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Sakon (Gesetz)

Die Formel „im Rahmen des Gesetzes“ scheint ein Lieblingsausdruck von Wladimir Putin zu sein. Leonid A. Klimov über das schwierige Verhältnis zum Gesetz in der russischen Kultur, rechtlichen Pluralismus und die Erfahrung der Grenzüberschreitung. 

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Ilya Varlamov

Am 26. April 2017 schreibt der bekannte Blogger Ilya Varlamov auf seinem Twitteraccount: „Hallo, Stawropol) Danke @aeroflot für einen tollen Flug. Das Wetter ist großartig.“ Einige Minuten später spritzen ihm Unbekannte Seljonka ins Gesicht, einen organischen Farbstoff aus der Gruppe der Triphenylmethane, der in der russischen Hausmedizin als antiseptisches Wunderheilmittel gilt. Darauf folgten Torten und Schläge, denen der mit Säure angegriffene Blogger nichts mehr entgegensetzen konnte.

Jod, Torten und Seljonka sind die üblichen Kampfmittel der Aktivisten, von denen oppositionelle Politiker wie Alexej NawalnyAlexej Nawalny ist einer der bekanntesten Oppositionspolitiker und Aktivisten Russlands, der die staatliche Elite in seinen Veröffentlichungen regelmäßig mit schwerwiegenden Vorwürfen zu Korruption und Machtmissbrauch konfrontiert. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker Wladimir Putins. oder Michail KassjanowIst ein Oppositionspolitiker und Putinkritiker. Von Mai 1999 bis Mai 2000 war er Finanzminister, bevor er unter Präsident Putin zum Ministerpräsidenten aufstieg. 2003 kritisierte er die Festnahme des Yukos-Miteigentümers Platon Lebedew. Mitsamt seinem Kabinett wurde er im Februar 2004 von Putin des Amtes enthoben. Seit 2005 engagiert er sich in der Opposition, seit 2012 ist er im Vorstand der liberalen Partei der Volksfreiheit (RPR-PARNAS). mehrmals angegriffen wurden. Nawalny verlor bei einem dieser Angriffe fast das Sehvermögen und musste operiert werden. Varlamov hatte allerdings Glück: Er trägt eine Brille. Schon eine Stunde später postete er den Tweet: „Mit mir ist alles ok :) Schade um mein Lieblings-T-Shirt und die Technik. Ich gehe mich jetzt waschen und dann fotografiere ich die Stadt.“ Dies war der eigentliche Anlass seiner Reise nach Stawropol.

Varlamov befindet sich immer inmitten der Ereignisse, schreibt und berichtet über alles, worauf er trifft und was mit ihm geschieht. Foto © varlamov.ru

Auch wenn sich dieser Vorfall schon wenige Stunden später in einem anderen Stadtteil wiederholte, war Varlamov nicht abzuschrecken. Im Gegenteil: Er dokumentierte den Angriff und veröffentlichte die Fotos der Täter (die schließlich eine Geldstrafe in Höhe von 8 Euro bezahlen mussten1) auf seinem Blog und in den Sozialen Netzwerken. Denn die minutiöse Dokumentation von alldem, was mit ihm und um ihn herum geschieht – seien es oppositionelle Demonstrationen auf dem Bolotnaja-PlatzDer Bolotnaja-Platz befindet sich zwischen dem Kreml und dem alten Kaufmannsviertel Samoskworetschje im Zentrum Moskaus. Er hat im Mittelalter zunächst als Handelsplatz gedient, später kam ihm immer wieder eine wichtige politische Bedeutung zu, zuletzt während der Proteste gegen die Regierung in den Jahren 2011/12., nationalistische Ausschreitungen auf dem ManegenplatzDer Manegenplatz liegt im Stadtzentrum Moskaus: Im Osten steht der Kreml, im Norden das ehemalige Hotel Moskwa und im Süden die namensgebende Manege. Der Platz ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte, ein Schauplatz wichtiger politischer Auseinandersetzungen und ein Gedächtnisort in der Erinnerungskultur Russlands. Die Verkleinerungsform Maneshka steht heute aber vor allem für die nationalistischen Ausschreitungen, die sich in den Jahren 2002 und 2010 auf dem Platz abspielten. , die Proteste auf Maidan oder Auseinandersetzungen mit der Polizei in Hamburg während des G20-Gipfels – ist sein Hobby und Beruf.

Blogger und Fotograf

Dem breiten Publikum ist er vor allem durch seinen Blog varlamov.ru bekannt, den er unter dem Nickname Zyalt2 am 5. August 2006 auf der LiveJournalLiveJournal ist ein Soziales Netzwerk, das Weblogs anbietet. Ursprünglich ein amerikanisches Unternehmen, wurde es 2007 vom russischen Unternehmer Alexander Mamut (geb. 1960) gekauft. Bis in die 2010er Jahre hinein war LiveJournal die am häufigsten genutzte Blogplattform Russlands.-Plattform startete. Mit dem Slogan „Make Russia warm again“ schaffte er ein äußerst erfolgreiches Autorenmedium (awtorskoje SMI), das seit 2015 auf einer eigenen Domain läuft, aber immer noch bei LiveJournal integriert ist. Der Erfolg von varlamov.ru kann sich sehen lassen: Laut dem LiveJournal-Nutzer-Rating 2017 rangiert die Seite mit zwei Millionen Abonnenten auf dem ersten Platz dieser Liste und mit einigen Millionen Klicks im Monat konkurriert sie mit großen Online-Medien.

Viele Ereignisse in der jüngsten Geschichte Russlands sind den Internet-Nutzern durch seine Fotos und Videos bekannt. Varlamov gilt als Chronist der oppositionellen Demonstrationen und Kundgebungen: Der Marsch NesoglasnychAls Marsch Nesoglasnych (dt. wörtl. Marsch der Nichteinverstandenen) wurden die Demonstrationen bezeichnet, bei denen zwischen 2005 und 2008 viele verschiedene oppositionelle Kräfte gegen die politische Ordnung Russlands protestierten. (Marsch der Nichteinverstandenen), die Strategie 31Strategie 31 war eine oppositionelle soziale Bewegung, die vor allem in den Jahren 2009 bis 2011 aktiv war. Ziel der Bewegung war es, an den Artikel 31 der russischen Verfassung zu erinnern, der Versammlungsfreiheit garantiert. Jeweils am 31. von ungeraden Monaten versammelten sich damals einige hunderte Menschen in vielen Städten Russlands zu Demonstrationen., BolotnajaBolotnaja-Bewegung ist eine oft, aber nicht immer, abwertend gebrauchte Bezeichnung für die Proteste gegen Wahlfälschung und das Einiges Russland in den Jahren 2011–13, insbesondere deren Hochphase von Dezember 2011 bis Mai 2012. Der Begriff leitet sich vom Bolotnaja-Platz im Moskauer Stadtzentrum ab, auf dem drei der größten Demonstrationszüge (10.12.2011, 4.2.2012, 6.5.2012) endeten. Ein verwandter Begriff ist der Bolotnaja-Prozess. Dieser bezieht sich auf die Massenverhaftungen und anschließenden Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Marsch der Millionen am 6.5.2012 auf dem Bolotnaja-Platz., SacharowaGemeint ist Prospekt Akademika Sacharowa (dt. Sacharow-Prospekt) – eine nördlich des Moskauer Stadtzentrums gelegene Straße, auf der in den Jahren 2011-2012 Massenproteste gegen Wahlfälschungen stattfanden. – zu allen diesen Ereignissen lieferte er hautnahe und anschauliche Foto-Reportagen. Varlamov befindet sich immer inmitten der Ereignisse, schreibt und berichtet über alles, worauf er trifft und was mit ihm geschieht – er kennt keine Scheu. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum er als Profilbild seines Blogs den als ausgelassen und rebellisch bekannten Bart Simpson ausgewählt hat, dessen Gesicht von einer Afro-Perücke – als Anspielung auf Varlamovs eigenen Wuschelkopf – mit den Farben der russischen Nationalflagge umrahmt ist.

Varlamovs Autorenmedium ist nicht nur hinsichtlich der Klickzahlen und Bekanntheit erfolgreich, sondern stellt auch ein gelungenes kommerzielles Projekt dar. Zu den Hauptthemen seines Blogs zählen neben der Beschäftigung mit den jüngsten politischen Ereignissen in Russland und anderen Ländern auch die aktuelle Lebenssituation und die Probleme des russischen Großstadtlebens.

Wegen der Betonung solcher Probleme wurde Varlamov bereits mehrmals zur Zielscheibe von Kritik. So bezichtigte ihn 2017 der DumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde.-Abgeordnete Wladimir Burmatow der „Auftragsschreiberei” (rus. sakasucha): Der Blogger habe für seinen niederschmetternden Bericht über einen Spielplatz in Tscheljabinsk Geld angenommen, so der Politiker. Stichhaltige Beweise blieben aus, wie auch bei den häufigen Unterstellungen seitens russischer Oppositioneller. Diese halten Varlamov manchmal vor, Auftragsschreiberei für den Kreml und ein doppeltes Spiel zu treiben. Der Journalist Oleg KaschinOleg Kaschin (geb. 1980) ist ein bekannter russischer Journalist. Er schreibt für verschiedene unabhängige Medien und gibt sich in seinen Artikeln betont kremlkritisch. Mutmaßlich wegen dieser Haltung wurde er bereits mehrmals Opfer von Gewalttaten. So schlugen ihn 2010 drei Menschen brutal zusammen, Kaschin musste sich einigen Operationen unterziehen. 2015 gab der Journalist bekannt, dass Indizien gegen drei Täter vorliegen würden. Ein von ihm angestrebtes Gerichtsverfahren wegen versuchten Mordes wurde allerdings noch nicht eröffnet. , der 2012 Varlamov ebenfalls ein Doppelspiel vorgeworfen hatte,3 kürte ihn vier Jahre später zum Journalisten des Jahres 2016. Kaschin betonte jedoch dabei, dass Varlamovs Blog nur deshalb zu einem wichtigen Medium wurde, weil die mediale Landschaft drumherum zerstört oder verdorben sei.4

Kampf für schönere und lebenswerte Städte

Ausgestattet mit einer Handkamera oder einfach nur mit seinem Handy wandert Ilya Varlamov (geb. 1984) durch die Städte, filmt und kommentiert dabei nicht nur aktuelle Ereignisse, sondern auch die Beschaffenheit von Straßen, Gehsteigen und Gebäuden. Offensichtlich findet er dabei Gehör, weil er mit Humor und einfachen, klaren Worten auf Missstände und Nachlässigkeiten hinweist, bei denen andere wegsehen. Und er weiß offensichtlich, wovon er spricht: Der geborene Moskauer ist während der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. und der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. aufgewachsen und absolvierte das Moskauer Architekturinstitut. Bereits während seines Studiums gründete er zusammen mit Artjom Gorbatschow das Studio für 3D-Visualisierung iCube, das sich nach über 10 Jahren Existenz in Moskau als erfolgreiches Unternehmen im Bereich der Stadtplanung und Architekturgrafik etabliert hat und sowohl mit großen Privatfirmen als auch mit staatlichen Behörden und der Moskauer Regierung zusammenarbeitet.

Varlamov arbeitet außerdem für die von ihm und Maxim Katz gegründete Stiftung Gorodskie projekty (dt. Stadtprojekte) – eine gemeinnützige Organisation, die sich für ein besseres und angenehmeres Leben in der Stadt einsetzt und die Miteinbeziehung der BürgerInnen für die Lösung städtischer Probleme fordert. Unterstützt von Freiwilligen, führt die Stiftung jeweils vor Beginn eines Stadtprojekts Feldstudien durch und hat dadurch beispielsweise schon ein Parkverbot auf den Gehsteigen der Twerskaja Uliza durchgesetzt. Die Stiftung arbeitet eng mit iCube R&D Group, die inzwischen von Varlamovs Frau Ljubow Varlamova geleitet wird, und der gleichnamigen Agentur Gorodskie projekty zusammen.

Gläserne Schraube

Varlamov setzt sich in erster Linie für die Verbesserung der Lebensqualität in russischen Städten ein. Als Menschenrechtsaktivist und Mitorganisator des Projekts Strana bez glupostej (dt. Land ohne Dummheiten) kämpft er gegen Verletzungen der bürgerlichen Freiheit und gegen Verwaltungsverstöße. Mithilfe von Youtube-Videos, wie beispielsweise in seinem neuen Videoprojekt Kak nam obustroit Rossiju (dt. Wie wir Russland ausbauen können), thematisiert und diskutiert er Ideen, Neuigkeiten und Projekte russischer Stadtentwicklung und Stadtplanung. Dabei tritt er in Interaktion mit seinen Followern: Ganz im Sinne der Bürgernähe sollen seine AnhängerInnen auf Probleme und Nachlässigkeiten sowie auf positive Entwicklungen in ihren Städten hinweisen, ihm Fotos schicken und neue Themen vorschlagen.

Parkplatz, nominiert für den Preis Gläserne Schraube. Foto © varlamov.ru

Varlamov kämpft allerdings nicht nur mithilfe von Aufklärung und Bewusstseinsschaffung in Form von Fotos, Videos oder Blogeinträgen für lebenswertere Städte und gegen Verwaltungsverstöße, sondern auch mit Witz: So hat er die Antiprämie Stekljanny bolt (dt. Gläserne Schraube) ins Leben gerufen – ein Preis, bei dem Fotos mit den schlimmsten Fehlern, Ungenauigkeiten und Pannen russischer Stadtgestaltung prämiert werden.5

Russland verändern

Ilya Varlamov will mithilfe seiner Fotos, Kommentare und Videos etwas in Russland verändern, indem er Lösungen aus anderen Ländern für ein angenehmes Stadtklima sammelt, auf Anregungen und Beobachtungen russischer BürgerInnen eingeht und diese mit seinem Fachwissen kommentiert. Mehrmals versuchte er sich auch in der Rolle des Politikers. So ist er 2012 Mitgründer der sogenannten Liga Isbiratelei (dt. Liga der Wähler) geworden, er kandidierte auch für den Posten des Bürgermeisters der Stadt Omsk und scheiterte bei der Unterschriftensammlung; im April 2018 kündigte er an, auch an den Moskauer GouverneurswahlenBis 2004 wurden die Gouverneure der Föderationssubjekte von der Bevölkerung gewählt, danach vom Präsidenten ernannt. Als Reaktion auf die Massenproteste 2011/2012 hat man die Gouverneurswahlen in modifizierter Form wieder eingeführt. So müssen etwa die Kandidaten die Unterstützung der Kommunalparlamente in ihrer Region besitzen. Dabei können nun die Regionen selber darüber entscheiden, ob Gouverneure direkt oder vom örtlichen Parlament gewählt werden. teilnehmen zu wollen.

Jedoch treffen sein Engagement und insbesondere das Aufzeigen von Korruption und Schlamperei im russischen Baugewerbe nicht bei allen auf Zustimmung. Er kritisiert die Gouverneure und Bürgermeister, Bauherren und Investoren. Seine Fotoreportagen aus der russischen Provinz werfen ein Schlaglicht auf die Realitäten, die die breite Öffentlichkeit sonst nicht auf dem Schirm hat. Damit löst er oft auch Mediendebatten aus. Den Vorfall in Stawropol bringt er mit kommerziellen Interessen einer Immobilienfirma JugStrojInvest in Verbindung – er wollte ein von ihr gebautes Wohngebiet fotografieren.


1.Mk.ru: Napavšije na Varlamova s zeljenkoj ottelalis´ štrafom v 500 rublej
2.Varlamov schrieb in einem seiner Posts, dass dieser Nickname keine Bedeutung hat und wird als Sjalt ausgesprochen: Varlamov.ru: Čto značit “zyalt”?
3.Kommersant.ru: Velikij murzilka
4.Kashin.guru: Žurnalist goda 2016 - Ilja Varlamov
5.Varlamov.ru: Stekljannyj bolt
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Bolotnaja-Bewegung

Bolotnaja-Bewegung ist eine oft, aber nicht immer, abwertend gebrauchte Bezeichnung für die Proteste gegen Wahlfälschung und das Einiges Russland in den Jahren 2011–13, insbesondere deren Hochphase von Dezember 2011 bis Mai 2012. Der Begriff leitet sich vom Bolotnaja-Platz im Moskauer Stadtzentrum ab, auf dem drei der größten Demonstrationszüge (10.12.2011, 4.2.2012, 6.5.2012) endeten. Ein verwandter Begriff ist der Bolotnaja-Prozess. Dieser bezieht sich auf die Massenverhaftungen und anschließenden Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Marsch der Millionen am 6.5.2012 auf dem Bolotnaja-Platz.

Sergej Schnurow

Derbe Saufkultur, exzessiver Gebrauch tabuisierter Kraftausdrücke und souverän gespielte Mischung aus Ska, Punk-Rock und Chanson – das macht Sergej Schnurow und seine Band Leningrad aus. Eva Binder über den legendären Sänger und Song-Autor, der den Russen beibrachte, über sich selbst zu lachen.

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