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Nord Stream 2

Wegen der Nowitschok-Vergiftung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, die auf den Kreml als Auftraggeber hinweist, fordern zahlreiche deutsche Politiker einen Baustopp für Nord Stream 2. Vor allem US-Sanktionen machen eine Fertigstellung derzeit faktisch unmöglich. Ist die Pipeline also längst tot – und ein offizieller Baustopp nur noch reine Symbolpolitik? 

Alexander Lukaschenko

Im Vorfeld und während der Präsidentschaftswahl im August 2020 hat das Ansehen von Alexander Lukaschenko in breiten Teilen der Gesellschaft deutlich abgenommen. Felix Ackermann macht sechs Faktoren aus, die im Wesentlichen dazu beigetragen haben.

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Gulag-Literatur

Im November 1962 erscheint in der sowjetischen Literaturzeitschrift Nowy MirNovy mir (dt. Neue Welt) ist eine der ältesten russischen Literaturzeitschriften. Sie wurde 1925 gegründet und war zwischen 1947 und 1991 zentrales Organ des Schriftstellerverbands der UdSSR. die Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Ein bis dahin völlig unbekannter Autor hatte sie geschrieben – Alexander SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn (1918–2008) als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 1970er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. Mehr dazu in unserer Gnose . Der Text schildert auf 65 Seiten einen typischen Tag eines typischen Lagerhäftlings im Jahr 1951: vom morgendlichen Wecksignal bis zum abendlichen Zählappell. 

Die mit ausdrücklicher Genehmigung Nikita ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. erfolgte Veröffentlichung war eine Sensation: Erstmals durfte in der Sowjetunion verhältnismäßig offen über das harte Leben im GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose zur Herrschaftszeit Josef Stalins berichtet werden. Zeitgenössische Leserbriefe zeigen, dass die Erzählung nur wenige Leser gleichgültig ließ. Neben Zuschriften, die dem Autor vorwerfen, Lügen zu verbreiten und der Sowjetunion zu schaden, finden sich vor allem enthusiastische Stimmen, die der Redaktion und dem Autor überschwänglich dafür danken, das Thema aufgegriffen zu haben.1 Auch der ehemalige Gulag-Häftling Warlam SchalamowWarlam Schalamow (1907–1982) war ein russischer Schriftsteller und Dissident. Nach seiner Verhaftung 1929 wegen konspirativer oppositioneller Tätigkeiten wurde er verurteilt zu dreijähriger Strafarbeit im Arbeitslager mit anschließender fünfjähriger Verbannung in den Norden Russlands. 1937 wurde Schalamow erneut zu Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Freilassung 1951 entstehen die heimlich verfassten Erzählungen aus Kolyma, die 1971 in Deutschland und Frankreich publiziert werden. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen aus den sowjetischen Arbeitslagern. Die Erzählungen aus Kolyma gehören heute zu den wichtigsten Werken über das Leben im sowjetischen Gulag. Mehr dazu in unserer Gnose schreibt an Solschenizyn und lobt ihn überschwänglich: „Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen – ich habe ihre Erzählung gelesen, noch einmal gelesen, mich zurückerinnert … Die Erzählung ist wie ein Gedicht, alles daran ist vollkommen, alles ist schlüssig.“2

Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch legte den Grundstein für den Ruhm Alexander Solschenizyns, der sich in den Folgejahren zu dem Autor der Gulag-Literatur entwickeln sollte. Der Text unterbrach das staatlich verordnete, fast 30 Jahre währende Schweigen über das sowjetische Repressionssystem. Er wurde zu einem Initiationstext, der viele ehemalige Lagerhäftlinge nicht nur dazu ermutigte, ihre eigenen Erlebnisse aufzuschreiben, sondern sie zur Publikation in Zeitungen und Zeitschriften einzureichen. Auch Warlam Schalamow hoffte darauf, endlich etwas veröffentlichen zu können. In seinem Brief an Solschenizyn heißt es: „Ich habe tausend Gedichte und hundert Erzählungen geschrieben und in sechs Jahren mit Mühe einen Band verkrüppelter Gedichte veröffentlicht, wo jedes Gedicht beschnitten, verstümmelt ist.“3 

Entstehungsgeschichte des Repressionssystems

Die Anfänge der sowjetischen Gulag-Literatur gehen indes bis in die 1920er Jahre zurück.4 Damals erschienen im Ausland erste Texte von russischen Emigranten, die von den Repressionen nach der Revolution handeln und von den chaotischen Zuständen in den ersten Lagern der Sowjetunion, etwa in dem Lagerkomplex auf SolowkiDie Solowezki-Inseln sind eine Inselgruppe im Weißen Meer, im Nordwesten Russlands. Seit dem 15 Jahrhundert existiert auf den Inseln eines der wichtigsten russisch-orthodoxen Klöster. Seit den 1920er Jahren befand sich auf den Inseln ein Straf- und Arbeitslager für politische Häftlinge. Seit 1992 stehen Teile des Solowezki-Klosters, in dem sich das Hauptlager befand, unter dem Schutz der UNESCO.. Die Texte, meist Memoiren und häufig in der Sprache des Aufnahmelandes veröffentlicht, wollten über die Herrschaft der BolschewikiDie Bolschewiki (dt. etwa: Mehrheitler) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki (dt. etwa: Minderheitler) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  informieren und ihre Leserschaft aufrütteln. Ihren Weg zurück in die Sowjetunion fanden sie nicht, auch nach der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose blieben sie einem russischsprachigen Publikum meistens verschlossen.

Neben den Memoiren und Zeugnissen, die von Repressierten verfasst wurden, entstanden bis Mitte der 1930er Jahre auch literarische Texte, deren Veröffentlichung in der noch jungen Sowjetunion erlaubt und sogar gefördert wurde. In der sogenannten TschekistenliteraturDer Begriff Tschekist steht im engeren Sinne für einen Mitarbeiter der Staatssicherheit WeTscheKa – Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution. Im weiteren Sinne umschließt er alle Angehörigen von Nachfolgeorganisationen der WeTscheKa und deren Organen: Dazu gehören unter anderem der Geheimdienst KGB, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten NKWD und Staatssicherheitsorgane des Innenministeriums. Heute werden mit dem Begriff häufig die Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB bezeichnet., die unmittelbar nach der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose zu entstehen begann, avancierten die Mitarbeiter der staatlichen Sicherheitsorgane zu literarischen Helden. Zwar wird das Lager in diesen Texten nur am Rande erwähnt, sie geben aber einen aufschlussreichen Einblick in die Entstehungsgeschichte des sowjetischen Repressionssystems und in die Mentalität der Exekutive.5 

Umerziehung zu aufrichtigen Sowjetmenschen

Außerdem kamen Texte heraus, die die sogenannten Arbeitsbesserungslager in den Fokus rücken. Berühmtheit erlangte das Kollektivprojekt Der Weißmeer-Ostsee-Kanal »Stalin«. Eine Baugeschichte 1931–1934. Dieses entstand 1934 im Anschluss der Reise einer Schriftstellerdelegation rund um Maxim GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war der meistgedruckte sowjetische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen.Maxim Gorkis Paradox bestand darin, dass er seine moralische Autorität in den Dienst des Stalinismus stellte. Ulrich Schmid über den meistgedruckten sowjetischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mehr dazu in unserer Gnose an den Weißmeer-Ostsee-KanalDer Belomorkanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist  eine 227 Kilometer lange Wasserstraße, die die Ostsee mit dem Weißen Meer verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Befehl Stalins von Gulag-Häftlingen erbaut. Während dessen Errichtung starben Schätzungen zufolge rund 12.800 Menschen. . Der Text vermittelt den Eindruck, dass die sowjetischen Lager erforderliche und gesellschaftlich nutzbringende Einrichtungen seien, in denen „gesellschaftsferne Elemente“ zu aufrichtigen SowjetmenschenVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. Mehr dazu in unserer Gnose umerzogen werden. Nur so lässt sich erklären, warum sich in dem Buch Details über das junge Gulag-System finden, die mit dem Beginn des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose eigentlich streng geheim waren. Bis zum Jahr 19371937 ist eine gängige Chiffre für den Großen Terror – Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 rund 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass etwa 750.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert., in dem die sowjetischen Behörden Der Weißmeer-Ostsee-Kanal aus dem Verkehr zogen, diente der Band anderen Autoren als Prototyp für ähnliche Texte. 

Schreibverbote

Ab Mitte der 1930er Jahre konnten in der Sowjetunion keine Texte mehr erscheinen, die die Lager oder die staatlichen Repressionen thematisierten. Verfasst wurden sie dennoch. Allerdings ist wohl nur ein Bruchteil von ihnen erhalten geblieben und zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht worden. 

Die bekannt gewordenen Texte sind zumeist Aufzeichnungen, die Aufschluss über Details des Lageralltags geben, ihr literarischer Gehalt gilt als gering bis nicht vorhanden. Auch Briefe, die Lagerhäftlinge an ihre Angehörigen schrieben, ermöglichen heute – trotz der Zensurbedingungen, unter denen sie verfasst wurden – einen Einblick in das Lagerleben. Größere Bekanntheit erlangten die Briefe des Priesters, Religionsphilosophen und Wissenschaftlers Pawel Florenski. Von seiner Verhaftung 1933 bis zu seiner Erschießung im Jahr 1937 hatte dieser seiner Familie von verschiedenen Etappen seiner Lagerhaft geschrieben. 1998 wurden die Briefe Florenskis erstmals komplett veröffentlicht.6 

Die literarischsten Texte, die in den Lagern selbst entstanden, waren Gedichte. Sie hatten den Vorteil, dass sie auf kleinstem Raum verfasst, gut versteckt und durch ihre Form leicht auswendig gelernt werden konnten. Unter Umständen konnten sie so – wie auch Lieder – die Haftzeit ihrer Verfasser überdauern und zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgeschrieben und publiziert werden. Die bekannt gewordenen Gedichte, die im Lager entstanden, umfassen ein weites Spektrum: Neben tiefgründigen Reflektionen über das Lagerleben und das eigene Schicksal finden sich hier auch Beschwerden und Spottverse.7 

Verschmolzen zu einem einzigen Hypertext

Nach Stalins TodDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  Mehr dazu in unserer Gnose und der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag im Jahr 1956Vom 14. bis 25. Februar 1956 fand der XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR statt. Er gilt als Anfang der sogenannten Tauwetter-Periode. Mit einer fünfstündigen Geheimrede initiierte Parteichef Nikita Chruschtschow eine Entstalinisierungskampagne. Chruschtschow kritisierte den Personenkult um Stalin und verurteilte die stalinistischen Säuberungen an Parteimitgliedern aufs Schärfste. begannen viele Menschen, ihre Erinnerungen an die Lager aufzuschreiben. Dabei mag es den meisten weniger darum gegangen sein, Memoiren zu veröffentlichen, sondern vielmehr darum, ihre Erinnerungen an das erlittene Unrecht überhaupt zu Papier zu bringen. Das Ablegen eines Zeugnisses (auch gegenüber sich selbst) wurde zum wesentlichen Motivationsmoment des Schreibprozesses. Diese Texte sind nach einem nahezu identischen Muster angelegt, das auf der Chronologie der Ereignisse beruht: Die Autoren schildern ihr Leben vor der Verhaftung, die aufkommende Angst vor einer Festnahme und schließlich die (von einigen fast als Erlösung von ihrem angstvollen Warten empfundene) Verhaftung selbst. Dem folgen Erinnerungen an die Untersuchungshaft, die Verurteilung, die Überführung ins Lager und in unterschiedlicher Ausführlichkeit an das Lagerleben selbst. Schließlich schildern die Autoren ihre Entlassung und die Rückkehr ins zivile Leben. Durch ihre Ähnlichkeit scheinen diese Texte, wie die russische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Irina Schtscherbakowa treffend feststellte, zu einem „einzigen Hypertext zu verschmelzen“.8

Die TauwetterperiodeBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Mehr dazu in unserer Gnose währte nur kurz. Solschenizyns Folgewerke, Im ersten Kreis der Hölle, Die Krebsstation und natürlich sein Monumentalwerk Archipel GulagArchipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument. Mehr dazu in unserer Gnose , erschienen bereits im SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. Mehr dazu in unserer Gnose beziehungsweise im Ausland. Ähnlich erging es Warlam Schalamow und Jewgenija GinsburgJewgenija Ginsburg (1904–1977) war eine sowjetische Journalistin und Historikerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Memoiren, die sie überwiegend ihren Erfahrungen in sowjetischen Arbeitslagern widmete. 1937 wurde Ginsburg Opfer Stalinscher Säuberungen, als angebliche Trotzkistin wurde sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihre auch ins Deutsche übersetzten Erinnerungen stehen in einer Reihe mit den Werken von Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn. , deren Werke durch ihre literarische Qualität aus der Vielzahl der Lagertexte herausstechen. Erst während der Perestroika konnten Schalamows Erzählungen aus KolymaKolyma wird oft synonym zu Gulag verwendet – ein System von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff einen Fluss und eine Region im Fernen Osten des Landes. Zu Zeiten der Stalinschen Repressionen befanden sich auf dem Gebiet Kolyma rund 25 Arbeitslager, die jeweils über mehrere Lagerpunkte verfügten. Der sowjetische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow verbrachte ab 1937 rund 16 Jahre in den Lagern des Gebiets. Er beschrieb seine Erfahrungen in Erzählungen aus Kolyma, die auch ins Deutsche übersetzt wurden.  und Ginsburgs Marschroute eines Lebens in der Sowjetunion frei zugänglich erscheinen, beide erlebten das nicht mehr. 

Neben diesen heute zum Kanon der Gulag-Literatur zählenden Texten erschien zu dieser Zeit eine Vielzahl von Zeugnistexten, die Betroffene zu einem früheren Zeitpunkt verfasst und dann jahrzehntelang aufbewahrt hatten oder die erst während der Perestroika niedergeschrieben worden waren. Bis heute werden neue Gedächtnistexte publiziert, meist durch die Nachfahren der Repressierten, die etwa beim Aufräumen auf die Manuskripte stießen.9 Keiner dieser Texte hat jedoch die Bekanntheit und die Bedeutung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch erreicht. Der Wegbereiter der sowjetischen Gulag-Literatur ist bis heute Pflichtlektüre für russische Schulklassen – trotz der aktuellen russischen Geschichtspolitik, die Stalins Herrschaft zunehmend in ein besseres Licht zu rücken sucht.

 

Zum Weiterlesen:
Toker, Leona (2000): Return from the Archipelago: Narratives of Gulag Survivors, Bloomington und Indianapolis
Frieß, Nina (2017): „Inwiefern ist das heute interessant?“ Erinnerungen an den stalinistischen Gualg im 21. Jahrhundert, Berlin 
Für russischsprachige Leser bietet die Internetseite Wospominanija na Gulage eine große Auswahl an Texten, die an den Gulag erinnern, und die dazugehörigen Autorenbiografien. 

1.Anlässlich des 50. Jubiläums der Veröffentlichung erschien eine Sammlung von Leserbriefen: Tjurina, Galina (2012): «Dorogoj Ivan Denisovič!..» Pisʼma čitatelej 1962–1964: K 50-letiju publikacii rasskaza Aleksandra Solženicyna‚ Odin denʼ Ivana Denisoviča‘, Moskva 
2.Šalamov,Varlam (2007): Šalamov an Aleksandr Solženicyn, in: Osteuropa: Das Lager schreiben, Berlin 6/2007, S. 125-136, hier S. 125 
3.ebd., S. 136 
4.Texte über die Zwangsarbeit unter den russischen Zaren wie Fjodor Dostoevskijs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1860-62) und Anton Čechovs Die Insel Sachalin (1893) sind streng genommen nicht Teil der Gulag-Literatur, bilden aber wichtige Prätexte für diese. 
5.siehe dazu ausführlich Heller, Michel (1975): Stacheldraht der Revolution: Die Welt der Konzentrationslager in der sowjetischen Literatur, Stuttgart, S. 93 ff. 
6.Florenskij, Pavel (1998): Sočinenija v četyrech tomach: Tom 4: Pisʼma s Dalʼnego Vostoka i Solovkov, Moskva 
7.Eine beeindruckende Sammlung der „Poesie der Gefangenen des Gulags“ findet sich in der russischsprachigen Anthologie Poezija Uznikov GULAGa, die Gedichte von über 300 politischen Häftlingen enthält. Vilenskij,Semen (Hrsg., 2005): Poėzija uznikov GULAGA: Antologija, Moskva 
8.Shcherbakova,Irina (2003): Remembering the Gulag: Memoirs and Oral Testimonies by Former Inmates, in: Dundovich, Elena et al. (Hrsg.): Reflections on the Gulag: With a documentary appendix on the Italian victims of repression in the USSR, Milano, S. 187-207, hier S. 198 
9.So wie es Vorläufer der sowjetischen Gulag-Literatur gab, gibt es auch Nachfolger, etwa Michail Chodorkowskis Briefe aus dem Gefängnis, München, 2011 
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