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WM: Potemkinsche Städte

Alles dreht sich im Kreis und nicht um den Fußball: Die WM-Gäste werden natürlich nichts davon erfahren, wie ganz Moskau drei Jahre lang brav im Stau gestanden hat, während die Innenstadt und die Ausfallstraßen einmal komplett für die WM umgegraben wurden. Und auch über andere Dinge wird geschwiegen. Aber Andrej Archangelski hat’s aufgeschrieben und so erfahren sie’s nun doch.

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Durch die Augen eines ausländischen Besuchers ist Moskau ungewöhnlich schön / Foto © Dimitri Kortajew/Kommersant

„Ein Deutscher“, sagte sich Berlioz. „Ein Engländer“, dachte Besdomny. „Boah, dass dem nicht zu heiß wird mit seinen Handschuhen!“

Es war Frühling, eine ungewöhnlich heiße Dämmerstunde am PatriarchenteichDer Patriarchenteich ist ein rund 10.000 Quadratmeter großes künstliches Gewässer im Zentrum von Moskau. Es befindet sich im Stadtviertel Patriarchenteiche, das zu den beliebtesten Wohngegenden der Hauptstadt gehört. Der Patriarchenteich ist ein bekannter Schauplatz des Romans Meister und Margarita vom sowjetischen Schriftsteller Michail Bulgakow (1891–1940). Unweit des Teichs wurde 2015 ein Bulgakow-Platz angelegt; seit 1998 gibt es Pläne, ein Denkmal für den Schriftsteller aufzustellen. … und BulgakowMichail Bulgakow (1891–1940) war ein bekannter sowjetischer Schriftsteller, Theaterregisseur und Schauspieler. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören Sobatschje Serdze (dt. „Hundeherz“) und Master i Margarita (dt. „Der Meister und Margarita“). Viele von Bulgakows Werken wurden (auch im Ausland) verfilmt – zuletzt kamen 2012 Bulgakows Erzählungen A Young Doctor's Notebook raus. In dieser britischen Fernsehserie spielte Daniel Radcliffe eine Hauptrolle. betrachtet Moskau, wie wir uns erinnern, durch die Augen eines ausländischen KonsultantenIn Gestalt eines ausländischen Konsultanten erscheint in Michail Bulgakows Roman Meister und Margarita der Satan. Er trägt den Namen Woland, den Bulgakow aus Goethes Faust entlehnte. „Platz! Junker Voland kommt!“ sagt Mephistopheles über sich selbst in der Szene der Walpurgisnacht (Faust, 24).  – eines Ausländers. Diese Projektion kommt nicht von ungefähr: So sieht man Moskau besser.

Auch jetzt, kurz vor der Weltmeisterschaft, ist die Stadt, wenn man sie durch die Augen eines ausländischen Besuchers betrachtet, ungewöhnlich schön. Ohne die jahrelang aufgerissenen Straßen, die dann ganz plötzlich, innerhalb von nur zwei Wochen nigelnagelneu aussahen, wie von Zauberhand ... Die Gäste werden natürlich nichts davon erfahren, wie ganz Moskau drei Jahre lang brav im Stau gestanden hat, während die Innenstadt und die Ausfallstraßen einmal komplett umgegraben wurden – „wir bitten um Geduld für die WM“. Wie es in all den anderen Städten ausgesehen hat, in denen die Fußballsause ausgetragen wird, kann man nur erahnen.

Wir bitten um Geduld für die WM

Eine der Absonderlichkeiten an jenem Frühlingsabend, mit dessen Schilderung Meister und MargaritaMeister und Margarita ist der bekannteste Roman des sowjetischen Schriftstellers Michail Bulgakow (1891–1940). Er wurde von 1928 bis 1940 geschrieben und gilt als unvollendet: Jelena Bulgakowa (1893–1970), die Witwe des Autors, fügte den Roman zusammen und gab ihn (von Behörden zensiert) 1966 und 1967 in der Literaturzeitschrift Moskwa heraus. Das Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und avancierte schon bald nach der Erscheinung zu einem weltweiten Kultbuch. – dekoder zitiert aus der 2012 bei Galiani Berlin erschienenen Übersetzung von Alexander Nitzberg. beginnt, ist die folgende: „Nicht nur am Büdchen, nein, auf der gesamten Allee […] war nicht ein einziger Mensch zu sehen.“ Und auch jetzt wirkt Moskau halbleer – nur dass diesmal niemandes teuflischer Plan dahintersteckt. Ja, stimmt, laut Gerüchten gab es in manchen Ecken der Hauptstadt hier und da Säuberungsaktionen gegen MigrantenSpätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der Gastarbajtery jedoch erschwert., aber wesentlich für die Leere Moskaus ist heute etwas ganz anderes: seine städtebauliche Struktur.

Die Stadt, in der wir heute leben und wie wir sie kennen, wurde noch unter Stalin erdacht. Aus dieser Zeit stammen ihre HochhäuserBlickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte. und ProspekteDer schon im Russischen Kaiserreich verwendete Ausdruck Prospekt (von lat. prospectus, Aussicht) bezeichnet breite, mehrspurige und lange Straßen in den russischen Städten. In diesen sind sie zentral gelegen oder fungieren als Verbindungslinien äußerer Bezirke mit dem Stadtzentrum. Straßen, die ähnliche äußere Eigenschaften aufweisen, sich jedoch außerhalb der Innenstädte befinden, werden als Chausseen bezeichnet. Weltweit bekannte Prospekte sind etwa der Newski Prospekt in St. Petersburg oder der Leningradski Prospekt in Moskau., damals wurde ihr die totalitäre Logik aufgeprägt. Eine solche Stadt entsprach, wie man heute sagen würde, dem Geist der totalen Repräsentation: Alles war ausgerichtet auf die Durchführung von Fest- und Arbeiterkundgebungen, Ehrenformationen und Pionierparaden – all das sollte der Welt den Sieg des Sozialismus demonstrieren. Der Sozialismus ist längst Geschichte, aber das Schaufenster, zu dem die ganze Stadt gemacht wurde, ist noch da. Nur dass man sie jetzt Podium nennt.

Moskauer Menschenleere

Der Abriss der Verkaufspavillons, aber auch die Verbreiterung der Gehwege waren Teil einer „Vermenschlichungsstrategie“, die die Stadt den Menschen zurückgeben sollte, doch sie brachte den entgegengesetzten Effekt. In ihrem Alltag brauchen die Leute keine derart breiten Gehwege mehr; der moderne Städter flaniert und lustwandelt nicht mehr wie im 19. Jahrhundert. Vor allem abends wird das allzu deutlich – die breiten Trottoirs unterstreichen nur die Moskauer Menschenleere.

Im Endeffekt hat SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding, im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. nur die Idee des stalinistischen Moskaus, die einer anderen Gesellschaft galt, verewigt und neu verputzt. Leuchtende Beispiele sind der Gorki-ParkGorki-Park ist ein insgesamt rund 220 Hektar große Park in Moskau. Er wurde 1928 angelegt und 1932 nach dem sowjetischen Schriftsteller Maxim Gorki (1868–1936) benannt. Seit 2014 wird der Park aufwendig restauriert und umgestaltet, die Arbeiten sollen 2018 beendet werden. Einen Teil der Kosten tragen Firmen des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch. Im Gorki-Park befinden sich unter anderem ein Veranstaltungsgelände, mehrere Sport- und Spielplätze und einige Teiche mit Bootsverleih.  oder das WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde., die zum Denkmal des Stalinismus, seiner Geometrie und Totalität geworden sind. Die totalitäre Infrastruktur zwingt den heutigen Stadtbewohner, entgegen seinen Bedürfnissen, Gewohnheiten und Wünschen zu leben, sie nimmt ihm die Alternative, zwingt ihn wieder und wieder, sich im Kreis zu bewegen. Die Menschen stimmen unbewusst mit ihren Füßen ab – gegen diese Logik; und weil die Weltmeisterschaft mit zusätzlichen Einschränkungen droht, halten sie sich naturgemäß ganz von selbst aus der Stadt fernDie Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Die Datscha steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha auch oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen..

Moskau ist nun zugeschnitten für den Blick aus dem Busfenster

Das ist das paradoxe Ergebnis der Umgestaltung: Moskau ist nun zugeschnitten für den Blick aus dem Busfenster – und der fällt genau auf diese Leere, die Menschenlosigkeit, dem unkontrollierbaren, aber bestimmenden Merkmal der Stadt. Genau so wird sich die Stadt den WM-Besuchern präsentieren. Und das offenbart die unbewusste Aufgabe, die mit dem Umbau einhergeht: Das ganze Land in die Vergangenheit zurückzuversetzen, sagen wir, in die 1980er Jahre, um dann die Zeit für immer anzuhalten.

1980 reloaded

Moskau wird sich genauso präsentieren, wie es 1980 war. Die Gäste der Hauptstadt bekommen die einmalige Gelegenheit zu einer Reise in die fortgesetzte Vergangenheit. Das äußere Beiwerk ändert dabei nichts am Grundprinzip der Existenz: Was zählt, sind die Wünsche des Staates, nicht die der Menschen.
Wie es der Zufall will, kommt ausgerechnet in diesen Tagen Kirill SerebrennikowsKirill Serebrennikow (geb. 1969) ist ein bekannter russischer Theater- und Kinoregisseur, Preisträger vieler russischer und internationaler Theater- und Kinopreise. 2012 gründete er das Gogol Center, dessen Leiter er ist. Dortige Veranstaltungen erzeugen wegen ihrer kritischen Positionen sowie der künstlerischen Extravaganz oft breite öffentliche Resonanz. Im Mai 2017 geriet Serebrennikow ins Zentrum eines Korruptionsskandals: Ihm wurde Unterschlagung vorgeworfen. Die Durchsuchungen im Center sowie in der Wohnung Serebrennikows lösten eine breite Medien-Debatte aus, inwieweit sich Kultureinrichtungen durch Förderungen vom Staat abhängig machen. Viele Kulturschaffende haben Serebrennikow ihre Unterstützung ausgesprochen. neuer Film SommerLeto (dt. „Sommer“) ist eine Filmbiografie des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow (geb. 1969). Der Film kam im Juni 2018 in den russischen Verleih, er handelt von der Leningrader Underground-Kultur der frühen 1980er Jahre rund um Viktor Zoi (1962–1990) –   Poet, Schauspieler und einer der Pioniere des sowjetischen Rock. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2018 erhielt der Film Leto den Cannes Soundtrack Award in die Kinos – während der Regisseur selbst seit einem Jahr unter Hausarrest steht.

Sein Film spielt ebenfalls in den 1980ern. Auch dort herrscht eben jenes Gefühl von Endlosigkeit – es scheint, als würde alles für immer so bleiben; nur die RockmusikAls russische Rockmusik wird die inoffizielle Musikkultur der späten Sowjetunion bezeichnet, die sich seit den 1970er Jahren aus der Rezeption der westlichen Rockmusik entwickelte. Russischer Rock hatte von Anfang an einen oppositionellen Charakter, in den Texten verbargen sich häufig verschlüsselte kritische Aussagen über die sowjetische Gesellschaft. Zu dieser Musikkultur gehören solche Rockbands wie Maschina Wremeni, Aquarium, Kino und DDT. überschwemmt von Zeit zu Zeit das von allen Seiten abgedichtete Gebäude namens UdSSR. Schließlich beschließt der Staat, dies zu kanalisieren – in Form des Leningrader Rock-KlubsDer Leningrader Rock-Klub ist eine Musikervereinigung und ein Kulturhaus in St. Petersburg. Er wurde 1981 gegründet und bot sowjetischen Rockmusikern (unter der Kontrolle des KGB) eine gemeinsame Plattform. Der Klub gilt als die Geburtsstätte des sowjetischen Rock, hier kamen solche Bands wie Kino oder DDT zu Bekanntheit. Der Leningrader Rock-Klub ist eine Musikervereinigung und ein Kulturhaus in St. Petersburg. Er wurde 1981 gegründet und bot sowjetischen Rockmusikern (unter der Kontrolle des KGB) eine gemeinsame Plattform. Der Klub gilt als die Geburtsstätte des sowjetischen Rock, hier kamen solche Bands wie Kino oder DDT zu Bekanntheit. . Die Freiheit des Menschen, seine Emotionen, sein Tatendrang gepaart mit staatlicher Kontrolle – das ist noch ein Geheimrezept der späten Sowjetunion.

Auch heute wird jede menschliche Regung, jedes Verlangen kontrolliert. Du kannst zum Beispiel dein Fußballteam anfeuern, aber halte deine Gefühle bitte im Zaum, denn die Rostower KosakenKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot. werden „alle Männer, die sich während der WM 2018 küssen, der Polizei meldenIm Juni 2013 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen in Anwesenheit von Minderjährigen“ unter Geldstrafe stellt. Bei der Ausformulierung konkreter Handlungen bleibt das Gesetz uneindeutig. Es verbietet die „Verbreitung von Informationen“ (auch im Internet), die bei Minderjährigen eine positive Einstellung gegenüber „nichttraditionellen sexuellen Beziehungen“ hervorrufen können. Das Wort „Homosexualität“ kommt im Gesetz nicht vor.“.

Das Grundprinzip der Existenz ist und bleibt: Jeder, der leben will, muss eine Erlaubnis für dieses Leben einholen. 

Freiwillig unfrei

Den Zustand freiwilliger Unfreiheit können Ausländer nur schwer nachvollziehen. Allein die Existenz dieser menschlichen Maschine ist auf ihre Art einzigartig – es braucht dafür gleichzeitig millionenfache Selbstzensur. Nur eine Minderheit empfindet die Abwesenheit von Freiheit als Problem; die Erfahrung der individuellen Freiheit hat es nicht bis in den kollektiven Erfahrungsschatz geschafft, Freiheit ist nie zu einem Wert geworden.

„Im Sport sind alle Länder vereint!“ verkündet fröhlich ein Werbespot im Propagandaradio, das noch gestern fast Funken sprühte vor antiwestlicher Rhetorik. Und auch das spiegelt nur einen Wunsch der obersten Führung wider: Solange wir das Sportfest zelebrieren, sollen „alle alles vergessen“ – weil es ihr, der Führung, gerade so passt. Genau das ist das totalitäre Bewusstsein, von dem Orwell schreibt: Es will alles vergessen, wenn es gerade bequem ist, und erwartet von allen, dass sie dasselbe tun.

Aber die Welt funktioniert anders, und dort wird man nichts vergessen, auch nicht für die Dauer der Weltmeisterschaft: Weder die UkraineDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.   , noch Senzow, noch Serebrennikow. Und dann, wenn die WM vorbei ist, wird alles wieder von vorne beginnen – immer im Kreis, immer im Kreis.

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Stalin-Hochhäuser

Blickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Mit der Errichtung der Sieben Schwestern, wie diese im Stil eines eklektizistischen Neoklassizismus errichteten vielgeschossigen Gebäude im Ausland auch häufig genannt werden, wurde zwischen dem Ende des Großen Vaterländischen KriegsAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. und Stalins TodDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  1953 begonnen. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte.

„Wir sind nicht gegen Schönheit, wir sind nur gegen sinnlose Dinge!“ So fiel 1954 das diskreditierende Urteil Nikita ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. über das architektonische Erbe seines Amtsvorgängers Josef Stalin aus. Damit zielte Chruschtschow auch gegen die ins Megalomane strebenden und mit verschwenderischem Baudekor überzogenen Moskauer Wolkenkratzer dieses Stalinski Ampir („Stalinsches Empire“). Im Westen verächtlich Zuckerbäckerbauten genannt, erscheinen sie wie die sozialistische Antwort auf die amerikanischen Skyscraper der 1930er Jahre. Zu den Stalin-Hochhäusern zählen neben zwei Wohngebäuden das Hauptgebäude der Lomonossow-UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. auf den Sperlingsbergen, der Sitz des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten unweit des Alten ArbatsDer Alte Arbat ist eine der ältesten Straßen im Zentrum von Moskau und eine zentrale Fußgängerzone im beliebten historischen Moskauer Stadtteil Arbat. Der Alte Arbat bildet die Kulisse vieler Romane und Lieder, was seine große Bedeutung im russisch-sowjetischen Bewusstsein widerspiegelt. Dort befindet sich auch die Zoi-Mauer zum Gedenken an die Musiker-Ikone Viktor Zoi, sodass die Straße zu einem Pilgerort gitarrenbehängter Jugendlicher wurde. Sie ist ein großer Touristenmagnet., die Hotels Ukraina und Leningradskaja sowie das Haus am Roten Tor. Ein geplantes achtes Gebäude wurde nicht realisiert. Die Hochhäuser stehen an repräsentativen Orten im Stadtensemble und sollten sich ursprünglich um den – letztlich nie errichteten – Palast der Sowjets am Moskwa-Ufer gruppieren.

Zwar wurden die Stalin-Hochhäuser von unterschiedlichen Architekten ausgeführt, sie sprechen aber dennoch eine einheitliche architektonische Sprache: Sie alle sind als geschlossene axiale Baukörper über rechteckigem Grundriss errichtet und weisen eine Betonung der Mittelachse auf. Die aufstrebenden Turmspitzen erheben sich auf den getreppten Gebäudeteilen mit repräsentativen, häufig an antike Portiken erinnernden Eingangssituationen. Überhaupt stand die antike Tempelarchitektur mit ihren Säulenstellungen Pate für die bauliche Erscheinung. Allerdings wurde die für die Antike so wichtige Verbindung von Architektur und menschlicher Proportion durch die „unmenschlichen“ Bemessungen der Bauwerke bewusst vermieden. Auch beim Baudekor berief man  sich auf die Antike; so entstand eine krude Mischung von Friesen, Gesimsen, und Pflanzenfestons, in die Symbole der Sowjetherrschaft wie der Stern oder Hammer und Sichel eingefügt sind. Aber auch andere Bauepochen wie die Gotik wurden – entleert von ihrer inhaltlichen Aussage – zitiert.

Die „Sieben Schwestern“ vermittelten den Eindruck eines glanzvollen, prosperierenden Sozialismus – Foto © Michail Egorov/Wikipedia CC BY 3.0

Der Rückgriff auf Baudekor und architektonische Repräsentationsformen der Vergangenheit ist im Kontext der Doktrin des Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    zu begreifen, die spätestens seit 1934 das Kunstschaffen in der Sowjetunion bestimmte. Diese Doktrin war der staatlich verordnete Frontalangriff auf die dynamischen Formexperimente der Avantgardekunst und -architektur. Während in der Malerei die Rückkehr zur figurativen Darstellungsweise gefordert wurde, sollte die Architektur – statisch und unverrückbar – die Machtverhältnisse ausdrücken, an deren Spitze Stalin stand. Durch den Rekurs auf die Vergangenheit wurde eine historische Kontinuität konstruiert, die gleichzeitig auch eine Legitimation der herrschenden Verhältnisse behauptete.

Der Begriff „Realismus“ erscheint irreführend, denn es ging beim Sozialistischen Realismus weniger darum, den realen Status quo wiederzugeben: Vielmehr sollte der angestrebte Sollzustand, das Morgen im Heute abgebildet werden. So vermittelten die Stalin-Hochhäuser an die eigene Bevölkerung, aber auch an das Ausland, den Eindruck eines glanzvollen, prosperierenden Sozialismus mit geradezu imperialer Strahlkraft. Die Wirklichkeit hingegen sah anders aus: Die skrupellose Industrialisierung des ersten Fünfjahrplans, der stalinistische Terror der 1930er Jahre und die grausamen Folgen des Großen Vaterländischen KriegsAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. hatten das Land mit unbeschreiblichem Leid überzogen, angesichts dessen die Sieben Schwestern als geradezu höhnische Prestigeobjekte erscheinen, die noch dazu erst durch den Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet werden konnten. Den meisten Moskowitern blieb denn auch nur, die Hochhäuser von außen zu bestaunen, denn selbst die Wohngebäude an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße und am Kudrinskaja-Platz waren den Eliten vorbehalten.

Wie politisch die Architektur der Stalinära verstanden werden muss, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der Zuckerbäcker-Stil in den 1950er Jahren auch in die Bruderländer der Sowjetunion exportiert wurde. Prägnantes Beispiel ist der von Lew Rudnew geplante Kulturpalast in Warschau, der große Übereinstimmungen mit Rudnews Hauptgebäude für die Lomonossow-UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. aufweist. In Berlin erinnert die Karl-MarxEnde des 19. Jahrhunderts wurde Karl Marx in Russland zu einem der einflussreichsten Philosophen. Schon bald nach der deutschen Erstausgabe von 1867 gab es sein Kapital auch auf Russisch. Das Werk fand in Russland ein weitaus lebhafteres Echo als in Deutschland oder irgendwo sonst in Europa. Nach der Oktoberrevolution wurde ein vermeintlich texttreuer, dogmatischer Marxismus zu einer dominierenden und schließlich sogar absolut gesetzten Ideologie.-Allee an diese architektonische Machtbekundung und territoriale Markierung des Großen Bruders Moskau.


Zum Weiterlesen:
Rüthers, Monica (2007): Moskau bauen von Lenin bis Chruschtschow: Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror und Alltag, Wien [u. a.]
Paperny, Vladimir (2002): Architecture in the Age of Stalin: Culture two, Cambridge
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Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

Samisdat

Der Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet.

Peredwishniki

Die Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf.

Wassily Kandinsky

Wassily Kandinskys (1866–1944) künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des Blauen Reiters und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau.

Moskauer Staatliche Lomonossow-Universität

Die Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus.

Higher School of Economics

Die Higher School of Economics zählt zu den wichtigsten russischen Hochschulen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Reformuniversität wurde Anfang der 1990er gegründet, um Wirtschaftsexperten für den Aufbau der Marktwirtschaft auszubilden. Heute zählt die Hochschule zu den führenden Forschungsuniversitäten in Russland und nimmt auch politisch eine wichtige Rolle ein.

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