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Zeugen Jehovas

Mehr als 20 Zeugen Jehovas sitzen derzeit wegen ihres Glaubens in russischen Gefängnissen. Als „größte extremistische Organisation in Russland“ bezeichnen auch Vertreter der Orthodoxen Kirche die Zeugen Jehovas. Regina Elsner sieht darin Verstöße gegen die Religionsfreiheit und fragt, inwiefern diese einen systemischen Charakter haben.

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Juri Dud

Seit Februar 2017 ist die russische Medienszene um einen YouTube-Kanal und Medienstar reicher. vDud (rus. „вДудь“) heißt das Interview-Projekt des Sportjournalisten und Bloggers Juri Dud, das mittlerweile über 3,5 Millionen Abonnenten und an die 350 Millionen Aufrufe vorweisen kann. Der durchschlagende Erfolg des Projekts lässt die Novaya Gazeta bereits ein halbes Jahr nach Erscheinen des ersten Videos vom „Dud-Effekt“ sprechen. Dieser zeige sich vor allem darin, dass die Abwesenheit im russischen Staatsfernsehen immer stärker von Erfolg gekrönt sei. Und in der Tat: der Dud-Effekt wirkt, vor allem auf junge Menschen.

Der 1986 in Potsdam geborene Juri Dud hat seine Berufswahl bereits als Jugendlicher getroffen. Als sich sein Kindheitstraum, Fußballspieler zu werden, aufgrund chronischen Asthmas zerschlug, entdeckte er den Journalismus – nach der ProstitutionProstitution oder Sexarbeit ist in Russland ein verbotenes Gewerbe. Trotzdem sind immer mehr Menschen in diesem Bereich tätig, unterschiedlichen Einschätzungen zufolge ein bis drei Millionen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass viele sexuelle Tabus keine Tabus mehr sind, aber auch mit zunehmender Armut und Migration nach dem Zerfall der UdSSR. Mehr dazu in unserer Gnose der in Russland am leichtesten zugängliche Beruf, wie Dud witzelt.1 

Seine ersten Schritte in diese Richtung erfolgten tatsächlich noch als Kind: Mit elf schrieb er für eine Zeitung für Gleichaltrige, mit 13 absolvierte er ein Praktikum bei der Zeitung Sewodnja. Bereits mit 14 wurde er freier Mitarbeiter bei der Izvestia, bekam dort mit 16 eine feste Anstellung als Sportreporter und absolvierte parallel dazu ein Journalistikstudium an der Moskauer Staatlichen UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. Mehr dazu in unserer Gnose . Seit 2011 ist er Chefredakteur des renommierten Internetportals Sports.ru und war außerdem als Sportreporter für mehrere Fernsehsender, wie NTW-Pljus, Rossija 2 oder Match TV tätig. Für diese Medienauftritte wurde er 2016 und 2017 vom Männer- und Lifestyle-Magazin GQ – Gentlemen’s Quarterly zum „Mann des Jahres“ gekürt. Als am 2. Februar 2017 der YouTube-Kanal vDud online ging, war der damals 30-jährige Dud ein bereits bekanntes Gesicht in der medialen Öffentlichkeit.

Gegenpol zum Fernsehen

Die Erfolgsstrategien des YouTube-Projektes sind einfach, transparent und unverhohlen kommerziell. Dies schmälert jedoch keineswegs seine gesellschaftliche und politische Relevanz und Brisanz. vDud ist als Gegenpol und Konkurrenz zum überästhetisierten und überregulierten staatlichen beziehungsweise staatsnahen Fernsehen konzipiert. 
Mit dem Interview bedient Dud ein klassisches Fernsehformat, doch sein legeres Auftreten, sein Nicht-Still-Sitzen-Können und seine direkten Fragen – insbesondere in Bezug auf Geld, Vermögensverhältnisse und Sex – sind gerade ein Beispiel dafür, wie man es nach Lehrmeinung nicht machen sollte. Dennoch wirkt er, wie ihm wohlgesonnene Kritiker immer wieder bescheinigen, gut auf seine Gesprächspartner vorbereitet, stimmt die Fragen gezielt auf sein Gegenüber ab und nimmt sich die Zeit, die er für angemessen hält (die Dauer eines Interviews beträgt zwischen 40 und 90 Minuten). 
Das Interview-Setting ist minimalistisch, die Kamera meist statisch auf die beiden frontal einander gegenübersitzenden Gesprächspartner gerichtet. Abgesehen von nur wenigen, kurz eingespielten Standbildern oder Videoclips und einer alternierenden Position, die die Gesprächspartner im Stehen zeigt, ist die Konzentration auf das Interview selbst gerichtet.

Strahlende Freiheit

Während die Unterhaltungsprogramme und Talk-Shows in den großen russischen Fernsehkanälen immer pompöser, gleichförmiger und starrer werden, vermitteln bereits die Anordnung und der Ablauf von Duds Interviews den Eindruck des Ungezwungenen und Spontanen. Der YouTube-Kanal vDud und sein Schöpfer strahlen Freiheit aus – die Freiheit, sich nicht an Sprachkonventionen halten zu müssen und die russische Vulgärsprache MatMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, einzelne Buchstaben werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. Mehr dazu in unserer Gnose nach Lust und Laune verwenden zu können (was insbesondere für die Interviewpartner gilt), die Freiheit, politisch brisante und gesellschaftlich tabuisierte Themen diskutieren zu können und schließlich die Freiheit, die Interviewpartner unabhängig von politischen Vorgaben auszuwählen. 

 

Im Präsidentschaftswahlkampf 2018 hat sich Juri Dud mit dem Kandidaten der Kommunisten getroffen und ihn über sein Verhältnis zu Stalin befragt

Waren es am Anfang hauptsächlich noch Vertreter der Musikszene (den Auftakt bildeten die Rapper BastaBasta (Wassili Wakulenko, geb. 1980) ist ein russischer Musiker, Schauspieler und Regisseur aus Rostow am Don. Er ist seit 1997 aktiv und hat seitdem über ein Dutzend Alben veröffentlicht und in mehreren Filmen mitgespielt. Bastas Lied Moja Igra (dt. „Mein Spiel“) aus dem Jahr 1998 gehört zu den Klassikern des russischen Raps.  und L’One sowie der Punk-Rock-Star Sergej SchnurowSergej Schnurow (Spitzname – Schnur, geb. 1973) ist Gründer und exzentrischer Frontmann der Ska-Band Leningrad. Hin und wieder komponiert er auch Filmmusik und hat sogar schon eine Opernrolle gespielt. Bekannt ist er aber vor allem durch seine ekstatischen Bühnenpartys mit Leningrad und der selbstverständlichen und breiten Verwendung des tabuisierten Kraftausdrucks. Mehr dazu in unserer Gnose ), so weitete Juri Dud den Personenkreis sehr schnell auf ausgeprägte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens und der Medienszene aus. Unter den Gästen der regelmäßig erscheinenden Interviews finden sich der Chefredakteur von Radio Echo Moskwy Alexej WenediktowEin bekannter und erfahrener Journalist (geb. 1955). Seit 1990 arbeitet Wenediktow beim Radiosender Echo Moskwy. Obwohl der Sender unter seiner Leitung regelmäßig liberale und oppositionelle Stimmen zu Wort kommen lässt, bezeichnet sich Wenediktow als konservativ., der Fernseh-Interviewer Nummer eins Wladimir PosnerWladimir Posner (geb. 1934) ist einer der erfahrensten Fernsehmoderatoren in Russland. In Frankreich geboren und in den USA aufgewachsen, war er in den 1980er Jahren der Organisator und Moderator der U.S.-Soviet Space Bridge, einer Art Videokonferenz zwischen den USA und der UdSSR. Zurück in Russland wurde er in den 1990er und 2000er Jahren zu einem der berühmtesten Interviewer. Seine Sendung, die seit 2008 im Ersten Kanal gezeigt wird, ist eine der wenigen Sendungen im Staatsfernsehen, in der kritische Fragen unter anderem an hohe Beamte gestellt werden dürfen. oder der ehemalige Fernsehmoderator Sergej DorenkoSergej Dorenko (1959–2019) war ein russischer Journalist, Radio-  und Fernsehmoderator. Er galt vielen Russinnen und Russen als eine TV-Ikone der späten 1990er Jahre und als einer, der Wladimir Putin zum Präsidenten gemacht hat. Nach heftiger Kritik an Putin im Jahr 2000 kehrte Dorenko dem Fernsehen den Rücken. Von 2014 bis zu seinem Tod im Mai 2019 leitete er die Redaktion des Radiosenders Govorit Moskva (dt. „Hier spricht Moskau“).  Mehr dazu in unserer Gnose ,  seit 2014 Chefredakteur von Radio Goworit Moskwa
Darüber hinaus zielt Duds Strategie darauf, Persönlichkeiten in die mediale Öffentlichkeit zurückzuholen, die die russischen Staatsmedien mit einem Bann belegt haben. Dies gilt für Alexej NawalnyAlexej Nawalny ist einer der bekanntesten Oppositionspolitiker und Aktivisten Russlands, der die staatliche Elite in seinen Veröffentlichungen regelmäßig mit schwerwiegenden Vorwürfen zu Korruption und Machtmissbrauch konfrontiert. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker Wladimir Putins. Mehr dazu in unserer Gnose genauso, wie für Michail ChodorkowskiEinst einer der reichsten Männer Russlands, wurde Michail Chodorkowski 2003 verhaftet und in Folge eines – nach Ansicht vieler Experten – politisch motivierten Prozesses de facto enteignet. Während seiner zehnjährigen Haftstrafe etablierte sich Chodorkowski als einer der im Westen sichtbarsten Vertreter der Opposition in Russland. Mehr dazu in unserer Gnose . Nebenbei bemerkt erscheint die Verwendung der geschlechtsspezifischen männlichen Form durchaus adäquat, stellen weibliche Gäste doch die Ausnahme dar. Umso größer jedoch scheint das Publikumsinteresse an diesen Begegnungen zu sein: 12 Millionen Aufrufe sind es für die Bloggerin und Fernsehmoderatorin Nastja Iwlejewa, 9,5 Millionen für Xenia SobtschakXenia Sobtschak (geb. 1981) ist eine bekannte Journalistin und Aktivistin der russischen Opposition. Als Tochter des ehemaligen St. Petersburger Bürgermeisters und Putin-Vertrauten Anatoli Sobtschak wurde sie in Russland zunächst als It-Girl bekannt und moderierte mehrere Unterhaltungsshows. Seit 2011 engagiert sich Sobtschak in der Opposition. Sie beteiligte sich auch an den Bolotnaja-Protesten gegen Wahlfälschung. Damit wurde sie für das staatliche Fernsehen, in dem sie bis dahin omnipräsent gewesen war, zu einer Persona non grata und tritt seitdem nur noch im unabhängigen Fernsehsender TV Doshd auf. Im Oktober 2017 gab Sobtschak ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2018 bekannt.  Mehr dazu in unserer Gnose .

Die Auswahl der Gäste und Diskussionsthemen zeigt, dass Dud einerseits seine eigene Generation und vor allem junge Menschen ansprechen will, während er andererseits über seine Diskussionspartner die jüngere Vergangenheit des Landes ergründet. Das Interesse an der Zeit und den Personen, die ihn persönlich geprägt haben, verpackt er häufig in bewusst naive, mitunter provokative, jedenfalls aber ungewohnt direkte Fragen. Dies gerade verleiht den Interviews eine Lebendigkeit, Natürlichkeit und Aufrichtigkeit, die man im Fernsehen mittlerweile kläglich vermisst. Im Interview mit Chodorkowski beispielsweise lautete eine Frage, warum sie damals, im Jahr 1996, auf einen lebenden Leichnam gesetzt hätten, bei aller Wertschätzung für Boris JelzinBoris Jelzin (1931–2007) war der erste demokratisch gewählte Präsident Russlands. Er regierte von 1991 bis 1999, seine Amtszeit war durch tiefgreifende politische und ökonomische Krisen geprägt. Jelzin setzte massive Reformen in Gang: unter anderem ein Programm zur Privatisierung von Staatseigentum und ein folgenschweres Programm zur Umgestaltung der politischen Kultur. Letzteres bezeichnen viele Wissenschaftler als „Entsowjetisierungs-Programm”.
Mit der gleichen Neugier und dem spürbaren Wunsch, jene zu verstehen, die die ersten beiden postsowjetischen Jahrzehnte gestaltet haben, leuchtet Dud die Persönlichkeit des mutigen Politreporters der Jahrtausendwende Sergej Dorenko aus. Das Ergebnis ist erhellend und erschütternd zugleich. Wie es die Novaya Gazeta formuliert: Mit all den rhetorischen Worten würde Dorenko nur die Angst rechtfertigen, in diesem Land in einem einzigen Augenblick alle liebgewonnenen Annehmlichkeiten des Lebens wieder verlieren zu können. Auf diese Weise erleben wir das traurige Schauspiel eines gebrochenen Menschen.2 

Tabubrüche sind grundlegend

vDud ist ein gelungener Hybrid, in dem das alte Fernsehinterview mit seinem Fokus auf Gesprächsinhalte auf die Aufmerksamkeitsökonomien der neuen Internet-Formate trifft. So ist jede Interview-Folge mit effektvollen Schlagwörtern versehen, zentrale Aussagen und „starke“ Ausdrücke der Interviewpartner werden durch Einblendungen zusätzlich akzentuiert. Tabubrüche sind grundlegend, gleichzeitig wirken sie jedoch gemäßigt und gezähmt. Dies zeigt sich bereits im Titel des Kanals, in dem nicht nur der Nachname seines Schöpfers steckt, sondern auch das Thema Sex, über das dieser so gerne spricht (vdut ist gleichbedeutend mit dt. „durchficken“). 

Juri Dud selbst steht weder für einen Intellektuellen, noch für einen Oppositionellen und Revoluzzer und schon gar nicht für einen Outsider. Vielmehr ist er ein Hipster mit perfekt gestyltem Haar, lässig gekleidet in Jeans, T-Shirt und Turnschuhe, das iPhone stets griffbereit. Er bewirbt in einem integrierten Werbespot Gadgets jeder Art und macht keinen Hehl daraus, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. So deklariert sich Dud offen als Vertreter einer westlich orientierten, dynamischen Pop- und Konsumkultur, die die Grenzen zwischen traditionellen und neuen Medien, alt und jung sowie intellektuell und kommerziell einebenet. Er deklariert und verkörpert auch seine eigene These: „In Russland gibt es unheimlich viele Probleme, aber das ist kein Grund, um traurig zu sein und nichts tun. Es ist ein Grund, um noch krasser zu schuften. Früher oder später wird dich das ganz nach oben bringen.“3 

 

1.vgl. Jurij Dud’ im Interview mit The Flow, 11.06.2016 oder zu Gast bei Ivan Urgant in der Fernsehshow Večernyj Urgant am 29.09.2017 
2.vgl. Novaya Gazeta: Pervochulitel’ v zakone 
3.YouTube: Novaja Rossija: The Hatters, Aksenova, Pokras Lampas, Pjazok / vDud' 
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