag, die Lektüre bislang verbotener Bücher, das Streben der stiljagi nach engeren Hosenbeinen, die Verwirrnisse der Liebe (Faina „bestürmen“, Albina „nicht lieben“, Ljubascha „haben“). Er nimmt eine Dissertation über Puschkin in Angriff ...

Wichtiger als die Vita des Protagonisten sind jedoch die Strukturelemente, die den Roman als ein Werk des Postmodernismus kennzeichnen – die Intertextualität, das Schwebende des Textes, die Verfremdung durch Ironie, Parodie, Zitat, Pastiche und Allusion und die Konfusion der Zeit. Das Inhaltsverzeichnis des Romans gleicht einem Fahrplan durch die russische Literatur. Er beginnt mit dem Prolog Was tun?, danach folgen die Teile Väter und Söhne, Ein Held unserer Zeit und Der elende Reiter. Die Romantitel von Tschernyschewski, Turgenjew und Lermontow gehen glatt über die Lippen, die Allusion auf Puschkins Poem Der eherne Reiter irritiert, ebenso der Epilog Eherne Leute im dritten Teil. Dem Roman ist ein ausführlicher Kommentar beigefügt, der den Einfluss von Marcel Proust, Fjodor Dostojewski und Vladimir Nabokov auf Bitow hervorhebt. „Akademiemitglied Lew Nikolajewitsch Odojewzew“ soll ihn 1999 für die „Jubiläumsausgabe des Romans“ verfasst haben, ironisiert Bitow. Puschkin blieb bis zuletzt das Hauptthema Bitows. Noch 2017, ein Jahr vor seinem Tod, trug er sich mit der Absicht, den Roman Das Puschkinhaus zu erweitern.4

Der Symmetrielehrer

Ähnliche postmodernistische Strukturen wie im Puschkinhaus findet man auch in einigen größeren Werken Bitows, an denen er jahrelang arbeitete. Ein „punktierter Roman“, der aus sechs relativ selbständigen Erzählungen besteht, ist Uletajuschtschij Monachow (Der davonfliegende Monachow), abgeschlossen 1990. Er erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte des Petersburgers Alexej Monachow, der von der Jugend bis zum späten Alter den Frauen und der Liebe nachjagt und begreifen muss, dass er immer wieder nur eine Rolle spielt, die ihm von außen aufgezwungen wird.5 1995 fügte Bitow drei Erzählungen zu dem Roman Oglaschonnyje (Mensch in Landschaft) zusammen, in dem er versucht, nach dem Ende des Sowjetimperiums ein neues Welt-, Russland- und Menschenbild zu entwerfen. Am deutlichsten sind die postmodernistischen Strukturen Bitows jedoch am Beispiel seines letzten Meisterstücks, dem Roman Prepodawatel simmetrii (Der Symmetrielehrer), zu beobachten. Angeblich hat der Autor den Text nach dem Roman The Teacher of Symmetry eines gewissen A. Tired-Boffin (ein Anagramm von Andrej Bitoff) aus dem Gedächtnis übersetzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er Jan Potockis rätselhafte Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena parodiert, nach deren verlorengegangenem Manuskript schon Puschkin Nachforschungen anstellte. Auch in diesem Werk arbeitet Bitow mit verschiedenen Erzählern, deren Glaubwürdigkeit immer wieder in Zweifel gezogen werden muss. Die Handlung führt in die exotischsten Winkel der Welt, obwohl sich auch in diesem Buch alles um Russland dreht. So fällt in einem Londoner Pub der Satz, Russland sei „der Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen“.

Fast alle Texte Bitows sind Teile eines wortgewaltigen Work in Progress, das der Autor im Verlauf seines Lebens immer wieder nach eigenem Ermessen erweitert und verändert hat. Andrej Bitow starb am 3. Dezember 2018 im Alter von 81 Jahren in Moskau an Herzversagen.


Zum Weiterlesen: 
Chances, Ellen (1993): Andrei Bitov: The Ecology of Inspiration, Cambridge
Spieker, Sven (1996): Figures of Memory and Forgetting in Andrej Bitov´s Prose: Postmodernism and the Quest for History, Frankfurt am Main

1.Chappenen, E. (1982): Roman-prizrak 1964-1977: Opyt bibliografii neizdannoj knigi, in: Wiener Slawistischer Almanach 9, S. 430-475 (Andrej Bitov nutzte zeitweise das Pseudonym E. Chappenen für seine Publikationen). 
2.Bitov, Andrej (2010): U menja bolit serdce za Peterburg: Interview mit Ljudmila Prizivenceva, in: Novye Izvestija, 02.09.2010 
3.Bitov, Andrej (1987): Raznye dni čeloveka, in: Literaturnaja gazeta, 22.07.1987 
4.Šuvaeva-Petrosjan, Elena (2017): Len´– mat´ kačestva, in: Nezavisimaja gazeta Exlibris, 25.05.2017 
5.Bitov, Andrej (1980): Die Rolle, Berlin; und Bitov, Andrej (2004): Geschmack, Frankfurt am Main 
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