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Gazprom

Allzeithoch bei Exporten, Aktie auf Fünfjahrespeak, Rekorddividenden: Gazprom brilliert derzeit auf allen Gebieten. Warum der Glanz des Unternehmens jedoch bald verblassen könnte, erklärt Julia Kusznir. 

Russland im Ersten Weltkrieg

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Robert Kindler über Russlands Rolle in diesem Krieg, der als Auslöser der Revolutionen im Jahr 1917 gilt – und in der Erinnerungskultur heute im Schatten der Oktoberrevolution steht.

Kalaschnikow

„Jede Waffe ist todbringend. Wenn man sie nicht zu Verteidigungszwecken einsetzt, wird sie zu einem gefährlichen widersprüchlichen Instrument”, so der Erfinder des berühmten Sturmgewehrs Michail Kalaschnikow kurz vor seinem Tod. Am 11. November wäre er 100 Jahre alt geworden.

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Sachar Prilepin

Großgewachsen, durchtrainiert, mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck und traurigen, aufmerksamen Augen. Ein Veteran des TschetschenienkriegsIn beiden Tschetschenienkriegen (1994–1996 und 1999–2009) kämpfte die russische Armee gegen separatistische Widerstandskämpfer der Republik im russischen Nordkaukasus. Während der erste Krieg die faktische Autonomie der Provinz zum Ergebnis hatte, konnten die russischen Kräfte im zweiten Krieg nach jahrelangen Kämpfen, die auch zahlreiche Opfer forderten, die Region unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten verübten während der Kriege schwere Menschenrechtsverletzungen., der als solcher anerkannt und geschätzt wird – keiner der nur labert, sondern zupackt. Einer, der nachdenklich am Steuer eines Transporters durch die zerbombten Straßen des DonbassDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits mehr als 12.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose humanitäre Hilfe zu den Separatisten bringt, die ihn als einen der ihren willkommen heißen. So präsentiert sich Sachar Prilepin, einer der populärsten und meistgelesenen Autoren Russlands, in seinem Dokumentarprojekt Ne tschushaja Smuta: Odin Den – odin God (dt. „Keine fremden WirrenDie „Zeit der Wirren“ bezeichnet eine Episode zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als verschiedene Prätendenten um die Thronfolge rangen, fremde Heere russische Städte belagerten und Hungersnöte grassierten. Der Begriff stellt hier einen Zusammenhang zu den 1990er Jahren her, als der russische Zentralstaat schwach, der Einfluss von Wirtschaftseliten auf die Politik hoch und Armut verbreitet war.: Ein Tag – ein Jahr“).

Sachar Prilepin – Schriftsteller und Veteran des Tschetschenienkrieges – führt nun ein Bataillon im Donbass / Foto © Screenshot der Sendung „60 Minut“ („Erster Kanal“) vom 14.02.2017

März 2017: Zurück in Moskau, casual look, Prilepin stellt sein neuestes Buch vor, die Essaysammlung Wswod (dt. „Trupp“) über die Militärdienstzeit klassischer Autoren der russischen Literatur – von Dershawin bis Puschkin, non Fiction. Prilepin (re-)konstruiert damit eine literarische Tradition des martialisch-expansionistischen KosakentumsKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot., als deren jüngster Repräsentant er sich versteht. Der Autor stellt sich in die europäische Tradition der romantischen Paramilitärs, der poeti condottieri (Dichterkrieger), die vor allem die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts für sich einnahmen.1

Bereitschaftspolizei und Literatur

Militärdienst und Literatur sind aber kein neues Thema in seinem Werk. In der Biographie Prilepins sind diese auf das Engste verflochten: Der 1975 in einem Dorf in der Rjasaner Oblast geborene Prilepin absolvierte parallel zum literaturwissenschaftlichen Studium in Nishni NowgorodNishni Nowgorod (von 1932 bis 1990 Gorki) ist eine Großstadt (1,2 Millionen Einwohner) an der Einmündung der Oka in die Wolga, ungefähr 400 km östlich von Moskau. Zu Sowjetzeiten war die Stadt für Ausländer geschlossen. Von 1980 bis 1986 Verbannungsort von Andrej Sacharow, der hier unter ständiger Bewachung des KGB lebte. die Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei OMONOMON (Otrjad Mobilny Osobogo Nasnatschenija – dt. „Mobile Einheit besonderer Bestimmung“) umfasst verschiedene Spezialeinheiten der Polizei. Sie werden vor allem bei Demonstrationen und Massenveranstaltungen herangezogen, aber auch bei Geiselnahmen, Aktionen gegen organisierte Kriminalität oder für den Objektschutz eingesetzt. Das 1988 gegründete Format untersteht seit 2016 der neu geschaffenen Nationalgarde Russlands., einer Sondereinheit der russischen Polizei, die damals unmittelbar dem Innenministerium unterstand. Zwischen 1996 und 1999 nahm Prilepin an Einsätzen im Ersten TschetschenienkriegRund zwei Monate vor der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 erklärte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew (1944–1996) die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Ende 1994 beschloss der Kreml eine Intervention: Die von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten begleitete Rückeroberung kostete zehntausenden Menschen das Leben. Der im August 1996 ausgehandelte Waffenstillstand fror den Konflikt ein, das Land blieb de facto unabhängig. 1999 begann der Zweite Tschetschenienkrieg, der Russlands Kontrolle über das Land wiederherstellte. Zehntausende Menschen fielen ihm zum Opfer, 2009 wurde er offiziell für beendet erklärt. und im Dagestankrieg teil. Im Jahr 1999 kehrte er ins zivile Leben zurück, quittierte den Polizeidienst, schloss sein Studium ab und widmete sich der journalistischen Arbeit.
 
Die Kriegs- und Militärerfahrung ist schließlich auch der Gegenstand seiner Literatur und polarisiert die Leser bereits seit seinem Debüt Patologii (dt. „Pathologie“, 2005). In dem Roman setzt sich Prilepin in dichter Prosa mit seinen Erfahrungen aus dem Ersten Tschetschenienkrieg auseinander. Die nüchterne und zugleich verklärende Schilderung des Kriegsalltags sowie die meisterhafte Beschreibung von Schlachtszenen brachten dem Debütanten auch breite Anerkennung ein. An diese konnte er 2006 mit seinem ebenso umstrittenen Roman Sankya2 anknüpfen. Während Patologii einen Insider-Blick in die soziale Organisation der Bereitschaftspolizei im Kriegseinsatz darstellt, bietet Sankya eine feinfühlige und dynamisch erzählte Innenansicht in das Milieu der Nationalbolschewistischen ParteiDie Nationalbolschewistische Partei Russlands (NBP) wurde 1992 von Eduard Limonow und dem Publizisten Alexander Dugin zunächst als Nationalbolschewistische Front gegründet. Mit der Losung „Russland ist alles, alles andere – nichts“ verbindet ihre Ideologie russischen Nationalismus mit einer radikalen Ablehnung des Kapitalismus. Nach mehreren Teilungen schloss sich die NBP Garri Kasparows Dachorganisation oppositioneller Kräfte Anderes Russland an. Die NBP ist seit 2007 verboten. Viele Anhänger der Partei wurden wegen extremistischer Tätigkeit verhaftet, die Moskauer Parteizentrale wurde von Sicherheitskräften gestürmt. (NBP)3 Eduard LimonowsEin russischer Schriftsteller, Nationalist (geb. 1943) und Gründer der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei. Seit den frühen 1990er Jahren ist er in der radikalen nationalistisch-kommunistischen Bewegung aktiv, arbeitet in dem Projekt Anderes Russland aber auch mit gemäßigten Oppositionskräften zusammen. Er war an der Organisation vieler Proteste beteiligt, so an den Märschen der Unzufriedenen und der Strategie-31 zur Verteidigung der Versammlungsfreiheit. Limonows Romane und seine Publizistik erhielten Literaturpreise, sind jedoch auch als Gegenstände gesellschaftlicher Skandale bekannt geworden., der Prilepin seit 1996 angehörte.4

Eine Rebellion ohne Ziel

Prilepin, der als Heranwachsender den Zusammenbruch der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose erlebt hat, zeichnet in Sankya das literarische Abbild einer desorientierten, regimekritischen Generation, die von einem großen Revolutionsereignis träumt und von Polizeitruppen in Kleinkämpfen aufgerieben wird. Eine Rebellion ohne Programm und ohne Ziel, angerührt aus einem kruden rot-braunen Ideenbrei und berechtigter Empörung – so ließe sich das in dem Roman verarbeitete Lebensgefühl der Limonow-Anhänger und ihrer aktionistischen Provokationen beschreiben. Spätestens seit der Angliederung der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose im März 2014 gehören viele von Limonows einst radikalen Ideen, die auch Prilepin teilte, allerdings zum Mainstream in der russischen Politik und den russischen Medien.

 Versöhnung mit der Macht

Limonows politischer Ziehsohn Prilepin hat seit seinem Romandebüt 2005 eine steile Karriere gemacht. Heute gehört er nicht nur zu den meistgelesenen Autoren Russlands, sondern auch zu den bekanntesten Mediengestalten. So ist er seit November 2017 einmal wöchentlich in der Sendung Sachar Prilepin. Russischstunde auf NTWNTW ist einer der quotenstärksten TV-Kanäle Russlands. Er besteht seit 1993 und gehörte bis 2001 zur Holding des damaligen Medienmagnaten Wladimir Gussinski (geb. 1953). Dieser nutzte seine Medien auch zur politischen Einflussnahme. Vor allem NTW, das für viele als anspruchsvoll und innovativ galt, entwickelte sich zu einer Art Sprachrohr von Gussinksi, der damit auch die autoritäre Konsolidierung unter Putin kritisierte. Laut Beobachtern soll NTW 2001 vor allem wegen dieser Kritik von der staatsnahen Holding Gazprom-Media übernommen worden sein. zu sehen, in der er aktuelle Themen kommentiert. Mit dem in Russland mehrfach ausgezeichnetem Lagerroman Obitel (dt. „Kloster“) fand Prilepin 2014 auch breite Zustimmung im staatlich-patriotischen Literaturbetrieb. Gleichzeitig verkündete er seine „persönliche Versöhnung mit der Macht“5 und engagierte sich aktiv im Ukraine-KonfliktDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits mehr als 12.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose auf Seiten der prorussischen Separatisten. Für die sammelte er medienwirksam Geld und Hilfsgüter und stellte als Kriegsberichterstatter ihre Sicht der Ereignisse dar. Offiziell war er zunächst als Berater des Separatistenführers der sogenannten Donezker VolksrepublikDie Donezker Volksrepublik ist ein von Separatisten kontrollierter Teil der Region Donezk im Osten der Ukraine. Sie entstand im April 2014 als Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und erhebt zusammen mit der selbsternannten Lugansker Volksrepublik Anspruch auf Unabhängigkeit. Seit Frühling 2014 gibt es in den beiden Regionen, die eine zeitlang Noworossija (dt. Neurussland) genannt wurden, Gefechte zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee. Mehr dazu in unserer Gnose  (DNR) tätig, dann gründete er laut Komsomolskaja Prawda ein eigenes FreiwilligenbataillonSowohl in den ukrainischen als auch in den russischen Medien ist der Begriff der ukrainischen Freiwilligenbataillone umstritten. Viele Beobachter sehen darin ein Propaganda-Motiv aus Kiew und zweifeln die Freiwilligkeit solcher Bataillone an, glauben vielmehr, sie seien erfunden, um eine einheitliche Front aller Ukrainer zu demonstrieren. Dies geschieht häufig unter Verweis darauf, dass die meisten Mitglieder solcher Verbände beorderte Reservisten seien. Demgegenüber kursieren Schätzungen, wonach derzeit einige zehntausend Freiwillige in Verbänden organisiert seien, die zum großen Teil dem Verteidigungs- bzw. Innenministerium unterstehen würden. Einige dieser Bataillone agierten demnach außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols., dem er als Major vorstand.6 Er selbst sieht sich dabei in der Tradition russischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, allen voran Puschkins, der sich, so Prilepin, mit Sicherheit seinem Bataillon im Donbass angeschlossen hätte.7
 
Bei der Buchpräsentation von Wswod nach seinem Engagement im Donbass gefragt, antwortet Prilepin: „Ich vertrete die Prinzipien der liberalen Demokratie: Wenn sich ein überwältigender Teil der Bevölkerung im Donbass und auf der KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose der Russischen WeltDas Konzept der Russischen Welt (russ. russki mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  Mehr dazu in unserer Gnose zugehörig fühlt [...] wer ist dann berechtigt, ihnen diese Rechte zu nehmen? Sprache ist mehr als nur ein Kommunikationsmittel, das ist Physiologie, das ist alles, was wir sind.“8
 
Im Juli 2018, einen Monat vor dem Tod des ehemaligen Regierungschefs der selbsternannte Volksrepublik, Alexander SachartschenkoAlexander Sachartschenko (1976–2018) war sogenannter Regierungschef der selbsternannten Volksrepublik Donezk. Im Jahr 2014 stieg er unter den Separatisten zunächst zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf und löste im August 2015 Olexandr Borodaj als Vorsitzender des Ministerrates des international nicht anerkannten Staates ab. Im August 2018 kam Sachartschenko bei einem Anschlag ums Leben. Der Kreml gab der Ukraine die Schuld, Präsident Putin sprach von einem „feigen Mord“. Die ukrainische Regierung vermutete hinter dem Anschlag dagegen einen Konflikt zwischen den Separatisten und dem Kreml., verließ Prilepin allerdings die DNR. Einer der Anführer der ostukrainischen Separatisten, Igor StrelkowIgor Strelkow diente bei der russischen Armee und im Geheimdienst und war einer der Anführer der ostukrainischen Separatisten im Sommer 2014. Seit August 2014 nimmt er nicht mehr aktiv an den Kampfhandlungen teil, ist jedoch Berater der Separatisten und gilt als ideologischer Verfechter ihrer Interessen in Russland. Der Name Strelkow ist ein Pseudonym, sein wirklicher Name lautet Igor Girkin. Mehr dazu in unserer Gnose , ließ unlängst verlauten, Prilepin habe dort überhaupt nicht an Kampfhandlungen teilgenommen, sondern PR für Sachartschenko betrieben und an einem Buch über diesen gearbeitet, von dem nicht klar sei, ob es „mehr versteckten Spott über den Chef oder mehr Arschkriecherei“ enthielte. Prilepin wies diese Vorwürfe scharf zurück. Seine Zeit im Donbass sei allerdings vorbei: „Ich will nicht weiter für die Interessen des großen Business kämpfen. Ich will nicht für den Kapitalismus kämpfen.“9

Konservativ-patriotisches Theater

Insofern trifft es sich gut, dass Prilepin Anfang Dezember 2018 eine neue Stelle in Moskau antreten konnte. Unter der Führung des Produzenten und Regisseurs Eduard BojakowEduard Bojakow (geb. 1964) ist ein russischer Theaterregisseur, Initiator mehrerer Festivals und seit Dezember 2018 künstlerischer Leiter des angesehenen Gorki-Künstlertheaters Moskau (MChAT). Bis 2014 verarbeitete er auch im künstlerischen Werk seine Kritik an der politischen Ordnung Russlands. Nach der Angliederung der Krim schlug er sich jedoch sichtbar auf die konservative Linie des russischen Kulturministers Wladimir Medinski. Bojakow betont seitdem zunehmend „traditionelle Werte“ und bekennt sich öffentlich zur Slawophilie – ein Begriff, mit dem heute viele Beobachter das Phänomen des russischen Nationalismus erklären. Seit 2015 setzt der Theatermacher auch Projekte in der Donbass-Region um, dabei inszenierte er auch ein Stück, das er der Krim-Angliederung widmete.  wird er künftig stellvertretender Leiter und Verantwortlicher für den Bereich Literatur am GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war der meistgedruckte sowjetische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen.Maxim Gorkis Paradox bestand darin, dass er seine moralische Autorität in den Dienst des Stalinismus stellte. Ulrich Schmid über den meistgedruckten sowjetischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mehr dazu in unserer Gnose -Künstlertheater Moskau (MChAT) sein. Dritter im Bunde ist der Schauspieler und Regisseur Sergej Puskepalis, der die künstlerische Arbeit am Theater koordinieren wird. Alle drei sind dem Spektrum konservativ-patriotischer Kunstschaffender zuzuordnen, die sich nach der Angliederung der Krim zur Politik der russischen Führung bekannten. Verkündet wurde diese Personalie von niemand geringerem als Wladimir MedinskiWladimir Medinski ist ein Politiker der Regierungspartei Einiges Russland. Seit 2012 leitet er das Kulturministerium und fördert dort aktiv einen stetigen Patriotisierungskurs. Mehr dazu in unserer Gnose , dem russischen Kulturminister. Das MChAT ist eines der traditionsreichsten Theater Russlands, in den letzten Jahren machte es aber kaum noch von sich reden, der Kritik galt es als altmodisch. Medinski bezeichnet es lieber als „patriotisch“ und verspricht der neuen Führung eine Aufstockung der Mittel.10 Prilepin verkündet derweil, man plane keine Revolutionen, wolle das Theater aber noch konservativer machen.11 Auf weitere Überraschungen Prilepins, der erfolgreich zwischen der Rolle des authentischen Rebellen und des loyalen Nationalisten hin und her pendelt, darf man gespannt sein.


1.Insbesondere in Italien bestand eine lebhafte Tradition der Dichterkrieger (poeti condottieri), etwa Mussolinis großes Vorbild, der italienische Schriftsteller Gabriele D’Annunzio, der 1919 mit einem Trupp Freischärler die kroatische Stadt Rijeka besetzte (vgl. Gumbrecht, Hans Ulrich et al. (Hrsg.) (1996): Der Dichter als Kommandant: D’Annunzio erobert Fiume, München). Zur kulturhistorischen Ausprägung der Allianz zwischen Sprachkunst und Gewalt siehe: Koschorke, Albrecht / Kaminskij, Konstantin (2011): Despoten dichten: Sprachkunst und Gewalt, Konstanz 
2.Sankya ist bislang Prilepins einziger Roman, der in deutscher Übersetzung erschienen ist (Matthes & Seitz, Berlin, 2012).
3.Die NBP wurde 1993 von Eduard Limonov gegründet, scheiterte allerdings mehrfach an der offiziellen Registrierung als Partei, sodass sie bis zu ihrem Verbot 2007 formal keine Partei, sondern eine politisch-gesellschaftliche Organisation war. Ihre Ideologie umfasste nationalistische wie sozialistische Elemente. Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus dagegen wurden abgelehnt. Bekannt wurden die National-Bolschewiken durch spektakuläre, medienwirksame Aktionen, die als radikale ästhetisch-politische Opposition zur existierenden Ordnung gedacht waren. In ihrem Parteiprogramm von 1994 forderte die NBP ein Imperium von Wladiwostok bis Gibraltar, dem die russische Zivilisation zugrunde liegen sollte. Zwar wurde 2004 ein neues Parteiprogramm beschlossen, das alte jedoch nicht offiziell annulliert. Als Hauptziel der NBP benannte das neue Programm die Wiedererlangung des Großmachtstatus für Russland. Nach dem Verbot setzten viele NBP-Mitglieder ihre Aktivitäten fort. 
4.Limonow selbst inszeniert sich in seinem umfangreichen literarischen Werk ebenso wie in seinen Auftritten als postmoderner Revolutionär und Kriegsvolontär. Zu Limonow siehe die Romanbiografie Limonow von Emmanuel Carrère (Berlin 2012) 
5.zaharprilepin.ru: Zachar Prilepin: «V Rossii proischodit to, o čem ja mečtaju s 90-ch» 
6.lenta.ru: Zachar Prilepin sformiroval v Donbasse sobstvennyj batalon und Meduza: Zachar Prilepin stal politrukom batalona v DNR 
7.Komsomolskaja Prawda: Zachar Prilepin: Puškin i Lermontov segodnja byli by opolčencami i voevali rjadom s nami 
8.mk.ru: Zachar Prilepin, vernuvšis iz DNR, vspomnil sudbu Givi i Motoroly 
9.nsm.fm: Prilepin otvetil na obvinenija Strelkowa 
10.Meduza: Boevye tovarišči c donbassikimi kornjami MChAT imeni Gor'kogo vozglavili Borjakov, Prilepin i Puskepalis.  Пускепалис. Čto vse ėto značit? 
11.mskagency.ru: Z. Prilepin: Nikakich «Revoljucij» v Mchate im. M. Gor'kogo ne planiruetsja 
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Die Donezker Volksrepublik ist ein von Separatisten kontrollierter Teil der Region Donezk im Osten der Ukraine. Sie entstand im April 2014 als Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und erhebt zusammen mit der selbsternannten Lugansker Volksrepublik Anspruch auf Unabhängigkeit. Seit Frühling 2014 gibt es in den beiden Regionen, die eine zeitlang Noworossija (dt. Neurussland) genannt wurden, Gefechte zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee.

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