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Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Mit großem Pomp fand am 15. Oktober 1922 in Berlin die Eröffnung einer Ausstellung statt, die als Station der Moderne1 die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts prägte: Auf der Prachtmeile Unter den Linden, unweit der sowjetischen Botschaft, öffnete die Erste Russische Kunstausstellung im Beisein hochrangiger Vertreter der Weimarer Republik und Sowjetrusslands ihre Pforten. Zum ersten Mal seit Beginn des Ersten WeltkriegsRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen., der die transnationalen kulturellen Beziehungen abrupt gekappt hatte, bot diese Ausstellung eine Möglichkeit, sich einen umfassenden Eindruck vom künstlerischen Schaffen Russlands zu machen. Die Schau in der Galerie van Diemen wurde für Publikum, Presse und die westlichen Künstlerkollegen gleichermaßen zum Highlight des Berliner Kunstherbstes. Gleichzeitig war sie ein frühes Zeugnis für die Aufnahme kultur-diplomatischer Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und dem jungen bolschewistischen Russland.

Katalog der Kunstausstellung„Wir, die wir bis dahin stets nach dem Westen und Paris orientiert waren, sahen plötzlich im Osten eine ganze Generation von neuen Künstlern und Ideen vor uns.“2 So resümierte Hans Richter, einer der bedeutendsten Vertreter der künstlerischen Moderne in Deutschland, seinen Besuch der Ersten Russischen Kunstausstellung 1922. Tatsächlich war die Ausstellung selbst für das mondäne Berlin, Tummelplatz der internationalen Moderne von Dada bis De Stijl, eine Sensation.

Gezeigt wurden mehrere hundert Werke von rund 170 Künstlern, darunter auch von vielen Künstlerinnen. Zu den Exponaten zählten Kunstwerke der vergangenen zwei Dekaden. Damit umspannt die Ausstellung die bewegte Epoche vom späten Zarenreich bis zu den radikalen Umwälzungen nach der bolschewistischen Revolution von 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang., die zusammenfiel mit dem Aufstieg einer künstlerischen Avantgarde.

Stilistische Vielfalt

Agitprop-Porzellan im AusstellungskatalogDie Schau vereinte Gemälde, Graphiken und Skulpturen, aber auch Bühnenentwürfe, Kinderspielzeug und Plakate aus dem Russischen Bürgerkrieg, dazu eine beachtliche Auswahl an Agitprop-Porzellan – Teller und Tassen, die mit Hammer und Sichel oder wehenden Bannern verziert waren. Der großen Bandbreite der präsentierten Medien entsprach auch die stilistische Vielfalt: Sie reichte von Gemälden in der Tradition der PeredwishnikiDie Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf. über den Kubo-Futurismus und die russischen Cézannisten bis zu den Experimenten der Konstruktivisten. Das größte Aufsehen erregten die künstlerischen Errungenschaften, die seit 1914 und damit weitestgehend unabhängig von den Entwicklungen in Westeuropa entstanden waren. Dazu gehörten der Suprematismus, mit dem Kasimir MalewitschDer Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war. zu einer gegenstandslosen Malerei reiner Formen und Farben vorgedrungen war, ebenso wie die aus kunstfremden Materialien montierten Konter-Reliefs von Wladimir Tatlin, die nun in Berlin zu sehen waren. Hinzu kam die vielfältige Kunstproduktion, die unter dem Eindruck der Oktoberrevolution entstanden war, darunter vor allem die Werke jener Künstler, die sich unter dem Banner des Konstruktivismus formierten.

Politische Dimension der Ausstellung

Konter-Relief von Wladimir TatlinDie Erste Russische Kunstausstellung hatte auch eine politische Dimension: Organisiert im Auftrag des staatlichen NARKOMPROSNarkompros ist die Abkürzung für Volkskommissariat für Bildungswesen. Die direkt nach der Oktoberrevolution gegründete Behörde war unter anderem für Bildung, Bibliotheken, Verlage, Theater usw. zuständig. Der erste Volkskommissar war der Journalist und Kritiker Anatoli Lunatscharski (1875–1933), der als enger Vertrauter von Wladimir Lenin galt. sollte sie von der hohen künstlerischen Entwicklung und dem radikalen Fortschritt im bolschewistischen Russland zeugen. Der Plan ging auf. So schrieb der damals einflussreiche Kunstkritiker Max OsBORNIst eine nationalistische Organisation in Russland (auf dt. Kampforganisation russischer Nationalisten), die oft auch als „russischer NSU“ bezeichnet wird. Seit Jahren laufen verschiedene Strafprozesse gegen die Mitglieder, zur Last gelegt wird Mord in mindestens neun Fällen zwischen 2006 und 2010. Außerdem steht der mutmaßliche Gründer vor Gericht.: „Sowjetherrschaft bedeutet nicht allenthalben Zerstampfung und Experiment, sondern unter ihr haben die schöpferischen geistigen Kräfte nicht geschlummert. […] Man fühlt den heißen, dunklen Wunsch, in einem Neuaufbau der Formvorstellungen den Neuaufbau der staatlichen und wirtschaftlichen Welt zu deuten.“3

Gleichzeitig lässt sich die Schau auch vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse des Jahres 1922 lesen, als Vertreter der Weimarer Republik und Sowjetrusslands im April den Vertrag von RapalloDer Vertrag von Rapallo ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der im April 1922 zwischen Deutschland und Sowjetrussland geschlossen wurde. Mit ihm normalisierten sich die diplomatischen Beziehungen zweier junger Staaten, die sich nach dem Ersten Weltkrieg weitestgehend in der Isolation befanden. unterzeichneten. Dieser sah auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor – ein wichtiger Schritt für die jungen Staaten, die sich davor weitestgehend in außenpolitischer Isolation befunden hatten. Auch in die Gegenwart sendet die Ausstellung das Signal, dass Kunst und Kultur transnationale Brückenbauer sind und entgegen der allzu häufig postulierten Unterschiede zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn eine „fühlbare Parallelität“4 besteht, wie sie der damalige Reichskunstwart Edwin Redslob in einem Schreiben an seinen russischen Amtskollegen Anatoli LunatscharskiAnatoli Lunatscharski (1875–1933) war ein russischer Journalist, Literatur- und Kunstkritiker, der nach der Oktoberrevolution 1917 das neu entstandene Volkskommissariat für Bildungswesen leitete und damit die Kultur- und Bildungspolitik der frühen Sowjetunion stark prägte. Er galt als enger Vertrauter Lenins. in Rückblick auf die Schau in Berlin feststellte.

So war zwar die Erste Russische Kunstausstellung ein temporäres Ereignis, doch ihr Nachwirken in künstlerischer und gesellschaftlicher Hinsicht ist unbestritten.

 


1.So der Titel von gleich zwei Publikationen, die sich den bedeutendsten Ausstellungen des 20. Jahrhunderts widmen und in denen der Ersten Russischen Kunstausstellung jeweils eine zentrale Position zukommt: Stationen der Moderne: Kataloge epochaler Kunstausstellungen in Deutschland: Kommentarband zu den Nachdrucken der zehn Ausstellungskataloge, Köln, 1988 und Stationen der Moderne: Die bedeutendsten Kunstausstellungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Berlin, 1988
2.Richter, Hans (1967): Begegnungen in Berlin, in: Eberhard Roters (Hrsg.): Avantgarde Osteuropa 1910 – 1930, Berlin, S. 1321, hier S. 14
3.OsBORNIst eine nationalistische Organisation in Russland (auf dt. Kampforganisation russischer Nationalisten), die oft auch als „russischer NSU“ bezeichnet wird. Seit Jahren laufen verschiedene Strafprozesse gegen die Mitglieder, zur Last gelegt wird Mord in mindestens neun Fällen zwischen 2006 und 2010. Außerdem steht der mutmaßliche Gründer vor Gericht.s, Max (1922): Russische Ausstellung, in: Vossische Zeitung (Abendausgabe), Berlin, 16.10.1922
4.Edwin Redslob an Anatoli Lunatscharski in einem Schreiben vom 6.9.1923: BArch R32/229/28-30
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Peredwishniki

Die Peredwishniki (dt. Wanderer) waren die erste unabhängige Künstlervereinigung Russlands. Künstler wie Ilja Repin, Viktor Wasnezow und Iwan Schischkin organisierten ab 1870 in ganz Russland Wanderausstellungen mit Motiven aus dem Leben der einfachen Bevölkerung. Die Arbeiten der Gruppe standen für ein erwachendes Heimatgefühl, griffen aber auch sozialkritische Aspekte auf.

Kasimir Malewitsch

Der Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war.

Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR (WDNCh)

In den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es  entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Wassily Kandinsky

Wassily Kandinskys künstlerisches Erbe gehört zum Kanon der russischen und deutschen Kunstgeschichte. Dem expressionistischen Frühwerk folgte eine von den Klängen und Harmonien der Musik inspirierte Malerei. Kandinsky war 1911 Mitbegründer der Künstlervereinigung des „Blauen Reiters“ und in den 1920er Jahren Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau.

Jurodiwy

Er reizt die Menge durch provozierende Reden, verlacht weltliche und kirchliche Autoritäten und fordert damit körperliche Züchtigungen heraus: der Jurodiwy. Das ehemals so bedeutsame Christusnarrentum inspiriert bis heute die russische Kultur. Es wird in Auftritten der Band Pussy Riot oder den inszenierten Skandalen des Künstlers Pjotr Pawlenski in völlig neuer Form wiederbelebt.

Der Sowjetmensch

Vom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)