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„Antifaschistische Bewegung“ als Selbstbezeichnung

Viele regierungsfinanzierte Jugendorganisationen in Russland verstehen sich als „Bewegung“ und bezeichnen sich als „antifaschistisch“. Beide Begriffe sind gesellschaftlich positiv besetzt. Die Regierung interpretiert sie im Sinne eines russischen (nicht sowjetischen) kulturellen Erbes, und versucht, sie in ihrem Sinne zu monopolisieren. Die Bedeutung dieser Begriffe ist nicht absolut: sie werden in Russland anders gebraucht als in Westeuropa.

Der Begriff „Bewegung“ wird in Russland vornehmlich als etwas Positives verstanden – auch bei Konservativen und in Regierungskreisen. Dies hängt mit der sowjetischen Geschichte des Landes zusammen. Anders als in liberaldemokratischen kapitalistischen Staaten1 waren Selbstorganisation und politische Mobilisierungen im Rahmen des sowjetischen politischen Konsenses offiziell erwünscht. Eine sogenannte „aktive Einstellung zum Leben“ erschien als Gegenteil von Gleichgültigkeit gegenüber Staat und Gesellschaft. Solch eine „Gleichgültigkeit“ meinte man unter anderem an Alkohol- und Nikotinkonsum, unkonventionellem Verhalten sowie dem Kleidungsstil ablesen zu können. Milizen und Patrouillen der sowjetischen Jugendorganisation KomsomolKommunistische Jugendorganisation der Sowjetunion. Das Kurzwort steht für​ Kommunistitscheski sojus molodjoshi​. Die politische Nachwuchsorganisation der KPdSU wurde 1918 für die 14- bis 28-Jährigen gegründet. Der Komsomol entwickelte sich rasch zu einer Massenorganisation mit 40 Mio. Mitgliedern im Jahre 1988. Er spielte eine zentrale Rolle in der politisch-ideologischen Erziehung der sowjetischen Jugendlichen. wandten, ideologisch im Sinne der Kommunistischen ParteiDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands,  wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. , Formen der Selbstjustiz gegen Nonkonformisten an.2

Seit der ersten Amtszeit Putins Anfang der 2000er Jahre wurden sogenannte moralisch-geistige Werte aus Sowjetzeiten von offizieller Seite russifiziert — also als kulturelles Erbe einer spezifisch russischen Geschichte gedeutet. Damit ging einher, dass sowohl die Regierung als auch manch bürgerschaftliches Engagement vermehrt darauf zielte, all solche Verhaltensweisen, die jenen Werten nicht entsprechen, einzudämmen.3

Auch die Selbstbezeichnung „antifaschistisch“ ist in Bezug auf die sowjetische Vergangenheit zu verstehen. Über die weltpolitische Bedeutung des Sieges der Roten Armee über Nazideutschland ist sich die Mehrheit der Bevölkerung einig. Dieses symbolische Kapital versucht die Regierung für sich zu monopolisieren.  Entsprechend bezeichnen sich regierungsfinanzierte JugendorganisationenRegierungsfinanzierte Jugendorganisationen (RFJ) werden in Russland seit 2000 oft als Reaktion auf ein isoliertes politisches Ereignis gegründet oder um (oppositionelle) öffentliche Personen zu diskreditieren. Die sichtbarste und bekannteste dieser Jugendorganisationen ist die im Jahr 2005 gegründete Demokratische Antifaschistische Bewegung Naschi. Sie wurde 2008 in mehrere Unterorganisationen aufgespalten und 2013 faktisch aufgelöst. (RFJ) als „antifaschistisch“ und als Verteidiger des historischen Gedenkens an den Großen Vaterländischen KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.. Beispielsweise initiierte die Organisation Studentische Gemeinschaft (Studentscheskaja obschtschina)  im Jahr 2005 die Verbreitung von GeorgsbändernDas St. Georgs-Band ist ein schwarz-orange gestreiftes Band, das auf eine militärische Auszeichnung im zaristischen Russland zurückgeht. Heute gilt es als Erinnerungssymbol an den Sieg über den Hitler-Faschismus, besitzt neben dieser historischen aber auch eine politische Bedeutung. anlässlich des Tages des SiegesDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. am 9. Mai. Die Jahreszahl ist bedeutsam: Ein Jahr zuvor hatte in der Ukraine die Orange RevolutionAls Farbrevolutionen bezeichnet man eine Reihe friedlicher Regimewechsel in post-sozialistischen Ländern. Diese wurden u. a. durch gesellschaftliche Großdemonstrationen gegen Wahlfälschungen ausgelöst. Aufgrund der Farben bzw. Blumen, mit denen die Bewegungen assoziiert werden, ist der Sammelbegriff Farbrevolutionen entstanden. Stellt der Begriff für die politische Elite in Russland eine Bedrohung ihrer Macht dar, verbinden oppositionelle Kräfte damit die Chance auf einen Regierungswechsel. stattgefunden. Sie sollte in Russland von offizieller Seite delegitimiert werden – unter anderem durch den Vorwurf, der Regierungswechsel werde von faschistischen Organisationen unterstützt. Der Begriff des Faschismus wird in Russland häufig gleichbedeutend mit „feindlich“ oder „bösartig“ verwendet – unabhängig von der Benennung faschistischer Ideologie. Beispielsweise bezeichneten einige (regierungskritische) Protestierende den geplanten Bau des Gazprom-Towers im Zentrum von Petersburg als faschistische Invasion, gegen die man sich wie damals gegen die Leningrader BlockadeBlokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss. wehren müsse.4

Die meisten RFJ berufen sich auf staatspatriotische Werte. Dies ist jedoch nicht mit rassistischen oder neonazistischen Orientierungen gleichzusetzen. Im Sinne des offiziellen Regierungsdiskurses verstehen RFJ die Russische Föderation als einen Vielvölkerstaat, in dem eine Vielzahl von Ethnien – im offiziellen Sprachgebrauch „Nationalitäten“ – Bürgerrechte besitzen und diese auch behalten sollen. Dennoch dominieren in Regierungskreisen und unter RFJ-Aktivisten völkische Ansichten, und Arbeitsmigranten aus Zentralasien werden nicht gerade als Bereicherung der russischen Kultur begrüßt. Die ökologische RFJ Mestnye, aber auch die Junge Garde der Regierungspartei betrieben beispielsweise wiederholt Kampagnen gegen ArbeitsmigrantenSpätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der gastarbajtery jedoch erschwert. ohne Aufenthaltspapiere.5 Zugleich aber versuchen Mitglieder von Mestnye und der Jungen Garde gemeinsam mit anderen RFJ unter dem Leitspruch „Alle für Russland – Russland für alle“, nazistischen Organisationen beim Russischen Marsch die Deutungsmacht  zu entziehen.

Forderungen nach einem ethnisch organisierten russischen Nationalstaat sind charakteristisch für nazistische Organisationen, die sich meist in Opposition zur russischen Regierung befinden. Letztere lehnt de jure rassistische Politik ab.6 De facto sind die Übergänge jedoch fließend. BORNIst eine nationalistische Organisation in Russland (auf dt. Kampforganisation russischer Nationalisten), die oft auch als „russischer NSU“ bezeichnet wird. Seit Jahren laufen verschiedene Strafprozesse gegen die Mitglieder, zur Last gelegt wird Mord in mindestens neun Fällen zwischen 2006 und 2010. Außerdem steht der mutmaßliche Gründer vor Gericht., die „Kampforganisation russischer Nationalisten“, deren Mitglieder 2015 für neun Morde (unter anderem an dem Bürgerrechtler und Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und der Umweltaktivistin und Journalistin der Novaya Gazeta Anastasia Baburowa) vor russischen Gerichten für schuldig befunden wurden,7 pflegte direkte Verbindungen zu Regierungsmitgliedern und auch zur Organisation Mestnye.8

Viele RFJ vertreten also völkische Positionen und orientieren ihr Programm an dem von der Regierung offiziell vertretenen Anspruch des Vielvölkerstaates. Was für antirassistische Nichtregierungsorganisationen einen krassen Widerspruch darstellt, nehmen die Aktivisten der RFJ also nicht als solchen wahr.


1.Kornhauser, William (1972): The Politics of Mass Society, London
2.Fürst, Juliane (2010): Stalin’s Last Generation: Soviet Post-War Youth and the Emergence of Mature Socialism, Oxford/New York, S. 245
3.Tsipursky, Gleb (2013): Le Flic, C’est Moi. Junge Freiwilligenmilizen in Russland, in: Osteuropa 63 (11-12), S. 169-82
4.Jurchak, Alexej (2011): Aesthetic Politics in Saint Petersburg: Skyline at the Heart of Political Opposition. Eine ähnliche Tendenz wird bei dem Begriff Genozid festgestellt: Kupfer, Mathew/de Waal, Thomas (2014): Crying Genocide: Use and Abuse of Political Rhetoric in Russia and Ukraine
5.Pervyj Kanal: Učastniki dviženija „Mestnye“ proveli rejd na podmoskovnych rynkach und vk.com: Rejd protiv nelegalʼnych taksistov
6.Beispielsweise lautet die Präambel der Verfasung der Russischen Föderation: „Wir, das multinationale Volk der Russländischen Föderation [...]“; Siehe dazu auch Zacharov, Nikolaj (2015): Race and Racism in Russia, London, S. 18
7.siehe: Jungle World: Mit zweierlei Maß, Plasticbomb.eu: Die neonazistische BORN-Gruppe in Russland und Die Welt: Was wusste der Kreml von der Neonazi-Mordserie?
8.Tumanov, Grigorii/Kozlov, Vjačeslav/Žmaraeva, Elena (2015): Likvidatsiia BORNa
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Regierungsfinanzierte Jugendorganisationen

Regierungsfinanzierte Jugendorganisationen (RFJ) werden in Russland seit 2000 oft als Reaktion auf ein isoliertes politisches Ereignis gegründet oder um (oppositionelle) öffentliche Personen zu diskreditieren. Die sichtbarste und bekannteste dieser Jugendorganisationen ist die im Jahr 2005 gegründete Demokratische Antifaschistische Bewegung Naschi. Sie wurde 2008 in mehrere Unterorganisationen aufgespalten und 2013 faktisch aufgelöst.

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Blokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

Auflösung der Sowjetunion

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik.

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Die 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Bolotnaja-Bewegung

„Bolotnaja-Bewegung“ ist eine oft, aber nicht immer, abwertend gebrauchte Bezeichnung für die Proteste gegen Wahlfälschung und das Geeinte Russland in den Jahren 2011–13, insbesondere deren Hochphase von Dezember 2011 bis Mai 2012. Der Begriff leitet sich vom Bolotnaja-Platz im Moskauer Stadtzentrum ab, auf dem drei der größten Demonstrationszüge (10.12.2011, 4.2.2012, 6.5.2012) endeten. Ein verwandter Begriff ist der „Bolotnaja-Prozess“. Dieser bezieht sich auf die Massenverhaftungen und anschließenden Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem „Marsch der Millionen“ am 6.5.2012 auf dem Bolotnaja-Platz.

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Szene aus dem Film Stalker (All rights reserved)