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Warlam Schalamow

Im heutigen Russland ist Warlam Schalamows Name nicht mehr wegzudenken aus der Erinnerung an das von Kriegen, Revolution, Terror und Gewalt zerrissene 20. Jahrhundert russischer Geschichte. 
Die Menschenrechtsorganisation MemorialEine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 unter anderem von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden. machte seinen Namen auch im Moskauer Stadtraum sichtbar: Sie organisierte Straßenausstellungen und Vorträge, gab einen Stadtführer zu Schalamows Moskau heraus, und richtete im Online-Projekt Topographie des Terrors eine Schalamow-Themenseite ein. 
Mittlerweile finden sich Zitate aus seinen Werken neben denen von Alexander SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn (1918–2008) als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 1970er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. – in großen historischen Ausstellungen. Und dies nicht nur im Moskauer GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst.-Museum, sondern auch in propagandistischen Ausstellungen, wie etwa der multimedialen Schau Von großen Erschütterungen zum Großen Sieg. 1914–1945, die vom Kulturrat des Patriarchats der Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. mit Unterstützung der Stadt Moskau in der Manege organisiert und später auf dem WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde.-Gelände stationiert wurde. 
Eine derartige Präsenz von Schalamow im öffentlichen Raum war lange nicht selbstverständlich, sagt allerdings nur wenig darüber aus, ob und wie seine Werke im gegenwärtigen Russland gelesen werden.

Zu seinen Lebzeiten (1907–1982) litt Schalamow sehr darunter, dass seine Lyrik bis auf wenige, schmale Bändchen unveröffentlicht blieb und seine Prosa nur in den informellen Kommunikationskreisen des SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. kursierte. Sein Hauptwerk, die sechs Zyklen der Kolymskije rasskasy (dt. Erzählungen aus Kolyma), an dem er zwischen 1954 und Anfang der 1970er Jahre arbeitete, konnte in der Sowjetunion erst nach seinem Tod, Ende der 1980er Jahre erscheinen. Er selbst sprach früh von deren grundlegendem literarischen Neuwert. All seine Schilderungen des buchstäblich am eigenen Leibe Durchlebten führen auf die Frage hin, mit der er eine ethische und eine ästhetische Herausforderung verband: Wie konnten Menschen, die über Generationen in den Traditionen der humanistischen Literatur des 19. Jahrhunderts erzogen worden waren, Auschwitz, KolymaKolyma wird oft synonym zu Gulag verwendet – ein System von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff einen Fluss und eine Region im Fernen Osten des Landes. Zu Zeiten der Stalinschen Repressionen befanden sich auf dem Gebiet Kolyma rund 25 Arbeitslager, die jeweils über mehrere Lagerpunkte verfügten. Der sowjetische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow verbrachte ab 1937 rund 16 Jahre in den Lagern des Gebiets. Er beschrieb seine Erfahrungen in Erzählungen aus Kolyma, die auch ins Deutsche übersetzt wurden. , Hiroshima hervorbringen?

Den Himmel erstürmen

Dabei hatte der junge Schalamow einen anderen Traum von seiner Zukunft als Dichter. In einem Brief vom 1964 vermerkte er „Ich schreibe Gedichte seit meiner Kindheit, in meiner Jugend wollte ich Shakespeare werden oder, zumindest, Lermontow, und ich war überzeugt, die Kraft dafür zu besitzen“. Der 17-jährige, als Sohn eines orthodoxen Geistlichen in der nordrussischen Provinzstadt Wologda aufgewachsene Schalamow, bricht 1924 nach Moskau auf, um, wie er Jahrzehnte später schrieb, „den Himmel zu erstürmen“. Moskau scheint ihm alle Wege zu öffnen, um am revolutionären Aufbruch in eine neue Welt teilhaben zu können. Sei es durch die, wie er hoffte, bei Dichtern der linken Avantgarde erlernbare Schärfung des eigenen poetischen Wortes, sei es durch politisches Handeln.

Auf die Euphorie folgte schon bald die Ernüchterung: Führende Vertreter der Linken Front der Künste (LEF) wie Wladimir Majakowski, Ossip Brik oder Sergej Tretjakow, denen er sich in ihrer politischen Parteinahme verbunden fühlte, schürten jedoch durch ihre rigorose Abkehr vom herkömmlichen Dichten und Erzählen zunächst Zweifel an der Notwendigkeit von Dichtung in Zeiten des revolutionären Umbruchs. Auch seine politischen Aktivitäten, die ihn in die Reihen der linken studentischen Opposition führten, hatten für den Studenten des „sowjetischen Rechts“ an der Moskauer UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. ein gänzlich anderes, als das ersehnte Ergebnis: Erst wurde er wegen Verbergens seiner sozialen Herkunft aus der Universität ausgeschlossen, dann 1929 in einer illegalen Druckerei verhaftet und wegen „konterrevolutionärer Agitation und Propaganda“ als „sozial schädliches Element“ zu drei Jahren Haft im „Konzentrationslager“ verurteilt. Dies war auch seine erste Begegnung mit dem Gulag-System.

Überleben als Zufall

1932 kehrte er nach Moskau zurück, arbeitete als Journalist, erlebte erste literarische Publikationen. Der Neuanfang währte nur kurz: Im Januar 19371937 ist eine gängige Chiffre für den Großen Terror – Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 rund 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass etwa 750.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert. wurde er zum zweiten Mal verhaftet. Wegen „konterrevolutionärer trotzkistischerDer Trotzkismus ist eine auf den revolutionären Theoretiker Leo Trotzki (1879–1940) zurückgehende Auslegung des Marxismus. Konzeptionell weicht sie vor allem durch den von ihr propagierten Internationalismus und Universalismus von der späteren stalinschen Doktrin ab. Nach Trotzkis Flucht ins Exil 1929 wurden die Trotzkisten vermehrt Opfer Stalinscher Säuberungen. In den Folgejahren wurde die Bezeichnung Trotzkist zu einer gängigen Kennzeichnung für mutmaßliche Gegner des Stalinismus. Tausende Opfer des Großen Terrors wurden wegen ihres angeblichen Trotzkismus ermordet. Tätigkeit“ verurteilte man Schalamow zu fünf Jahren Haft und verbannte ihn in die Zwangsarbeitslager am Kältepol der Erde, in die fernöstliche Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss. Da die Region damals einzig mit dem Schiff von WladiwostokWladiwostok ist eine Hafenstadt mit rund 600.000 Einwohnern im Fernen Osten Russlands. Unweit der Grenze zu China und Nordkorea gelegen, ist die östlichste Großstadt Russlands das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region. aus erreichbar war, wurde sie im allgemeinen Sprachgebrauch einer Insel gleichgesetzt und dem übrigen Territorium als dem ‚Festland‘ gegenübergestellt. Schalamow wurde noch im Lager (Mai 1943) denunziert, der „konterrevolutionär-trotzkistischen defätistischen Agitation“ angeklagt und durch ein Militärtribunal zu weiteren zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Sein Überleben im Lager hielt der Schriftsteller Warlam Schalamow für das Ergebnis glücklicher Zufälle / Foto © gemeinfrei

Sein Überleben unter extremen Bedingungen im Lager hielt er für das Ergebnis glücklicher Zufälle. Ein solcher Zufall bildet den Hintergrund der Erzählung Die Juristenverschwörung: Im Dezember 1938 verhaftete man ihn im Zusammenhang mit einer angeblichen Verschwörung und brachte ihn ins Untersuchungsgefängnis nach MagadanMagadan ist eine russische Hafenstadt in der gleichnamigen Oblast am Ochotskischen Meer. Entstanden als Zwangsarbeitslager, wurde die Stadt in den 1930er Jahren Verwaltungszentrum des Gulag-Komplexes im Fernen Osten. Stadt und Hafen wurden so hauptsächlich von Häftlingen errichtet. Der ganzjährig eisfreie Hafen wird bis heute militärisch genutzt, war bis 1991 allerdings Sperrgebiet. . Die Anklage platzte, da jene, die sie angestrengt hatten, selbst in die Mühlen des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. gerieten.

Als Glücksfall bezeichnete Schalamow später auch seine Einweisung ins Lagerkrankenhaus. Dort konnte er sich nicht nur etwas erholen, sondern lernte auch Ärzte bzw. Arzthelfer (meist Häftlinge) kennen, die ihn fortan unterstützten. Einer der Ärzte schickte ihn 1946 auf einen Arzthelferlehrgang. Der Lehrgang bedeutete einen Wendepunkt, denn danach verbesserten sich seine Lebensbedingungen.1 Die Lagerhaft endete 1951, im November 1953 durfte er die Region an der Kolyma verlassen. Aber erst ab 1956 war es ihm erlaubt, wieder nach Moskau zurückkehren.2

Schreiben als Teilhabe am Leben

Der (Wieder-)Eintritt ins Leben war ein Schritt hin zum Schreiben. Jorge Semprúns grundsätzliche Frage „Schreiben oder Leben“ stellte sich Schalamow nie in der gleichen Weise. Leben war für ihn identisch mit Schreiben. Und Schreiben bedeutete unmittelbare Teilhabe am Leben. Er setzte sein bezeugendes literarisches Wort wider das staatlich verordnete Vergessen.

Alles, was er in den 14 Jahren Haft in den Straflagern der Kolyma-Region durchleben musste, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt und seiner bisherigen Sicht auf den Menschen und die Welt für immer den Boden entzogen. Inhumane Bedingungen (eisige Kälte, schwere physische Arbeit bei bis zu minus 55 Grad, Hunger und Schläge) reduzierten den Menschen binnen weniger Wochen auf ein animalisches, biologisches Wesen. Die Errungenschaften unserer in Jahrhunderten gewachsenen Kultur und Zivilisation erwiesen sich als äußerst fragil.

Eingedenk dieser existentiellen Erfahrungen bedeutete für ihn jeder Versuch, das Grauen in den Lagern sprachlich zu fassen, ein doppeltes Wagnis. Einerseits hieß Schreiben über die KolymaKolyma wird oft synonym zu Gulag verwendet – ein System von Arbeitslagern in der Sowjetunion. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff einen Fluss und eine Region im Fernen Osten des Landes. Zu Zeiten der Stalinschen Repressionen befanden sich auf dem Gebiet Kolyma rund 25 Arbeitslager, die jeweils über mehrere Lagerpunkte verfügten. Der sowjetische Schriftsteller und Dissident Warlam Schalamow verbrachte ab 1937 rund 16 Jahre in den Lagern des Gebiets. Er beschrieb seine Erfahrungen in Erzählungen aus Kolyma, die auch ins Deutsche übersetzt wurden. , sich selbst gleichsam noch einmal dem Tod auszuliefern und dem Leser die extremen negativen Erfahrungen aufzubürden, von denen dieser eigentlich überhaupt nichts wissen sollte. Andererseits ging Schreiben nach der Kolyma mit der Gefahr einher, den eigenen Authentizitätsanspruch durch literarisches „Wortgerassel“ (Schalamow) aufs Spiel zu setzen.

In der Konsequenz forderte er eine Abkehr von gewohnten Sujets und literarischen Charakteren. Darstellungsverfahren der klassischen realistischen Erzählliteratur – vor allem der russischen mit ihrem Hang zum Moralisieren – versagten aus seiner Sicht angesichts dieser Aufgabe.3

Erzählungen aus Kolyma

In seinen autobiographisch grundierten Erzählungen aus Kolyma wandte er sich poetischen Verfahren der Avantgarde (wie dem Montageprinzip) zu, verzichtete auf psychologische Charakterstudien. So wird der Einzelfall überhöht und als einer von Tausenden erkennbar. Menschen tauchen wie aus dem Nichts auf und verschwinden wieder, die meisten von ihnen spurlos, einige treten unverhofft erneut ins Blickfeld des Erzählers, aber in einer anderen Erzählung, wobei auch die Erzählerfigur durchaus eine andere sein kann. Tritt ein Ich-Erzähler auf, so unter verschiedenen Namen, vereinzelt auch unter dem des Autors. Reales mischt sich mit Fiktivem. Motive wandern von einer Erzählung in eine andere, Episoden werden mehrfach erzählt, aber aus unterschiedlichen Perspektiven, oder sie betreffen verschiedene Personen. 

Die Erzählungen aus Kolyma führen dem Leser jenen Raum der Willkür und Unberechenbarkeit vor Augen, in den der Einzelne in der Kolyma-Region geriet. Schalamow vertraute der Wirkmacht des literarischen Wortes. Erklärtes Ziel war „das Wiedererwecken des Gefühls“: Der Leser sollte nachempfinden, was geschieht, wenn sich der Mensch im Lager buchstäblich auflöst, wenn ihm Vergangenheit und Zukunft entgleiten und er sich nur noch im Jetzt an die schwächer werdende Hoffnung klammern kann, den Tag, die Stunde oder den Augenblick zu überleben. 

Es ist unbestritten, auch für Schalamow selbst, dass ihm in den Erzählungen aus Kolyma die konsequenteste Umsetzung seiner ästhetischen Maximen gelang. „Jede meiner Erzählungen“, notierte er 1971, „ist eine Ohrfeige für den Stalinismus, und wie jede Ohrfeige gehorcht sie reinen Muskelgesetzen …“

Schalamows Werk auf eine politische Abrechnung mit dem stalinistischen Terrorsystem zu reduzieren, hieße aber, die philosophische Tiefe seines Nachdenkens über den Menschen zu verkennen. Hierin liegt seine – bisweilen erschreckende – Aktualität: Und diese darf man angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht verkennen.

Aus der Erinnerung an Krieg und Terror in Russland ist sein Name nicht wegzudenken - heute ist Warlam Schalamow auch im städtischen Raum sichtbar / Foto © Alexander Spiridonow/Wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Schalamow heute

Wie aber wird Schalamow heute in Russland gelesen, und vor allem, wer liest ihn? Das lässt sich nur schwer sagen. Seine Werke werden verlegt. In Vorbereitung ist eine zweibändige Ausgabe seiner Gedichte, die viele bisher unveröffentlichte enthält. Für Abiturienten, die sich 2018 an der Philologischen Fakultät der MGUDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. bewerben, zählen immerhin drei Erzählungen Schalamows zur Pflichtlektüre. Dennoch sind junge Menschen bei Veranstaltungen meist kaum anwesend. Auch die anhaltenden Kontroversen um Schalamow werden eher von Vertretern älterer Generationen ausgefochten. Sie betreffen nicht nur weiterhin Schalamows literarischen wie menschlichen Streit mit SolschenizynIm Westen ist Alexander Solschenizyn (1918–2008) als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 1970er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. oder etwa seine Religiosität. In jüngster Zeit gibt es Tendenzen, Schalamows Treue zu den revolutionären Idealen seiner Jugend als Argument für eine neue Heroisierung der Sowjetepoche zu instrumentalisieren und damit ins Fahrwasser der neuen patriotischen Propaganda zu geraten.

Umso wichtiger sind alle Initiativen, die die Menschen veranlassen könnten, selber zum Buch zu greifen und seine ebenso lakonische wie berührende Prosa der Erzählungen aus Kolyma, seine Gedichte und autobiographischen Werke zu lesen.

 

1. vgl. den Band Schalamow, Warlam (2018): Über die Kolyma: Erinnerungen, aus dem Russischen von Gabriele Leupold, herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein, Berlin
2. in: Schalamow, Warlam (2007): Durch den Schnee: Erzählungen aus Kolyma 1, aus dem Russischen von Gabriele Leupold, herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein, Berlin
3. vgl.: Thun-Hohenstein, Franziska (2011): Überleben und Schreiben: Varlam Šalamov, Alkesanr Solženicyn, Jorge Semprún, in: Schmieder, Falko (Hrsg.): Überleben: Historische und aktuelle Konstellationen, München, S. 123-145
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Archipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument.

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