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Der Teppich an der Wand

„Überall auf der Welt legt man Teppiche auf den Boden. Warum hängen wir sie an die Wand?“ Selbst für Russen ist die Antwort auf diese Frage alles andere als einfach. Das, was für viele heutzutage als ein Symbol der Geschmacklosigkeit gilt, gehörte in sowjetischen Wohnungen der 1970er und 1980er Jahre zum Interieur, genauso wie das gute Porzellan oder das Kristallgeschirr hinter den Scheiben der lackierten Schrankwand (russ. „Stenka“).

Auch heute sind die Teppiche, vor allem in den Wohnungen älterer Menschen, keine Seltenheit. In Beiträgen und Diskussionen in Internetforen wird vor allem eines deutlich: Der Wandteppich wird als spezifisch russische Eigenart und somit als ebenso erklärungsbedürftig wie identitätsstiftend gewertet.

Heute ist der Wandteppich häufig ein Objekt ironischer Fotoposen in Sozialen Netzwerken  / Foto © pogovorim_mirtesen.ru

Teppiche hingen bereits in den StalinbautenBlickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte. an den Wänden und bedeckten auch Tische, Sofas, Sessel und den Boden, aber in den 1970er Jahren wurden sie zum Massenphänomen. Teppiche waren cool, teuer und Mangelware (defizit)Der russische Begriff defizit (dt. „Mangelware“) war vor allem zu Zeiten der Sowjetunion sehr geläufig. Aufgrund schlechter Versorgungslage kam es oft zu dauerhaften Versorgungsengpässen, viele Waren waren über längere Zeiträume hinweg nicht erhältlich. Daneben gab es auch den Begriff des Informationsdefizits: Dieser bezog sich vor allem auf Zensur und Propaganda.   . Da die Mode zuerst bei der IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.   und den Funktionären aufkam, galt sie bald als Zeichen von Status und Prestige. Echte Teppiche sind eigentlich die mit den orientalischen Mustern, aber beliebt waren auch die „mit den Hirschen“, die man gar nicht auf den Boden legen konnte.

Nach dem Teppich-Boom in den 1970er und 1980er Jahren wurde im Laufe der 1990erDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. MEHR DAZU IN UNSERER GNOSE der Wandteppich zum Inbegriff des schlechten Geschmacks der Großeltern, ein Überbleibsel der sowjetischen Vergangenheit, das man vergaß, abzuhängen. Sich vor dem Wandteppich fotografieren zu lassen, was in der Sowjetunion zum guten Ton gehörte, gilt mittlerweile als gestrig. Bildstrecken in Sozialen Netzwerken ironisieren das Portrait vor dem Wandteppich oder laden es erotisch auf in Kompositionen, die an die Odalisken von Henri Matisse erinnern.

Zugleich bleibt der Wandteppich Symbol für Ehe und Hausstand und dient gelegentlich als Hochzeitsgeschenk oder Aussteuer. Im Internet sind Fotos von Brautpaaren vor dem Teppich zu finden, oft in einem Park. Der Teppich hinter den Brautleuten wird von den Frauen der Trauzeugen hochgehalten, die auf den Schultern ihrer Partner sitzen.1

Das orientalische Zimmer als Ort der Zuflucht

Die Herkunft des Wandteppichs scheint einerseits im Orient-Boom des 19. Jahrhunderts zu liegen, andererseits in einer russischen Tradition, in Innenräumen alle Oberflächen reich mit Textilien auszuschmücken.2 Dabei begann der Trend zunächst im westlichen Europa und in den USA: Schriftsteller, Künstler und Architekten begannen sich nach der Eroberung Algiers 1830 für den islamischen Orient zu interessieren. Britische Adelige und amerikanische Großbürger ließen sich Schlösser und Villen im orientalischen oder maurischen Stil bauen, mit Ornamenten reich verziert. Inseln der Flucht aus dem hektischen Alltag, Orte orientalischer Genüsse wie Kaffeehäuser, Restaurants und Ausstellungs-Pavillons waren im orientalischen Stil gehalten. Persische Teppiche erlebten seit den 1860er Jahren einen regelrechten Boom, und jedes reiche Haus musste zumindest ein „orientalisches Zimmer“ oder eine orientalische „Ecke“ haben.3

Die großen Warenhäuser richteten Orient-Abteilungen ein. Dabei wurde die Qualität der Handarbeit besonders betont. Auch Einrichtungszeitschriften förderten den Trend weg vom strengen Französischen Stil hin zu den dunkleren, warmen Tönen türkischer Polster, Vorhänge und Teppiche. Zwischen 1880 und 1915 waren in Westeuropa und den USA mit Teppichen gepolsterte Möbel in Mode. Die günstigeren Teppiche dafür kamen aus dem Mittleren Osten, vor allem aus Teilen Russlands, namentlich dem Kaukasus und den turkmenischen Gebieten ZentralasiensMit Zentralasien wird hier jene Region bezeichnet, in der sich heute die Staaten Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan befinden. Die Region wurde vom russischen Imperium bis zum Ende der 1860er Jahre unterworfen. Die heutigen Staatsgrenzen gehen weitgehend auf die Gründung nationaler Republiken in der Sowjetunion im Jahr 1924 zurück..4

Diese Mode erfasste auch die Eliten des Zarenreiches. Fotos aus den reichen russischen Häusern entsprechen ähnlichen Aufnahmen aus Frankreich, England oder den USA: Reich und bis unter die Decke mit orientalischen Teppichen und Kissen dekorierte Räume oder Ecken mit Poufs, mit Teppichen gepolsterte Sessel und Diwane laden zum Verweilen und Träumen ein. Oft wurden über den Teppichen nach kaukasischer Manier Waffen angebracht.5

Sowjetische Kontinuitäten

In Russland waren die „orientalischen Zimmer“ vor dem Ersten WeltkriegRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. ein bei der adligen Jugend, aber auch in Künstlerkreisen beliebter Treffpunkt. Nach der RevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. gingen sie mit in die Emigration. Aber die Mode wurde von den sowjetischen Eliten übernommen. In der jungen Sowjetunion erhielt die Teppichproduktion durch staatliche Aufträge eine neue Dimension: Turkmenische, aserbaidschanische, armenische, ukrainische, moldawische, kasachische und dagestanische Manufakturen produzierten nun hochwertige handgeknüpfte Teppiche für die ganze Sowjetunion und für den Export. Hinzu kam die maschinelle Produktion von Teppichen für die breite Nachfrage. Sowjetische Teppiche waren auch in Europa und in den USA in den 1920er Jahren eine ernstzunehmende Konkurrenz.6

Nach 1945 verbreiteten sich in einer günstigen Variante gefranste Bildwandbehänge (russ. „Schpalery“) mit Rehen, Bären, Schwänen oder röhrenden Hirschen, aber wer es sich leisten konnte, besaß echte, wollene Teppiche mit orientalischen Mustern.7 So ein Teppich konnte zu Sowjetzeiten ein Jahresgehalt kosten.

Prestigeträchtiges Symbol des Luxus

Fotos sowjetischer urbaner Interieurs der 1950er Jahre zeigen die Teppiche als Ausdruck gehobener Wohnlichkeit, gerade auch in Künstlerkreisen, der Bohème, aber auch bei Lehrern und Ingenieuren. Manche Aufnahmen aus der Zeit zeigen Familien in Interieurs, in denen Boden, Wände und Sofa, zuweilen sogar der Tisch mit Teppichen bedeckt sind, sodass zumindest im Bild überhaupt keine freien Flächen sichtbar sind.

In der Sowjetunion der 1950er bis 1970er Jahre waren Wandteppiche ein Ausdruck gehobener Wohnlichkeit / Foto © Kommersant Archiv

Nach einer kurzen Zeit in den 1960er Jahren, als ein minimalistischer Einrichtungsstil modern war und die Ratgeberliteratur eine radikale Entrümpelung der kleinbürgerlichen Interieurs von überflüssigem Kitsch verlangte, war in den 1970er Jahren die Gemütlichkeit Trumpf, und die Teppiche vermehrten sich inflationär. Mit der massenhaften Verbreitung nahm der Anteil industriell hergestellter Teppiche zu. Auch Importe aus Bulgarien, Rumänien und der Tschechoslowakei waren auf dem Markt.

Die Sowjetunion versprach ein Leben im Wohlstand, und die Teppiche waren ein prestigeträchtiges Symbol des Luxus. Geschätzt waren vor allem Teppiche aus Turkmenistan, Aserbaidschan, Georgien, Armenien und Dagestan als wertvolle Kunstgegenstände.8

Staubfänger, nostalgisches Kultobjekt oder therapeutischer Rückzugsort

Heute scheiden sich die Geister. „Für mich ist es kulturlos, wenn das Bett neben einer kahlen Wand steht, als wäre es eine Mönchskammer oder Gefängniszelle“, „mit ihm ist es irgendwie gemütlicher und für die Seele wärmer“, „wenn ich ins Zimmer komme, habe ich das Gefühl, ich würde diesen Teppich umarmen, wenn ich nur könnte“. Andere fragen sich dagegen: „Wie schwachsinnig muss man sein, um einen Teppich in seiner stinkigen ChruschtschowkaAuf dem Kongress der Baufachleute 1954 verordnete Chruschtschow eine radikale Umkehr, weg von neoklassizistischen Prachtbauten hin zu sparsamen Dimensionen, neuen Materialien und Großtafeln, die auf der Baustelle nur noch montiert werden mussten. Das war die Geburtsstunde der Platte. Mit seiner Wohnungsbaukampagne wollte Chruschtschow die Bevölkerung für die „Erneuerung des Sozialismus nach Stalin“ mobilisieren – und setzte eine Massenbewegung in Gang: Zwischen 1955 und 1970 zogen 132 Millionen Sowjetbürger in eine neue Wohnung. aufzuhängen?“ Der Teppich sammle Staub, diene als Unterkunft für Zecken, Mücken und andere Parasiten, der Raum sehe kleiner aus, primitiv, geschmacklos, eben echte „asiattschina“.9 Generell wird darüber sinniert, ob der Wandteppich eine Eigenart oder eine Geschmacklosigkeit ist.

Während ein Teppich an der Wand im heutigen Russland den einen als Zeichen von Kulturlosigkeit und SowokSowok ist eine abwertende Ableitung von Sowjetunion. Sie bedeutet „Kehrblech“ und stand in kritischen Kreisen sowohl für den sogenannten Homo Sovieticus als auch für die politische Wirklichkeit der Sowjetunion. gilt, verkünden andere in Einrichtungsratgebern neuerdings die Rückkehr des Wandteppichs und zeigen modische Varianten. Das Online-Medium Lenta.ruLenta.ru ist ein Online-Nachrichtenportal, das Newsticker, Themen-Artikel und Meinungsbeiträge kombiniert. Mit über acht Millionen Besuchern monatlich ist die Ressource eine der populärsten ihrer Art im russischen Internet. Im März 2014 sorgte die Entlassung der Chefredakteurin für Diskussionen über die Ukraine-Berichterstattung und politische Zensur im Internet. etwa berichtet über die Rückkehr der Wandteppiche in die russischen Wohnzimmer im Zuge der Sowjetnostalgie und findet kulturelle und psychologische Erklärungen: Die Wandteppiche seien nicht nur eine sowjetische Besonderheit gewesen, sondern bis heute Teil des sowjetischen visuellen Gedächtnisses. Sie würden Vertrautheit vermitteln und angenehme Erinnerungen an die sowjetische Stabilität und Geborgenheit auslösen, an Feste und Geselligkeit, aber mit ihrer Ornamentik auch an nicht-russische Exotik, die Teil des sowjetischen (imperialen) Alltags war und die außerhalb der Bilder der sowjetischen Vergangenheit in Vergessenheit geriet. Der Teppich spiele gar eine wichtige therapeutische Rolle, indem sein Anblick bestimmte Reaktionen auslöse, angenehme Erinnerungen an die eigene Jugend, das Gefühl der Einzigartigkeit und Ruhe durch Selbstvergewisserung.10


1.siehe z.B. Kaifolog.ru: Kovrovyje prikoly 
2.zum Orient-Boom vgl.: Ittig, Annette (1992): Ziegler's Sultanabad Carpet Enterprise, in: Iranian Studies, Vol. 25, No. 1/2: The Carpets and Textiles of Iran: New Perspectives in Research (1992), S. 103-135; Roxburgh, David J. (2000): Au Bonheur des Amateurs: Collecting and Exhibiting Islamic Art, ca. 1880-1910, in: Ars Orientalis, Vol. 30: Exhibiting the Middle East: Collections and Perceptions of Islamic Art (2000), S. 9-38; Roth, Rodris (2004): Oriental Carpet Furniture: A Furnishing Fashion in the West in the Late Nineteenth Century, in: Studies in the Decorative Arts, Vol. 11, No. 2, S. 25-58; zu Russland vgl.: berlogos.ru: Kover na stene: tradicii i sovremennost 
3.Ittig, Anette (1992), S. 108. Orientalische Zimmer tauchten auch in der Literatur auf, etwa in Emile Zolas Erzählung Au bonheur des dames (1884). Gemälde wie die Odalisken des Orientalisten Henri Matisse zeigen die dekorativen, an Ornamenten reichen Interieurs noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. 
4.Roth, Rodris (2004), S. 25 
5.Der russische Schriftsteller Michail Lermontov beschrieb das orientalische Zimmer mit Waffen in den 1830er Jahren in seinem Romanversuch Fürstin Ligovskaja (1836/37, publ. 1882). 
6.Ittig, Anette (1992), S. 121 
7.22-91.ru: Sovetskie kovry ukrašali steny i poly 
8ebd. Ein spätsowjetischer Katalog für echte Teppiche von Berezka findet sich hier: Back-in-ussr.com: Katalog kovkov iz SSSR 
9.vgl.: lovehate.ru: Pro kovry na stenach 
10.Lenta.ru: Ego vorsejšestvo: Bessmertnyje kovry vozvraščajutsja na steny rossijskich kvartir  
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