Medien
Gorky

Außerhalb von Schwarz und Weiß

Konturen der früheren Sowjetunion werden in der Forschung vielfach entlang der Bruchlinie von Repression und Widerstand aufgezeigt. Der Kulturanthropologe Alexei YurchakAlexei Yurchak (geb. 1960) ist ein außerordentlicher Professor für Kulturanthropologie an der Universität von Kalifornien, Berkeley. In seinem 2005 erschienenen Buch Everything was Forever, Until it was no More: The Last Soviet Generation zeigte er auf, dass der vorherrschende öffentliche Diskurs in der Sowjetunion – entgegen der häufigen Annahme – durchaus Zwischenräume bot, in denen sich alternative Lebensweisen entwickeln konnten. Das Buch gibt es seit 2014 auch auf Russisch. hat in seinen Untersuchungen den Fokus verschoben. Er hat die offiziellen Strukturen und Rituale des früheren Sowjetstaates in den Blick genommen – und das, was die Menschen in ihren Alltagspraktiken daraus gemacht haben.

Sein Buch Everything Was Forever, Until It Was No More (dt. Alles war für immer, bevor es verschwand) über die sowjetische Generation unter BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. ist inzwischen auf Russisch erschienen und Yurchak für seine Studie im vergangenen Jahr mit dem renommierten Buchpreis Proswetitel (dt. Aufklärer) in Russland geehrt worden. Das junge Medienprojekt Gorky traf ihn nun für ein Interview, sprach über Vererbtes ins Heute, Vergleiche mit den USA und verschobene Wahrnehmungen der Gesellschaft.

Quelle Gorky

Kulturanthropologe Alexei Yurchak über die Freiheit des Außerhalbseins, Repression und Widerstand und seinen Verzicht auf die Arbeit mit solchen Binärschemata – Foto © Alexei Yurchak

Felix SandalowFelix Sandalow (geb. 1989) ist ein Musikjournalist. Er schreibt unter anderem für das Moskauer Stadtmagazin Afischa und die russische Ausgabe des Rolling Stone. Sein 2015 erschienenes Buch Formation, das die Punk-Bewegung in der UdSSR/in Russland thematisiert, wurde im Feuilleton vieler Medien lobend diskutiert.: Beginnen wir mit einem zentralen Begriff Ihres Buchs – Freiheit des AußerhalbseinsAußerhalbsein – auf Russisch wnenachodimost – ist ursprünglich ein Schlüsselbegriff aus der Literaturtheorie des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin (1895–1975). Der schwer übersetzbare Neologismus, der im Deutschen auch als Außerhalbbefindlichkeit wiedergegeben wird (und im Englischen als exotopy, extralocality oder outsidedness), bezeichnet das Verhältnis des Autors zu seinem Werk: eine paradoxe Distanz, die zugleich die Identifikation mit dem literarischen Helden fordert wie auch die totale Unverbundenheit und Fremdheit seinen Gedanken und seinem Handeln gegenüber. Yurchak überträgt diesen Begriff auf soziologische Phänomene, insbesondere in der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft: Der Einzelne vermag Handlungsweisen zu entwickeln, die Funktionen des staatlich kontrollierten Gesellschaftssystems ins Gegenteil umdeuten, ohne dabei selbst zu diesem System in einen Widerspruch zu treten – er befindet sich zugleich innerhalb und jenseits des Systems. . Glauben Sie, dass es in der jetzigen russischen Gesellschaft Räume des Außerhalbseins gibt? Oder ist diese Erscheinung nur ein Charakteristikum des Lebens in der späten Sowjetunion?

Alexei Yurchak: Das Bestreben, über die Beschränkungen des Gegensatzpaares Systemzugehörigkeit / Systemgegnerschaft hinauszugehen, ist in der postsowjetischen Zeit nicht verschwunden. Durch die Erfahrung aus der UdSSR im freien Umgang mit Gesetzen wurde ja die Entwicklung von Unternehmernetzwerken im frühen postsowjetischen Russland sehr  befördert. Eigentlich ist unsere gesamte Geschäftswelt aus diesen Räumen des Außerhalbseins hervorgegangen. Nehmen wir zum Beispiel die Entstehung des neuen Unternehmertums in den 1990er JahrenDas Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert.: Man kaufte im Westen Computer, brachte sie her und verkaufte sie. Und über den Preisunterschied wurde Kapital gebildet. Bei näherem Hinsehen stellt man fest: Das lief alles vorschriftsmäßig; es gab für alles Unterlagen und Zolldeklarationen – aber zugleich wurden normale Diskettenlaufwerke als viel teurere deklariert und vertrieben. Oder nehmen Sie das Verhalten der Zollbeamten: Ich habe damals in den USA studiert und bin oft nach Russland geflogen. Es gab ein Gesetz, nach dem Leute, die mehr als acht Monate im Ausland lebten, steuerfrei ein Auto einführen durften. Ich brauchte kein Auto, aber die Zollbeamten haben mir jedes Mal angeboten, eines auf meinen Namen einzutragen. Dafür gab es 1000 Dollar. Das heißt, man konnte in dieser Situation als Instrument fungieren, damit jemand anders Geld sparen kann. So kommt es zu einer performativen Verschiebung: Man kann die Form des Gesetzes reproduzieren und dabei dessen Sinn immer wieder ändern. Solche Verschiebungen gab es millionenfach.

Und wie sieht es damit in den USA aus?

Auch dort gibt es solche Zonen des Außerhalb. Zum Beispiel das Lager Guantanamo auf Kuba. Dorthin sind mutmaßliche Terroristen verbracht worden, die während des Irak-Feldzugs gefangengenommen wurden. Und da sich Guantanamo außerhalb des Hoheitsgebietes der Vereinigten Staaten befindet, gelten die US-Gesetze dort nicht. Man kann dort Menschen beliebig lange ohne Gerichtsverfahren und Ermittlung einsperren. Oder jemanden töten, ohne dass es als Mord gilt wie im demokratischen Amerika. Das ist das, was Giorgio Agamben als den Raum des Ausschlusses bezeichnet – und der US-amerikanische Staat nutzt ihn aktiv. Aber die Prinzipien, nach denen der Raum des Ausschlusses und der Raum des Außerhalbseins konstruiert sind, unterscheiden sich etwas voneinander, auch wenn die Erscheinungen selbst verwandt sind. Dieser Unterschied gleicht dem zwischen der liberalen und der sozialistischen Gesellschaft. In der liberalen Gesellschaft funktionieren die grundlegenden Bereiche über ein festgelegtes System aus Gesetzen und transparenten Institutionen. Aber es gibt Zeiten – etwa im Krieg – oder Orte, in denen sie außer Kraft treten. Diese Räume des Ausschlusses sind für liberale Gesellschaften sehr wichtig, weil sie sich dadurch ihre souveränen Grenzen vergegenwärtigen. Räume des Außerhalbseins waren hingegen ein wichtiger Bestandteil einer anderen Gesellschaft, nämlich der spätsozialistischen. Überhaupt war das Prinzip des Außerhalbseins die Funktionsgrundlage für das gesamte System des Spätsozialismus. Es gab in der Sowjetunion keine vom Staat abgesonderten, autonomen Zonen, auch nicht in Form der KüchenDer Begriff Küche wird oft als Metapher für die Privatsphäre in der post-stalinschen Sowjetunion verwendet. In diesem Sinn ist die Küche ein Ort, in dem man sich zu allem äußern durfte – man konnte demnach verbotene Themen ansprechen oder Kritik an Machthabern äußern. . Das ist Unsinn. Es gab vielmehr das Außerhalbsein als Prinzip, nach dem das gesamte sowjetische System funktionierte. Das heißt, es existierten keine autonomen Räume der Freiheit, die aus dem sowjetischen System herausgefallen wären. Dafür gab es aber jede Menge Räume des Außerhalb, in denen sich das System formal vollständig reproduzierte, aber der Sinn sich laufend verschob, manchmal bis hin zum völligen Gegenteil dessen, was ideologisch verkündet wurde.

Ich brauchte kein Auto, aber die Zollbeamten haben mir jedes Mal angeboten, eines auf meinen Namen einzutragen. Dafür gab es 1000 Dollar

Im Titel Ihres Buches ist von der „letzten sowjetischen Generation“ die Rede. Was denken Sie über die Generationentheorie? Sie ist plötzlich wieder populär geworden. Alle Welt spricht von den „Millenials“, und auch der Begriff „Putin-Generation“ ist im Umlauf. Inwieweit ist es überhaupt zulässig, mit solchen Konstrukten zu arbeiten?

Die Rede von den Generationen beschreibt nicht notwendig ein Objekt, das von vornherein existiert. Sie erlaubt es auch, Generationen im Nachhinein zu schaffen. Dabei werden die Objekte zunächst im Diskurs hergestellt und treten dann in der Realität in Erscheinung. Dass Menschen im gleichen Jahr geboren wurden, bedeutet nicht, dass sie eine bestimmte Gruppe bilden. Manchmal ist es so und manchmal nicht. Generationen entstehen nicht einfach durch das gemeinsame Alter, sondern durch gemeinsame Erfahrungen oder Erlebnisse. Beispiele dafür sind die Kriegsgeneration oder die Generation der Kinder der Leningrader BlockadeBlokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss..

Aber es gibt nicht immer zwangsläufig eine wichtige und gemeinsame Erfahrung, die alle Gleichaltrigen verbindet. Menschen sind bekanntlich verschieden. Sie beschäftigen sich mit unterschiedlichen Dingen und haben unterschiedliche Ansichten, auch wenn sie zur gleichen Altersgruppe gehören. Zudem werden ständig neue Menschen geboren, und die Generationsschichten sind nicht immer durch markante Stufen voneinander getrennt. Die klassische Theorie des Soziologen Karl Mannheim, der die Idee der Generationen als erster formuliert hat, ist schon vor langer Zeit kritisiert worden. Sie hat als erster Versuch auf diesem Gebiet einen bleibenden Wert, aber ihr Problem ist ein gewisser Positivismus. Sie betrachtet Generationen als soziale Objekte und setzt voraus, dass sie immer real existieren. Aber das stimmt nicht.

In letzter Zeit sind Sie in Kalifornien tätig, an der Universität von Berkeley. Aber Sie halten auch Vorlesungen in Russland. Wie unterscheidet sich Ihrer Ansicht nach die akademische Welt in Russland von der in den USA?

In Russland gibt es, grob gesagt, zwei akademische Welten. Eine ist mehr oder weniger traditionsverhaftet und findet sich vor allem in den Institutionen, die aus dem akademischen System der Sowjetunion hervorgegangen sind. Die Mitglieder dieser Welt publizieren vor allem in Russland und auf Russisch. Viele von ihnen sprechen keine andere Sprache. Das führt zu einer gewissen Isolation von der internationalen akademischen Gemeinschaft. Zwar werden ausländische Texte im Bereich der Sozialwissenschaften und der Philosophie nach und nach ins Russische übersetzt. Aber mit der Übersetzungsarbeit in die umgekehrte Richtung, aus dem Russischen in die internationalen Sprachen, steht es weitaus schlechter.

Es gibt jedoch noch eine zweite akademische Welt, die sich aktiv am internationalen Wissenschaftsdiskurs beteiligt und regelmäßig zumindest auf Russisch und Englisch (oder Französisch und so weiter) arbeitet. Dazu gehören etwa die Europäische Universität St. PetersburgDie private Europäische Universität Sankt Petersburg wurde 1994 gegründet. Sie zählt auf dem Gebiet der Sozial- und Geisteswissenschaften zu den besten Lehreinrichtungen Russlands. Die Hochschule bildet vor allem Masterstudenten und Doktoranden aus. Seit 2008 steht die Universität unter Druck von Behörden. Damals wurde sie kurzzeitig wegen unzureichender Brandschutzmaßnahmen geschlossen; im Dezember 2016 sollte ihre Lehrstätten-Lizenz ausgesetzt werden, einige Tage später wurde sie jedoch wieder als gültig erklärt. , die Higher School of EconomicsDie Higher School of Economics zählt zu den wichtigsten russischen Hochschulen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Reformuniversität wurde Anfang der 1990er gegründet, um Wirtschaftsexperten für den Aufbau der Marktwirtschaft auszubilden. Heute zählt die Hochschule zu den führenden Forschungsuniversitäten in Russland und nimmt auch politisch eine wichtige Rolle ein. in Moskau und St. Petersburg und einige weitere Hochschulen in diesen Städten. Sie sind Auslandserfahrung gegenüber offener: Man reist in die wissenschaftlichen Zentren im Ausland. Man hat kein Problem damit, Professoren zu beschäftigen, die einen Teil ihrer Ausbildung im Westen erhalten haben, also etwa einen Doktorgrad in England oder den USA. Und manchmal werden sogar Ausländer eingestellt.

Es gab in der Sowjetunion keine vom Staat abgesonderten, autonomen Zonen, auch nicht in Form der Küchen. Das ist Unsinn

Das ist nicht deshalb nötig, weil die ausländische Ausbildung zwangsläufig besser wäre – sie ist es nicht immer, und darum geht es auch nicht. Diese Herangehensweise ist aus anderen Gründen wichtig. Sie ermöglicht es, sich aus dem geschlossenen Feld einheimischer Traditionen, Ansätze, sozialer Netze, Beziehungen und so weiter zu lösen und nicht nur den Forschungsgegenstand kritisch zu betrachten, sondern auch das akademische Feld, in dem er untersucht wird. Das führt zu einer offeneren und kritischeren Diskussion über Arbeiten, Forschungen, Konzepte und Methoden.

Denn wenn Ideen nicht der Kritik unterzogen werden, weil die Grenzen des geschlossenen Bereichs von Traditionen und Überzeugungen dies nicht zulassen, dann kommen alle möglichen unwissenschaftlichen Theorien auf, wie etwa Lew Gumiljows Theorien zur EthnogeneseDas Ethnogenese-Konzept von Lew Gumiljow (1912–1992) gilt als einer der Vorläufer des gegenwärtig viel diskutierten Konzepts des Neo-Eurasismus. Das „stereotype Verhalten“ einer Ethnie wird hier als „empfindungs-abhängig“ von vorherrschenden klimatisch-geographischen Faktoren gesehen und behauptet, dass die daraus bezogene „biochemische Energie“ jedes Menschen entscheidend bei der Integration einer Ethnie sei und dass dieser Integrationsprozess durch eine „kosmische Strahlung“ beeinflusst sei..

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen dem akademischen Milieu im Westen und dem in Russland. Die meisten Hochschullehrer in Russland haben – anders als etwa die Dozenten der führenden Universitäten in den USA – eine sehr hohe Lehrbelastung. Sie müssen ein extrem hohes Pensum an Unterrichtsstunden absolvieren. Es bleibt ihnen kaum Zeit, um wissenschaftlich zu arbeiten, Aufsätze zu schreiben und in den führenden Zeitschriften zu publizieren. Zugleich sind sie angehalten, den ZitationsindexGemeint ist hier in erster Linie der sogenannte Index des wissenschaftlichen Zitierens Russlands – eine Zitationsdatenbank, die Angaben darüber enthält, welche Publikationen von wem zitiert werden. Die Menge von Zitaten wird als ein Maß für die Forschungsqualität eines Wissenschaftlers gesehen. Das spiegelt sich auch in den Gehältern wider – neben einem zumeist niedrigen Festgehalt erhalten viele Lehrkräfte erfolgsbezogene Prämien. für ihre Arbeiten kontinuierlich zu verbessern. Ihr Gehalt, ihre Karriere und so weiter hängen davon ab. Das führt bisweilen dazu, dass das Publizieren zum Selbstzweck wird, statt der wissenschaftlichen Arbeit zu dienen. Es erscheinen Publikationen in verschiedenen unseriösen ZeitschriftenViele wissenschaftliche Publikationen in Russland entsprechen nicht den gängigen Standards wissenschaftlichen Arbeitens. Da die Anzahl renommierter Zeitschriften begrenzt ist, und weil Forscher häufig zu vielen Publikationen quasi verpflichtet werden, entstanden in den letzten Jahren viele neue Medien ohne anerkannte Qualitätssicherung., die nur dazu da sind, dass man schnell und häufig gegen Bezahlung darin veröffentlichen kann.

Jede Reform des Systems, die die russischen Universitäten auf internationalen Stand bringen soll, muss bei gleichbleibender oder höherer Bezahlung der Universitätsprofessoren ihr Unterrichtsdeputat stark reduzieren, damit das Niveau der wissenschaftlichen Arbeit steigen kann. Hier liegt einer der offenkundigsten Unterschiede zwischen den westlichen und den russischen Universitäten. Das wäre letztlich auch für die Studenten viel vorteilhafter. Sie kommen auch mit weniger Unterrichtsstunden pro Woche aus, wenn sie dafür mit den Professoren unter vier Augen oder in kleinen Gruppen zusammenarbeiten können und in ihre Forschung einbezogen werden.

Wie hat sich die Neuauflage des Kalten Krieges, die mit dem Konflikt in der UkraineDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.    begann, auf die Sowjetologie ausgewirkt? Hat sie Einfluss auf das Interesse an Russland in den USA, auf Anzahl und Art der Publikationen?

Die Sowjetologie als einheitliche Wissenschaft gibt es nicht. Das ist eher Wissenschaftsjargon für unterschiedliche Forschungsaktivitäten zur Sowjetunion. Die waren früher in der Regel stark von der Ideologie des Kalten Krieges beeinflusst. Häufig stehen sie in der Tradition von Hannah Arendts Konzept des Totalitarismus.

Leider enthielten viele politologische und ökonomische Arbeiten zur UdSSR eine Menge unreflektierter ideologischer Postulate. Zum Beispiel wurde die sowjetische GesellschaftVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. als atomisierte Masse betrachtet, die keine politischen Inhalte hatte und vom Staat unterdrückt wurde. Auf den ersten Blick scheint es angemessen, in solchen Begriffen über die Sowjetunion zu sprechen. Aber sobald man näher hinschaut, zeigt sich, dass dieser Ansatz die Realität nicht nur vereinfacht, sondern völlig verfälscht.

Die traditionelle amerikanische Sowjetologie hat derartige Modelle und Annahmen immer wieder in großer Zahl hervorgebracht und die Beschreibung der sowjetischen Gesellschaft auf die binären Kategorien der politischen Repression und des Widerstands reduziert. Es gab in der Sowjetologie auch eine andere Schule – die sogenannten Revisionisten, die sich mit der Erkundung der komplexen Gesellschaft innerhalb der Sowjetunion befassten. Durch ihren Verzicht auf den Totalitarismusbegriff förderten sie viele wichtige und interessante Erkenntnisse zutage. Aber auch sie konzentrierten sich auf den Widerstand als das grundlegende Paradigma der politischen Existenz in der Sowjetunion.

Mein Buch rief eine Wirkung hervor, die einige als Schockeffekt bezeichnet haben, wohl gerade deshalb, weil die Brille Repression/Widerstand, durch die die Geschichte der UdSSR sehr lange betrachtet worden ist, darin offensiv hinterfragt wird. Die englische Ausgabe des Buches hat auf dem Gebiet der Sowjetstudien einen Wandel herbeigeführt. Die Wissenschaftler verwenden eine andere Sprache und verzichten auf binäre Modelle.

Nun ist zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung in den USA die erweiterte russischsprachige Ausgabe in Russland erschienen. Und auch diesmal ernte ich viel Dankbarkeit für den Versuch, Methoden zur Analyse des sowjetischen Systems zu finden, die vom üblichen Binärschema abweichen. Das freut mich.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Heute taucht die Binarität in den meisten westlichen und russischen Beschreibungen des Geschehens in Russland erneut auf. Oft hat man es mit Beschreibungen zu tun, nach denen die russische Gesellschaft in zwei Gruppen zerfällt. In der Sprache der Staatsmedien werden diese Gruppen als Patrioten (die Mehrheit) und als fünfte KolonneDer Ausdruck fünfte Kolonne wird allgemein für Kräfte verwendet, die – meist im Geheimen – von innen auf den Umsturz einer bestehenden politischen Ordnung hinarbeiten. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) wurde der Begriff für Anhänger der Aufständischen gebraucht, die in den von der Regierung kontrollierten Gebieten verblieben waren. Im russischen Kontext wird er von Regierungsseite oft für diejenigen verwendet, die die Regierungslinie nicht unterstützen, insbesondere seit dem Auftauchen des Begriffs in der Rede Putins zum Beitritt der Krim am 18. März 2014. (die liberale Minderheit) bezeichnet. Und in der Sprache der liberalen Intellektuellen„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde. und Journalisten heißen sie „Watniki“Internet-Mem und eine häufige, kritisch-sarkastische Schmähformel für einen Patrioten. Watnik ist eigentlich eine Winterjacke, sie besteht aus einem derben Oberstoff und einer Watte-Füllung.   (oder „die 86 Prozent“Gemeint ist der Zustimmungswert für Präsident Putin, der sich nach der Angliederung der Krim in Meinungsumfragen abzeichnete und seitdem weitgehend unverändert blieb. ) und „aufgeklärte, liberale Gemeinschaft“. Ich denke, dass diese binäre Beschreibung absolut nicht die Wirklichkeit widerspiegelt und entlarvt werden muss. In gewissem Sinne ist sie wirklich eine Rekonstruktion der Sprache des Kalten Krieges.

Leider enthielten viele politologische und ökonomische Arbeiten zur UdSSR eine Menge unreflektierter ideologischer Postulate

Noch einmal nachgefragt: Hat die Zuspitzung der politischen Lage irgendwelche Auswirkungen auf Ihr Forschungsgebiet?

Das ist eine interessante Frage. Ende der 1980er und Anfang der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. gab es sehr viele Studenten, die sich mit Slawistik, russischer Geschichte und dem modernen Russland befassen wollten. Zur Jahrtausendwende waren es bereits deutlich weniger. An einigen Universitäten ging die Zahl der Studenten so stark zurück, dass die Lehrstühle für russische Literatur und Sprache einfach abgeschafft wurden. Bei den Lehrstühlen für Geschichte sah es schon immer besser aus. Dort bewerben sich traditionell mehr Doktoranden, die sich mit Russland beschäftigen wollen, als etwa bei den Anthropologen.

In letzter Zeit stelle ich aber auch dort fest, dass das Interesse an Russland unter den Doktoranden wieder wächst. Teilweise liegt das offensichtlich an der aktuellen politischen Situation. Trotzdem ist das Interesse an Russland in der anglo-amerikanischen Anthropologie weit geringer als das an vielen anderen Themen. Ein Beispiel: An der Fakultät für Sozialanthropologie in Berkeley bewerben sich jährlich vierhundert Leute für ein Promotionsstudium. Davon wollen sich vier oder fünf mit Russland beschäftigen. Weitere fünf bis sieben möchten zu anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas forschen. Das ist um eine Größenordnung weniger als die Anzahl der Doktoranden, die sich mit der Erforschung des Islam, des Finanzkapitalismus oder der Veränderung der menschlichen Gesellschaft durch neue Biotechnologien befassen wollen.

Und noch etwas ist hier hervorzuheben: Der abrupte Abbau der Russlandforschung in den USA in der postsowjetischen Zeit war nicht nur durch einen objektiven Rückgang des Interesses an Russland bedingt, sondern auch dadurch, wie die US-Regierung die Bedeutung dieser Forschung interpretiert hat. So hat etwa der US-Kongress in den letzten Jahren die Mittel für Forschungsprogramme zu Russland und der ehemaligen Sowjetunion erheblich reduziert. Auch das hat zu nachlassendem Interesse an solchen Forschungsvorhaben beigetragen.

Und dann stieg das Interesse an Russland plötzlich wieder heftig an, weil man nicht verstand, was dort tatsächlich geschieht und warum sich das so stark auf die internationalen Beziehungen auswirkt. Es war vorgesehen, dass Russland den Weg der postkommunistischen Demokratisierung geht. Und auf einmal zeigte sich, dass das alles nicht so einfach ist. Diese Erkenntnis reifte ab 2011. Das begann mit den damaligen Wahlen in Russland und der MassenprotestbewegungNachdem Putin im September 2011 angekündigt hatte, wieder Präsident werden zu wollen, und im Dezember zahllose Wahlbeobachter über massive Wahlfälschungen berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion. Sie bewies erstaunliches Durchhaltevermögen, versiegte jedoch im Jahr 2013 aufgrund von inneren Streitigkeiten und der repressiven Reaktion des Staates. gegen die WahlmanipulationenWahlfälschungen sind Wahlmanipulationen entgegen demokratischen Prinzipien. Nachdem im Dezember 2011 zahlreiche Wahlbeobachter über massive Fälschungen bei der Dumawahl berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion und forderte eine Untersuchung der Vorwürfe. Bei der Dumawahl 2016 stellten Wahlbeobachter weniger Unregelmäßigkeiten als 2011 fest, verwiesen zugleich jedoch auf einen hohen Einfluss der administrativen Ressource.. Darauf folgte die politische Abkühlung, dann die Entwicklungen in der UkraineDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.   , auf der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. und in Syrien. Plötzlich wurde deutlich, dass es in den USA einen haarsträubenden Mangel an Experten für Politik, Soziologie und Kultur des heutigen Russland gab. Diese Einsicht hat im akademischen Milieu zu zahlreichen Diskussionen geführt. So wird der Kongress jetzt wieder einige große und wichtige Forschungsprogramme zu Russland und der ehemaligen Sowjetunion finanzieren.

Die russischsprachige Community auf facebook versucht zurzeit ständig, sich danach einzuteilen, ob man sich für oder gegen bestimmte historische Figuren positioniert. Die Binarität, von der Sie gesprochen haben, lässt sich am Beispiel der Internetgemeinschaft sehr deutlich verfolgen.

Diese Art, die Vergangenheit zu analysieren, ist sehr verbreitet. Man wird aufgefordert, sich mit einer von zwei Rollen zu identifizieren: Konformist oder Nonkomformist. Aber eine solche Aufteilung vereinfacht die historische Wirklichkeit und ist in vieler Hinsicht durch moralische Einstellungen gegenüber der Sowjetzeit diktiert, die sich erst in der postsowjetischen Zeit herausgebildet haben.

Für viele ist es wichtig, sich nachträglich den Nonkonformisten zuzurechnen – zu sagen, dass man nie an irgendetwas geglaubt hat, immer dagegen war, den ganzen Sowjetmief hasste und so weiter. Das ist eine heroische Position. Man kann verstehen, dass sie heute wichtig ist, dass sie ein moralisches Kapital darstellt.

Aber in der Sowjetzeit war das alles anders, und die Einstellung der meisten Bürger zum System war weder konformistisch noch nonkonformistisch. Sie war komplexer. In meinem Buch analysiere ich sie eingehend. Generell existierte damals für die Mehrheit weder der Begriff „Nonkonformismus“ noch das Ziel, sich in dieser Hinsicht zu definieren. Die sowjetische Geschichte wird heute nicht nur in den Sozialen Netzwerken vereinfacht, sondern auch auf der Ebene der staatlichen Rhetorik – und, wie schon gesagt, auf der Ebene der westlichen Rhetorik über die sowjetische Vergangenheit.

Sehen Sie sich beispielsweise an, wie die sowjetische Vergangenheit in den sogenannten BesatzungsmuseenViele Historiker kritisieren die einseitige Deutung der Geschichte, wie sie beispielsweise in Besatzungsmuseen in Tallinn, Riga, Kiew oder Chisinau präsentiert wird. Sie dienten vor allem geschichtspolitischen Zwecken und reduzierten das didaktische Konzept auf ein Täter-Opfer-Schema, so die Argumentation. Vor diesem Hintergrund fordern die Kritiker die Umsetzung eines sogenannten multiperspektivischen Zugangs, der das geschichtspolitische Deutungsmonopol aufbreche. in den baltischen und osteuropäischen Staaten dargestellt wird. Das ist eine unglaubliche Vereinfachung, eine Wiederholung des binären Schemas. Das sozialistische Projekt und seine komplexe Geschichte kommen dort gar nicht erst vor. Es gibt nur sie und uns ihre Besatzungstruppen und unsere freie Nation, die immer eine Nation von Nonkonformisten war.

Diese Methode ermöglicht es, die Geschichte unabhängig von unserer eigenen Rolle darzustellen. Wir werden weißgewaschen, die anderen werden angeschwärzt. Und so wird alles einfach. Dabei geht es nicht darum, zu behaupten, dass es in Wirklichkeit gar keine Unterdrückung durch die Sowjetunion gegeben habe. Es geht darum, dass man die Geschichte des sowjetischen und osteuropäischen Kommunismus nicht auf das Schema von Repression und Widerstand reduzieren kann. Das ist ein großes politisches und ethisches Problem. Es ist wichtig, dem etwas entgegenzusetzen.

Für viele ist es wichtig, sich nachträglich den Nonkonformisten zuzurechnen – zu sagen, dass man immer dagegen war, den ganzen Sowjetmief hasste und so weiter

Wenn über die Gegenwart gesprochen wird, kommt man gleich auf die 1990er Jahre: War es damals soundso oder nicht? Kehren sie wieder oder haben sie nie aufgehört? Und so weiter. Sie sind regelmäßig in Russland. Haben Sie den Eindruck, dass sich die gesellschaftlichen Gegensätze in den letzten Jahren verschärft haben?

Um das zu verstehen, muss man sich ansehen, wie die aktuellen politischen Ereignisse beschrieben werden – und zwar nicht nur in den Staatsmedien, sondern auch in der Sprache der sogenannten liberalen Opposition. Ihr dominierender rechter Teil, der, der zwischen Watniki und freien Menschen unterscheidet, propagiert ein Schema, demzufolge 86 Prozent der Einwohner Russlands keinen Verstand haben und gebändigt gehören.

86 Prozent – das ist eine haarsträubende Zahl. Sie ist eine Erfindung sogenannter Meinungsumfragen, die in Wirklichkeit nichts beschreiben. Die Methoden zur Erhebung solcher Informationen haben sehr wenig mit dem zu tun, was in der Welt vor sich geht. Bei der Befragung werden den Menschen relativ einfache Fragen über ihre Haltung zu dieser oder jener Politik oder Tatsache gestellt. Wenn man sich jedoch mit den Leuten unterhält, oder noch besser, wenn man sich einfach anschaut, wie sie sich verhalten und wie sie sich in ganz verschiedenen Kontexten äußern, dann zeigt sich, dass sie eine Menge verschiedener, komplexer und manchmal widersprüchlicher Einstellungen zur Wirklichkeit haben, in der sie leben. Aber diese Ambivalenz passt nicht in das binäre Schema. Nur etwas Markantes, Grelles, Großes kann die Menschen durch die Medien erreichen. Und schon spricht man auf facebook von der Fünften Kolonne oder den Watniki. Ich betrachte das als ein politisches Projekt, das die Reproduktion von Macht fördert.

In Wirklichkeit lässt sich die russische Gesellschaft nicht in die große Watte und die kleine Freiheit einteilen. Sie ist viel komplexer. Ich bin sicher, dass wir die Gesellschaft im Falle eines politischen Führungswechsels von einer ganz anderen, unerwarteten Seite kennenlernen würden. Es wird sich herausstellen, dass wir sie mit unserem Binärschema überhaupt nicht verstanden haben. Genau so war es auch am Ende der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion., als die ewige Sowjetunion unerwartet zusammenbrach.

Es entsteht der Eindruck, dass Zeitgenossen, die sich Gedanken darüber machen, was im Land vor sich geht, drei Möglichkeiten zur Auswahl haben: a) sich mit einem Plakat auf die Straße zu stellenEin Piket ist ein kleinerer, stationärer Protest. Oft wird er von Einzelnen veranstaltet und bedarf dann keiner vorherigen Anmeldung. Dennoch werden Proteste dieser Art oft von der Polizei unterbunden. Seit 2012 sind die Bedingungen für diese Protestform mehrmals verschärft worden: Neben hohen Geldbußen drohen Protestierenden inzwischen auch lange Haftstrafen., b) zu emigrieren, c) eine Alternative zu diesen beiden Optionen zu entwickeln. Was meinen Sie dazu?

Der Begriff der politischen Aktivität ist ein schwieriger Begriff. Nehmen Sie die typischen Leute aus meinem Buch, die an Versammlungen teilnehmen und für das stimmen, wofür in diesem Augenblick gerade gestimmt werden soll. Sie als apolitische Konformisten zu bezeichnen, wäre völlig falsch. Zunächst muss man verstehen, was da geschieht. Das habe ich in meinem Buch unternommen, und es hat dazu geführt, dass ich neue Begriffe vorgeschlagen habe – etwa die Politik und die Freiheit des AußerhalbseinsAußerhalbsein – auf Russisch wnenachodimost – ist ursprünglich ein Schlüsselbegriff aus der Literaturtheorie des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin (1895–1975). Der schwer übersetzbare Neologismus, der im Deutschen auch als Außerhalbbefindlichkeit wiedergegeben wird (und im Englischen als exotopy, extralocality oder outsidedness), bezeichnet das Verhältnis des Autors zu seinem Werk: eine paradoxe Distanz, die zugleich die Identifikation mit dem literarischen Helden fordert wie auch die totale Unverbundenheit und Fremdheit seinen Gedanken und seinem Handeln gegenüber. Yurchak überträgt diesen Begriff auf soziologische Phänomene, insbesondere in der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft: Der Einzelne vermag Handlungsweisen zu entwickeln, die Funktionen des staatlich kontrollierten Gesellschaftssystems ins Gegenteil umdeuten, ohne dabei selbst zu diesem System in einen Widerspruch zu treten – er befindet sich zugleich innerhalb und jenseits des Systems. , die meiner Meinung nach die Sowjetunion von innen heraus zerstört haben.

Die Politik des Außerhalbseins lässt sich nicht auf Konformismus oder Nonkonformismus reduzieren. Auch über die gegenwärtige Situation kann man Ähnliches sagen. Es gibt einen interessanten Sammelband, der von einem Team politischer Soziologen und Anthropologen aus Moskau und St. Petersburg herausgegeben wurde: Die Politik der Apolitischen: Die Bürgerbewegung in Russland in den Jahren 2011–2013Das Buch wurde auf der Basis einer breit angelegten empirischen Untersuchung geschrieben. Die Autoren bedienten sich einer Vielzahl qualitativer Methoden und formulierten in ihrem vielschichtigen Ergebnis, dass das neu erwachte Politische vor dem Hintergrund der Proteste 2011/12 das Apolitische sowohl überwunden als auch verstärkt habe.  . Dort geht es um die Frage, was eine „apolitische Haltung“ denn eigentlich ist. Denn der Begriff ist ein Etikett, der eine moralische Bewertung der Person impliziert.

Es gibt Kontexte, in denen Menschen mit scheinbar unpolitischen Methoden um sich herum soziale Räume schaffen, die nicht von den staatlichen Machtinstitutionen kontrolliert werden. Das ist eine politische Aktion, die nicht unbedingt mit den Methoden einer direkten Politik des Widerstands durchgeführt wird und deshalb apolitisch erscheinen kann. Doch tatsächlich hat sie weitreichende politische Konsequenzen.

Eine originär apolitische Haltung ist es, wenn jemand darauf pfeift, was mit ihm selbst und den Menschen in seiner nächsten Umgebung geschieht, wenn er nicht verfolgt, was sich um ihn herum ereignet, wenn er sich vor allem auf den Konsum konzentriert und so weiter. Also das, was manchmal als Eskapismus bezeichnet wird. Viele Menschen auf der ganzen Welt leben so, auch in liberalen Gesellschaften.

Aber es ist etwas ganz anderes, wenn Sie bestimmte Überzeugungen haben, sich jedoch nicht politisch engagieren möchten, indem Sie an Kundgebungen teilnehmen oder an organisierten politischen Aktionen und Bewegungen. Vielleicht sind Sie nicht damit einverstanden, welche Probleme auf den politischen Demonstrationen der Opposition dargestellt werden – wenn dort beispielsweise das liberale Establishment das Wort führt, dem sich viele nicht anschließen wollen. Mir persönlich ist der neoliberale Diskurs fern, der in der Opposition den Ton angibt. Gemäßigt linke Grundsätze und die direkte Demokratie liegen mir wohl näher. Deshalb würde ich nicht mit großer Überzeugung zu Veranstaltungen gehen, wo die Redner ein neoliberales Programm vertreten.


Die russische Originalveröffentlichung dieses Interviews wurde unterstützt durch die Initiative Buchprojekte von Dimitri Simin und den Buchpreis Proswetitel (dt. Aufklärer). Beide Initiativen führen die Arbeit der gemeinnützigen Stiftung DinastijaDie Stiftung Dinastija des Unternehmers Dimitri Simin ist eine der wichtigsten privaten Stiftungen Russlands. Sie unterstützt seit 2002 die russische Wissenschaft und stellt zahlreiche Preise und Stipendien im Gesamtumfang von mehreren Millionen Euro bereit. Im Mai 2015 erklärte das Justizministerium, die Stiftung in das Register der sog. ausländischen Agenten eintragen zu wollen, da das Stiftungsvermögen des Mäzens Simin aus dem Ausland stamme. Dinastija protestierte gegen diese Entscheidung, und im Juni gingen in Moskau 1500 Menschen auf die Straße, darunter hauptsächlich Wissenschaftler. Tausende unterschrieben eine Petition für den Erhalt der Stiftung. Das Justizministerium blieb jedoch unnachgiebig und erklärte Dinastija zum ausländischen Agenten, woraufhin die Stiftung sich noch im Juli aus Protest auflöste. fort, einer der wichtigsten privaten Stiftungen Russlands, die sich vor allem im Bereich Wissenschaft engagierte. Dinastija, gegründet 2002 vom Philanthropen und Unternehmer Dimitri SiminDimitri Simin (geb. 1933) ist ein erfolgreicher russischer Unternehmer und Philanthrop. 1992 gründete er sein Telekommunikationsunternehmen VimpelCom, zu dem mit dem Mobilfunknetz Beeline einer der erfolgreichsten und mit mehr als 200 Mio. Kunden auch größten Anbieter im postsowjetischen Raum gehört. Anfang des Jahrtausends zog Simin sich aus der Wirtschaft zurück und widmete sich fortan seiner 2002 gegründeten Stiftung Dinastija. Der Milliardär stieg zum wichtigsten russischen Mäzen auf und unterstützte mit seiner Stiftung, die den Großteil seines Vermögens verwaltet, vor allem die russische Wissenschaft. Nachdem das Justizministerium im Mai 2015 die Stiftung jedoch zum sog. ausländischen Agenten erklärte, stellte Simin aus Protest seine Förderung ein und löste Dinastija auf., löste sich im Juni 2015 auf, nachdem die Stiftung in das Register der sogenannten ausländischen AgentenIm Rahmen der zunehmenden Kontrolle der russischen Zivilgesellschaft wurde 2012 das sogenannte „Agentengesetz“ verabschiedet. Es sanktioniert „politisch aktive“ zivilgesellschaftliche Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Das Gesetz ist unklar formuliert, sodass die russische Justiz nach eigenem Ermessen entscheidet, welche Organisationen mit dem historisch vorbelasteten „Agenten“-Label versehen werden. Betroffene Organisationen müssen strenge Vorschriften einhalten, die ihre Arbeit erheblich erschweren. eingetragen wurde.
dekoder unterstützen

Weitere Themen

Gnosen
en

Alexei Yurchak

„Wenn es einen Preis für das Buch des Jahres gäbe“, schrieb die große Sowjethistorikerin Sheila Fitzpatrick 2006 in ihrer Besprechung über Alexei Yurchaks (geb. 1960) Everything was Forever, Until it was no More: The Last Soviet Generation, „dieses Buch hätte ihn verdient.“1 Ironischerweise beruhte Fitzpatricks positive Rezension auf einer Fehlinterpretation von zentralen Annahmen des Buches, die Yurchak wiederum in einer Replik richtigzustellen versuchte.2 Rückblickend kann zudem festgestellt werden, dass Fitzpatrick auch die Bedeutung von Yurchaks Last Soviet Generation unterschätzte. Es war das Buch des Jahrzehnts. 2014 erschien eine russische Übersetzung,3 die weiterhin viel Wirkung hervorruft.4

Worin lag und liegt die Bedeutung von Yurchaks Buch? Zunächst darin, dass er bestehende Denkgewohnheiten aufbricht. Yurchak bescheinigte den zwei vorherrschenden Schulen der westlichen Forschung zur Sowjetunion und zur nachsowjetischen Zeit – Totalitarismustheorie und Revisionismus-Hypothese5 – dem gleichen methodischen Dilemma verhaftet zu sein. Nämlich einer stark verkürzten Wiedergabe der sowjetischen Vergangenheit durch die Verwendung binärer Kategorien: das Politische und das Private, die Repression und die Freiheit, die Ökonomie und die Schattenwirtschaft, die Moral und die KorruptionFür die Bezeichnung von Korruption gibt es im Russischen verschiedene Begriffe. Viele kommen aus Jargon und Umgangssprache, wie etwa wsjatka, sanos, otkat, administrative Ressource und viele andere. Dass es so vielfältige Bezeichnungen für korrupte Verhaltensweisen gibt, ist eng mit den sozialen Praktiken und ideellen Einstellungen in der Sowjetepoche und den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zerfall der UdSSR verbunden. und so weiter. Eine solche dichotomische Sichtweise, so Yurchak, helfe weder, die Verhältnisse differenziert zu beschreiben noch habe sie der Eigenwahrnehmung der SowjetbürgerVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. in der Zeit entsprochen.6

Yurchaks akademischer Werdegang hatte ihn für solche Probleme sensibilisiert. Nach einer zeitweisen Unterbrechung seines Studiums in Leningrad bewarb er sich 1990 für ein Doktorandenprogramm an der Duke University in Durham, North Carolina. Dort sah er sich mit extrem vereinfachten Vorstellungen über das Leben in der eben untergegangenen SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. konfrontiert.

Diskurserstarrung

Interessanterweise war es die Linguistik, die dem Ethnologen Yurchak half, eine neue Perspektive zu entwickeln. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war der Wandel des diskursiven Raumes in der Sowjetunion. Stalin, so Yurchak, sei in den 1930er bis 1950er Jahren ein außerhalb des ideologischen Metadiskurses stehender „Meisterinterpret“ gewesen. Er habe dafür gesorgt, dass dieser Diskurs alle Sphären des gesellschaftlichen Lebens durchdrang, zugleich blieb dessen Interpretation für die Menschen in der UdSSR, einschließlich der Parteimitglieder, willkürlich und unberechenbar. Nach Stalins Tod gab es niemanden mehr, der diese absolute Deutungshoheit besaß. Dennoch sei die „Grammatik“ des Metadiskurses unverändert geblieben und gab weiterhin die Struktur aller anderen Diskurse vor. Es sei immer unwichtiger geworden, die buchstäbliche Bedeutung des Diskurses zu verstehen. Vielmehr habe es nun genügt, die Form zu reproduzieren.

Nischen im Diskurs

Man wird dem Befund, dass Diskurse und Rituale in der späten Sowjetunion erstarrten, kaum widersprechen wollen. Für Yurchak schuf aber gerade diese Erstarrung die Möglichkeiten, sich innerhalb dieser Strukturen neue Dimensionen des Sprechens oder Handelns zu erschließen. So seien Nischen für individuelle, „eigensinnige“ Aneignungen entstanden, also für nicht antizipierte Botschaften im Kontext strikt formelhafter Sprechweisen und Rituale.

Damit konzeptualisierte Yurchak das Untersuchungsfeld spätsowjetische Gesellschaft neu. Im Mittelpunkt standen nun, in durchaus anthropologischem Sinn, die Lebensweisen der Menschen in der UdSSR. Mit dem Begriff der Wnenachodimost – nur notdürftig zu übersetzen als AußerhalbseinAußerhalbsein – auf Russisch wnenachodimost – ist ursprünglich ein Schlüsselbegriff aus der Literaturtheorie des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin (1895–1975). Der schwer übersetzbare Neologismus, der im Deutschen auch als Außerhalbbefindlichkeit wiedergegeben wird (und im Englischen als exotopy, extralocality oder outsidedness), bezeichnet das Verhältnis des Autors zu seinem Werk: eine paradoxe Distanz, die zugleich die Identifikation mit dem literarischen Helden fordert wie auch die totale Unverbundenheit und Fremdheit seinen Gedanken und seinem Handeln gegenüber. Yurchak überträgt diesen Begriff auf soziologische Phänomene, insbesondere in der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft: Der Einzelne vermag Handlungsweisen zu entwickeln, die Funktionen des staatlich kontrollierten Gesellschaftssystems ins Gegenteil umdeuten, ohne dabei selbst zu diesem System in einen Widerspruch zu treten – er befindet sich zugleich innerhalb und jenseits des Systems. oder Exotopie versuchte Yurchak zu fassen, wie diese sich innerhalb und zugleich jenseits der erstarrten ideologischen Floskeln und Rituale bewegten.7 Er führte Beispiele aus dem Leben junger Mitglieder des KomsomolKommunistische Jugendorganisation der Sowjetunion. Das Kurzwort steht für​ Kommunistitscheski sojus molodjoshi​. Die politische Nachwuchsorganisation der KPdSU wurde 1918 für die 14- bis 28-Jährigen gegründet. Der Komsomol entwickelte sich rasch zu einer Massenorganisation mit 40 Mio. Mitgliedern im Jahre 1988. Er spielte eine zentrale Rolle in der politisch-ideologischen Erziehung der sowjetischen Jugendlichen. an, um zu zeigen, dass der innerlich distanzierte Mitvollzug von ritualisierten Handlungen die Schaffung von Freiräumen ermöglichte. Dies wusste Yurchak aus erster Hand, er hatte nämlich 1987 seine akademische Karriere unterbrochen, um die Rockband AVIA und mehrere Theatergruppen zu managen. Der Leningrader KomsomolKommunistische Jugendorganisation der Sowjetunion. Das Kurzwort steht für​ Kommunistitscheski sojus molodjoshi​. Die politische Nachwuchsorganisation der KPdSU wurde 1918 für die 14- bis 28-Jährigen gegründet. Der Komsomol entwickelte sich rasch zu einer Massenorganisation mit 40 Mio. Mitgliedern im Jahre 1988. Er spielte eine zentrale Rolle in der politisch-ideologischen Erziehung der sowjetischen Jugendlichen. bot damals einer alternativen, aber nicht unbedingt dissidenten Subkultur Obdach, die er zugleich verbal verdammte. Beschreibungen der Alltagspraktiken von Mitgliedern dieser Leningrader Subkultur nahmen dann auch einen breiten Raum in The Last Soviet Generation ein. Die breitere Anwendbarkeit seines Denkschemas über die Leningrader Szene hinaus konnte Yurchak dagegen empirisch nur in Ansätzen untermauern.  

Die Anregungen, die Yurchak vermittelte, sind allerdings inzwischen von der Forschung breit angenommen und weitergeführt worden. Insbesondere bei der Untersuchung von Räumen und Mechanismen der Interaktion und Kommunikation in der späten Sowjetunion hat sich der Ansatz als fruchtbar erwiesen. Hier wäre an die Entstehung von Lese-, Theater- oder Wissenschaftszirkeln zu denken und deren „eigensinnige” Aneignung durch die Teilnehmer.8 Auch die Forschung zu staatlich geförderten Projekten der späten Sowjetära, wie etwa dem Tourismus oder der individuellen Mobilität, hat von Yurchaks Pionierstudie profitiert.9


1.Fitzpatrick, Sheila (2006): Normal People, in: London Review of Books 28 No. 10, S. 18-20
2.Yurchak, Alexei (2006): Authoritative Discourse, in: London Review of Books 28 No. 12
3.Jurčak, A. (2014): Ėto bylo navsegda, poka ne končilos: Poslednee sovetskoe pokolenie, Moskau
4.siehe zum Beispiel Cyberleninka: Recenzija na knigu: Aleksej Jurčak: Ėto bylo navsegda, poka ne končilos: Poslednee sovetskoe pokolenie
5.Revisionismus bezeichnete eine durch den Zeitgeist der 1960er Jahre beeinflusste Strömung  in der Sowjetgeschichtsforschung, die sich weniger auf einflussreiche Persönlichkeiten oder politische Herrschaftsstrukturen (wie etwa das Totalitarismusmodell) richtete, sondern auf die Sozial- und Alltagsgeschichte. Vereinfacht gesprochen stehen sich hier top-down und bottom-up Ansätze gegenüber
6.Yurchak weist allerdings auch darauf hin, dass diese nach 1991 zunehmend die Erinnerungen der Menschen in Russland in Bezug auf die jüngere Vergangenheit beeinflussten, weswegen er einer Nutzung von rückblickender Erinnerungsliteratur äußerst skeptisch gegenübersteht
7.Dies habe nur für die verhältnismäßig kleine Zahl der echten Dissidenten gegolten, deren Leben damit durch den ideologischen Diskurs bestimmt blieb
8.Fürst, Juliane (2010): Stalin's Last Generation: Soviet Post-War Youth and the Emergence of Mature Socialism, Oxford
9.Gorsuch, Anne E. (2011): All This Is Your World!! Soviet Tourism at Home and Abroad After Stalin, Oxford; Koenker,  Diane P. (2013): Club Red. Vacation, Travel and the Soviet Dream, Ithaca and London
dekoder unterstützen
Weitere Themen

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Der Sowjetmensch

Vom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute.

Pionierlager Artek

Das Pionierlager Artek auf der Krim war der Inbegriff der glücklichen sowjetischen Kindheit. 1925 erst als Sanatorium für Tuberkulosevorsorge eröffnet, bestand das Lager nur aus einigen Zelten am Strand, einer Fahnenstange und einem Appellplatz. Bereits in den 30er Jahren wurde es ausgebaut und ist zum Traumland und Wunschziel vieler Generationen von Pionieren geworden. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde Artek zum heiligen Gral der Sowjetnostalgie.

Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

weitere Gnosen
Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)