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Video #16: Loblied auf Stalin

Eine kleine Revolution bei den Kommunisten: Wenn im postsowjetischen Russland ein neuer Präsident gewählt wurde, hieß der Kandidat der KPRFDie KPRF ist die Kommunistische Partei der Russischen Föderation. Sie ist die direkte Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und orientiert sich politisch an einem sozialistischen Kurs, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht jedoch auch von ihrer Vorgängerin. Bei den letzten Parlamentswahlen 2016 erreichte die KPRF 13,3 Prozent der Wählerstimmen und bleibt damit die größte Oppositionspartei im Parlament. Mehr dazu in unserer Gnose in der Regel Gennadi SjuganowGennadi Sjuganow (geb. 1944) ist seit 2001 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). Zwischen 1996 und 2012 nahm er an vier Präsidentschaftswahlen als Kandidat der KPRF teil und belegte jeweils den zweiten Platz. Sjuganow bezeichnet sich selbst als Marxist-Leninist und als Vertreter des erneuerten Sozialismus. – der auch seit Parteigründung deren Vorsitzender ist. Für die bevorstehende Präsidentschaftswahl am 18. März haben die Kommunisten nun einen neuen Kandidaten ins Rennen geschickt: Pawel GrudininPawel Grudinin (geb. 1960) ist ein russischer Unternehmer und Politiker. Er ist Direktor und Mehrheitseigner des Agrarunternehmens Sowchose Lenin – größter Erzeuger von Erdbeeren in Russland. Von 2007 bis 2010 war Grudinin Mitglied der Partei Einiges Russland. Im Dezember 2017 wurde er der von der Kommunistischen Partei als Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2018 nominiert. Dabei konnt Grudinin rund 12 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen.  . Dem Mehrheitseigner und Direktor der SowchoseBezeichnung für staatliche Landwirtschaftsgroßbetriebe in der UdSSR. Das Wort leitet sich ab von den Anfängen der Wörter „sowjetisch“ (sowetski) und „Wirtschaft/Haushalt“ (chosjaistwo). Im Unterschied zu Kolchosen waren Sowchosen in Staatsbesitz. Die Arbeiter waren daher Angestellte, keine Miteigentümer. Lenin wird aktuell vorgeworfen, mehrere schweizer Bankkonten verschwiegen zu haben. Das wäre formell ein Grund, Grudinin von der Wahl auszuschließen. Doch die Zentrale WahlkommissionDie Zentrale Wahlkommission der Russischen Föderation (russisch: Zentralnaja Isbiratelnaja Komissija Rossiskoi Federazii; ZIK) ist ein staatliches Verwaltungsorgan, das sich mit der Organisation und Durchführung der Wahlen befasst. Vor dem Hintergrund der Dumawahl 2011 wurde die ZIK von der Opposition mit massiven Fälschungsvorwürfen konfrontiert. Mit dem Abgang des ZIK-Leiters Wladimir Tschurow im März 2016 zeichneten sich im Vorfeld der Dumawahl 2016 Reformbestrebungen ab. Mehr dazu in unserer Gnose beschränkt sich derzeit darauf, Grudinins neu entdeckten Auslandskonten in die offizielle Kandidaten-Info aufzunehmen.

Der russische YouTuber Juri Dud hat sich für seinen Kanal vDud mit dem Kandidaten der Kommunisten getroffen und ihn über sein Verhältnis zu Stalin befragt.

Quelle dekoder

Das Originalvideo finden Sie hier.


Wie stehen andere Kandidaten zu Stalin?

Xenia Sobtschak: Schandfleck der russischen Geschichte

Die Präsidentschaftskandidatin Xenia SobtschakXenia Sobtschak (geb. 1981) ist eine bekannte Journalistin und Aktivistin der russischen Opposition. Als Tochter des ehemaligen St. Petersburger Bürgermeisters und Putin-Vertrauten Anatoli Sobtschak wurde sie in Russland zunächst als It-Girl bekannt und moderierte mehrere Unterhaltungsshows. Seit 2011 engagiert sich Sobtschak in der Opposition. Sie beteiligte sich auch an den Bolotnaja-Protesten gegen Wahlfälschung. Damit wurde sie für das staatliche Fernsehen, in dem sie bis dahin omnipräsent gewesen war, zu einer Persona non grata und tritt seitdem nur noch im unabhängigen Fernsehsender TV Doshd auf. Im Oktober 2017 gab Sobtschak ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2018 bekannt.  Mehr dazu in unserer Gnose geht auf ihrer Website hart ins Gericht mit dem Diktator. Sie erklärt, warum eine Verherrlichung Stalins im heutigen Russland nicht zulässig sei:

Deutsch
Original
Vor 65 Jahren ist Stalin gestorben. Bedauerlich ist nur, dass er für seine Untaten nie vor einem irdischen Gericht stand. [...] Stalin ist ein Schandfleck in der Geschichte unseres Landes. Von dieser Schande kann man sich nur auf eine Art befreien – so wie sich das deutsche Volk von seiner historischen Schande befreit hat: indem man die Wahrheit sagt. Die Wahrheit darüber, dass Stalin verantwortlich ist für den Tod von Millionen Menschen – unschuldiger, verletzter, alter, Kinder. Politiker, die Stalin rechtfertigen, [...] die ihm irgendeine mythische oder gar positive Rolle in der Geschichte zuschreiben, sind Mittäter dieser und künftiger Verbrechen.
65 лет назад умер Сталин. Жалеть можно только о том, что за свои злодейства он не предстал перед земным судом. [...] Сталин — позорное пятно на истории нашей страны. Избавиться от этого позора можно единственным способом — так же, как избавился от своего исторического позора народ Германии. Говоря правду.

Правда в том, что Сталин — ответственный за смерть миллионов людей, невиновных, раненых, стариков, детей. Политики, оправдывающие Сталина [...] , признающие за ним какую-то мифическую и тем более положительную роль в истории, — соучастники этих преступлений и соавторы преступлений будущих.

 

Wladimir Putin: Kind seiner Zeit

Wladimir Putin sieht die Sache nicht so eindeutig wie seine Konkurrentin im Wahlkampf. In Oliver Stones The Putin Interviews meinte er, man müsse Stalin trotz seiner Verbrechen aus dem historischen Kontext heraus betrachten:

Deutsch
Original
Stalin war ein Kind seiner Zeit. Man kann ihn noch so sehr dämonisieren oder eben noch so viel über über seine Verdienste beim Sieg über den Nazismus sprechen. [...] Eine übermäßige Dämonisierung Stalins ist, wie mir scheint, eines der Mittel, um die Sowjetunion und Russland anzugreifen. Um zu zeigen, dass das heutige Russland irgendwelche Muttermale des Stalinismus trägt. Wir alle haben irgendwelche Muttermale. Na und? Natürlich bleibt was im Bewusstsein hängen, aber das heißt nicht, dass wir alle Gräuel des Stalinismus vergessen sollten, die mit Konzentrationslagern und der Vernichtung von Millionen von Landsleuten verbunden sind.
Сталин был продуктом своей эпохи. Можно сколько угодно его демонизировать и сколько угодно, с другой стороны, говорить о его заслугах в победе над нацизмом. [...] Мне кажется, что излишняя демонизация Сталина — это один из способов, один из путей атаки на Советский Союз и Россию. Показать, что сегодняшняя Россия несет на себе какие-то родимые пятна сталинизма. Мы все несем какие-то родимые пятна, ну и что. Конечно, в сознании что-то остается, но это не значит, что мы должны забыть все ужасы сталинизма, связанные с концлагерями и уничтожением миллионов своих соотечественников.

 

Wladimir Shirinowski: Halunke und Verbrecher

Wladimir ShirinowskiWladimir Wolfowitsch Shirinowski (geboren 1946 als Wladimir Eidelstein) ist Gründer und Vorsitzender der nationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Seine Auftritte zeichnen sich durch extrem populistische Rhetorik, antisemitische Stereotype und regelmäßige Handgreiflichkeiten vor laufenden Kameras aus. Zudem hat er wiederholt zu militärischer Gewalt gegen westliche Staaten aufgerufen. Shirinowski ist als zuverlässig Grenzen überschreitender Polit-Clown ein essentieller Bestandteil des russischen öffentlichen Lebens. Mehr dazu in unserer Gnose , Präsidentschaftskandidat der LDPRDie 1991 gegründete Liberal-demokratische Partei Russlands (LDPR) besitzt trotz ihrer Bezeichnung eine nationalistisch-rechtspopulistische Ausrichtung. Ihr Gründer und Vorsitzender ist Wladimir Shirinowski, der regelmäßig mit extremen und provokativen Aussagen für Aufsehen sorgt. Mehr dazu in unserer Gnose , ist bekannt für seine leidenschaftlichen Ausbrüche. Dementsprechend beantwortet er auch die Frage nach Stalin:

Deutsch
Original
Schauen Sie sich den Lebenslauf an: Hat nie irgendwo studiert, nie irgendwo gearbeitet, in zehn Jahren zwei Priesterseminare abgebrochen, war nie bei der Armee. Seine ganze Biografie besteht aus Verbannung, Lager, Flucht und Diebstahl. Das war vor der sowjetischen Herrschaft. Unter sowjetischer Herrschaft ist er gleich Minister geworden. Stellen Sie sich das vor, der hat nie etwas geleitet, nur kriminelle Strukturen verwaltet. [...] Alles was Stalin gemacht hat ist, Konkurrenten auszuschalten. Auf Russland hat er doch gespuckt, auf das russische Volk, auf sein eigenes Georgien, auf alles. [...] Anfang März liegt er im Sterben, liegt da mit einem Schlaganfall und seine engsten Berater, wie wilde Tiere, machen nichts. Soll das ein Anführer sein? [...] Es haben ihn doch alle gehasst, alle, die wussten was für ein Halunke und Verbrecher das ist.
Посмотрите на биографию: никогда нигде не учился, никогда нигде не работал, десять лет – две духовные семинарии так и не окончил. Человек в армии никогда не был. Вся его биография: ссылки, лагеря, побеги, грабежи. Это до советской власти. Советская власть: сразу министром стал. Представляете, ничего никогда не управлял, только криминальными структурами управлял. […] Вся деятельность Сталина – это уничтожить своих конкурентов. Плевать на Россию, на русский народ, на собственную Грузию, на все наплевать. […] Он умирает первого марта, он лежит с инсультом и ближайшие соратники как звери ничего не делают. Это что руководитель? […] Так его ненавидели все, все его ненавидели, кто знал, каков он негодяй и преступник.

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Der Große Terror

Jeder Sowjetbürger musste in diesem „apokalyptischen Theater des Schreckens“ mit Verhaftung und Hinrichtung rechnen. Dem Großen Terror unter Stalin fielen Hunderttausende zum Opfer. Die Jahreszahl 1937 hat sich als die dunkelste Chiffre sowjetischer Geschichte eingebrannt. Doch 80 Jahre später spricht kaum einer darüber. Nina Frieß über eine tabuisierte Vergangenheit in der gegenwärtigen Erinnerungskultur Russlands.  

Stalins Tod

Der Tod Stalins löste im ganzen Land Bestürzung aus, selbst Opfer seiner Repressionen trauerten um den Führer der Werktätigen. Niemand wusste, was der Tod des Diktators für die Hinterbliebenen bedeuten würde. Fabian Thunemann zeichnet die Ereignisse vom März 1953 nach.

Tag des Sieges

Der Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen.

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Stalins Tod

Am 6. März 1953 stand die Wahrheit in der PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung.. Die Welt erfuhr, dass der FührerIossif Dschugaschwili hatte mehr als 30 Pseudonyme beziehungsweise Beinamen. Die Entstehung des Pseudonyms Stalin ist nicht klar nachvollziehbar, viele Historiker vertreten die Version, dass es sich auf Stahl bezieht, im Sinne von hart und unnachgiebig. Einer der häufigsten Beinamen Stalins war Führer (der Völker) (russ. Woshd (Narodow)). Die sowjetische Propaganda bezeichnete ihn darüber hinaus unter anderem auch als Lehrer, weiser Vater, Lokomotive der Revolution oder Baumeister des Kommunismus. der Werktätigen am Vortag nach schwerer Krankheit verschieden sei. Auch wenn das „Herz des Kampfgefährten und genialen Fortsetzers der Sache LeninsNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. Mehr dazu in unserer Gnose “ zu schlagen aufgehört habe, versicherten die obersten Organe des Parteistaates, werde Stalin „immer in den Herzen des sowjetischen Volkes und der gesamten progressiven Menschheit“ fortleben. Wie Lenin rund 30 Jahre zuvor, sollte nun auch sein treuester Schüler im Säulensaal des Hauses der GewerkschaftenDas Haus der Gewerkschaften (russ. Dom Sojusow) in Moskau wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für den russischen General und Staatsmann Wassili Dolgoruki-Krimski (1722–1782) errichtet. Nach der Oktoberrevolution 1917 fanden in dem klassizistischen Gebäude Räteversammlungen und Parteitage statt. Bei Staatsbegräbnissen wurden hier Politiker aufgebahrt, die später an der Kremlmauer bestattet wurden. aufgebahrt werden, um seinen Anhängern Gelegenheit zum Abschied zu geben.1 Dieser einträchtigen Trauer waren allerdings dramatische Tage vorausgegangen. 

 In den Tagen bis zur Beerdigung strömten Tausende ins Haus der Gewerkschaften, um sich von Stalin zu verabschieden / Foto © KommersantBegonnen hatten sie am 28. Februar mit einem Kinoabend im Kreml. Für gewöhnlich saß Stalin an diesen Abenden mit seiner Entourage zusammen, zuletzt bestehend aus Nikita ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew., Lawrenti BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem GULag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen., Georgi MalenkowGeorgi Malenkow (1901–1988) war ein sowjetischer Politiker und ein enger Weggefährte Stalins. Er beteiligte sich maßgeblich an den Stalinschen Säuberungen und war ab 1939 Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU. Nach dem Großen Vaterländischen Krieg wurde Malenkow Vollmitglied des Politbüros des ZK und galt zeitweise als zweitmächtigster Mann des Landes. und Nikolaj BulganinNikolaj Bulganin (1895–1975) war Marschall der Sowjetunion, Vollmitglied des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU und Verteidigungsminister. Er gehörte zum engsten Kreis Stalins, beteiligte sich aber nach Stalins Tod an der Entstaliniserungs-Kampagne von Chruschtschow. . Diese Abende nahmen sich keineswegs erholsam aus: vielmehr waren sie informelle Zusammenkünfte des stalinistischen Machtzirkels, nicht selten gefolgt von ausgedehnten nächtlichen Gelagen auf der Lieblings-DatschaDie Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Die Datscha steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha auch oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen. Mehr dazu in unserer Gnose Stalins ganz in der Nähe Moskaus.2

Licht im Zimmer des Führers

Auch am 28. Februar fand man sich also nach der Filmvorführung zu einem späten Abendessen in Kunzewo ein. In ausgelassener Stimmung, so Chruschtschow in seinen Memoiren, verbrachten sie den letzten gemeinsamen Abend, bis Stalin seine Gäste gegen vier Uhr morgens zur Tür geleitete.3 Am nächsten Tag, einem Sonntag, wartete man dann allerdings vergebens auf Anweisungen. Erst am frühen Abend vermeldeten außerhalb des Hauses postierte Wachtposten Licht im Zimmer des Führers; indes sah der Sicherheitsdienst erst in der eingetroffenen Abendpost einen geeigneten Vorwand, gegen 23:30 Uhr nach Stalin zu schauen.

Entsetzen vor dem Tod

Nun war offenbar, dass es schlecht stand um den Diktator. Die engsten Vertrauten wurden informiert: Berija und Malenkow trafen noch in der Nacht auf den 2. März in Kunzewo ein, am frühen Morgen kam Chruschtschow mit einer Gruppe von Ärzten hinzu. Diese attestierten eine Hirnblutung.4 Es waren „schreckliche Tage“, erinnert sich Stalins Tochter Swetlana Allilujewa: „Die Atemzüge wurden immer kürzer und kürzer. In den letzten zwölf Stunden war es bereits klar, dass sich der Sauerstoffhunger vergrößerte. […] Die Agonie war entsetzlich, sie erwürgte ihn vor aller Augen. In einem dieser Augenblicke – ich weiß nicht, ob es wirklich so war, aber mir schien es jedenfalls so – offenbar in der letzten Minute öffnete er plötzlich die Augen und ließ seinen Blick über alle Umstehenden schweifen. Es war ein furchtbarer Blick, halb wahnsinnig, halb zornig, voll Entsetzen vor dem Tode und den unbekannten Gesichtern der Ärzte, die sich über ihn beugten […] – da hob er plötzlich die linke Hand (die noch beweglich war) und wies mit ihr nach oben, drohte uns allen.“5

Der König ist tot …

Der Kampf um die Nachfolge war längst in vollem Gange, als die Welt aus der Zeitung erfuhr, dass Stalin am 5. März gestorben sei und eine Begräbniskommission unter Chruschtschows Vorsitz die Beisetzung für den 9. März festgesetzt hatte. In den drei Tagen bis zu diesem Termin strömten Tausende zum Haus der Gewerkschaften, um sich von Stalin zu verabschieden. Da die begrenzten Besuchszeiten in keinem Verhältnis zu dem Andrang standen, seien mindestens 109 Menschen erstickt oder einfach totgetrampelt worden, was Chruschtschow einige Jahre später preisgab.6

Die chaotischen Zustände im Zentrum Moskaus lassen sich geradezu als Metapher umfassender Überforderung verstehen, denn niemand wusste, was der Tod des Diktators für die Hinterbliebenen bedeuten würde. So herrschte denn auch bei vielen Opfern der stalinistischen Ordnung eine bedrückende Mischung aus Erleichterung und Trauer.7 Selbst Häftlinge in den Lagern des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Mehr dazu in unserer Gnose -Komplexes wollten den Nachrichten aus Moskau keinen rechten Glauben schenken und boten der sowjetischen Führung ihre Hilfe an. Von anderen Reaktionen berichtet der Insasse eines Lagers bei Workuta: „Wir hörten die Posten auf den Wachtürmen erregt miteinander telefonieren und bald darauf die ersten Betrunkenen lärmen.“8Unzählige verfolgten das letzte Geleit Stalins und erhofften sich neue Orientierung von den Grabreden / Foto © Manhoff Archives

Der Tod des Führers erwies sich als Wendepunkt des Personenkults. Ein Kult, der seit dem 50. Geburtstag Stalins die gesamte Sowjetunion und die sozialistischen Bruderländer zu erfassen begonnen und stets zu den runden Geburtstagen besondere Höhepunkte erfahren hatte. Das Ableben des Sakralisierten und die völlige Ungewissheit des Kommenden erzeugten somit im März 1953 eine außerordentlich widersprüchliche Atmosphäre. Während die einen von der Freiheit zu träumen wagten, erschien anderen ein Leben außerhalb des stalinistischen Koordinatensystems geradezu unvorstellbar. Wieder andere fürchteten gar eine noch schlimmere Zukunft. 

… es lebe der König

Am 9. März erwiesen das PräsidiumUnter Stalin wurde das Politbüro 1952 mit dem Organisationsbüro des Zentralkomitees zusammengefasst und als Präsidium bezeichnet. Auf dem 18. Parteitag 1966 wurde es von den Parteimitgliedern wieder in Politbüro rückbenannt. Bei dem Politbüro handelte es sich um das höchste Führungsgremium der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und somit dem eigentlichen politischen Machtzentrum von Partei und Staat. und kommunistische Würdenträger aus dem Ausland Stalin das letzte Geleit. Unzählige verfolgten das Spektakel und erhofften neue Orientierung von den drei Grabreden, die MolotowWjatscheslaw Molotow (1890–1986) war ein enger Weggefährte Stalins. In den Jahren 1939–1949 sowie 1953–1956 war er Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten beziehungsweise sowjetischer Außenminister. Bereits mit 16 Jahren war Molotow Mitglied der Bolschewiki. Er war vor der Revolution 1917 zweimal verhaftet und in Straflagern interniert worden., Berija und Malenkow hielten. Nicht zuletzt aufgrund ihrer politischen Funktionen – Außenminister, Innenminister und Vorsitzender des Ministerrates – standen diese drei für die neuen Machtverhältnisse. Die Alleinherrschaft Stalins erschien nunmehr als Triumvirat. 
Chruschtschow hatte demgegenüber lediglich die Begräbniskommission leiten dürfen, während er im selben Zeitraum das Amt als Moskauer Parteiführer einbüßte. Als einer von acht Sekretären sollte er das ZentralkomiteeDas Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) war das eigentliche Machtorgan der UdSSR. Es bestand unter anderem aus dem Politbüro, dem Sekretariat und dem Apparat des ZK. Der Apparat bündelte zum Teil dieselben Kompetenzen wie der Ministerrat der UdSSR – die formale Regierung des Landes. neu organisieren. In den nächsten Wochen konnte er allerdings aus dieser unscheinbaren Position seine Macht ausbauen. Chruschtschow folgte somit faktisch Stalin als Erstem Sekretär des Zentralkomitees nach, auch wenn er in dieses Amt erst im September 1953 offiziell gewählt wurde.

Sollte „Chruschtschow seinen Triumph vorhergesehen haben“, so resümiert der Historiker William Taubman den unwahrscheinlichen Aufstieg des TauwetterpolitikersBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Mehr dazu in unserer Gnose in spe, „dann muss er wirklich der einzige gewesen sein.“9 Nun ist es keine historische Seltenheit, dass sich in der Politik unterschätzte Personen durchsetzen. Und so erwies sich auch im Falle Chruschtschows gerade dieser Umstand als entscheidender Vorteil. Als eine weitere Überraschung sollte sich in den nächsten Jahren sodann erweisen, dass der neue Machthaber im Kreml 1956 öffentlich mit dem Personenkult Stalins abrechnete und damit die Verbrechen publik machte, in die auch er selbst verstrickt war. Das Sprechen über den Terror des Stalinismus hatte auf oberster Ebene begonnen – die Epoche der Entstalinisierung war angebrochen. 


1.Pravda, 6. März 1953, 1
2.vgl. etwa Chlevnjuk, Oleg (2015): Stalin: Žizn odnogo voždja, S. 23f.
3.Khrushchev, Sergei (2006): Memoirs of Nikita Khrushchev: Vol. 2: Reformer [1945-1964], S. 147
4.Die Darstellung folgt hier Gorlizki, Yoram/Khlevniuk, Oleg (2004): Cold Peace: Stalin and the Ruling Circle, 1945-1953, S. 162
5.Allilujewa, Swetlana (1967): Zwanzig Briefe an einen Freund, S. 19, 24f.
6.vgl. Chlevnjuk, Oleg (2015): Stalin: Žizn odnogo voždja, S. 428
7.vgl. Figes, Orlando (2008): Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland, S.737-836
8.Applebaum, Anne (2003): Der Gulag, S. 502
9.Taubman, William (2003): Khrushchev: The Man and His Era, S. 241
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