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Dezember: Prokudin-Gorski

Quelle dekoder

Dies ist eine der eigentümlichsten Episoden aus der Geschichte der russischen Fotografie, und sie ist bis heute noch nicht vollständig erforscht.

Ein junger Mann aus einer St. Petersburger Adelsfamilie begeistert sich für das damals noch junge Fach Chemie. Er studiert bei Dimitri Mendelejew, dem russischen Entwickler des Periodensystems der Elemente. 1889 geht Sergej Prokudin-Gorski („so der Name unseres Helden“, müsste man schreiben, wäre man sein Zeitgenosse) nach Berlin, wo er für zwei Jahre an der Technischen Universität unterrichtet. Zugleich forscht er zur Darstellung der Spektralfarben in der Fotografie und schließt Bekanntschaft mit Adolf Miethe, ebenfalls Chemiker. Miethe hatte eine Technik entwickelt, um mittels dreier übereinander projizierter Schwarzweiß-Diapositive (die Farbfotografie im eigentlichen Sinne wurde erst 1935 von Kodak praxistauglich gemacht) eine vollfarbige Abbildung eines fotografierten Objektes zu erhalten.

1901 kehrt Prokudin-Gorski nach St. Petersburg zurück. Er entwickelt die fotochemischen Methoden weiter, die er in Berlin erlernt hat, und in ihm reift ein Plan heran: Er will die Menschen, Landschaften und Bauwerke Russlands fotografisch dokumentieren – in Farbe. Etwas ähnliches hatten vor ihm nur die PeredwishnikiDie Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf. versucht, aber sie waren Maler gewesen, ihre Ausrüstung beschränkte sich auf Palette und Staffelei. Prokudin-Gorski würde mehr benötigen: Die modernste Fotoausrüstung seiner Zeit, zerbrechlich, schwer und voluminös – und eine Menge Geld. Er musste den Zaren für sein Vorhaben begeistern. Dies gelang ihm nicht zuletzt durch ein Portrait des Schriftstellers Lew TolstoiLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. , das er bei einer Audienz an die Wand projizierte.

Nikolaus II finanzierte ihm ein mobiles Labor, das in einer Pferdekutsche untergebracht wurde und sogar einen Eisenbahnwaggon mit einem zweiten Labor. Und er stellte ihm Dokumente aus, die es ihm ermöglichten, sich auf den geplanten Routen frei zu bewegen – keine Selbstverständlichkeit im damaligen Russland. 1909 machte Prokudin-Gorski sich auf den Weg. Bis 1915 bereiste er das Zarenreich: den Westen Russlands, die Wolga-Gebiete, den Kaukasus, Mittelasien, Teile von Sibirien. Er fotografierte seine Sujets, wie er sie vorfand: Es mischen sich Arbeitsszenen, Ansichten industrieller Anlagen, Stadtpanoramen, Portraits. Insgesamt entstanden so über 3.000 Aufnahmen.

Zur geplanten großen Wanderausstellung seiner Bilder kam es in Russland nicht mehr, bald nach Beginn des Ersten WeltkriegsRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. versiegte die Finanzierung. 1917, nach der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang., musste Prokudin-Gorski das Land verlassen, ging erst nach Norwegen, dann nach London und schließlich nach Paris, wo er 1944 starb. Sein Archiv wurde von der Library of Congress (Washington DC) erworben und ist heute in digitaler Form öffentlich zugänglich.

Die von Adolf Miethe entwickelte Technik, die Prokudin-Gorski verwandte, beruhte auf dem Prinzip dreier verschiedenfarbiger Filterscheiben (rot, grün und blau), die vor drei vertikal übereinander angeordneten Glasplatten-Negativen angebracht waren. Auf diese Weise konnte nur jeweils das entsprechende Teilspektrum des Lichts auf die einzelne Glasplatte einwirken. Während der Aufnahme wurden die Platten eine nach der anderen belichtet.

Zum Betrachten der Bilder existierte ein spezieller Dreifarben-Projektor, der die drei nacheinander entstandenen Einzelbilder, wiederum durch entsprechende Farbfilter, an die gleiche Stelle projizierte, so dass sich ein vollfarbiges Bild ergab.

Diese additive Dreifarben-Fotografie bringt einige Besonderheiten mit sich, so scheint etwa ein bewegtes Objekt in verschiedenen Farben zu schillern – unten in der Fotoserie zu sehen beim Wasser auf dem Bild des Schleusenwärters Karlinski oder auch beim Gesicht eines der Besatzungsmitglieder des Dampfschiffs Scheksna. Hier finden sich weitere technische Details zu dieser längst vergessenen Fotografier-Methode.

Prokudin-Gorski wurde 1863 auf dem Familiengut Funikowa Gora im Gouvernement Wladimir geboren. Mit ihm und seinem Werk befassen sich verschiedene Buchveröffentlichungen, auf Deutsch unter anderem beim Gestalten-Verlag. Ein russisches Internet-Projekt widmet sich der Erforschung seiner Reisen und seines Werks, ein anderes rekonstruiert die Aufnahmeorte und dokumentiert ihren heutigen Zustand im Vergleich zum historischen. Einen Dokumentarfilm auf Prokudin-Gorskis Spuren drehte 2013 der Moskauer Journalist Leonid ParfjonowDer Journalist und Moderator (geb. 1960) ist Autor mehrerer beliebter Fernsehformate Eines davon – Namedni – baute er zu einer erfolgreichen Buchreihe aus. Trotz seines Erfolgs verließ er 2010 das Fernsehen, um politisch unabhängig arbeiten zu können. Im Jahr 2012 moderierte Parfjonow auch für das unabhängige Internet-Fernsehen Doschd.. Wohl keine andere visuelle Quelle erschließt die Realitäten des späten russischen Zarenreichs mit solcher Unmittelbarkeit wie die Aufnahmen dieses wissenschaftsbegeisterten Forschers und Fotografen.

Oben: Selbstbildnis Sergej Michailowitsch Prokudin-Gorski am Flüsschen Skuritskhali, bei Batumi, Georgien, 1912

 

Bahnhof von Borodino. Als Fotolabor ausgerüsteter Eisenbahnwaggon, Borodino, 1911

 

Preobrashenski Kirche, innerhalb der Kremlmauern, Belosersk, 1909

 

Mittagessen während der Heuernte, 1909

 

Kornblumen im Roggenfeld, 1909

 

Bauernmädchen, 1909

 

Holzfäller am Fluss Swir, 1909

 

Zwischen dem Staubecken am Fluss Tschussowaja und dem Reschotka-Flüsschen, 1912

 

Hütte des Siedlers Artemi, mit Spitznamen Kot [Kater], der seit über 40 Jahren dort lebt, 1912

 

Ernte nahe dem Dorf Bytschi, 1912

 

Mühlen im Bezirk Jalutorowsk im Gouvernement Tobolsk, 1912

 

Beim Spinnen von Garn, Dorf Iswedowo, 1910

 

Blick über die Stadt von der Kreml-Mauer aus, Belosersk, 1909

 

Igumen Xenofont, Vorsteher des Klosters in Werchoturje, 1910

 

 

Links: Wundertätige Ikone der Gottesmutter Hodegetria in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, Smolensk, 1912.
Rechts: Phelonion aus Seidenbrokat, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, an der Schulterpartie perlenbestickter karminroter Samt. Im Museum von Rostow Weliki, 1911

 

Mönche bei der Feldarbeit, Kartoffelsaat. Gethsemane-Kloster, 1910

 

Friedhof des Uspenski-Klosters, 1909

 

Links: L. N. Tolstoi in Jasnaja Poljana, 23. Mai 1908 (der Verbleib des originalen Negatives ist unbekannt, hier handelt es sich um die Reproduktion eines durch Prokudin-Gorski selbst angefertigten dreifarbigen fotolithografischen Abzugs)
Rechts: Arbeitszimmer von L. N. Tolstoi in Jasnaja Poljana, 1908

 

Links: Im Museum von Borodino. Kugeln und Geschosse aus der Schlacht bei Borodino (1812), 1911
Mitte: Befestigungsanlagen auf dem Schlachtfeld von Borodino, wo ein Denkmal errichtet werden soll, 1911
Rechts: Gemälde von Napoleon, zwischen 1905 und 1915

 

Grenze zwischen Europa und Asien bei der Bahnstation Urshumka. In der Nähe von Tscheljabinsk, 1910

 

Wolgaquelle, 1910

 

Pinchus Karlinski, 84 Jahre alt. Davon 66 im Dienst als Schleusenwärter der Tschernigow-Schleuse, 1909

 

Dampfschiff Tjumen des Verkehrsministeriums, auf dem Prokudin-Gorski den Fluss Tobol befuhr. Prokudin-Gorski ist auf dem Deck des Schiffes zu sehen, an einem Tisch sitzend, 1912

 

Mannschaft des Dampfschiffs M. P. S. Scheksna, auf dem Prokudin-Gorski von der Mündung des Flusses Swir bis Rybninsk fuhr, 1909

 

Blick auf die Stadt Tobolsk von Norden. Vom Glockenturm der Preobrashenskaja-Kirche aus, 1912

 

Herstellung von Stahlbeton-Rahmen für die Wände einer Schleuse, Beloomut, 1912

 

Eine Speiche wird aus einem Damm gezogen (nach der Methode von Poiré), 1909

 

Signalmast beim Dorf Burkowo, 1909

 

Schmelzöfen der Eisenhütte bei Satka, 1910

 

Österreichische Kriegsgefangene vor einer Baracke nahe Kiappeselga / Kannesemga, 1915

 

Arbeit in der Eisenmine, bei Bakal, Ural 1910

 

Auf der Draisine über die Murmansk-Bahnstrecke, bei Petrosawodsk, 1915

 

Brücke der Transsibirischen Eisenbahnlinie über den Fluss Kama nahe Perm am Ural, 1910

 

Die Evgenieski-Mineralwasserquelle Borshomi, Georgien, zwischen 1905 und 1915

 

Versand des Borshomi-Mineralwassers. Borshomi, Georgien, zwischen 1905 und 1915

 

Menschen in Dagestan, zwischen 1905 und 1915

 

Links: Bambus-Hain. Tschakwi, Georgien, zwischen 1905 und 1915
Rechts: Knurrhahn. Batumi, Georgien, zwischen 1905 und 1915

 

Eine Gruppe von Arbeitern bei der Tee-Ernte (griechische Frauen), Tschakwi, Georgien, zwischen 1905 und 1915

 

In der Abwiege-Abteilung der Teefabrik von Tschakwi, Georgien, zwischen 1905 und 1915

 

Haus von Umsiedlern mit einer Gruppe von Landarbeitern bei Nadeshdinsk, zwischen 1905 und 1915

 

Beobachten einer Sonnenfinsternis am 1. Januar 1907. In der Nähe der Bahnstation Tschernjajewo im Tian-Shan-Gebirge oberhalb der Saljutkin-Minen, Golodnaja Steppe 1907

 

Die rechte Kuppel der Sher-Dor-Moschee, Samarkand, zwischen 1905 und 1915

 

Der Emir von Buchara, zwischen 1905 und 1915

 

Sarten-Frau in einem Paranja, Samarkand, zwischen 1905 und 1915

 

Studenten in einer Medresse (Islamschule), Samarkand, zwischen 1905 und 1915

 

Friseure auf dem Registan in Samarkand, zwischen 1905 und 1915

 

Arbeiter, zwischen 1905 und 1915

 

Hanffeld, 1910

 

Bildredaktion: Nastya Golovenchenko
Text: Martin Krohs

 

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Peredwishniki

Die Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf.

Die Künstlervereinigung der Peredwishniki – Russisch für Wanderer – entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zum starren Formen- und Themenkanon der akademischen KunstNach europäischem Vorbild wurde 1757 in St. Petersburg die Kaiserliche Akademie der Künste gegründet. Die langjährige Ausbildung der Maler, Bildhauer, Graphiker und Bildhauer folgte strengen formalen und thematischen Vorgaben. Der Akademie war die wichtigste Instanz für Geschmack und ästhetisches Empfinden. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ihre Monopolstellung in künstlerischen Belangen aufgebrochen.. Statt sich mit mythologischen Szenen und Historiendarstellungen zu beschäftigen, wandten sich die Peredwishniki dem Hier und Jetzt zu und erhoben die Welt der einfachen russischen Bevölkerung zum Bildmotiv. Häufig wird das heterogene Schaffen der Gruppe daher auch mit dem Epochenbegriff des russischen Realismus gleichgesetzt, der sich auch mit den großen Romanen dieser Zeit, allen voran den Werken DostojewskisFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans. und TolstoisLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. , verbindet. Der größte Beitrag der Peredwishniki besteht in ihrem Streben, die Kunst zu demokratisieren: Mit insgesamt 48 von ihnen organisierten Wanderausstellungen, denen die Bewegung auch ihren Namen verdankt, gelang es den Peredwishniki erstmals, die Kunst einer breiteren, weniger elitären Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Neben den Gründungsmitgliedern Iwan Kramskoi, Grigori Mjassojedow, Nikolaj Ge Nikolaj Ge (1831–1894) war ein Maler, dessen Werke dem russischen Realismus zugerechnet werden.und Wasili Perow gehörten den Peredwishniki so bedeutende Künstler wie Viktor Wasnezow, Iwan SchischkinIwan Schischkin (1832–1898) war ein russischer Maler und Grafiker. Der Vertreter des Naturalismus gilt als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler Russlands. und Ilja RepinDer Maler Ilja Repin (1844–1930) gilt als der bedeutendste Vertreter des russischen Realismus. an.

Die Themen der Peredwishniki reichen von Landschaftsdarstellungen über Portraits bis zu Genreszenen. Auch historische Ereignisse, Epen und Märchen sind beliebt. Die Hinwendung zur eigenen – bäuerlichen – Kultur zeugt von der Suche nach einer russischen Identität. In den Darstellungen der einfachen, oft beschwerlichen Lebenswirklichkeit fanden die Peredwishniki zu kritischen, sogar anklagenden Tönen. Ihre Malerei reflektiert damit generelle gesellschaftliche Tendenzen im späten Zarenreich: Die Situation der unter Alexander II. nominell aus der LeibeigenschaftLeibeigene im zaristischen Russland waren zumeist Bauern, die im Besitz des Gutsherrn waren; sie mussten sein Land bewirtschaften und für die eigene Bewirtschaftung seines Landes Abgaben zahlen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 abgeschafft, in der Regel jedoch blieben die Bauern von den Gutsherren wirtschaftlich abhängig. entlassenen Bauern hatte sich nur wenig verbessert, was auch von der sozialrevolutionären Bewegung der NarodnikiNarodniki (dt. Volkstümler bzw. Volksfreunde) war eine vielschichtige Bewegung in Russland, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand. Einige Narodniki beriefen sich auf Rousseaus Diktum vom „edlen Wilden“ und „zurück zur Natur“. Viele traten dafür ein, das intellektuelle Stadtleben mit dem einfachen bäuerlichen Leben zu vereinen. Ein großer Teil der Bewegung verstand sich als sozialrevolutionär und propagierte eine sozialistische Bauernrevolution. Mit diesen Ideen haben die Narodniki viel zu der Entwicklung beigetragen, die in der Oktoberrevolution 1917 mündete. angeklagt wurde, die – ähnlich wie die Peredwishniki – die unverdorbene und reine Kraft der bäuerlichen russischen Bevölkerung idealisierten. Noch heute stehen die Peredwishniki für eine sozial engagierte Kunst und das erwachte Nationalbewusstsein in Russland. Viele ihrer Werke gehören zum visuellen Gedächtnis des Landes.

Drei prominente Beispiele können das weite Spektrum verdeutlichen, in dem sich diese Kunst inhaltlich, aber auch emotional bewegt. Wasnezows Gemälde Die drei Recken (Bogatyr, 1898, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg) zeigt mit den drei Bogatyri die großen, ritterhaften Helden der mittelalterlichen Märchen- und Sagenwelt Russlands. Sie stellen Identifikationsfiguren dar, gelten als furchtlose Kriege und tapfere Beschützer.

„Die drei Recken“ von Viktor Michailowitsch Wasnezow

Das Gemälde Die Wolgatreidler von Ilja Repin (Burlaki na Wolge, 1870/73, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg) dagegen zeigt die harte physische Arbeit der Treidler, die einen Lastkahn den Fluss stromauf ziehen. Repins ins Monumentale gesteigerte Schilderung der gebeugten Gestalten, die in schwere Schleppriemen eingespannt ihre monotone Tätigkeit verrichten, gibt der Genreszene eine aufrüttelnde soziale Komponente. Trotz ihrer zerlumpten Kleidung und der widrigen körperlichen Tätigkeit verlieh Repin jedem einzelnen der elf Treidler eine individuelle Würde. Das Bild wurde als Allegorie für die Leidensfähigkeit des russischen Volkes gelesen, das – symbolisiert durch die jugendliche Gestalt, die mit erhobenem Haupt zu versuchen scheint, den Schleppriemen abzuwerfen – zur Freiheit drängt.

„Die Wolgatreidler“ von Ilja Efimowitsch Repin

Neben den Figurenbildern widmeten sich die Peredwishniki der russischen Landschaft und Natur, die sie zum Topos des Heimatgefühls erhoben. Schischkins Morgen im Kiefernwald (Utro w sosnowom lesu, 1886, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau) etwa ist in Russland jedem Kind bekannt. Es gehört zu den beliebtesten Bildern der Tretjakow-GalerieEin weltweit beachtetes Museum russischer Kunst in Moskau. Den Grundstein legte die private Sammlung des Moskauer Kaufmanns Pawel Tretjakow. Im Jahr 1892 vermachte Tretjakow seine etwa 2.000 Kunstwerke der Stadt Moskau, die dafür eigens ein Gebäude errichtete. Im Jahr 1985 wurde das Museum mit der Sammlung für moderne Kunst zusammengelegt. Heute beherbergt es in mehreren Gebäuden im Stadtzentrum rund 140.000 Kunstwerke., deren Gründer einer der wichtigsten Mäzene der Peredwishniki war. Darüber hinaus ziert die Bärenfamilie, die im Morgengrauen im Wald herumtollt, die Verpackung des Schokoladen-Konfekts Tollpatschiges Bärchen (Mischka Kosolapi) der Moskauer Schokoladenfabrik Roter Oktober.

„Morgen im Kiefernwald“ von Iwan Iwanowitsch Schischkin

Die Vereinigung der Peredwishniki existierte bis 1923. In einer Zeit der ungezählten, sich schnell ablösenden Strömungen und ständig wechselnder Allianzen in der Kunst bilden sie eine Konstante. Ihre innovativste Kraft entfalteten die Peredwishniki aber in der Zeit vor der Jahrhundertwende – danach fand die ursprüngliche Protestbewegung ihren Platz im Establishment, während eine jüngere Künstlergeneration um Kasimir MalewitschDer Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war. und Wassily KandinskyWassily Kandinskys künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des „Blauen Reiters“ und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau. mit ihrer abstrakten Bildsprache frappierte. Das Erbe der Peredwishniki ist nach den avantgardistischen Höhenflügen wieder im Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    der Stalinära spürbar.

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Akademie der Künste in St. Petersburg

Nach europäischem Vorbild wurde 1757 in St. Petersburg die Kaiserliche Akademie der Künste gegründet. Die langjährige Ausbildung der Maler, Bildhauer, Graphiker und Bildhauer folgte strengen formalen und thematischen Vorgaben. Der Akademie war die wichtigste Instanz für Geschmack und ästhetisches Empfinden. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ihre Monopolstellung in künstlerischen Belangen aufgebrochen.

Kasimir Malewitsch

Der Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war.

Wassily Kandinsky

Wassily Kandinskys künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des „Blauen Reiters“ und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau.

Lew Rubinstein

Lew Rubinstein (geb. 1947) ist ein russischer Dichter, Literaturkritiker, Essayist und Publizist. In literarischer Hinsicht ist er vor allem für seine minimalistische Karteikarten-Poesie bekannt, eine Mischung aus literarischer, visueller und performativer Kunst, die er in den 1970er Jahren entwickelte. Rubinstein gilt zudem als einer der Begründer und führender Vertreter des Moskauer Konzeptualismus.

Er ist außerdem politisch in der Opposition aktiv. So unterstützt er die russische LGBT-Bewegung, hielt Mahnwachen für die inhaftierten Pussy-Riot Musikerinnen Maria Aljochina und Nadeshda Tolokonnikowa ab und sprach sich in einer Erklärung russischer Kulturschaffender gegen die Aggression in der Ostukraine aus

Andrej Sacharow

Der Physiker und später weltbekannte sowjetische Dissident Andrej Sacharow ist der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einer inneren Kehrtwende engagierte er sich zunehmend gegen atomare Aufrüstung und für die Wahrung der Menschenrechte. 1975 wurde er für sein Schaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Marietta Tschudakowa

Marietta Tschudakowa ist Professorin für Literaturwissenschaften und in Russland darüber hinaus auch als Historikerin und Publizistin bekannt. Sie ist in der politischen Opposition aktiv, in der sie zu den liberalen Kräften gezählt wird.

Nikolaj Nekrassow

Nikolaj Alexejewitsch Nekrassow war ein Autor, Kritiker und einflussreicher Publizist, der insbesondere in politisch-revolutionär gesinnten Kreisen eine breite Anhängerschaft fand. Im westlichen Ausland kaum bekannt, gilt Nekrassow in Russland als Nationalheld der Literatur des 19. Jahrhunderts und als moralische Instanz der Kulturgeschichte. Nekrassow begriff Literatur in erster Linie als Medium zum Ausdruck sozialer und politischer Belange.

Moskauer Staatliche Lomonossow-Universität

Die Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)