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Ein bisschen Frieden

Spot an, die halbe Welt schaut zu: Die ukrainische Krim-Tatarin Jamala gewinnt den Eurovision Song Contest 2016 – nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Russland und mit einen Lied, das die leidvolle Geschichte ihres Volkes unter Stalin besingt. „Zu politisch“, kritisierten manche, die den Song auch als eine Anspielung auf die Situation der Krim-Tataren heute verstehen.

Andrej Archangelski befindet auf Colta.ru: Ja, der ESC ist politisch. Und das ist gut so.

Quelle Colta.ru

Derzeit begegnen Millionen russischer Fernsehzuschauer einmal jährlich dem realen Europa – wortlos, wie StierlitzMax Otto von Stierlitz ist die Hauptfigur einer überaus erfolgreichen Reihe von Agentenromanen des Autors Julian Semjonow. Die Handlung kreist um den Standartenführer der SS Stierlitz, der im Auftrag des KGB für die Sowjetunion arbeitet. Im Jahr 1970 erschien die darauf basierende Serie 17 Augenblicke des Frühlings. Um die Figur des Stierlitz hat sich schnell eine große Menge von Witzen und Wortspielen gebildet. seiner Frau. Millionen russischer Fernsehzuschauer haben Gelegenheit – ohne ideologische Interpretation und in natürlicher Umgebung – eben jene Europäer anzuschauen. Die uns unsere Identität nehmen wollen und denen deswegen der Untergang droht. Europa wirkt dabei ziemlich einheitlich: einander ähnelnde Frauen in glitzernden Roben, beziehungsweise Männer in gestreiften Jacketts mit lustigen Fliegen.

Der will uns vernichten? Der mit der Streifenhose und dem lustigen Namen?

Die Bilder vom ESC müssten im Prinzip hart aufeinanderprallen mit dem, was der Fernsehzuschauer täglich von Europa zu sehen und hören bekommt. Im Prinzip müsste er sich fragen: Das also sind unsere Feinde? ... Die sollen uns vernichten wollen? ... Der da? Mit seinem Propeller und der Streifenhose und dem lustigen Namen? ...   

Doch die Moderatoren schlagen an diesem Tag tatsächlich einen anderen Ton an als sonst. Als ESC-Kommentator muss man, abgesehen von der grundlegenden Intonation, auch auf die Spielart achten – wie in einer Partitur: „wohlwollend, aber mit leichter Ironie“ oder „mit einem Anflug von Ärger“. All diese Nuancen wurden bereits in der sowjetische Sprecherschule erarbeitet,  Vorbilder gibt es also genug. Doch eines ist klar – diese Sendung bleibt harmlos (krass wird’s erst morgen). 

Es ist eine heikle Arbeit: Millionen von Zuschauern wissen zu lassen, dass die Eurovision in unserem Fernsehen „eine vorübergehende Erscheinung“ ist, „ein Spiel“, „ein Muss“ – und dabei mit der Stimme regelrecht zu zwinkern. Und all das nur, weil es der russischen Staatsmacht kurioserweise immens wichtig ist, den Wettbewerb derjenigen zu gewinnen, deren Lebensstil sie erklärtermaßen verachtet.

Worte, wie in Bronze gegossen

Der Sieg Jamalas war für alle überraschend (deswegen ist ein Wettbewerb ein Wettbewerb), für das russische Fernsehen aber ganz besonders. Bei der Jurywertung war ja mit riesigem Abstand Australien auf Platz 1 gelandet, beim Publikumsvoting Russland.

„Die Politik war am Ende stärker als die Musik“, so begann der Moderator bei Rossija 1Ein staatlicher Fernsehsender, der zusätzlich zu seinem Hauptprogramm noch 80 Regionalsender unterhält. Er gehört zur Allrussischen Staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK). Boris Kortschewnikowist Fernsehmoderator und Schauspieler (*1982). Er studierte Schauspiel an der berühmten MChAT-Schauspielschule und Journalistik an der Moskauer Staatlichen Universität. Seit 2013 moderiert er die Sendung „Prjamoj Efir“ („live“) auf dem staatlichen Sender Rossija 1. seinen Kommentar zum Ergebnis. Bis zum nächsten Morgen waren diese Worte in Bronze gegossen, wie auch folgende fixe Formulierungen: „Die Völker Europas haben für den russischen Interpreten gestimmt“, und: „Die Abstimmung war politisch“. Für die Propaganda eine tadellose Formel.

Hier können uns Linguisten weiterhelfen: Das Wort „Politik“ gehört in Russland dem Staat. Er hält 99 % der Aktien an diesem Wort. Als psychologischen Abwehrmechanismus auf dieses unnatürliche Monopol entwickeln die Menschen seltsame Konzepte, an die sie irgendwann selbst glauben, wie etwa: „Kultur und Politik existieren unabhängig voneinander“, Kultur oder Sport „sollen nicht politisch sein“.

Wenn man das so sagt, kann man genauso gut sagen: „Kultur und Sport dürfen nicht den Menschen gehören“, denn Politik umfasst sowohl Sport als auch Kultur.

Bei einem Menschen oder einem Ereignis das Politische vom Nichtpolitischen zu trennen, ist äußerst schwierig. Und wozu auch? Wenn das Politische doch ursprünglich das „Menschliche“ bedeutet.

Natürlich ist der ESC politisch – das ist weder ein Geheimnis, noch ein Problem

Die schreckliche Wahrheit ist, dass der Eurovision Song Contest tatsächlich politisch ist – doch ist das weder ein Geheimnis, noch ein Problem. Und zwar genau deswegen, weil Politik eigentlich den Menschen gehört und niemand Angst vor ihr hat.

Der Wettbewerb ist schon allein dadurch politisch, dass jede Abstimmung von Millionen Menschen über eine beliebige Frage auch immer ein Plebiszit ist. Und wird auf einen Staat Einfluss haben. Allein durch seine Existenz glättet der Wettbewerb internationale Wogen, bringt Menschen auf andere Gedanken.

Wenn 26 Länder einander Herzchen und Likes schicken – klar ist das Politik. In ihrer neuen Bedeutung, wo im Zentrum der Mensch steht, und nicht der Staat. Dass einige Länder nie für bestimmte andere voten – auch das ist Politik. Wie im übrigen auch, dass manche Punkte als symbolische „Bitte um Verzeihung“ zu verstehen sind (Deutschland hat seine 12 Punkte Israel gegeben) – auch das wird keine musikalische Bedeutung haben.

Vielleicht geht das als „erster Schritt zur Versöhnung“ in die Geschichte ein

Dass die Ukraine und Russland einander im Publikumsvoting „wieder, als ob nichts gewesen wäre, wie damals“ fast die höchste Punktzahl gaben (Russland der Ukraine 10 Punkte, die Ukraine Russland 12) – das zeigt, dass die Eurovision geschafft hat, was bisher niemandem gelungen ist.

Gott sei Dank gibt es diese Art von Politik. Beten sollte man für eine solche Politik, auf die Knie fallen vor ihr. Dass der russische Sänger der ukrainischen Sängerin zum Sieg gratulierte – wer weiß, vielleicht geht das als erster Schritt zur Versöhnung in die Geschichte ein, und insofern ist Sergej Lasarew durchaus ein Sieger, aber in einem anderen, wichtigeren Sinn – dem moralischen.    

Der politische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wurde eins zu eins auf die Musik übertragen. Und dabei wohlgemerkt nicht geglättet, dafür ganz und gar ins Menschliche gedreht. Natürlich konkurrierten nicht die Sänger, sondern das Image des jeweiligen Landes. In diesem Wettkampf hat die Ukraine gesiegt. Weil (zumindest) in der heutigen Kultur ein Opferkult und kein Siegerkult vorherrscht, was Michail JampolskiMichail Jampolski (geb. 1949) ist ein russisch-amerikanischer Publizist, Historiker und Kulturwissenschaftler. Seit 1991 lebt er in den USA, wo er vergleichende Literaturwissenschaften und Russische Studien an der New York University lehrt. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Filmtheorie und Kultursemiotik. sehr treffend beschreibt.

Heute gewinnt man nicht mit Panzern, sondern mit Liedern

Das ist für die russische Propaganda eine wertvolle Lektion – heute gewinnt man nicht mit Panzern, sondern mit Liedern. Mit dem Ergebnis, dass die Ukraine wieder weltweit im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Der nächste Songcontest ist ein Garant der Sicherheit für die Ukraine, denn jetzt werden alle teilnehmenden Länder, einschließlich Russland, daran interessiert sein, dass die Ukraine ein sicherer Ort ist.

Mit anderen Worten: Der Sieg der Ukraine bedeutet die Legitimität der Ukraine. Und diese Tatsache wird, um es mit dem sowjetischen Agitprop zu sagen, manch heißen Kopf herunterkühlenDer Ausdruck „die Hitzköpfe abkühlen“ wurde oft von der sowjetischen Propaganda verwendet. Sie kommentierte damit unerwartete Aktionen der UdSSR (wie z.B. die Invasionen in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968) oder Stellungnahmen der sowjetischen Regierung zu Handlungen des Westens. Der Ausdruck zählt zu den wenigen Fällen, in denen sich die sowjetische Propaganda Umgangssprache bediente. Er wird bis heute verwendet..

Schon jetzt gibt es rhetorische Figuren: Teilnehmen oder nicht teilnehmen, und wenn ja, mit wem (еine Variante wäre SchnurSergej Schnurow (Spitzname – Schnur, geb. 1973) ist Gründer und exzentrischer Frontmann der Ska-Band Leningrad. Hin und wieder komponiert er auch Filmmusik und hat sogar schon eine Opernrolle gespielt. Bekannt ist er aber vor allem durch seine ekstatischen Bühnenpartys mit Leningrad und der selbstverständlichen und breiten Verwendung des tabuisierten Kraftausdrucks. von der Petersburger Gruppe LeningradEine vielköpfige Ska-/Rock-Band um den exzentrischen Sänger Sergej Schnurow, gegründet 1997. Die Songs weisen eine große stilistische Bandbreite auf, die Texte verwenden häufig Vulgärsprache, sind oft ironisch oder stark sexualisiert, handeln von Alkohol- und Drogenkonsum. Hin und wieder tauchen auch satirische und sozialkritische Elemente auf. In Deutschland ist die Band bekannt durch das Buch Russendisko von Wladimir Kaminer.). Das wird nun  eine politische Entscheidung, und gefällt wird sie nicht im Fernsehen.

Wenn es heißt, nächstes Jahr braucht Russland einen Künstler „mit so einem Lied, wie Jamala“, der bitte auch von tragischen Vorfällen singt (gemeint sind etwa die tödlichen Ausschreitungen in Odessa 2014Am 2. Mai 2014 kam es im ukrainischen Odessa zu Zusammenstößen zwischen Anhängern des Euromaidan und der prorussischen Gegenbewegung Anti-Maidan. Ein Protestcamp der prorussischen Aktivisten wurde niedergebrannt, beide Lager bewarfen sich mit Brandsätzen. Die Aktivisten des Anti-Maidan verschanzten sich schließlich im Gewerkschaftshaus, das in Brand geriet. Es starben mindestens 42 Menschen, mehrheitlich Angehörige des Anti-Maidan.), dann vergisst man komplett die unterschiedlichen Auswahlverfahren in Russland und der Ukraine.

Russland will vorerst „weiter mitspielen“

Jamala gewann aufgrund einer landesweiten Abstimmung, sie hatte starke Konkurrenz und setzte sich mit nur wenig Vorsprung durch: Eben weil es riskant ist, mit so einem Lied an einem Wettbewerb für Unterhaltungsmusik teilzunehmen. Doch ein Künstler kann ein solches Risiko eingehen, ein Staat nicht.  

In Russland wurde der diesjährige Kandidat von einem TV-Sender ausgewählt; das wird wahrscheinlich auch nächstes Jahr so sein – und die Bürokratie trifft keine riskanten oder extravaganten Entscheidungen. Am ehesten wird es ein Kompromiss werden, eine möglichst neutrale Variante. Für das „Teilnehmen“ hat sich bisher (gleich nach dem Finale, das ist wichtig) die erste stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses der StaatsdumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde., Jelena DrapekoJelena Drapeko (*1948) ist eine Schauspielerin und Politikerin. Sie spielte in zahlreichen sowjetischen und russischen Filmen mit und saß ab 1999 zunächst für die Kommunistische Partei, ab 2007 für die Partei Gerechtes Russland im Parlament., ausgesprochen. Ein gutes Zeichen: Man will also vorerst „weiter mitspielen“ und nicht die Welt ignorieren.    

Die Welt ignorieren funktioniert ohnehin nicht. Unmöglich. Das ist das wichtigste Ergebnis des Eurovision Song Contest – für Russland. Natürlich nur, wenn es fähig ist, das zu verstehen.

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Krim

Die Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte AngliederungAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. an Russland löste eine internationale Krise aus.

Mit etwa 27.000 km2 und 2,3 Mio Einwohnern ist die Krim-Halbinsel der Größe und Bevölkerungszahl nach etwa mit Brandenburg vergleichbar. Die Krim hat eine wechselvolle Geschichte, die bis in das 5. Jh. v. Chr. zurückreicht und von zahlreichen Auseinandersetzungen verschiedener Einflussmächte geprägt ist. In der Antike siedelten hier Griechen, die der Halbinsel ihren damaligen Namen Tauris verliehen. Später konkurrierten Römer, Goten, Hunnen, Bulgaren, die Kiewer RusKiewer Rus war ein mittelalterlicher Staat, der in der russischen Geschichtsschreibung häufig als Ausgangspunkt russischer Staatlichkeit verstanden wird und der als Vorläufer von Belarus, Russland und der Ukraine gilt. Der Staat bestand in verschiedenen Formen zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert. Zu Zeiten der größten Ausdehnung erstreckte sich die Kiewer Rus über ein Gebiet von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer. , Byzanz und die Republiken Venedig und Genua um die Krim, bis sie ab dem 13. Jh. von den Mongolen beherrscht wurde. 1441 wurden diese von den Krimtataren besiegt, die unter osmanischer Schutzmacht das Khanat der Krim errichteten, welches bis 1783 Bestand hatte. Die Krimtataren griffen Russland regelmäßig an und brannten im Russischen Krimkrieg (1570-1574) Moskau fast vollständig nieder.

Die russische Geschichte der Krim beginnt 1783, als Katharina die Große nach mehreren Feldzügen gegen das schwächelnde Osmanische Reich die Halbinsel einnahm. Seither spielt die Krim eine wichtige Rolle in der militärischen ErinnerungskulturIm heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören. Russlands: Von 1853-1856 kämpfte Russland im KrimkriegDer Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft. gegen die Türken um die Vorherrschaft in der Region. Im zweiten Weltkrieg stand die Halbinsel von 1941-1944 unter deutscher Besatzung. Die größte Festung und wichtigste Hafenstadt Sewastopol konnte, wie ein Jahrhundert zuvor im KrimkriegDer Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft., lange Zeit der Belagerung standhalten und wurde als Heldenstadt zu einem Symbol des Sieges über Hitlerdeutschland.

Aufgrund ihres mediterranen Klimas und ihrer Naturschönheiten wurde die Krim zum beliebtesten sowjetischen Urlaubs- und Erholungszentrum. Generationen von Russen verbinden deshalb bis heute positive Erfahrungen mit der Halbinsel. Darüber hinaus besitzt die Krim auch eine große symbolische Bedeutung für Russland. So wird sie als Ursprung der Christianisierung der Kiewer Rus gesehen, da 988 Wladimir I.Mit der Annahme des Christentums durch den Großfürsten Wladimir im Jahr 988 begann die Christianisierung des Kiewer Reiches. Wladimir gehört zu den russischen Nationalheiligen. In der Gegenwart dient er als Symbolfigur sowohl russischer als auch ukrainischer Staatlichkeit. hier getauft worden sein soll.1 Auch in der russischen Kultur nimmt die Halbinsel einen besonderen Stellenwert ein und findet sich in zahlreichen literarischen Werken von Puschkin bis TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken.  wieder.

Am russischen Narrativ der Krim änderte selbst die 1954 unter ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. erfolgte Übergabe an die Ukrainische Sowjetrepublik2 nichts. Die mehrheitlich von Russen bewohnte Halbinsel verblieb in der kollektiven mental map weiterhin elementar russisches Territorium. Diese tiefe Verbundenheit erklärt die riesige krymnasch-Euphorie, die die russische Bevölkerung nach der Besetzung der Halbinsel durch Grüne MännchenAls kleine grüne Männchen, manchmal auch höfliche Menschen, werden euphemistisch die militärischen Spezialkräfte in grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen bezeichnet, die Ende Februar 2014 strategisch wichtige Standorte auf der Krim besetzt haben. Bestritt Moskau zunächst jegliche direkte Beteiligung und verwies auf „lokale Selbstverteidungskräfte“, so gab Präsident Putin später zu, dass es sich dabei um russische Soldaten gehandelt habe. Die grünen Männchen sind inzwischen zu einem kulturellen Symbol geworden., dem anschließenden Referendum und schließlich der als „Rückkehr“ bezeichneten Angliederung an Russland erfasste. Das Urteil des russischen Verfassungsgerichts, die Schenkung von 1954 sei rechtswidrig gewesen und die Rückführung daher rechtlich legitim, ist allerdings selbst unter russischen Völkerrechtlern umstritten. International wird die Angliederung der Krim nicht anerkannt und führte zu einer internationalen politischen Krise mit WirtschaftssanktionenAls Reaktion auf die Angliederung der Krim beschlossen sowohl die USA als auch die EU im März 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzernen, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen  (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht). und einem neuen Ost-West-Konflikt.

Die Angliederung der Krim wurde offiziell mit dem Schutz der dort lebenden russischen Bevölkerung begründet. Zugleich wird die größte Minderheit der Halbinsel marginalisiert: die Krimtataren, die lange Zeit die Bevölkerungsmehrheit stellten. Bereits nach dem KrimkriegDer Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft. waren 90 Prozent der Krimtataren in das Osmanische Reich emigriert. Nach der Befreiung der Krim durch die Rote Armee wurden 1944 bis zu 400.000 Krimtataren wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen nach Zentralasien deportiert, wobei die Hälfte von ihnen umkam.3 Die PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. ermöglichte den Krimtataren eine Rückkehr in ihre Heimat. Nach der Angliederung sehen sich jedoch viele von ihnen aufgrund zunehmender Repressionen, wie zum Beispiel der Unterdrückung der krimtatarischen Medien4, Sprache und Kultur, dazu gezwungen, die Krim erneut zu verlassen.

Neben der offiziellen Rechtfertigung gibt es zwei weitere Erklärungen dafür, weshalb Russland trotz absehbarer negativer wirtschaftspolitischer Folgekosten die Krim annektierte: Erstens konnte Putin dadurch seine zuvor sinkende Popularität in der russischen Gesellschaft auf historische Höchstwerte steigern und sein Regime stabilisieren. Zweitens ist die russische SchwarzmeerflotteDie Schwarzmeerflotte ist eine der vier Flotten der russischen Marine. Sie operiert im Schwarzen und im Asowschen Meer. Das Hauptquartier befindet sich in Sewastopol auf der ukrainischen, von Russland annektierten, Halbinsel Krim. Die strategische Bedeutung der Schwarzmeerflotte hat sich parallel zu historisch-geopolitischen Entwicklungen stark gewandelt. Ihre Symbolkraft ist in Russland nach wie vor hoch. in Sewastopol stationiert. Infolge des ukrainischen Euromaidans fürchtete man, dass die Verlängerung des 2017 auslaufenden Pachtvertrags um 25 Jahre, die Russland mit dem ehemaligen ukrainischen Präsidenten JanukowitschWiktor Janukowitsch (geb. 1950) war von 2002 bis 2005 und von 2006 bis 2007 Ministerpräsident sowie von 2010 bis 2014 Präsident der Ukraine. Vor dem Hintergrund der Euromaidan-Ausschreitungen floh er nach Russland, das ukrainische Parlament Werchowna Rada erklärte ihn im Februar 2014 für abgesetzt. ausgehandelt hatte, revidiert werden könnte und Russland dadurch seinen geopolitisch wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer verlieren würde. Einer solchen Entwicklung kam man durch die Angliederung zuvor.5


1.Präsident Putin verglich 2014 die Bedeutung der Krim für Russland mit der Bedeutung des Tempelbergs für Juden und Muslime. Die These, dass auf der Krim die Wiege der russischen Orthodoxie liegt, ist allerdings umstritten; vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Analyse: Die symbolische Bedeutung der Halbinsel Krim für Russland
2.Bundeszentrale für politische Bildung: Analyse: Geschichtspolitik statt Völkerrecht
3.Die Welt: Nationaler Mythos. Darum hängen die Russen an der ukrainischen Krim
4.Osteuropa 2015 (3): Ausgeschaltet. Unabhängige Medien auf der Krim. Dokumentation
5.Biersack, John; O'Lear, Shannon (2014). The geopolitics of Russia's annexation of Crimea: narratives, identity, silences, and energy, in: Eurasian Geography and Economics 2014 (3), Washington, D.C., S. 247-269
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Krim-Annexion

Als Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland.

Krim nasch

Im Zuge der Angliederung der Krim hat sich in Russland eine euphorische Stimmung verbreitet, die mit kaum einem zweiten Begriff so eng assoziiert wird wie krim nasch – die Krim gehört uns. Der Ausdruck wird inzwischen nicht nur aktiv im Sprachgebrauch verwendet, sondern ziert auch zahlreiche beliebte Merchandise-Artikel.  

St. Georgs-Band

Das St. Georgs-Band ist ein schwarz-orange gestreiftes Band, das auf eine militärische Auszeichnung im zaristischen Russland zurückgeht. Heute gilt es als Erinnerungssymbol an den Sieg über den Hitler-Faschismus, besitzt neben dieser historischen aber auch eine politische Bedeutung.

Lewada-Zentrum

Kurz vor der Dumawahl 2016 war es soweit: Das Lewada-Zentrum, das als das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut Russlands gilt, wurde als ausländischer Agent registriert. Dem international renommierten Institut droht nun die Schließung. Weshalb das Lewada-Zentrum den russischen Behörden schon seit Jahren offenbar ein Dorn im Auge ist, erklärt Eduard Klein.

Silowiki

Silowiki ist ein Sammelbegriff für Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates. Seit den späten 1990er Jahren hat ihr Einfluss stetig zugenommen. Unter Putin gehören sie zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der russischen Elite.

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