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Stalins Tod

Der Tod Stalins am 5. März 1953 löste im ganzen Land Bestürzung aus. Niemand wusste, was der Tod des Diktators bedeuten würde. Fabian Thunemann zeichnet die Ereignisse vom März 1953 nach.

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Felix Edmundowitsch Dsershinski

Von den einen als „eiserner“ Held verehrt, von den anderen hingegen als grausamer Mörder verabscheut: Felix Dsershinski. Der einstige Chef der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka ist im Vergleich zu Lenin oder Stalin im heutigen Russland eher eine historische Randfigur. Von größerer Bedeutung als der Täter Dsershinski ist die Debatte um sein Denkmal vor dem KGB-Gebäude in Moskau – Ende Februar war sie erneut entflammt.

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Wassili Aksjonow

Wassili Aksjonows (1932–2009) literarische Karriere begann Ende der 1950er Jahre in Leningrad. Er erlebte in der Metropole ein Klima intellektueller Liberalisierung, das nach Stalins Tod für ein gutes Jahrzehnt als Zeit des sowjetischen Tauwetters in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Aksjonow orientierte sich hier an westlichen Lebensentwürfen: Jazz, Pop, die legendäre stiljagi-Kultur, Amerika und ein Hauch von aufbegehrender Jugendbewegung bildeten in dieser Zeit seine kulturellen Referenzen.

Der frühe Roman Swjosdny Bilet (Fahrkarte zu den Sternen) von 1961 setzte dieser Atmosphäre, wie wohl kaum ein Text der Chruschtschow-Zeit, ein Denkmal und machte Aksjonow rasch zur Ikone einer neuen Welle von Sowjetliteratur und zu einem der meistgelesenen Autoren. Die sogenannte Junge Prosa, zu der auch Autoren wie Andrej Bitow oder Wladimir Woinowitsch zählten, zeichnete sich aus durch stilistische und thematische Frische, Authentizität ihrer zumeist jugendlichen Helden und einen neuartig aufrichtigen Tonfall.

Aksjonow erlebte die Tauwetterphase als eine radikale Wende in seinem Leben, das zuvor von biographischen Tragödien gekennzeichnet war. Er stammte ursprünglich aus dem tatarischen Kasan, wo seine Eltern als überzeugte Kommunisten gehobene Posten in der Partei innehatten. Wassilis anfangs harmonische Kindheit endete abrupt im Jahr des Großen Terrors 1937, als die Eltern aufgrund von sogenanntem Trotzkismus verhaftet und in Arbeitslager deportiert wurden.

Jewgenija Ginsburg, die Mutter, deren bestürzende Biographie Krutoi Marschrut (Marschroute eines Lebens) später von dieser Zeit des Terrors Zeugnis ablegte, wurde für zehn Jahre verurteilt, sein Vater Pawel sogar für 15. Das Kind wuchs bei Verwandten auf und übersiedelte schließlich nach der Haftentlassung der Mutter 1947 zu dieser nach Magadan. Nach Leningrad kam er 1953 zunächst für ein Medizinstudium.

Entfremdung von der offiziellen Kulturpolitik

Gelang Aksjonow in seinen frühen Romanen noch der bemerkenswerte Spagat zwischen den Normen des Sozialistischen Realismus und einer Rebellenliteratur, deren Figuren oft voller Zweifel am gesellschaftlichen System waren, so verschlechterte sich ab 1963 sein Verhältnis zur Staatsmacht merklich. Er sah sich einer immer offeneren Kritik durch die Behörden und sogar durch Staatschef Nikita Chruschtschow ausgesetzt. Die Entfremdung Aksjonows von der offiziellen Kulturpolitik fand ihren literarischen Niederschlag in bissigen Satiren.

Foto © liveinternet.ruMit Beginn der Breshnew-Ära wurde es so für Aksjonow immer schwieriger, seine Werke zu veröffentlichen. Im restaurativen Klima der 1970er Jahre waren viele Autoren wie etwa Alexander Solschenizyn oder Joseph Brodsky offener Repression ausgesetzt. Auch Aksjonow, den die sowjetischen Behörden zunächst noch versuchten einzubinden, verfasste nun diverse Texte nur noch für die Schublade, so etwa den Roman Oshog (Gebrannt), der erst in den 1980er Jahren veröffentlicht werden konnte.

Alternative Geschichte Russlands mit prophetischer Dimension

Auch sein im Westen heutzutage vielleicht berühmtester und zugleich letzter noch in der Sowjetunion verfasster Text konnte erst Jahre später erscheinen. Im Roman Ostrow Krim (Die Insel Krim) schreibt Aksjonow eine alternative Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert.

Der Roman ist die literarische Vision eines von der Sowjetunion unabhängigen Freistaates Krim, in dem sich demokratische Institutionen und ein prosperierendes kapitalistisches Wirtschaftssystem entwickelt haben. Im Zentrum steht der einflussreiche Herausgeber Lutschnikow, der von der Idee der Wiedervereinigung der Krim mit der Sowjetunion besessen ist. Seine Pläne führen allerdings zum Debakel am Ende des Romans. Es kommt schließlich zu einer apokalyptischen Invasion der Insel durch das sowjetische Militär und zum gewaltsamen Anschluss an die Sowjetunion.

Wenngleich der Roman als Parabel über den Kalten Krieg zu verstehen ist, besitzt er doch im Hinblick auf die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 eine geradezu prophetische Dimension.

Aksjonows Konflikt mit dem Staat eskalierte schließlich im Jahr 1979 in der Affäre um den gemeinsam mit Viktor Jerofejew und anderen zusammengestellten Almanach Metropol. Als Aksjonow 1979 aus Protest aus der Schriftstellerunion austrat und kurz darauf aus dem Schriftstellerverband geworfen wurde, war seine materielle Grundlage in der Sowjetunion zerstört.

Während einer Auslandsreise 1980 in die USA entzogen ihm die sowjetischen Behörden schließlich die Staatsbürgerschaft. Seitdem lebte er gemeinsam mit seiner Frau in der Emigration. Er hatte in den USA verschiedene Literaturdozenturen inne und siedelte schließlich 2004 nach Biarritz in Frankreich um.

Die Postmoderne vorweggenommen

So aufsehenerregend Aksjonows Biographie ist, so unschätzbar hoch ist sein Wert für die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aksjonow experimentierte in seinem Schaffen fortwährend intensiv mit stilistischen Innovationen und hatte zugleich ein hervorragendes Gespür für literarische Trends und breitere kulturelle Dynamiken. Er arbeitete bereits in den 1960er Jahren – etwa im Roman Satowarennaja Botschkotara (Defizitposten Fassleergut, 1968) –  mit konzeptuellen Zitationsverfahren und anderen intertextuellen Sprach- und Formspielen und nahm hier die erst Jahre später zum Mainstream werdende ironisch postmoderne Dekonstruktion sowjetscher Narrative und Mythen ästhetisch vorweg. Obwohl seine Werke in Russland erst während der Perestroika wieder publiziert werden durften, war sein Einfluss auf russische Autoren der Postmoderne wie Sorokin oder Pelewin gewaltig.

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Nikolaj Leskow

Nikolaj Leskow (1831–95) ist der vielleicht eigentümlichste Autor unter den großen russischen Realisten. Maxim Gorki hielt seine Bücher für geschriebene Ikonen, Tolstoi sah in ihm den russischsten aller Schriftsteller. Seine Geschichten hörte er dem Volk ab und verarbeitete sie in kühnen, mitunter schwer verständlichen Sprachexperimenten. Am 16. Februar ist sein 190. Geburtstag.

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Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

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Die Leser „dazu zu bringen, das Leben in all seinen unzähligen und unerschöpflichen Erscheinungen zu lieben“ – darin sah Lew Tolstoi seine Aufgabe. Über den Schriftsteller, der am 9. September 1828 geboren ist, sich seiner Zeit entgegenstellte und gleichzeitig zum Monument seiner Epoche geworden ist, schreibt Olga Sliwizkaja.

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Wissarion Belinski (1811–1848) war der Erfinder der modernen Literaturkritik in Russland. Er lag im Dauerclinch mit dem zaristischen Regime und war der geistige Vater der Radikalen der 1860er Jahre. Literatur sah er als ein Vehikel politischer Agitation, er kämpfte für soziale Veränderungen und schrieb mit unbändiger Leidenschaft über Literatur. In der Sowjetunion als Vordenker eines utopischen Sozialismus beispiellos glorifiziert, sind noch heute Hunderte von Plätzen und Straßen nach ihm benannt.

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DER LETZTE WINTER DER SOWJETUNION, Michael Kerstgens (All rights reserved)