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Der Krimkrieg

Der Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft.

Der Begriff Krimkrieg ist zunächst irreführend. Die Halbinsel KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. war zwar Hauptschauplatz der Kämpfe, aber auch auf dem Balkan, auf der Ostsee und sogar im Nordpazifik wurde der Konflikt ausgetragen. Auch der mitunter im Russischen verwendete Begriff Wostotschnaja Woina (Östlicher Krieg) beschreibt das Ereignis nur widersprüchlich, schließlich fanden die Kämpfe im Süden Europas und aus russischer geographischer Perspektive im Westen, nicht im Osten statt.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte die sich immer deutlicher abzeichnende Krise des Osmanischen Reiches die geopolitische Lage in Europa. Das fragile Großreich – so die Deutung der europäischen Regierungen – würde schon bald Kontroll- und Gebietsverluste nicht mehr verhindern können. Nun galt es, diesen Prozess zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Die russische Regierung hoffte darauf, sich die Kontrolle über die türkischen Meerengen sichern zu können, denn diese hätten der russischen SchwarzmeerflotteDie Schwarzmeerflotte ist eine der vier Flotten der russischen Marine. Sie operiert im Schwarzen und im Asowschen Meer. Das Hauptquartier befindet sich in Sewastopol auf der ukrainischen, von Russland annektierten, Halbinsel Krim. Die strategische Bedeutung der Schwarzmeerflotte hat sich parallel zu historisch-geopolitischen Entwicklungen stark gewandelt. Ihre Symbolkraft ist in Russland nach wie vor hoch. eine Verbindung zum Mittelmeer eröffnet. Auch der Balkan – durch Panslawismus und die christliche Orthodoxie ohnehin bereits Schutzobjekt russländischer Politik – würde so über kurz oder lang unter russischen Einfluss fallen. Die politischen Ansprüche Russlands korrespondierten mehr oder minder verdeckt mit seinen religiös motivierten Forderungen nach Zugang zu den Heiligen Stätten in Jerusalem und dem Schutz orthodoxer Christen auf dem Balkan.1 Vor allem Großbritannien wollte eine Verschiebung der Machtverhältnisse in Europa zugunsten Russlands verhindern und trat zunehmend entschlossener als Schutzmacht des Osmanischen Reiches auf.

Die wachsenden Spannungen mündeten 1853 in einen Krieg zwischen Russischem und Osmanischem Reich, den die russländische Armee zunächst auf dem Balkan dominierte. Das Russische Reich stand aber von Beginn an auf verlorenem Posten: 1854 traten Frankreich und Großbritannien erwartungsgemäß auf osmanischer Seite in den Krieg ein, und da Österreich als eigentliche Schutzmacht des Balkans neutral blieb – der Krimkrieg markiert auch den endgültigen Bruch der Heiligen Allianz aus Russland, Österreich und Preußen2 –, entwickelte sich der Konflikt nun rasch zu Russlands Ungunsten. Der russische Vorstoß kam südlich der Donau zum Erliegen, ein Gegenstoß der türkischen Armee und die Landung alliierter Truppen beendeten die Kampfhandlungen auf dem Balkan.3 Im September 1854 landeten alliierte Truppen auf der Krim, wo Russland in verlustreichen Schlachten zunehmend ins Hintertreffen geriet.4 Die Belagerung der Hafenstadt Sewastopol wurde zum kriegsentscheidenden Moment, ihr Fall an die Truppen der Koalition nahm den Ausgang des Krieges vorweg. Im Pariser Frieden wurde der Krieg 1856 beendet und die territoriale Integrität des Osmanischen Reiches garantiert. Auch Russlands Ansprüche auf den Balkan und das Schwarze Meer wurden zurückgewiesen.

Das geschlagene Russland richtete seinen Blick nach innen. Seine Armee, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Erfolgsgarant russländischer Großmachtpolitik, war besiegt und ihre technischen und organisatorischen Defizite deutlich gemacht worden. Die Ursachen reichten aber noch tiefer: Russland hatte – so zeigte sich nun im Duell vor allem mit den Briten – wichtige technische Neuerungen vom Anbeginn der industriellen Revolution versäumt. Der Krimkrieg war als erster „moderner“, auf technologischer Fortschrittlichkeit basierender Krieg geführt worden. Neue Waffensysteme, ein effizienter Einsatz von Eisenbahn und Telegraphie und ein modernes Lazarettsystem hatten der Koalition zum Sieg verholfen und Russland seine Grenzen aufgezeigt. Dort fand nun ein Umdenken statt: Russland würde sein Sozial-, Wirtschafts-, Militär- und Bildungswesen von Grund auf nach europäischen Maßstäben erneuern müssen, um im gesamteuropäischen Vergleich nicht vollends den Anschluss an die modernen Industrienationen zu verlieren.

Heute ist der Krimkrieg durch zahlreiche Motive ein wichtiger Bezugspunkt russischer ErinnerungskulturIm heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören. und Geschichtspolitik.5 Vor allem Sewastopol ist zu einem wichtigen Erinnerungsort geworden. Lew TolstoiLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. gelangte durch seine Sewastopoler Erzählungen (Sewastopolskie rasskasy) zu erstem Ansehen als Schriftsteller und verankerte die Stadt und ihre Geschichte fest im russischen Gedächtnis. Im Zweiten WeltkriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. war die Stadt erneut Schauplatz einer furchtbaren Belagerung, 1945 wurde sie zur Heldenstadt erklärt. Seit dem Krim-KonfliktAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. von 2014 steht Sewastopol erneut im Mittelpunkt einer Kontinuitätslinie, die die Abwehr äußerer Feinde als Motiv russischer geschichtlicher Selbstwahrnehmung ausgibt. Nicht von ungefähr besuchte der russische Präsident Wladimir Putin zum Tag des SiegesDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. 2014 ausgerechnet Sewastopol.6


1.Figes, Orlando (2011): Krimkrieg: Der Letzte Kreuzzug, Berlin, S. 31-40
2.Stökl, Günther (1990): Russische Geschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart, S. 504 f.
3.ebd., S. 505
4.Figes, Orlando (2011): Krimkrieg: Der Letzte Kreuzzug, Berlin, S. 301 f.
5.eine interessante Dokumentation von Leonid ParfjonowAndrej Parfjonow (geb. 1976) war nach Einschätzung des Politmagazins Obschtschaja Gaseta (dt. Allgemeine Zeitung) einer der einflussreichsten Polittechnologen Russlands des Jahres 2016. Der stellvertretende Leiter der Zentralen Wahlkommission innerhalb der Regierungspartei Einiges Russland betreut die Arbeit der Partei in den Regionen. Im Jahr 2015 führte er in einer Reihe von Regionen den Wahlkampf für Einiges Russland. gibt es auf youtube.com: Vojna v Krymu: Častʼ 1
6.kremlin.ru: Prazdnovanie Dnja Pobedy i 70-e letija osvoboždenija Sewastopolja
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Zar Alexander III. (1845–1894) regierte Russland als vorletzter Kaiser (1881–1894). Seine Regierungszeit prägten eine repressive Innen- und eine auf Ausgleich bedachte Außenpolitik. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlte er sich zunehmend vor Herausforderungen der Moderne gestellt, sei es in Gestalt politischer Ideen wie des Liberalismus oder durch technische Innovationen wie dem Projekt der Transsibirischen Eisenbahn.

Krim

Die Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus.

Krim-Annexion

Als Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland.

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Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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