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„Als Kind war ich Fan von Detektivgeschichten“

Im Runet hat dieser Auftritt für viel Spott und Häme gesorgt: Kaum hatte der britische Geheimdienst Fotos von den beiden Verdächtigen im Fall Skripal veröffentlicht, gaben die beiden RTRussia Today (RT) ist ein seit 2005 existierender staatlicher russischer Auslandsfernsehsender mit diversen Sendesprachen. Seit November 2014 gibt es einen deutschsprachigen Online-Ableger. RT versteht sich mit seinen Nachrichten- und Informationssendungen ausdrücklich als Gegenstimme zur westlichen Medienberichterstattung und spiegelt dabei vor allem die offizielle Sichtweise der russischen Regierung wider.-Chefredakteurin Margarita SimonjanMargarita Simonjan (geb. 1980) ist  Fernsehjournalistin und Chefredakteurin der staatlichen Nachrichtenagentur Rossija Segodnja („Russland Heute“), zu der unter anderem auch die deutschsprachige Version von Sputniknews gehört. ein Interview. Sie seien nur russische Touristen, versicherten sie, die die „englischen Gotik genießen“, die „berühmte Kathedrale von Salisbury“ besichtigen wollten. Ruslan Boschirow und Alexander Petrow seien ihre richtigen Namen.

Es waren vor allem russische Medien, The Insider und Fontanka, die weiter recherchierten: Demzufolge sind die beiden tatsächlich Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes GRUGRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije, dt. „Hauptverwaltung für Aufklärung“) ist die ehemalige (aber immer noch geläufige) Abkürzung für den Auslandsgeheimdienst des Verteidigungsministeriums und des Militärs. 2010 wurde der Geheimdienst umbenannt in Hauptverwaltung des Generalstabs der Streitkräfte. Mehr dazu in unserer Gnose , die mit bürgerlichen Namen Anatoli Tschepiga und Alexander Mischkin heißen sollen. The Insider arbeitete dabei eng zusammen mit dem investigativen Recherchenetzwerk BellingcatBellingcat ist ein seit 2012 bestehendes investigatives Recherchenetzwerk. Gegründet wurde es vom britischen Journalisten und Netzaktivisten Eliot Higgins (geb. 1979). 2012 deckte Bellingcat den Einsatz von international geächteten Streubomben im syrischen Bürgerkrieg auf. Auch mit seinen Recherchen zum Absturz der Passagiermaschine MH-17 in der Ostukraine erregte das Recherchenetzwerk 2015 großes Aufsehen in internationalen Medien. 

Wie genau sind die russischen Journalisten bei ihren Recherchen vorgegangen? 
Und: Die Ergebnisse dürften dem Kreml kaum gefallen haben – fürchten sie jetzt nicht um ihre Sicherheit? 
Diese und andere Fragen stellt Meduza dem Chefredakteur von The Insider Roman Dobrochotow.

Quelle Meduza

Investigativjournalist Roman Dobrochotow bei einer Protestaktion im Jahr 2009 – „Wir tragen alle mehr oder weniger ein Risiko.“ / Foto © Ilya Varlamov/varlamov.ru

Meduza: Dies ist nicht Ihre erste gemeinsame Recherche mit Bellingcat. Da gab es im letzten Jahr die Nachforschungen zur Verbindung Russlands mit dem Umsturzversuch in Montenegro und die Geschichte mit dem GRU-GeneralNikolaj Tkatschjow (geb. 1949) ist ein Generaloberst der russischen Strеitkräftе. Obwohl er seit 2010 Reservist ist, war Tkatschjow 2011–2012 führender Militärberater beim russischen Einsatz im syrischen Bürgerkrieg. Laut dem investigativen Recherchenetzwerk Bellingcat befand sich Tkatschjow im Sommer 2014 auf dem von Separatisten kontrollierten Gebiet im Osten der Ukraine. Zahlreiche Hinweise deuten laut Bellingcat darauf hin, dass der General am Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH-17 im Juli 2014 beteiligt war., den Sie als Verantwortlichen für den Abschuss der Boeing MH-17Flug MH17 war ein Linienflug des Unternehmens Malaysia-Airlines von Amsterdam nach Kuala-Lumpur, der am 17. Juli 2014 auf dem Separatistengebiet im Osten der Ukraine abgestürzt ist. Alle 298 Passagiere kamen dabei ums Leben. Laut Untersuchungsbericht ist das Flugzeug von einer BUK-Luftabwehrrakete aus russischer Produktion abgeschossen worden. Während die Ukraine und der Westen die prorussischen Seperatistenmilizen für die Tat verantwortlich machen, beschuldigt Russland die Ukraine und leugnet die Lieferung von entsprechender Technik an die Aufständischen. Die Einrichtung eines internationalen UN-Sondertribunals zur Klärung dieser Frage scheiterte im Juli 2015 am Veto Russlands. über dem DonbassDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose nennen. Wie hat Ihre Zusammenarbeit angefangen?

Roman Dobrochotow: Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob die ukrainische oder montenegrinische Untersuchung zuerst war. Irgendwann im Jahr 2016 machte ich Bekanntschaft mit einem der führenden Investigativjournalisten von Bellingcat, Christo Grozev, der unter dem Pseudonym Moris Rakuschizki publiziert.

Und dann war ich im selben Jahr zu einem Training von Bellingcat in Tiflis und lernte dort einen weiteren Investigativjournalisten, Aric Toler, kennen. Mit denen arbeiten wir hauptsächlich zusammen, den Gründer von Bellingcat Eliot HigginsEliot Higgins (geb. 1979) ist ein britischer Journalist, Netzaktivist und Betreiber des investigativen Recherchenetzwerks Bellingcat. 2012 deckte er den Einsatz von international geächteten Streubomben im syrischen Bürgerkrieg auf. Auch mit seinen Recherchen zum Absturz der Passagiermaschine MH-17 in der Ostukraine erregte Higgins 2015 großes Aufsehen in internationalen Medien.  kenne ich kaum. 

Wir sind immer bereit, mit Rechercheorganisationen zusammenzuarbeiten. Aber im vorliegenden Fall war die Zusammenarbeit besonders produktiv, weil sie in Russland dringend einen Partner brauchten. Es gibt vieles, was für russische Journalisten einfacher ist. 

In Loiga [wo Alexander Mischkin, also Petrow, geboren wurde] gaben Einheimische unserem Korrespondenten gerne und bereitwillig Auskunft. Es ist richtig, dass die Bewohner auch mit Ausländern sprechen, nur insgesamt ist es für Leute von Bellingcat in Russland schwierig, denn niemand weiß, was hier womöglich mit ihnen passiert.

In all Ihren Untersuchungen kommen Mitarbeiter des russischen Militärnachrichtendienstes GRU vor. Ist das Zufall?

Anfangs war  ich auch überrascht. Noch vor der Zusammenarbeit mit Bellingcat machten wir Recherchen über russische Hacker, die in den Briefwechsel von Emmanuel Macron eingedrungen sind. Das waren die gleichen Leute [vom GRU]. Es gelang uns zu beweisen, dass Fancy BearAls Fancy Bear beziehungsweise Sofacy Group bezeichnen westliche Geheimdienste und investigative Medien ein Hackerkollektiv, das sie mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU in Verbindung bringen. Die Gruppe soll seit etwa 2004 Angriffe auf westliche Parteien, staatliche und staatsnahe Institutionen durchführen. Auf ihr Konto soll beispielsweise auch die russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf 2016 gehen. , der auf amerikanische Server eindrang, mit dem GRU in Zusammenhang stand. Wir haben sogar die genaue Militäreinheit ausgemacht. Die Recherchen ergaben, dass bei allem, was wir anlangten, der GRU die Hände im Spiel hatte.

Die Recherchen ergaben, dass bei allem, was wir anlangten, der GRU die Hände im Spiel hatte

Eigentlich ist das durchaus verständlich. Denn uns wie auch Bellingcat interessieren die lauten Themen: Ukraine, Hacker, Skripal. Diese sind, sagen wir, mit der russischen Aggression nach außen verbunden, die seit 2014 zugenommen hat. Und es gibt nur diese eine Organisation, die sich mit der Annexion von Gebieten in NachbarstaatenAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose , Hackerangriffen und Giftanschlägen beschäftigt. Der FSBAls Inlandsgeheimdienst ist der FSB die Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Die Abkürzung FSB steht für Federalnaja Slushba Besopasnosti, auf Deutsch: Föderaler Sicherheitsdienst. ist für Innenpolitik verantwortlich und der SWRSWR (Slushba wneschnei raswedki, dt. „Dienst der Außenaufklärung“) ist der russische Auslandsnachrichtendienst. Es wird seit Oktober 2016 von Sergej Naryschkin (geb. 1954) geleitet und untersteht direkt dem Präsidenten Russlands. für Spionage und Informationsbeschaffung.

Was war der Anhaltspunkt bei den Recherchen über Petrow und Boschirow? Das Interview der beiden mit Margarita Simonjan?

Nein, wir haben uns bereits früher für das Thema interessiert. Und zwar, als das britische Fernsehen die zwei Fotos zeigte, und der britische Geheimdienst MI-6 mitteilte, sie würden die richtigen Namen kennen, die Beweise jedoch würden fehlen.

Jetzt wussten wir, wonach wir suchen mussten. Wir begriffen, dass es sich um GRU-Spione handeln musste, wenn das sogar der britische Geheimdienst verlauten ließ. Die Namen waren gefälscht, irgendwo mussten die richtigen sein. Wir kannten die Täter der Story also bereits und mussten jetzt Informationen zu ihnen finden.

Als die beiden bei Simonjan auftraten, war sofort klar, dass man der russischen Bevölkerung nicht würde beweisen müssen, was von diesen beiden Liebhabern gotischer Architektur zu halten war. Wir mussten trotzdem Beweisdokumente finden. Wir fanden Passauszüge, und das war sehr wichtig.

Erzählen Sie, wie war die Aufgabenteilung. Soviel ich weiß, arbeiteten Sie mit offenen Quellen. Was den Zugang zu nicht öffentlichen Datenbanken betrifft, wie zum Beispiel die der russischen Pässe, war das Bellingcats Aufgabe. Wie kommt das?

Den Zugang zu nicht öffentlichen Datenbanken hatte Bellingcat erhalten. Wir arbeiteten mit offenen Datenbanken, wie zum Beispiel RosrejestrAls Rosrejestr wird die staatliche Vermessungs- und Katasterverwaltung Russlands bezeichnet. Sie führt unter anderem das landesweit flächendeckende Register aller Immobilien, Grundstücke und Geodaten. Die Behörde untersteht dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung Russlands.. Bei offenen Quellen und Sozialen Netzwerken arbeiteten wir zusammen, und alles, was mit Anrufen und Reisen zu tun hatte, erledigten wir.

Warum aber hat ausgerechnet Bellingcat mit den nicht öffentlichen Datenbanken gearbeitet?

Da kamen zwei Dinge zusammen. Erstens wollten wir die Journalisten nicht zum illegalen Handeln ermuntern. Zweitens haben wir in der Tat keinen Zugang [zu Leuten mit Zugriff auf nicht öffentliche Datenbanken]. Und Bellingcat hat ihn. Also mussten wir nicht mal diskutieren: Sie kamen an die Informationen heran, mit denen wir dann wiederum weiterarbeiteten.

Gab es irgendwelche Quellen außer den öffentlichen Daten oder offiziellen Datenbanken? Zum Beispiel Informanten?

Es gab Leute, die uns Expertentipps gaben, zum Beispiel darüber, wo die Mitglieder des Militärgeheimdienstes ausgebildet werden. Aber das spielte keine so große Rolle. 

Als Kind war ich Fan von Detektivgeschichten. Und hier herrscht auch dieser Hauch von Kindheit, es macht richtig Spaß

Der schwierigste Teil einer solchen Arbeit ist das Festlegen des Untersuchungs-Designs, wie Wissenschaftler es nennen. In diesem Fall war es das Recherche-Design. Sich ausdenken, wie man nach Informationen suchen wird: Da haben Sie also den Namen von jemandem, einen gefälschten Namen. Und jetzt? Wie suchen Sie den echten? Sie haben alle Datenbanken der Welt. Wo ist der kürzeste Weg von Punkt A nach Punkt B? Hier ist kreatives Denken gefragt.

Als Kind war ich Fan von Detektivgeschichten. Sherlock Holmes war mein erstes Buch, das ich von vorne bis hinten gelesen habe. Und hier herrscht auch dieser Hauch von Kindheit, es macht richtig Spaß.

In Ihren Artikeln werden die Recherchen Schritt für Schritt aufgezeigt. Dabei ist nicht immer klar, was hinter den Kulissen bleibt. 

Zum Beispiel die Geschichte mit Petrow, der Mischkin ist. Die Hypothese war folgende: Angenommen, er hat nur den Familiennamen gewechselt und alle anderen Daten sind unverändert geblieben. Das war doch die erste Hypothese, die dann auch gleich stimmte, oder doch nicht? 

Das war nicht die erste Hypothese, davor gab es andere, die nicht stimmten. Wäre uns dieser Geistesblitz gleich gekommen, dass ein Mitglied des Militärgeheimdienstes wie bei früheren Recherchen, zum Beispiel über Montenegro, nur den Familiennamen ändert, hätte uns das die Sache sehr vereinfacht, und die Recherche wäre viel früher publiziert worden.

Wir haben ziemlich lange dies und das probiert, angefangen mit der Suche nach dem Foto auf den Sozialen Netzwerken. Mir brannten die Augen, weil ich pro Tag tausende von Fotos von Absolventen der Militärgeheimdienstschulen in den Sozialen Netzwerken anschauen musste. 

Mir brannten die Augen, weil ich einen ganzen Tag tausende von Fotos in den sozialen Netzwerken anschauen musste

Ziemlich lange haben wir in den Gängen dieses Labyrinths herumgestochert. Doch nach ungefähr einer Woche kam uns der Gedanke, wir könnten ganz einfach stumpf die Datenbanken durchkämmen nach Familiennamen, Vatersnamen und Geburtsdatum. Wir wurden sofort fündig. Schon der erste Auszug aus St. Peters­burger Daten gab uns den Namen Mischkin.

Boschirow wurde meines Wissens anhand eines Fotos ausfindig gemacht. Sie haben es gefunden, als Sie den Zeitraum seines möglichen Abgangs von einer Militärgeheimdienstschule, die mit dem GRU zusammenhängt, eingegrenzt haben. Trotzdem mussten Sie wohl tausende oder zehntausende von Namen filtern?

Wären wir der Reihe nach vorgegangen, ja. Aber hier hatten wir sofort Glück. 
Erstens war die DWOKUDie Fernöstliche Fachhochschule für Truppenkommandanten (DWOKU) ist eine 1940 gegründete Hochschule des russischen Verteidigungsministeriums, die Offiziere für motorisierte Schützentruppen und Marineninfanterie ausbildet. Die Hochschule hat ihren Sitz in der Stadt Blagoweschtschensk, der Hauptstadt der Oblast Amur im Fernen Osten Russlands. auf der Liste der erstrangigen Schulen, die wir anschauten. 
Zweitens war auf einem Absolventen-Foto jemand zu sehen, der uns entfernt an Tschepiga erinnerte – ich weiß bis heute nicht, ob er es war oder nicht. 
Da schauten wir uns die DWOKU genauer an. Ich hatte dann noch mal Glück. Wir schauten uns all diese tausend Absolventen an und stießen dabei auf das Foto mit dem Ehrendenkmal und dort aufgelistet die Helden Russlands im Hof dieser Schule. In der DWOKU werden alle vor diesem Ehrendenkmal fotografiert. Und der Name Tschepiga prangte da die ganze Zeit in goldenen Lettern.

Der Recherchebericht von „The Insider“ – „Ziemlich lange haben wir in den Gängen dieses Labyrinths herumgestochert.“

Worin unterschied sich gerade dieser Name? Weil es keine Biografie dazu gab?

Um genau zu sein, hatten wir zwei Namen ohne Biografie. Bei dem einen stimmte das Alter nicht. Und Tschepiga passte. Es war also klar, dass es um ein Mitglied des Militärgeheimdienstes mit verdeckter Biografie ging, der irgendeine unglaubliche Heldentat begangen hatte. In der Passdatenbank stießen wir sofort auf ein Foto, was uns eine Menge Mühe ersparte.
 
Haben Sie irgendwie versucht, die Informationen, die Sie aus den geheimen Datenbanken hatten, zu verifizieren?

Nehmen wir zum Beispiel Mischkin. Es wurde uns klar, dass es nur eine Person mit einer solchen Kombination von Familien- und Vaternamen und Geburtsdatum geben konnte. Wir fanden heraus, dass er an einer Universität studiert hat und nach Moskau gegangen ist. Dass er in der Choroschewskoje Chaussee 76 registriert ist, wo sich das Hauptquartier des GRU befindet. Das allein ist schon ein seltsames Zusammenfallen von Umständen. 

Weiter sichteten wir Dutzende andere Datenbanken: Mobiltelefone, Fahrzeugversicherungen, Fahrzeugregistrierung, Pässe und so weiter, und so weiter. 

Wir fanden eine große Menge an Informationen, die bestätigten, dass die Person wirklich ein Mitglied des Militärgeheimdienstes war, und seine Biografie passt wie ein Puzzle-Teil zu der von Petrow.

Und später fanden wir in dieser Datenbank einen Scan des Passes und auf dieser Kopie stimmen alle uns bekannten Daten überein. Und wir wussten, dass die Person, die uns den Scan gegeben hat, nicht von sich aus auf uns zugekommen ist und den Scan vorher nachjustieren konnte. Es gibt keine Möglichkeit und keine plausible Hypothese, wie diese Daten hätten manipuliert werden können.

Wie schätzen Sie das Sicherheitsrisiko für die Journalisten ein? Verstehe ich richtig, dass sich Bellingcat freier bewegen kann, weil die russische Regierung nicht an sie herankommen?

Bedingt. Skripal war auch außer Reichweite. Wenn es um einen Mordanschlag geht, tragen alle mehr oder weniger ein Risiko. Ehrlich gesagt scheint mir, dass sich unsere Partner von Bellingcat in größerer Gefahr befinden als ich. Denn sollte mich hier jemand kaltstellen, muss gar keiner erst fragen „Wer hat das getan und warum?“. 

Bei einem Mord an einem Investigativjournalisten von Bellingcat im Ausland würden die russischen Behörden immer sagen können, sie hätten nichts damit zu tun, das sei nicht auf ihrem Territorium geschehen.

Gab es für Sie oder andere Journalisten Gefahren?

Naja. Bei unseren Recherchen geht es ja nicht um Tschetschenen oder Banditen, die uns bedrohen oder anzeigen könnten. 

Viele machen sich natürlich Sorgen, und in England bekam ich den Rat, unter keinen Umständen nach Russland zurückzukehren. Ich denke aber, solange wir im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sind die politischen Risiken solcher Handlungen, sei es eine Festnahme oder ein Mord, ziemlich hoch. Auch wäre der Gewinn nicht besonders groß, denn die Recherche ist publik.

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GRU – russischer Militärgeheimdienst

Am 5. November 2018 feiert Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije GRU (dt. „Hauptverwaltung für Aufklärung“) 100-jähriges Jubiläum. Pünktlich zu seinem Ehrenjahr steht der Militärgeheimdienst Russlands so sehr im Fokus der Weltöffentlichkeit wie nie zuvor. Vier schwere Vergiftungen in England und Cyberangriffe auf internationale Einrichtungen sind nur die Spitze eines Eisberges an Operationen, mit denen die GRU 2018 öffentlich in Verbindung gebracht wird. Das klingt zunächst einmal nach einem außerordentlich potenten Geheimdienst mit wenig Skrupel, viel Know-how und einem breiten Spektrum an Tätigkeiten.

Von den vier schweren Vergiftungen in England war nur einer der Giftanschläge auch tatsächlich so geplant: der auf den ehemaligen GRU-Offizier Sergej Skripal. Der Doppelagent überlebte, seine Tochter, das zweite und unerwartete Giftopfer, ebenfalls. Die beiden anderen Opfer, von denen eines der Vergiftung mit Nowitschok erlag, waren „Kollateralschäden“: Sie fanden zufällig das Behältnis, in dem das Gift transportiert worden war. Alles in allem war es eine ziemliche Blamage für die GRU, vor allem weil sich der Fall unter ständiger Beobachtung der Medien abspielte. 
Und dann wurden auch noch die beiden Tatverdächtigen präsentiert und von britischen und russischen Investigativjournalisten eindeutig mit der GRU in Verbindung gebracht. Dabei kam sogar heraus, dass die GRU 305 Fahrzeuge mehr oder weniger offiziell auf ihre Mitarbeiter registriert und sie damit praktisch selbst enttarnt hatte.1 Für alle ersichtlich.
Mitnichten weniger peinlich war es, als im April 2018 niederländische und britische Ermittler der Spionageabwehr eine Gruppe von vier GRU-Computerspezialisten in ihrem Auto während eines Cyberangriffs verhafteten. Das komplette Equipment im Kofferraum, dazu gefälschte Pässe mit fortlaufender Nummerierung, wie schon bei Petrow und Boschirow. Das Ziel des Angriffs war die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die zu dieser Zeit die Giftproben des Anschlags aus Salisbury untersuchte. Geparkt hatten die vier Hacker in einem blauen Citroën direkt gegenüber der OPCW in Den Haag. 
Was an Dreistigkeit wohl kaum zu überbieten ist, gehört allerdings nicht in die Kategorie professionellen Arbeitens, wie es sich die geheimdienstliche Elitetruppe auf die eigenen Fahnen schreibt. Wo also steht die gefürchtete und nun verspottete russische Militäraufklärung 100 Jahre nach ihrer Gründung?

Die GRU im System

Wie der gesamte Sicherheitsapparat der Russischen Föderation hat die GRU ihre Wurzeln tief im kommunistischen Staat der BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  nach der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose . Eine Besonderheit war es, dass die GRU trotz aller Wirren der Zeit nicht mit anderen Geheimdiensten vereint wurde. Wo der mächtige KGB jahrzehntelang In- und Auslandsgeheimdienst, Personenschutz, Grenztruppen und technische Abteilungen mit mehreren hunderttausend Mann vereinte, war und ist die GRU der Armee und dem Verteidigungsministerium unterstellt. Im Vergleich zum KGB und seinen Nachfolgern FSBAls Inlandsgeheimdienst ist der FSB die Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Die Abkürzung FSB steht für Federalnaja Slushba Besopasnosti, auf Deutsch: Föderaler Sicherheitsdienst. und SWRSWR (Slushba wneschnei raswedki, dt. „Dienst der Außenaufklärung“) ist der russische Auslandsnachrichtendienst. Es wird seit Oktober 2016 von Sergej Naryschkin (geb. 1954) geleitet und untersteht direkt dem Präsidenten Russlands. nahm und nimmt die GRU damit eine Sonderstellung ein, denn diese sind direkt dem Präsidenten unterstellt. Einerseits bedeutet das für die GRU eine größere Unabhängigkeit vom Gravitationszentrum staatlicher Macht in der russischen PräsidialadministrationDie Präsidialadministration (PA) ist ein Staatsorgan, das die Tätigkeit des Präsidenten sicherstellt und die Implementierung seiner Anweisungen kontrolliert. Sie ist mit beträchtlichen Ressourcen ausgestattet und macht ihren Steuerungs- und Kontrollanspruch in der politischen Praxis geltend. Mehr dazu in unserer Gnose . Andererseits ist die Entfernung zum Präsidenten ein Nachteil im ständigen Ringen der Sicherheitsdienste um Präsidentengunst und knappe Ressourcen.

Wie wechselhaft sich diese Stellung im politischen System auswirken kann, hat die GRU in den vergangenen 20 Jahren mehrfach erfahren. Im Zuge der Armeereformen der postsowjetischen Zeit wurde die stolze Truppe erst einmal herabgestuft: Spezialeinheiten wurden den regulären Truppen unterstellt, Mittel gekürzt, aus GRU wurde „GU“, also einfach nur Hauptverwaltung. Die stille, aber alles hörende Fledermaus im Wappen wurde durch eine Nelke ersetzt – Symbol für Standfestigkeit und Entschiedenheit. 
Als 2012 Sergej SchoiguSergej Schoigu (geb. 1955) ist ein russischer Politiker und Armeegeneral. Seit 2012 ist er Verteidigungsminister. Zuvor leitete er ab 1994 das Katastrophenschutzministerium (MTschS). Verteidigungsminister wurde, machte er sich daran, die GRU nicht nur symbolisch wieder aufzuwerten. Personell soll die GRU mit rund 12.000 Mitarbeitern ungefähr dasselbe Niveau wie der Auslandsgeheimdienst SWR erreichen.2 Nach Angaben eines GRU-Überläufers aus dem Jahr 1997 führte der Militärgeheimdienst damals allerdings sechsmal so viele Auslandsagenten wie sein ziviles Pendant.3 Die Anzahl der Spezialkämpfer, die der GRU unterstellt waren, soll darüber hinaus deutlich über 20.000 Mann betragen haben.4

Aufträge und Einsätze

Auch in ihrem Arbeitsauftrag sticht die Sonderrolle der GRU durch. 1918Russland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. Mehr dazu in unserer Gnose oder 1941Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose ging es vor allem um traditionelle militärstrategische Aufklärung auf allen Schlachtfeldern der Roten Armee, von Polen bis zum Pazifik. Im Kalten Krieg kam dann schon Rüstungs- und Wirtschaftsspionage hinzu. Eine weitere Besonderheit der GRU war und ist, dass sie nicht nur im Ausland aufklärt, sondern auch die Spionageabwehr der Armee in sich vereint. Was der FSB im zivilen Sektor ist oder in Deutschland der Militärische Abschirmdienst MAD für die Bundeswehr, ist die GRU für die russische Armee. 
Ebenso waren die berühmt-berüchtigten Speznas-Elite-KampftruppenDie GRU Speznas (Podrazdelenije spezialnogo Nasnatschenija, dt. „Einheit zur besonderen Verwendung“) ist eine Elite-Kampftruppe und Spezialeinheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Sie ist vergleichbar mit dem deutschen KSK und US-amerikanischen Marines. Die derzeitige Truppenstärke von Speznas wird auf sieben Brigaden mit rund 10.000 Militärangehörigen geschätzt. der GRU ein Kind der Stellvertreterkriege während des weltweiten Systemkonflikts. Wo reguläre sowjetische Truppen zu auffällig gewesen wären oder wo inoffizielle Waffenlieferungen in Krisengebiete besonderer Tarnung bedurften, dort waren die Speznas zu finden. Das gilt auch für sogenannte Kommandoeinsätze wie Sabotage, Geiselbefreiungen, Entführungen und gezielte Tötungen im Ausland. 
Dabei ist die GRU global orientiert: USA, NATO, Westeuropa, aber eben auch der Nahe und Mittlere Osten, Afrika, China und der Pazifikraum sind Aufklärungsziele und Einsatzgebiete. 

Agenten und Operationen  

Lange Jahre schwamm die GRU eher leise im Kielwasser der wesentlich bekannteren NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. „Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag., KGB und schließlich SWR. Öffentliche Nennungen hielten sich in Grenzen, Experten und Forscher konzentrierten sich ebenfalls lieber auf die zivilen Brüder. Bis auf den heutigen Tag existiert keine Gesamtgeschichte der GRU, wo es selbst die offizielle Geschichtsschreibung der russisch-sowjetischen Auslandsaufklärung auf ganze sechs Bände bringt. Ganz so eben, wie man es von einem klassischen Geheimdienst erwartet: Im Großen und Ganzen ein Mysterium, presseabstinent, unter Kennern aber als absolute Profis ihres Metiers bekannt.
Dass dem tatsächlich so ist, zeigt ein Parforceritt durch die Spionagegeschichte. Wie die gesamte Sowjet-Spionage, war die GRU in der Zeit zwischen den Weltkriegen außerordentlich erfolgreich: Gleich zwei der bekanntesten Spione aller Zeiten arbeiteten für die GRU – und waren Deutsche. Der als Journalist getarnte Richard Sorge meldete 1941 aus Japan den bevorstehenden Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion (und wurde von Stalin deswegen geopfert). Der Physiker Klaus Fuchs, einer der Väter der amerikanischen Atombombe, war ebenfalls ein GRU-Agent und sorgte dafür, dass auch die Sowjets zur Nuklearmacht werden konnten.5 

Diese Taktik, sogenannte „illegale“ Agenten unter falscher Identität in westlichen Ländern zu führen, praktizierte die GRU über die gesamte Zeit des Kalten Krieges. 
Schon zu Sowjetzeiten zählten militärische Kommandoaktionen zur Aufgabe der GRU und ihrer Speznas. Diese Aufgabe hat die GRU auch heute nicht eingebüßt. Während der Tschetschenienkriege Rund zwei Monate vor der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 erklärte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew (1944–1996) die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Ende 1994 beschloss der Kreml eine Intervention: Die von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten begleitete Rückeroberung kostete zehntausenden Menschen das Leben. Der im August 1996 ausgehandelte Waffenstillstand fror den Konflikt ein, das Land blieb de facto unabhängig. 1999 begann der Zweite Tschetschenienkrieg, der Russlands Kontrolle über das Land wiederherstellte. Zehntausende Menschen fielen ihm zum Opfer, 2009 wurde er offiziell für beendet erklärt.übernahm die GRU „Spezialaufgaben“, in Dubai soll Speznas 2009 den Anführer tschetschenischer Rebellen Sulim Jamadajewin in einer Kommandoaktion getötet haben. 
Auch die Bilder der Krim-AnnexionAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose sind immer noch einprägsam: „Grüne MännchenAls kleine grüne Männchen, manchmal auch höfliche Menschen, werden euphemistisch die militärischen Spezialkräfte in grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen bezeichnet, die Ende Februar 2014 strategisch wichtige Standorte auf der Krim besetzt haben. Bestritt Moskau zunächst jegliche direkte Beteiligung und verwies auf „lokale Selbstverteidungskräfte“, so gab Präsident Putin später zu, dass es sich dabei um russische Soldaten gehandelt habe. Die grünen Männchen sind inzwischen zu einem kulturellen Symbol geworden. Mehr dazu in unserer Gnose “ ohne Abzeichen, die später als GRU-Truppen identifiziert wurden, bereiteten damals den Weg für die Angliederung. Ein ähnliches Schicksal hatte die GRU offenbar dem kleinen Montenegro zugedacht: 2016 sollten pro-serbische Teile der Armee unter Anleitung von GRU-Offizieren just in der Wahlnacht einen Putsch in dem Land auf dem Westbalkan unternehmen.6 Als einzige der in jüngster Zeit bekannt gewordenen Kommandounternehmen der GRU scheiterte dieser Versuch allerdings kläglich.

Cyberangriffe

Eine gänzlich neue Aufgabe, die die GRU in den letzten Jahren ebenfalls ausführt, sind geheimdienstliche Cyberangriffe wie jener in Den Haag. Geheimdienste und Regierungen von den USA bis nach Australien rechnen Hackergruppen wie ATP 28, Fancy BearAls Fancy Bear beziehungsweise Sofacy Group bezeichnen westliche Geheimdienste und investigative Medien ein Hackerkollektiv, das sie mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU in Verbindung bringen. Die Gruppe soll seit etwa 2004 Angriffe auf westliche Parteien, staatliche und staatsnahe Institutionen durchführen. Auf ihr Konto soll beispielsweise auch die russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf 2016 gehen.  oder Pawn Storm der GRU zu. Das besondere an ihren bekannten Attacken war dabei, dass sie keineswegs nur militärische Ziele verfolgten, sondern Aufgaben ausführten, die eigentlich den zivilen russischen Diensten obliegen. So haben die Wahlkampfunterlagen der US-Demokraten, die ATP 28 im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2016 mittels eines versteckten Trojaners erbeuteten, mit Militäraufklärung ebenso wenig zu tun wie Aktionen von Fancy Bear. Diese Gruppe drang offenbar besonders gerne in westliche oder internationale Sportverbände ein. Aus Sicht der US-Geheimdienste waren die Angriffe im Bereich von Doping und Sport eine gezielte Vergeltungsaktion gegen die Doping-Vorwürfe und Sanktionen gegen russische Mannschaften. Dass der Inlandsgeheimdienst FSB in das russische Staatsdoping involviert war, war schon länger bekannt.7 Dass die GRU die propagandistischen Gegenmaßnahmen offenbar maßgeblich organisierte, war hingegen neu. 
Für die „neuen“ Aufgaben der GRU im Cyberbereich gibt es drei Interpretationen: Einmal steht das pure Potential, das heißt die GRU unternimmt Cyberangriffe im zivilen Bereich, weil sie es schlicht kann. Das enorme Reservoir an IT-Spezialisten in Russland und die Mittel, die den Spezialbereichen des Militärs zur Verfügung stehen, machen die GRU zu einer Weltspitze der Cyberspionage. 
Zweitens geht es um die Konkurrenz der Weltmächte: US-Militär und die Defense Intelligence Agency DIA sind auf diesem Gebiet genauso aktiv wie zum Beispiel auch die Cybereinheit 61398 des chinesischen Militärs. Präsenz durch aufsehenerregende Hacking-Operationen zu zeigen, ist da nur logisch. 
Drittens spielt auch der Druck eine Rolle, sich gegenüber FSB und SWR beweisen zu müssen. Dass beide ebenfalls Cyberangriffe durchführen, ist bekannt. Die Ausflüge der GRU in die zivile Cyberwelt können also auch als interne show of force und Fingerzeig im russischen Sicherheitsapparat gedeutet werden. Wie fluide hier Zuständigkeiten wechseln, ausgebaut oder gestrichen werden und wie wichtig die Gunst des innersten Machtzirkels ist, das hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt.  

Korruption und Schlamperei

Doch auch in der geheimnisumwitterten GRU scheint so manches in Bewegung gekommen zu sein. Gerade die jüngsten Schlagzeilen passen nicht zum Image eines hochprofessionellen Geheimdienstes: Warum der Anschlag auf einen ausgetauschten Ex-Agenten? Warum die schlampige Ausführung? Wie kam die GRU auf die Idee, zwei Offiziere könnten erfolgreich einen Putsch in Montenegro betreuen? Und wie kommt ein Geheimdienst auf die Idee, über 300 PKW auf seine offizielle Adresse zu registrieren und damit möglicherweise eigene Agenten zu enttarnen?
Neben der professionellen GRU existiert anscheinend auch eine normale russische Behörde, in der Schlamperei, Realitätsverweigerung und KorruptionFür die Bezeichnung von Korruption gibt es im Russischen verschiedene Begriffe. Viele kommen aus Jargon und Umgangssprache, wie etwa wsjatka, sanos, otkat, administrative Ressource und viele andere. Dass es so vielfältige Bezeichnungen für korrupte Verhaltensweisen gibt, ist eng mit den sozialen Praktiken und ideellen Einstellungen in der Sowjetepoche und den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zerfall der UdSSR verbunden. Mehr dazu in unserer Gnose zum Alltag gehören. Die vielen bürokratischen Details erfolgreicher geheimdienstlicher Arbeit gingen offenbar immer wieder bei der Operationsplanung ab. Dafür haben die jahrelang erfolgreichen Hackingangriffe und die getarnten Kommandoaktionen wohl ein Gefühl der Unverwundbarkeit wachsen lassen. Wer aber so oft durchkommt, der wird nachlässig. 
Gleichfalls hat der lasche Umgang westlicher Behörden mit den russischen Agenten offenbar zu immer dreisterem Vorgehen ermuntert: Obwohl westlichen Geheimdiensten offensichtlich schon bekannt war, dass die GRU-Agenten Serebrjakow und Morenez im Herbst 2016 den Computer eines Vertreters des kanadischen Antidopingzentrums CCES gehackt hatten8, sahen diese Agenten im April 2018 offenbar überhaupt kein Risiko und parkten fast schon demonstrativ direkt vor dem Zielobjekt in Den Haag.  
Darüber hinaus gibt es auch Korruptionsgerüchte um die GRU. Wo schmale Gehälter des öffentlichen Dienstes auf Milliarden Rubel für Aufträge ans Militär aufeinandertreffen, lockt das große Geld. Auch die GRU-Leitung soll in der Vergangenheit auf diese Art zu Reichtum gekommen sein.9 Auf die Arbeitsmoral des Dienstes wirkte sich das offenbar nur dahingehend positiv aus, dass in immer waghalsigeren Aktionen ein schneller Aufstieg gesucht wurde, um ebenfalls an die „Fleischtöpfe“ zu kommen.

Professioneller Geheimdienst?

Wie jede Bürokratie sind auch die russischen Geheimdienste und der gesamte Sicherheitsapparat in einem ständigen Fluss. Innenpolitische Faktoren, außenpolitische Dynamiken und bürokratische Entwicklungen beeinflussen sowohl die Aufgabengebiete als auch die Ausführung von Aktionen und Operationen. Manches davon, was die GRU in der jüngsten Vergangenheit zeigte und das seinen Weg in die Weltöffentlichkeit fand, fällt sicher nicht unter die Kategorie eines professionellen Geheimdienstes. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die GRU nicht nur eine große Bandbreite an Arbeitsaufgaben wahrnimmt, sondern dabei auch weiterhin große Möglichkeiten und Ressourcen hat. 
Als Akteur muss sie nach wie vor, vielleicht sogar mehr noch als früher, ernst genommen werden. Innenpolitische Faktoren und Konkurrenz unter Geheimdiensten haben die GRU offenbar motiviert, ihr Aufgabenfeld immer weiter auszudehnen. Dabei stiegen die Erfolge augenscheinlich einigen zu Kopf, Dreistigkeit und Übermut waren die Folge. Nach innen steht die GRU damit nun unter größerem Druck, nach außen könnte das jedoch zu noch extremeren Aktionen anspornen, um sich wieder zu beweisen. Das macht die GRU auch nach 100 Jahren ihres Bestehens – trotz Schlamperei und Korruption – mitnichten weniger gefährlich.


1.sh. ausführlich: bellingcat.com (2018): 305 Car Registrations May Point to Massive GRU Security Breach; vgl. theins.ru (2018):  Na adres voijskovoj časti GRU, svyazannoj s chakerami, zaregistrirovanny mašiny 305 sotrudnikov ­­­­
2.BfV-Themenreihe (2008): Spionage gegen Deutschland: Aktuelle Entwicklungen, S. 5f. 
3.Lunew, Stanislaw (1998): Through the Eyes of the Enemy: The Autobiography of Stanislav Lunev, Washington 
4.Galeotti, Mark (2016): Putin's Hydra: Inside Russia's intelligence Services, European Council on Foreign Relations 
5.Lota, Vladimir (2002): GRU i atomnaja bomba, Moskau 
6.Bajrovic, Reuf/Garcevic, Vesko/Kramer, Richard (2018): Russia’s Strategy of Destabilization in Montenegro, Foreign Policy Institute 
7.McLaren Independent Investigation Report - Part II (2016): Wada 
8.vgl. nzz.ch (2018): Die Jagd nach Putins Agenten: Wie ein Spionagefall in Lausanne zu einem Fiasko des russischen Geheimdiensts führte 
9.Galeotti, Mark (2016): Putin's Hydra: Inside Russia's intelligence Services, European Council on Foreign Relations 
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