Medien
Gnosen
en

Siemens in Russland und der Sowjetunion

Es war ein besonderes Jubiläum, das die Siemens AG 2003 in St. Petersburg feierte – 150 Jahre Siemens in Russland. Prominente Gäste nahmen am Festakt teil: unter anderem Präsident Putin und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dieser hob in seiner Rede die große Bedeutung von Siemens für die deutsch-russischen Beziehungen und für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands hervor. 
Die Beziehungen des deutschen Unternehmens zum russischen Staat spielten dabei eine zentrale Rolle – nicht nur im vorrevolutionären Zarenreich und in der postsowjetischen Gegenwart. Auch mit der Sowjetunion machte Siemens Geschäfte.

Telegrafenbau während des Krimkriegs 1853 bis 1855

1847 in Berlin gegründet, konzentrierte sich das Unternehmen Siemens anfangs auf die neue Technologie der telegrafischen Kommunikation. Bereits 1849 kamen die ersten Kontakte zu einem Verwaltungsbeamten in Russland zustande.1

Zwei Jahre später zog Carl Siemens, ein jüngerer Bruder des Unternehmensgründers Ernst Werner, nach St. Petersburg. Der Ausbruch des KrimkriegsDer Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft. im Oktober 1853 sollte seine Strategie der Markterschließung begünstigen: Russlands Militärführung forderte eine Telegrafenverbindung von der Hauptstadt in das Kriegsgebiet, und Carl Siemens lieferte.

Im Auftrag des russischen Staats verlegte die Firma innerhalb von zwei Jahren rund 9000 Kilometer Telegrafenkabel und schuf damit erstmals eine moderne Kommunikationsinfrastruktur. Den Kriegsausgang hat dies natürlich nicht beeinflusst. Für Siemens aber bedeutete der Auftrag einen enormen Geschäftsaufschwung. Nahezu die gesamte Produktion der Firma ging in diesen Jahren nach Russland.2

Der „Prussky Ingener“ Siemens

Ein wichtiger Grund dafür war, dass Carl Siemens bereits zuvor enge Beziehungen zu Entscheidungsträgern im russischen Staat aufbauen konnte. Im Winter 1853/1854 verlegte die Firma ein Telegrafenkabel vom WinterpalastDer Winterpalast (russ. Simni Dworez) war die Hauptresidenz des russischen Zaren in St. Petersburg. Erstmals errichtet 1711, wurde der Palast 1754 von dem russisch-italienischen Architekten Bartolomeo Francesco Rastrelli neu aufgebaut – wegen mangelnder Imposanz. Heute gilt das Gebäude als eines der Hauptwerke des russischen Barock und beherbergt einen großen Teil des weltweit bekannten Kunstmuseums Eremitage. zur Inselfestung Kronstadt und erwarb sich dadurch das Vertrauen von Graf Kleinmichel, Leiter der russischen Telegrafenverwaltung. 
Dieser mochte den jungen Ingenieur aus Preußen und habe ihm versprochen, er würde „später auch alle [Telegrafen-]Linien zu machen bekommen [sic!] und er [Kleinmichel – dek] wolle künftig jeden Concourrenten [sic!] aus der Türe werfen“3, so schrieb Carl Siemens im Dezember 1853 nach Berlin.

Kleinmichel hielt sein Versprechen, sodass Siemens den Staatsauftrag für die Wartung der Telegrafenlinien bekam und sich in den folgenden Jahren eine privilegierte Position im Zarenreich erarbeiten konnte.

Licht und Schatten

Nach dem Krimkrieg stagnierte das Geschäft allerdings. Erst als die Modernisierungspolitik Zar Alexanders II.Als Reformen Alexanders II. (auch: die Großen Reformen) wird ein Bündel von Gesetzesänderungen bezeichnet, von denen die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 als die wichtigste gilt. Durch weitreichende Strukturreformen sollte das Russische Reich auf die neuen Herausforderungen der Industrialisierung vorbereitet und weiter an europäische Normen herangeführt werden. langsam anfing Früchte zu tragen, konnte Siemens in den 1880er Jahren wieder an die vergangenen Erfolge anknüpfen.

Staatliche Aufträge für die Elektrifizierung setzten dabei die entscheidenden Impulse. Im Herbst 1882 fand in Moskau eine Industrieausstellung statt, auf der Siemens einen erst kürzlich entwickelten elektrischen Zug vorstellte. Zar Alexander III.Zar Alexander III. (1845–1894) regierte Russland als vorletzter Kaiser (1881–1894). Seine Regierungszeit prägten eine repressive Innen- und eine auf Ausgleich bedachte Außenpolitik. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlte er sich zunehmend vor Herausforderungen der Moderne gestellt, sei es in Gestalt politischer Ideen wie des Liberalismus oder durch technische Innovationen wie dem Projekt der Transsibirischen Eisenbahn. ließ sich auf der Miniaturbahn mehrfach im Kreis herumfahren. Zum Dank für diesen „Triumphzug“4 durfte Siemens den kaiserlichen Doppeladler im Briefkopf führen. Das Unternehmen bekam Staatsaufträge für elektrische Bahnen zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. 

Wenige Jahre später machte sich Carl Siemens auch bei der elektrischen Beleuchtung verdient. 1883 installierte er elektrische Lampen in der St. Petersburger Isaakskathedrale und auf dem Newski-ProspektDer Newski-Prospekt ist eine der berühmtesten Straßen Russlands und befindet sich im Zentrum Sankt Petersburgs. Angelegt zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Verbindungsstraße von der Admiralität zum Alexander-Newski-Kloster, entwickelte er sich bald zu einer beliebten Flaniermeile. Der Newski-Prospekt beherbergt eine Reihe herausragender architektonischer Bauwerke und ist Handlungsort zahlreicher literarischer Werke wie etwa der gleichnamigen Erzählung Nikolai Gogols., auch den Winterpalast durfte Siemens 1887 mit einer Beleuchtungsanlage ausstatten.

Geschäfte ohne staatliche Beteiligung waren dagegen weitaus seltener. Wie auch für die meisten anderen ausländischen Unternehmen, die Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in Russland aktiv wurden, war der russische Staat der weitaus wichtigste Geschäftspartner für Siemens.

Carl Siemens verfügte über exzellente Kontakte zur Staatsmacht, auf seinem Landsitz in der Nähe der Hauptstadt war politische Prominenz häufig gesehen. Zar Nikolaus II.Nikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. erhob den „treuunterthänigen Siemens “5 für seine Verdienste um die russische Elektroindustrie in den erblichen Adel. 

Zu dieser Zeit hatte Russland aber seine anfangs so entscheidende Bedeutung für das Unternehmen schon verloren. Die wirtschaftliche Dynamik im Zarenreich hinkte den westeuropäischen Entwicklungen hinterher, insbesondere die Kriegsniederlage gegen Japan 1905Der Krieg zwischen dem russischen und dem japanischen Kaiserreich (1904–1905) endete für Russland in einer verlustreichen Niederlage. Hintergrund war die Konkurrenz beider Länder um Gebiete in China und Korea sowie der Versuch der russischen Führung, die Bevölkerung von innenpolitischen Problemen abzulenken. Innenminister von Plewe erklärte im Januar 1904, ein „kurzer, siegreicher Krieg“ könne eine Revolution verhindern. Stattdessen beschleunigte die sich abzeichnende Niederlage die revolutionären Ereignisse der Jahre 1905–1907. und die folgenden revolutionären Unruhen im Land hemmten die Geschäftsentwicklung.

Ein Revolutionär als Manager

Als Folge dieser inneren Krisen stellte sich 1908 ein ungewöhnlicher Arbeitssuchender in Berlin-Siemensstadt vor. Es handelte sich um Leonid B. Krassin, der als Gefolgsmann LeninsNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  in den Revolutionswirren mehrere Überfälle organisiert hatte und als polizeilich Gesuchter das Zarenreich verlassen musste. 

Krassin war Ingenieur und bot nun seine Dienste dem deutschen Elektrounternehmen an. Dort arbeitete er sich schnell nach oben und wurde 1911 nach St. Petersburg versetzt. Dank guter Beziehungen zwischen Siemens und den staatlichen Behörden blieb Krassin von der Polizei unbehelligt. 

Mit Ausbruch des Ersten WeltkriegsRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. übernahm er die Leitung der russischen Siemens-Niederlassung. Staatliche Aufträge, vor allem für das Militär, sorgten für ein enormes Wachstum. 

Mit der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. änderte sich die Situation dann allerdings völlig. Das Geschäft kam zum völligen Stillstand, und Krassin besann sich seiner früheren Vergangenheit. 1918 nahm er für die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  an den deutsch-sowjetischen Friedensverhandlungen teil. In der Folgezeit wurde er zu einem der wichtigsten Ratgeber Lenins in wirtschaftspolitischen Fragen.6

Seine hervorragenden Kontakte nach Berlin kamen Krassin dabei zustatten. Mehrfach führte er in Berlin-Siemensstadt Gespräche über die Geschäftsmöglichkeiten von Siemens im sowjetischen Russland. Durch die Kriegsniederlage des Deutschen Reichs zerschlugen sich diese Pläne aber zunächst.

Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes

Dieser Leitspruch Lenins aus dem Jahre 1920 sollte maßgeblich für die wirtschaftliche Entwicklung Sowjetrusslands nach dem Bürgerkrieg sein. Ohne die Einbindung ausländischer Unternehmen war dies allerdings nicht realisierbar. 

Krassin, nunmehr Volkskommissar für Außenhandel, reaktivierte daher seine Kontakte zu Siemens. Im Dezember 1920 kam der erste Auftrag zustande: Siemens lieferte unter anderem einen Telegrafen für den Moskauer Kreml. 

Doch insgesamt erwies sich die groß angekündigte Elektrifizierungspolitik Lenins als eine Illusion. Das Geschäft entwickelte sich schleppend, bis die deutsche Reichsregierung in den späten 1920er Jahren anfing, sowjetische Bestellungen durch Ausfallbürgschaften abzusichern. 

Während der Weltwirtschaftskrise und des ersten Fünfjahresplans kam das Sowjetgeschäft von Siemens dann voll in Schwung. Große Aufträge verzeichnete das Unternehmen unter anderem bei der Planung von Großprojekten wie dem Staudamm von Dnjeprostroi und der Moskauer Metro. Die Sowjetunion wurde zu einem der wichtigsten Kunden von Siemens. 

Nach 1933 kam das Geschäft weitgehend zum Erliegen. Als Folge des Hitler-Stalin-PaktsAm 23. August 1939 geschlossener und von den Außenministern des Deutschen Reichs (Joachim von Ribbentrop) und der Sowjetunion (Wjatscheslaw Molotow) in Moskau unterzeichneter deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt. Der offizielle Vertrag sah Neutralität bei Konflikten mit Dritten vor und einen Verzicht auf gegenseitige Gewaltanwendung. In einem erst 1945 bekannt gewordenen Zusatzprotokoll wurden die Einflusszonen beider Staaten in Ost- und Südosteuropa definiert, was unter anderem die Grundlage für den deutschen Überfall auf Westpolen und die Einverleibung Ostpolens durch die Sowjetunion bildete. erhielt Siemens zwar noch große sowjetische Bestellungen, diese kamen nach dem deutschen Überfall auf die SowjetunionAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. im Juni 1941 aber  nicht mehr zum Abschluss.

Besatzungszeit

Für die deutschen Besatzer der Sowjetunion hatte die Wiederherstellung der weitgehend zerstörten kriegsrelevanten Infrastruktur eine hohe Priorität. Siemens erhielt unter anderem Aufträge zur Wiederherstellung der Elektrizitätsversorgung im Donbass. Das Auftragsvolumen stieg, Siemens führte nicht nur zivile Projekte aus, sondern auch viele Aufträge von Wehrmacht und SS. 

Angesichts des weiteren Kriegsverlaufs währte diese Episode des Sowjetgeschäfts von Siemens nur kurz. Im November 1944 berichtete das mit dem Ostgeschäft betraute Technische Büro Ost an die Siemens-Zentrale, dass durch „den Verlust unseres Arbeitsgebietes mit neuen Aufträgen vorläufig nicht zu rechnen“7 sei.

Neue alte Beziehungen

Es ist bemerkenswert, dass sowohl die deutsche KriegsniederlageDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. 1945 als auch der beginnende Kalte Krieg das Sowjetgeschäft von Siemens nicht völlig zum Erliegen brachten. Bereits im Frühjahr 1950 nahm das Unternehmen Kontakt zur neu gegründeten sowjetischen Handelsvertretung in Berlin auf, in Erwartung „demnächst wieder Aufträge aus der UdSSR zu erhalten“8. 1959 kam die erste große Bestellung – Siemens sollte elektrische Lokomotiven für den Güterverkehr in Sibirien ausrüsten. 

Weitere Aufträge der Sowjetunion folgten. Als Siemens nach dem Zerfall der UdSSRDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. 1991 eine Niederlassung in St. Petersburg gründete, konnte das Unternehmen auf eine nahezu bruchlose Geschäftsbeziehung zurückblicken.

Beziehungen zum Staat 

Tragende Säule für Siemens waren über all die Jahrzehnte immer die Beziehungen zum Staat. Nicht nur während des Kalten Krieges, auch vor dem Hintergrund jüngster politischer Spannungen bemühte sich das Unternehmen um gute Geschäftsbeziehungen. So traf sich Siemens-Chef Joe Kaeser kurz nach der Angliederung der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. mit Putin; danach sprach er von einer „vertrauensvollen Beziehung“ zu russischen Unternehmen – und erntete damit vor dem Hintergrund der kurz zuvor beschlossenen SanktionenAls Reaktion auf die Angliederung der Krim beschlossen sowohl die USA als auch die EU im März 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzernen, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen  (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht). gegen Russland scharfe Kritik aus Deutschland.9

Solche Vorwürfe, dass das Unternehmen Geschäfte über die Politik stelle, stießen bei Siemens allerdings meist auf taube Ohren oder wurden zurückgewiesen. Insofern war es ein absolutes Novum, als Siemens im Juli 2017 ankündigte, Kraftwerksgeschäfte mit russischen Staatsfirmen bis auf Weiteres zu stoppen. Hintergrund waren Gasturbinen des Unternehmens, die trotz Sanktionen auf die Halbinsel KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. gelangt waren. 

Diese teilweise Kündigung der Geschäftsbeziehung war sehr außergewöhnlich. Schließlich verliefen die über 160 jährigen Beziehungen von Siemens zum russischen Staat trotz Weltkriege und Oktoberrevolution weitgehend kontinuierlich. Und so währte diese Periode auch nur sehr kurz: Bereits drei Monate nach der Ankündigung gab Siemens bekannt, sich an der Modernisierung russischer Kraftwerke zu beteiligen. Vorstandschef Joe Kaeser bemerkte dabei, dass die Lieferung an staatliche Kunden künftig aber besser überwacht werden soll.10


1.Bähr, Johannes (2016): Werner von Siemens: 1816-1892, München, S. 139
2.Lutz, Martin (2013): Carl von Siemens: Ein Leben zwischen Familie und Weltfirma, München, S. 96f.
3.Brief Carl Siemens an Werner Siemens, 13.12.1853, verfasst in St. Petersburg, Brüder-Briefe, Siemens-Archiv
4.Brief Carl Siemens an Werner Siemens, 24.9.1882, verfasst in Moskau, Brüder-Briefe, Siemens-Archiv
5.SAA 19380, Adelsdiplom Carl von Siemens
6.Lutz, Martin (2011): Siemens im Sowjetgeschäft: Eine Institutionengeschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen 1917-1933, in: Perspektiven der Wirtschaftsgeschichte 1, Stuttgart, S. 108ff.
7.TB Ost: Mitteilung an Reyß, Zwickau 13.11.1944, SAA 10756
8.ZTB-Rundschreiben Nr. 265, München 11.3.1950, SAA 68 Li 141.
9.Frankfurter Allgemeine Zeitung: Siemens-Chef verteidigt Treffen mit Putin
10.Reuters: Siemens will in Russland weiter Kraftwerke modernisieren

 

dekoder unterstützen
Weitere Themen

Skolkowo

Das 2010 gegründete Innovations- und Technologiezentrum Skolkowo sollte in der Vorstellung seines Initiators Dimitri Medwedew das russische Silicon Valley werden. Da der russische Staat bisher jedoch nicht für seine effektiven industriepolitischen Initiativen bekannt war, wird die russische Öffentlichkeit seitdem nicht müde, diese Idee zu verspotten. Als Putin 2012 wieder an die Macht kam, begann auch die russische Justiz, sich für Skolkowo zu interessieren.

Gegensanktionen

Als Reaktion auf die westlichen Sanktionen, die nach der Angliederung der Krim gegen Russland verhängt wurden, reagierte Russland mit Gegensanktionen. Das russische Handelsembargo beinhaltet vor allem Einfuhrverbote für Lebensmittel. Während westliche Hersteller Exportverluste erlitten, verteuerten sich in Russland, nicht zuletzt durch die umstrittene Vernichtung von Lebensmitteln, die Preise für zahlreiche Nahrungsmittel.

weitere Gnosen
© Mosfilm (All rights reserved)