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Sachar Prilepin

Großgewachsen, durchtrainiert, mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck und traurigen, aufmerksamen Augen. Ein Veteran des TschetschenienkriegsIn beiden Tschetschenienkriegen (1994–1996 und 1999–2009) kämpfte die russische Armee gegen separatistische Widerstandskämpfer der Republik im russischen Nordkaukasus. Während der erste Krieg die faktische Autonomie der Provinz zum Ergebnis hatte, konnten die russischen Kräfte im zweiten Krieg nach jahrelangen Kämpfen, die auch zahlreiche Opfer forderten, die Region unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten verübten während der Kriege schwere Menschenrechtsverletzungen., der als solcher anerkannt und geschätzt wird – keiner der nur labert, sondern zupackt. Einer, der nachdenklich am Steuer eines Transporters durch die zerbombten Straßen des Donbass humanitäre Hilfe zu den Separatisten bringt, die ihn als einen der ihren willkommen heißen. So präsentiert sich Sachar Prilepin, einer der populärsten und meistgelesenen Autoren Russlands, in seinem Dokumentarprojekt Ne tschushaja smuta: Odin den – odin god (dt. Keine fremden Wirren: Ein Tag – ein Jahr).

Sachar Prilepin – Schriftsteller und Veteran des Tschetschenienkrieges – führt nun ein Bataillon im Donbass / Foto © Screenshot der Sendung „60 Minut“ („Perwy Kanal“) vom 14.02.2017

Zurück in Moskau, casual look, Prilepin stellt sein neuestes Buch vor, die Essaysammlung Wswod (dt. Trupp) über die Militärdienstzeit klassischer Autoren der russischen Literatur – von Dershawin bis Puschkin, non fiction. Prilepin (re-)konstruiert damit eine literarische Tradition des martialisch-expansionistischen Kosakentums, als deren jüngster Repräsentant er sich versteht. Der Autor stellt sich in die europäische Tradition der romantischen Paramilitärs, der poeti condottieri (Dichterkrieger), die vor allem die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts für sich einnahmen.1

Bereitschaftspolizei und Literatur

Militärdienst und Literatur sind aber kein neues Thema in seinem Werk. In der Biographie Prilepins sind diese auf das Engste verflochten: Der 1975 in einem Dorf im Rjasaner Oblast geborene Prilepin absolvierte parallel zum literaturwissenschaftlichen Studium in Nishni NowgorodNishni Nowgorod (von 1932 bis 1990 Gorki) ist eine Großstadt (1,2 Millionen Einwohner) an der Einmündung der Oka in die Wolga, ungefähr 400 km östlich von Moskau. Zu Sowjetzeiten war die Stadt für Ausländer geschlossen. Von 1980 bis 1986 Verbannungsort von Andrej Sacharow, der hier unter ständiger Bewachung des KGB lebte. die Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei OMONOMON (Otrjad Mobilny Osobogo Nasnatschenija – Mobile Einheit besonderer Bestimmung) umfasst verschiedene Spezialeinheiten der Polizei. Sie werden vor allem bei Demonstrationen und Massenveranstaltungen herangezogen, aber auch bei Geiselnahmen, Aktionen gegen organisierte Kriminalität oder für den Objektschutz eingesetzt. Das 1988 gegründete Format untersteht seit 2016 der neu geschaffenen Nationalgarde Russlands., einer Sondereinheit der russischen Polizei, die damals unmittelbar dem Innenministerium unterstand. Zwischen 1996 und 1999 nahm Prilepin an Einsätzen im Ersten Tschetschenienkrieg und im Dagestankrieg teil. Im Jahr 1999 kehrte er ins zivile Leben zurück, quittierte den Polizeidienst, schloss sein Studium ab und widmete sich der journalistischen Arbeit.
 
Die Kriegs- und Militärerfahrung ist schließlich auch der Gegenstand seiner Literatur und polarisiert die Leser bereits seit seinem Debüt Patologii (dt. Pathologie, 2005). In dem Roman setzt sich Prilepin in dichter Prosa mit seinen Erfahrungen aus dem Ersten Tschetschenienkrieg auseinander. Die nüchterne und zugleich verklärende Schilderung des Kriegsalltags sowie die meisterhafte Beschreibung von Schlachtszenen brachten dem Debütanten auch breite Anerkennung ein. An diese konnte er 2006 mit seinem ebenso umstrittenen Roman Sankya2 anknüpfen. Während Patologii einen Insider-Blick in die soziale Organisation der Bereitschaftspolizei im Kriegseinsatz darstellt, bietet Sankya eine feinfühlige und dynamisch erzählte Innenansicht in das Milieu der Nationalbolschewistischen Partei (NBP)3 Eduard LimonowsEin russischer Schriftsteller, Nationalist (geb. 1943) und Gründer der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei. Seit den frühen 1990er Jahren ist er in der radikalen nationalistisch-kommunistischen Bewegung aktiv, arbeitet in dem Projekt Anderes Russland aber auch mit gemäßigten Oppositionskräften zusammen. Er war an der Organisation vieler Proteste beteiligt, so an den Märschen der Unzufriedenen und der Strategie-31 zur Verteidigung der Versammlungsfreiheit. Limonows Romane und seine Publizistik erhielten Literaturpreise, sind jedoch auch als Gegenstände gesellschaftlicher Skandale bekannt geworden., der Prilepin seit 1996 angehörte.4

Eine Rebellion ohne Ziel

Prilepin, der als Heranwachsender den Zusammenbruch der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. erlebt hat, zeichnet in Sankya das literarische Abbild einer desorientierten, regimekritischen Generation, die von einem großen Revolutionsereignis träumt und von Polizeitruppen in Kleinkämpfen aufgerieben wird. Eine Rebellion ohne Programm und ohne Ziel, angerührt aus einem kruden rot-braunen Ideenbrei und berechtigter Empörung – so ließe sich das in dem Roman verarbeitete Lebensgefühl der Limonow-Anhänger und ihrer aktionistischen Provokationen beschreiben. Spätestens seit der Annexion der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. im März 2014 gehören viele von Limonows einst radikalen Ideen, die auch Prilepin teilte, allerdings zum Mainstream in der russischen Politik und den russischen Medien.

 Versöhnung mit der Macht

Limonows politischer Ziehsohn Prilepin hat seit seinem Romandebüt 2005 eine steile Karriere gemacht. Heute gehört er nicht nur zu den meistgelesenen Autoren Russlands, sondern auch zu den bekanntesten Mediengestalten. Mit dem in Russland mehrfach ausgezeichnetem Lagerroman Obitel (dt. Kloster) fand Prilepin 2014 auch breite Zustimmung im staatlich-patriotischen Literaturbetrieb. Gleichzeitig verkündete er seine „persönliche Versöhnung mit der Macht“5 und engagiert sich seitdem aktiv im Ukraine-KonfliktDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.    auf Seiten der prorussischen Separatisten. Für die sammelte er medienwirksam Geld und Hilfsgüter und stellte als Kriegsberichterstatter ihre Sicht der Ereignisse dar. Offiziell war er zunächst als Berater des Separatistenführers der sogenannten Donezker VolksrepublikDie Donezker Volksrepublik ist ein von Separatisten kontrollierter Teil der Region Donezk im Osten der Ukraine. Sie entstand im April 2014 als Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und erhebt zusammen mit der selbsternannten Lugansker Volksrepublik Anspruch auf Unabhängigkeit. Seit Frühling 2014 gibt es in den beiden Regionen, die eine Zeitlang Noworossija (Neurussland) genannt wurden, Gefechte zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee. tätig, inzwischen hat er laut Komsomolskaja Prawda ein eigenes FreiwilligenbataillonSowohl in den ukrainischen als auch in den russischen Medien ist der Begriff der ukrainischen Freiwilligenbataillone umstritten. Viele Beobachter sehen darin ein Propaganda-Motiv aus Kiew und zweifeln die Freiwilligkeit solcher Bataillone an, glauben vielmehr, sie seien erfunden, um eine einheitliche Front aller Ukrainer zu demonstrieren. Dies geschieht häufig unter Verweis darauf, dass die meisten Mitglieder solcher Verbände beorderte Reservisten seien. Demgegenüber kursieren Schätzungen, wonach derzeit einige zehntausend Freiwillige in Verbänden organisiert seien, die zum großen Teil dem Verteidigungs- bzw. Innenministerium unterstehen würden. Einige dieser Bataillone agierten demnach außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols. gegründet, dem er als Major vorsteht.6 Er selbst sieht sich dabei in der Tradition russischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, allen voran Puschkins, der sich, so Prilepin, mit Sicherheit seinem Bataillon im Donbass angeschlossen hätte.7
 
Bei der Buchpräsentation von Wswod nach seinem Engagement im Donbass gefragt, antwortet Prilepin: „Ich vertrete die Prinzipien der liberalen Demokratie: Wenn sich ein überwältigender Teil der Bevölkerung im Donbass und auf der KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. der Russischen WeltDas Konzept der russischen Welt wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  zugehörig fühlt [...] wer ist dann berechtigt, ihnen diese Rechte zu nehmen? Sprache ist mehr als nur ein Kommunikationsmittel, das ist Physiologie, das ist alles, was wir sind.“8
 
Prilepins Bekenntnis zur Wirkmächtigkeit von Sprache und Wortgewalt samt seiner populistischen Deutung der liberalen Demokratie ist für die Stimmung im heutigen Russland durchaus bezeichnend. Die Popularität Prilepins gründet in seinem zweifelsohne herausragenden schriftstellerischen Talent, das mit ungeheurer Produktivität einhergeht, seiner deutlich artikulierten patriarchalisch-nationalistischen Gesinnung und einer klugen Selbstpositionierung im medialen Raum. In dem vermag er gleich zwei Rollen gleichzeitig zu besetzen: die des authentischen Rebellen und die des loyalen Nationalisten.


1.Insbesondere in Italien bestand eine lebhafte Tradition der Dichterkrieger (poeti condottieri), etwa Mussolinis großes Vorbild, der italienische Schriftsteller Gabriele D’Annunzio, der 1919 mit einem Trupp Freischärler die kroatische Stadt Rijeka besetzte (vgl. Gumbrecht, Hans Ulrich et al. (Hrsg.) (1996): Der Dichter als Kommandant: D’Annunzio erobert Fiume, München). Zur kulturhistorischen Ausprägung der Allianz zwischen Sprachkunst und Gewalt siehe: Koschorke, Albrecht / Kaminskij, Konstantin (2011): Despoten dichten: Sprachkunst und Gewalt, Konstanz
2.Sankya ist bislang Prilepins einziger Roman, der in deutscher Übersetzung erschienen ist (Matthes & Seitz, Berlin, 2012).
3.Die NBP wurde 1993 von Eduard Limonow gegründet, scheiterte allerdings mehrfach an der offiziellen Registrierung als Partei, sodass sie bis zu ihrem Verbot 2007 formal keine Partei, sondern eine politisch-gesellschaftliche Organisation war. Ihre Ideologie umfasste nationalistische wie sozialistische Elemente. Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus dagegen wurden abgelehnt. Bekannt wurden die National-Bolschewiken durch spektakuläre, medienwirksame Aktionen, die als radikale ästhetisch-politische Opposition zur existierenden Ordnung gedacht waren. In ihrem Parteiprogramm von 1994 forderte die NBP ein Imperium von WladiwostokWladiwostok ist eine Hafenstadt mit rund 600.000 Einwohnern im Fernen Osten Russlands. Unweit der Grenze zu China und Nordkorea gelegen, ist die östlichste Großstadt Russlands das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region. bis Gibraltar, dem die russische Zivilisation zugrunde liegen sollte. Zwar wurde 2004 ein neues Parteiprogramm beschlossen, das alte jedoch nicht offiziell annulliert. Als Hauptziel der NBP benannte das neue Programm die Wiedererlangung des Großmachtstatus für Russland. Nach dem Verbot setzten viele NBP-Mitglieder ihre Aktivitäten fort.
4.Limonow selbst inszeniert sich in seinem umfangreichen literarischen Werk ebenso wie in seinen Auftritten als postmoderner Revolutionär und Kriegsvolontär. Zu Limonow siehe die Romanbiografie Limonow von Emmanuel Carrère (Berlin 2012).
5.zaharprilepin.ru: Zachar Prilepin: «V Rossii proischodit to, o čem ja mečtaju s 90-ch»
6.lenta.ru: Zachar Prilepin sformiroval v Donbasse sobstvennyj batalon und Meduza: Zachar Prilepin stal politrukom batalona v DNR
7.Komsomolskaja Prawda: Zachar Prilepin: Puškin i Lermontov segodnja byli by opolčencami i voevali rjadom s nami
8.mk.ru: Zachar Prilepin, vernuvšis iz DNR, vspomnil sudbu Givi i Motoroly
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Donezker Volksrepublik

Die Donezker Volksrepublik ist ein von Separatisten kontrollierter Teil der Region Donezk im Osten der Ukraine. Sie entstand im April 2014 als Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und erhebt zusammen mit der selbsternannten Lugansker Volksrepublik Anspruch auf Unabhängigkeit. Seit Frühling 2014 gibt es in den beiden Regionen, die eine Zeitlang Noworossija (Neurussland) genannt wurden, Gefechte zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee.

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