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Musyka: Pharaoh – der Zar des russischen Hip-Hop

Er habe ein Bubigesicht wie Justin Bieber und eine Schwermut wie Kurt Cobain – das sagen Kritiker über den Rapper Pharaoh. Der tut alles, was im Grunde verboten ist: kifft, säuft und schimpft MatMat ist die berühmt-berüchtigte Schimpf- und Fluchsprache Russlands. Ihr Vokabular beschränkt sich auf die Ableitungen dreier obszöner lexikalischer Wurzeln: chuj (dt. Schwanz), pizda (dt. Fotze) und ebat' (dt. ficken). Beim Gebrauch von Mat im täglichen Leben ist von diesen primären Bedeutungen jedoch nicht viel zu spüren: Es heißt, ein virtuoser Mat-Sprecher könne mit Hilfe dieser drei Wurzeln so gut wie jeden Inhalt ausdrücken, wie komplex und wie weit vom Sexuellen oder Obszönen entfernt er auch sei. gegen jedes System. So viel Anarchie kommt an bei der Generation Z, und dank Youtube ist Pharaoh ein Star, dessen Musikclips Millionen sehen.

Julia Gussarowa von Snob traf den Jungstar, der 1996 geboren ist und mit bürgerlichem Namen Gleb heißt, im Moskauer Nobel-Restaurant Turandot – beim Modeshooting für das Magazin.

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Er tut alles, was im Grunde verboten ist: kifft, säuft und schimpft Mat – der Rapper Pharaoh / Foto © dead-dynasty.ru

Pharaohs Auftauchen in der Hip-Hop-Szene war so seltsam, dass niemand recht wusste, was man von ihm halten sollte. Teenager ahmten seinen Kleidungsstil nach, junge Studenten erstellten Listen amerikanischer Rapper, von denen Gleb abkupfert (als würden diese Rapper nicht voneinander abkupfern), und unser damaliger Kulturredakteur wollte googeln, was der Satz bedeutet: „Ja podshigaju dshoint, on osweschtschajet put v Konochu“ [dt. „Ich zünde einen Joint an, er leuchtet den Weg nach Konoha“]. 

Es war sinnlos, ihm zu erklären, dass die Musikstile Trillwave und Cloud Rap in ihren Liedtexten weder Logik noch Narrativ verlangen. Statt einer Botschaft ein Sammelsurium an Bildern, die Stimmung der Hörenden entsteht über Imaginationen, die vor dem inneren Auge entstehen. So ungefähr werden die Kulturwissenschaftler in 20 Jahren Trillwave beschreiben. 

PR-Leute hatte er nie, auch jetzt nicht

Vor zwei Jahren habe ich mich zum ersten Mal mit Gleb unterhalten. Ich hatte den Auftrag, ein Wörterbuch des russischen Trillwave zu erstellen. Aufgrund der oben genannten Besonderheiten des Genres hätte ein solches Verzeichnis überhaupt keinen Sinn ergeben, daher plauderten wir einfach an die zwei Stunden darüber, was er mag, was er nicht mag, was er sich anguckt und was er liest.

Kaum hatten wir uns verabschiedet, begann ich, seine Biografie weiterzuspinnen: Bald wird er zwanzig, und ein anderer Typ wird ihn ausbooten, einer, der härter ist, authentischer, absurder, und Fara, wie ihn seine Fans nennen, wird in der Masse untergehen – ohne systematische PR ist es heute unmöglich, die Aufmerksamkeit der Leute langfristig zu halten. Und PR-Leute hatte er nie, auch jetzt nicht – wozu sollte ein Internet-Star wie er das auch brauchen.

 

 

Inzwischen sind noch zwei Dutzend junger Leute aufgetaucht, die mit Auto-Tune auf Band krächzen, was sie sich wünschen: kiffen oder verrecken. Und Beatmaker (Komponisten für Hip-Hop-Artists) sind aus dem Boden geschossen wie Hochzeitsfotografen. Und zu Glebs Millionen Views auf YouTube sind noch ein paar Millionen mehr dazugekommen, der Song Pjat minut nasad [dt. Vor fünf Minuten], für dessen Ruhm zur Hälfte der aus Ufa stammende Boulevard DepoArtjom Schatochin (geb. 1991, Pseudonym: Boulevard Depo) ist ein russischer Rap-Musiker aus Ufa, eine Stadt rund 1100 Kilometer östlich von Moskau. Sein Stil gilt unter Kritikern als sehr innovativ; er veröffentlichte seit 2009 fünf Solo-Alben und beteiligte sich an mehreren Gemeinschaftsprojekten mit verschiedenen russischen Rap-Musikern. Sein mit Pharaoh aufgenommenes Stück Pjat minut nasad (dt. Vor fünf Minuten) hatte nach einem Jahr auf YouTube rund 38 Millionen Klicks.  Artjom Schatochin (geb. 1991, Pseudonym: Boulevard Depo) ist ein russischer Rap-Musiker aus Ufa, eine Stadt rund 1100 Kilometer östlich von Moskau. Sein Stil gilt unter Kritikern als sehr innovativ; er veröffentlichte seit 2009 fünf Solo-Alben und beteiligte sich an mehreren Gemeinschaftsprojekten mit verschiedenen russischen Rap-Musikern. Sein mit Pharaoh aufgenommenes Stück Pjat minut nasad (dt. Vor fünf Minuten) hatte nach einem Jahr auf YouTube rund 38 Millionen Klicks.   verantwortlich ist, wurde auf Firmenfeiern von Kreativagenturen zum Hit. Den Text dieses Erfolgshits können sogar glatzköpfige Musikkritiker mitsingen, die seelisch und geistig in den 1990ernDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. steckengeblieben sind. 

„Was finden die alle an ihm“ fragt keiner mehr

Die Frage „Was finden die alle an ihm?“ stellt keiner mehr, doch der Prozess der Akzeptanz ist noch im Gang und nimmt bisweilen kuriose Formen an: In einem Käseblatt wurde der Song Diko, naprimer [dt. Wild, oder so] als Sommerhit bezeichnet. Obwohl ein Sommerhit ein ganz bestimmtes, bescheuertes Genre des frühen Glamours ist. Solche Lieder werden in speziellen Fabriken hergestellt, in der namenlose Arbeiter mechanisch „Blick“ auf „Glück“ reimen, und die Statisten im Clip heiße Klubnächte auf Ibiza mimen. Lustigerweise trägt Pharaoh im Video zu dem angeblichen Sommerhit einen schweren Pelzmantel, der wie ein ungehobelter Sarg wirkt, geht durch einen Wald, in dem noch der letzte Schnee liegt, und rappt einen Text darüber, dass wir irgendwann sterben werden. 

 

Der Bühnenbildner baut im Palais-Restaurant Turandot-Barrikaden aus Stühlen, der Pelzsarg aus dem letzten Video baumelt an einem Kleiderhaken in einer improvisierten Künstlergarderobe. Auf meine sarkastische Bemerkung, er und seine Jungs hätten sich für das Video zurechtgemacht wie dunkelhäutige Zuhälter, reagiert Gleb gelassen: „Ich habe mir ausgemalt, wie wir in der Zeit vor der Revolution gefeiert hätten. Ich denke manchmal darüber nach, wie wir leben würden, wenn die Kultur und Ästhetik des zaristischen Russland nach der Machtübernahme durch die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  nicht erstickt worden wären.“

Die neuen Musiker, nicht nur Rapper, besingen ein Bild der postsowjetischen Heimat, das aus Landschaften mit PlattenbautenAuf dem Kongress der Baufachleute 1954 verordnete Chruschtschow eine radikale Umkehr, weg von neoklassizistischen Prachtbauten hin zu sparsamen Dimensionen, neuen Materialien und Großtafeln, die auf der Baustelle nur noch montiert werden mussten. Das war die Geburtsstunde der Platte. Mit seiner Wohnungsbaukampagne wollte Chruschtschow die Bevölkerung für die „Erneuerung des Sozialismus nach Stalin“ mobilisieren – und setzte eine Massenbewegung in Gang: Zwischen 1955 und 1970 zogen 132 Millionen Sowjetbürger in eine neue Wohnung., rohem Kapitalismus, Gefängniskultur und GopnikiGopniki ist eine abwertende Bezeichnung für die Angehörigen einer Outsider-Subkultur in Russland. Die Etikettierten gelten als Kleinkriminelle, bei denen Körperverletzung zum Lebensstil gehöre. Dem Klischee nach fallen Gopniki durch das Tragen von Trainingsanzügen und Schiebermützen auf, sie würden ein unflätiges Jargon sprechen und hätten meist eine nur unzureichende Schul- und Ausbildung. In Internet-Memen werden Gopniki häufig rauchend dargestellt, mit aggressiv-tumben Gesichtsausdrücken und im slavic squat hockend.Gopniki ist eine abwertende Bezeichnung für die Angehörigen einer Outsider-Subkultur in Russland. Die Etikettierten gelten als Kleinkriminelle, bei denen Körperverletzung zum Lebensstil gehöre. Dem Klischee nach fallen Gopniki durch das Tragen von Trainingsanzügen und Schiebermützen auf, sie würden ein unflätiges Jargon sprechen und hätten meist eine nur unzureichende Schul- und Ausbildung. In Internet-Memen werden Gopniki häufig rauchend dargestellt, mit aggressiv-tumben Gesichtsausdrücken und im slavic squat hockend.-Elementen modelliert ist. Eine Liebe zu Russland, die stellenweise an das Stockholm-Syndrom erinnert, ist stark in Mode. „Dieser Hang zum Post-SowokSowok ist eine abwertende Ableitung von Sowjetunion. Sie bedeutet „Kehrblech“ und stand in kritischen Kreisen sowohl für den sogenannten Homo Sovieticus als auch für die politische Wirklichkeit der Sowjetunion.,Sowok ist eine abwertende Ableitung von Sowjetunion. Sie bedeutet „Kehrblech“ und stand in kritischen Kreisen sowohl für den sogenannten Homo Sovieticus als auch für die politische Wirklichkeit der Sowjetunion. der jetzt zum ästhetischen Mainstream geworden ist, ist eine sehr bequeme Pose für mediale Persönlichkeiten. Eine Geschmacklosigkeit und Vergewaltigung des Gehirns, das wird bald vorbei sein. Das ist nichts für die Ewigkeit“, sagt Gleb, dessen Blick über die bronzenen Kandelaber irrt. Er ist fasziniert von der rissigen imperialen Vergoldung und dem französierten Asien. Das Logo seiner Band Dead DynastyDead Dynasty ist eine lose Musikbewegung und Kollaboration von rund 30 jungen Vertretern russischer und ukrainischer Hip-Hop-Kultur. Gegründet 2013 von Gleb Golubin (geb. 1996, Pseudonym: Pharaoh), ist die Formation vor allem für betont nihilistische Texte bekannt, die für viele Musikkritiker Entfremdung und ein Gefühl aggressiver Ausweglosigkeit der russischen Jugend repräsentieren.Dead Dynasty ist eine lose Musikbewegung und Kollaboration von rund 30 jungen Vertretern russischer und ukrainischer Hip-Hop-Kultur. Gegründet 2013 von Gleb Golubin (geb. 1996, Pseudonym: Pharaoh), ist die Formation vor allem für betont nihilistische Texte bekannt, die für viele Musikkritiker Entfremdung und ein Gefühl aggressiver Ausweglosigkeit der russischen Jugend repräsentieren. wurde geändert – jetzt ist es ein Skelett eines doppelköpfigen AdlersDer Doppeladler bildet seit 1993 das Staatswappen Russlands. Sein Aufkommen kann für das 15. Jahrhundert belegt werden. Als Symbol stellt der russische Doppeladler Bezüge zum vorrevolutionären Russland her. Woran seine Herkunft genau geknüpft ist, ist in der Forschung umstritten. Eine anerkannte Theorie unter westlichen Wissenschaftlern ist, er habe sich am Habsburgerreich als Vorbild orientiert. Daneben gehen andere Ansätze von byzantinischen Wurzeln aus. . Den Bandnamen selbst assoziiert man zufällig mit der Zarenfamilie. Oder auch gar nicht so zufällig. 

Rapper als Topmodels des Streetstyle

Er wird abgeholt, um für ein weiteres Video gestylt zu werden. Heutzutage kleiden Hochglanzmagazine niemanden so leidenschaftlich ein wie Rapper. Das Wachstum auf dem Markt für Männermode in den letzten zwei Jahren ist nicht zuletzt ihnen zu verdanken. Rapper sind die Hauptfiguren des Streetstyles, gern gesehene Gäste bei Modenschauen, und sie haben auf Instagram mehr Follower als die Redakteure von Modezeitschriften.

Auch Pharaoh wird von Redakteuren umschwärmt. Tatler fotografierte ihn mit seiner Geliebten, dem Model Alessja KafelnikowaAlessja Kafelnikowa (geb. 1998) ist ein russisches Model und IT-Girl. Sie hat über 370.000 Instagram-Abonnenten.Alessja Kafelnikowa (geb. 1998) ist ein russisches Model und IT-Girl. Sie hat über 370.000 Instagram-Abonnenten. im Stil rich & beautiful. Viele Bürschchen aus reichen Familien haben sich ihre Mäuler zerfetzt. „In unbekanntem Gewässer unterwegs zu sein, war stressig, aber spannend“, erinnert sich Gleb. „Die Tür zur Glamour-Welt war einen Spalt breit aufgegangen, und ich dachte: Das kann interessant werden. Mit den Leuten in Kontakt zu sein, war dann ziemlich unangenehm, weil die meisten mich von oben herab behandelten. Das hat mich gewurmt, aber auch motiviert, mehr zu arbeiten.“ 

Er hätte das Zeug dazu, ein Influencer auf Instagram zu werden, wie viele internationale Rapper – doch er kann mit diesem ganzen Schnickschnack überhaupt nichts anfangen. Sobald der Fotograf das Schlusszeichen gibt, schlüpft er blitzartig in seine ausgelatschten Chucks. 

„Von mir kommt bald was Neues raus“, sagt er und verwuschelt sich energisch die gestylten Haare. „Nur weiß ich nicht recht, wie ich das am besten nennen soll. Ich hab’s! Schreib, das wird eine Art Glam-Rock des Hip-Hop.“

Übersetzung (gekürzt): Ruth Altenhofer

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Sergej Schnurow

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Russische Rockmusik

„Ein fremder Baum, der in unsere Erde gepflanzt wird, kann keine Früchte tragen“1 , so bewertete die Zeitung Komsomolskaja PrawdaKomsomolskaja Prawda ist eine russische Tageszeitung mit Sitz in Moskau mit einer verkauften Auflage von rund 655.000 Exemplaren. Sie gilt als ein Kreml-nahes Boulevardblatt. im Jahr 1982 die Rockband Maschina Wremeni. Dieses Zitat  spiegelt sinnfällig das jahrzehntelange Misstrauen wieder, das das sowjetische Regime gegenüber einheimischen Künstlern empfand, die musikalische Formen oder Ideen aus dem Westen auf russische Bühnen brachten.

Die Rockmusik in der Sowjetunion orientierte sich stark an Vorbildern aus England oder den USA. Allerdings handelte es sich beim russischen Rock, der sich seit den späten 1960er Jahren entwickelte, nicht um eine bloße Nachahmung des Westens. Die politischen Rahmenbedingungen in der Sowjetunion bewirkten, dass Rockmusik von Anfang an einen oppositionellen Charakter hatte.

Künstler und Fans maßen den Texten eine ausgesprochen große Bedeutung bei, in denen sich häufig verschlüsselte kritische Aussagen über die sowjetische Gesellschaft verbargen. Auch in Kleidung und Verhalten bildeten die Rockmusiker einen Gegenentwurf zu dem, was die offizielle sowjetische Musikkultur ausmachte.

Lieferte den Soundtrack einer neuen Zeit – die Gruppe Aquarium / Foto © Dmitriy Konradt

Staat und Partei in der Sowjetunion betrachteten schon seit dem Oktoberumsturz 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. alles, was an musikalischen Neuerungen aus dem Westen kam, mit ausgeprägtem Misstrauen. Als „Grunzen eines metallenen Schweines“ und „Balzgequake eines riesigen Frosches“ verunglimpfte der Schriftsteller Maxim GorkiMaxim Gorki (1868–1936) war ein russischer Schriftsteller. Er verkehrte in revolutionären Kreisen und begründete 1905 die bolschewistische Zeitung Nowaja Shisn (dt. Neues Leben) mit, bei der Lenin als Chefredakteur arbeitete. Spätestens nach der Veröffentlichung seiner beiden Theaterstücke Der Kleinbürger (1902) und Nachtasyl (1904) wurde er in Russland so populär, dass die verschiedenen Versuche der politischen Führung, gegen ihn vorzugehen, immer wieder große Proteste auslösten. Ab 1913 kam es zwischen Gorki und Lenin zu Auseinandersetzungen über die Revolution und deren Ziele, die zu einer zeitweisen Emigration Gorkis aus Russland führten. Nach Lenins Tod wurde er 1927 offiziell als proletarischer Schriftsteller anerkannt. Seine Geburtsstadt Nishni Nowgorod wurde ihm zu Ehren 1932 in Gorki umbenannt, sein Werk Die Mutter sollte fortan als Vorbild für die neue sowjetische Literatur dienen. etwa den Jazz. Dennoch gelangte – selbst unter Stalin – unablässig westliche Musik in die Sowjetunion. Als Mittler fungierten westliche Radiosender, aber auch sowjetische Diplomaten, die Schallplatten für ihre Kinder aus Westeuropa oder Amerika mitbrachten.

Auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs

Das Jahr 1964 bedeutete nicht nur für Europa eine Zeitenwende. The Beatles dominierten – nach ihrem Durchbruch in Großbritannien und Westeuropa – die amerikanische Hitparade. Ihre auf Schallplatte oder Tonband ins Land geschmuggelte Musik verursachte auch in der Sowjetunion nachhaltige Erweckungserlebnisse. Das „Yeah, yeah, yeah“ aus dem frühen Beatles-Hit She Loves You ertönte als die kommunistischen Funktionäre verschreckender Ruf einer Generation, der auch auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs zu hören war. Da die englischen Top-Gruppen in der Sowjetunion nicht auftreten durften, heimsten Bands große Erfolge ein, die Musik und Auftreten der Briten nachahmten.2

Die Politik der bedingten Duldung ermöglichte in den 1970er Jahren die Existenz von vielen frühen Rockgruppen wie zunächst Maschina Wremeni (dt. „Zeitmaschine“) und später auch der von Boris GrebenschtschikowBoris Grebenschtschikow (geb. 1953) gilt als einer der Urväter der sowjetischen Rockmusik. Der Poet und Sänger gründete 1972 mit Anatoli Gunizki die in Russland allgemein bekannte und noch bestehende Band Aquarium. Der oftmals nach seinen Initialen benannte BG gilt als eine Integrationsfigur der russischen Jugendkultur der 1980er Jahre. gegründeten Band AquariumAquarium gehört zu den Urvätern der russischen Rockgeschichte. Die Band formierte sich 1972 und genießt auch heute noch größte Popularität in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Frontmann der Gruppe ist Boris Grebenschtschikow, der oft auch einfach BG genannt wird.. Seit den 1970er Jahren verstanden sich viele Rockmusiker als Akteure der Gegenkultur. Während einige Künstler wie Alexander Gradski zumindest im Fernsehen und auf Schallplatte auch Lieder von „offiziellen“ Komponisten sangen, lehnten viele andere die staatlich geförderte Unterhaltungsmusik der sogenannten EstradaDer Begriff Estrada ist nicht trennscharf, üblicherweise wurden unter der Bezeichnung alle Richtungen der Bühnenkunst zusammengefasst, die in der Sowjetunion populär waren. Im engeren Sinne kann Estrada mit der deutschen Schlagermusik verglichen werden. Wegen der häufig propagandistischen Ausrichtung und üblicherweise wenig anspruchsvollen Texten wurde das Genre von Musik-Kritikern oft verrissen. Heute wird der Begriff Estrada häufig als Synonym zur einfachen, oft sentimentalen, Popmusik verwendet.   ab.

Generation der Hausmeister und Wächter

Die Machthaber missbilligten die Rockmusik nicht allein wegen ihrer musikalischen Form. Besonderen Argwohn erfuhren die Texte, die sich oft kritisch mit den sowjetischen Gegebenheiten auseinandersetzten. Sie würden angeblich „fremde Ideale und Auffassungen“ propagieren, wie es in einer Verordnung des Kulturministeriums hieß. Ohne die Möglichkeit, offizielle Konzerte zu geben oder Schallplatten zu veröffentlichen, mussten sich die Musiker der sogenannten „Generation der Hausmeister und Wächter“ ihren Lebensunterhalt in einfachsten Brotberufen verdienen. Häufig fanden Konzerte – die sogenannten kwartirniki (von kwartira, dt. „Wohnung“) – in heimischen Wohnzimmern statt. Die Alben erschienen als Kassetten im SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. und wurden von Gerät zu Gerät weiter überspielt, bis statt der Musik nur noch ein Rauschen zu hören war.

Soundtrack der neuen Zeit

Das äußere Erscheinungsbild der Rockmusiker mit ihren langen Haaren, westlichen Designerjeans und Basketballschuhen erregte das weitere Missfallen der Funktionäre. Die Rockmusik erschien den Jugendlichen im Gegensatz zur offiziellen Musikkultur mit ihren allgegenwärtigen Baritonen authentisch: Sie eröffnete ihnen glaubwürdige emotionale Gegenwelten zum offiziellen sowjetischen Raum. Rockmusik wirkte in der Zeit von PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. und Glasnost durchaus systemverändernd: Die Musik von Gruppen wie Aquarium, KinoKino war eine Rockband aus Leningrad, sie gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der Musikszene in der Perestroika-Zeit. Die Band wurde 1981 gegründet, mit dem tödlichen Autounfall des Frontmanns Viktor Zoi wurde die Band 1990 aufgelöst. oder DDTVon Juri Schewtschuk 1981 in Ufa gegründete russische Rockband. DDT gehört zusammen mit Aquarium und Kino zu den bedeutendsten musikalischen Vertretern der Perestroika-Zeit und der modernen russischen Popmusik. Obwohl die Band zeitweise unter Beobachtung des KGB stand und ihre Musik nur im Untergrund veröffentlichen konnte, war sie bereits vor Ende der Sowjetunion auch im Ausland eine der populärsten russischen Bands. bildete gleichsam den Soundtrack der neuen Zeit. Seit Anfang der 1980er Jahre gab es mit dem Leningrader Rock-Klub sogar eine offizielle – wenngleich streng vom Geheimdienst KGB beobachtete – Institution, die Musikern Auftrittsmöglichkeiten verschaffte.

Für die russische Rockmusik sind die Texte von besonderer Bedeutung. Viele Lieder wie Poworot (dt. „Wendung“) von Maschina Wremeni oder Chotschu peremen! (dt. „Ich will Veränderungen!“) von Kino waren offen gesellschaftskritisch. Die Texte anderer Lieder erschienen melancholisch und unverständlich oder hatten einfache und alltägliche Inhalte. Sie vermittelten den Zuhörern, auch wenn sie nicht prononciert systemkritisch waren, ein Gefühl von Freiheit und begleiteten damit den gesellschaftlichen Umbruch der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion..

Den gegenkulturellen Nimbus hat die Rockmusik heute in Russland wie im Westen längst verloren, auch wenn die seit den 1970er Jahren tätigen Musiker immer noch aktiv sind und junge Musiker, die ein nonkonformistisches Image pflegen, ebenfalls ihr Publikum finden. Längst bedienen sich aber auch Rechts- oder Linksextremisten der musikalischen Ästhetik des Rock. Den Machthabern jagt die Rockmusik keine Angst mehr ein, wenngleich ihre Protagonisten – wie Juri SchewtschukAls Frontmann der 1980 gegründeten Gruppe DDT zählt Juri Schewtschuk zu den bekanntesten Rocklegenden der ehemaligen Sowjetunion. Schewtschuk bezieht regelmäßig Stellung zu aktuellen politischen Entwicklungen und brachte beispielsweise 2010 gegenüber Putin persönlich seine Sorgen um die russische Demokratie unmissverständlich zum Ausdruck. Während des ersten Tschetschenienkrieges reiste er 1995 und 1996 in die umkämpfte Region, wo er unter anderem vor russischen Soldaten spielte. (DDT) – immer wieder regierungskritisch Stellung beziehen und dafür auch – wie Andrej MakarewitschMit seiner 1969 ins Leben gerufenen Band Maschina Wremeni (dt. „Zeitmaschine“) zählt Frontmann Andrej Makarewitsch zu den Pionieren der sowjetischen Rockmusik. Nach kritischen Äußerungen zur Politik des Kreml im Ukraine-Konflikt und einem Konzert in der Ostukraine für geflüchtete Kinder aus dem umkämpften Donbass-Gebiet gilt Makarewitsch in Teilen der russischen Gesellschaft als Volksverräter. Im russischen Fernsehen wurde ihm unter anderem vorgeworfen, den Faschismus und die Ermordung von Landsleuten zu unterstützen. (Maschina Wremeni) – bedrohliche Medienkampagnen in Kauf nehmen müssen.


-> Mehr zu russischem Rock in diesem Artikel auf dekoder.


1.Komsomolskaja PrawdaKomsomolskaja Prawda ist eine russische Tageszeitung mit Sitz in Moskau mit einer verkauften Auflage von rund 655.000 Exemplaren. Sie gilt als ein Kreml-nahes Boulevardblatt.: Ragu iz sinej pticy
2.Besonders erfolgreich waren die Pojuščie gitary aus Leningrad, die in den späten 1960er Jahren Stadien füllten. Ihre Musik konnte dabei so gut wie niemand hören, weil die technischen Anlagen nicht annähernd ausreichten, um Stadien zu bespielen. Wichtiger war dem Publikum offenkundig ohnehin das Gefühl, Teil eines Konzerterlebnisses zu sein, das sie für ein oder anderthalb Stunden in eine andere Welt entführte. Zwar kamen die Pojuščie gitary in den offiziellen Medien kaum vor, ihre Musik war aber immerhin nicht verboten, und vereinzelt konnten auch Schallplatten mit Beatmusik erscheinen.
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Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

Die Wilden 1990er

Das Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Pussy Riot

Pussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Internationales Aufsehen erregte ihr Punkgebet im Frühjahr 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale und vor allem der anschließende Prozess, bei dem zwei Mitglieder zur Haft im Straflager verurteilt worden waren. Seit diese wieder auf freiem Fuß sind, kam es zu diversen Interaktionen mit big politics, Musik- und Showbusiness. Pussy Riot indes beging virtuellen Selbstmord – die Gruppe hat sich aufgelöst.

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