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„Macht verfickt nochmal Lärm!“ Florian Coppenrath über den russischen Rap, seine Beziehung zur Politik und dominante Stellung in der Gegenwartskultur.

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Maxim Gorki

Im Sommer 1929 reiste Maxim Gorki auf die Solowezki-InselnDie Solowezki-Inseln sind eine Inselgruppe im Weißen Meer, im Nordwesten Russlands. Seit dem 15 Jahrhundert existiert auf den Inseln eines der wichtigsten russisch-orthodoxen Klöster. Seit den 1920er Jahren befand sich auf den Inseln ein Straf- und Arbeitslager für politische Häftlinge. Seit 1992 stehen Teile des Solowezki-Klosters, in dem sich das Hauptlager befand, unter dem Schutz der UNESCO. im Weißen MeerDas Weiße Meer (russ. „Beloje More“) ist ein Meer im Norden des europäischen Teils Russlands. Angrenzende Regionen sind die Republik Karelien im Westen, die Oblast Archangelsk im Süden und Osten und die Oblast Murmansk im Norden. Das Weiße Meer war mit dem Hafen in Archangelsk eine bedeutende Verbindung des nördlichen Russlands mit Europa. Im Weißen Meer liegen die Solowezki-Inseln, die mit ihren Klöstern aus der Frühen Neuzeit eines der Zentren der russischen Kultur waren und in der Sowjetzeit zum ersten Häftlingslager wurden. . Dort befand sich das Solowezki-Lager für besondere Angelegenheiten – ein Lagerkomplex des GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst., dessen Insassen Zwangsarbeit verrichteten. Laut Gerüchten waren die Lebensbedingungen der Gefangenen miserabel: Folter, Misshandlungen und Morde gehörten zum Alltag. Die Staatsmacht hatte den Besuch des berühmten Schriftstellers Gorki organisiert, um den prekären Ruf des sowjetischen Strafsystems aufzubessern.  

Das Lager hatte sich gut vorbereitet. Die Kerker auf der Sekirnaja GoraSekirnaja Gora (dt. Sekirnaja Berg) ist ein Hügel auf der Hauptinsel der Solowezki-Gruppe, auf dem sich seit dem 19. Jahrhundert eine Einsiedelei des Solowezki Klosters befand. Diese wurde in den 1920er Jahren in eine Abteilung des Straf- und Arbeitslagers für politische Häftlinge umgewandelt. Hier waren die Karzer (Kerker) für besonders schwere Bestrafungen untergebracht. Sekirnaja Gora (dt. Sekirnaja Berg) ist ein Hügel auf der Hauptinsel der Solowezki-Gruppe, auf dem sich seit dem 19. Jahrhundert eine Einsiedelei des Solowezki Klosters befand. Diese wurde in den 1920er Jahren in eine Abteilung des Straf- und Arbeitslagers für politische Häftlinge umgewandelt. Hier waren die Karzer (Kerker) für besonders schwere Bestrafungen untergebracht.  wurden hergerichtet: Tische wurden aufgestellt, die Gefangenen erhielten Zeitungen und sollten so tun, als würden sie lesen. Um Gorki zu signalisieren, dass es sich um eine Inszenierung handelt, hielten die Häftlinge die Zeitungen aber verkehrt in den Händen. „Gorki hat es gesehen. Einem von ihnen drehte er die Zeitung um und ging weg. Er zeigte damit, dass er alles verstanden hatte“ – erinnerte sich später der berühmte Philologe Dimitri Lichatschow, der als junger Mann auf den Inseln inhaftiert war. 
Jahrzehnte später sagte der russische Schriftsteller Boris Akunin, Gorki habe sich mit dieser Reise seinen „Nachruf verdorben“. Der Schriftsteller, der als Symbol für Gerechtigkeit galt, schrieb eine Eloge auf Solowki, lobte die hübschen Baracken der Häftlinge, rühmte das NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag. und besang den sozialistischen Aufbau.

Gorkis Paradox bestand darin, dass er sich zeit seines Lebens für die Unterprivilegierten der Gesellschaft engagierte und gleichzeitig in seinen letzten Lebensjahren zum willfährigen Komplizen des repressiven stalinistischen SystemsIm Russischen wird repressii/repressirowan [Repressionen/Repressionen ausgesetzt sein] allgemeinsprachlich sehr häufig mit „politischen Verfolgungen“ und „verfolgt sein“ gleichgesetzt. Der Begriff bezieht sich auf die Zeit der Sowjetunion, vor allem unter Stalin. wurde. Dabei war romantisch eingefärbter Protest der Grundgestus seines Schreibens. Sein vielschichtiges Werk wurde jedoch durch die Kanonisierung im sowjetischen Literaturbetrieb auf eine eingängige politische Botschaft reduziert und muss daher neu entdeckt werden.

Maxim Gorki wurde unter dem Namen Alexej Maximowitsch Peschkow 1868 in Nishni NowgorodNishni Nowgorod (von 1932 bis 1990 Gorki) ist eine Großstadt (1,2 Millionen Einwohner) an der Einmündung der Oka in die Wolga, ungefähr 400 km östlich von Moskau. Zu Sowjetzeiten war die Stadt für Ausländer geschlossen. Von 1980 bis 1986 Verbannungsort von Andrej Sacharow, der hier unter ständiger Bewachung des KGB lebte. geboren. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen und eignete sich seine literarischen Fähigkeiten weitgehend autodidaktisch an. Seine schwierige Jugend brachte ihn mit vielen Milieus in Kontakt. Er reiste durch den Süden des Zarenreichs und ließ sich schließlich als Journalist in SamaraSamara ist mit rund 1,2 Mio. Einwohnern die neuntgrößte Stadt Russlands. Sie liegt in der Wolgaregion, etwa 1000 km südöstlich von Moskau. Die Stadt wurde 1586 als Bewachungsfestung gegründet. Zu Zeiten der Sowjetunion trug die Stadt den Namen Kuibyshew, vor allem in den Nachkriegsjahren entwickelte sie sich zu einem großen industriellen Zentrum. nieder. Als 19-Jähriger schoss er sich mit einer Pistole in die Brust. Dieser Selbstmordversuch schwächte seine Lungentätigkeit zeitlebens. 

Um die Jahrhundertwende wurde Gorki als Verfasser romantischer Barfüsser-Erzählungen schnell berühmt. Er konnte dabei auf seine eigene Erfahrung als Wanderarbeiter und Tagelöhner zurückgreifen. In den frühen Texten gelang es Gorki, ethnographische Beobachtungen mit romantischen Sujets zu verknüpfen. Einige davon sind später zu Allegorien des revolutionären Kampfes verklärt worden. So reißt sich etwa ein junger Mann in der Erzählung Die alte Isergil (1894) sein loderndes Herz aus der Brust, um dem eigenen Volk den richtigen Weg zu weisen. 

Bald feierte Gorki mit seinen sozialkritischen Dramen auch Erfolge auf den Bühnen. Im Gegensatz zu den Erzählungen herrscht in den Theaterstücken ein streng naturalistischer Gestus vor. Verstärkt wurde der Eindruck durch die hyperrealistischen Inszenierungen des Starregisseurs Konstantin StanislawskiKonstantin Stanislawski (1863–1938) ist eine Kultfigur des russischen Theaters. Als Schauspieler, Regisseur, Theatergründer, Schauspiellehrer und Schauspieltheoretiker spielte er eine prägende Rolle nicht nur für die Theaterszene in Russland. Seine Überlegungen zur Schauspielkunst werden weltweit an Schauspielschulen gelehrt und insbesondere am Broadway und in Hollywood wurden sie stilbildend. In Russland gilt das sogenannte „Stanislawski-System“ bis heute als das Einmaleins der Bühnenkunst. am Moskauer Künstlertheater. Allerdings kommt auch in Gorkis berühmtestem Drama Nachtasyl (1902) sein romantisches Pathos zum Tragen. In einem Monolog fällt der Satz „Ein Mensch – wie stolz das klingt!“. Dieser Ausdruck ist im Russischen zu einem geflügelten Wort geworden. 

Die politische Brisanz von Gorkis Erzählungen fiel auch den zaristischen Behörden auf. Als Zar Nikolaus II.Nikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. dem jungen Erfolgsautor die Ehrenmitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften vorenthielt, traten Anton TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken.  und Wladimir Korolenko unter Protest aus. Nach einer kurzen Verhaftung reiste Gorki in die USA und lebte von 1907 bis 1913 im Exil auf Capri. Die ersten literarischen Veröffentlichungen erschienen unter dem Pseudonym Maxim Gorki (dt. „der Bittere“) – diesem Nom de Plume blieb der Autor sein ganzes Leben lang treu. 

Konfliktreiche Beziehung mit Lenin

Stalin vereinnahmte Gorki für seine politischen ZieleNoch vor dem Exil auf Capri lernte er 1905 LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. kennen, mit dem ihn später eine konfliktreiche Beziehung verband. Ein besonderer Streitpunkt betraf die Religion, die für Gorki immer einen zentralen Stellenwert einnahm. Mit seiner Beichte (1908), die unter veränderten Vorzeichen TolstoisLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. Vorbild folgte, erreichte Gorki den Höhepunkt seines GotterbauertumsDas Gotterbauertum war eine philosophische Strömung des russischen Marxismus, die sich zum Ziel setzte, sozialistische und christliche Ideen zu vereinen. Entstanden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, versuchte die Philosophie, den Gott nicht als ein metaphysisches Prinzip, sondern als eine Konstruktionsleistung des Volks zu begreifen. Zu den wichtigsten Vertretern des Gotterbauertums zählten unter anderem Literaten und Philosophen Maxim Gorki, Alexander Bogdanow und Wladimir Basarow.. Der Philosoph und Biologe Alexander Bogdanow (1873–1928), dem Gorki auch seine rudimentäre marxistischeEnde des 19. Jahrhunderts wurde Karl Marx in Russland zu einem der einflussreichsten Philosophen. Schon bald nach der deutschen Erstausgabe von 1867 gab es sein Kapital auch auf Russisch. Das Werk fand in Russland ein weitaus lebhafteres Echo als in Deutschland oder irgendwo sonst in Europa. Nach der Oktoberrevolution wurde ein vermeintlich texttreuer, dogmatischer Marxismus zu einer dominierenden und schließlich sogar absolut gesetzten Ideologie. Bildung verdankte, hatte dieses Programm entworfen: Gott sei kein metaphysisches Wesen, sondern ein menschliches Konstrukt, das aber zum Gegenstand religiöser Verehrung werden müsse. Der streng atheistische Lenin reagierte gehässig auf Bogdanows Ideen: Der erbaute Gott unterscheide sich vom christlichen Gott wie ein gelber von einem blauem Teufel.1 Gorki gab das GotterbauertumDas Gotterbauertum war eine philosophische Strömung des russischen Marxismus, die sich zum Ziel setzte, sozialistische und christliche Ideen zu vereinen. Entstanden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, versuchte die Philosophie, den Gott nicht als ein metaphysisches Prinzip, sondern als eine Konstruktionsleistung des Volks zu begreifen. Zu den wichtigsten Vertretern des Gotterbauertums zählten unter anderem Literaten und Philosophen Maxim Gorki, Alexander Bogdanow und Wladimir Basarow. zwar bald auf, blieb aber bis zu seinem Lebensende ein Anhänger von Bogdanows Idee, dass die neue kommunistische Zivilisation auch die geistige Energie aller Verstorbenen akkumuliere und durch den Geist einzelner Genies wieder zurück in die neue Gesellschaft fließe.2 

An Lenins moralischer Rücksichtslosigkeit rieb sich Gorki noch lange. Nach der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. kritisierte der Schriftsteller in harschen Worten die Grausamkeit der bolschewistischen Herrschaft und machte Lenin persönlich für die Gewaltexzesse verantwortlich.3 Gorkis Artikelserie, die zu Beginn des Jahres 1918 unter dem Titel Unzeitgemäße Gedanken in der Zeitung Nowaja ShisnDie im April 1917 gegründete Tageszeitung Nowaja Shisn war ein parteiunabhängiges Organ, das den sozialistischen Kräften nahe stand. Ihre Positionierung zur Provisorischen Regierung und den Bolschewiki hat die Zeitung im Laufe des Jahres 1917 mehrmals geändert. Die Zeitung wurde im Juli 1918 geschlossen. Eine Zeit lang hat Maxim Gorki an der Zeitung mitgearbeitet. (dt. „Neues Leben“) erschien, wurde in der Sowjetunion streng unter Verschluss gehalten. Lenin schickte den unbequemen Gorki 1921 „zur Erholung“ ein zweites Mal ins Exil, zuerst nach Deutschland, dann nach Italien. Viel später erst wandelte sich Gorkis Blick auf den Revolutionsführer: Aus dem unbarmherzigen Tyrannen wurde in der späten Erinnerung des Schriftstellers ein fürsorglicher Lehrer. 

Im goldenen Käfig

Erst 1928 kehrte Gorki in einem Triumphzug  in den Sowjetstaat zurück. Stalin, der eben seine Macht als Lenins Nachfolger konsolidiert hatte, bereitete dem berühmten Schriftsteller einen überschwänglichen Empfang. Stalin wollte seine eigene Herrschaft mit Gorkis moralischer Autorität legitimieren. Der gefeierte Autor residierte in einer Moskauer Villa wie in einem goldenen Käfig und wurde mit manipulierten Informationen beliefert. Er stürzte sich in umfangreiche Editionsprojekte, gründete den Verlag Weltliteratur und initiierte eine Serie mit Biographien berühmter Menschen, die bis heute weitergeführt wird. Er wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Sogar seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt. 

Stalin vereinnahmte Gorki für seine eigenen politischen Ziele, und Gorki ließ sich bereitwillig instrumentalisieren. Er unterstützte die Diktatur mit Zeitungsartikeln mit martialischen Titeln wie etwa Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet (1930). 1934 erreichte Gorki einen Tiefpunkt seiner literarischen Karriere, als er das Eröffnungsreferat auf dem Ersten Schriftstellerkongress hielt. Zuvor waren alle literarischen Vereinigungen aufgelöst und gleichgeschaltet worden. Als Stilideal wurde nur noch der sozialistische Realismus akzeptiert, der die „Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“ darstellen sollte. Als Modell avant la lettre galt Gorkis Roman Die Mutter (1906), in dem ein revolutionärer Zirkel aus der naiven Sicht der ungebildeten Mutter des Helden geschildert wird. In einem prekären Sinn nimmt dieser Roman die Problematik des sowjetischen Literaturbetriebs vorweg: In der neuen Gesellschaft müssen ideologische Inhalte gar nicht verstanden werden, es genügt, dass die Sympathiesteuerung des Autors die richtigen Menschen zu positiven Helden erhebt. 

Ebenfalls 1934 entstand der Propaganda-Sammelband Der Weißmeer-Ostsee-Kanal. Auf der Großbaustelle dieser künstlichen WasserstraßeDer Belomorsko-Baltiski-Kanal (dt. Weißmeer-Ostsee-Kanal) ist eine 227 km lange Wasserstraße, die Sankt Petersburg mit der Barentsee verbindet. Der Kanal wurde Anfang der 1930er Jahre auf Anweisung Stalins vorwiegend durch Häftlinge des Straflagersystems Gulag unter rauen klimatischen Verhältnissen und brutalen Arbeitsbedingungen gebaut. Tausende kamen dabei ums Leben., die durch Zwangsarbeit entstanden ist, waren über 100.000 Menschen umgekommen, weil sie den Strapazen des Lagers nicht gewachsen waren. Gorki pries im Vorwort Stalins „hervorragend organisierten Willen“, den „hochtheoretischen Verstand“ und das „gnadenlose, kämpferische Vorgehen“ gegen seine Gegner. Allerdings sollte man Gorkis eingeschränkten Blick nicht vorschnell als Folge politischer Naivität deuten. Viel wahrscheinlicher unternahm er einen Kraftakt des Willens, um den gewaltsamen Aufbau des Sozialismus um jeden Preis zu unterstützen. Dabei war er sogar bereit, die Augen vor der prekären Sowjetrealität zu verschließen. Er stand immer noch im Kontakt mit Vertretern der liberalen Exilgemeinde in Westeuropa. Dazu gehörte Jekaterina Kuskowa, die sich in Prag für eine demokratische Wiedergeburt Russlands einsetzte. Gorki warnte Kuskowa in einem Brief aus dem Jahr 1929, „das Volk mit dem giftigen, tödlichen Staub platter alltäglicher Wahrheiten zu verwirren und zu verblenden. […] Du magst mich einen Optimisten, Idealisten, Romantiker nennen ... Das ist deine Angelegenheit. Meine ist zu erklären, warum ich jetzt einseitig geworden bin.“4 

Dieser selbstgewählte blinde Pragmatismus bestimmte auch Gorkis Verhältnis zu Stalin. Immerhin verweigerte sich der Schriftsteller dem Diktator bei der geplanten Abfassung einer geschönten Biographie.5 Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass Gorki auf Anordnung Stalins 1936 ermordet wurde. Auffällig ist allein der Zeitpunkt des Todes: Gorki starb ein Jahr vor Beginn des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. – Stalin hätte von Gorki einen ähnlichen Protest wie nach Lenins Machtergreifung fürchten können.6 Allerdings war Gorki, der früher seine eigene Rührseligkeit und Sentimentalität publikumswirksam inszeniert hatte, schon längst durch seine vorbehaltlose Unterstützung des Kremlherrschers kompromittiert. 

Staub der sowjetischen Kanonisierung

Gorkis Ruhm beruht vor allem auf seinen frühen romantischen Erzählungen und seinen sozialkritischen Theaterstücken. Sein opus magnum, das biographische Epos Das Leben des Klim Samgin (1927-1937) wurde bis heute weder in Russland noch im Westen groß zur Kenntnis genommen. Anagrammatisch klingt im Namen der Titelfigur Gorkis eigener Vorname an. Allerdings entwirft Gorki keine fiktive Autobiographie, wie dies etwa der erste russische Nobelpreisträger Iwan Bunin in Das Leben Arsenjews (1933) getan hatte, sondern eine alternative Autobiographie in der Gestalt eines bürgerlichen Intellektuellen, der unter der Last möglicher Gesellschaftsmodelle zusammenbricht. In der offiziellen Sowjetkritik wurde das Buch als Bankrotterklärung des bürgerlichen Denkens gedeutet. Allerdings weist der Text viel mehr Sinnebenen auf, die vom subtilen Psychogramm bis zur Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft reichen.

Dass Gorki und sein Werk noch nicht ganz vom Staub der sowjetischen Kanonisierung zugeschüttet sind, zeigt ein neues, sehr anspruchsvolles Literaturportal, das sich ausgerechnet den Namen Gorki zugelegt hat.


1.Fülöp-Miller, René  (1926): Geist und Gesicht des Bolschewismus, S. 102
2.Petrov, Petre (2018): Gorky’s return and the energetics of Soviet socialism, in: Studies in East European Thought 70/2018, S. 41-60
3.Knigge, Armin (2011): „Ich liebte ihn im Zorn“ – Gorki über Lenin
4.Wolfe, Bertram D. (1970): Brücke und Abgrund: Maxim Gorki und Lenin, S. 95
5.Gor'kij, Maksim (1998): Neizdannaja perepiska s Bogdanovym, Leninym, Stalinym, Zinov'evym, Kamenevym, Korolenko, Bloomington, S. 280
6.Knigge, Armin (2006): Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin
 
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